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Kapitel 13: Lüge und Wahrheit

Kapitel 13: Lüge und Wahrheit

Dass viele Seelen im Himmel eine Lüge leben, um glücklich zu sein, bringt Edgar zum Nachdenken. Er erkennt, dass das Paradies etwas höchst Privates ist, das sich jedem anders offenbart.

Nachdem die Großmutter die Sonne wieder hatte aufgehen lassen, ging Edgar mit ihr einkaufen. Dabei trug er ihren Korb, wie damals. Auf ihrem Weg zur Greißlerei und zurück trafen sie einige Nachbarinnen aus der Siedlung, mit denen sie jeweils ein kurzes Schwätzchen hielten. Neuigkeit Nummer eins war natürlich Edgar, der Enkel, der seine Großeltern besuchen gekommen war. Zwischen zwei solcher Plaudereien fielen Edgar wieder die Kinder auf.
„Sag einmal Oma, wie kommt es, dass hier so viele Kinder auf der Straße spielen?“
„Das ist nett, nicht?“
„Weißt du, überall sonst, wo ich bisher war, hat es überhaupt keine Kinder gegeben.“
„Das darf dich nicht verwundern. Es gibt keine Kinder im Himmel.“ Die Großmutter tat so, als erklärte das alles, doch als sie Edgars verständnislosen Blick sah, lächelte sie nachsichtig. „Die Kinder hier sind nicht echt, das sind bloß Wunschvorstellungen. Die jungen Familien, die du hier siehst, stammen aus meiner Generation. All diese Mütter und Väter waren im gleichen Alter wie ich und Opa, als sie starben, viele von ihnen sogar noch älter. Aber im Gegensatz zu Opa und mir wollten sie wieder jung sein und Kinder haben. Also sehen sie nun wieder jung aus und haben Kinder, so einfach ist das.“
„Sie leben mit erfundenen Kindern zusammen? Was soll das denn für ein Familienleben sein?“
„Oh, unterschätz das nicht, Edilein! Viele dieser Leute haben unten auf der Erde ihre echten Kinder verloren, zum Teil an der Front oder bei Bombenangriffen, zum Teil durch Krankheiten im Babyalter oder in der entbehrungsreichen Zeit danach oder bei Unfällen. Sie haben ihr Lebtag lang unter diesen Verlusten gelitten, deshalb holen sie sich jetzt ihr verlorenes Glück zurück.“
„Aber das ist doch nur eine Illusion!“
„Na und? Sie sind glücklich und nur dazu ist der Himmel doch da, nicht wahr?“
Edgar wollte etwas erwidern, hielt jedoch inne, als er in der Person, die ihnen entgegen kam, Frau Schultz erkannte. Sie war mit seiner Großmutter etwa gleich alt und hatte in Edgars Kindheit zwei Häuser weiter gewohnt. Nachdem die beiden Frauen einander begrüßt hatten, schüttelte auch Edgar ihre Hand. „Grüß Gott Frau Schultz, Sie sind also auch wieder hierher gekommen?“
Sie musterte ihn lange mit ihren grauen Augen, bis so etwas wie Erkenntnis darin aufleuchtete. „Der kleine Edi! Ja, was tust du denn hier? Bist du wirklich schon so alt?“
Edgar lachte, schüttelte den Kopf und erklärte: „Autounfall.“
Frau Schultz ließ einen wahren Redeschwall über ihn herabprasseln, welcher schließlich von seiner Großmutter unterbrochen wurde. Daraufhin sprachen die beiden Frauen in der dritten Person über Edgar, wie es Erwachsene über Kinder in deren Beisein eben tun. Edgar fragte sich, ob Frau Schultz ihn tatsächlich als kleinen Jungen wahrnahm oder ihn nur so behandelte, weil sie es von damals so gewohnt war.
Als sie weitergingen, fragte Edgar die Großmutter: „Sag einmal, wie viele Leute aus eurer damaligen Siedlung wohnen denn auch jetzt hier?“
„Oh, sehr viele. Eigentlich sind nur die nicht gekommen, die sich auch im Leben nicht in unsere Siedlung einfügen konnten. Allen anderen gefällt es hier.“
„Und euer Verhältnis untereinander ist dasselbe wie zu euren Lebzeiten?“
„Ja. In allen Belangen.“
„Wie meinst du das?“
„Weißt du, man kann viel unter der Höflichkeit verstecken. Unter Nachbarn gibt es immer wieder Streitereien aus den verschiedensten Gründen. Mit manchen hat man auch ein gemeinsames Schicksal oder Erlebnisse, die man einander einfach nicht verzeihen kann. Das deckt man mit der Zeit mit Höflichkeit zu, um des lieben Friedens willen. Das heißt aber nicht, dass man etwas vergisst.“
„Aber sind die Dinge, die im Leben passiert sind, hier nicht bedeutungslos geworden?“
Die Großmutter musterte Edgar mit einem erstaunten Blick. „Wie kommst du denn darauf? Der Doktor Krainer aus unserem Nebenhaus hat als junger Mann ein Verhältnis mit der Frau vom Uhrmacher drei Häuser weiter gehabt. Glaubst du, der Uhrmacher hat ihm das verziehen, nur weil sie jetzt alle drei tot sind? Dabei ist das noch harmlos, ich will dir ja nicht erzählen, was während des Krieges und danach alles passiert ist. Nein, nein, was geschehen ist, ist geschehen und das bleibt auch.“

Edgar versank in Gedanken. Seine Großeltern lebten in einer Wohnstraße voller Seelen, die einander seit vielen Jahrzehnten kannten und die offenbar alle Probleme, die sie je miteinander gehabt hatten, unter einen Teppich der Höflichkeiten kehrten. Und dennoch war das ihre gemeinsame, ihre kollektive Vorstellung vom Himmel? Er sah sich um und ließ diese in zweifacher Hinsicht künstliche Welt auf sich wirken. Dann begann er, es zu begreifen: All das war ihnen vertraut und gab ihnen Sicherheit und Frieden, weil sie sowohl mit den guten als auch mit den schlechten Seiten umzugehen wussten. Jede andere Welt, und wäre sie noch so paradiesisch und ideal gewesen, hätte sie angestrengt, wahrscheinlich sogar überfordert.
Auf der Erde hatten sie zu einer Zeit gelebt, in der eine freie Berufswahl oder alternative Lebenskonzepte kaum ein Thema gewesen war und deshalb auch nie wirklich zur Debatte stand. In ihren jungen Jahren durchlebten sie einen grausamen Krieg, der alle Lebensbereiche umfasste und im gesamten Volk nicht eine einzige Familie verschonte. Danach hatten diese Menschen den Rest ihres Lebens damit verbracht, die materiellen Schäden zu reparieren und eine neue Gesellschaft aufzubauen. Für sie war jeder Tag, den sie ohne körperliche Schmerzen in einer einigermaßen intakten Familie verbrachten, schon Himmel genug gewesen.
Edgar fragte sich, mit wie viel oder wie wenig er sich zufriedengab und inwieweit er dadurch die endlosen Möglichkeiten einschränkte, die der Himmel ihm bot.

