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Kapitel 22: Die Tiefe des Himmels

Kapitel 22: Die Tiefe des Himmels

Das Jenseits ist durch die Phantasie der Seelen begrenzt, die in ihm leben. Das zumindest behauptet der Astrophysiker Sven Nansen. Doch Edgar glaubt nicht, dass er selbst dem Himmel Sinntiefe verleihen muss.

Edgar war irritiert. „Soll das heißen, Sie erforschen den Himmel gar nicht?“
„Doch schon“, räumte Sven Nansen ein, „aber den über uns. Denken Sie nur, welche Möglichkeiten für die Weiterentwicklung unserer Theorien wir hier haben – davon konnten wir im Diesseits nur träumen.“
Edgar konnte es nicht fassen! Ein Wissenschaftler, der eines der größten Geheimnisse der Menschheit mit einem Achselzucken als gegeben hinnahm und dann weiterwurschtelte, wie bisher? Immerhin schien Nansens Arbeit aber Andreas Erkenntnis zu entkräften, dass es im Himmel keine Entwicklung gab. Edgar fragte deshalb: „Haben Sie schon Fortschritte gemacht?“
„Nicht im Sinne von neuen Entdeckungen, nein. Wir haben aber hier im Jenseits nämlich das kuriose Problem, dass nichts existiert, was wir uns nicht vorstellen könnten.“
„Wie meinen Sie das?“
„Es passiert hier nichts Unvorhersehbares, und es gibt kein Geheimnis, das von sich aus bestünde, ohne dass wir es uns gewünscht hätten. Das heißt, unsere Arbeit ist durch den Erfahrungshorizont begrenzt, den wir aus unseren Leben mitgebracht haben. Was immer an Geheimnissen im Universum darauf wartet, von uns entdeckt zu werden, bleibt unentdeckt – weil all unsere Wünsche in Erfüllung gehen.“
Edgar spürte einen Schauer über seinen Rücken fahren. „Heißt das, es kann gar nichts Neues entdeckt werden?“
„Das ist eine der Eigenheiten des Himmels.“ Nansen nickte.
Edgar überlegte: Das Fehlen unerwarteter Gegebenheiten mochte ein Grund für das Ausbleiben von Entwicklung sein, konnte diese jedoch nicht aufhalten. Immerhin war Entwicklung ja nicht auf Neuentdeckungen angewiesen – oder doch? „Wie sehen Ihre Fortschritte dann aus?“
„Wir verfeinern unsere Methoden“, erklärte der Wissenschaftler. „Hier im Jenseits können wir Teleskope errichten, die im Diesseits unmöglich gewesen wären, allein schon aus Kostengründen. Von der freien Formbarkeit der physikalischen Gesetze rede ich da noch gar nicht.“
„Aber was bringt es, wenn diese Teleskope nichts Neues entdecken können?“
„Wie gesagt, wir verfeinern die Methoden, sehen uns an, was alles möglich ist.“
„Ist das nicht ein sinnloses Unterfangen? Ich meine, Ihre Methodenverfeinerung bringt ja niemandem etwas. Sie selbst können damit keine unbekannten Sphären des Weltraums entdecken und Sie sind auch nicht imstande, das gewonnene Know-how mit dem Diesseits zu teilen, wo es etwas zu entdecken gäbe. – Was man übrigens auch mit Ihren Erkenntnissen nicht könnte, wegen der materiellen Beschränkungen, die der Grund dafür sind, dass solche Geräte dort nicht gebaut werden.“
Nansens Mimik wechselte zwischen Ärger und Verzweiflung, als er entgegnete: „Die Forschung und die Anhäufung von Wissen ist eine mächtige, eine ganz ursprüngliche Triebkraft des Menschen. Das lässt sich nicht so einfach an den Nagel hängen, nur weil man stirbt!“
„Aber warum erforschen Sie dann nicht den Himmel selbst – ich meine den spirituellen Himmel, das Jenseits, Ihre neue Heimat? Das wäre doch ein völlig neues Forschungsgebiet und Ihnen steht die Ewigkeit zur Verfügung.“
Sven Nansen hatte seinen Blick in die Ferne der Nachbildung der Atacama-Wüste gerichtet. Als er weitersprach, klang seine Stimme, als befände er sich in Trance. „Mein Forschungsgebiet ist die Astrophysik, nicht die Metaphysik. Ich habe mich ein Menschenleben lang in diese Materie hineingearbeitet. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie reizvoll es ist, Ideen umzusetzen, die während der irdischen Laufbahn nie das Reißbrett verlassen konnten, weil die Mittel begrenzt waren. Hier habe ich die Möglichkeit, meiner gesamten intellektuellen Kraft, meiner Phantasie und meinem Genie ungehemmt freien Lauf zu lassen.“
„Selbst wenn Sie dabei die Grenzen der Physik aufheben, die Sie Ihr Leben lang erforscht haben?“
Nansen sah Edgar belustigt an. „Aber genau das ist ja das Schöne.“
Edgar platzte der Kragen. „Ich kann nicht glauben, dass es unter all den Genies, die sich über die Jahrhunderte hinweg hier versammelt haben, kein Einziges geben soll, das sich der Erforschung des Jenseits widmet!“
„Natürlich gibt es die. Versuchen Sie es einmal bei den Metaphysikern. Aber ich befürchte, da werden Sie genauso wenig Glück haben.“
„Wieso?“
„Weil diese Herrschaften nicht wissen, wo sie ansetzen sollen. Ist ja auch klar: Was wir vom Himmel wahrnehmen, verhilft uns zu keinen Schlussfolgerungen und was wir nicht wahrnehmen können, fällt bestenfalls in den Bereich der Philosophie, schlechtestenfalls in den der Spekulation.“
„Ich für meinen Teil nehme eine ganze Menge von diesem Himmel wahr“, entgegnete Edgar, „ich weiß, dass das unendliche Weiß eine Art Grundlage ist, in der unsere Seelen existieren und dass wir auf dieser Grundlage alles erschaffen können, was wir wollen. Ich weiß, dass meine Wünsche Formen annehmen, die ich als real wahrnehme, die von anderen Seelen aber anders wahrgenommen werden können. Ich weiß, dass meine Seele unsterblich ist und dass kein Weg zurück in die Welt der Lebenden führt … und so weiter. Damit muss sich doch ein Erklärungsmodell entwickeln lassen, oder?“
Sven Nansen hatte ihm ausdruckslos zugehört und sah ihn nun noch einige Sekunden lang ebenso ausdruckslos an. Dann fragte er: „Wie?“
„Indem ich das eine aus dem anderen erkläre. Machen Wissenschaftler das nicht so?“
„Sie haben sich offenbar schon etwas mit diesen Fragen beschäftigt, sonst wären Sie nicht irrtümlich bei mir gelandet. Deshalb frage ich Sie noch einmal: Wie wollen Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen im Jenseits seine Natur erklären? Sie können nur Ihre Erlebnisse beschreiben und Ihre Möglichkeiten abgrenzen. Wobei wir alle wissen, dass eine Begrenzung nur durch die Grenzen Ihrer Phantasie gegeben ist – und dadurch, dass andere Seelen Wünsche haben, die Ihren Plänen entgegenstehen, sofern diese Seelen Teil Ihrer Pläne sind.“
Edgar blieb hartnäckig. „Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, aus den gewonnenen Erfahrungen eine Theorie über die Natur des Himmels aufzustellen.“
„Wenn das ginge, lieber Freund, hätten Sie bereits einen Weg gefunden und wären jetzt nicht auf der Suche nach Hilfe.“
„Aber ich bin kein Wissenschaftler, ich weiß nicht, wie so etwas methodisch gemacht wird.“
„Vergessen Sie das! Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn folgt immer derselben Methode: Beobachtung und Datensammlung, Formulierung einer Hypothese, Verifizierung oder Falsifizierung der Hypothese durch Experimente, Adaptierung der Hypothese, Verifizierung oder Falsifizierung der Adaptierung durch entsprechend modifizierte Experimente und so weiter. Mit etwas Glück können Sie auf diese Weise früher oder später eine Theorie aufstellen. Wie ich finde, sind Sie intuitiv ohnehin nach dieser Methode vorgegangen, nur dass Sie ab einem gewissen Punkt nicht mehr weitergekommen sind. Sie sind wie ein Goldfisch, der sein Kugelglas erforscht und dabei immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkommt, weil er im Kreis schwimmt.“ Nansen schien Edgars Bekümmertheit aus dessen Miene zu erkennen, denn er legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter und ergänzte: „Machen Sie sich nichts daraus, das geht allen Seelen so. Alles, was über unsere Erfahrungen hier hinausgeht, ist Spekulation. Was der Himmel wirklich ist und wie er sich gestaltet, kann Ihnen nur Gott erklären. Aber Gott schweigt.“
„Sie meinen, aus wissenschaftlicher Sicht gibt es überhaupt keine Möglichkeit, die Natur des Himmels zu erforschen?“
„Es ist so, wie mit den Neuentdeckungen hier: Sie können nicht mehr erfahren, als Sie bereits wissen. Sie arbeiten in Erkenntniszyklen, die ein in sich geschlossenes System von begrenzt verfügbaren Informationen darstellen. Da ist nicht mehr zu wollen.“
„Das kann ich nicht akzeptieren.“
„Warum ist Ihnen das so wichtig?“
„Weil hier alles so oberflächlich ist! Wenn ich wüsste, wie der Himmel funktioniert, dann … dann könnte ich vielleicht seine Tiefe verstehen.“
„Seine oder Ihre eigene?“ Nansen schenkte Edgar einen eigenartigen Blick. „Tiefe können Sie nur sich selbst verleihen. Tun Sie Dinge, die Sie erfüllen, denn die werden Ihnen nie als oberflächlich erscheinen, egal, wie lange die Ewigkeit dauert.“
Obwohl diese Worte Edgar beeindruckten, erkannte er, dass Nansen von sich selbst sprach. Offenbar hatte die Astrophysik seine Seele sowohl vor als auch nach dem Tod so umfassend erfüllt, dass er die Beschäftigung damit als idealen Zustand erlebte. Edgar hingegen, der auf der Suche nach der Wahrheit war, sah darin eine Selbsttäuschung, denn Nansens Tätigkeit hier war sinnlos. Und das traf auf alle Aktivitäten der Seelen im Himmel zu, die Edgar bisher beobachtet hatte.
Möglicherweise hing das aber mit der Art der Tätigkeit zusammen, vielleicht waren für körperlose Seelen ja nur jene Aktivitäten sinnlos, die Körperlichkeit voraussetzten, wie die Naturwissenschaft oder der Sport. Vielleicht sollte Edgar sich nach Seelen umsehen, die eher mit abstrakten oder spirituellen beschäftigt waren. Vielleicht sollte er sich einmal ansehen, wie Künstler hier im Himmel arbeiteten.
Er dankte Sven Nansen für dessen anregende Einsichten und verabschiedete sich, doch gerade, als er sich in den Künstlerbereich wünschen wollte, fiel dem Wissenschaftler noch etwas ein: „Wenn Ihnen die Sinnfrage wirklich so elementar wichtig ist, dann versuchen Sie es doch einmal bei den Bergseelen. Vielleicht haben die ja Antworten für Sie.“
„Bergseelen?“, fragte Edgar erstaunt.
Nansen lächelte nachsichtig. „Sie sind offenbar noch nicht besonders lange hier, was?“
„Eigentlich schon, aber …“
„Schon gut, niemand kann alles wissen. ‚Bergseelen‘ nennen wir all jene, die sich in der Gesellschaft von uns anderen Seelen unwohl fühlen. Diejenigen, die ich kennengelernt habe, waren extreme Einzelgänger, teilweise richtige Sonderlinge. Gemeinsam war ihnen allen eine starke Hingabe zum Geistigen, zur Philosophie und zu Ähnlichem, die sie schon von ihrem Erdenleben her mitgebracht hatten. Diese Seelen halten sich nach ihrer Ankunft nur kurz bei uns auf und begeben sich dann in die Bergregion, wo sie angeblich als Eremiten in Höhlen leben.“
„Wieso angeblich?“
„Weil das, soviel ich weiß, noch nie jemand gesehen hat.“
„Wieso nicht?“
„Nun, zum einen, weil niemand das Bedürfnis hat, sich mit ihnen abzugeben. Die Bergseelen sind im Vergleich zu uns irgendwie … fremd … ich kann es nicht näher beschreiben. Zum anderen ist die Bergregion das einzige Gebiet im Himmel, wo es keine vollständige Wunschfreiheit gibt.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„In der Bergregion gibt es nur eine einzige Fortbewegungsmöglichkeit: zu Fuß gehen.“
„Echt?“ Edgar staunte immer mehr. „Weiß man, warum das so ist?“
„Nein, aber ich nehme an, es soll die Berge vor Besuchern schützen. Ich kenne ein paar Seelen, die sich die Bergregion aus Langeweile ansehen wollten. Sie erzählten, sie seien monatelang auf die Berge zu marschiert, ihnen aber nie näher gekommen. Dann hätten sie es aufgegeben.“
Edgar schüttelte den Kopf und meinte dumpf: „Mysteriös.“
„Ja, das ist es wirklich. Aber wie gesagt, die Bergseelen sind durch und durch vergeistigt; möglich, dass sie über Wissen verfügen, das wir anderen nicht haben.“
Edgar bedankte sich für den Tipp und verabschiedete sich noch einmal. Während die Konturen verschwammen, fragte er sich, wie viele Phänomene es noch im Himmel geben mochte, von denen er nichts wusste.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Neuerscheinung

