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Kapitel 42: Die Entscheidung

Kapitel 42: Die Entscheidung

Edgar will den Himmel verlassen. Nacheinander sucht er die Seelen auf, die ihm am meisten bedeuten, und will sie dazu bewegen, mitzukommen.

Dann sah Andrea Edgar wieder in die Augen. „Ich bin auch nicht glücklich. Aber was willst du machen? So ist es nun einmal.“
„Aber doch nur, weil jeder es so hinnimmt. Wenn ich in meinem irdischen Leben unglücklich war, habe ich versucht, die Dinge zu ändern, die mich unglücklich machten. Warum soll das hier anders sein?“
„In deinem irdischen Leben hast du dich mit viel mehr Dingen arrangieren müssen als hier. Im Vergleich dazu ist das hier wirklich der Himmel.“
„Ich pfeif auf einen Himmel, der nur im Vergleich zur Erde gut dasteht! Wenn ich schon allein sein muss, dann in einem Paradies, das diesen Namen auch verdient, verstehst du?“
„Und was willst du tun? Den Himmel verlassen und nachsehen, ob draußen irgendwo ein Paradies herumschwirrt, das deinen hohen Ansprüchen gerecht wird?“
„Nein, ich werde den Himmel verlassen, um Gott zu finden.“
„Das ist doch nicht dein Ernst!“
„Da kannst du aber Gift drauf nehmen. Der alte Herr soll mir erklären, wie er das Leben nach dem Tod gemeint hat, das Paradies und die Ewigkeit und alles. Denn das hier, das ist nicht mehr als eine Theaterkulisse.“
„Klar, Gott hat ja nichts anderes zu tun, als dir Rede und Antwort zu stehen.“
„Das will ich aber meinen, immerhin bin ich sein Geschöpf!“
„Das bin ich auch.“
„Dann komm halt mit!“
Andrea starrte Edgar mit riesengroßen Augen an. „Du … du meinst es wirklich ernst?“
„Worauf du dich verlassen kannst.“
„Du willst den Himmel verlassen? Bist du irre?“
„Nein, aber irre werde ich, wenn ich hier bleibe.“
„Ich … ich glaube wirklich, du solltest dir das noch einmal überlegen. In Ruhe, wenn du dich beruhigt hast.“
„Ich glaube eher, du solltest dir überlegen, ob du nicht doch mitkommst.“ Edgar stand auf. „Seit zwei Jahrhunderten geisterst du hier herum und wozu? Um mit anzusehen, wie glücklich man hier werden kann, wenn man nur oberflächlich genug ist. Kannst du das bringen, ich meine oberflächlich werden? Ich kann es nicht. Und weil ich keine andere Perspektive sehe, gehe ich, egal was du sagst.“ Die Verzweiflung in Andreas Blick mochte daher rühren, dass er den Himmel verlassen wollte, oder daher, dass sie selbst es nicht wagte, Edgar wusste es nicht. „Du weißt, wie du mich findest“, setzte er deshalb noch drauf, „aber warte nicht zu lange.“ Dann löste er sich auf.

* * *

Die ganze Umgebung sah aus wie nach einem Flächenbrand, der Boden war anthrazitfarben und sumpfig, voller Schlammlöcher, in denen Hitzeblasen an der Oberfläche zu Dampf zerplatzten. In einem dieser Löcher war, bis zum Hals, Edgar erschienen, vis-a-vis von Fred, der selbst im Schlamm seine Brille aufhatte und spontan aufstöhnte. „Hat man nicht einmal für fünf Minuten seine Ruhe?“
„Eine Wohltat für einen Körper, der gar keiner ist?“ Edgar feixte ihn an.
„Irgendeiner meiner Schützlinge hat mir einmal gezeigt, wie wohltuend eine Dusche ist, wenn man es sich wünscht. Du weißt nicht zufällig, wer das war?“
„Du kannst dich daran erinnern?“
„Klar, ich erinnere mich an alles, was ich im Himmel je erlebt habe. Nur mit den Namen hapert es ein bisschen.“
„Hast du Lust auf eine große Bestrafung?“ Fred riss Augen und Mund auf, doch Edgar ließ ihm keine Zeit für eine Antwort. „Ich werde den Himmel verlassen. Kommst du mit?“
Fred schüttelte sich und begann meckernd zu lachen. „Du willst wohl, dass ich einen Herzinfarkt kriege, oder?“
„Es ist kein Scherz.“
„Wie kommst du plötzlich darauf?“
„Ganz einfach: Nachdem ich endlich kapiert habe, dass ich seit meinem Tod keine Familie mehr habe, habe ich meinen Zufluchtsort abgefackelt, weil er mir unter diesen Umständen nichts mehr bedeutet. Mir ist hier überhaupt der Sinn ausgegangen. Seit Jahrzehnten streune ich durch die Gegend und schnuppere in die einzelnen Bereiche hinein, die andere Seelen für sich geschaffen haben. Wo soll das enden? Soll ich bis in alle Ewigkeit ein Nomade bleiben? Sei mir nicht böse, aber ich brauche ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann, etwas, das mir einen Sinn gibt.“
„Du hast noch immer nicht begriffen, wie der Himmel funktioniert.“
Edgar kannte diesen Tonfall, es war jener, in dem Fred ihn immer über die Zusammenhänge im Himmel beschulmeistert hatte. Doch dieses Mal, das spürte er genau, steckte mehr dahinter. Fred mochte es zugeben oder nicht, die Vorstellung, den Himmel zu verlassen, erfüllte ihn mit nackter Angst und diese wollte er mit seiner Dozentenmanier kaschieren. Deshalb ließ Edgar ihn gar nicht erst weiterreden. „Für mich ist das hier nicht der Himmel, es ist ein Jahrmarkt. Und für dich?“
Wie schon Andrea schien auch Fred von Edgars Entschlossenheit beeindruckt zu sein, zumindest soweit, dass er dessen Ansinnen nicht ins Lächerliche zog. „Ich habe mich nie beklagt. Es ist mir hier immer gut gegangen, weißt du?“
„Und es kotzt dich nicht an, immer und immer wieder dieselben Wörter abzuspulen, um immer und immer wieder dieselben Fragen der Neuankömmlinge zu beantworten? Seit wann machst du das schon? Seit Jahrhunderten? Und wie lange willst du es noch machen? Bis in alle Ewigkeit?“
„Ich … ich gebe ja zu, dass … aber deswegen das ewige Gesetz brechen …“
Diesmal nahm Edgar bei Andrea Anleihe: „Was für ein ewiges Gesetz? Wenn es so etwas wie ein ewiges Gesetz gibt, dann regelt es die Art, wie wir hier leben. Und das bedeutet: Was wir nicht dürfen, dazu sind wir auch nicht in der Lage und wozu wir in der Lage sind, das dürfen wir auch.“
„Und die große Bestrafung? Wenn es erlaubt wäre, den Himmel zu verlassen, warum gibt es dann die große Bestrafung?“
„Wer sagt, dass es eine Bestrafung ist? Außer dass es unangenehm ist, passiert doch niemandem etwas.“ Freds Kiefer klappte auf und zu und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich in die Enge getrieben fühlte. Edgar wusste, dass er mit Argumenten allein nichts erreichen würde, deshalb lenkte er ein. „Fred, hör zu: Ich werde den Himmel verlassen. Ich finde sogar die Vorstellung, dass sich meine Seele auflöst, erträglicher, als die, dass ich mir für alle Ewigkeit jeden Wunsch sofort erfüllen kann. Ich erzähle dir das, weil ich glaube, dass du es ähnlich siehst und vielleicht mitkommen möchtest. Wenn du aber auch in den kommenden Jahrhunderten oder Jahrtausenden lieber neu angekommene Seele in den Himmel einführen willst, dann spricht freilich nichts dagegen.“
Freds Gesichtszüge kamen in Bewegung und schienen sich nicht mehr beruhigen zu lassen. „Wann brichst du auf?“
„Bald. Ich klappere nur noch ein paar Seelen ab, die mir am Herzen liegen und die vielleicht mitkommen möchten und dann geht’s los.“
„Wenn ich mitkomme, sage ich dir rechtzeitig bescheid. Aber warte nicht auf mich, Ede. Für den Fall, dass wir uns nicht mehr wiedersehen, wünsche ich dir viel Glück. Du bist ein feiner Kerl, ich werde dich vermissen.“

