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Kapitel 9: Die große Bestrafung

Kapitel 9: Die große Bestrafung

Edgar muss lernen, dass selbst im Himmel nicht alles eitel Wonne ist. Bricht eine Seele das „ewige Gesetz“, büßen alle.

Fred warf sich flach zu Boden und krallte seine Finger in das Grün. „Was ist denn los?“
Anstelle einer Antwort erschütterte die nächste Vibration die Szenerie, diesmal noch stärker. Gehetzt blickte Edgar umher und stellte fest, dass sich auch die anderen Golfspieler – Seelen ebenso wie Figuren – hastig zu Boden warfen.
Das Phänomen wurde von Mal zu Mal stärker, das Wabern der Umgebung zusehends intensiver. Es wandelte sich in eine Wellenbewegung und bald darauf in ein so heftiges Pulsieren, dass die Stöße Edgar von den Beinen rissen. Auch er krallte sich nun am Rasen fest und wurde, wie alle anderen auch, von jedem Schlag in die Luft geworfen, ehe dieser nachvibrierte. Alles, was nicht auf dem Golfplatz angewachsen war, päppelte wie Spielzeug umher, bald auch die Seelen und die Figuren, denn das Gras wurzelte nicht fest genug im Boden, um der Vehemenz der Impulse zu widerstehen. Jeder Stoß war noch stärker als der jeweils vorhergehende, die Zeitabstände zwischen ihnen immer kürzer und das damit einhergehende Knallen wurde immer lauter.
Eine Panik erfasste Edgar, lähmte ihn. Er wünschte sich von hier weg, doch nichts veränderte sich. War seine Angst zu groß, um den Wunsch ausreichend intensiv zu fühlen, so dass er in Erfüllung gehen konnte? Wenn ja, traf das auch auf die anderen Seelen zu, denn keine von ihnen verschwand.
Das Schlagen und Hämmern erfolgte so hart und rasch, dass Edgar den Golfplatz und alles darauf und darüber nur noch als Durcheinanderzittern wahrnahm. Er fühlte nichts mehr, nur noch Chaos in und um sich. Dann, als er schon befürchtete, dieser Zustand würde nun dauerhaft so bleiben, zerplatzte die Szenerie in einem ohrenbetäubenden Knall und Edgar fiel ins Bodenlose.

Er knallte so hart auf den Boden, als hätte man ihn ohne Fallschirm aus einem Flugzeug geworfen. So ein Aufschlag, dachte er, wäre in der Welt der Lebenden unbedingt tödlich gewesen. Doch er war nicht mehr in der Welt der Lebenden und abgesehen von der Wahrnehmung der Wucht spürte er keinerlei Schmerzen, auch hatte er offenbar keine Verletzungen davongetragen. Die Umgebung hier schien stabil zu sein, doch noch ehe er sich richtig orientieren konnte, drang lautes, wütendes Geschrei aus unzähligen Kehlen auf ihn ein.
Edgar hob den Kopf und sah, dass er wohl inmitten eines Aufruhrs gelandet war, zumindest rannte eine Vielzahl von Seelen, die meisten schreiend und mit erhobenen Fäusten, an ihm vorbei. Er selbst lag wie viele andere auf flachen, sandfarbenen Felsen, über ihm wölkte sich ein bedrohlich dunkler Himmel, wie vor einem schlimmen Unwetter. Auch das Brandungsgeräusch, das er durch das allgemeine Geschrei hindurch vernahm, klang bedrohlich.
Verdattert richtete er sich auf und klopfe sich automatisch ab, wie er es als Lebender immer getan hatte, wenn er am Boden gelegen war. Er stand an einem felsigen Strand, der zu beiden Seiten bis an den Horizont reichte und auf den – soweit Edgar sehen konnte – Seelen ohne Zahl wie schwere Regentropfen aus den Wolken herab fielen. Kaum waren sie am Boden aufgeschlagen, erhoben sie sich, begannen zu schreien und zu drohen und rannten auf einen bestimmten Punkt am Wasser zu, der etwa fünfzig Meter von Edgar entfernt war. Da der Felsen, auf dem Edgar stand, etwas erhöht war, konnte er die Szenerie gut überblicken. Die halbmondförmige, zum Meer hin offene Ansammlung von Seelen wuchs von Sekunde zu Sekunde an und mit ihr der Lärm des kollektiven wütenden Geschreis.
Edgar spürte, wie ihn eine Angst packte, die ihren Ursprung in seiner Unwissenheit und in der Bedrohung hatte, die von dieser Situation ausging. Neben ihm klatschte eine männliche Seele mit schier ungeheurer Wucht auf den Felsen und erhob sich ebenfalls sofort.
„Was ist denn los?“, fragte Edgar.
„Das fragst du noch?“ Der Mann schrie und sein Gesicht war zornesrot. „Da sind schon wieder welche, die das ewige Gesetz brechen!“
„Das ewige Gesetz? Was für ein ewiges Gesetz?“
Doch der Neuankömmling hörte Edgar schon nicht mehr. Auch er stürmte schreiend in Richtung Wasserlinie davon und schüttelte drohend die Faust über dem Kopf. Zwar konnte Edgar sehen, dass sich die aufgebrachten Seelen um einen Flecken Boden herum scharten, doch erkannte er nicht, was sich dort befand. Wohl oder übel lief also auch er dorthin, wenn auch nur um zu erfahren, was da vor sich ging. Er kämpfte sich durch die Masse der aufgebrachten Seelen hindurch, doch bald gab es kein Weiterkommen mehr. Das war allerdings kein Hindernis, denn er erkannte – ähnlich, wie schon im Fußballstadion – zwischen den vor ihm stehen Seelen hindurch jedes Detail dessen, was sich ganz vorne abspielte und hörte trotz des wütenden Geschreis jedes dort gesprochene Wort.
Die Wut der Menge konzentrierte sich auf etwa fünfzehn Seelen, die in Edgars Augen allesamt eigenartig aussahen. Sie trugen Wanderbekleidung, die aus unterschiedlichen Zeitaltern zu stammen schien. Eine sah wie ein Bergsteiger aus den Neunzehnhundertdreißiger-Jahren aus, eine andere trug moderne, strapazierfähige Textilien. Der Rädelsführer dieser Gruppe wiederum mutete wie ein bronzezeitlicher Krieger an. Nicht nur sein Gewand, das ausschließlich aus grobem Leder zu bestehen schien, auch seine große, muskulöse Statur, sein wilder schwarzer Bart und die ebenso wilden dunklen Augen unterstrichen diesen Eindruck. Er war gerade in einen aufgebrachten Disput mit einem Mann verwickelt, der an vorderster Front der Seelen stand, die ihn und seine Begleiter bedrängen.
„Euer Verbrechen fällt auf uns alle zurück“, schrie der Mann gerade den Rädelsführer an, „oder hast du die große Bestrafung nicht gespürt? Das war eure letzte Warnung!“
„Lieber verrotten wir in der Hölle, als auch nur eine Stunde länger in diesem potemkinschen Dorf zu verbringen.“ Die Stimme des Anführers war laut, tief und voluminös, mit seinen ausladenden Gesten wirkte er wie ein Stammeskönig.
„Das werdet ihr auch, wenn ihr nicht augenblicklich zur Vernunft kommt“, schrie ein anderer aus den Reihen der Bedränger, „noch nie ist ein Exilant in den Himmel zurückgekehrt!“
Der Rädelsführer blickte wild um sich und Edgar sah den Zorn in seinen Augen funkeln. Doch als er wieder zu sprechen begann, klang er beherrscht: „Wir könnten hier noch bis in die Ewigkeit streiten, es würde nichts ändern. Wir haben unsere Entscheidung gefällt.“
„Es ist nicht eure Entscheidung, es ist das ewige Gesetz, das ihr brecht.“ Die Stimme des Mannes von vorhin klang gehetzt, panisch, überschlug sich fast.
Der Wanderer mit der Ausrüstung aus den Neunzehnhundertdreißigern entgegnete aufgebracht: „Was ist das für ein Himmel, der uns einsperrt? Was ist das für eine Freiheit, die begrenzt ist?“

