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Kapitel 25: Im Künstlerviertel

Kapitel 25: Im Künstlerviertel

Auf der Suche nach Erkenntnissen über die Entwicklung von Kunst und Künstlern im Himmel ändert Edgar seine Strategie: Er verwandelt sich in einen Geist – und dann in einen Konsumenten.

Eines Tages erwachte Edgar am Boden liegend, inmitten von zerfetzten Leinwänden, alten Pinseln, leeren und halbleeren Farbdosen, Bausteinen und zig anderen Dingen, die hierher gehörten, inklusive der Künstler, die ebenfalls verstreut herumlagen. Als ihm vor lauter Kopfschmerzen nicht einfallen wollte, was vor seinem Blackout geschehen war, wünschte er seinen Kater weg und musste erkennen, dass er sich dazu hatte verleiten lassen, mit der Kommune eine Orgie zu feiern. Er war zu einem Teil dieser Gemeinschaft geworden – und all der Dinge am Boden. Da wusste er, dass es an der Zeit war zu gehen.
Er stand auf und ließ seinen Blick ein letztes Mal durch das Atelier schweifen. Es sah aus, als hätte die Druckwelle einer Explosion alle Seelen betäubt und sie und die Gegenstände in diesem Raum durcheinandergewirbelt. Was die Kommunarden unter Kunst verstanden, konnte und wollte Edgar nicht nachvollziehen, ebenso wenig, was sie an ihrer Lebensweise „geil“ fanden, wie sie immer betonten. Er empfand diese Daseinsweise als menschenunwürdig und abstoßend, sie beinhaltete nichts, womit er auf Dauer glücklich werden konnte.
Edgar stieß sich vom Boden ab, schoss durch das geschlossene Fenster hinaus, ohne dieses zu zerstören, und stieg senkrecht in den Himmel hinauf. Je weiter das abbruchreife Haus, in dem sich das Atelier befand, unter ihm zurück blieb, umso freier fühlte er sich.

* * *

Edgar lag auf einer Wolke und dachte nach. Eigentlich lag er nicht wirklich darauf, er schwebte in ihr, so dass es so wirkte, als trage sie ihn. Er fragte sich, ob die „schöne Frau“ und ihre Künstler tatsächlich Erfüllung in ihrer Kommune fanden und ob diese Art zu leben tatsächlich ihr Rezept für die Ewigkeit war. Jedenfalls hatte er bei ihnen keinen Anhaltspunkt für eine Weiterentwicklung entdeckt, weder in ihren Persönlichkeiten noch in dem, was sie Kunst nannten.
Vielleicht, so überlegte Edgar weiter, war er ja nur bei den falschen Leuten gewesen, vielleicht brachten ihn andere künstlerische Gemeinschaften weiter? Doch nach seinen jüngsten Erfahrungen scheute er davor zurück, noch einmal mit Künstlern zusammenzuleben. Möglicherweise war das aber auch gar nicht nötig, eventuell genügte es ja, sie bei ihrem Tun nur zu beobachten? Sein Abstecher in die Kommune mochte ein Schlag ins Wasser gewesen sein, doch der Besuch von Salvador Dalís Ausstellung hatte ihn inspiriert. Dalís Show hatte Edgar eine Ahnung davon gegeben, welche Möglichkeiten der Himmel einem Künstler bot, welcher ihn mit mutiger Kreativität zu gestalten wusste. Seither nahm sich Edgar den Phantastischen Realismus als Vorbild für sein alltägliches Dasein und kam dadurch regelmäßig auf verrückte Ideen. Das Schweben auf einer Wolke war eine solche gewesen, oder zu fliegen wie Superman. Letzteres war auf Anhieb zu seinem Inbegriff von Freiheit geworden, es hatte jede noch so wagemutige Vorstellung bei weitem übertroffen, die er sich je davon gemacht hatte.
Diese neue Art zu denken half Edgar auch bei seiner jetzigen Überlegung: Seelen, die er beobachten wollte, mussten ihn nicht zwangsläufig wahrnehmen. Warum sollte er sich nicht zum Beispiel in einen Geist verwandeln? Er beschloss, diesen Einfall gleich in die Tat umzusetzen.