* * *

Als Edgar sich zu Ebenezer wünschte, erlebte er den Schreck des Jahrzehnts, denn er erschien auf einem winzigen Sims in einer senkrechten Felswand, mehrere hundert Meter über Grund. Durch seine Überraschung verlor er beinahe das Gleichgewicht, was ihm eine Heidenangst einjagte – für die er sich gleich darauf selbst auslachte, immerhin konnte ihm ja nichts passieren. Er ließ sich vom Sims kippen und schwebte etwas von der Felswand weg, um zu sehen, wo Ebenezer war. Er fand ihn, wie er es erwartet hatte, in der Felswand kletternd, keine drei Meter neben dem Sims – welches offenbar nur für Edgars Ankunft entstanden war, denn Ebenezer schimpfte: „He, mach mir keine Nischen in den Fels!“
„Ich freue mich auch dich zu sehen, Ebi.“
„Ebi? Du spinnst wohl.“
Edgar grinste, denn selbstverständlich wusste er, wie sehr Ebenezer jede Verniedlichung seines Namens hasste; dazu hielt er ihn für zu einzigartig. „Ist schon gut. Lass die Klettersachen hängen und komm mit, ich muss mit dir reden.“
„Und ich nehme an, deine Postkutsche fährt bald ab, weshalb du im Stress bist?“
Edgar stand neben ihm in der Luft und lehnte sich an den Felsen. „Du meinst, so wie dein Berg in ein paar Minuten verschwinden wird, weil er eine Verabredung hat?“
Der Ausdruck in Ebenezers Gesicht schien sich nicht zwischen Ärger, Belustigung, Neugier und Sturheit entscheiden zu können. Schließlich meinte er: „Na schön“, und stieß sich vom Felsen weg.
„Ich werde den Himmel verlassen“, sagte Edgar gerade heraus, und als Ebenezer nicht darauf reagierte, fragte er nach: „Was meinst du dazu?“
„Ich wünsche dir viel Glück.“
„Ist das alles?“
„Was erwartest du denn von mir?“
„Na, dass du mitkommst, selbstverständlich.“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Weil du keine Angst davor hast, den Himmel zu verlassen und weil dir hier auf Dauer ohnehin langweilig wird.“
„Mir war noch nie langweilig, und wenn doch, ist mir immer noch ein Abenteuer eingefallen.“
„Es gibt kein größeres Abenteuer im Himmel, als ihn zu verlassen.“
„Das stimmt vielleicht, aber was hilft‘s dir, wenn deine Seele dafür vernichtet wird?“
Während die beiden sprachen, schwebten sie in großen Kreisen langsam nach oben, als würden sie nebeneinander her spazieren.
„Ich glaube, ich höre nicht richtig“, fuhr Edgar auf, „wer hat denn getönt, die große Bestrafung sei gar keine Bestrafung, es gäbe kein ewiges Gesetz und was nicht verboten sei, sei erlaubt?“
„Was man eben so sagt, nicht?“
Als Edgar Ebenezer ansah, erkannte er in dessen scheinbar entschuldigenden Gesichtsausdruck, dass er ihn nur auf den Arm nahm. „Also im Ernst jetzt“, brachte er es darum auf den Punkt, „kommst du mit? Wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja wieder umkehren.“
Ebenezer schwebte vor Edgar hin und hielt inne. Sie waren nun etwa einen halben Kilometer über der Stelle, an der sie losgeflogen waren. „Weißt du, das ist tatsächlich der einzige Punkt, der mich davon abhalten würde: Es ist noch nie jemand zurückgekommen.“
„Was nichts zu bedeuten hat.“
„Was das Einzige ist, das wir fix über die Gegend da draußen wissen. Alles andere ist reine Spekulation, aber dass noch keine einzige Seele, die je den Himmel verließ, je wieder zurückgekehrt ist – das wissen wir.“

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 41: Abschied

Kapitel 41: Abschied

Edgar schließt mit seiner Familie ab und ist nun innerlich bereit für einen Neubeginn. Doch dieser gestaltet sich als radikaler, als er es erwartet hätte.

Für Edgar zeichnete sich schnell eine Entwicklung ab, die den anderen offenbar nicht bewusst war: Je länger er und seine Mutter hier waren, desto jünger schien sie zu werden – und auch seine Großeltern. Sogar die Art, wie sie miteinander sprachen, veränderte sich. Alles schien auf eine Situation zuzusteuern, die weit in der Vergangenheit lag, nämlich jene, in der seine Mutter bei ihren Eltern aufgewachsen war. Es schien, als wäre diese Zeit die glücklichste im Leben von allen Dreien gewesen und als wollten sie wieder so zusammenleben, wie damals.
Tatsächlich saß Edgar schon bald nicht mehr als Sohn und Enkel mit am Tisch, sondern als ein liebgewonnener Gast und seltsamerweise tat ihm diese Erkenntnis gar nicht weh. Durch die Zeit, die er damals hier verbracht hatte, war ihm klar geworden, dass er nicht auf Dauer mit seinen Großeltern zusammenleben konnte und durch die sich nun vollziehende Verjüngung seiner Mutter hörte diese immer mehr auf, seine Mutter zu sein.
Irgendwann wusste Edgar, dass seine Zeit gekommen war. Er stand vom Tisch auf und nahm Abschied von seiner Großmutter, seinem Großvater und seiner Mutter. Auch sie verabschiedeten sich herzlich, umarmten ihn, doch es war kaum noch ein Familiengefühl dabei. Als sie ihm vom Fenster aus nachwinkten, sahen seine Großeltern aus wie Anfang dreißig und seine Mutter wie eine junge Erwachsene, die gerne ein Kind wäre und sich fortan wohl wie eines verhalten würde. Alle drei lachten über das ganze Gesicht und in so ähnlicher Weise, dass jeder sie als Einheit wahrnehmen musste, als Familie.
Edgar prägte sich dieses Bild des Glücks tief ein. Er machte sich keine Illusionen, er würde sie hier, in ihrem privaten Paradies nicht mehr stören und sie würden dieses wohl nicht mehr verlassen. Sie würden einander nie wieder sehen.

* * *

Es ist leer. Mein Refugium ist leer! Mein Erscheinen auf meinem Strand fühlte sich an, als hätte ich mein Haus betreten, deren Einwohner – meine Frau und meine Kinder – ich gerade zu Grabe getragen hätte. Dabei sind nicht sie es, die gestorben sind, sondern ich bin es, und zwar schon vor langer, langer Zeit.
Mein persönliches Paradies, in dem ich mich stets so wohl und daheim gefühlt habe, hat mit einem Mal keine Seele mehr, ist zu einem fremden Küstenabschnitt geworden. Weniger noch, zu der Attrappe eines fremden Küstenabschnitts.
Wie schon so oft balancierte ich über meine Felsen hinaus ins Meer, setzte mich auf meinen Lieblingsstein, wünschte mir eine Havanna in die Hand und schaute zur Kimm – doch es bedeutete mir nichts mehr. Alles, was ich je mit diesem Ort verbunden habe, ist nun weg und darum ist mein Rückzugsgebiet nun leer und entseelt.
Das ist meine eigene Schuld. Aus Angst vor der Wahrheit habe ich mich so an die Vorstellung geklammert, alles könnte wieder wie früher werden, dass ich das Offensichtliche ausblendet habe. Ich muss wieder an die Seele jener alten Frau im Krankenhaus denken, die damals schon einundzwanzig Jahre lang die lebenden Pfleger vergeblich um Hilfe angesprochen hatte, weil sie nicht akzeptieren konnte, dass sie tot war. Ich weiß noch, wie ich den Kopf darüber geschüttelt habe, dass man sich über einen so langen Zeitraum hinweg selbst etwas vormachen kann. Jetzt muss ich erkennen, wie arrogant diese Einstellung war, jetzt, da ich selbst drei Jahrzehnte lang geglaubt habe, ich hätte eine Familie und es wäre – irgendwie – nur eine Frage der Zeit, bis ich sie wiedersähe.
Doch ich habe keine Familie mehr. Familie ist eine Angelegenheit des Erdenlebens, keine des Himmels. Niemand wartet auf mich, da unten, und wenn ich hier auf sie warten würde, auf meine Frau und meine Kinder, würde ich vollkommen andere Menschen antreffen als jene, an die ich mich erinnere.
Als die Wiedersehensfreude mit meiner Mutter abgeflaut war, hatten wir keine Gemeinsamkeiten mehr. Wiedersehensfreude ist etwas in die Vergangenheit Gerichtetes und die Vergangenheit kehrt nie wieder.
Das und nichts anderes ist die Wahrheit!
Ich bin allein, weil ich tot bin und ich bin einsam, weil ich das nie akzeptieren konnte.