Edgar verfolgte das Wortgefecht mit großer Anspannung. Es ging eine ganze Weile hin und her, während immer mehr der herabgefallenen Seelen zu den Wanderern hin drängten und sie wüst beschimpften. Der Pulk, in dem Edgar stand, wuchs deshalb rasant zu einer erschreckenden Größe an.
„Es hat keinen Sinn mehr.“ Der Anführer der Wanderer schüttelte den Kopf, wandte sich ab in Richtung Meer und vollführte mit seinem Arm eine ausladende Geste, die seinen Mitstreitern den Aufbruch signalisierte. Diese folgten ihm, so dass die Gruppe nun langsam in die Fluten marschierte.
Das Schreien und Drohen am Strand nahm eine solche Lautstärke an, dass Edgar meinte, den Boden unter seinen Füßen zittern zu spüren. Als die Auswanderer bis zur Hüfte im Wasser waren, sah Edgar, dass ihre Gestalten zu wabern schienen und sich unmittelbar darauf auflösten. Mit der letzten im Meer verschwindenden Seele löste sich auch die ganze Umgebung auf, das Meer, der felsige Strand und der schwarzgraue Himmel. Edgar schwebte mit einem Mal wieder im unendlichen Weiß, und obwohl weder er noch die anderen hier körperlich in Erscheinung traten, spürte er sie dennoch. Ihr Geschrei war verstummt, nur im Geist nahm er die Unmutsäußerungen der anderen noch wahr.
Und dann geschah etwas, das Edgar in schiere Panik versetzte. Eine Seele nach der anderen entzog sich seiner Wahrnehmung, verschwand einfach. Dieser Prozess ging so rasant vonstatten, dass Edgar bald mit nur noch einer Handvoll Seelen und schlussendlich ganz allein im Weiß trieb. Fürchtete er zunächst, als Teil einer kollektiven Bestrafung im Nichts aufgelöst zu werden, hatte er gleich danach schreckliche Angst, allein im Einheitsweiß zurückbleiben zu müssen.
Doch als der erste Schreck vorbei war, wünschte er sich zurück in den Himmel und tatsächlich stand er sogleich wieder in jener Wohnstraße, in der er auch damals hier angekommen war.

* * *

Nach einem weiteren Nebelwechsel stand Edgar wieder auf dem Golfplatz, dort, von wo er vorhin abgestürzt war. Er hatte sich zu Fred gewünscht und diesen fand er hier vor. Fred sah blass aus, gefasst, doch ihm war anzusehen, dass der Schock tief saß.
„Meine Güte, was war denn das?“ Edgar erschrak selbst über die Aufregung in seiner Stimme.
„Einige unserer Mitseelen haben beschlossen, uns den Rücken zu kehren.“
„Na und?“
Freds Gesicht bekam einen entsetzt-aggressiven Ausdruck und einen Moment lang sah es so aus, als wollte er über Edgar herfallen, doch dann besann er sich anscheinend der Unwissenheit seines Gegenübers. „Den Himmel zu verlassen ist ein Sakrileg. Es gibt hier nur dieses eine Gesetz, wir nennen es das ‚ewige Gesetz‘, und das besagt, dass keine Seele den Himmel verlassen darf.“
„Wieso nicht?“
„Nix wieso, es ist so und Punkt! Wenn eine oder mehrere Seelen dagegen verstoßen, erhalten wir alle die große Bestrafung.“
„Du meinst dieses Wummern und den Sturz vorhin?“
„Genau das! Die große Bestrafung ist die letzte Warnung für die Ausreißer, es sich noch einmal anders zu überlegen. Andernfalls stürzen sie in die ewige Verdammnis.“
„Aber warum werden alle bestraft? Ich meine, es war ja nicht nur ein schreckliches Gefühl, es war ja auch so, dass ich mir während dieses … Bebens nichts habe wünschen können. Ich nehme an, das war kein Zufall, oder?“
„Natürlich nicht, das gehört alles dazu. Die Warnung ist nicht nur an die Ausreißer gerichtet, sondern auch an all jene, die sich künftig mit dem Gedanken tragen sollten, den Himmel zu verlassen.“
„Ich verstehe das nicht. Wenn das Verlassen des Himmels eine so große Sünde ist, dass alle darunter leiden müssen, warum haben die anderen Seelen die Ausreißer dann nicht aufgehalten?“
„Ja, wie denn?“ Fred sah Edgar durch seine Brillengläser an, als hätte dieser sich plötzlich in ein Gespenst verwandelt.
„Indem sie sie festhalten, zum Beispiel. Oder indem sie sie einsperren.“
Freds Miene wurde milde, er lächelte, dann zwinkerten sein rechtes und sein linkes Auge hintereinander und dann hielt er Edgar die Hand hin. „Versuch einmal, mich festzuhalten.“
Edgar griff zu, bekam die Hand aber nicht zu fassen. Er versuchte es noch einmal und noch einmal, doch egal, wie viele Anläufe er probierte, es gelang nicht. „Wie kann das sein? Ich habe dir doch die Hand geschüttelt und beim Sport habe ich dich sicherlich schon ein Dutzend Mal berührt.“
„Das war alles ohne üble Absicht. Wir haben keine echten Körper hier, das ist alles nur Einbildung. Wenn ich nicht will, dass du mich berührst, dann kannst du mich auch nicht berühren.“
„Das heißt, jede Seele kann tun und lassen, was sie will, ohne von den anderen dafür bestraft zu werden?“
Fred nickte tief. „So ist es. Das hier ist der Himmel, schon vergessen?“

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 8: Seelenkörper

Kapitel 8: Seelenkörper

Nachdem er mit Fred die unglaublichsten Sportarten ausprobiert hat, erkennt Edgar die Notwendigkeit der körperlichen Erscheinung seiner Seele. Er trifft auf verstorbene Prominente vergangener Epochen – die er gar nicht kannte.

Das Fußballspielen tat Edgar gut und selbst wenn er wusste, dass dies unmöglich war, weil er ja in Wirklichkeit keinen Körper hatte, so war es dennoch die Bewegung, die sein Wohlbefinden steigerte; er kannte dieses Gefühl ganz genau. Auch geriet er außer Atem, allerdings stellte er fest, dass ihn das nicht bremste, seine Kraftreserven schienen unendlich zu sein.
Die anderen jungen Männer auf dem Bolzplatz waren fröhliche, lustige Gesellen, die in etwa auf seinem Niveau Fußball spielten. Da Edgar nicht an einen Zufall glaubte, versuchte er herauszufinden, bei welchen dieser Männer es sich um echte Seelen handelte und bei welchen um Figuren, die Fred oder er selbst erschaffen hatten, um zwei Mannschaften vollzukriegen. Doch nach einiger Zeit gab er es auf, er fand einfach keinen Anhaltspunkt, wie er einen Unterschied hätte feststellen können.
Also erinnerte er sich an das, was Fred ihm anempfohlen hatte: genießen, nicht hinterfragen. Im Grunde war es doch egal, ob Edgar hier mit echten Seelen kickte, oder mit eigens dafür erschaffenen, die danach wieder im Nichts verschwanden, Hauptsache war doch, dass es Spaß machte. Zwar kam ihm diese Betrachtung reichlich oberflächlich vor, doch soweit er den Himmel bisher kennengelernt hatte, schien sich hier alles am Grundprinzip Spaß zu orientieren.
Edgar hegte keinen Zweifel daran, dass er sich an diese Lebensweise gewöhnen würde, so wie er sich jetzt schon an viele Dinge gewöhnt hatte, die ihm als Lebender unmöglich gewesen wären. Das Ausbleiben von Schlaf zum Beispiel. Schlaf war etwas, das der menschliche Körper benötigte, um seine Organe zu regenerieren. Da Edgar keinen Körper mehr hatte, brauchte er offenbar auch keinen Schlaf mehr, denn seit seinem Tod hatte er nicht eine Sekunde geschlafen und war auch nicht eine Sekunde lang müde gewesen.
Oder das Vergehen der Zeit. Edgar konnte nicht einmal schätzen, wie lange er mit Fred und den anderen Fußball gespielt hatte, als sie einhellig beschlossen, damit aufzuhören. Hatte ihn diese Zeitlosigkeit anfangs noch beunruhigt, so fand er mittlerweile Gefallen daran. Er genoss es, so lange wie er mochte Dinge zu tun, die er gerne tat, ohne auf die Uhr sehen zu müssen.