Kapitel 21: Darwin und Hawking

Kapitel 21: Darwin und Hawking

Edgars Audienz bei Charles Darwin erweist sich als Reinfall, denn der große Forscher scheint sich des Lebens nach dem Tod nicht bewusst zu sein. Umso mehr irritiert es Edgar, dass Darwin ihn an Stephen Hawking verweist.

Edgar bemerkte erst an dem hektischen Knarren seines Stuhls, dass er unruhig auf diesem herumrutschte. Wie sollte er diesem Titan der Naturwissenschaft seine Fragen stellen? Dann machte er sich bewusst, dass sie ja beide hier im Himmel waren und dass es unter Seelen keine Hierarchie gab. Wenn Darwin ihm kein Signal gab, in welcher Art er das Gespräch gerne führen würde, dann würden sie es eben auf Edgars Art führen: „Was wissen Sie über den Himmel?“
Charles Darwin blinzelt zweimal und antwortete unerwartet schnell: „Den Himmel gibt es nicht.“
Edgar hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Er hatte nicht erwartet, dass sein Gegenüber eine so hohe und dünne Stimme hätte. „Ich meine diese Region hier, in der wir leben. Was wissen Sie darüber?“
„Alles, was es darüber zu wissen gibt.“ Ein leichtes Lächeln, das Darwins Bart in den Mundwinkeln nach oben zog, spiegelte sich in seinen kleinen Augen.
„Wie ist diese Region nach außen hin abgegrenzt?“
Das Lächeln wandelte sich in grübelndes Unverständnis. „Junger Freund, die Erde ist ein Geoid, der vom Vakuum des Weltalls umgeben ist. Ich würde die absolute Leere aber nicht als Abgrenzung bezeichnen.“
Edgar hörte an seinem Stuhl, dass er ungeduldig wurde. „Ich fürchte, Sie verstehen mich nicht. Ich meine nicht den Planeten, auf dem wir geboren wurden und gelebt haben, sondern die Region, die wir jetzt bewohnen; jetzt, im Leben nach dem Tod.“
„Sie scheinen mir verwirrt zu sein“, entgegnete Darwin mit einem Gesichtsausdruck, als beschrieben seine Worte seinen eigenen Zustand. „Das hier ist das Leben, ein Leben nach dem Tod gibt es nicht.“
Edgar forschte in den Augen seines Gesprächspartners. Konnte es sein, dass der Vater der Naturwissenschaft die Existenz des Himmels verleugnete, weil sie seiner Vorstellung von der Evolution widersprach? Konnte ein Leben nach dem Tod nicht sein, weil es keines geben durfte?
„Wie alt sind Sie?“, fragte Edgar und bewirkte damit, dass Darwin wieder lächelte.
„Einen alten Mann darf man das fragen. Aber seien Sie bitte nicht enttäuscht, wenn ich Ihnen sage, dass ich vor geraumer Zeit aufgehört habe, die Jahre zu zählen. Im Alter vergisst man so manches.“
„Wissen Sie, welches Jahr wir haben?“
„Was meinen Sie?“
„Ich meine, wenn Sie die aktuelle Jahreszahl wissen, können Sie Ihr Alter errechnen.“
Das Gesicht des Wissenschaftlers hellte sich kurz ein wenig auf. „Das ginge tatsächlich, aber leider, fürchte ich, bin ich auch dahingehend überfragt. Aber warten Sie: Mein Freilandexperiment mit den Regenwürmern läuft heuer das … einhundertvierundsechzigste Jahr, glaube ich. Das kann ich Ihnen aber genau sagen, da muss ich nur in meinen Aufzeichnungen nachschlagen.“ Mühsam beugte er sich nach vorne, um sich aus seinem Sessel zu erheben, welcher dies mit einem Ächzen quittierte.
„Warten Sie“, sagte Edgar schnell, „ich glaube, das ist nicht nötig. Wie alt waren Sie, als Sie mit dem Experiment begannen?“
Darwin verharrte in seiner vorgebeugten Stellung und seine Augen wandern nach links oben. „Damals muss ich … um die Vierzig gewesen sein.“
„Das bedeutet, Sie sind heute über zweihundert Jahre alt, habe ich Recht?“
„Da haben Sie Recht, über zweihundert, ja.“
„Kommt Ihnen das nicht seltsam vor? Ich meine, dass Sie so alt werden konnten.“
Der Wissenschaftler lachte meckernd und ließ sich wieder in seinen Polstersessel zurücksinken. „Seit ich regelmäßig das Wasser von Malvern trinke, erfreue ich mich einer relativ stabilen Gesundheit. Die Natur meint es gut mir.“