Edgar roch Brandgeruch. Er legte das ledergebundene Buch mit den Pergamentblättern und den Gänsekiel auf seine Knie und sah sich zu seinem Strand um. Über dem Wald, dort, wo er damals den Weg durch seine Kindheit und seine Jugend gesucht hatte, um seinen Rückzugsort zu finden, stieg eine massive Rauchfront auf. Der ganze Wald brannte. Edgar blickte zu seinem Tagebuch und den Gänsekiel hinab und löste beide in bunte Wölkchen auf. Dann erhob er sich, denn es war Zeit zu gehen. Er sprang über die Felsen zum Strand zurück und sah dabei zu, wie die haushohen Flammen in erschreckender Geschwindigkeit auf ihn zu rasten. Als er den Strand betrat, setzte Ascheregen ein, wie ein Schneefall mitten in den Tropen, und gleich darauf brach die wütende Flammenwand durch die Palmen hervor, brüllte ihm regelrecht entgegen. Wie ein entfesseltes Raubtier fraß sich das Feuer durch den Sand, entzündete ihn, als bestünde er aus Schwarzpulver, und erfasste schließlich Edgar mit einem ohrenbetäubenden Tosen. Die Flammen tobten auf und in ihm und schließlich fraß die Glut sich durch den Sand unter seinen Füßen hinweg. Edgar drehe sich um und sah zu, wie der Feuerstreifen auf seinen Ozean hinaus fegte und dabei alles verdampfte, auf das er traf, die Wellen, die Felsen, den Himmel, die Sonne, alles.
Als es vorbei war, herrschte Stille. Nichts war zurückgeblieben als das unendliche Weiß, in dem nur noch er war, Edgar, und sonst nichts mehr. Als wäre er wieder erst gestorben – und wieder erst neugeboren.

* * *

Als Edgar erneut Andrea aufsuchte, lebte sie noch immer in ihrem Pseudo-Mittelalter-Milieu. Diesmal war sie in Lumpen gehüllt, trug Kopftuch und Augenklappe und saß mit einigen finster aussehenden Gesellen am dunkelsten Tisch jener Kaschemme, in der Edgar soeben materialisiert war.
Dass das Ambiente nicht authentisch war, erkannte Edgar an der Sterilität, es fehlten der Schmutz, das Ungeziefer, der Gestank. Sein Erscheinen in der Gaststube hatte Andreas Aufmerksamkeit erregt, sie winkte ihm freudig zu, und als er sich ihrem Tisch näherte, lösten sich ihre Zechkumpane in Nichts auf.
Edgar küsste sie auf die Wangen und ließ sich auf die Bank ihr gegenüber fallen. „Erfundene Gesellschaft, hm?“
„Das verkürzt die Wartezeit.“
„Auf wen?“
„Anshelm. Eigentlich müsste er längst hier sein, aber vermutlich hat er sich irgendwo auf der Straße in einen Streit eingelassen und dabei vergessen, dass er sich nicht im echten Mittelalter befindet.“
„Was ist das für ein Kerl?“
„Einer von den Jungs, von denen ich dir das letzte Mal erzählt habe. Die seit dem Mittelalter hier herumgeistern.“
„Klingt nicht unproblematisch.“
„Ist er auch nicht. Ich nehme an, du kommst zu mir?“
„Ja.“
Andrea sah ihn forschend an. In ihrem Blick erkannte Edgar eine Ahnung davon, dass dies kein unverbindliches Plauderstündchen werden würde. „Was ist geschehen?“
„Ich habe meine Mutter getroffen.“
Sie verdrehte die Augen in einer Weise, als erinnerte sie das an ein ähnliches Erlebnis mit ihrer eigenen Mutter. „Ach du Scheiße.“
„Du sagst es.“
„Sie hat dir von deiner Familie erzählt, stimmt‘s?“
„Ich habe keine Familie. Schon lange nicht mehr.“
Wieder forschte sie in seinen Augen, wieder entfuhr es ihr, nur diesmal etwas leiser: „Scheiße.“
„Dreißig Jahre, Andrea. Seit rund dreißig Jahren bin ich nun schon hier. Und was habe ich die ganze Zeit über gemacht? Ich habe mich mit Sport und Spielen vergnügt und mich wie ein kleines Kind darüber gefreut, dass die physikalischen Kräfte hier nicht gelten. Als mir langweilig wurde, bin auf die Suche nach dem Sinn des Himmels gegangen und habe mich weiß Gott wie elitär dabei gefühlt. Dann habe ich den Künstlern und den Christen dabei zugesehen, wie sie ihre Glückseligkeit fanden.“
„Du willst mir doch etwas Bestimmtes sagen, oder?“
Diesmal war es Edgar, dessen Blick in Andreas Augen forschte. „Du hast mir einmal gesagt, dass du hier unzufrieden bist“, begann er, „dass du von einem Bereich zum nächsten wanderst, um Erfahrungen zu sammeln. Um zu verstehen, warum die Seelen so sind, wie sie sind.“
„Sinngemäß.“
„Du willst wissen, was die Aktivitäten der einzelnen Seelen der Gesamtheit bringen – uns allen? Ich sage es dir: gar nichts!“
Edgars theatralische Pause zeigte nicht die beabsichtigte Wirkung. Im Gegenteil, sie gab Andrea die Möglichkeit, ihm in die Parade zu fahren. „Edi, du schiebst Frust, weil du endlich in der Wirklichkeit angekommen bist. Aber das bedeutet nicht, dass das Leben sinnlos ist.“
Edgar verzog den Mund zu einem sardonischen Lächeln. „Mein Frust ist vielleicht der Auslöser für diese Gedanken, aber nicht der Grund. Wir Seelen haben keine Gemeinschaft. Hätten wir eine, hätten wir einen Staat, eine Regierung, eine Verwaltung und was sonst noch alles dazugehört. Das ist aber nicht der Fall. Wir streifen alleine durch den Himmel, bleiben hie und da eine Zeit lang hängen, und wenn es uns nicht mehr gefällt, dann streifen wir weiter.“ Andrea war sichtlich verblüfft. Einerseits von Edgars Entschiedenheit und andererseits von den Schlussfolgerungen, von denen sie nicht wissen konnte, dass sie eigentlich von Ebenezer stammten. „Und weil wir nur einzeln organisiert sind, bringt das, was wir tun oder nicht tun, nur uns selbst etwas. Wo keine Gemeinschaft ist, kann einer solchen auch nicht gedient werden.“
Andrea blickte Edgar stumm an, dann gestand sie: „Wenn du den Sinn zerstören willst, den ich meiner Existenz gebe, dann gelingt dir das ganz gut.“
„Woher willst du wissen, was der Sinn deiner Existenz ist? Ist nach deinem Tod irgendein Engelswesen zu dir gekommen und hat gesagt: ‚Siehe hier, das ist der Sinn deiner Existenz‘? Also zu mir nicht. Mir hat ein großer silberner Kerl den Weg ins Jenseits gezeigt, danach war ich auf mich allein gestellt, und zwar völlig.“
„Edi – was willst du mir eigentlich sagen?“
„Dass das hier, dieser ach so wunderbare Himmel, unmöglich das Paradies sein kann.“
„Ach? Und das weißt du, weil …?“
„Weil das Paradies ein Zustand der vollkommenen Glückseligkeit ist. Und ich bin nicht glücklich.“
Andrea sah Edgar einmal mehr verblüfft an, doch diesmal war noch mehr in ihrem Blick, eine Art Erkennen, als wüsste sie aus eigener Erfahrung, was er meinte.
„Gott zum Gruße, edle Maid!“
Edgar fuhr herum. Neben ihrem Tisch stand ein Mann in einem Kettenhemd mit Kreuzritter-Überwurf. Sein Henriquatre war gleich schwarz wie sein wallendes Haar, das bis zu seinem Nacken hinabreichte. Der stechende Blick und die aufrechte, fast steife Haltung machten seine geringe Körpergröße mehr als wett.
„Wie oft soll ich dir das noch sagen, Anshelm? Ich bin nicht edel.“ Edgar hörte den Ärger in Andreas Stimme, weil Anshelm sie in ihrer Überlegung gestört hatte.
Dieser verzog den Mund zu einem kaum sichtbaren Grinsen. Andrea stellte Edgar und den Kreuzritter einander vor, wobei Anshelm dem Handschlag noch eine tiefe Verbeugung voranstellte, bei der er sich die rechte Faust ans Herz hielt. Er nahm Platz und hielt auch im Sitzen den Oberkörper steif aufrecht, während er seinen rechten Unterarm auf die Tischplatte legte. Er blickte zu Andrea, dann zu Edgar und schließlich erhob er sich wieder. „Ich erkenne, ich habe Ihre Unterhaltung gestört und bitte, dies zu entschuldigen.“ Nach einer weiteren Verbeugung mit der Faust am Herzen löste Anshelm sich in buntem Rauch auf.
Andrea, die ihm gerade hatte widersprechen wollen, warf Edgar einen genervten Blick zu. „So etwas macht er jedes Mal, es ist nicht zum Aushalten.“
„Du meinst, er verschwindet immer?“
„Nein, er ist immer so übertrieben höflich. Kann er nicht einfach fragen: ‚Was geht denn hier ab?‘“
Edgar lachte. „Steck ihn einmal in einen Skater-Fummel, vielleicht wird er dann lockerer.“
Auch sie lachte.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 40: Familientreffen