* * *

Binnen kurzer Zeit lebte sich Edgar im Bereich der kulturellen Gegenwart gut ein. Hier reihten sich die Nachbildungen berühmter Opernhäuser an solche nicht minder berühmter Theaterbühnen, Kunstgalerien an Konzerthäuser, kleine Jazzkeller an Zirkuszelte und Literatur-Cafés an pittoreske Plätze, an deren nie endenden lauen Sommerabenden Straßenkünstler ihr Können zum Besten gaben. Die Straßen und Plätze, Bühnen und Bars waren voller Seelen, die zuhörten, zusahen, mitlebten. Es war der am dichtesten bevölkerte Bereich des Himmels, den Edgar bislang erlebt hatte, abgesehen von der Partymeile vielleicht. Beim Flanieren durch die Straßen umwehte ihn ein ganz besonderes Flair, eine harmonische Stimmung, als gäbe es nichts Böses zwischen den Menschen – und tatsächlich gab es ja auch nichts Böses zwischen den Seelen.
Für sich selbst nannte Edgar diesen Bereich des Himmels „Künstlerviertel“, eine treffende Bezeichnung, wie er fand, denn neben den Aufführungsstätten gab es hier auch Wohnblocks mit billigen Einzimmerwohnungen sowie Gastronomie- und Handwerksbetriebe mit Bedarf an Gelegenheitsarbeitern, die es den Künstlern ermöglichten, finanziell über die Runden zu kommen. Edgar hatte es zunächst nicht glauben können, doch es stimmte tatsächlich: Viele Künstler, die im irdischen Leben Großes geleistet hatten, aber dennoch nie aus der Masse herausgeragt waren, hatten nach ihrem Tod erkannt, dass ihre bescheidene Lebensweise, dieses in-den-Tag-hinein-Leben und nicht-Wissen, wie sie die Miete für den darauffolgenden Monat bezahlen würden, sie glücklich gemacht hatte. Es hatte ihnen ein Gefühl von Freiheit gegeben, von Unabhängigkeit und es hatte sie mit Stolz erfüllt, dass sie nie aufgaben und immer irgendwie durchkamen. Also hatten sie diesen Lebensstil auch im Himmel beibehalten, endlich in dem Bewusstsein, dass jede Minute ihres Lebens sie glücklich machte und wohl immer schon gemacht hatte, obwohl sie das nie so gesehen hatten.
Freilich gab es auch Straßen mit riesigen Villen, in denen die großen Stars lebten, jene, die es schon im Leben geschafft hatten oder jene, die erst im Leben danach bewundert wurden oder sich bewundern ließen. Edgar hatte erfahren, dass in einer dieser Villen die Seele des italienischen Tenors Luciano Pavarotti wohnte. Allerdings war er auch schnell drauf gekommen, dass im Künstlerviertel viele Gerüchte herumschwirrten und dass die Grenze zwischen Wahrheit und haltloser Schwärmerei gerade hier sehr verschwommen war, was als romantisch angesehen wurde.

Sein Ansinnen, in Form eines Geistes in die Garderoben der Künstler zu schweben und somit als unbemerkter Beobachter am Künstler-Alltag teilzunehmen, schlug gleich beim ersten Versuch fehl. Unmittelbar nachdem Edgar in die Räumlichkeiten eines exzentrischen Theaterregisseurs geschwebt war, beschimpfte ihn dieser als Voyeur und als „jenseitigen Amateur“, zumal er offensichtlich keine Ahnung davon hätte, wie der Himmel funktioniere.
Diese Blamage beschämte Edgar sehr. Im Nachhinein kam er sich schäbig vor, überhaupt einen so kindischen Versuch unternommen zu haben. Schließlich hätte er sich denken können, dass er andere Seelen nicht ausspionieren konnte, ohne dass sie es bemerkten. Eine Seele hatte die Freiheit, alles zu tun, solange es die Freiheit einer anderen Seele nicht beeinträchtigte. Heimliches Ausspionieren war eine Beeinträchtigung der Freiheit und folglich nicht möglich. Von da an beschränkte sich Edgar auf die Rolle des Konsumenten und durchwanderte das Künstlerviertel mit wachen Sinnen. Dabei lernte er Seelen kennen, die so wie er den Himmel durchstreiften und sich ansahen, was die verschiedenen Bereiche zu bieten hatten.

Als er sich für den Film interessierte, war er erstaunt, welch abgeschiedenes Dasein dieser fristete. Mitten im Künstlerviertel ragte ein Hügel empor, auf dessen riesigem Plateau nicht nur die Kinos standen, sondern auch die Hallen verschiedener Filmstudios. Diese Abkapselung hatte keinen offensichtlichen Grund. Möglicherweise stimmte ja das Gerücht, der Hügel sei von den ersten verstorbenen Filmschauspielern geschaffen worden, als Abbild jenes Hügels in Los Angeles, auf dem der Schriftzug „Hollywood“ angebracht war.
Allerdings war diese Absonderung auch ein unfreiwilliges Sinnbild für die Bedeutung, die der Film im Himmel hatte. Zunächst konnte Edgar nicht verstehen, warum der Film hier so schlecht angesehen war, vor allem weil echtes holografisches Kino mit Geruchs- und Berührungseffekten Normalität war. Doch nachdem er ein paar Filme miterlebt hatte, musste er zugeben, dass sie ihn langweilten. Der Grund dafür war erstaunlich simpel: Während ein Film im Diesseits alternative Möglichkeiten des Lebens zeigte, seine Zuseher in phantastische Welten entführte oder sie Schicksale miterleben ließ, die sie aus eigener Erfahrung nicht kannten, war das Alltagsleben im Himmel selbst so phantastisch und voller Möglichkeiten, dass selbst der aufwändigste Film im Vergleich dazu langweilig wirkte. Alles, was einen Film im Leben vor dem Tod besonders gemacht hatte, konnte hier von jeder Seele problemlos erschaffen und erfahren werden, womit die künstliche Darstellung dieser Dinge jeden Wert verlor.