* * *

Als Edgar sich einige Wochen später von seinen Großeltern verabschiedete, war ihnen dieselbe Erleichterung ins Gesicht geschrieben, die auch ihn bewegte. Sie küssten und drückten einander und sowohl Großmutter als auch Großvater luden ihn herzlich ein, vorbeizukommen, wann immer er wollte. Edgar versprach, dass er das tun werde. Als er das Haus verließ, winkten sie ihm aus dem Küchenfenster nach.

Sie hätten es keinen weiteren Tag mehr gemeinsam unter einem Dach ausgehalten! Schon bald nach seiner Ankunft war Edgar bewusst geworden, dass er den Alltagsrhythmus seiner Großeltern auf Dauer nicht mitmachen würde. Und auch er störte ihre selige Zweisamkeit, denn seine Anwesenheit zwang sie dazu, gewisse Alltagsrituale abzuändern, was ihnen offensichtlich nicht recht war. Natürlich sagten sie kein Wort, jede Unbequemlichkeit wurde durch Höflichkeit überdeckt.
Edgar machte sich bewusst, dass es keine gemeinsame Ewigkeit geben konnte. Seine Großeltern und er entstammen verschiedenen Generationen, ihre Vorstellungen vom Leben im Himmel klafften meilenweit auseinander. Im Gegensatz zu Edgars Kindheit, in der klar gewesen war, wer das Sagen hatte und wer gehorchen musste, prallte nun außerdem seine entwickelte Persönlichkeit auf die ihre. Seine bitterste Erkenntnis war jedoch, dass sie einander mit ihrem Verhalten anlogen. Zum Beispiel waren die Freude seiner Oma, ihn zu begroßmuttern, und seine, begroßmuttert zu werden, nichts weiter als verzweifelte Versuche, eine Vergangenheit zum Leben zu erwecken, die längst nur noch in ihrer aller Erinnerung existierte. Edgar war nicht mehr das vorpubertäre Edilein und nichts was sie taten oder sich wünschten, hätte diese Zeit zurückbringen können.
Als ihm diese Dinge klar geworden waren, hatte Edgar beschlossen, die Reißleine zu ziehen. Wollte er ehrlich mit seinen Großeltern sein, musste er sich ihnen gegenüber wie die Seele verhalten, die er inzwischen geworden war. Also hatte er sich bei Oma mit einem Blumenstrauß und bei Opa mit einer Flasche Bauernschnaps für die herzliche Aufnahme bedankt und erklärt, er wolle sich noch andere Bereiche des Himmels ansehen. Sie hatten sich für ihn gefreut – und wohl auch für sich selbst.

Er trat auf die Straße hinaus und hielt noch einmal inne. Ein Pferdefuhrwerk trabte an ihm vorbei, der Lenker hob seinen Hut zum Gruß und erntete dafür das Winken einer jungen Frau, die mit ihrem erfundenen Kleinkind an der Hand die Straße entlang ging.
Es freute Edgar ehrlich, dass es seinen Großeltern gut ging und sie ihren Himmel gefunden hatten, aber sein Himmel sah entschieden anders aus! Trotzdem würde er gerne wieder vorbeikommen, um mit ihnen zu plaudern.
Er verwandelte die alte Wohnstraße in bunte Nebel und ordnete diese zu seinem paradiesischen Strand zusammen. In einem ersten Reflex tilgte er die Cabaña und veränderte den Strand so, dass er ihn nicht mehr an den von Yukatan erinnerte. Dann setzte er sich auf den äußersten Stein seines Wellenbrechers, wünschte sich eine kubanische Zigarre in die eine und ein Glas schottischen Whiskey in die andere Hand und begann nachzudenken.
Die vergangenen Wochen hatten ihm Dinge vor Augen geführt, die er davor aus Unwissenheit oder Naivität anders gesehen hatte. So war er immer davon ausgegangen, dass die christliche Vorstellung vom Himmel einen Zustand der absoluten Glückseligkeit beschrieb, welche selbstverständlich echt war. Nun hatte er Seelen kennengelernt, die ihre Glückseligkeit dadurch erreichten, dass sie sich bewusst selbst belogen. Sie schufen sich Kinder, die sie in ihrem irdischen Leben verloren oder sich vergebens gewünscht hatten und lebten mit ihnen in einem Alltag, den sie als perfekt gestaltet hatten. Edgar fragte sich, ob sie damit nicht nur eine innere Leere ausglichen, die sie von ihrem irdischen Leben mitgebracht hatten.
Er betrachtete das Foto seiner eigenen Familie und überlegte, was wohl geschehen würde, wenn er seine Tochter oder seinen Sohn künstlich erschuf. Es würde wohl keine Stunde dauern, bis auch dem blindesten Fleck in ihm klar war, dass er es nur mit einer Wunschvorstellung zu tun hatte und nicht mit seinem echten Kind. Edgar hielt es für ausgeschlossen, dass er sich selbst genug anlügen konnte, um mit einem solchermaßen unechten Familienmitglied glücklich zu werden.
Aber er wusste auch, dass er den Seelen in der Wohnstraße seiner Großeltern unrecht tat, wenn er sich mit ihnen verglich. Im Gegensatz zu ihm hatten sie nicht in einer intakten Familie leben dürfen, sie hatten immer nur Sehnsucht nach einer solchen gehabt. War es da nicht verständlich, dass sie in der Erfüllung dieser Sehnsucht das Paradies sahen? Und wenn die Zeit mit ihren echten Kindern zu kurz gewesen war, um deren Entfaltung mitzuerleben, oder so lange her, dass die Erinnerung an sie nur noch ein idealisiertes Konstrukt darstellte – was machte es dann für einen Unterschied, ob ihre Kinder hier echt waren oder erfunden?
Was machte es überhaupt für einen Unterschied, ob das selbsterschaffene Paradies eine Lüge darstellte oder nicht? Im Himmel war anscheinend ohnehin alles nur erwunschen und damit erfunden, offenbar ging es nur darum, dass die Seelen glücklich waren. Lüge und Wahrheit waren da keine Kriterien.
Edgar sah sich um: Sein Ozean, sein Strand, sein Wald – auch davon war nichts echt, nichts wirklich vorhanden. All das war nur seiner Phantasie entsprungen, seinen innersten Wünschen. War so gesehen nicht jeder Wunsch, den sich eine Seele erfüllte, eine Lüge? Wie sah dieser Himmel denn in Wirklichkeit aus? Wie das unendliche Weiß?
Vielleicht war die Unterscheidung zwischen Phantasie und Wirklichkeit, zwischen Lüge und Wahrheit ja nur im Körperlichen ein Problem, im Zusammenleben mit anderen.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 12: Heimkehr

Kapitel 12: Heimkehr

Edgar findet seine Großeltern und verbringt den längsten Nachmittag, den er je erlebt hat. Doch auch wenn im Jenseits die Zeit nicht mehr endet – zurückdrehen lässt sie sich nicht.