Edgar erkannte das Problem. Wie alle im Himmel lebte auch Charles Darwin in seiner selbst erschaffenen Welt, doch im Gegensatz zu den anderen war er sich dessen nicht bewusst. Da gerade ihm als Naturwissenschaftler die Unmöglichkeit seines hohen Alters hätte klar sein müssen, ging Edgar davon aus, dass Darwin die Gegebenheiten schlichtweg verleugnete und er fragte sich, warum. Er war davon ausgegangen, dass der Gelehrte seinem Forscherdrang freien Lauf gelassen hätte, sowie er erkannt hatte, dass es ein Jenseits gab.
Doch dann erinnerte Edgar sich an die Seele der Frau, der er am Tag seines Todes im Krankenhaus begegnet war. Sie hatte die vorbeikommenden Lebenden um Hilfe gebeten, weil sie gar nicht erkannt hatte, dass sie gestorben war. Charles Darwin hatte wohl das Problem, dass sich die tatsächlichen Gegebenheiten nicht mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen deckten, die er sein gesamtes Leben lang gewonnen hatte. Das mochte der Grund dafür sein, dass er diese Gegebenheiten einfach leugnete. Eine tragische Angelegenheit, denn wie Edgar sich ebenfalls erinnerte, hatte ihm der Silberne damals erklärt, dass niemand diesen Seelen helfen konnte. Sie mussten selbst erkennen, dass ihre Zeit als Lebende vorüber war.

Edgar erhob sich und reichte Darwin die Hand zum Abschied, welcher sie mit den genau gleichen Bewegungen nahm, wie vorhin. „Es hat mich gefreut, mit Ihnen zu plaudern. Können Sie mir vielleicht noch den Namen eines fähigen Astronomen nennen?“ Edgar hegte die Hoffnung, die Seele eines Naturwissenschaftlers zu finden, der sich seiner Situation bewusst war und versuchte, sie wissenschaftlich zu erklären. Speziell nach einem Astronomen fragte er deshalb, um Darwin nicht zu brüskieren, falls dieser glaubte, Edgar würde ihm einen Konkurrenten vorziehen.
Charles Darwin dachte nach. „Ja, in letzter Zeit war viel die Rede von einem … Stephen Hawking, glaube ich. Er hat Sir Isaac Newtons Lehrstuhl inne, in Cambridge.“
Ein Schreck durchzuckte Edgar – Hawking war tot? Im nächsten Moment ärgerte er sich über sich selbst. Hatte er angenommen, dass die Zeit auf der Erde stehen geblieben war, nur weil er nicht mehr daran teilhatte? Er bedankte sich bei Charles Darwin und verließ den Raum aus Holz, Sonnenlicht und Verblendung.
Gleich nachdem der Kammerdiener die Tür geräuschvoll hinter ihm geschlossen hatte, wünschte Edgar sich zu Stephen Hawking. Die Konturen zerflossen und die Farbnebel ordneten sich neu.

Als die neu gebildeten Konturen konkret wurden, stand Edgar inmitten riesiger, vieleckiger metallischer Schachteln, die die Sonne reflektierten. Er orientiert sich und erkannte, dass das betonierte Plateau, auf dem er stand, die höchste Erhebung einer anscheinend endlosen Landschaft aus rostroten Sandhügeln war. Etwa zehn Meter von ihm entfernt standen ein paar Seelen zusammen, die weiße Schutzhelme trugen. Eine von ihnen, ein Mann, drehte sich um, als hätte er etwas gehört. Als er Edgar entdeckte, lächelte er und kam auf ihn zu. „Kommen Sie zu mir?“
Edgar zögerte mit einer Antwort. Er hatte erlebt, dass im Himmel fast alles möglich war, glaubte aber dennoch nicht, dass Stephen Hawking sich hier das Aussehen eines blonden Hünen Mitte vierzig zugelegt hatte. Deshalb erwiderte er: „Ich fürchte nicht.“
Der Mann schüttelt ihm die Hand. Sein Lächeln wirkte ehrlich, machte ihn sympathisch. „Ich bin Doktor Sven Nansen, nicht verwandt mit Fridtjof Nansen, falls Sie das gleich fragen wollen.“
Als Edgar lachte, spürte er, wie befreit, ja entspannt sich das nach der Begegnung mit Darwin anfühlte. „Keine Sorge, will ich nicht. Aber sagen Sie, Stephen Hawking ist nicht zufällig hier?“
Der Blick des Blonden wurde mit einem Mal wachsam. „Hawking? Ist er tot?“
„Ich … ich weiß nicht. Ich komme gerade von Charles Darwin und der hat gemeint …“
Nansen lachte wiehernd auf. „Darwin! Wie sind Sie denn an den senilen Greis geraten? Der glaubt nach einhundertfünfzig Jahren ja immer noch, dass er Regenwürmer beobachtet!“
Edgar musste wieder lachen. „Ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, warum ich hier gelandet bin. Ich habe mich zu Stephen Hawking gewünscht und aufgetaucht bin ich hier.“
„Das kann ich erklären.“ Sven Nansen legte Edgar die Hand um die Schulter und führt ihn im Spazierschritt an den Rand des Plateaus, während er sprach. „Bei einer naturwissenschaftlichen Konferenz bin ich kürzlich mit Darwin ins Gespräch gekommen. Wir sind uns zwar schon hundertmal begegnet, doch er vergisst jedes Mal wieder, wer ich bin und deshalb hat er mich auch diesmal wieder gefragt, was ich so tue. Ich habe ihm erklärt, ich sei Astrophysiker, in seiner Sprache also so etwas wie ein Astronom, und ich würde die Lehren von Stephen Hawking weiterentwickeln. Ich war mir ganz sicher, der Alte würde wieder kein Wort von dem verstehen, was ich ihm über meine Arbeit erzählte und so war es dann wohl auch. Wahrscheinlich ist nur Hawkings Name bei ihm hängen geblieben.“
„Und weil Darwin Hawking mit Ihnen in Verbindung gebracht hat und Sie engen Bezug zu Hawking haben, bin ich bei Ihnen gelandet?“
„Anscheinend – was aber ein gutes Zeichen ist, immerhin bedeutet es wohl, dass der gute Stephen noch unter den Lebenden weilt.“
Am Rand des Plateaus angekommen sah Edgar in einiger Entfernung schräg unter sich ein paar Gebäudekomplexe, zu denen eine asphaltierte Straße hin- und dahinter weiter bis zum Horizont führte.
Nansen deutete mit einer weit ausladenden Geste auf die Wüstenlandschaft vor ihnen. „Da die Dinge so gelagert sind, nehme ich an, dass Sie keine Ahnung haben, was das hier ist.“
„Sie nehmen richtig an.“
„Das hier ist das Paranal-Observatorium. Wir befinden uns in der Atacama-Wüste in Chile. Oder besser gesagt, in der Nachbildung derselben hier im Himmel.“
„Sie sind sich also bewusst, dass Sie tot und im Himmel sind?“
Nansen lachte einmal mehr hell auf. „Aber selbstverständlich, lieber Freund. Ich bin bei einem Unfall am Flughafen von Antofagasta ums Leben gekommen. Glauben Sie nur nicht, dass alle Naturwissenschaftler die Existenz des Himmels verleugnen, nur weil Darwin es nicht geschafft hat, ihn in sein Weltbild zu integrieren. Natürlich war ich überrascht, als ich hier angekommen bin, was denken Sie denn? Aber ich hatte kein Problem damit, anzuerkennen, dass es eben mehr gibt, als ich oder meine Kollegen zu erklären imstande sind. Wie sagt Hawking: Irgendwann stößt jeder Wissenschaftler an die Grenzen dessen, was er erklären kann. Und was sich dahinter befindet, da ist noch genug Platz für Gott.“
Edgar spürte sich von einem warmen Gefühl der Zuversicht durchströmt. Wenn ihm jemand die Natur des Himmels erklären konnte, dann wohl dieser Nansen – und der bereitete gerade in dem Moment den Weg dafür: „Aber jetzt erzählen Sie einmal, warum zuerst Darwin und jetzt Hawking?“
„Weil ich auf der Suche nach jemandem bin, der mir den Himmel erklären kann.“
„Den Himmel erklären? Sollten Sie da nicht besser einen verstorbenen Papst aufsuchen?“
„Mir geht es eher um einen wissenschaftlichen Ansatz. Wie kann es sein, dass uns hier alle Wünsche erfüllt werden?“
„Ich habe keine Ahnung.“
„Wie, würden Sie sagen, sieht der Himmel in etwa aus?“
„Der Himmel ist eine spirituelle Region, beschränkt nur durch die Grenzen unserer Wünsche.“
„Was liegt außerhalb?“
„Wunschpotenzial würde ich sagen. Ich weiß, Sie wollen Antworten, aber leider sehe ich mich außerstande, Ihnen welche zu geben. Dass wir nach unserem Tod alle hier landen, ist eine Tatsache, die die Wissenschaft als gegeben hinnimmt. Aber viel mehr wissen auch wir nicht.“