„Wie sieht’s aus, gehen wir duschen?“, fragte Edgar Fred außer Atem und schlug ihm lachend auf die Schulter.
Dessen Augen weiteten sich, dann zuckte seine Oberlippe und er schüttelte den Kopf. „Du … Mensch“, rief er, als wäre es ein Schimpfwort. „Wann wirst du endlich begreifen, dass das da kein Körper ist?“
„Das verstehe ich schon, aber Duschen fühlt sich trotzdem gut an.“
Fred musterte ihn kurz, dann meinte er schulterzuckend: „Gut, gehen wir duschen!“ Einen Augenblick später sprühte heißes Wasser in ihre Haare und rann über ihre Schultern. „Unglaublich.“ Fred klang einsilbig und wie in Gedanken. „Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal geduscht habe.“
„Da hast du eindeutig was verpasst.“ Edgar aalte sich in seinem Genuss.
„Ich denke, das werde ich in Zukunft wieder öfter tun.“
Mehrere Sekunden lang war nichts zu hören, außer dem Rauschen des Wassers. Freds einsilbige Reaktion hatte Edgar nachdenklich gestimmt und eine Vermutung in ihm aufkeimen lassen. „Fred, sag einmal … kann es sein, dass man sich im Laufe der Zeit hier Gewohnheiten aneignet, in denen man sich selbst gefangen hält?“
„Was meinst du?“
„Du hast gesagt, du hättest schon lange nicht mehr geduscht und du würdest es in Zukunft wieder öfter tun. Klingt für mich nach einer Gewohnheit, die du durch eine andere ersetzen willst.“
„Ich glaube, das sucht sich jeder selbst aus.“
Edgar spürte förmlich, wie Fred ihm auswich, deshalb hakte er nach: „Erklär’s mir!“
Freds Blick verfinsterte sich, er presste die Lippen aufeinander. Es schien, als wägte er ab, was ihm unangenehmer war: über dieses Thema zu reden, oder die Scham, nicht zu antworten. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, seufzte er schließlich. „Im Leben ist das ja auch ganz hilfreich, weil man dadurch in eine Routine kommt, die für einen stabilen Alltag sorgt. Das Problem ist nur, dass dieser Hang zur Gewohnheit anscheinend in der Seele verankert ist.“
„Ich habe also Recht. Man schafft sich auch hier seine Gewohnheiten.“
„Ja. Leider. Dabei hat der Himmel alles zu bieten, uns müsste nie wieder langweilig sein.“
Edgar sah Fred überrascht an. „Dir ist langweilig?“
Fred erwiderte diesen Blick und der Schmerz, der darin lag, schwang auch in seiner Stimme mit: „Lass uns das Thema wechseln, okay?“
* * *
Waren es Tage, Wochen oder gar Monate? Edgar konnte es nicht beurteilen. Fred führte ihn in einem wahren Marathon von einer Sportstätte zur nächsten, sie trainierten auf einer Zehnkampfarena, hüpften in Kanus über irrwitzige Stromschnellen hinab, durchkletterten die Eiger Nordwand und nahmen mit schier endlos vielen anderen Teilnehmern an einer Hochseeregatta teil.
Den Höhepunkt bildete für Edgar das Wimbledon-Finalspiel, in dem er gemeinsam mit Helen Wills Moody den Sieg im gemischten Doppel gegen Fred und Suzanne Lenglen erstritt. Das Erlebnis wurde für ihn noch großartiger, als er, durch die altmodische Sportkleidung der Spielerinnen neugierig geworden, von einem Balljungen erfragte, dass die beiden zu ihren Lebzeiten eine Reihe von Wimbledon-Cups gewonnen hatten und zu den besten Tennisspielerinnen aller Zeiten gehörten.
Dass er im Himmel auf verstorbene Prominente traf war freilich nichts Besonderes, besonders war für Edgar jedoch einerseits, dass diese im Himmel weiter ihrer Passion nachgingen und andererseits die zeitliche Differenz. Zwar war Wills Moody gestorben, als er schon auf der Welt war, doch gehörte sie ebenso wie Lenglen, die Jahrzehnte vor seiner Geburt das Zeitliche gesegnet hatte, einer bereits so fernen Epoche an, dass Edgar noch nie von den beiden gehört hatte. Dennoch waren sie nun da, in ihrem Aussehen jünger als er, und spielten mit einer Energie, als hätten sie nie damit aufgehört – und wahrscheinlich hatten sie das ja auch nicht.
Da Edgar im Fußballstadion erlebt hatte, wie jeder Zuseher sein persönliches Lieblingsspiel und anschließend seine Lieblingsmannschaft auf der Siegerbank gesehen hatte, wunderte ihn nicht, dass nun auch Fred und dessen Partnerin dasselbe Turnier gewonnen hatten wie er und Helen Wills Moody, obwohl sie gegeneinander gespielt hatten. Wie das möglich sein konnte, war für Edgar ebenso undurchschaubar wie die Tatsache, dass er trotz seines nicht vorhandenen Könnens so gut mit seiner Weltklasse-Partnerin harmonierte.
In seinem Leben hatte er nie Tennis gespielt, der Sport war für ihn völlig uninteressant gewesen. Aber das galt auch für Segeln, Kanufahren und eine Reihe anderer Sportarten, die er hier zwar auch nicht beherrschte – was aber im Zusammenspiel mit anderen Seelen oder Figuren kein Problem zu sein schien.

Nach der turbulenten Siegesfeier meinte Fred, dass ihnen nun etwas Ruhe gut täte, weshalb er Edgar auf einen Golfplatz führte. Edgar überblickte die weitläufige Anlage, deren Vegetation für seine Augen englisch anmutete. Er fragte sich, ob dies hier die Nachbildung eines bedeutenden Rasens war, doch da er sich auch bei Golf nicht auskannte, verkniff er sich eine diesbezügliche Frage. Selbst wenn dies hier der berühmteste Platz der Welt war, würde er Edgar nichts bedeuten.
Außerdem interessierte ihn ein anderer Aspekt viel mehr: Ihm war aufgefallen, dass der Wechsel von einer Sportstätte zur nächsten nicht durch eine Nebelwandlung führte, sondern zu Fuß. Allerdings waren diese Wege etwas wundersam, zumal es immer nur weniger Schritte bedurfte, um in einer völlig anderen Umgebung anzukommen. Das galt für den Weg vom städtischen Bolzplatz zum Yachthafen von Nizza ebenso, wie für jenen vom Schifahren an den Hängen des Mount Everest zum Kamel-Polo in der Sahara. Nachdem er seinen Abschlag ausgeführt hatte, fragte er Fred danach.
„In dieser Region des Himmels“, erklärte dieser, „treffen sich alle Seelen, die sich besonders für Sport interessieren. Deshalb liegen die einzelnen Sportbereiche näher beieinander, als andere Interessensgebiete.“
„Du meinst, der Himmel ist in Interessensgebiete aufgeteilt?“
Fred, der sich und sein Holz gerade mit Trippelbewegungen am Abschlag einrichtete, unterbrach sich und verharrte kurz. „Das könnte man eigentlich so sagen.“ Seine zögerliche Antwort verriet Edgar, dass er es wohl noch nie so betrachtet hatte.
„Wie viele solcher Regionen gibt es?“
Fred lachte spontan auf und meinte, ehe er sich wieder dem Abschlag zuwandte: „Ich habe sie nicht gezählt.“
Während Freds Konzentration auf seinen Schlag gerichtet war, stützte Edgar sich auf seinen Golfschläger und ließ die Blicke über die Rasenhügel wandern. Auf der gut überblickbaren Weite tummelten sich eine Menge anderer Spieler, die jedoch weit genug voneinander entfernt waren, um sich gegenseitig nicht zu stören. Als ihm diese perfekte Mischung aus Geselligkeit und Distanz bewusst wurde, fiel ihm wieder die Frage ein, die er sich schon öfter gestellt hatte: „Du, Fred, wie kannst du die echten Seelen von den künstlich erschaffenen Figuren unterscheiden?“
Fred ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wippte seinen Schläger einige Male vor dem Ball hin und her, holte schließlich weit aus und zog einen Schlag durch, der den Ball bis zu seiner Unsichtbarkeit von ihnen weg beförderte. „Nicht schlecht“, kommentierte er, ehe er Edgar durch seine dicken Brillengläser musterte. „Überhaupt nicht, Ede.“
„Du meinst, da gibt es keinen Unterschied?“
„Doch, doch, oder wäre es dir Recht, wenn du mich nur erfunden hättest?“
„Woher weiß ich, dass es nicht so ist?“
„Erstaunlich misstrauisch, Bursche!“ Er gackerte.
„Aber woher weiß ich es wirklich?“
„Weil ich dir Dinge erzähle und zeige, die du noch nicht gewusst hast.“
„Das hat mein Unterbewusstsein mein ganzes Leben lang getan.“
Fred verstaute sein Holz in der Golftasche. „Schau her: Wenn du davon ausgehst, dass der Himmel nur eine Illusion ist, die du selbst erschaffst, weil du die Ewigkeit im Einheitsweiß nicht ertragen kannst, wirst du damit leben müssen, denn vom Gegenteil wird dich niemand überzeugen können. Ich sage dir aber, dass das nicht so ist. Nach unserem Tod sind wir Verstorbene alle hier angekommen, in einem Himmel, der uns all unsere Wünsche erfüllt. Hier gibt es weder Krankheit noch Mangel und deshalb auch keine Kriminalität. Es ist das Paradies, das uns versprochen wurde, denn jeder kriegt das, was er sich vorstellt. Zur Wunscherfüllung gehören aber auch immer wieder seelenähnliche Geschöpfe, die sich genau so verhalten, wie wir es von ihnen wollen. Das lässt sich mit echten Seelen aber nicht bewerkstelligen und deshalb werden vorübergehend künstliche Figuren erschaffen, die diese Anforderung erfüllen. Ob du eine Seele oder eine Figur vor dir hast, erfährst du sofort, wenn du mit ihr sprichst. Eine Seele sagt dir immer ihre Meinung – eine Figur sagt dir deine.“
„Was, wenn eine Seele meiner Meinung ist?“
„Dann wirst du schnell feststellen, dass ihre Meinung in Details von deiner abweicht. Es sind die Unterschiede, die uns individuell machen. Figuren hingegen sind unseren Wünschen angeglichen.“
„Aber hast du vorhin nicht gesagt, Seelen und Figuren ließen sich nicht voneinander unterscheiden?“
„Weil du vorhin das Aussehen gemeint hast. Da gibt’s keinen Unterschied, sonst wäre ja die ganze Illusion beim Teufel. Du kannst mit einer Figur auch ein Thekengespräch führen oder oberflächliche Witze machen, ohne dass du sie als Figuren enttarnst. Aber sobald es um individuelle Standpunkte geht, fliegt der Schwindel auf.“
Als sich die beiden in Bewegung setzten, um ihren Bällen nachzugehen, versank Edgar in ein stummes Grübeln, das er schließlich selbst unterbrach: „Tut mir leid, aber mir kommt das Ganze hier vor wie Westworld.“
„Wie was?“
„‚Westworld‘ – kennst du den Film nicht? Er handelt von einem fiktiven Themenpark, in dem die Gäste in den Wilden Westen eintauchen können. Damit auch Schießereien und Schlägereien realistisch wirken, besteht der Großteil der Akteure aus hochentwickelten Robotern, die von echten Menschen quasi nicht unterscheidbar sind. Damit wird den Gästen die Illusion von Echtheit vorgegaukelt und ihnen gleichzeitig alle Wünsche erfüllt.“
„Und so etwas vermutest du hier?“
„Es erinnert mich daran.“
Freds linke Augenbraue zuckte am äußeren Ende, als er Edgar ansah. „Ist doch schön, oder?“
„Das Problem ist nur, in dem Film hatte die zentrale Steuerung eine Fehlfunktion und die Roboter drehten alle durch. Das Ende von Westworld und seinen Gästen; bis auf einen.“
„Keine Sorge, das wird hier nicht passieren.“
„Was macht dich da so sicher?“
„Die zentrale Steuerung hier ist die Schöpfung selbst. Und die macht bekanntlich keine Fehler.“
Edgar wollte etwas erwidern, hielt jedoch im Ansatz inne, als er ein Vibrieren des Himmels wahrnahm. Er hätte das Phänomen als Sinnestäuschung abgetan, doch auch Fred blieb stehen und verharrte. Unmittelbar darauf vibrierte es erneut, diesmal etwas stärker; es war Edgar, als ginge eine wabernde Bewegung durch die gesamte Landschaft.
„Nein!“ Panik zeichnete Freds Gesicht.
„Was … was ist denn?“
„Eine große Bestrafung! Halt dich irgendwo fest!“