Kapitel 40: Familientreffen

Edgar bringt seine Mutter zu ihren Eltern – es gibt viel zu erzählen!

Als Edgar wieder bei seiner Mutter erschien, stand sie auf einem Marktplatz, der sich vor einer hölzernen Kathedrale befand. Ein leerer Korb hing in ihrer Armbeuge und sie interessierte sich offenbar für Devotionalien, denn sie unterhielt sich angeregt mit einer Verkäuferin an einem entsprechenden Verkaufsstand. Ihre Haltung wirkte nun aufrechter als beim letzten Treffen und Edgar fand, dass sie nun allgemein jünger aussah, aufgeräumter. Während sie sprach, lachte sie und er erkannte die für sie typische Lippenkrümmung im Mundwinkel wieder. Edgar hatte nicht gewusst, wie sehr er Kleinigkeiten wie diese vermissen würde – und zwar erst im Nachhinein, wenn er sie nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder sah.
„Den lieben Gott hat noch nie jemand gesehen“, hörte er die Marktfrau sagen, als er näherkam. „Ich sage Ihnen was: Ich bin schon seit ein paar Jahrhunderten hier, habe mir den ganzen Himmel angeschaut, die Himmelfahrtsprozession mehrmals mitgemacht und sogar jahrelang als Engel dort oben im Himmelreich gelebt, aber den alten Herrn mit dem Rauschebart, den habe ich noch nie auf seinem Wolkenthron sitzen oder sonst wo herumwandeln sehen und auch niemand sonst, mit dem ich geredet habe.“
Die Mutter wollte etwas erwidern, spürte aber offenbar Edgars Anwesenheit, denn sie hielt inne und sah ihn an. Ihr Blick hatte nun nichts mehr von der Abwesenheit von zuletzt, er war klar und bestimmt und ihr Gesicht begann zu strahlen, als sie ihren Sohn erkannte. Sie umarmte ihn herzlich und küsst ihn auf beide Wangen. „Du warst gestern plötzlich verschwunden.“
„Es tut mir leid, Mama, aber ich habe es nicht mehr ausgehalten. All die schrecklichen Neuigkeiten von daheim … ich meine … du weißt schon, was ich meine.“
„Ja, ich weiß, mein Kind. Es hat sich leider nicht zum Besten entwickelt, aber so ist das nun einmal. Es gab ja auch schöne Zeiten dazwischen, was ich dir erzählt habe, war nur die grobe Zusammenfassung.“
„Es trifft mich trotzdem.“
„Das verstehe ich ja. Aber sieh es einmal so: Es ist so geschehen, wie es geschehen ist und nichts kann es mehr ändern.“
„Das weiß ich, Mama, das kannst du mir glauben.“
„Komm, wir reden einfach nicht mehr darüber, ja? Das hier ist der Himmel, das hier ist ein neues Leben und kein schlechtes, wie mir scheint.“
„Es ist nicht so leicht …“
Der strenge Blick seiner Mutter ließ Edgar verstummen. „Für Heike war es nicht leicht. Entschuldige, wenn ich das so sage, aber sie ist nach deinem Tod nicht ins Paradies gekommen.“
„Deshalb hat sich mich auch so rasch ausgewechselt, nehme ich an.“ Edgar hatte das nicht sagen wollen, es war einfach aus ihm herausgebrochen.
Seine Mutter fuhr ihn an: „Sie war plötzlich ganz allein auf der Welt, allein mit zwei Kindern. Dein Tod hat auch sie aus ihrem gewohnten Leben gerissen, weißt du?“ Sie atmete einmal tief durch und senkte den Blick. Dann sprach sie ruhig weiter: „Sie hat jemanden gebraucht, der sie auffängt und an dem sie sich festhalten kann, das musst du verstehen. Für Papa und mich war sie wie eine Tochter, sie und eure Kinder waren ja unsere ganze Familie, als du nicht mehr warst. Und wir, Papa und ich, waren es auch, die sie dazu ermutigt haben, sich bald einen neuen Mann zu suchen.“
„Das … das glaube ich nicht!“
„Warum nicht? All ihre Trauer hätte dich nicht mehr zurückgebracht und ihr Leben ging weiter und auch das eurer Kinder.“
„Und dieser … dieser Michael …?“
„Der hat sein Bestes gegeben. Aber er hat den beiden Kleinen den Vater nicht ersetzen können, keiner hätte das gekonnt. Außerdem haben er und Heike ja arbeiten müssen, deshalb waren ihre Kinder öfter bei uns, als bei ihnen.“
„Ihre Kinder?!“
„Sei nicht so pingelig.“
„Was heißt pingelig? Es sind meine Kinder.“
„Nach deinem Tod waren sie es nicht mehr.“ Edgar glaubte nicht, dass seine eigene Mutter das soeben gesagt hatte. Fassungslos starrte er sie an und wandte sich dann von ihr ab. Doch sie hielt ihn sanft an der Schulter zurück, nahm ihn in die Arme und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist einfach so viel Zeit vergangen, seit du gestorben bist, Edgar. Da verschiebt sich alles.“
„Bei mir hat sich nichts verschoben. Ich liebe sie alle noch so, wie am Tag meines Todes.“
„Es ist anders, Kind. Du magst die Alltagssorgen auf der Erde vergessen haben, aber sie sind es, die uns am meisten beschäftigen. Alles andere muss da zurücktreten, selbst geliebte Menschen, wenn sie nicht mehr da sind.“ Sie löste sich von ihm und sah ihn an, wie sie ihn als Kind immer angesehen hatte, wenn sie ihn trösten wollte. „Als Matthias klein war, war er dir so ähnlich, dass wir geglaubt haben, wir hätten eine zweite Chance bekommen. Es war, als wärst du als Kind zurückgekommen und wir könnten dich noch einmal großziehen.“
„Deshalb habt ihr mich vergessen?“ Edgars Stimme erstickte in Tränen.
„Rede keinen Unsinn, niemand hat dich vergessen. Aber die Zeit geht weiter und irgendwann beginnen die Erinnerungen sich zu verändern. Eines Tages haben deine Kinder gefragt, wer du warst und wir haben ihnen von dir erzählt. Heike, Papa und ich, jeder hat ihnen Erlebnisse erzählt, die wir mit dir hatten. Natürlich erzählt man da die Anekdoten, die einem am lebendigsten in Erinnerung sind und die Kinder wollten diese Geschichten immer und immer wieder hören. Und wenn man von jemandem immer dieselben Geschichten erzählt und hört, dann vergisst man mit der Zeit, wer der Mensch wirklich war. Man verwechselt ihn mit der Person in den Erzählungen. Deshalb habe ich dich gestern fast nicht wiedererkannt. Ich hatte fast vergessen, wer du wirklich warst, weil die schmerzvolle Erinnerung an deinen Tod das Letzte war, was mich an dein wirkliches Leben erinnert hatte. Da wollte ich dich schon lieber so in Erinnerung behalten, wie wir dich deinen Kindern beschrieben haben.“
Edgar brach haltlos in Tränen aus und auch in den Augen seiner Mutter schimmerte es. Er wusste, sie wollte ihm nicht wehtun und er wusste, es war richtig, dass sie ihm unverblümt die Wahrheit sagte. Dennoch tat es weh und dennoch wollte er es nicht wahrhaben. Nach einer Weile ließ der Schmerz nach und Edgar spürte zum ersten Mal, seit er seine Mutter im Himmel angetroffen hatte, wie der Druck von ihm abfiel und sein Herz wieder leichter wurde. Das Lachen, das nun zwischen seinen Tränen hervorbrach, fühlte sich wie ein Sonnenschein im Regen an. „Wenn du vergessen hast, wer ich wirklich bin, dann solltest du wissen, dass ich etwas mit Jesus gemeinsam habe. Wir beide haben am Thron Gottes erfahren, dass unsere Mutter gestorben ist.“
Auch sie lächelte und nahm ihren Sohn einmal mehr in den Arm. „Versündige dich nicht, Kind.“* * *Als Edgar mit seiner Mutter in der Wohnstraße ihrer Kindheit erschien, schlug sie die Hände vor den Mund und schnappte nach Luft. „Das ist … das ist ja …“
„Ich weiß.“ Er hatte ihr nicht gesagt, wohin er sie bringen würde, er hatte ihr nur eine Überraschung versprochen.