Aus dem Wohnungsinneren drang das Schellen der Türglocke und versetzte Edgar den nächsten Stich. Alles hier war so authentisch und vertraut, dass er fast nicht glauben konnte, tatsächlich hier zu stehen und diese Situation zu erleben. Er vernahm die schlurfenden Schritte seiner Großmutter, die sich von innen der Tür näherten und sein Herz begann, wie wild zu pochen. Mit lautem, im Vorhaus widerhallendem Klacken wurde die Wohnungstür entsperrt, begleitet von dem gedämpften Rasseln und Klopfen, mit dem die anderen Schlüssel am Bund an das Türholz schlugen; alles wie damals. Selbst die innige Vorfreude, die sich nun in Edgar breitmachte, war vertraut.

Die Tür ging auf und sie stand vor ihm, klein, leicht gebückt, mit einem Lächeln, das wie ein fixer Bestandteil ihres Gesichts wirkte, genau so, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte. Sie musterte ihn fragend, dann verwundert und schließlich ungläubig.
„Edilein?“ Sie schlug die Hände an den Mund. „Was tust du denn hier?“ Sie fielen sich in die Arme, hielten sich, wiegten einander hin und her. In diesem Moment glaubte Edgar zu verstehen, was der eigentliche Sinn des Himmels war: ein Ort zu sein, an dem sich alle wiedersahen, die der Tod voneinander getrennt hatte. „Komm herein, Edilein, du musst mir erzählen, was es Neues gibt, auf der Erde unten.“
Als Edgar die Wohnung betrat, stellte er fest, dass auch hier alles so war, wie er es seit frühen Kindheitstagen in Erinnerung hatte; die Farben, der Geruch, die Einrichtung, das Licht – und sogar sein Großvater saß am selben Platz des Esstisches, trug dieselbe alte Lesebrille und sah in derselben Art von der Zeitung auf, wie immer.

Es wurde einer dieser Nachmittage, an die Edgar sich zeit seines Lebens so gerne zurückerinnert hatte. An denen er mit seinen Großeltern zusammensaß, Kuchen aß und Kakao trank. Diesmal plauderten sie allerdings nicht über Fahrräder und Kinofilme, sondern darüber, was alles passiert war, seit sie einander das letzte Mal gesehen hatten. Edgar erzählte, was gemeinsamen Verwandten und Bekannten in der Zwischenzeit widerfahren war und dann schwelgten sie in gemeinsamen Erinnerungen. Noch einen weiteren Unterschied gab es zu vergleichbaren Nachmittagen in Edgars Kindheit: Er wurde nicht durch den Sonnenuntergang beendet, oder weil Oma das Essen kochen musste. Er dauerte so lange, bis alles erzählt war, und hätte Edgar diese Zeitspanne in ein irdisches Maß fassen müssen, er hätte ihre Länge auf drei oder vier Tage geschätzt.
Kein Wunder, denn in den fünfzehn Jahren, die zwischen den Toden der Großeltern und von Edgar vergangen waren, hatte sich im Diesseits Wesentliches ereignet. So wussten die beiden Alten nicht, dass sich die angeborene Herzschwäche ihrer Tochter – Edgars Mutter – mit der Zeit verschlechtert hatte, was die moderne Medizin aber ausgleichen hatte können. Auch kannten die Großeltern Edgars Frau nicht und erst recht nicht seine Kinder. Mehr als nur einmal war er versucht, das Foto seiner Familie herzuzeigen, doch immer im letzten Moment ermahnte er sich, dem Versprechen treu zu bleiben, das er sich selbst gegeben hatte. Das Foto blieb auch weiterhin sein innig gehütetes Geheimnis.
Danach sprachen sie über gesellschaftliche Veränderungen, denn der Großvater wollte wissen, was seit seinem Tod in der Welt der Politik und in der Politik der Welt geschehen war. Nach Edgars Bericht kam er zu dem Schluss, dass die Menschheit nach wie vor nichts dazu gelernt und er ohnehin schon immer gewusst hätte, dass alles in einer einzigen, großen Katastrophe enden würde.