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Roland Zingerle

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Kapitel 20: Die Lehre vom Himmel

Kapitel 20: Die Lehre vom Himmel

In dem riesigen Hörsaal findet Edgar Wissenschaftler aus allen Epochen vor. Beginnt hier seine Suche nach der „Lehre vom Himmel“?

Edgar ging davon aus, dass die große Anzahl an Hörern daher rührte, dass die Seelen aus unterschiedlichen Epochen stammten, also zum Teil viele hundert Seelenjahre alt waren. Folglich musste es in dem Vortrag hier um ein sehr altes, sehr grundlegendes Wissensgebiet gehen, das mehreren kulturellen Disziplinen ein Fundament geben konnte. Edgar konzentrierte sich auf den Vortragenden und stellte überrascht fest, dass dieser über die verkaufsbeeinflussenden Wirkungen des Zusammenspiels von Form und Funktion von IT-Produkten auf den Massenmarkt des beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts referierte.
Edgar wandte sich an die Seele, die neben ihm saß und das Aussehen eines Mannes in vorgerücktem Alter hatte. „Entschuldigen Sie, ich bin neu hier, können Sie mir sagen, wie es sein kann, dass sich so viele Seelen einem so modernen Thema zuwenden?“
Der Angesprochene mustert ihn mit großen Augen. „Sie müssen zufällig hier hereingeraten sein.“
„Das stimmt, aber wie kommen Sie darauf?“
„Weil wahrscheinlich alle anderen Hörer nur wegen des Vortragenden hier sind.“
„Ich nehme an, ich müsste ihn kennen?“
„Ja – und wenn Sie im einundzwanzigsten Jahrhundert gestorben sind, auf jeden Fall. Es ist Steve Jobs, Gründer und Mastermind des IT-Unternehmens Apple. Seit er hier ist, spricht er quasi ununterbrochen vor einem Megapublikum.“
„Aber wie ist das möglich? Ich meine, so viele wissenschaftlich interessierte Menschen werden ja seit Jobs’ Tod nicht gestorben sein, oder doch?“
„Das nicht, aber die Wissenschaftler vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte sind mindestens ebenso interessiert an Neuerungen, wie die der jüngsten Vergangenheit. Wissenschaftliche Neugier endet nie, wissen Sie? Vor allem, wenn man immer am Ball geblieben ist. Andererseits spricht es sich auch in allen der Gegenwart zugewandten Bereichen wie ein Lauffeuer herum, wenn ein Prominenter stirbt. Viele kommen nicht wegen des Inhalts des Vortags, sondern um Jobs live zu erleben.“
„Was meinen sie mit ‚der Gegenwart zugewandten Bereichen‘?“
Der Mann musterte Edgar einmal mehr mit großen Augen. „Sie sind noch nicht lange tot, stimmt’s?“
„Doch, doch, aber ich … offenbar habe ich mich zu wenig um diese Dinge gekümmert.“
„Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass viele Bereiche des Himmels Themen abdecken, die Sie aus Ihrem Alltagsleben kennen und die hier so gehandhabt werden, wie Sie es auch in Ihrem Leben auf der Erde taten.“
„Ja, ist mir aufgefallen.“
„Das liegt daran, dass die meisten Seelen, wenn sie neu hier ankommen, den Lebensstil beibehalten, den sie gewohnt sind. Im Laufe der Zeit, wenn mehr und mehr neue Seelen hinzukommen, verändert sich diese Lebensweise so weit, dass die älteren Seelen nichts mehr damit anzufangen wissen. Ein Generationenproblem, wenn Sie so wollen. Die älteren Seelen wenden sich dann anderen Interessen zu oder gründen eigene Himmelsbereiche, in denen sie ihren gewohnten Lebensstil weiterleben wie bisher, womit sie im Laufe der Zeit immer weiter ins Abseits rutschen. Diese Bereiche betritt eine außenstehende Seele nur, wenn sie gezielt einen alten Verwandten oder Bekannten sucht, der darin lebt. Diejenigen, die auf den Zug der Zeit aufspringen und sozusagen jung mit den Jungen bleiben, bilden nur eine verschwindende Minderheit.“
Edgar war begeistert! Er hatte also die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Beispiel seiner Großeltern gezogen. Die Vorstellung, dass der gesamte Himmel voller quasi abgeschlossener Blasen war, in denen jeweils ein Klüngel Seelen in einer Weise lebte, die sonst niemand wollte, faszinierte ihn. Kurz malte er sich aus, wie viele Generationen schon vor ihm im Himmel eingetroffen sein mochten, wie viele unterschiedliche Interessensbereiche es wohl geben mochte und wie viele kleine, regional abgeschlossene Gemeinschaften. Die Anzahl dieser Blasen musste schier unendlich groß sein!
In seiner Begeisterung überfiel er seinen Sitznachbarn geradezu mit Fragen. „Was ist das hier überhaupt? Bin ich hier in einer Universität? Wie ist das hier geordnet, ich meine, der Olymp der Wissenschaft?“
Sein Gesprächspartner lächelte. „Der Tempel auf dem Gipfel des Olymps der Wissenschaft ist das Portal zu den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, die durch die Säulen symbolisiert sind. Hier befinden Sie sich bei den Wirtschaftswissenschaften.“
„Und woher weiß ich, in welcher Säule welche Wissenschaft steckt?“
„Seien Sie doch nicht so weltlich! Sie wünschen sich einfach zu der wissenschaftlichen Disziplin Ihrer Wahl und gehen auf eine beliebige Säule zu.“
Edgar musste unwillkürlich lachen, denn wenn das so war, brauchte es ja gar kein Portal wie diesen Olymp der Wissenschaft, um hierher zu gelangen. Dass es ihn hierher verschlagen hatte, mochte daran liegen, dass er sich vorhin gefragt hatte, wo die Spuren der Gegenwart seien.
„Gibt es hier eine Wissenschaft, die sich um die Erforschung des Himmels kümmert?“
Edgars Gesprächspartner sah ihn schon wieder mit großen Augen an, diesmal jedoch in einer Weise, als sei ihm diese Frage noch nie in den Sinn gekommen. Dann schüttelt er langsam den Kopf. „Ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen.“
„Woran liegt das?“
„Ich nehme an, an den schier unendlichen Möglichkeiten, die der Himmel uns Wissenschaftlern bietet. Wir können hier in einem Zustand ohne Limit arbeiten, ohne finanzielle Forschungsmittel auftreiben zu müssen und mit Methoden, die zum Teil körperlich gar nicht möglich wären. Das hätten wir uns in den Verhältnissen, in denen wir vor unserem Tod waren, nicht einmal zu träumen gewagt. Im Mikro-, wie im Makrobereich können wir hier Materialien auch außerhalb der physikalischen Grenzen manipulieren, denen wir im Diesseits unterworfen waren. Das gibt uns einen völlig neuen Zugang zur Forschung in unseren Spezialdisziplinen. Da hat keiner mehr Kapazitäten frei, um zu sagen: Jetzt erforschen wir den Himmel.“
„Aber interessiert niemanden, woher das alles kommt? Wie es funktioniert?“
„Aber natürlich tut es das. Das Problem ist nur, dass es eben keine eigene Wissenschaft gibt, die sich um die Erforschung des Himmels kümmert. Folglich existiert auch kein Feld, auf dem sich ein fähiger Wissenschaftler profilieren könnte.“
„Aber wäre es kein lohnendes Ziel, eine solche Wissenschaft aufzubauen und sich damit zu profilieren?“
Der große Blick von Edgars Sitznachbarn wurde diesmal von Gelächter begleitet. „Selbstverständlich wäre es das! Nur leider beißt sich hier die Katze in den eigenen Schwanz: Wenn ein ehrgeiziger Wissenschaftler in den Himmel kommt, lernt er die verfügbaren Möglichkeiten kennen und beginnt quasi automatisch damit, seine auf der Erde begonnene Forschung fortzusetzen; es ist einfach zu verlockend. Und – schwupps! – schon ist er mitten in der Sache drin, hangelt sich von einer Erkenntnis zur nächsten, publiziert seine Forschungsergebnisse, führt fachliche Polemiken und kommt überhaupt nicht mehr auf die Idee, etwas anderes anzugreifen.“
„Ich kann nicht glauben, dass es nie den Versuch gegeben hat, eine solche Disziplin zu gründen.“ Edgar schüttelte verständnislos den Kopf.
„Ich bin mir sicher, das hat es. Aber offenbar wurde dieser Versuch nicht von ausreichendem Erfolg gekrönt, um fortgeführt zu werden.“
„Wo, glauben Sie, könnte ich Seelen finden, die das versucht haben?“
Der Mann dachte nach. „Ich würde sagen, am ehesten kämen für so etwas die Religionswissenschaftler in Frage. Oder die Philosophen. Eventuell auch die Thanatologen. Wobei … nein, ich an Ihrer Stelle würde bei den Naturwissenschaftlern beginnen.“