Die beiden hatten auch bei einem längeren Gespräch nicht herausfinden können, wie lange sie nach ihrem Tod noch bei Edgars Vater geblieben und wann sie schließlich in den Himmel übergewechselt war. Somit konnte es durchaus sein, dass Edgars Unfall länger als neunundzwanzig Jahre her war, vielleicht dreißig oder gar einunddreißig, doch das spielte jetzt keine Rolle mehr für ihn. Er schien endlich akzeptiert zu haben, was – wie Fred es ihm gleich zu Anfang geraten hatte – er gleich nach seinem Tod hätte akzeptieren sollen: Vergangenes war vergangen.
Dabei waren Edgar seine Großeltern wieder eingefallen, die sich nicht von dieser Vergänglichkeit allen Seins hatten beeindrucken lassen. Sie hatten im Gegenteil ihren Himmelsbereich gemäß ihren Erinnerungen gestaltet, lebten bewusst in ihrer Vergangenheit und waren, so schien es, glücklich darin. Da hatte Edgar beschlossen, wenigstens diesen Teil seiner Familie wieder zusammenzuführen.

Seine Mutter war hin und weg. Sie ging ein paar Schritte die Straße entlang, und als sie sich im Kreis drehte, um sich umzusehen, sah es wie ein Tanz aus. Endlich schaffte sie es, ihre Hände vom Mund zu nehmen und sie jubelte: „Das ist meine Kindheit, hier war ich soo glücklich!“ Ihre Blicke blieben an ein paar Kindern haften, die am Straßenrand spielten. Sie waren blond, die Mädchen trugen Zöpfe und hatten Kleidchen an, während die Buben das Haar gescheitelt trugen und in Lederhosen gekleidet waren. Edgars Mutter zeigte auf eines der Mädchen und rief: „Das könnte ich sein.“
„Das ist noch lange nicht alles, Mama.“ Edgar kam nicht gegen sein Grinsen an. Er nahm sie an der Hand und zog sie zu dem Mehrfamilienhaus hin, in dem ihre Eltern wohnten. Freilich erkannte sie es sofort, jauchzte auf und lief los, als wäre sie tatsächlich wieder das kleine Mädchen ihrer Kindheit.
Als sich beide der Steintreppe näherten, die zur Eingangstür hinaufführte, ging rechts davon das Fenster auf und der Kopf von Edgars Großmutter erschien. Ihre Augen waren auf ihre Tochter gerichtet, Unglauben und Hoffnung spiegelten sich darin. „Gretl? Gretl, bist du das?“
Die Angesprochene blieb abrupt stehen und starrte zurück. Edgar kam es so vor, als sei seine Mutter kleiner geworden, jünger. „Mama?“, fragte sie fassungslos, „das … das kann doch nicht sein.“
„Ja, aber natürlich bin ich es.“ Die Großmutter wandte sich lachend um und rief aufgeregt ihren Mann ans Fenster. Auch dieser erstarrte zunächst und brach dann in ungläubige, tränenreiche Freude aus, als er seine Tochter nach so vielen Jahren wiedersah. „So kommt doch herein“, rief die Großmutter eifrig gestikulierend und nur Augenblicke später lagen sich Großeltern und Mutter in den Armen und weinten vor Glück.

Die darauffolgende Zeit – Edgar schätzte, es mussten Wochen sein – verging mit Reden, Lachen, Essen und Trinken. Edgars Großeltern und seine Mutter tauschten Erinnerungen aus der Kindheit der Mutter aus und erzählten ihm Geschichten von ihr als Heranwachsende. Dann musste seine Mutter ihren Eltern erzählen, was seit deren Tod im Diesseits passiert war und schließlich war Edgar an der Reihe, um seiner Mutter von der Zeit zu erzählen, in der er bei seinen Großeltern gelebt hatte und allen Dreien, was er seit seiner Abreise von hier erlebt hatte.
Es war ein sehr freudiges Wiedersehen, ein harmonisches Miteinander, ein Familientreffen nach langer Zeit.

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 39: Neues aus dem Diesseits

Kapitel 39: Neues aus dem Diesseits

Edgar trifft seine verstorbene Mutter und erfährt von ihr, wie lange er schon tot ist. Sie erzählt ihm auch, wie es seiner Familie geht.

Die Kraft verließ Edgar, er sackte auf die Knie, stütze sich mit beiden Händen am Boden ab. Er blickte noch einmal hin, so lange, bis er auch den letzten Zweifel verlor, bis er nicht mehr wegleugnen konnte, dass seine Mutter hier war, im Himmel. Sie stand im Jesus-Christus-Dom, inmitten anderer Seelen und feierte die Auferstehungsmesse mit. Sie sah um einiges älter aus, als Edgar sie in Erinnerung hatte und sie wirkte verwirrt.
Seit seinem Tod hatte Edgar nicht mehr daran gedacht, dass auch seine Eltern sterblich waren. Es war kein Thema mehr für ihn gewesen, da er ihren Tod ja nicht mehr zu fürchten brauchte. Doch als er seine Mutter nun sah, war es, als holte ihn eine schmerzhafte Vergangenheit ein und er bekam auch Schuldgefühle, weil er nie mehr an sie oder an seinen Vater gedacht hatte. Offenbar hatte es ihn nicht gekümmert, ob sie schon im Himmel waren oder nicht. Es war seltsam, doch ihm wurde klar, dass er – obwohl er sich lange an die Erinnerung an seine Frau und an seine Kinder geklammert hatte – mit seinem Tod aufgehört hatte, sich als Teil einer Sippe zu fühlen.