Das gleiche Schicksal erlitt auch das Holo-Deck. Als Edgar erfuhr, dass es auf dem Filmberg Holo-Decks gab, wurde er vor Begeisterung fast verrückt. Die Idee dazu basierte auf der Star-Trek-Serie „The Next Generation“: In einem großen Raum, der mit Holografie-Projektoren ausgestattet war – dem sogenannten Holo-Deck – wurde eine grob vorgegebene Romanhandlung gespielt. Die Figuren und Gegenstände erschienen dabei nicht nur dreidimensional, sondern bekamen auch feste Form. Der Teilnehmer an einem Holo-Roman konnte in der Rolle einer Romanfigur den Handlungsfortlauf aktiv beeinflussen.
Es war die Seele von Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry selbst, die die Holo-Romane seinerzeit im Himmel in Mode bringen wollte. Im Diesseits hätte er damit ohne jeden Zweifel den nächsten Trekkie-Hype ausgelöst, doch wie Edgar sich selbst überzeugen musste, verpuffte die Wirkung jedes Holo-Romans hier aus denselben Gründen, wie die der traditionellen Filme. Als Seele im Jenseits konnte man seinen realen Alltag weitaus interessanter und intensiver gestaltet, als jede noch so spannende Romanhandlung.
Roddenberry hatte schon vor langer Zeit die Konsequenz daraus gezogen und sich in einen eigens geschaffenen Bereich zurückgezogen, den er „Das Star-Trek-Universum“ nannte. Da Edgar zu Lebzeiten zwar nicht gerade ein „Trekkie“ war, wie fanatische Star-Trek-Fans genannt wurden, sich aber doch immer wieder dafür begeistern konnte, ließ er es sich nicht nehmen, diesen Bereich zu besuchen und einige Zeit in ihm zu leben. Er war fasziniert von der scheinbaren Authentizität der ganzen Sache, aber noch mehr faszinierte ihn der Enthusiasmus, mit dem all die hier lebenden, verstorbenen Trekkies in ihren Rollen aufgingen. Sie, wie auch ganze Heerscharen künstlich geschaffener Figuren, bevölkerten die Planeten der Föderation sowie die der Förderationsfeinde. Sie unterhielten diplomatische Beziehungen miteinander, trieben Handel oder führten gegeneinander Krieg. Gene Roddenberry selbst war hier der Präsident der „Vereinten Föderation der Planeten“, der in Krisenzeiten auch gerne einmal selbst in einem Raumschiff Hand anlegte. Er und seine Fans wirkten hier ausgesprochen glücklich auf Edgar.

Aber Star Trek war bei weitem nicht der einzige fiktive Bereich, im Gegenteil: Quasi zu jedem Erfolgsfilm und zu jedem Bestseller des Diesseits hatten Fans jeweils eigene Bereiche erschaffen, in denen sie lebten. Andere Seelen wanderten hier wie Touristen durch und besichtigten die Schauplätze der Handlungen, oder sie nahmen am Alltagsleben dieser Schauplätze teil, in Rollen, die sie sich aktuell dazu wünschten.
Auf diese Weise verbrachte Edgar geraume Zeit in Werken wie „Faust“, „Vom Winde verweht“, „Zurück in die Zukunft“, „Eine Weihnachtsgeschichte“, „Das Parfüm“, „Jurassic Park“, „Commissario Brunetti“, „Der Fluch der Karibik“, „Tom & Jerry“ und viele Weitere mehr. Und auch wenn ihm dieses Tingeln zwischen den erfundenen Welten irgendwann zu eintönig wurde, so machte er sich danach in einem Punkt keine Sorgen mehr, nämlich, dass ihm langweilig werden könnte, egal wie lange die Ewigkeit auch dauern mochte.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 24: Bohèmiens

Kapitel 24: Bohèmiens

In einer Künstler-Kommune wird Edgar Teil einer Art zu leben, die er nicht versteht.