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 7: Ein Zuhause für die Seele

Kapitel 7: Ein Zuhause für die Seele

Selbst im Himmel braucht die Seele ein Refugium, in das sie sich zurückziehen kann. Der Weg dorthin führt Edgar in sein tiefstes Inneres.

Als die Nebel die neue Umgebung geboren hatten, fand Edgar sich in einem europäischen Urwald wieder, einem Wald, an den noch nie ein Mensch Hand angelegt hatte. Gigantische Laubbäume wurzelten hier in felsigem Untergrund, manche von ihnen schienen auf ihren kräftigen, stammdicken Wurzeln zu stehen, welche sich so eng über grobe Felsbrocken schlängelten, als wollten sie diese zerdrücken. Die Felsbrocken lagen willkürlich verstreut, als wären sie in grauer Vorzeit von einem zornigen Riesen hierhergeschleudert worden; sie waren von dunkelgrünem Moos überzogen, aus dem das Wasser tropfte. Manche von ihnen ragten, von feuchtem Nebel umwabert, nass und dunkel glänzend aus Senken hervor, in denen sich moorbraune Tümpel gebildet hatten.
Das Klima in diesem Wald war feucht und kühl, wie nach einem Gewitter, und das Licht war nicht mehr als ein für Edgar anregend geheimnisvolles Halbdunkel, weil das Tageslicht vom dichten Blätterdach abgeschirmt wurde. Die Bäume wuchsen im Abstand von mehreren Metern, wodurch Edgar ungewöhnlich weit in den Wald hineinsehen konnte; so weit, dass sein Blick sich in der Düsternis verlor. Außer dem Geräusch von herabfallenden Tropfen war nur ab und zu der Schrei eines Waldvogels zu hören, der von den Baumstämmen widerhallte, als würde sein Schall sich in diesem Labyrinth ebenso verlieren, wie Edgars Blick.

Edgar war wieder jung, vielleicht sechs Jahre alt. Er lebte alleine hier, doch er hatte keine Angst. Dieser Wald gehörte zwar nicht ihm, das wusste er, aber er war sein Zuhause. Er fühlte sich in ihm so geborgen, wie er sich im Bauch seiner Mutter gefühlt hatte; ja, daran konnte er sich nun erinnern.
Der Wald war beseelt, Edgar konnte jeden einzelnen Baum, jedes hier versteckt lebende Tier, jeden Pilz im Unterholz spüren, wenn er wollte. Aber er wollte nicht, denn es war die Gesamtheit der Eindrücke, die er von all diesen Lebewesen empfing, die eine Symphonie von Gefühlen ergab, deren Schwingung auf ihn überging und ihn mit einem kaum beschreibbaren Glück erfüllte.

Es hatte also funktioniert, er war in seinem Innersten angelangt. Er atmete tief ein und war überwältigt davon, wie frei sich das anfühlte. Feuchte Luft, Moos, würzige Pilze, all das roch er in dieser Luft, all das war ihm innig vertraut.
Tapfer marschierte der kleine Edgar los. Es war gar nicht so einfach, hier voranzukommen, denn der Boden war mit morschen Ästen bedeckt, unter denen kleine Beerenbüsche, Gestrüpp und dornenbesetzte Ranken wuchsen. Bei jedem Schritt brach er ein, wobei er sich blutige Striemen zuzog, denn er war nur mit einer kurzen Hose bekleidet. Als er seinen bloßen Beinen entlang hinabsah, erkannte Edgar, dass diese mit kleinen Schrammen bereits übersät waren, die sich in unterschiedlichen Stadien der Heilung befanden. Aber das macht ihm nichts aus, im Gegenteil, er fühlte sich mit ihnen wie ein Held.

