Seite auswählen
Kapitel 17: Nur oberflächliche Vergnügungen

Kapitel 17: Nur oberflächliche Vergnügungen

In seinem Gespräch mit Andrea will Edgar nun endlich erfahren, was manche Seelen dazu bewegt, den Himmel verlassen zu wollen. Eine Frage, die nicht ohne Weiteres beantwortet werden kann.

Edgar hakte nach: „Warum?“
Andrea seufzte. „Es war ein langsamer Prozess. Irgendetwas hat sich in ihm aufgestaut, das ihm schlussendlich wohl unerträglich wurde.“
„Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was ist passiert?“
Andrea richtete sich hastig auf und blickt sich ängstlich um, ehe sie raunte: „Sei vorsichtiger mit deinen Fragen. Die meisten Seelen reden nicht gerne über die große Bestrafung, sie haben Angst, dass zu viel Gerede weitere Seelen auf die Idee bringen könnte, den Himmel zu verlassen.“
„Und selbst wenn. Ich finde, diese Entscheidung muss jeder für sich treffen, oder? Ich meine, das hier ist doch der Himmel, da hat jeder die Freiheit, für sich zu entscheiden …“
„Niemand ist scharf auf die große Bestrafung. Sie ist das schrecklichste Erlebnis, das es hier gibt und niemand sieht ein, warum alle darunter leiden sollen, dass ein paar Wenige entscheiden, Selbstmord zu begehen. Das ist die allgemeine Meinung.“
„Auf das läuft es hinaus? Selbstmord?“ Dieser Gedanke erschien Edgar schlüssig. Wenn das Verlassen des Himmels gleichbedeutend war mit der Aufgabe des ewigen Lebens, dann war es im Grunde nichts anderes als Selbstmord. Und dieser wurde im Christentum mit Mord gleichgesetzt, stellte also einen Bruch des fünften Gebots Gottes dar. Das erklärte für Edgar eine so heftige Reaktion wie die große Bestrafung.
Andreas nächste Worte verwischten diese neu gewonnene Klarheit jedoch gleich wieder: „Wir wissen nicht was passiert, wenn eine Seele den Himmel verlässt.“
Edgar versuchte, in eine andere Richtung zu denken, kam aber immer wieder auf seine ursprüngliche Frage zurück. „Dein Freund Angus“, begann er, „was war ihm so zuwider, dass er alles riskiert hat?“
Andrea zuckte mit den Achseln. „Im Lauf der Zeit hat er wohl den Sinn verloren. Er hat immer davon gesprochen, dass alles, was der Himmel uns biete, hohl und ohne Tiefe sei und wie sehr ihn das anwidere.“ Sie hielt kurz inne, dann ergänzte sie: „ Er hat gesagt: ‚Wenn du hinter die Fassade dieses angeblichen Himmels blickst, erkennst du, dass alle Wunscherfüllungen, ohne Ausnahme, nur Variationen ein und desselben Themas sind: oberflächliches Vergnügen‘.“
Edgar ließ Andreas Worte auf sich wirken. Er glaubte, etwas in sich nachklingen zu hören, auch wenn er nicht restlos verstand, was Angus damit hatte sagen wollen. „Weißt du, was er damit gemeint hat?“
„O ja!“ Edgar erschrak beinahe, so fremd war ihm Andrea mit ihrem heftigen Nicken und diesem Blick, der tiefgründiger war als alle, die er je bei ihr gesehen hatte. „Natürlich macht es Spaß, sich einen Wunsch nach dem anderen zu erfüllen. Und natürlich erlebst du Dinge, die dir davor verschlossen waren und die du dir nie zu erträumen gewagt hättest. Aber im Grunde ist das nicht mehr als eine Beschäftigungstherapie.“
„Aber … aber es gibt mir doch viel“, wandte Edgar ein. „Ich weiß nicht, ob es mir in meinem irdischen Leben jemals für so lange Zeit so gut gegangen ist, wie hier.“
„Du verwechselst das Leben nach dem Tod mit einem Urlaub. Von einem Interessensbereich zum nächsten zu hüpfen, nur damit du möglichst alles einmal gesehen und erlebt hast … das ist so, als würdest du ein Land besuchen, nur um all seine Sehenswürdigkeiten abzuklappern.“
„Du warst doch diejenige, die gesagt hat, der Sinn des Himmels bestünde darin, den Seelen jede nur erdenkliche Erfahrung zu ermöglichen.“