* * *

Einen Wunsch später stand Edgar im Jesus-Christus-Dom direkt neben seiner Mutter. Ohne es speziell gewünscht zu haben, hatte er mit seinem Ortswechsel auch seine Engelserscheinung abgelegt, offenbar war dieses Aussehen eine Besonderheit des Himmelreichs in den Wolken. Er wollte seine Mutter ansprechen, doch sie blickte starr geradeaus, als wollte sie ihn ignorieren. Schließlich nahm er sich ein Herz und sagte laut: „Mama!“
Sie reagierte nicht. Er zupfte sie am Ärmel und endlich, nach mehreren Sekunden, ging ein Zucken durch sie und sie wandte sich ihm zu. Doch ihr Blick war leer. „Ja, bitte?“
„Mama, ich bin‘s, Edgar!“
„Edgar?“ Ihr Blick wurde nachdenklich. „Edgar …“ Er spürte, wie es eng in seiner Brust wurde, dann endlich sah die Mutter ihrem Sohn direkt in die Augen. „Edgar!“
Sie fielen sich in die Arme, drückten sich, schluchzten. Die Bewegungen ihrer Hände auf seinem Rücken erinnerten ihn an früher, an sein irdisches Leben. Es schien, als hätte er diese Hände, die seit seiner Geburt die zärtlichsten von allen gewesen waren, zwischenzeitlich vergessen und als erinnerte er sich erst jetzt wieder, wie innig vertraut sie ihm immer waren. Als sie sich endlich voneinander lösten, schluckte Edgar schwer. „Wie lange bist du schon hier?“
„Ich weiß nicht.“ Die Mutter blickte sich desorientiert um. „Ehrlich gesagt … wo bin ich hier eigentlich?“ Wieder war ihr Blick ausdruckslos, abwesend.
„Na, im Himmel!“
„Ehrlich? Bist du dir sicher?“
„Warum zweifelst du daran?“
„Weil ich lange Zeit da war und … trotzdem nicht da. Ich war daheim, aber dein Papa hat mich nicht gesehen oder gehört. Es war schrecklich.“
„Du weißt aber, dass du tot bist?“
„Ja … schon … glaube ich …“
„Was ist denn passiert? Ich meine, wie bist du gestorben?“
„Es war mein schwaches Herz. Es hat mir in den vergangenen Jahren immer wieder Probleme gemacht. Aber zuletzt bin ich ins Koma gefallen und dann … dann weiß ich nicht mehr so genau.“
Edgar fiel ein, dass er ja nicht wusste, wie viel Zeit seit seinem Tod vergangen war, daher konnte er auch nicht abschätzen, in welchem Alter seine Mutter gewesen sein mochte, als sie das Zeitliche gesegnet hatte. Er fragte sie: „Wie alt warst du, als das passiert ist?“
„Dreiundachtzig.“
Edgar blinzelte. Er schüttelte den Kopf, als würde das etwas verändern. Das konnte nicht sein. Er dachte daran zurück, wie alt seine Mutter bei seinem Tod gewesen war und zog diese Zahl von dreiundachtzig ab. Dann rechnete er es noch einmal. Und dann noch einmal, doch nichts mehr änderte die Anzahl der Jahre, die seither im Diesseits vergangen waren.

Neunundzwanzig.

Als er sich seiner Umgebung wieder bewusst wurde, stand Edgar gebeugt an eine Säule gelehnt. Seine Mutter stand schräg vor ihm, vielleicht zwei Meter entfernt, hatte sich dem Altar zugewandt und murmelte mit den anderen Seelen monoton Betformeln. Solange Edgar gelebt hatte, hatte sie nie gebetet, geschweige, dass sie in eine Kirche gegangen wäre. Überhaupt verhielt sie sich höchst sonderbar. Er ging zu ihr hin und fragte: „Was ist passiert?“
„Das kann ich dir nicht sagen, Kind. Ich erinnere mich, dass ich im Koma gelegen bin. Ich habe mich selbst da liegen sehen. Aber es ist mir gut gegangen, ich bin nachhause zurückgekehrt, doch dein Papa hat nicht bemerkt, dass ich da bin. Lange Zeit nicht.“
„Und dann?“
„Irgendwann sind wir gemeinsam auf der Küchenbank gesessen und da hat er so merkwürdig zu mir hergeschaut, durch mich hindurch. Und dann hat er gesagt: ‚Es ist gut, du kannst gehen.‘ Und dann bin ich gegangen.“
„Und dann?“
„Dann war ich hier. Ich weiß nicht, seit wie lange schon.“
„Wie geht es Papa?“
„Wie soll es ihm schon gehen? Er ist über neunzig. Heike schaut regelmäßig nach ihm. Du kennst doch die Heike, nicht wahr?“
Ein hässlicher Schauer überfuhr Edgar, Tränen der Trauer und der Verzweiflung füllten seine Augen und seine Stimme klang erstickt, als er erwiderte: „Heike war meine Frau.“
Die Mutter starrte lange Zeit nachdenklich vor sich hin, dann meinte sie: „Ach ja, stimmt.“
„Wie geht es ihr? Wie geht es Heike?“
„Gut, gut. Sie geht ja jetzt bald in Pension und der Michael auch und ich glaube, sie freuen sich beide schon darauf.“
„Der Michael?“
„Ja, ihr Mann. Ach, du weißt gar nicht, dass die beiden geheiratet … stimmt, das war ja später.“
„Welcher Michael?“
„Ein ehemaliger Arbeitskollege von ihr. Er hat sich damals so rührend um sie gekümmert, nachdem du … ach Edgar, das Leben geht nun einmal weiter.“
„Wann hat sie wieder geheiratet?“
„Ach, was weiß ich. Zwei Jahre oder drei Jahre nach dir, vielleicht.“
Ein Stich in der Brust ließ Edgar sich zusammenkrümmen, doch seine Mutter schien es nicht wahrzunehmen. Eine alte Frau neben ihr fragte mitfühlend, ob sie ihm helfen könne, doch er schüttelte den Kopf. Er wusste, dies war nicht der letzte Schmerz gewesen, sondern der erste.
„Was ist aus Matthias geworden? Was aus Anni?“
„Dem Matthias geht es gut“, antwortete Edgars Mutter mit abwesendem Blick. „Er ist in deine Fußspuren getreten und hat Medizin studiert. Hat gerade das zweite Mal geheiratet, aber er will keine Kinder, hat er gesagt. Falls ihm was passiert.“
„Ich habe nie Medizin studiert, Mama, ich war Physiotherapeut.“
„Tatsächlich? Ach ja, stimmt.“
„Was meinst du mit ‚falls ihm was passiert‘?“
„Er will nicht, dass sein Kind ohne Vater aufwachsen muss, so wie er.“ Ein weiterer Schmerz krümmte Edgars Rücken, doch die Mutter bekam es wieder nicht mit, sie redete weiter: „Er hat sich mit Heike nie gut verstanden, ist bald von zuhause ausgezogen und hat nur noch das Nötigste mit ihr geredet. Und die Anni … mein Gott, ein schwieriges Mädchen! Die ist ja damals von zuhause weggelaufen, als sie sechzehn war. Die Polizei hat sie lange nicht gefunden, erst ein halbes Jahr später bei einer Drogenrazzia in Berlin. Nach dem Entzug hat sie eine Zeit lang wieder daheim gelebt, aber es war ein Drama mit ihr. Immer neue Freunde, in alle sofort kopfüber verliebt, aber nichts von Dauer. Nach ein paar Monaten war es jedes Mal wieder vorbei. Zumindest hat sie einen Beruf erlernt, ich glaube irgendwas mit Computern. Als sie dann schwanger geworden ist, ist sie fortgezogen, nach Amerika … oder war es Frankreich? Sie hat gesagt, sie hat genug von den Männern und von dem ganzen Drumherum. Als ob das eine Begründung wäre. Aber vielleicht ist es besser so, weil mit dem Michael ist sie nie gut ausgekommen und warum soll die ganze Familie darunter leiden, dass sie sich nichts sagen lässt? Na ja, jedenfalls habe ich schon viele Jahre nichts mehr von ihr gehört. Schade um das Kind.“