Edgar fühlte sich wohl, heimelig geborgen. Zwar behandelten ihn die beiden nach wie vor wie einen Jungen von vierzehn Jahren, doch das nahm er ihnen nicht übel. Er lenkte das Gespräch auf ihre Anfangszeit hier im Jenseits und wie sie ihre Freunde und Bekannten wiedergefunden hatten, die damals bereits hier gewesen waren. „Wie kommt es eigentlich“, fragte er dann, „dass ihr hier genauso lebt, wie nach dem Krieg?“
Sein Großvater musterte ihn mit Augen, die durch die Lesebrille größer wirken. „Wie sollten wir denn sonst leben, Bub?“
„Na, so wie ihr wollt. Ich meine, ihr könnt doch alles haben, was ihr möchtet.“
„Aber das haben wir ja, Edilein.“ Die Großmutter lächelte.
„Ihr könntet am Meer leben. Am Meer hat es euch doch immer gefallen.“
„Ab und zu tun wir das ja auch. Da packen wir alles zusammen und fahren ans Meer, aber weißt du, es wird uns schnell zu heiß dort.“ Aus ihrer Stimme klang Nachsicht für die anscheinend mangelnde Lebenserfahrung ihres Enkels.
„Aber warum denn?“
„Na, weil wir alt sind.“ Die Stimme des Großvaters klang ungehalten.
„Aber ihr müsst doch nicht alt sein. Wenn ihr wollt, könnt ihr wieder jung sein.“
Edgars Großmutter blickte zur Seite, als wäre ihr das Thema peinlich. „Ich glaube, das wäre nicht recht.“
„Warum?“
„Weil wir unser Leben doch gehabt haben.“
„Aber ihr seid …“ – Edgar glaubte nicht, dass er das gerade sagte – „… tot! Wir sind alle tot und deshalb sind wir jetzt unsterblich.“ Ihm fiel zum ersten Mal auf, wie widersinnig sich das anhörte.
Der Blick seines Großvaters wurde wieder milder. „Das wissen wir. Aber was schlägst du vor? Dass wir beide, Oma und ich, dass wir wieder zwanzig Jahre alt sein sollen? Das wollen wir gar nicht, damals war Krieg.“
„Ihr könnt doch in einer anderen Zeit leben.“
Die Großmutter tätschelte begütigend Edgars Unterarm und erklärte: „Das passt schon. Weißt du, wenn du in deiner Zeit groß geworden bist, mit deinen Eltern, deinen Freunden und den ganzen Lebensumständen, dann fühlst du dich in keiner anderen Zeit mehr heimisch. Unsere Jugendjahre haben wir im Krieg erlebt, das ist nun einmal so, und diese Zeit wollen wir nicht mehr zurückhaben.“
Es dauerte eine Weile, bis Edgar verstand, was sie ihm damit sagen wollte, dann spürte er, wie bitter diese Wahrheit schmeckte. Auch er selbst würde hier im Himmel nicht als Jugendlicher in einer anderen Zeit leben wollen. Es würde ihm nichts geben, aber alles nehmen, was er in seiner Jugend wirklich erlebt hatte. Und so gehörten auch die jungen Jahre seiner Großeltern in keine andere Zeit als in die, in der sie sie gelebt hatten. Dass sie sich vor den Bombenhagel verstecken, das Chaos meistern und jeden Tag fürchten mussten, ihre Liebsten in nah und fern zu verlieren, änderte nichts daran. Sie waren in diese Epoche der Geschichte hineingeboren und hatten damit zurechtkommen müssen, so wie alle Menschen in allen Epochen. Edgar begriff, dass es keine zweite Chance gab, nicht einmal im Himmel. Was vorbei war, war vorbei.
„Das heißt, hier, in der Nachkriegszeit, da habt ihr euch am wohlsten gefühlt?“, fragte er.
„„Ja“, antwortete der Großvater mit dem Brustton der Überzeugung, „die schlimmen Dinge waren vorbei und alle blickten voller Hoffnung nach vorne. Jeder hatte genug Arbeit, genug zu essen und nicht den Zwang, sich irgendeinen modernen Schnickschnack anschaffen zu müssen, nur weil die Nachbarn ihn auch haben. Es war eine einfache Zeit, in der alle glücklich waren … irgendwie.“
„Und euer Alter?“
Der Blick seiner Großmutter wurde träumerisch. „Ach weißt du Edilein, Opa und ich, wir haben in unseren letzten Lebensjahren in solcher Ruhe zueinander gefunden, das wollten wir beibehalten. Wir haben ein Leben lang zusammengelebt, und dass es so hat kommen können, ist ein Geschenk. Wir wollen nichts anderes mehr.“

Die Nacht brach herein, als Edgars Großmutter es für angebracht hielt. Sie quartierte ihn im ehemaligen Zimmer seiner Mutter ein, in dem er schon als Kind immer geschlafen hatte, schaltete die alte Nachttischlampe mit dem gestrickten Schirm ein und setzte sich auf die Bettkante. Es war alles so vertraut! Im heimelig gelben Licht der alten Glühbirne schimmerten ihre Gesichtszüge weich. Zufriedenheit und Glück standen in ihnen geschrieben, und die Erfüllung der fast schon vergessenen Sehnsucht, jemanden umsorgen zu können.
„Schlaf gut, Edilein“, flüsterte sie und strich ihm über die Stirn. Im Spiegel ihres Blickes sah er sich selbst als kleinen Jungen, so wie sie sich in seinem als die Oma gespiegelt sehen konnte, die sie ihm früher gewesen war. „Wir sind glücklich, dass du bei uns bist.“
„Ich auch, Oma.“
Die Großmutter küsste Edgar auf die Stirn, schenkte ihm ein Lächeln und schaltete die Nachttischlampe aus. Ihre Silhouette, die er unter tausenden wiedererkannt hätte, wankte in das Licht, das durch die offene Tür herein schien, und schloss diese behutsam und lautlos hinter sich.
Edgar überlegte, ob er nun schlafen sollte – um des Rituals willen, denn einen anderen Grund gab es nicht für Schlaf –, doch es ging ihm zu viel im Kopf herum. Er dachte an das Gespräch mit den Großeltern und an deren Entscheidung, ihr Dasein in der Gestalt alter Menschen und in einer früheren Zeit zu fristen. Auch wenn er ihre Beweggründe verstand, so erschien ihm ihre Bescheidenheit wie eine Verschwendung von Möglichkeiten. Doch es war ihre Entscheidung, und wenn diese sie glücklich machte, dann hatten sie wohl die richtige getroffen. Der Himmel sah eben für jeden anders aus.
Edgar schüttelte im Dunkeln den Kopf. Seine Großeltern, die er lange Zeit so vermisst hatte – er hatte sie wieder! Das bedeutete ihm weit mehr, als dass er nun nicht mehr alleine war, denn es gab ihm die Aussicht, dass er eines Tages seine Frau und seine Kinder wiedersehen würde. Natürlich wünschte er ihnen ein langes und erfülltes Leben, aber das widersprach nicht seiner Vorfreude, denn die Zeit hatte hier keine Bedeutung. Wenn sie kamen, würde er da sein, und dann würden sie zusammenbleiben, bis in alle Ewigkeit.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Kapitel 11: Wo ist Gott?

Kapitel 11: Wo ist Gott?

Welches Ziel verfolgt eine ewige Seele, die alles hat? Im frei gewählten Exil in seinem Refugium hinterfragt Edgar zum ersten Mal den Himmel. Dann macht er sich auf, um seine Verwandten zu suchen.

Seit Klaudias Ankunft habe ich meinen Rückzugsort, mein persönliches Paradies, nicht mehr verlassen. Zunächst wollte ich einige Zeit lang niemanden sehen oder sprechen und mir einige Dinge klar machen. Dass ich mein Ableben nun endgültig und zur Gänze akzeptieren muss, zum Beispiel. Oder, dass es kein Zurück mehr gibt, auch wenn ein Teil von mir nicht aufhören kann, das zu hoffen. Dieser Teil ist es auch, der nicht aufhören kann an meine Familie zu denken.
Dann habe ich angefangen, mein Paradies umzugestalten: Ich habe Details des Strandes verändert und eine Holzhütte hier aufgestellt, eine Cabaña. Nun sieht es hier so aus wie an der Ostküste von Yukatan, südlich von Cancún in Mexiko, wo Heike und ich vor vielen, vielen Jahren Urlaub gemacht haben. Den mit Abstand besten Urlaub meines Lebens. Wir waren jung und frisch verliebt, wir brauchten nicht mehr als uns, ein paar Drinks, den Sand, das Meer und tausend Sterne. Ich wollte damals nicht mehr von hier weg.
Ich habe mir mehr als nur einmal überlegt, den damaligen Urlaub hier zu wiederholen; mir einfach alles herbeizuwünschen, so wie es damals war. Aber ich habe mich nie getraut. Wer weiß, was ich bekomme? Womöglich finde ich meine künstliche Frau abstoßend, oder ich verliere mich in dieser Phantasie – und beide Möglichkeiten könnte ich nicht ertragen. Da ist es schon besser, sie so in Erinnerung zu behalten, wie sie war. Auch wenn es noch so schmerzt, sie nicht bei mir zu haben. Und unsere Kinder. Doch das Andenken an meine Frau ist mir zu heilig, um es für eine billige Phantasie aufs Spiel zu setzen.