In der knappen halben Stunde, die die Show dauerte, steigerte sich ihre Intensität immer mehr. Edgar war gefesselt wie von nichts anderem davor, er vergaß die Umgebung, in der er sich befand, wurde zum Teil der Vorstellung. Plötzlich begann der Boden zu beben. Viele der anwesenden Seelen kreischten auf und warfen sich zu Boden. Auch Edgar spürte Panik in sich aufsteigen und auch er lag gleich darauf flach am Boden und suchte vergebens nach Halt.
Doch was dann kam, war keine große Bestrafung. Die Seitenfront der Glashalle zerbarst mit einem ohrenbetäubenden Knall in unzählige klitzekleine Scherben und ein riesiges Segelschiff, wie aus dem Zeitalter der großen Entdeckungen in der frühen Neuzeit, stampfte knapp über den Köpfen der Zuschauer herein. Während sich diese mit Lauten der Erleichterung und des Staunens langsam wieder erhoben, drehte das Schiff bei und blieb leicht schlingernd in der Luft liegen. Edgar sah, dass die explodierte Glaswand wieder heil war, auch Splitter konnte er nirgendwo entdecken. Er rappelte sich auf und mit einem Mal drang ein Geräusch an sein Ohr, das die ganze Halle erfüllte. Es klang wie das Flattern von Flügeln, welche so zart waren, dass sie gerade einmal die Luft in Schwingung versetzten. Allerdings war dieses Geräusch allgegenwärtig und trotz seiner Zartheit sehr laut. Es dauerte einige Sekunden, bis Edgar erkannte, dass die Bewegung der Schiffssegel nicht von einem künstlich geschaffenen Wind herrührte, sondern daher, dass anstelle von Segeln riesige Schmetterlinge an den Masten saßen und das Schiff durch ihren Flügelschlag in der Luft hielten und antrieben.
Mit einer weiteren großen Geste ließ Salvador Dali das Schiff nun so weit zur Seite kippen, dass Edgar und die anderen Zuschauer das Deck sehen konnten. Dann ließ sich der Maler auf den hinteren Deckaufbau herab und stellte sich an das Steuerrad, wo er sich vor dem aufbrandenden Applaus und dem begeisterten Johlen verbeugte. Dann gab er den Schmetterlingen ein Zeichen, woraufhin sich deren Flügelschlag intensivierte und als das Schiff in seiner Schräglage davonsegelte, winkte Dalí seinem Publikum zum Abschied zu. Er wirkte eher wie ein Magier als wie ein Maler.
„Er hat sich in seinem Selbstporträt richtig getroffen: Er ist ein Gott!“ Die schmachtende Stimme neben Edgar gehörte einer schlanken Frau um die vierzig, die auf ihn wirkte, als entstammte sie einer Künstlerkommune der späten neunzehnhundertsechziger Jahre. Sie trug Sandalen, rosafarbene Glockenhosen, ein Jute-Top mit einem großen V-Ausschnitt, der mit einem orientalischen Muster bestickt war, und eine blaue Baskenmütze. Als sie seinen Blick bemerkte, sah sie ihn an. Ihr Gesichtsausdruck wirkte verklärt und fast ein bisschen weltfremd, wie Edgar fand.
„Du bist zum ersten Mal hier, hab ich nicht Recht?“, fragte sie.
„Woran siehst du das?“
„Ich weiß auch nicht … ihr Neulinge habt so ein naives Staunen an euch. Nicht böse sein.“
„Bin ich nicht. Aber vielleicht kannst du mir ja dabei helfen, dass mein Staunen weniger naiv wird?“
„Klar, gerne. Kannst gerne mit mir mitkommen, wenn du nichts anderes vorhast.“
„Meine nächsten hundert Jahre gehören dir.“
Sie blinzelte und lächelte und beides wirkte auf Edgar, als stünde sie unter Drogen. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und bewegte ihr Becken wie in einem lasziven Tanzschritt. Da sie einen halben Kopf kleiner war als er, sah sie zu ihm auf und sagte anzüglich: „Komm mit mir mit, schöner Mann!“ Während sie sich an ihn schmiegte, lösten sich die Konturen um sie beide herum auf.

Als sich der Zielort aus dem Gewölk heraus klärte, erkannte Edgar, dass sein erster Eindruck von der Frau richtig gewesen war. Sie befanden sich in einem großen Atelier, in dem allerlei Malutensilien kunterbunt durcheinanderlagen. Inmitten dieses Chaos standen einige Staffeleien mit abstrakten Gemälden, an einem davon arbeitete ein junger Mann, der außer einer schmutzigen Unterhose nichts anhatte. In der einen Hand hielt er eine Palette, die andere ließ einen Pinsel über die Leinwand wüten. Dabei sog er immer wieder an dem Joint in seinem Mundwinkel. An mehreren Stellen des großen Raumes sah Edgar nun Gestalten am Boden hocken und Farben mischen oder mit Farbstiften auf Papier herumkritzeln, welches vor ihnen am Boden lag.
Edgars Begleiterin musterte sein Gesicht und kicherte. „Schöner Mann, darf ich dir meine Genossen vorstellen?“ Sie rief in den Raum: „Hey, Genossen, darf ich vorstellen: schöner Mann.“
„Hi, schöner Mann.“ Der Maler in der Unterhose winkte kurz mit dem Pinsel, ohne von seiner Arbeit aufzusehen, die anderen ignorieren die Ankömmlinge.
„War eine wilde Party gestern“, erklärte die Begleiterin, „die sind alle noch stoned. Hey, Piggy, ist vom gestrigen Stoff noch was da?“
Eine der hockenden Gestalten antwortete ihr, ebenfalls ohne aufzusehen: „Tut mir leid, alles weg. Musst dir neuen wünschen.“
Mit einem Mal hielt Edgars Begleiterin eine verdrehte weiße Papierwurst in der Hand, die am äußeren Ende gloste. Sie sog daran, schlang ihren Arm um Edgars Hüfte und schob ihn durch den Raum zu einer Staffelei, auf der eine schwarz grundierte Leinwand stand, die mit weißen Spiralen bemalt war. „Mein Bild. Wie gefällt‘s dir?“
„Was ist das?“
„Die Lebensspirale.“
„Lebensspirale?“
„Meine Güte, schöner Mann, du hast aber auch überhaupt keine Ahnung, oder?“
„Ich widerspreche nicht.“
„Das Leben hat die Form einer Spirale! Das hat Salvador schon gewusst, noch bevor sie dieses Dings entdeckt haben, aus dem wir alle bestehen – das, das wie eine Spirale aussieht.“ Sie nahm einen Pinsel aus einem Glas mit trüber Flüssigkeit, welches am Boden stand, tauchte ihn in einen Topf mit weißer Farbe und trug eine weitere Spirale auf der schwarzen Leinwand auf, wobei ihre Bewegungen auf Edgar wenig kontrolliert wirken.
„Was meinst du?“, fragte er.
„Na dieses Dings eben … LSD? Nein … S … S …“
„DNS?“
Sie schnippte mit den Fingern und zeigte auf Edgar, der dies als Geste der Zustimmung interpretierte. Dann kniff sie ein Auge zu, um es vor dem Rauch ihres Joints zu schützen, den sie sich, in den Mundwinkel gesteckt hatte, wie ihr Kollege in der Unterhose. „Komm, mach‘s dir gemütlich“, sagte sie, „ich hab noch zu arbeiten. Danach bumsen wir, okay?“
Edgar war zu baff, um ihr eine Zusage zu geben, doch er war bereit, die Dinge geschehen zu lassen. Er wünschte sich eine Flasche Bier und eine Zigarette und ließ sich auf dem farbbeklecksten Parkettboden nieder. Zwar hatte er Zigaretten noch nie gemocht, doch wenn er verstehen wollte, wie diese Künstler tickten, so dachte er, musste er in die hier vorherrschende Atmosphäre eintauchen. Tatsächlich schien seine Kreativität bereits angeregt zu sein, denn er wünschte sich, dass seine Zigarette nach Erdbeeren schmecken sollte. Etwas später verwandelte er ihren Geschmack in den von Essigwurst und danach in den von Blumenerde, bevor er ihn wieder zu dem ursprünglichen nach Tabak zurück änderte.
Dann fiel ihm Salvador Dalí ein, der ihn auf die Idee gebracht hatte, wie Superman zu fliegen. Das probierte er jetzt aus und hob – noch im Schneidersitz – zehn Zentimeter vom Boden ab. Das Schweben über dem Boden fühlte sich an, als säße er auf einem ganz weichen Polster und er war irgendwie verwundert, dass ihn das nicht anstrengte. Offenbar hatte er die Möglichkeiten, die der Himmel bot, bislang nur in Ansätzen ausgeschöpft.