Die Mutter, der Jesus-Christus-Dom, alles verschwamm in farbigen Nebeln. Edgar hatte die Notbremse gezogen, er materialisierte am Strand seines Refugiums, und dass die Konturen hier nicht klar wurden, lag an seinen Tränen. Er sank in den Sand, hilflos seinem Schmerz ausgeliefert, der nicht und nicht nachlassen wollte.
Er hatte sie im Stich gelassen. Sein Abgang hatte das Leben seiner Kinder zerstört. Matthias hatte er eine eigene Familie verwehrt und Anni die Zuversicht, einen Mann zu finden, der sie nicht verlassen würde. Er stellte sich die beiden jetzt vor: Matthias, Anfang vierzig in einem Krankenhaus oder in einer privaten Ordination, wohl mit seiner Arbeit als Lebensmittelpunkt, der er vermutlich seine erste Ehe geopfert hatte. Wollte er überhaupt ein guter, konnte er ein fürsorglicher Ehemann sein? Und Anni, Mitte dreißig, allein irgendwo in der Fremde und mit ihrem Kind als einzigen Trost. Ihrem Kind, das in der Geiselhaft ihrer Verzweiflung aufwuchs und deshalb eines Tages wohl ebenso von ihr weglaufen würde, wie Anni selbst weggelaufen war.
Edgars Tod hatte nicht nur das Lebensglück seiner Kinder zerstört, sondern auch das der nachkommenden Generationen. Und wofür? Für einen besoffenen Abend.

Als die Tränen endlich versiegten und er wieder klar sehen konnte, holte Edgar das Foto seiner Familie hervor und sah sich die drei Gesichter an. Diese Familie gab es nicht mehr. Es hatte sie ab dem Moment nicht mehr gegeben, in dem er verunglückt war. Er hatte in einer Erinnerung geschwelgt und sich vorgemacht, sie sei die immerwährende Gegenwart im Diesseits. Doch es war nichts mehr davon übrig, schon seit neunundzwanzig Jahren nicht mehr.
Noch einmal strich er über Heikes Haar, über Annis Wange und stupste mit dem Daumen Matthias Nase an – dann löste er das Foto in einem kleinen farbigen Nebel auf. Und als die Kimm seines Meeren erneut ihre Kontur vor Edgars Blick verlor, wünschte er, er könnte mit sich dasselbe tun – ein für alle Mal.

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Neuerscheinung

Kapitel 38: Edgars Himmelfahrt

Kapitel 38: Edgars Himmelfahrt

Was Edgar nach seiner Himmelfahrt erlebt, erscheint ihm klischeehaft – zumindest so lange, bis er zu Gottes Thron gelangt.

Schließlich war es so weit. Papst Johannes XIX. streckte die Arme nach oben, neigt das Haupt ins Genick und rief: „releva nobis in caelum!“
Im nächsten Augenblick stand Edgar inmitten gleißenden Lichts, nahm die Seelen in seiner Umgebung wie durch goldenes Glas wahr. Im Gegensatz zum letzten Mal verschwand das Licht aber nicht sofort wieder, es umhüllte Edgar und die anderen mehrere Sekunden lang. Dann löste sich das Gold auf, wandelte sich in strahlendes Weiß und Edgar fand sich in einer Art von Himmel wieder, die er nicht erwartet hatte; nicht nach all dem, was er bisher über den Himmel erfahren hatte. Er stand in einer Landschaft aus bauschigen Schönwetterwolken, die aus sich heraus leuchteten, also offenbar in jenem Wolkenkonstrukt, das über dem Dom des Herrn schwebte. Die Wolken hatten unterschiedliche Größen, Edgar stand auf einer mit dem Ausmaß eines Surfbretts, während die alte Pilgerin in einiger Entfernung auf einer mit der Ausdehnung eines Autobusses saß. Andere Wolken hatten die Größe von Hochhäusern oder waren zu gebirgsähnlichen Formationen zusammengeschlossen. Alle Seelen, die an der Himmelfahrt teilgenommen hatten, saßen, standen oder lagen allein oder in Gruppen auf den Wolken in Edgars Umgebung. Überhaupt schien die ganze Region hier, soweit sein Auge reichte, dicht von Seelen bevölkert zu sein. Die Wolken bewegten sich, sie zogen langsam in allen drei Dimensionen aneinander vorbei, jede in eine eigene Richtung. Der Abstand zwischen ihnen war großzügig bemessen, denn trotz ihrer schier endlos großen Zahl sah Edgar immer wieder das Blau des Himmels zwischen ihnen.
Als wäre das nicht seltsam genug, musste Edgar erkennen, dass alle Seelen, auch er selbst, in weiße, bodenlange Umhänge gekleidet waren, ihnen an den Schulterblättern große, weiße Flügel herauswuchsen, golden leuchtende Heiligenscheine über den Köpfen schwebten und sie Leiern in den Händen hielten. Er blickte nach oben, um seinen Heiligenschein zu betrachten, doch dieser folgte der Bewegung seines Kopfes und kippte nach hinten. Edgar griff danach, doch der Heiligenschein war gestaltlos, die Finger glitten durch ihn hindurch, ohne dass er etwas spürte. Als er an sich hinabblickte, sah er, wie zwischen seinen nackten Zehen etwas Wolkenmaterial hervorquoll.
Unwillkürlich begann er zu lachen. Er empfand das Ambiente, wie auch sein eigenes Aussehen in einer Form kitschig, die ihn hilflos machte. Sein Gelächter klang schrill und so verrückt, dass es ihm selbst Angst einflößte. Die alte Pilgerin schwebte auf ihrer Wolke zu ihm und lächelte ihn an. Edgar erkannte an ihrem Blick, dass sie sein Lachen für ein Zeichen der Verzückung hielt.
„Habe ich Ihnen nicht versprochen, dass Sie Ihren Glauben finden werden, wenn Sie erst einmal die Heimat unseres Herrn erreicht haben?“
„Hier wohnt Gott?“
Die Alte, die nun eher einem greisen Engel ähnelte als einer Bäuerin, nickte gütig, malte ein großes Kreuzzeichen vor Edgar in die Luft und entfernte sich dann mit ihrer Wolke. Ehe sie zwischen den anderen Wolken verschwand, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und rief: „Grüß Gott, mein junger Freund!“