Edgar setzte ab und starrte geistesabwesend in die Ferne. Seine Frau hatte er nicht künstlich erschaffen, andere „Menschen“ aber schon. Er hatte versucht, sich mit einer Partygesellschaft, mit einer karibischen Band und mit anderen Frauen abzulenken, doch was immer er sich gewünscht hatte, welche Szenarien er auch ausgereizt hatte, am Ende war er jedes Mal zu derselben Erkenntnis gelangt: Hier war nichts echt. So sehr er sich ein echtes Erlebnis wünschte, so schnell durchschaute er seine selbstgeschaffene Illusion, blickte hinter seine selbstgebauten Kulissen, erkannte augenblicklich, dass jede Wunscherfüllung, von der er sich Glück versprach, vordergründig und hohl war, ohne jegliche Substanz.
Er seufzte und setzte erneut den Gänsekiel aufs Pergament:

Wenn man alles haben kann, ohne dafür auch nur mit dem Finger schnippen zu müssen, hat es keinen Reiz mehr, irgendetwas zu wollen. Seit ich das erkannt habe, sitze ich auf meinem Felsen und blicke auf die Unendlichkeit meines Ozeans. Vielleicht saugt ja das Vakuum in meiner Seele einen Sinn an, der mich erfüllen kann?
Wie lange das nun schon geht, kann ich nicht sagen, es ist mir auch egal. Denn mit der Zeit verhält es sich ebenso, wie mit den Wünschen: Wenn du alle Zeit besitzt, verliert sie jeden Wert. Für eine unsterbliche Seele, wie ich eine bin, macht es keinen Unterschied, ob Sekunden oder Jahrhunderte vergehen. Es gibt nichts mehr, auf das ich hinarbeite, hinfiebere oder hinbange. Oder auf das ich mich freue. Wann immer ich mein Paradies wieder verlassen werde, die anderen Seelen da draußen werden nach wie vor damit beschäftigt sein, sich ihre Wünsche zu erfüllen. Warum also danach fragen, wie viel Zeit vergeht?
Eigentlich habe ich momentan nur eine einzige Frage und die stelle ich mir schon, seit ich im unendlichen Weiß war. Ich habe mich nie getraut, sie jemandem zu stellen, nicht einmal mir selbst. Aber nun, alleine mit mir, meiner Ewigkeit und meiner Unendlichkeit, nun stelle ich sie doch.

„Wo ist Gott?“ Anstatt sie niederzuschreiben, rief Edgar seine Frage hinaus über das Meer. Er hörte die Verzweiflung in seiner Stimme, hörte seine Frage wider- und widerhallen, als hätte er sie gegen eine Felswand gerufen und nicht in den Wind. Seine eigene Stimme rührte sein Herz, sein Blick trübte sich ein und er schluchzte einmal auf, ehe er sich wieder seiner Tagebuchaufzeichnung widmete:

Seit ich denken kann, hat man mir immer gesagt, Gott sei im Himmel. Als ich erwachsen wurde, habe ich aufgehört, an Gott oder den Himmel zu glauben. Jetzt bin ich eines Besseren belehrt worden. Die Christen hatten Recht: Den Himmel gibt es.
Bedeutet das nicht auch, dass es Gott gibt? Aber wo ist er? Ich würde jetzt seinen Beistand brauchen, seinen Trost und seine Kraft, um mich endlich, endlich von meiner körperlichen Existenz lösen zu können! Denn nur dann, nur wenn ich es schaffe, das unsichtbare Tau zu kappen, das mich noch immer mit meinem vergangenen Leben verbindet, nur dann kann ich hier im Himmel glücklich werden.
Aber Gott ist nicht hier. Wer zeigt mir den Weg, den ich zu gehen habe? Ich brauche Orientierung und sei es auch ein Anker, selbst wenn er mich an einem Punkt festhält. 

ICH MUSS ERKENNEN, WO IN DIESEM UNIVERSUM ICH BIN!

Und deshalb muss ich jetzt etwas tun, von dem ich weiß, dass es falsch ist und mein Leiden verlängern wird. Aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. Das Einzige, von dem ich weiß, dass es wirklich ist, sind meine Erinnerungen.

Edgar blickte auf seine Hände hinab. Das Tagebuch war verschwunden, ebenso der Gänsekiel, stattdessen hielt er ein Foto, das ihm einen Stich ins Herz versetzte. Heikes, Annis und Matthias’ Gesichter sahen so echt aus, genau so wie an dem Tag, an dem er von ihnen gegangen war. Heike und die Kinder lebten in ihm, daran bestand nun kein Zweifel mehr, und als Edgar das erkannte, rannen ihm die Tränen wie zwei Bäche über die Wangen. Eingebildete Tränen über eingebildete Wangen wegen eines eingebildeten Fotos, an dem nur eines echt war: die Gefühle, die Edgar mit ihm verband.
Er liebte dieses Foto und er litt unter ihm. Er beschloss, es niemals irgendjemandem zu zeigen, nie jemandem davon zu erzählen, es als sein ganz privates, zärtlich gehütetes Geheimnis immer bei und in sich zu tragen, egal, wie lange die Ewigkeit dauern mochte.

* * *

Indem Edgar sich in das Foto versenkte, machte er sich zum ersten Mal seit seinem Tod Gedanken darüber, was seine Familie ihm eigentlich bedeutete und schämte sich. Die ganze Zeit über, zwei volle Jahre lang, war er oberflächlichen Vergnügungen nachgehangen und hatte nicht einen Gedanken daran verschwendet, welche Chance ihm hier gegeben war. „Familie“ umfasste schließlich weit mehr, als nur den engsten Kreis von Frau und Kindern, sie umfasste Eltern und Geschwister, Großeltern, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins sowie alle weiter entfernten oder angeheirateten Verwandten. Und so kam es, dass Edgar jetzt, nach zwei Jahren, zum ersten Mal daran dachte, dass er ja gar nicht alleine hier im Himmel war. Alle seine Verwandten, die vor ihm die Welt der Lebenden verlassen hatten, waren irgendwo hier, er musste sie nur aufsuchen.
Edgar dachte an seine Großeltern mütterlicherseits, die kurz nacheinander gestorben waren; seine erste Begegnung mit dem Tod. Er war damals vierzehn Jahre alt gewesen, noch mehr Kind als Jugendlicher, und die Tatsache, dass er von klein auf viel Zeit bei den beiden verbracht hatte, hatte den Schmerz besonders heftig gemacht. Er war der Trauer völlig schutzlos ausgeliefert gewesen, hatte stundenlang geweint und am ganzen Körper geschlottert.
Wenn er jetzt an die Großeltern dachte, sah er vor sich zwei versonnene, großherzige, stets lächelnde runzlige Gesichter, deren Augen eine Güte ausstrahlten, die er nach ihrem Tod nie mehr angetroffen hatte.
Edgar fragte sich, in welcher Umgebung sie hier im Himmel wohl lebten – und wünschte sich kurzentschlossen zu ihnen. Sein Refugium quoll zu farbigen Nebeln auf, die sich zu neuen Kombinationen umgruppierten und wieder Gestalt annahmen.