Schon nach wenigen Schritten verwandelte sich der Wald, er mutete jetzt südeuropäisch an. Sein vorherrschender Farbton war hellbraun, die Bäume kleiner und dünner, dafür aber unregelmäßiger gewachsen und knorrig. Da sie nun noch weiter auseinanderstanden, konnte Edgar den Himmel durch ihre Kronen hindurchschimmern sehen. Es war nun Nacht, die Sterne funkelten vor einem schwarzen Hintergrund und ein riesiger Vollmond leuchtete so hell, dass Edgar fast geblendet war. Auch das Klima hatte sich geändert, die Luft war spürbar wärmer und der Boden staubtrocken.
Edgar hörte eine Unzahl von Zikaden ein unermüdliches Konzert spielen und sie spielten nur für ihn. Denn auch dieser Wald war beseelt und auch hier war er der einzige Mensch. Doch Edgar fühlte, dass er hier nicht mehr zuhause war, er war hier eher ein lieber, jederzeit willkommener Gast.
Als ein warmer Lufthauch den Wald durchzog, wurde Edgar bewusst, dass er Haare auf den Armen hatte, denn diese richteten sich dabei in einem wohligen Schauer auf. Er erkannte, dass er zu einem Jugendlichen herangereift war. Wieder atmete er tief ein; in der warmen, trockenen Luft fühlte er sich wie in einem Urlaub im Süden.
Er ging weiter, was nun ohne Widerstand möglich war, zumal der Boden eben und hart war. Bis auf vereinzelte Pinienzapfen, etwas Laub und kleine Äste gab es keine Hindernisse hier.
Da öffnete sich eine Lichtung vor ihm, die vom Mond hell ausgeleuchtet wurde. Als er sie betrat und Unregelmäßigkeiten am Boden spürte, hielt er inne und sah hinab. Er stand auf einer Halde von unzähligen gleichmäßig großen Steinquadern, die offensichtlich von Menschen behauen waren. Doch das musste vor langer, langer Zeit geschehen sein, denn sie waren verwittert und mit Flechten bewachsen und lagen ungeordnet, als stammten sie von einem Gebäude, das schon vor einer Ewigkeit in sich zusammengestürzt war.
Edgar sah wieder auf und überblickte die Lichtung, die ihm einen atemberaubenden Anblick bot. Im blaugrauen Licht-Schatten-Kontrast des Mondlichts breitete sich die Ruine eines antiken römischen Thermalbades vor ihm aus. Niedrige, teilweise mit Efeu überwucherte Mauerreste umrandeten ein aus Steinquadern gefertigtes Becken, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt war. Edgar trat an den Rand dieses Beckens und sah, dass direkt vor ihm eine kleine Seerosenkolonie auf der Wasseroberfläche ausgebreitet lag. Helle Blüten schwammen zwischen kreisrunden eingekerbten Blättern, auf denen vereinzelt Frösche quakten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bassins führt eine breite Steintreppe in das Wasser hinab, das so klar war, dass Edgar trotz der Dunkelheit den Boden des Beckens erkannte. Zwar verschluckte die Nacht jede Farbe, doch konnte er fühlen, welch geheimnisvolles Türkisgrün die schimmernde Flüssigkeit färbte.
Bei diesem Anblick beschleunigte sich der Herzschlag des Jugendlichen und er rang um Atem, doch er musste sich von diesem Ort losreißen. Er spürte, dass er noch nicht angekommen war, wo er ankommen sollte – wo er ankommen wollte, ohne es selbst zu wissen.

Nur wenige Schritte weiter veränderte sich die Umgebung völlig und das, obwohl Edgar keinen Übergang bemerkte. Es war nun helllichter Tag und ein böiger, salziger Wind blies ihm ins Gesicht. Er stand auf einer Klippe und überblicke die Unendlichkeit eines Ozeans, der sich vor ihm ausbreitete. Das Klima hier war tropisch, feucht und heiß und die Luft so diesig, dass am Horizont das Meer ohne erkennbare Grenze in den Himmel überging. Als er an sich hinabblickte, erkannte Edgar, dass er nun erwachsen war.
Tief unter ihm brandeten die Wogen mit solcher Gewalt an die Felsen, dass er trotz des Windes ihr Donnern hörte. Am Sandstrand, der sich rechts unter ihm in einer weiten Sichel der Küste entlang ausbreitete, rollten niedere Wellen langsam aus und hinterließen kurzlebige weiße Gischtstreifen.
Von der Harmonie dieses Bildes angezogen, wandte er sich diesem Strand zu und begann seinen Abstieg. Auch jetzt genügten ein paar wenige Schritte und schon hatte er die geschätzten einhundert Höhenmeter bis zum Wasser überwunden. Dort stand er lange Zeit und beobachtete, wie die Ausläufer der Wellen seine Zehen umspielten, sich wieder zurückzogen und dabei an seinen Fersen zerrten. Er spürte, wie der Sand unter seinen Fußsohlen weggespült wurde, sah zu, wie seine Zehen im Sand versanken. Der Wind war hier nur noch eine warme Brise und das Rauschen der Wellen unterlegte den Frieden in Edgars Herz mit einem pulsierenden Rhythmus.
Rechts von ihm bildete eine Reihe von Felsbrocken eine unregelmäßige Mauer, die weit ins Meer hinausging. Einem spontanen Impuls folgend, hüpfte er auf den ersten dieser Felsen und balancierte dann bis zum Ende der Mauer hinaus. Dort war das Wasser mehrere Meter tief und glasklar, der helle Sand des Bodens gab ihm einen himmelblauen Farbton.
„Es ist das Paradies!“
Edgar musste unwillkürlich über diesen Gedanken lachen. Er war tatsächlich im Paradies und was tat er? Er erschuf sich eine Welt, die so aussah, wie er sich als Lebender das Paradies vorgestellt hatte. Es erschien ihm verrückt, doch noch verrückter war, dass er sich im selben Moment Sorgen darüber machte, dass er keine Sonnencreme bei sich hatte. Da musste er wieder lachen.

Geraume Zeit später saß Edgar auf dem äußersten Felsen der natürlichen Mauer und blickte zum Horizont, wo die Kimm in den Himmel überging. Ein würziger Tabaksduft stieg von seiner Zigarre auf, er zog an ihr und entließ den Rauch wieder in den Wind, welcher ihn in wirren Wirbeln davontrug.
„Das hier ist also der Himmel“, dachte er, „das hier ist das Paradies. Klar, jeder macht was er will, zwischen einem Wunsch und seiner Erfüllung besteht kein Unterschied mehr.“ Edgar fragte sich, was er bis in alle Ewigkeit hier tun werde und wusste im selben Moment die Antwort: „Was immer ich möchte.“
Er fragte sich, ob das auf Dauer nicht langweilig würde und blickte auf die Zigarre hinab. Dann lächelte er und hob die andere Hand, die nun ein Longdrinkglas hielt, in dem einige Eiswürfel in einer braunen Flüssigkeit klimpern. Nein, dachte er, in nächster Zeit würde ihm wohl nicht langweilig werden. Er sog am Trinkhalm und nickte sich selbst zu. Kein Zweifel, das hier war der beste Cuba Libre, den er je getrunken hatte.

* * *

„Danke, dass du mir meine Heimat gezeigt hast“, sage Edgar zu Fred, nachdem er sein persönliches Paradies wieder verlassen hatte.
„Die hast du dir selber gesucht“, erwiderte dieser.
„Ja, aber ohne dich wäre ich nicht auf die Idee gekommen, sie in mir drin zu suchen.“
„Ich will deine Dankbarkeit mir gegenüber keinesfalls schmälern, aber du wärst schneller auf diese Idee gekommen, als du glaubst.“
„Ich denke, das wird mein Rückzugsgebiet. Wenn ich es richtig sehe, werde ich mich hier von einem Ort zum nächsten wünschen, ich fürchte, da würde ich schnell orientierungslos werden, wenn ich keinen fixen Ort habe, an den ich zurückkehren kann.“
„Heimatlos trifft es eher“, murmelte Fred, mehr zu sich selbst.
„Ich nehme an, du hast auch so einen Ort?“
„Ja. Wenn es dir recht ist, zeige ich dir jetzt einmal, was hier noch alles so abläuft.“
„Das ist mir sogar sehr recht! Seit ich von meinem Strand zurück bin, fühle ich mich, als hätte ich neue Kraft getankt.“
Fred mustert Edgar und meinte mit einem schrägen Grinsen: „Ich denke, ich weiß, wo du dich wohlfühlen wirst.“

Nachdem sich die Umgebung in farbige Nebel verwandelt, diese sich vermischt, neu angeordnet und zu einer neuen Umgebung konkretisiert hatten, befanden sich die beiden auf einem Fußballfeld. Nicht auf jenem in dem riesigen Stadion, sondern auf einem einfachen Bolzplatz, auf dem fleißig gekickt wurde. Edgar und Fred waren nun in Trainingsdressen gekleidet, sie trugen kurze Hosen, T-Shirts, Sportsocken und Schuhe mit Stollen. Die Farben erinnerten Edgar an Bonbon-Papier, nicht unbedingt die Wahl, die er getroffen hätte.
„Hast du uns diese Sachen gewünscht?“, fragte er Fred mit leisem Vorwurf.
Dieser musterte Edgar vom Scheitel bis zur Sohle, blickte dann an sich selbst herab und fragte, indem er die Augenbrauen zusammenzog: „Was stimmt nicht damit?“
„Ich weiß nicht … ich denke nur, ich hätte mir etwas … sagen wir einmal … Gängigeres gewünscht.“
„Ja, das hast du offensichtlich.“
Edgar verstand nicht, was Fred meinte, bis er erkannte, dass sie nun plötzlich beide Trainingskleidung trugen, die genauso aussah wie jene, die Edgar und seine Freunde immer angehabt hatten, als er noch am Leben gewesen war. Während Fred feixte und losrannte, um mit den anderen Spielern den Ball zu jagen, fragte sich Edgar, wie lange ihn solche Dinge wohl noch beschäftigen würden.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 6: Impressionen

Kapitel 6: Impressionen

Alles, was Edgar im Himmel begegnet, wirft neue Fragen für ihn auf, die Fred an die Grenze seiner Geduld bringen. Doch zu Erkenntnissen gelangt man nur, indem man erlebt.