„Ja, aber doch nicht so simpel! Bei all dem Erleben geht es doch nicht ums Vergnügen, sondern um Selbsterkenntnis.“
Edgar rappelte seinen Oberkörper aus dem Wasser hoch. „Entschuldige, Andrea, aber seit ich mit dir zusammen unterwegs bin, hast du doch nur das Vergnügen gesucht und nichts anderes.“
„Das stimmt. Trotzdem täuscht der Eindruck. Ich bin seit zwei Jahrhunderten hier, da sind ein paar Wochen oder Monate oberflächliches Vergnügen gar nichts. Würdest du mich länger kennen, wüsstest du, dass ich, wenn ich durch die Bereiche des Himmels streife, die Dinge nicht nur sehen, erleben und begreifen will, sondern vor allem herausfinden, was sie bedeuten.“
„Was sie bedeuten?“
„Ja, mir – und den Seelen, die in ihnen leben. Ich will verstehen, warum diese Seelen so viel Energie in die Gestaltung ihrer Bereiche stecken und welchen Nutzen das der Gesamtheit der Seelen bringt, also dem Himmel allgemein.“
„Welche Erkenntnisse hast du dabei gewonnen?“
„Nur eine: Der Himmel entwickelt sich nicht weiter.“
„Warum sollte er?“
„Weil er von Menschen bewohnt ist.“
„Der Himmel ist nicht von Menschen bewohnt. Bestenfalls von toten Menschen.“
Andrea beantwortete Edgars Versuch, witzig zu sein mit einem vernichtenden Blick. Dann fuhr sie fort: „Es sind ausschließlich menschliche Seelen, die den Himmel bevölkern und die verhalten sich genauso, wie sie es in ihrem irdischen Leben getan haben oder gerne getan hätten. Folglich sind wir von unserem Verhalten her immer noch Menschen – wenn auch von mir aus in einem anderen Aggregatzustand. Und Menschen entwickeln sich normalerweise weiter, hier im Himmel jedoch nicht.“
„Vielleicht ist Entwicklung eine Sache, die auf das körperliche Leben beschränkt ist, so wie andere auf der Erde lebenswichtige …“
„Ach, Unsinn“, zischte Andrea und durchschnitt mit ihrer Handkante waagrecht die Luft. „Unsere Entwicklung war es doch, die uns biologisch so weit von den Tieren entfernt hat, dass wir nun einen eigenen Himmel bewohnen.“
„Hä?“ Edgar starrte sie an.
„Ist es dir noch nicht aufgefallen? Es gibt hier keine Tierseelen. Der Himmel ist nur für uns Menschen da, genauer gesagt, für die Seelen von erwachsenen Menschen. Wir haben uns also so weit entwickelt, dass wir ein Jenseits bevölkern, das nur auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist. Der Himmel ist somit durch unsere Entwicklung bedingt, in ihm selbst gibt es aber keine Entwicklung. Die Seelen hier weiten vielleicht ihre Interessensbereiche räumlich aus und variieren bestehende Gegebenheiten, aber alles, was neu ist, stammt aus dem Diesseits und gelangt mit den jeweils kürzlich Verstorbenen zu uns.“
„Okay, aber ist das nicht geradezu die Definition von Himmel? Wenn ich alles habe – warum soll ich daran etwas ändern wollen? Entwicklung ist doch nichts weiter als der Wunsch nach Veränderung, um ein Ungleichgewicht zu korrigieren oder einen Mangel zu beseitigen. Das ist hier aber nicht nötig, weil es weder Ungleichgewichte noch Mängel gibt.“
„Da gebe ich dir Recht. Aber genau dieser Zustand führt in die Stagnation und damit in die Oberflächlichkeit. Dieser Himmel ist erfüllt von glücklichen Hohlköpfen.“
Edgar lehnte sich wieder zurück, verschränkte die Hände hinter seinem Nacken und blickte nachdenklich in das tiefe Blau über sich. Er wusste, dass diese Farbe nichts anderes war, als sozusagen ein Stück umgewünschtes unendliches Weiß, aber das war ihm egal. Die Illusion von Glückseligkeit, fand er, war allemal besser als eine wirkliche Tristesse. So antwortete er: „Besser ein Himmel voller glücklicher Hohlköpfe, als eine Erde voller herrschsüchtiger Fanatiker, die den Tod von Millionen Menschen in Kauf nehmen, nur um herauszufinden, wer von ihnen den längsten Penis hat.“