Es war eine Wohnstraße, die sich aus dem farbigen Gewölk zusammensetzte, doch sie wirkte anders auf ihn als vergleichbare Wohnstraßen. Edgar erkannte zunächst nicht, worin der Unterschied bestand, was sie so fremdartig machte, doch dann kam ihm die Erinnerung zu Hilfe: Es war eine Wohnstraße aus vergangener Zeit.
Einstöckige Mehrfamilienhäuser in Pastellfarben standen hier in geordneter Symmetrie an beiden Seiten einer gepflegten Schotterstraße. Auf dieser und zwischen den Häusern hielten sich jede Menge Seelen auf, die allesamt in einem Stil gekleidet waren, der Edgar an Schwarzweiß-Fotografien aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerte. Die Frauen trugen lange Röcke, hatten ihre Haare nach oben gebunden und oft mit einem Kopftuch bedeckt. Die Männer hatten Hüte aufgesetzt, waren in Leinenhemden und weite schlabbrige Hosen gekleidet. Die Gewänder waren vorwiegend in Grau- oder Brauntönen gehalten, nur ab und zu sah Edgar ein dunkles Blau, Rot, Grün oder Ocker.
Die Seelen vermittelten den Eindruck gemütlicher Geschäftigkeit. Frauen mit Einkaufskörben in der Armbeuge standen zusammen und unterhielten sich, ein Mann fuhr wackelig auf einem schwarzen Waffenrad an Edgar vorbei und grüßte ihn, indem er seinen Hut lüftete. Eine alte Frau stand breitbeinig vor einer Teppichstange und klopfte schwungvoll einen Läufer aus, der dabei eine geradezu unglaubliche Menge Staub freisetzte. Von hinten kam ein vierschrötiger Mann, der mit sichtlicher Mühe eine Holzkarre mit knirschenden Rädern zog. Sein Gesicht hatte einen mürrischen Ausdruck, bartstoppelig, verschmutzt und auch seine Kleidung war in einem ähnlichen Zustand.
Plötzlich blickten alle Seelen wie auf Kommando in dieselbe Richtung die Straße entlang. Edgar folgte ihrem Blick und hörte erst jetzt das laute Geknatter, mit dem ein Automobil heranrollte, das perfekt in den Zeitrahmen dieser Wohnstraße passte. Die Seelen auf der Straße traten ohne Hast zur Seite, um das Vehikel vorbei zu lassen, und dessen Fahrer schwenkte dankend den Hut aus dem Fenster. Die Staub- und Rauchwolke, die das Gefährt hinterließ, legte sich nur langsam.
Was Edgar besonders ins Auge stach, waren die vielen Kinder. Sie saßen im Grasstreifen neben der Straße und rollten Murmeln, übten sich vor den Hauseingängen im Schnurspringen, spielten kichernd und laut aufjauchzend miteinander Fangen, oder hingen wie Kletten an ihren Müttern. Erst jetzt, als er das sah, wurde ihm bewusst, dass er in all den Monaten, die er nun schon im Himmel war, noch nie ein Kind gesehen hatte.

Er setzte sich in Bewegung und ging zum ersten Mehrfamilienhaus zu seiner Linken, denn dieses erkannte er wieder, in diesem lebten seine Großeltern. Als Kind war er oft hier gewesen und jetzt erschien es ihm als das natürlichste auf der Welt, dass seine Großmutter und sein Großvater noch immer darin wohnten.
Er stapfte den gemauerten Stiegenaufgang zur massivhölzernen Eingangstür hinauf. Auf die Hausmauer rechts war ein großer, roter Pfeil gemalt, der auf das Kellerfenster darunter zeigte. Was dieser Pfeil bedeutete, hatte ihm seine Mutter einmal erzählt, die in diesem Haus aufgewachsen war: Wenn im Zweiten Weltkrieg Bombenalarm gegeben wurde und nicht mehr genug Zeit blieb, um zum Gemeinschaftsbunker zu laufen, suchten die Menschen Zuflucht in den Kellern ihrer Häuser. Wurde ein Haus getroffen, standen die Chancen gut, dass der untere Teil der Hausmauer das Bombardement überstand, der aufgemalte Pfeil also noch sichtbar war. Hier begannen die Rettungskräfte zu graben, denn ein Kellerfenster gab ihnen Zugang zu möglichen Überlebenden. Was für eine schreckliche Zeit!
Edgar blickte auf das Paneel mit den vier Türklingeln und spürte, wie ein Lächeln seine Lippen spannte. Hier wohnten tatsächlich die Seelen jener Menschen, die auch zu ihren Lebzeiten in diesem Haus zusammengewohnt hatten. Unwillkürlich fragte er sich, ob diese vier alten Ehepaare nach ihrem Tod tatsächlich wieder zusammengefunden hatten oder ob er hier nur die Verkörperung seines unbewussten Wunsches sah, in ein vertrautes Quasi-Zuhause zurückzukehren, in eine verklärte Erinnerung an einen unbeschwerten Teil seiner Kindheit.
Die Haustür war nicht abgeschlossen; sie war nie abgeschlossen gewesen. Mit dem Flur betrat Edgar seine Vergangenheit: Der enge Gang mit seinem speziellen Geruch, die glänzend polierten, dunkelbraunen Steinfliesen des Bodens, die jede für sich leicht konvex und an den Rändern teilweise ausgeschlagen war … Eintausendundein Details, die er in seiner Kindheit unbewusst in sich aufgenommen hatte, fügten sich hier wieder zusammen, als wäre seit damals keine Zeit verstrichen, als wären weder er noch seine Großeltern gestorben und als stünde in seinem Leben alles noch auf Anfang; als gäbe es noch Möglichkeiten und Hoffnungen.
Edgar schluckte schwer und zwang sich, zur Wohnungstür seiner Großeltern zu gehen. Er passierte links den Stiegenaufgang zu den beiden Parteien im ersten Stock und erreichte die beiden einander gegenüberliegenden Eingangstüren zu den Parterre-Wohnungen. Vor der rechten hielt er inne, atmete einmal tief durch und drückte dann den zylindrischen, gefederten Knopf mit dem Glockensymbol.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 10: Wandlungen

Kapitel 10: Wandlungen

Über gewisse Dinge wird im Himmel nicht gerne geredet. Fred trennt sich von Edgar, und als dieser erfährt, wie lange er schon tot ist, zieht er sich in sein Refugium zurück.