* * *

Edgar konnte es einfach nicht fassen. Er hatte in seinem irdischen Leben so viel über diesen Mann gehört, und auch wenn er nie einen wirklich tiefen Einblick in dessen wissenschaftliche Arbeit gewonnen hatte, so war von ihm doch immer wieder in Fernsehdokumentationen als vom „Vater der modernen Wissenschaft“ gesprochen worden. Er war es, der als Erster die Schöpfungslehre der Kirche wissenschaftlich widerlegt hatte. Und jetzt saß er, Edgar, in einem voluminösen Ledersessel vor dem Büro dieser historischen Persönlichkeit und warte auf eine Audienz.
Von der Einrichtung der Arbeitsräume her zu schließen, hatte es der alte Mann gern rustikal – vielleicht war er aber nur dem Stil seiner Zeit verhaftet geblieben. Das hätte auch erklärt, warum er einen Kammerdiener hatte, der sich Edgar nun in einer Uniform näherte, in der er wie eine aufrecht gehende Schildkröte im Panzer wirkte.
„Sie dürfen nun eintreten“, sagte dieser in einer Weise, als würde Edgar dadurch eine besondere Gnade zuteil. Und als wollte er diesen Eindruck noch verstärken, trat der Diener an eine alte, polierte Holztür und öffnete sie für Edgar. An der Tür prangte ein ebenfalls auf Hochglanz poliertes Messingschild mit der verschnörkelten Aufschrift „Charles Robert Darwin“.
Die schwere Messingklinke klackte laut, das Holz und die Angeln knarrten. Es war, als führte der Schritt durch die Tür Edgar in eine versunkene, fremde Welt: Der Boden von Darwins Arbeitszimmers war mit Dielenbrettern ausgelegt, die sich im Laufe offenbar sehr langer Zeit verzogen hatten, so dass sich zwischen ihnen ungleichmäßig breite Spalten gebildet hatten. Da die Bretter sauber poliert waren, wirkte diese Unregelmäßigkeit nicht unordentlich, sondern heimelig. Alle Wände waren bis zur Decke mit massiven Schränken und Regalen aus rötlichem Holz verbaut, deren Fächer großteils dicke Folianten trugen. Auch die Decke war mit Holz verkleidet, sie zeigte ein einfaches Kassettenmuster, und so wie der Boden, waren alle Holzflächen in diesem Bureau auf Hochglanz poliert. Die Strahlen der Sonne, die durch die Glasfelder eines riesigen Bogenfensters gegenüber der Eingangstür hereinfielen, spiegelten sich golden an vielen dieser Flächen. Auch an einem Globus von etwa anderthalb Metern Durchmesser, der neben einem wuchtigen, direkt vor dem Fenster platzierten Schreibtisch stand, welcher auf verschnörkelten Beinen ruhte. Hinter dem Schreibtisch und durch das Gegenlicht für Edgar nur als Silhouette erkennbar, thronte, regungslos, wie ein Monument der Naturwissenschaft, Charles Darwin.
Das Gegenlicht war so intensiv, dass Edgar Darwins Gesicht erst erkennen konnte, als er direkt am Tisch stand. Der große Forscher sah genauso aus, wie er ihn von Fotos aus dessen Altersjahren in Erinnerung hatte: Ein weißer Haarkranz umrahmte seine Glatze und ging in einen mächtigen Rauschebart über. Unter der faltigen Stirn erhoben sich die charakteristisch ausgeprägten Augenwülste, an denen buschige Brauen wuchsen. Als Edgar in die winzigen stechenden Augen sah, die aus den darunterliegenden tiefen und dunklen Höhlen hervorstarrten, erschrak er. Der Blick dieser Augen hatte etwas einschüchternd Primitives, es war, als seien es die eines Gorillas und nicht die eines der bedeutendsten Wissenschaftlers der Menschheit.
Zögernd streckte Edgar die Hand zum Gruß aus. Darwins Augen zuckten kurz zu der Hand, suchten dann aber wieder Edgars Blick. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er überhaupt in Bewegung kam und dann noch eine Ewigkeit, bis er seine Hand hob und die von Edgar ergriff. Die Bewegungen des alten Mannes wirkten so umständlich, dass Edgar glaubte, das damit einhergehende Knarren käme von dessen Gelenken und nicht vom voluminösen, lederbezogenen Polstersessel, in dem er sich nach vorne beugte. Darwins Hand fühlte sich schlaff an.
„Schmied, angenehm.“ Seine eigenen Worte kamen Edgar banal vor, fast schon dumm.
Charles Darwin sagt nichts, er deutete nur auf den Boden hinter Edgar, als böte er ihm einen Sitzplatz an. Tatsächlich stand da plötzlich ein kleiner, einfacher Holzstuhl, der ebenfalls knarrte, als Edgar sich auf ihm niederließ. Das fortwährende Schweigen des Wissenschaftlers verunsicherte ihn, es verhinderte eine Einschätzung dessen Charakters.

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 19: Auf dem Olymp der Wissenschaft

Kapitel 19: Auf dem Olymp der Wissenschaft

Auf seiner Suche nach Erkenntnis begibt Edgar sich in den Wissenschaftsbereich des Himmels. Er braucht jedoch einige Zeit, um sich an die etwas speziellen Umstände hier zu gewöhnen.

Doch das war natürlich Unsinn, befand Edgar, denn wer immer das alles erschaffen hatte, die Erde, den Himmel, den Menschen, der hatte ganz sicher keine Angst davor, dass der menschliche Forscherdrang seine Schöpfung entzaubern könnte. Andrea hatte also Recht, wenn sie behauptete, den Seelen – und das galt wohl für alle Kreaturen – sei alles erlaubt, zu dem sie fähig seien. Wer immer Gott auch sein mochte, er würde seinen Geschöpfen nicht die Anwendung von Fähigkeiten verbieten, durch die er sie definiert hatte. Folglich musste es erlaubt sein, Fragen über die Beschaffenheit des Himmels zu stellen und Antworten darauf zu suchen.

Entschlossen stand Edgar auf und begann den Abstieg. Er wusste, an wen er sich zu wenden hatte, nämlich an die Seelen jener Menschen, die schon ihr irdisches Dasein dem Zweck gewidmet hatten, Fragen über die Natur des Lebens analytisch zu beantworten. Er wäre jede Wette eingegangen, dass es einen Bereich im Himmel gab, in dem sich die verstorbenen Wissenschaftler zusammenfanden. Vermutlich forschten einige von ihnen schon längst am Leben nach dem Tod und möglicherweise waren sie der Wahrheit ja schon näher, als Edgar dachte.