Edgar betrachtete unentschlossen die Harfe in seiner Hand. Er bezweifelte, dass er sie verwenden würde, deshalb wünschte er sie weg und sie verschwand. Dann begann er, sich mit seiner neuen Umgebung vertraut zu machen.
Die Wolken zu steuern gelang mittels einfachen Wünschens, und wie sich herausstellte, dienten seine Flügel nicht nur einem dekorativen Zweck. Als er sie das erste Mal ausbreitete, erschrak Edgar vor ihrer großen Spannweite und wunderte sich, dass er sie so selbstverständlich spürte wie seine Arme. Folglich fühlte sich das Flattern zwar fremdartig, aber dennoch völlig natürlich an. Edgar spürte seine Brust- und Rückenmuskeln arbeiten, die für diese Art der Fortbewegung offenbar bestens trainiert waren und schon bei den ersten kräftigen Flügelschlägen nahm er eine spürbare Entlastung seiner Beine wahr. Er flatterte weiter und erhob sich schließlich wie ein großer Vogel von seiner Wolke. Er flog zwischen den Wolken hindurch, stieg nach oben und ließ sich im Gleitflug nach unten sinken. Die Kraft, die er dem Widerstand der Luft mit jedem Flügelschlag entgegensetzte, schuf Vertrauen, gab ihm das Gefühl, das Element zu beherrschen.
Allerdings stellte er schnell fest, dass auch hier dieselben Regeln galten, wie im restlichen Himmel: Da er nie fliegen gelernt hatte, verwendete er seine Flügel nicht sonderlich geschickt. Als er einer Wolke zu nahe kam und die Ausweichbewegungen schlecht dosierte, geriet der darauffolgende Steilkurvenflug zu einem unsicheren Taumeln. Kurz überlegte er, wie es dennoch sein konnte, dass er Muskeln an den Flügeln besaß, zumal er sich diese ja nie antrainiert hatte, schalt sich im selben Moment aber einen Dummkopf, immerhin waren ja all seine Muskeln nur eine Illusion, ebenso wie die Luft und die Schwerkraft.
Edgar genoss dieses Erlebnis dennoch aus vollen Zügen. Seine Superman-Flüge waren anders gewesen, seine Bewegungen in der Luft willkürlicher. Mit den Engelsflügeln war er offenbar auf die Aerodynamik angewiesen und daher mehr eingeschränkt. Doch gerade das machte das Erlebnis intensiver und lebensechter. Auch empfand er das Arrangement der Wölkchen und Wolken faszinierend, zwischen denen er hindurchturnte, und ebenso den Anblick der Seelen in Engelsgestalt, die hier saßen, Leier spielten oder sich, wie er selbst, im Fliegen übten. Schließlich ließ er sich auf einer Wolke nieder und sah seinen Flügeln dabei zu, wie sie sich mit einem leisen Rascheln zusammenfalteten.
Er glaubte das alles hier nicht. Wie konnte es sein, dass die kindlichste aller Vorstellungen vom Himmel tatsächlich wahr sein sollte? Wie weit ging das? Thronte auch Gott hier auf der höchsten Wolke in Gestalt eines alten, weiß gekleideten Mannes mit einem langen weißen Bart? Edgar grinste schief und breitete seine Flügel wieder aus. Er wollte jetzt sehen, ob das stimmte.

Der Weg nach oben wurde ihm irgendwann zu lang. Zunächst war er geflattert, später hatte er sich auf eine Wolke gelegt und war mit dieser, wie mit einem Rennwagen, in einer Steilkurve nach oben gefahren. Doch irgendwann wurde ihm auch das zu eintönig. Außer Wolken sah er nur Seelen in Engelsgestalt beim Sitzen, Stehen, Liegen oder Fliegen, wobei sie jeweils auf ihrer Leier spielten oder nicht. Nur eine einzige Seele brach aus diesem Verhaltensmuster aus. Sie sprang mit eingeklappten Flügeln von einer Wolke zur nächsten und nahm dabei in Kauf zu fallen, wenn die angepeilte Wolke zu weit entfernt war. Dann stürzte sie mitunter eine weite Strecke ab, bis sie auf einer zufällig vorbeitreibenden Wolke auftraf, von der aus sie ihr Spiel weiterspielte.
Es war tatsächlich so, wie Edgar es sich zu Lebzeiten schon immer gedacht hatte, wenn er den Himmel auf diese Weise dargestellt gesehen hatte: Er war langweilig, weil es nichts zu tun gab, außer zu fliegen oder auf der Leier oder mit den Wolken zu spielen.
Wie weit der Weg nach ganz oben sein würde, konnte Edgar nicht abschätzen. Wann immer er hinaufblickte, bot sich ihm dasselbe Bild, nämlich Wolken, die sich über Wolken schoben, dazwischen ab und zu ein Stück blauen Himmels. Also wünschte er sich schließlich nach ganz oben und erschien – als gelte es, ein Klischee zu erfüllen – vor der untersten Stufe einer steilen Wolkentreppe. Diese verschwand wenige Meter über ihm in einem Nebelschleier, was Edgar befürchten ließ, es würde sich bei ihr um ein ähnliches Phänomen handeln, wie es die große Sandfläche in der Bergregion war. Die Frage, ob Gott dort oben war, würde immerhin unbeantwortet bleiben, wenn es niemandem gelang, ihn zu erreichen.
Doch Edgar zögerte nicht lange, sondern begann den Aufstieg. Die Wolkenbank war rasch erreicht, und als Edgar sie durchstieß, blickte er in einen klaren, blauen Himmel, von dem eine warme Sonne schien. Das obere Ende der Treppe war nur wenige Stufen entfernt, Edgar erklomm es und hielt inne. Er stand auf einem kleinen Plateau, direkt vor einem gewaltigen Wolkenthron, welcher von einer goldenen Aura umgeben war. Dieser Anblick ließ in Edgar keinen Zweifel darüber offen, dass es sich hierbei – Klischee hin oder her – um Gottes Thron handelte. Ein Schauer überfuhr ihn so intensiv, dass er ihn in die Knie zwang.

Doch die Ehrfurcht war nur von kurzer Dauer. Gott war nicht hier und dieses ganze, wie einem Kinderbuch entsprungene Ambiente entstammte wohl eher der Schöpferkraft einer kindlichen Seele als der Schöpfung selbst. Edgar erhob sich und trat entschlossen auf den Thron zu, in der Absicht, sich auf ihn zu setzen. Seltsamerweise stockte er allerdings unmittelbar davor. Was, wenn es verboten war? Zwar gab es nirgendwo einen Hinweis darauf, doch war es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass man sich nicht auf Gottes Thron setzen durfte? War das nicht ein Sakrileg? Je länger er darüber nachdachte, umso lächerlicher erschien ihm das Ganze. Selbst wenn es verboten sein sollte – er war eine unsterbliche Seele, was sollte ihm schon groß passieren?
Doch die Logik konnte nicht die Konditionierung aufheben, die Edgar ein Menschenleben lang geprägt hatte. Er wusste, es war Unfug, zumal er sich hier im Himmel befand, dennoch wagte er nicht, dagegen aufzubegehren.
Schlussendlich wandte er sich ab und wollte die Wolkentreppe wieder hinabsteigen, als ihn der Anblick, der sich unter ihm auftat, innehalten ließ. Von diesem Plateau aus konnte Edgar buchstäblich alles im gesamten christlichen Bereich sehen. Der Nebelschleier, der ihm den Blick auf den Thron von unten versperrt hatte, war von oben unsichtbar, so dass Edgar freie Sicht auf das Gewühl der Wolken hatte. Er sah durch die Wolken hindurch und jede einzelne Seele darin. Er sah auf die Stadt Dei darunter, auf ihre geradezu unglaubliche Ausdehnung und, dass sie am Ausgang der Hügelsenke an eine Küste grenzte. Als Edgar sich fragte, wo der dort beginnende Ozean wohl endete, sah er auch dessen anderes Ufer. Ebenso überblickte er das hügelige Gebiet auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt, die Straße, über die er gekommen war, den unablässigen Strom der Pilger, die in den Dom des Herrn wanderten, sowie jede einzelne der schier unendlich vielen Aktivitäten, die in der Stadt durchgeführt wurden. Und er erkannte jede einzelne Seele, wenn er es wollte.
War das hier tatsächlich der Sitz Gottes? Konnte Edgar, wenn er wollte, etwa auch in andere Bereiche des Himmels blicken? Konnte er bis auf die Erde hinunter sehen, bis zu seiner Familie?
Wieder begannen seine Gedanken zu kreisen, wieder spürte er diesen Widerstreit zwischen Verlockung und Ehrfurcht. Andrea fiel ihm ein, die gemeint hatte, dass die Seelen im Himmel alles, was sie taten, auch tun dürften. Ebenezer hatte vergleichbar behauptet, den Seelen sei nur verboten, was sie nicht tun könnten. Demnach brauchte Edgar es nur darauf ankommen zu lassen und sehen, ob es funktionierte. Andererseits, wer war er, dass er sich göttliche Fähigkeiten anmaßte? Er mochte ja hier an Gottes Platz stehen, doch er stand nicht an Gottes Stelle.
Während seiner Überlegungen war Edgars Blick starr auf Dei gerichtet. Das fiel ihm erst auf, als ihm eine der Seelen dort unten vertraut vorkam. Er riss sich selbst aus seinen Gedanken, sah bewusst hin und erkannte – seine Mutter!

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