* * *

Edgar verbrachte eine lange Zeit in der Künstlerkommune, hatte aber auch am Ende nicht das Gefühl, hier irgendwelche Erkenntnisse gewonnen zu haben. Die Gruppe umfasste eine unbestimmbare Anzahl von Seelen, die kamen und gingen, da- oder fortblieben und von denen offenbar kaum jemand einen Namen hatte. Bis auf zwei oder drei Ausnahmen sprach man sich hier gegenseitig mit „hey, du“ an, oder mit einer Eigenschaft, die den Angesprochenen im jeweiligen Moment von den anderen unterschied, etwa „du, Raucher“, oder „hey, rote Hose“.
Da Edgars Begleiterin ihn nie nach seinem Namen gefragt hatte, hatte auch er sie nie nach ihrem gefragt. Er nannte sie seinerseits „schöne Frau“, obwohl er sie überhaupt nicht schön fand. Er fand sie im Gegenteil vulgär und kulturlos und erkannte rasch, dass sie in ihrem künstlerischen Tun Spontaneität mit Zufall verwechselte. Diese Eigenheiten unterstellte er übrigens allen Mitgliedern dieser Kommune. Er sah ihnen zu, wie sie wirre Flächen und Linien auf ihre Leinwände schmierten, die sie dann einem oder mehreren der anderen zeigten und sich dafür bewundern ließen. Im Gegenzug bewunderten auch sie die Werke ihrer Claqueure. Edgar war sich nicht sicher, ob es sich dabei um ein etabliertes, längst nicht mehr hinterfragtes Ritual handelte, oder ob dieses Verhalten damit zusammenhing, dass die Genossen quasi ununterbrochen unter dem Einfluss irgendeiner Droge standen, die ihnen ihre Umwelt rosiger erscheinen ließ, als sie war.
Irgendwann kam einem Kommunarden, der allgemein „Igelfrisur-Macker“ genannt wurde, die Idee, sie könnten doch alle gemeinsam mit Spielzeug-Bausteinen einen Turm aufschichten. Die anderen stimmten begeistert zu, wünschten sich eine riesige Menge Bausteine und stapelten diese zu einem wirren Gebäude zusammen, das nach Edgars Empfinden mehr von der gemeinschaftlichen guten Laune als von seinen statischen Eigenschaften zusammengehalten wurde. Als die Künstler die Lust am Weiterbauen verloren, jubelten sie, applaudierten einander und fielen sich in die Arme, darin einig, ein großes Werk geschaffen zu haben. Das feierten sie dann ausgiebig mit Alkohol, Drogen, Gruppensex, gegröltem Gesang und schriller Musik aus extra billig gewünschten Lautsprecherboxen. Das Bausteingebäude wurde fortan ignoriert und fiel Stück für Stück zusammen, wann immer jemand daran anstreifte. Die zu Boden gefallenen Steine blieben dort inmitten jener Dinge liegen, die schon bei Edgars Ankunft hier gelegen waren und jener, die während seiner Anwesenheit noch hinzugekommen waren; niemanden kümmerte es.
Das taten die Kommunarden übrigens immer, wenn sie nicht gerade ihre Art von Kunst schufen: Sie hörten Musik oder sangen, betranken sich, schliefen miteinander oder rauchten, schnupften oder spritzten sich irgendwelche Drogen. Dinge wie Körperpflege und saubere oder gar geschmackvolle Kleidung galten unter ihnen als oberflächlich, gegessen wurde kaum und wenn, dann ausschließlich Fertig-Pizze, Hamburger oder sonstiges Junk-Food. Das irritierte Edgar. Im Himmel bedurfte es schließlich keinerlei Anstrengung, um Ordnung zu schaffen, sich ein annehmbares Äußeres zuzulegen oder beste Speisen aufzufahren. All das war nicht weiter als einen Wunsch entfernt, doch niemand äußerte einen solchen. Im Gegenteil: Einmal, als Edgar sich das Atelier aufgeräumt wünschte, protestierten alle Künstler, die gerade bei Bewusstsein waren, und einer von ihnen wünschte sich sogleich die alten Zustände wieder zurück. Spontan wollte Edgar die „schöne Frau“ nach den Vorteilen fragen, die diese Art zu leben ihnen brächte, doch sie lag gerade im Delirium irgendeines Rausches und nahm ihn nicht wahr.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 23: Phantastischer Realismus