* * *

Am Fuß seines Berges angekommen, wünschte sich Edgar ins „Zentrum der Wissenschaft“. Als der Wunsch in Erfüllung ging und die Nebel sich klärten, stand er noch immer am Fuß eines Berges. Es dauerte einen Moment bis ihm klar wurde, dass es sich um einen anderen, einen ausgesprochen ungewöhnlichen Berg handelte. Es hatte den Anschein, als wäre er ein künstliches Konstrukt aus weiß getünchten Betonkugeln unterschiedlicher Größe. Zwischen den miteinander zu starren Wolken verschmolzenen Kugeln führte ein gewundener Weg nach oben, eigentlich eine Treppe, deren Stufen zwar alle gleich hoch, je nach Steilheitsgrad des jeweiligen Abschnitts aber unterschiedlich tief waren. Der Berg insgesamt hatte die Form einer spitzen, sehr steilen Pyramide. Auf ihrem Gipfel, der von weißen Wolken umzogen war, erkannte Edgar die ebenfalls weißen Säulen eines antiken Tempels, auf denen ein riesiges, verziertes Steindreieck thronte.
Sowohl auf der Treppe als auch am Fuß des Berges wandelten Gestalten, die auf Edgar wirkten, als seien sie einem Historienfilm entsprungen. Es waren alte Männer mit langen Bärten und kurzen Haarkränzen. Sie waren in Togen gehüllt, trugen Sandalen und hielten Schriftrollen und Holzkästen unter dem Arm. Ihre Kleidung und ihre Haare waren ebenso weiß, wie der Berg. Teilweise standen die Männer zu zweit oder in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich leise, wobei ihre Gesten und Mimiken Edgar den Eindruck vermittelten, es ginge um wichtige, weltbewegende Dinge. Andere alte Männer saßen auf den Kugeln, aus denen der Berg gemacht war, lasen in den Schriftrollen, beschrieben sie oder waren in den Inhalt ihrer Holzkästen vertieft, die geöffnet auf ihren Knien lagen. Einer von ihnen saß in Edgars Nähe, so dass dieser sehen konnte, was der Kasten enthielt: eine weiße Schreibfeder, ein Tintenfässchen aus gebranntem Ton, ein trapezförmiges Holzblatt und einen kleinen spitzen Stab, der wie ein Bleistift aussah, nur ohne Miene. Der untere Innenteil des aufgeklappten Kastens war mit Wachs gefüllt, hierauf schrieb der Mann mit dem Stab; er ritzte Schriftzeichen in das Wachs. Kaum war die Wachstafel vollgeschrieben, nahm der Alte das Holzblatt und zog es wie eine Spachtel über das Wachs, wodurch er das Geschriebene löschte und die Oberfläche für eine neue Beschriftung glättete.
Edgar ging zu dem Portal, das den Beginn der Stiege markierte. Es bestand aus zwei kunstvoll verzierten Säulen, auf denen ein steinernes, mit griechischen Schriftzeichen behauenes Dreieck ruhte. Er wandte sich an einen der Männer in unmittelbarer Nähe: „Verzeihung, können Sie mir sagen, was die Schriftzeichen da oben bedeuten?“
Der alte Mann sah etwas verloren von seiner Schriftrolle auf, begann aber gleich zu lächeln. „Aber ja.“ Seine Stimme klang tief und sonor. „Da steht ‚Willkommen auf dem Olymp der Wissenschaft‘.“
„Olymp der Wissenschaft? Was ist das?“
„Nun, es ist das Zentrum der Wissenschaft der gesamten Menschheit.“
„Okay – aber warum ‚Olymp‘?“
Der Alte setzte einen versonnenen Blick auf. „Das antike Griechenland gilt als Wiege der westlichen Zivilisation. Es war eine Epoche, in der Vieles, was die menschliche Zivilisation ausmacht, zu einer Hochblüte gelangte. Die schönen Künste, zum Beispiel, mit dem antiken Drama. Und auch die Wissenschaft und die Philosophie. Der Berg Olymp galt als die Heimat der griechischen Götter, tja, und irgendwann setzte man die Kultur mit der Religion gleich.“
„Der Olymp als Heimat der Götter der Wissenschaft?“
Der Alte legte in einer entschuldigenden Geste den Kopf schräg und erwiderte: „Wir Wissenschaftler sind mitunter eitle Seelen.“
Edgar bedankte sich und begann, die Treppen hinaufzusteigen.
Die Seelen, die ihm begegneten, bewegten sich sehr bedächtig. Sie schritten langsam von Stufe zu Stufe mit teils gesenktem, teils gehobenem Blick, aber alle mit einem feinsinnigen Lächeln auf den Lippen und einem in kontemplatives Nachsinnen versunkenen Ausdruck auf dem Gesicht. In den Kehren der Treppe rasteten sie vereinzelt auf den Kugeln des Berges und hatten dabei Körperhaltungen eingenommen, mit denen sie wie Figuren aus einem alten Gemälde wirkten, welches antike Denker zeigt.
Edgar saugte diese Atmosphäre der gedankenvollen Einkehr in sich auf, während er den Olymp der Wissenschaft erklomm. Der Weg nach oben kam ihm wie eine Ewigkeit vor, doch er hatte die Ahnung, dass dieser Aufstieg ein Symbol des Erkenntnisweges sein sollte, den jeder Wissenschaftler zu gehen hatte. Darum wünschte sich Edgar auch nicht direkt auf den Gipfel, sondern nahm die Treppe in Kauf. Mehr noch, er versuchte, sein Tempo dem der alten Männer anzugleichen. Das wollte ihm aber nicht recht gelingen, denn er war viel zu neugierig auf das, was ihn da oben erwartete und auf die Antworten auf die Fragen, wegen denen er gekommen war.