„Aber wenn nun eine Seele einer anderen Schaden zufügt …“, begann Edgar, doch Fred unterbrach ihn:
„Aber genau das ist ja der springende Punkt: Keine Seele kann einer anderen Schaden zufügen, keine Seele kann eine andere zu irgendetwas zwingen! Wir Seelen sind in unseren Entscheidungen bedingungslos frei – mit einer einzigen Ausnahme: das ewige Gesetz.“
„Okay hör zu: Ich habe gesehen, wie eine riesige Gruppe von Seelen eine winzige Gruppe von Seelen beschimpft und bedroht hat. Aus meiner Erfahrung – als Mensch – passiert so etwas nur, wenn eine stärkere Gruppe einer schwächeren ihren Willen aufzwingen will. Wenn es sein muss, mit Gewalt. In dieses Bild passt es überhaupt nicht, dass keine Seele einer anderen Schaden zufügen kann.“
„Es ist doch ganz einfach: Wir Seelen sind unsterblich und man kann uns nicht verletzen. Unsere Gefühle vielleicht, ja, aber nicht uns als Erscheinungen. Daraus ergibt sich, dass keine Seele ein Druckmittel besitzt, um eine andere zu irgendetwas zu zwingen, was diese nicht will.“
„Außer, man ist ein Gott.“ Als Fred irritiert blinzelte, setzte Edgar nach: „Ich habe meinen ewig langen und unfreiwilligen Aufenthalt im unendlichen Weiß noch nicht vergessen!“
„Das ist wohl etwas anderes. Aber unter Seelen gilt, dass die eine die andere bitten muss, wenn sie sie zu einer bestimmten Handlung veranlassen will. Sie kann sie auch mit Argumenten unter Druck setzen und sie beschimpfen, aber wenn die bezeichnete Seele nicht will, kann niemand etwas dagegen unternehmen. Du hast es ja am Strand gesehen: Die Idioten wollten nicht hören und sind in ihren Untergang marschiert.“
„Woher willst du das wissen?“ Freds verdutzter Blick bestätigte Edgars Ahnung, dass Zweifel an diesem Thema nicht gerne gehört wurden.
„Weil es das ewige Gesetz ist“, gab Fred mit Nachdruck zurück.
„Woher weißt du das?“
„Was?!“
Freds Reaktion hatte den Charakter einer Drohung, doch das beeindruckte Edgar nicht. „Woher weißt du das?“, wiederholte er. „Als ich gestorben bin, hat mir niemand gesagt, dass ein solches Gesetz existiert. Woher also soll ich wissen, dass ich dagegen verstoße?“
„Hast du am Strand geschlafen, oder was?“ Fred schrie nun.
„Nein, ich habe einen aufgebrachten Mob gesehen, der eine Gruppe von Seelen gelyncht hätte, wäre das möglich gewesen. Was ich nicht gesehen habe, war Gott oder ein himmlischer Richter oder sonst jemand, der dieses Verhalten verlangt oder auch nur gut geheißen hätte.“
„Und wie nennst du die große Bestrafung?“
„Was weiß ich, vielleicht ein zufälliges Ereignis?“ Auch Edgar schrie nun.
„Das zufällig immer dann auftritt, wenn Seelen den Himmel verlassen?“
Edgar stockte für einige Sekunden, dann fragte er überrascht: „Du meinst, so etwas kommt öfter vor?“
„Oft wäre übertrieben, aber immer wieder einmal, ja.“
„Seelen verlassen den Himmel – obwohl sie wissen, dass sie dem Untergang geweiht sind?“
„Diese Damen und Herren nehmen alles in Kauf, nur um nicht mehr hier sein zu müssen.“
„Kommt dir das nicht seltsam vor? Ich meine, wie sagst du immer: Das hier ist der Himmel.“
„Ich weiß, aber es ist nun einmal so.“
Edgar wusste nicht, was er noch sagen sollte. Da sich Fred eine Golftasche herbeiwünschte und davonging, das Gespräch also offensichtlich nicht weiterführen wollte, beschloss Edgar, dieses Thema vorerst ruhen zu lassen. Auch er wünschte sich wieder eine Golfausrüstung und folgte Fred, kam aber nicht umhin festzustellen, dass der Himmel offenbar nicht für alle ein Paradies war.

* * *

Auch wenn die große Bestrafung noch nicht lange her war, so war sie von den Seelen im Himmel offenbar schnell vergessen worden. Auch Fred verhielt sich so, als sei nichts geschehen, er führte Edgar weiter durch die Sportstätten des Himmels. Als sie beim Bogenschießen waren – sie standen auf dem Gipfel eines Berges, schossen ihre Pfeile über kleinere Berge hinweg viele Kilometer in die Ferne und trafen dennoch die teilweise versteckt aufgestellten Zielscheiben genau in der Mitte –, hielt Fred plötzlich inne, fahrig und nervös.
„Edgar, ich muss … es kommt gleich eine neue Seele an, die muss ich begrüßen.“
Edgar zog die Augenbrauen hoch. Er hatte doch angenommen, dass andauernd irgendwelche Seelen hier im Himmel ankommen würden, aber noch nie hatte Fred sich so verhalten. „Eine besondere Seele?“, fragte er.
„Nein, nein, ich … oder vielleicht doch, ich weiß es nicht.“
Die herrliche Aussicht verschwamm in farbige Nebel, die sich neu anordneten und eine US-amerikanische Vorstadt bildeten, wie Edgar sie aus unzähligen Fernsehserien kannte: breite Straßen, niedere Häuser aus dünnwandigen Fertigteilen, fette Autos, bunte, hektisch blinkende Reklametafeln.
„Doch, es sind eigentlich immer besondere Seelen, die ich spüre“, erklärte Fred nun, „aber nur deshalb, weil sie mit meinem Charakter gut harmonieren.“
„Wie geht das?“
„Ich weiß auch nicht, ich habe im Laufe der Zeit ein Gespür dafür bekommen, welche Seelen mich interessieren und die spüre ich dann auch, kurz bevor sie hier eintreffen. Da muss ich einfach hin und sie begrüßen, ich hoffe, du verstehst das.“ Ohne Edgars Antwort abzuwarten, wandte er sich dem unendlichen Weiß zu, das sich anstelle des Himmels über ihnen ausbreitete.
Die ankommende Seele ließ nicht lange auf sich warten. Sie erschien als dunkler Punkt im Weiß und vergrößerte sich wabernd zu einer Wolke, die immer mehr Konturen bekam, während sich ihr Anthrazitgrau in mehr und mehr Farben aufsplittete. Schließlich stand sie in menschlicher Form vor ihnen, eine hübsche junge Frau, verwirrt, aber freundlich lächelnd. Sie sah sich um, dann wechselten ihre Blicke zwischen Fred und Edgar hin und her sie fragte: „Entschuldigen Sie, ist das hier eine Wahnvorstellung?“
Edgar war verblüfft, Fred begann gackernd zu lachen. „Nein, schöne Frau, das hier ist der Himmel. Ich bin Fred.“
Er hielt ihr die Hand hin, die sie geistesabwesend ergriff. „Angenehm, Klaudia. Was meinen Sie damit, das hier ist der Himmel? Ich liege doch noch im Krankenhaus, oder? Ich habe die Tollwut, da neigt man doch zu Wahnvorstellungen, oder?“
Es dauerte einige Zeit, bis Klaudia verstanden hatte, was mit ihr geschehen war. Sie erzählte, sie stamme aus Nürnberg, wo sie auch gerade eben noch in einem Krankenhaus gelegen sei. Sie hätte deliriert, aber noch mitbekommen, dass ihre Eltern und ein Priester an ihrem Krankenbett saßen und für sie beteten. Deshalb war sie auch davon ausgegangen, dass dieser Ort hier ihrer Fieberfantasie entsprungen sei.
Als Fred sie fragte, wo sie hier seien, erklärte Klaudia, dies sei Boise, die Hauptstadt von Idaho, wo sie studiert hätte. In diesem Vorort hätte ihr damaliger amerikanischer Freund gelebt.