Kapitel 23: Phantastischer Realismus

Edgar besucht eine Gemälde-Ausstellung und entdeckt seine kunstsinnige Seite. Dann passiert Unerwartetes.

Edgar war zu seinen Lebzeiten kein sonderlich kunstsinniger Mensch gewesen. Er hatte sich gerne Filme angesehen und die paar Bücher, die er außerhalb seiner Aus- und Weiterbildung gelesen hatte, waren Krimis gewesen. Popmusik hatte er immer gerne gehört, sich aber nie an einem speziellen Stil festgemacht. Seine Lieblingslieder und -bands wechselten von Saison zu Saison, je nachdem, was gerade im Radio gespielt wurde. Freilich blieben manche dieser Hits bei ihm hängen, so dass er sie auch Jahre später immer noch gerne hörte. Und gewisse Popstars fielen ihm mehr auf als andere, was dazu führte, dass er aufmerksamer hinhörte, wenn diese einen neuen Song herausbrachten. Zu klassischer Musik hatte er ebenso wenig Zugang wie zu hoher Literatur oder zu moderner Malerei und allein die Vorstellung, er müsste sich in ein Theater setzen, um eine Oper oder ein Drama anzusehen, war für ihn gleichbedeutend mit Folter.
Einmal hatte ihn seine Frau Heike dazu überredet, eine Ausstellung moderner Malerei zu besuchen. Zwar hatte auch sie keinen Zugang zu der Materie, doch die Künstlerin war eine ehemalige Schulkollegin von ihr, weshalb sie sich zu einem Besuch verpflichtet fühlte. Heike bereute es rasch, Edgar mitgenommen zu haben, denn schon nach wenigen Minuten konnte dieser sich nicht mehr beherrschen. Er machte sich im Flüsterton über das „Kritzi-Kratzi“, wie er es nannte, lustig und lachte schließlich bei jedem Bild immer mehr und immer lauter. Schließlich hielt Heike den bösen Blicken der anderen Besucher sowie ihrer ehemaligen Schulfreundin nicht mehr stand und verließ mit Edgar die Ausstellung vorzeitig.Die einzige Art Malerei, der Edgar etwas abgewinnen konnte, war die gegenständliche, weil nur so gemalte Bilder für ihn einen Sinn ergaben. Doch auch hierbei hatte sein Geschmack einen engen Fokus, Kirchbilder aus vergangenen Jahrhunderten etwa waren ihm zu schwülstig.
Es gab allerdings eine große Ausnahme, nämlich den Phantastischen Realismus. Alltägliche Objekte und Lebewesen, in einer Weise dargestellt, die in der wirklichen Welt unmöglich gewesen wäre, dafür hatte Edgar sich immer schon begeistern können. Sein Lieblingsbild zeigte Uhren, die so verformt waren, als bestünden sie aus Wachs oder Kunststoff und hätten sich unter Hitze verformt. Diese geschmolzenen Uhren hingen über Äste oder passten sich den Konturen der Felsen an, auf denen sie lagen.
Da Edgar weder den Titel dieses Bildes noch den Namen seines Malers kannte, wünschte er sich zu diesem Gemälde hin.