„Du hast Recht, ich bin tatsächlich im Himmel“, schrie Edgar eine halbe Stunde später in Freds Ohr und lachte. Sie saßen im obersten Tribünenbereich eines Fußballstadions, das so riesig war, dass Teile der gegenüberliegenden Ränge von vorbeiziehenden Wolken verdeckt wurden.
Fred hatte Edgar aufgefordert mit ihm zu kommen, er wolle ihm etwas zeigen. Dieser hatte eingewilligt und mit einem Mal hatte sich die Wohnstraße, in der Edgar gelandet war, in einen vielfarbigen Nebel verwandelt, der sich zu diesem Stadion zusammengesetzt hatte. Edgar hatte sich nicht bewegt, zuerst war er auf der Straße gestanden und im nächsten Augenblick auf der Tribüne gesessen.
Trotz der ungeheuren Entfernung zum Spielfeld, Edgar schätzte sie auf mehrere Kilometer, konnte er problemlos die Spieler erkennen. Mehr noch, er sah die Farben der Trikots, die Nummern darauf, ja selbst die Gesichtszüge jedes einzelnen Spielers und ob er rasiert war oder nicht. Er fragte sich, wie das möglich sein konnte, doch dann erinnerte er sich an Freds Aufforderung, nichts zu hinterfragen sondern einfach nur anzunehmen, was ihm geschenkt wurde. Dass Edgar das nicht leicht fiel, lag auch daran, dass da unten sein Lieblingsverein HSV gegen seinen Lieblingsgegner FC Bayern ein Finalspiel austrug, bei dem der HSV drei Tore Vorsprung hatte. Erfreut stellte er fest, dass auch Fred die HSV-Farben auf Schal und Kappe trug, so wie alle in diesem Sektor.
„Du bist HSV-Fan?“
„Bist du verrückt? Ich stehe auf Schalke 04, so wie du auch, siehst du doch.“ Fred wedelte mit dem Ende seines Schals vor Edgars Gesicht. Dass seine Empörung nur gespielt war, erkannte Edgar spätestens, als Fred gackernd auflachte. „Keine Sorge, das passt schon so. Hier sieht jeder seinen persönlichen Lieblingsclub, wie er seinen persönlichen Angstgegner im Finale plattmacht.“
„Willst du damit sagen, dass da unten gar nicht die Hamburger gegen die Bayern kicken?“
„Für dich schon. Aber für mich vernichtet Schalke 04 gerade den FC Barcelona. Und für den Typ da vor uns besiegt vielleicht gerade Fluminense Rio de Janeiro den AFC Hintertupfing. Verstehst du?“
Edgar nickt und lächelte säuerlich. Er empfand es als unbefriedigend, dass der HSV nicht als einziger siegte, doch er verstand immer mehr, warum er die Dinge nicht hinterfragen sollte. Dass schon eine einzige Erkenntnis ausreichen konnte, um den Zustand des Glücklichseins zu zerstören, wusste er, seit er im Religionsunterricht in der Grundschule die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies gehört hatte.
„Wie kommt’s, dass das Stadion rammelvoll ist? Es kann ja wohl nicht sein, dass so viele tausend Seelen gleichzeitig ein Fußballmatch sehen wollen, oder doch?“ Trotz des enormen Lärms der Schlachtenbummler, und das fiel Edgar erst jetzt auf, konnten sich er und Fred in normaler Gesprächslautstärke unterhalten.
„Nein, natürlich nicht. Wann immer sich eine Seele ein Match wünscht, findet eins statt. Die wenigsten Zuseher hier sind echte Seelen, weißt du? Die leeren Plätze werden mit Figuren aufgefüllt.“
„Figuren?“
„Künstlich erschaffene Zuseher, die sich wie Seelen verhalten.“
„Ich kann mir hier Seelen erschaffen?“
Fred sah Edgar mit forschendem Blick an. Er hatte dessen Absicht wohl in der Stimme gehört und las sie nun in seinem Gesicht. „Denk gar nicht erst dran“, sagte er eindringlich, „du machst dich damit nur unglücklich.“
Edgar lief ein Schauer über den Rücken. Er spürte, dass sein Führer Recht hatte, doch das änderte nichts daran, dass er der Sehnsucht nach seiner Familie völlig hilflos ausgeliefert war. Die Vorstellung, Heike und die Kinder hierher holen zu können, und war es auch nur in Form von Figuren, machte den Himmel für ihn erst so richtig vollständig. Doch als sein Blick über die johlende Menge in dem Riesenoval vor und unter ihm schweifte, wusste er, dass das ein Trugschluss war. Er würde Figuren erschaffen, die vielleicht wie Heike, Matthias und Anni aussahen, die aber genauso unecht und hohl wären, wie das gesamte Fußballmatch hier. Sie würden ihn nicht glücklich machen, im Gegenteil, sie würden ihn daran erinnern, was er verloren hatte und die Erinnerung an seine echte Familie verfälschen. Edgar erkannte, dass er einen Weg finden musste, um mit seinem vergangenen Leben abzuschließen. Er brauchte seine Familie ja nicht gleich zu vergessen, doch er musste sie gehen lassen – er musste sich selbst gehen lassen.