Fred gab sein Bestes, um Klaudia ihre Lage möglichst behutsam zu erklären, doch Edgar erkannte schnell, dass es in dieser speziellen Situation wohl keine Methode gab, um den Neuankömmling vor einem Schock zu bewahren. Der Zustand des Totseins war ein unumkehrbarer, das musste man zuerst begreifen und dann akzeptieren. Dass dies nicht einfach war, davon konnte Edgar ein Lied singen, das wohl jede Seele im Himmel kannte.
Im Gegensatz zu Edgar war Klaudia direkt vom Krankenbett hierher gekommen, sie hatte nicht die Zeit gehabt, ihre Situation Schritt für Schritt zu begreifen. Andererseits war sie tiefgläubig, weshalb sie ihre Lage nun trotz aller Irritation rasch akzeptieren konnte.
„Entschuldige Ede“, raunte Fred und nahm Edgar beiseite, „aber wie du siehst, werde ich gebraucht. Du findest dich hier jetzt eh zurecht. Wenn du doch etwas brauchst, ruf mich oder komm zu mir, okay?“
Das war wohl der kürzeste Korb, den Edgar je bekommen hatte. Als Fred sich schon wieder Klaudia zugewandt hatte, stand er noch verdattert da und fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Freilich, Fred hatte Recht, er brauchte ihn tatsächlich nicht mehr als Führer. Edgar wusste nun im Grunde, wie die Dinge im Himmel liefen, und würde sich ein Problem auftun, so kannte er die Wege, wie er alles zu dessen Lösung in Erfahrung bringen konnte. Immerhin war er ja nun doch schon eine Weile hier.
Bei dem Gedanken keimte eine mächtige Frage in ihm auf, von der er wusste, sie würde ihm keine Ruhe lassen, wenn er sie nicht jetzt und sofort an Klaudia richtete.

* * *

In seinem Refugium saß Edgar am äußersten Stein des natürlichen Wellenbrechers, der in seinen Ozean hinausragte, und schrieb ein Tagebuch. Er hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, hatte sich jemandem anvertrauen müssen. Doch bis auf Fred kannte er keine Seele gut genug und dieser stand nicht zur Verfügung. Edgar hatte sich also ein Buch mit Pergamentblättern und einem groben Ledereinband herbeigewünscht, sowie einen Gänsekiel, dem er die Besonderheit anwünschte, dass ihm die Tinte nie ausging.
Nun schrieb er sich die Dinge von der Seele, die ihn beschäftigten, und es gab Einiges, das er zu verdauen hatte.

Ich fragte Klaudia nach dem letzten Datum, an das sie sich erinnerte. Ich wollte einfach wissen, wie lange ich schon hier oben bin, nach menschlichem Ermessen. Dabei ging es mir überhaupt nicht um mich, sondern darum, mir vorzustellen, wie es meiner Familie ging und ob sie immer noch um mich trauern würden. Als Klaudia mir das Datum ihres Todestages nannte, zog es mir fast den Boden unter den Füßen weg: Ich bin seit zwei Jahren tot.

Seit zwei Jahren!!!

Ich kann nicht glauben, dass mein tödlicher Unfall schon so lange her sein soll. Ein Jahr, ja, das hätte ich ohne Weiteres glauben können, aber doch nicht zwei! Was ist in der Zeit aus Heike geworden? Ob sie noch hin und wieder an mich denkt? Wie hat sich Anni entwickelt und wie Matthias? Ob sie sich überhaupt noch an mich erinnern?
Ich erinnere mich an sie alle drei, als ob ich sie erst letzte Woche noch gesehen hätte, und ich denke die ganze Zeit an sie.
Zwei Jahre!
Inzwischen ist mein Körper irgendwo da unten vermodert und bis auf die Knochen zerfallen.
Wobei, ‚da unten‘ … ich weiß nicht, ob sich der Himmel tatsächlich ‚über‘ der Welt der Lebenden befindet. Ich glaube eher, dass Örtlichkeit dabei keine Rolle spielt. Meine Ankunft hier würde ich weniger als Aufstieg, sondern vielmehr als Übertritt beschreiben. Es war eher ein Dimensionswechsel als eine Reise.

Edgar hielt inne, als er erkannte, dass er vom Thema abglitt. Dann machte er sich bewusst, dass das vollkommen egal war. Er konnte in sein Tagebuch schreiben, was er wollte, niemand würde es lesen. Vermutlich nicht einmal er selbst, denn es ging ihm ja nicht darum, etwas zu bewahren, sondern im Gegenteil, etwas von sich weg zu bekommen. Er schrieb also weiter:

Seit Klaudia im Himmel erschienen ist, sind wieder ein paar Wochen vergangen. Das ist freilich nur geschätzt und ich weiß, dass ich damit falsch liege; um ein paar Tage oder so. Ich beginne zu verstehen, was Fred meint, wenn er sagt, jegliche Zeitrechnung sei hier unnötig. Er hat Recht, denn es tut nur weh, wenn man erfährt, wie lange man schon nicht mehr zu den Lebenden gehört. Und wenn man sich klar macht, dass einen die eigene Familie aus ihrem Alltag getilgt hat – weil es gar nicht anders geht.
Meine Lieben leben ihr Leben weiter, aber ohne mich und ich, ich bin hier im Himmel, aber einsam.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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