* * *

Als sich die farbigen Nebel neu anordneten und Gestalt annahmen, fand Edgar sich in einer Ausstellung mit Gemälden des Phantastischen Realismus wieder. Die Galerie, in der die Ausstellung untergebracht war, bestand aus einer riesigen Glashalle mit Kuppeldach, deren großflächige Glasscheiben von einem Gerüst grün getünchter Stahlträger gehalten wurden. An den Wänden und zwischen den Stellwänden, an denen die Gemälde hingen, standen große Tontöpfe, aus denen Palmen und andere tropische Pflanzen wuchsen. Edgar fühlte sich wie in einem Gewächshaus des neunzehnten Jahrhunderts, das für eine Kunstschau adaptiert worden war.
Die Ausstellung war gut besucht, wobei die anwesenden Seelen ein buntes Durcheinander bildeten. Einige wirkten modern auf Edgar, während andere Kostüme und Anzüge anhatten, die man zur Jugendzeit seiner Großeltern im Theater getragen haben mochte. Wieder andere waren in eine Garderobe gekleidet, die, so mutmaßte er, wohl schon vor einhundert Jahren aus der Mode waren. Die Plaudereien der Besucher bildeten ein verhaltenes Gemurmel und irgendwo zupfte jemand auf einer Harfe dezent eine verträumte Melodie, die in der Glaskuppel leicht widerhallte. Hier und da bildeten sich farbige Wölkchen, in denen einzelne Seelen gerade erschienen oder verschwanden.
Edgars Aufmerksamkeit lenkte sich auf das Gemälde in seiner Nähe, sein Lieblingsbild. „La persistencia de la memoria“ stand darunter, und obwohl Edgar nie spanisch gelernt hatte, wusste er, was es bedeutete: „Die Beständigkeit der Erinnerung“. Er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie Seelen aus unterschiedlichen Sprachgebieten hier im Himmel miteinander kommunizierten, aber offenbar war Sprache nur eine weitere Notwendigkeit der körperlichen Existenz. Möglichweise war einer Seele ohne weiteres verständlich, was eine andere ihr mitzuteilen hatte, solange sie nur offen dafür war. Unterschiedliche Sprachen mochten hier verwendet werden, doch waren sie wohl – so wie auch der Sport – nichts weiter, als eine Gewohnheit aus dem Diesseits, die ein bestimmtes Gefühl auslöste.
Edgar sah sich nun auch die anderen Gemälde an. Ja, das war es, diese Art der Malerei traf genau seinen Geschmack. Zum ersten Mal fühlte er so etwas wie Genuss bei der Betrachtung von Kunst und da war noch mehr: Der Anblick der Bilder löste irgendetwas in ihm aus, eine Art Sehnsucht, die er nicht greifen konnte. Er betrachtete Giraffen, die, ähnlich den Uhren auf seinem Lieblingsbild, wie geschmolzenes Plastik dem Konturverlauf der Gegenstände folgten, auf denen sie lagen. Er ließ brennende Uhren auf sich wirken und Schlösser, die auf schier kilometerlangen, spindeldürren Beinen einen Ozean durchwateten. Bei einem Bild schließlich verharrte er. Es zeigte die Gestalt eines Mannes Ende zwanzig, der ihm eigentümlich bekannt vorkam. Er thronte wie ein Gott auf Wolken und über seinen auffällig gezwirbelten Schnurrbart hinweg starrte ein irrer Blick den Betrachter an. Edgar hatte in seinem irdischen Leben Fotos von dem Mann gesehen, auf denen dieser allerdings viel älter gewesen war. Doch so sehr Edgar auch nachdachte, er kam nicht dahinter, wen er hier vor sich hatte.
Unvermittelt sah er sich um, weil ihm etwas merkwürdig vorkam. Er machte sich bewusst, dass er seinen Besuch dieser Gemäldeschau als stimmig und angenehm empfand. Mehr noch, zum ersten Mal fühle Edgar sich von einer Kunstausstellung inspiriert. Und zum ersten Mal versuchte er das zu tun, was er bei den kunstbegeisterten Menschen zu seinen Lebzeiten immer belächelt hatte: Kontakt zur Kunst aufnehmen, sich auf sie einlassen.
Er wandte sich dem nächsten Gemälde zu, ließ es auf sich wirken und nahm den Eindruck, den er von ihm bekam, in sich auf. Was dabei in ihm ablief, konnte Edgar nicht in Worte fassen, er wusste nur, dass es sich gut anfühlte und ihn so sehr begeisterte, dass sich seine Nackenhaare sträubten. So etwas hatte er noch nie erlebt!