Als das Spiel vorüber war, verließen Edgar und Fred mit anscheinend Millionen anderen Zuschauern das Stadion. Edgar hatte nach einem Fußballspiel noch nie eine solche Hochstimmung erlebt, doch das war kein Wunder, immerhin hatte der Lieblingsklub jedes Einzelnen gerade den jeweils größten Gegner im Meisterschaftsfinale besiegt. Und obwohl er wusste, dass es nur in seinen Augen so aussah, erfüllte es Edgar dennoch mit Genugtuung, dass all die vielen, vielen Fans die Farben des HSVs trugen.
Das erinnerte ihn an eine Frage, die ihm seit seiner Ankunft auf der Zunge brannte: „Fred, wie kommt es, dass wir hier menschliches Aussehen haben? Als Seelen sind wir doch körperlos, oder?“
„Ja, natürlich.“ Freds Mimik unterstrich seine abgehackte Art zu sprechen. Er nickte hastig, sah Edgar an und wieder von ihm weg, um ihn gleich danach wieder anzusehen, wobei die Brillengläser seine Augen größer erscheinen ließen, als sie waren. In seinem Gesicht zuckt es. „Dass wir menschlich aussehen, liegt wahrscheinlich daran, dass wir an diesen Anblick gewöhnt sind.“
„Wahrscheinlich?“
„Ja. Vielleicht sind es aber auch unsere Seelen, die so aussehen und im Leben unten haben sich unsere Körper danach gebildet?“
„Heißt das, du weißt es nicht?“
Fred lachte zischend, ein Zeichen von Ungeduld. „Niemand weiß es und es ist auch egal. Wenn du dich in ein Krokodil verwandeln möchtest, bitte sehr, dann siehst du aus wie ein Krokodil. Aber fühlen wirst du dich weiterhin wie ein Mensch. Du kannst hier alles verändern, aber nicht, was du bist.“
„Wie ist das mit dem Altern?“
„Was soll damit sein?“
„Ich meine, wir sehen doch gleich alt aus, wie wir auf der Erde ausgesehen haben, als wir gestorben sind.“
„Aber nicht die Spur! Ich habe mit neunundsiebzig den Löffel gereicht und jetzt sieh mich an.“ Fred sprang, sich um seine Hochachse drehend, herum und schnippte mit den Fingern über dem Kopf. „Frisch, wie aus dem Ei gepellt.“
„Du bist neunundsiebzig?“
„Unsinn! Neunundsiebzig war ich, als ich gestorben bin, aber das ist schon eine ganze Weile her.“
„Wie lange?“
„Weiß ich nicht. Hör zu“, Fred wirkte genervt, „ich weiß ja, dass das für dich alles neu ist und dass du noch alles mit den Augen eines Sterblichen siehst und so weiter. Aber glaub mir, die Fragerei geht einem mit der Zeit ganz schön auf den Sack. Deine Seele ist unsterblich, verstehst du? Zeit spielt keine Rolle mehr – Willkommen in der Ewigkeit! Ob ich gestern hier gelandet bin oder vor tausend Jahren – was macht das schon? Hier sehe ich immer so aus wie in meinen besten Jahren, weil ich mich auch so fühle. Das hier ist mein echtes Aussehen, so habe ich auch an meinem letzten Tag auf der Erde ausgesehen.“
Edgar hielt inne und blinzelte irritiert. Er wusste, Fred wollte ihm etwas mitteilen, doch er verstand die Botschaft nicht. Aber nachzufragen getraute er sich nicht, da er seinen Begleiter nicht verärgern wollte.
Fred schien die Misere zu erkennen. Er deutete auf sich selbst und erklärte: „Das hier bin ich, so wie ich wirklich aussehe. Als Lebender hat sich mein Körper viel schneller verändert, als meine Seele. Ich weiß nicht, ob wir mehrere Leben haben, aber ich weiß, dass die Seele schon bis zu einem gewissen Grad entwickelt ist, wenn wir geboren werden. Und dann lernt sie.“
„Was lernt sie?“
„Sie lernt vom Leben, von den guten und von den bösen Erfahrungen. Wenn wir sterben, hat unsere Persönlichkeit eine gewisse Reife erreicht, sie ist … wie soll ich sagen? Ich denke, es geht darum, dass wir unser Handeln kritisch hinterfragen und aus unseren Fehlern lernen können.“
Edgar lachte unwillkürlich auf. „Entschuldige“, sagte er, „aber ich kenne da Menschen, ich meine Lebende, die völlig unfähig sind, zu lernen. Manche von denen sind schon in Pension.“
Freds Nase zuckte unter seiner Brille. „Solche wirst du hier nicht antreffen. Unentwickelte Seelen bekommen offenbar keinen Zutritt zum Himmel.“ Er musterte Edgar für ein paar Sekunden und erkannte wohl dessen Verwirrung, denn er legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. „Ede, ich mache dir einen Vorschlag. Das alles hier ist sehr viel für dich, das weiß ich. Du warst lange Zeit im Einheitsweiß komplett isoliert und jetzt bricht alles auf einmal über dich herein. Gönn dir eine Auszeit. Zieh dich an einen Ort zurück, an dem du Ruhe findest und lass einmal alles auf dich wirken. Und probiere das Wünschen aus, du wirst schnell in Übung kommen und es wird dir gefallen. Wenn du mich brauchst, wünsch dir einfach mich zu sehen, und schon bin ich bei dir – oder du bei mir.
Eines rate ich dir aber in aller Strenge: Lass deine noch lebende Familie aus dem Spiel. Wünsch dich an keinen Ort, der mit ihr in Verbindung steht, damit fügst du dir nur Leid zu. Du musst akzeptieren, dass diese Zeit vorbei ist und nicht mehr wieder kommt. Du kannst hier tun, was immer du willst, aber du kannst nichts ungeschehen machen. Wenn die Mitglieder deiner Familie eines Tages sterben, wirst du sie vielleicht wiedersehen, aber ich sage dir jetzt schon: Erwarte diesen Augenblick nicht! So, wie es einmal war, wird es nie wieder sein.“
Edgar spürte einen Kloß in seinem Hals. „Ich weiß nicht, wie ich das machen kann.“
„Es wird besser mit der Zeit. Vorerst wünsche dich an einen Ort, an dem du du selbst bist, unbeeinflusst von irgendetwas oder irgendjemandem.“
„Was für ein Ort soll das sein?“
„Ein Ort, von dem du schon in deiner Kindheit geträumt hast. Ich meine diese besondere Art von Umgebung, die du ganz tief in deinem Inneren erahnst, diese märchenhafte, nicht wirklich fassbare. Dort bist du im Kern deiner selbst, dort lenkt dich nichts ab.“
„Ich weiß nicht … ich weiß nicht, wie …“
„Du musst nichts wissen oder tun, du musst nur das Gefühl in dir finden, das damit zusammenhängt. Dann wünschst du dich in dieses Gefühl hinein – und das war‘s.“
Edgar konnte Freds Worte nicht bewusst begreifen, doch er fühlte eine Ahnung in sich hochsteigen. Ganz tief in ihm, kaum fassbar für sein Bewusstsein, gab es die unbestimmte Vorstellung von einer Art Ur-Wald, eine vom Menschen unberührte natürliche Gegend, die gleichermaßen verwunschen wie zauberhaft war und in der alles möglich schien, egal wie unsinnig es dem Verstand auch scheinen mochte. Diese vage Vorstellung lag so tief in Edgar und fühlte sich so selbstverständlich wie ein Teil von ihm an, dass er davon ausging, schon mit ihr zur Welt gekommen zu sein.
Fred musterte Edgars Gesichtszüge und grinste hintergründig. „Wie sieht sie aus, deine Umgebung?“
„Ich … ich weiß nicht genau. Aber die Gefühle, die ich damit verbinde, sind so heimelig, so intensiv vertraut und sie … sie wurzeln so tief in mir, dass … Ich fühle mich so innig damit verbunden, wie vielleicht ein Fötus die Verbindung mit seiner Mutter empfindet.“
„Es ist das Zuhause deiner Seele“, erklärte Fred, „dort bist nur du.“
„Dort möchte ich sein!“
Kaum hatte Edgar den Wunsch ausgesprochen, verloren die Konturen um ihn herum an Schärfe und gleich darauf zerfloss die ganze Umgebung zu einem vielfarbigen Nebel.
„Siehst du? Wirkt schon“, sagte Fred, dann war auch er nur noch ein Gewölk aus den Farben seines Äußeren, die mit den Farben aller übrigen Gestalten, Gebäude und Gegenstände im Umkreis ineinanderflossen, sich zu anderen Farbtönen mischten und sich dann neu anordneten, um die Konturen jener Umgebung zu erschaffen, in die Edgar sich gewünscht hatte.

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 5: Im Jenseits

Kapitel 5: Im Jenseits

Im Himmel angelangt, stellt Edgar fest, dass er keine wirkliche Vorstellung davon hatte, was ihn hier erwarten würde. Seine neue Situation ist ungewohnt – entpuppt sich aber als bei weitem nicht so banal, wie er zunächst dachte.

Edgar genoss es, als erste Berührung nach so langer Zeit die Hand geschüttelt zu bekommen. Ebenso genoss er die vertraute Umgebung, obgleich ihn diese plötzliche Explosion der Reize nun etwas überforderte.
„Grüß Gott“, erwidere er zögerlich, um überhaupt etwas zu sagen, „mein Name ist Edgar.“
Fred ließ von Edgars Hand ab und schlug ihm stattdessen herzhaft auf die Schulter. Seine leicht gebückte Haltung und seine unsteten, ruckartigen Bewegungen gaben ihm in Edgars Augen den Charakter eines Huhns.
„Was ist das hier?“, fragte Edgar, indem er vage auf die Umgebung zeige.
Fred lachte und erwiderte fröhlich: „Wonach sieht’s denn aus? Das hier ist natürlich der Himmel; der Garten Eden, Ede.“
„Der Himmel?“ Edgar kam es so vor, als stünde er neben sich. Einerseits war er gestorben und hierhergekommen, folglich war es logisch, dass das hier der Himmel war. Andererseits hatte die lange Zeit im unendlichen Weiß große Zweifel in ihm hervorgerufen, so dass er zur Skepsis neigte. Und zu guter Letzt sah die Umgebung hier aus, wie eine Wohnstraße in seiner ehemaligen Heimatstadt, was seiner Vorstellung vom Himmel einen sonderbaren Beigeschmack gab. Edgar beschloss, es langsam anzugehen. Es war nun alles etwas viel auf einmal nach einer langen Periode des faktischen Nichts. Er würde sich schon in der neuen Situation einfinden, wenn er sich erst an sie gewöhnt hatte.
Freds quirlige Art machte ihm das jedoch nicht gerade leicht. Gerade machte er mit einem Laut des Erstaunens einen Satz nach hinten und musterte Edgar, um gleich darauf wieder an ihn heranzukommen und seinen Bizeps zu befühlen. „Du bist gut beieinander, mein Lieber, was warst du denn von Beruf? Preisringer?“ Er lachte gackernd.
„Physiotherapeut. Da neigt man zum Körperkult.“ Als Edgar spürte, wie seine Lippen sich kräuselten, seufzte er erleichtert. Er hatte vergessen, wie gut es sich anfühlte, wenn er lächelte.
„Physio…“ Fred unterbrach sich selbst, ehe er fortfuhr: „Damit wirst du hier keinen Stress haben. Keine körperlichen Probleme, du verstehst?“ Er gackerte wieder.
Edgar blicke verwirrt an sich herab und gestand: „Ehrlich gesagt nein. Wie muss ich das alles hier verstehen? Ich meine, diese Stadt, unsere Körper und so weiter?“
Fred wurde schlagartig Ernst und musterte Edgar durch seine dicken Brillengläser hindurch. „Wie lange warst du unterwegs?“
„Wo unterwegs?“
„Na, im Zwischenraum, im Weißen.“
„Keine Ahnung … ein halbes Jahr vielleicht? Ich hatte kein Zeitgefühl, kann sein, dass es mir länger vorkam, als es wirklich war. Aber ein paar Monate werden es schon gewesen sein.“
Fred machte wieder einen Satz zurück. „Monate? Armes Schwein! Na, dann kann ich verstehen, dass du jetzt verwirrt bist. Wie sieht’s aus, soll ich dich hier ein bisschen herumführen?“
Als Edgar nickte, war ihm, als bekäme er sein Grinsen nicht mehr unter Kontrolle. Er hatte jemanden gefunden, mit dem er nicht nur reden konnte, sondern der offenbar auch wusste, wie das Jenseits funktionierte. Es schien ihm, als hätte er seine Zeit im Fegefeuer abgesessen und nun endlich, endlich den Himmel betreten.