Am Gipfel erwartete Edgar eine Überraschung. Während die Treppe unter ihm nahezu in Wolken verschwand, breitete sich vor ihm, direkt hinter dem Säulentempel, ein Meer aus, an dessen Horizont gerade die Sonne unterging. Die Stimmung erinnerte ihn vage an einen der Griechenlandurlaube, die er zu seinen Lebzeiten mit Heike unternommen hatte, doch in Verbindung mit der wiederbelebten Antike hier, war der Eindruck anders, ruhiger, vergeistigter.
Edgar überblickte das Plateau, auf dem er stand. Es hatte etwa die Größe eines Fußballfeldes und der Tempel nahm die gesamte Fläche ein. Sollte das etwa das Zentrum der Wissenschaft sein, ein paar überdachte Säulen mit darin umherwandelnden alten Männern? Und warum dieses antike Äußere? Hatten sich die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen nicht erst in der Neuzeit so richtig entfaltet? Wo waren die Spuren der Gegenwart?
Edgar bemerkte schnell, dass ihm etwas entgangen war. Als er nämlich zu der nächstgelegenen Säule blickte, erkannte er, dass sich der Raum dort merkwürdig zu vertiefen schien. Es machte den Eindruck, als würden Männer, die auf die Säule zugingen, immer kleiner wurden. Dasselbe Phänomen trat auch an den anderen Säulen auf. Kurzentschlossen ging er auf die nächstgelegene Säule zu und tatsächlich wurde der Weg vor ihm umso länger, je weiter er ging. Die Säule wurde zunächst immer größer, dann immer transparenter und schließlich erschien an ihrer Stelle ein geräumiger Gang, dessen Innenarchitektur Edgar stilistisch in die neunzehnhundertsiebziger Jahre einordnete. Auch die Männer, die in dieselbe Richtung gingen wie er, veränderten ihr Aussehen, während sie sich fortbewegten. Nach ihrer Metamorphose trugen sie anstelle ihrer Togen und Bärte legere Anzüge oder bequeme Straßenkleidung, waren frisch rasiert oder hatten kurze, gepflegte Bärte. Die meisten von ihnen schienen nun um Jahrzehnte jünger zu sein und hatten volles Haar, das sie vorwiegend kurz geschnitten und gescheitelt trugen. Sie sahen nun aus wie die wissenschaftlichen Mitarbeiter einer Universität aus Edgars Lebenszeit. Als er sich umdrehte, um einem Mann seines Alters nachzusehen, der ihm entgegengekommen war, konnte er beobachten, wie dieser sich im Weitergehen in einen alten Mann mit Rauschebart und Toga verwandelte und die Ledermappe unter seinem Arm in ein Holzkästchen und einige Schriftrollen. Am Ende des Ganges, dort, von wo Edgar gekommen war, sah er nun eine doppelflügelige Tür, die, wenn sie geöffnet wurde, den Blick auf die anderen Tempelsäulen freigab.
Vor Edgar schien der Gang endlos weiterzugehen und ebenso endlos schien der Strom an Seelen zu sein, die hier in beide Richtungen marschierten. An den Seitenwänden befanden sich in regelmäßigen Abständen von wenigen Metern Türen, die alle gleich aussahen. Ihre schier unendliche Zahl in Verbindung mit der perspektivischen Verjüngung des Ganges wirkte auf Edgar, als befände er sich hier im wahr gewordenen Alptraum von einem Amtsgebäude. Im Vorbeigehen erhaschte er immer wieder einen Blick in die Räume dahinter, wenn Seelen aus diesen herauskamen oder in diese eintraten. Er sah Büroräume, Hörsäle, großräumige Laboratorien und andere Gänge.
Irgendwann wurde ihm seine Wanderung durch den Gang zu fade. Da die Türen nicht beschildert waren, ergriff er kurzerhand die Schnalle der nächstbesten und trat ein. Er fand sich in einem abgedunkelten Hörsaal wieder, wo er sich in der obersten Sitzreihe niederließ. Der Saal war von gigantischer Größe, seine stufenförmig angeordneten Sitzreihen bilden Halbkreise. Auf der Präsentationsebene ganz unten stand ein Vortragender vor einer 3-D-Projektionsarena. Trotz der Entfernung von zumindest einem Kilometer hörte Edgar jedes Wort des Vortrags einwandfrei und konnte die projizierten 3-D-Animationen in jedem Detail erkennen; ebenso wie die Mimik des Dozenten. Es war dasselbe Phänomen, das er schon in dem Fußballstadion erlebt hatte, in das Fred ihn gleich nach seiner Ankunft gebracht hatte. Edgar fiel auf, dass das Auditorium gut gefüllt war. Im Gegensatz zu einem Fußballstadion, in dem die Stimmung auch von der Anzahl der Zuschauer abhängig war, hatte die Anzahl der Hörer keinen Einfluss auf einen wissenschaftlichen Vortrag und wenn, dann einen negativen in Form von Störgeräuschen. Edgar glaubte deshalb nicht, dass die Anwesenden hier künstlich erschaffene Figuren waren. In Anbetracht der Größe des Hörsaals bedeutete das eine enorm hohe Zahl an Seelen, die dem Vortrag beiwohnten.
Edgar ließ das Ambiente auf sich wirken. Er fragte sich, warum das Tor zu diesem Bereich des Himmels ein antiker Tempel war, während es hier aussah, wie in einer Universität der Zukunft. Er machte sich klar, dass im Wissenschaftsbereich des Himmels andere Zusammenhänge am Werk waren, als etwa auf der Partymeile. Wie er auf seinem Weg hierher gesehen hatte, verwandelte sich das Äußere der Seelen so, dass sie in die Zeit passten, in der sie sich aufhielten. Sie schienen weniger Wert auf ein individuelles Äußeres zu legen als darauf, dazuzugehören. Ein echter Kontrapunkt zur Partymeile, wo es vor allem darum ging, sich möglichst von allen anderen abzuheben.

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Roland Zingerle

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Kapitel 18: Gedanken

Kapitel 18: Gedanken

Andreas Behauptung, die Seelen im Himmel würden sich nicht weiterentwickeln, setzt in Edgar eine Gedankenkaskade in Gang, die ihn nicht mehr loslässt.

Andrea sprach langsam weiter, als würde sie dabei nachdenken. „Das heißt aber auch, dass die Seelen, die sich dieser Dinge bewusst werden, zu faul sind, um ihre Weiterentwicklung in Gang zu setzen. Andernfalls würde ja Entwicklung stattfinden.“
„Vielleicht gibt es einfach zu wenige?“, räumte Edgar ein.
„Mag sein. Oder es ist, wie du sagst und sie sehen keine Notwendigkeit, sich zu entwickeln, weil sie alles haben, was sie brauchen.“ Andreas Blick wurde geistesabwesend. „Ich habe im Laufe der Zeit jede Menge Seelen kennengelernt, die den Himmel ähnlich kritisch sehen wie ich, aber die meisten nehmen die Dinge als gegeben hin und arrangieren sich damit.“
„Und die anderen?“
„Ein paar von ihnen, so wie Angus, haben den Himmel verlassen. Die anderen versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen.“
„So wie du.“ Andrea begegnete Edgars Blick in einer Mischung aus Zorn und Hilflosigkeit. Er sprach weiter, um sicherzustellen, dass sie ihn nicht missverstand: „Angus hat den Himmel verlassen, weil er sich nicht mit ihm arrangieren konnte. Du wagst diesen Schritt nicht, deshalb machst du das Beste aus deiner Situation, indem du von Himmelsbereich zu Himmelsbereich springst und verzweifelt versuchst, einen Sinn in all dem hier zu finden.“
Bei Edgars Worten mischte sich Bitterkeit in Andreas Miene. Sie wandte ihren Blick ab und er spürte ihre Traurigkeit, als sie sagte: „Es gibt so viele von uns. Ich verstehe nicht, warum der Himmel so ist, wie er ist.“
„Du meinst in einem Himmel, der diesen Namen verdient, müssten alle Seelen glücklich sein, auch solche wie du und Angus?“
„Ja, oder?“ Andreas Blick war hilfesuchend, nach Bestätigung flehend. Edgar nickte.

* * *

Zurück in seinem persönlichen Paradies erklomm Edgar die Klippe, um möglichst weit auf das Meer hinauszusehen. Als er bemerkte, dass ihm das noch zu wenig an Höhe war, entschied er, dass in seinem Refugium ein Berg fehlte. Entscheidung, Wunsch und Erschaffung dauerten nicht einmal eine Sekunde. Mit einem gewaltigen Krachen und Beben wuchs hinter der Klippe, gleich neben dem Wald, durch den Edgar damals sein Paradies betreten hatte, ein gewaltiger Berg in den Himmel. Sein Gipfel lag so hoch, dass er von ewigem Eis bedeckt war.
Edgar begann den Aufstieg. Er wollte sich unterwegs noch einmal all die Dinge durch den Kopf gehen lassen, die er in der Partymeile erlebt und über die er mit Andrea geredet hatte. Da kam es ihm sehr entgegen, dass er nicht nach einem Weg suchen musste, denn ein solcher begann direkt vor seinen Zehenspitzen, und auch wenn Edgar ihn noch nie gegangen war, so wusste er doch, dass er ihn direkt zum Gipfel führen würde. Einmal mehr schüttelte er den Kopf über die Perfektion, mit der der Himmel seine Wünsche erfüllte. Da Edgar sich einen Aufstieg wünschte, der ihn nicht zu sehr anstrengte, aber schnell voran brachte, gewann er mit jedem Schritt beachtlich an Höhe.