So verging viel Zeit. Irgendwann blickte Edgar auf und erkannte, dass er, ohne es zu merken, in einen abseits gelegenen Teil der Galerie geraten war. Es war ein kleiner Raum mit niedriger Decke und hellgelb getünchten Wänden. Die Gemälde hier waren grell beleuchtet, ein Kontrapunkt zu jenen in der Glashalle, der in Edgars Augen schmerzte. Auch fiel ihm erst jetzt auf, wie laut es hier war. Die Quelle des Lärms war ein Pulk Seelen auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, sie drängten sich um etwas, das er nicht sehen konnte. Es waren ausschließlich weibliche Seelen, die aufgeregt durcheinanderschnatterten. Jetzt, in einem kollektiven ekstatischen Aufkreischen, erhob sich mitten in dem Pulk ein Mann mit selbstherrlich ausgebreiteten Armen und einem ebensolchen Lächeln. Offenbar war er auf eine Art Bühne gestiegen, um von allen gesehen zu werden.
Edgar erkannte in ihm den Mann wieder, den er vorhin auf dem Gemälde gesehen hatte. Er trug eine Pomadenfrisur mit ausladender Stirntolle und sein ausladender Schnurrbart, der Edgar an das Gehörn eines Wasserbüffels erinnerte, akzentuierte den stechenden, eigentlich irren Blick aus seinen dunklen Augen.
„Salvador! Salvador!“, riefen und seufzten die weiblichen Seelen und schmachteten ihn von unten her an, eine von ihnen sank sogar bewusstlos zusammen.
Edgar näherte sich dem Trubel, um zu erfahren, was hier los war. Er wusste, dass der Mann nicht nur der Schöpfer dieser Ausstellung war, sondern überhaupt einer der ganz Großen der Kunstgeschichte, weshalb er nun dessen Namen erfahren wollte.
„Er hat die Giraffen mit den Uhren vertauscht, genial“, seufzte eine der Bewunderinnen in einem altertümlichen Kostüm einer anderen zu, die ebenso gekleidet war.
„Ja, und die fliegenden Schlösser haben jetzt Beine.“ Sie legte ihre Hand an ihren Ausschnitt, drehte die Augen nach oben, schüttelte den Kopf und seufzte.
Zunächst fiel Edgar nur auf, dass die beiden Frauen einander ähnlich sahen, doch als er die anderen Verehrerinnen näher betrachtete, erkannte er, dass sie alle demselben Frauentypus angehörten und vergleichbare altertümliche Kostüme trugen. Er schmunzelte. Im Gegensatz zu den anderen Besuchern waren diese Damen offenbar Figuren, die der Künstler selbst erschaffen hatte, wohl nach seinem Geschmack.
Der Meister trat nun von seiner Bühne herab, durchschritt seine Verehrerinnen und wehte an Edgar vorbei. Seine Bewegungen waren augenscheinlich gekünstelt, doch so geübt, dass sie zu ihm gehörig wirken. Da der Frauenpulk ihm seufzend und aufgeregt tuschelnd und kichernd zur Tür hinaus folgte, wurde für Edgar der Blick zu der „Bühne“ hin frei, welche sich als Schreibtisch entpuppte, auf dem allerlei Papier lag. In der Hoffnung, Näheres über den Maler zu erfahren, trat er an den Tisch heran. Hier lagen Autogrammkarten und Prospekte, die den Titel der Ausstellung trugen: „Der Neue Phantastische Realismus“. Das Titelbild bestand aus einem Porträtgemälde des Malers, auf dem er die Spitze seines Schnurrbarts zwischen Zeigefinger und Daumen zwirbelte. Darunter stand sein Name so groß, dass er zwei Zeilen einnahm: Salvador Dalí.
Neben den Prospekten stand eine große geschlossene Kanne aus gehämmertem Silber. Unter dem kleinen Wasserhahn, der aus ihr herausragte, befand sich ein zierlich geformtes kleines Trinkglas, das eine hellgrüne, durchsichtige Flüssigkeit enthielt. Auf dem Glas lag eine Art winziger Tortenheber, auf welchem sich gerade ein Zuckerwürfel auflöste, weil aus dem Hahn in langen Abständen Wassertropfen auf ihn herabfielen. Durch die Ausnehmung, die in die Hubfläche des Tortenhebers geschnitten war, tropfte das Wasser-Zuckergemisch in das Glas und trübte die grüne Flüssigkeit darin nach und nach milchig ein. Neben diesem Arrangement stand eine grüne Glasflasche, auf deren Etikett in verschnörkeltem Zierrat das Wort „Absinthe“ zu lesen war.
Edgar klappte einen der Prospekte auf und las, dass die Ausstellung aus zwei Teilen bestand. Der eine Teil war die Gemäldeschau, die er bereits betrachtet hatte, der andere eine Art Aktionskunst, wobei in dem Prospekt von fliegenden Objekten die Rede war. Im selben Moment, in dem er das las, drang ein ekstatisches Aufkreischen aus vielen Kehlen von draußen herein. Von der Neugier getrieben lief Edgar zur Tür. Was er da sah, ließ ihm vor Erstaunen den Prospekt aus der Hand rutschen und den Unterkiefer nach unten sinken. Draußen in der Glashalle hatte sich Salvador Dalí in die Lüfte geschwungen und hing nun zwischen den Palmen und dem Kuppeldach im freien Raum über dem erstaunten Publikum und warf sich in große Posen. Etwas Vergleichbares hatte Edgar bisher nur in diversen Superman-Filmen gesehen. Es beschämte ihn fast, dass er bislang nicht daran gedachte hatte, es selbst zu versuchen. Im Himmel stellte es schließlich kein Problem dar, Superman zu sein – oder jeder beliebige andere Superheld, inklusive dessen Fähigkeiten.
Dalí vollführte nun eine große Geste wie ein Zauberer, woraufhin sich aus einer farbigen Wolke eine hell lodernde Giraffe bildete, die durch die Luft auf die Zuseher herab galoppierte und in dem Moment verschwand, in dem sie sie zu rammen schien. Das Publikum duckte sich in einer instinktiven Bewegung zu Boden, so real war die Erscheinung und die Hitzewelle, die von ihr ausging, schwappte Sekunden später über Edgar hinweg. Dann bildeten sich auf den grünen Stahlverstrebungen der Glaskuppel schmelzende Uhren, die sich immer weiter verzerrten und herabzutropfen begannen. Zuseherinnen, die mit der Schmelzmasse bekleckert wurden, kreischten verhalten auf, doch die dicken Tropfen verschwanden nur einen Augenblick später. Dann stieg plötzlich ein Elefant in Originalgröße auf spindeldürren Beinen über Edgar und die anderen hinweg und trötete, dass die Glaskuppel zu zittern schien. Unmittelbar darauf sprang ein Tiger aus einem der Gemälde, groß, schnell und mit aufgerissenem Maul. Im Reflex wichen die Zuschauer vor ihm zurück, als unmittelbar darauf ein noch größerer roter Fisch noch schnellerer aus demselben Gemälde gesprungen kam und den Tiger von hinten verschlang. Der Fisch, er hatte die Größe eines Büffels, zappelte noch für ein paar Sekunden zwischen den Zusehern herum, wobei Edgar Erschütterungen spürte, wann immer er den Boden rammte. Schließlich katapultierte sich das Tier in die Luft und tauchte kopfüber in den Boden ab, als bestünde dieser nicht aus Steinplatten, sondern aus Wasser.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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