* * *

Während er mit Edgar die Wohnstraße entlangschlenderte, begann Fred – im Plauderton aber mit spürbarer Begeisterung – zu erklären: „Alles, was dir hier im Himmel begegnen wird, ist die Erfüllung von Wünschen. Das heißt natürlich auch umgekehrt, dass du, wenn du etwas haben willst, es dir einfach nur wünschen musst. Regel Nummer eins: Das hier ist der Himmel, wünschen hilft.“ Er grinste.
„Wie bin ich hierhergekommen?“
„Habe ich dir gerade erklärt: Du hast es dir gewünscht.“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Was hast du dir dann gewünscht?“ Fred war stehengeblieben und musterte Edgar aufmerksam.
Dieser dachte kurz nach, ehe er antwortete. „Jemanden, mit dem ich reden kann.“
„Und voilà, schon bin ich da!“
„Du meinst, du bist gar nicht echt?“
Fred lachte laut und ging dabei einen kleinen Kreis. „Aber natürlich bin ich echt, so echt, wie eine Seele nur sein kann. Wünsche erfüllen sich auch, indem Seelen zueinanderfinden, die sich in der Erfüllung ihrer Wünsche gegenseitig ergänzen.“
„Ach ja? Was hast du dir denn gewünscht?“
„Was ich mir immer wünsche, jemanden, dem ich den Himmel zeigen kann.“
„Wie das?“
„Im Leben war ich Bauer. Als ältester Sohn musste ich den Hof übernehmen, das war damals so. Ich war mein Leben lang kreuzunglücklich damit. Erst hier habe ich erkannt, warum, weil ich nämlich immer neugierig auf Neues bin. Deshalb war nach meinem Tod das Reisen eine wahre Erfüllung für mich. Ich habe viele Jahre lang den ganzen Himmel durchkreuzt, du wirst niemanden finden, der sich besser hier auskennt, als ich. Na, und nachdem ich inzwischen alles gesehen habe, freue ich mich über die neuen Seelen, die hier eintreffen. Ich zeige ihnen den Himmel und lerne sie dabei kennen. Perfekt!“
Edgar bemerkte, dass so gut wie jeder von Freds Sätzen neue Fragen für ihn aufwarf. Um sich nicht selbst zu verwirren, beschloss er, beim Thema zu bleiben. „Gut und schön, aber warum wartest du in einer Straße auf mich, in der mein Haus stehen könnte?“
Fred blinzelte einige Male, dann kicherte er. „Die Gegend hier hat vollkommen anders ausgesehen, bevor du eingetroffen bist.“
„Das verstehe ich nicht. Ich hatte mir doch nur gewünscht, mit jemandem zu reden, nichts weiter. Der Wunsch wurde im Laufe der Zeit immer stärker und stärker …“
„… bis er stark genug war, um dich zu materialisieren.“
Edgar sah Fred mit großen Augen an. „Ach, so ist das! Das heißt, mein Aufenthalt im Einheitsweiß diente dazu, meinen Wunsch nach Veränderung stark genug werden zu lassen?“
Fred lachte wieder gackernd. „‚Einheitsweiß’, nicht schlecht! Nein, es läuft anders. Wenn ich einmal raten darf: Du warst als Mensch nicht besonders gläubig, habe ich Recht?“
„Das stimmt, aber wie kommst du darauf?“
„Alle, die nicht besonders gläubig sind, irren lange Zeit im Zwischenraum … im Einheitsweiß herum, nachdem der Silberfisch sie hier heraufgeschickt hat. Frag mich nicht warum, es ist so.“
„Vielleicht eine Art Prüfung, um die Würdigkeit zu testen?“
„Nein, sicher nicht! Prüfungen sind was für die Lebenden, so etwas gibt es hier überhaupt nicht. Aber zurück zum Thema. Du hast dir jemanden gewünscht, mit dem du reden kannst, wusstest aber nicht, dass Wünschen hilft, richtig?“
„Richtig.“
„Also dauerte es einige Zeit, bis deine Abneigung gegen die Einsamkeit so groß wurde, dass die Intensität deines Wunsches die nötige Stärke erreichte. Erst dann lichtete sich das Einheitsweiß für dich.“
„Was hat das mit dieser Straße hier zu tun?“
„Vertraute Umgebung. Wenn man mit jemandem reden will, tut man das am liebsten in einer vertrauten Umgebung.“
„Du meinst, die Umgebung war in meinem Wunsch unbewusst inbegriffen?“
„Mach keine Wissenschaft daraus, du bist Physiotherapeut, nicht Psychotherapeut. Es ist doch völlig egal, warum das so funktioniert, Hauptsache es funktioniert so. Aber das ist ein beliebtes Problem von euch Neuankömmlingen: Ihr hinterfragt alles und wollt alles erklärt haben. Vergiss es, Ede, okay? Das hier ist der Himmel, das hier ist die Ewigkeit. Es ist völlig wurscht, warum das alles so ist, wie es ist. Du musst hier nichts tun, du musst nur in dich hineinfühlen und dir wünschen, was dein Herz gerade begehrt. Mehr brauchst du nicht zu wissen.“
„Und wenn es mein Wunsch ist zu wissen, wie das alles funktioniert, was dann?“
Fred zuckte mit den Schultern. „Dann wird er dir erfüllt, was sonst?“
Er setzte sich wieder in Bewegung, doch Edgar blieb stehen. Er brauchte ein paar Sekunden, um all das zu verdauen, was sein neuer Begleiter ihm erzählte. Eines zumindest schien er, wenn auch langsam, zu begreifen: Er war nun im Himmel. Fred hatte Recht, einen besseren Ort für dieses Gespräch als diese Straße hätte Edgar sich nicht wünschen können. Ein Schauer des Glücks überkam ihn und er wandte seinen Blick nach oben, wo die Giebel der Häuser in das unendliche Weiß ragten.
„Von mir aus müsste der Himmel nicht weiß sein“, stelle er fest.
„Von mir aus auch nicht“, erwiderte Fred, „ändere es doch, das alles hier gehört zu deinem Wunsch.“
Edgar sah ihn erstaunt an. „So einfach geht das? Ich muss mir nur einen tiefblauen Himmel mit Frühlingssonne und ein paar Schönwetterwolken wünschen und schon tritt es ein?“
Fred sah Edgar in einer Weise an, die dieser als ausdruckslos bezeichnet hätte, wäre das bei Fred überhaupt möglich gewesen. Tatsächlich hatte Edgar festgestellt, dass, wann immer er in Freds Gesicht sah, irgendetwas darin zuckte; eine Augenbraue, ein Mundwinkel, ein Nasenflügel oder was auch immer.
„Sieh doch hin“, antwortete Fred.
Edgar blickte wieder nach oben und stellte fest, dass er unter dem schönsten Frühlingshimmel stand, den er sich nur vorstellen konnte. Er staunte über die unglaubliche Perfektion in allen Details, die er niemals hinbekommen hätte, hätte er diese einzeln gestalten und anordnen müssen.
Als sein Staunen nachließ, wurde ihm bewusst, dass er sich tatsächlich keinen schöneren Frühlingshimmel vorstellen konnte. Denn hätte er es gekonnt, wäre dieser über ihm erschienen und nicht der, den er nun sah. Völlig überwältigt stammelte er: „Das ist ja … das ist ja …“
Fred trat nahe an ihn heran und raunte ihm zu: „Der Himmel, ich weiß.“

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