Andrea hatte gemeint, die einzige Art von Fortschritt im Himmel geschähe durch neues Wissen, das von den Verstorbenen mit in den Himmel gebracht würde. Von diesen, so dachte Edgar nun, könnten auch die alteingesessenen Seelen etwas Neues lernen – und an diesen neuen Erkenntnissen weiterforschen, wenn sie es denn wollten. Er konnte sich vorstellen, dass das vielen Seelen gefallen würde und möglicherweise wurde das in einigen Bereichen des Himmels ohnehin so gemacht.
Dann musste er an seine Großeltern denken und an die Seelen in ihrer Wohnstraße. Diese wollten von Neuerungen absolut nichts wissen. Lag das vielleicht daran, dass sie schon in ihren letzten Lebensjahren oder -jahrzehnten den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung verloren hatten? Waren sie schon im Diesseits so sehr mit ihrer eigenen Welt beschäftigt gewesen? Edgar nahm das Internet als Beispiel: In der letzten Lebensphase seiner Großeltern war das Internet in der breiten Bevölkerung schon gut eingeführt gewesen. Dennoch hätte er ihnen unmöglich erklären können, was das Internet überhaupt war. Einerseits hatte die Entwicklung des weltweiten Netzes so weit von ihren Alltagsnotwendigkeiten weg geführt, dass es vieler Vorerklärungen bedurft hätte; angefangen bei der Funktionsweise eines Computers, über jene einer Browsersoftware, bis hin zu den Anwendermöglichkeiten. Andererseits hätte es sie überhaupt nicht interessiert. Sie waren zufrieden mit dem, was sie hatten und deshalb hatten sie diesen Zustand wohl hier im Himmel zu ihrer eigenen heilen Welt ausgebaut. Das Ergebnis war ein Bereich, in dem es Seelen aus Edgars Generation nur für eine begrenzte Zeit aushielten.
Edgar dachte einen Schritt weiter. Seine Großeltern und ihre Altersgenossen mochte ihre heile Welt glücklich machen, denn sie hatten ein langes Leben mit extremen Höhen und Tiefen gehabt. Aber wie sah es mit den Seelen von Menschen aus, die, wie Edgar, relativ jung gestorben waren und hier in einem Bereich aufgingen, in dem sie ihre Talente, ihr Können und ihr Wissen anwenden konnten? Verloren die Seelen auf diese Weise ihren Bezug zur Tiefe des Lebens? Würde auch Edgar eines Tages seinen Platz in einem der Himmelsbereiche finden und stets dazulernen, wann immer neues Wissen den Himmel erreichte? Würde ihn das glücklich machen können und wenn ja, für wie lange? Über Jahrhunderte hinweg? Würde es ihm wie Andrea gelingen, auch die gesellschaftlichen Entwicklungen mitzumachen oder würde irgendwann der Punkt kommen, an dem er sagte: Das geht mir jetzt zu weit? Was würde dann mit ihm geschehen?
Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass die überwiegende Mehrheit aller Seelen, denen er seit seinem Tod begegnet war, erst seit wenigen Jahrzehnten hier war. Ging er von den Seelenjahren aus, also von der Anzahl der Jahre, die eine Seele bereits im Himmel war, bildeten jene mit einem Alter unter dreißig den Hauptteil. Von den älteren Seelen hatte er umso weniger angetroffen, je betagter sie waren. Solche im Alter zwischen siebzig und dreihundert Seelenjahren, wie Andrea, waren Ausnahmeerscheinungen, noch ältere, wie der vierhundertjährige Säufer in Edgars erster Stammkneipe, Einzelfälle; Exoten. Wenn der Himmel aber für die Ewigkeit angelegt war, wo waren dann all die älteren Seelen? Diese Frage entsprang weniger Edgars Neugier, als viel mehr einem egoistischen Interesse, zumal eines Tages auch er viele hundert Seelenjahre alt sein würde.
Wenn er an seine Großeltern dachte, die sich in einem eigenen Bereich abgekapselt hatten – lag da nicht der Schluss nahe, dass sich auch die anderen alten Seelen ihre eigenen Bereiche geschaffen hatten? Hieß das, dass Seelen, die etwa auf der Erde des vierzehnten Jahrhunderts gelebt hatten, sich hier in einem eigens erschaffenen Mittelalterbereich aufhielten? Würde er solche Bereiche des Himmels überhaupt betreten können? In den Bereich seiner Großeltern war er gelangt, weil er sich zu ihnen gewünscht hatte, er hatte also einen emotionalen Anknüpfungspunkt gehabt. Aber zu welcher Person aus dem zum Beispiel ersten Jahrhundert könnte er sich wohl wünschen? Zu einer berühmten historischen Figur? Zu Jesus?
Da schoss Edgar noch ein weiterer Gedanke durch den Kopf: Wenn er mit dieser Annahme Recht hatte, dann hatte der Himmel so etwas wie ein Baujahr, nämlich das Jahr Null. Das war logisch, immerhin war er ein christliches Konzept und bekam somit frühestens mit dem Tod des ersten Christen einen Sinn.

Mittlerweile hatte Edgar einen Aussichtspunkt erreicht, der ihm einen malerischen Blick über seine Bucht bot. Es war faszinierend, wie sehr das Ambiente seinem innersten Wesen entsprach. Als Mensch hatte er nie am Meer gelebt, doch wenn er nun auf seinen privaten Ozean hinabblickte, fühlte es sich so an, als sei an diesen Gestaden sein Elternhaus gestanden. Als er Andrea von diesen Gefühlen erzählt hatte, hatte sie gesagt, er hätte seine innersten Sehnsüchte räumlich interpretiert. Genau so fühlte sich das hier an.

Edgar setzte seinen Weg fort und knüpfte an den Gedanken von vorhin an. Er fragte sich, wo etwa die Seelen jener Menschen waren, die tausend Jahre vor Christi Geburt gelebt hatten. Abrupt blieb er stehen. Er konnte nicht fassen, dass er sich diese Frage bislang noch nie gestellt hatte, wo sie doch so nahe lag: Wo waren die Seelen aller Menschen nicht-christlichen Glaubens? Der nächste Gedanke lag nahe: Vielleicht war das hier gar nicht der christliche Himmel, aber konnte das möglich sein? Er ging weiter. Freilich, ganz deckte sich all das hier nicht mit dem, was er in der Schule über den Himmel erzählt bekommen hatte – über die ewige Glückseligkeit und so weiter –, aber im Wesentlichen doch. Außerdem hatte er bislang nur Seelen angetroffen, die auf der Erde in christlich geprägten Gesellschaften gelebt hatten.

Als Edgar den Gipfel erreichte, stand die Sonne tief und spiegelte sich knapp unter der Kimm im Meer. Sein Strand, seine Klippe und sein Wald waren so weit unter ihm, dass er nur noch ihre Konturen erkennen konnte. Hier heroben wehte eine steife Brise, kleine Eiskristalle bohrten sich wie winzige Nadelstiche in sein Gesicht. Es war kalt, aber nicht in unangenehmer Weise. Über ihm war der Himmel dunkelblau, fast schon schwarz, offenbar ragte der Gipfel bis an den Rand der Stratosphäre. Edgar setzte sich in den Schnee.
Mit seinen Gedanken über das Wesen des Himmels war er nicht weit gekommen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass religiöse Unterschiede das Jenseits abgrenzten, schließlich waren diese hier ohne Bedeutung. Er konnte sich ja nicht einmal erklären, warum er selbst hier war, immerhin war er im Leben kein praktizierender Christ gewesen. Zwar war er getauft und in der Pflichtschule in Religion unterrichtet worden, hatte an Erstkommunion und Firmung teilgenommen und kirchlich geheiratet, aber das war schon sein ganzer Kontakt mit dem Christentum gewesen. Ausgenommen vielleicht die christlichen Feste wie Weihnachten und Ostern, die er natürlich gefeiert hatte, aber weder seine Eltern noch seine Frau oder er selbst hatten die heilige Messe besucht, und wenn er bei Hochzeiten, Taufen oder ähnlichen Anlässen einer solchen beiwohnte, schwieg er höflich, weil er weder den Wortlaut der Gebete noch den Ablauf der Zeremonie kannte. Trotzdem war er nun hier.

Irgendwann erkannte Edgar, dass seine Vorstellung vom Aufbau des Himmels umso unwahrscheinlicher wurde, je mehr er darüber nachdachte. Vielleicht gingen seine Gedanken in eine grundsätzlich falsche Richtung? Es konnte aber auch sein, dass der Himmel in einer Weise beschaffen sein mochte, die dem menschlichen Verstand nicht ohne weiteres zugänglich war.
Mit einem Mal fiel ihm der Silberne ein, der ihm nach dem Tod die Tür ins Jenseits geöffnet hatte. Hatte der nicht so etwas gesagt wie, dem Menschen würden die Sinne fehlen, mit denen er die Zusammenhänge im Großen erkennen könne? Vielleicht war das der Grund, warum Edgars Grübeln zu nichts führte, außer, dass jeder Erklärungsversuch zu viele Widersprüche aufwarf, um wahr sein zu können.
Das frustrierte ihn, doch dann fragte er sich, warum er unglücklich sein sollte. Er war doch hier im Himmel und es konnte ihm egal sein, warum die Dinge so waren, wie sie waren, zumal er sie ohnehin nicht ändern konnte. Er verstand nun die Bedeutung von Freds Worten, als dieser gesagt hatte, Edgar solle nichts hinterfragen, sondern einfach nur genießen, was der Himmel ihm bot.
Edgar richtete den Blick nach oben und senkte ihn langsam zum Horizont hin, wobei er den Farbverlauf des Firmaments von Schwarz über Hellblau, Türkis und Orange bis hin zum gleißenden Gold der Sonne betrachtete. Vielleicht, so dachte er, fand im Himmel ja deshalb keine Entwicklung statt, weil zu wenig Wissen über dessen Natur vorhanden war. Vielleicht sollten die Seelen, die ihn bewohnten, nichts darüber erfahren. Aber konnte das sein? War Wissen tatsächlich verpönt, war es wirklich verboten, den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu essen? Funktionierte die Magie des Wunscherfüllens nicht mehr, wenn man den Mechanismus erklären konnte, der ihm zugrunde lag? War die Wissenschaft tatsächlich der Feind des Glaubens?

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