Ob er es wahrhaben wollte oder nicht, Andrea hatte ihn mit ihren Worten beeindruckt. Er erinnerte sich an seine ersten Gehversuche im Himmel: Fred hatte ihn in den Sportbereich gebracht, wo er Disziplinen ausgeübt hatte, die ihm in seinem Leben vor dem Tod nicht einmal eingefallen wären. Es war spannend und faszinierend gewesen und hatte ihm ehrlich Spaß gemacht, doch wenn Edgar nun an all die anderen Seelen dachte, die dort mit ihm trainiert oder gegen ihn gespielt hatten, musste er zugeben, dass ihr Verhalten nicht mehr gewesen war, als ein Bündel leerer Rituale. Sie hatten einen Körper trainiert, den sie sich nur einbildeten, und trugen Wettkämpfe aus, die sie immer gewannen, selbst gegen die Allzeit-Besten ihrer Sportart. Jeder Einzelne von ihnen stand jedes Mal auf der obersten Stufe des Siegerpodests, denn dazu musste er nicht mehr tun, als es sich zu wünschen. Mit einem Wettkampf im Sinne des Messens der eigenen Fähigkeiten mit denen anderer und Siegen im Sinne einer Bestleistung als Ergebnis langen, harten Trainierens hatte das nichts zu tun.
Edgar erkannte, dass den Seelen, die er dort angetroffen hatte, offenbar der eigentliche Sinn ihrer Beschäftigung abhandengekommen war. Dadurch degradierten sie ihre sportliche Betätigung zu einem oberflächlichen Vergnügen, ohne dass es ihnen bewusst war. Denn diejenigen, denen der Unsinn ihres Tuns bewusst wurde, verließen den Sportbereich des Himmels wohl unverzüglich.

Waren das nicht genau die Worte gewesen, die Angus laut Andrea verwendet hatte: oberflächliches Vergnügen?

Edgar ging in seinen Gedanken sogar noch weiter: Er hatte beobachtet, dass die Seelen keine Freude aus der Tätigkeit an sich gezogen, sondern aus der Tatsache, dass sie die Besten waren, selbst entgegen jeder Wahrscheinlichkeit. Und obwohl jede einzelne dieser Seelen gewusst hatte, dass ihr Erfolg nicht echt, sondern nur herbeigewünscht war, hatte ihn nicht eine von ihnen hinterfragt oder sich ihre Selbsttäuschung eingestanden. Im Gegenteil, Edgar hatte den Eindruck gehabt, dass bei einem Wettkampf, der von allen Teilnehmern gewonnen worden war, sich jeder Einzelne gefreut hatte. Sie täuschten sich also selbst und ignorierten die Wahrheit.
Dieses Verhalten erinnerte Edgar an eine Phase seiner Kindheit, in der er einen Tennisball mit der flachen Hand immer wieder gegen eine Wand schlug und sich dabei im Geist ausmalte, er würde ein Wimbledon-Turnier bestreiten und gegen die besten Tennisspieler seiner Zeit antreten. Wann immer er den Ball verfehlte oder ihn schlecht traf, so dass er aus seiner Reichweite sprang, wiederholte ich diesen Schlag oder erfand eine Ausrede, die es ihm erlaubte, trotz seines Fehlers weiterzuspielen und am Ende das Finale zu gewinnen.
Auf ähnliche Weise, so erschien es ihm, gewannen auch die Seelen hier ihre Turniere; ein kindliches Verhalten, wobei eigentlich – kindisch.

Edgar blickte zu Andrea, die ebenfalls in den Himmel starrte. Zumindest in Bezug auf die Seelen im Sportbereich hatte sie recht, diese entwickelten sich nicht weiter. Und für die in der Partymeile galt dasselbe. „Bist du wirklich der Meinung“, begann er vorsichtig, „dass sich die Seelen auch im Himmel weiterentwickeln müssen?“
„Das habe ich nicht gesagt.“ Sie sah ihn an. „Ich habe nur festgestellt, dass hier keine Entwicklung stattfindet, obwohl Entwicklung etwas Ur-Menschliches ist.“
„Aber so wie du es sagst, klingt es, als sei das Fehlen von Entwicklung schlecht.“
Andrea richtete sich auf. „Ich meine, dass es die Existenz sinnleer macht. In unserem irdischen Leben haben wir gelernt, dass Veränderung zu Entwicklung führt; dass Entwicklung also notwendig ist, um sich geänderten Gegebenheiten anzupassen. Das hat uns Mutter Natur so vorgegeben oder der liebe Gott, wenn dir das lieber ist. Ich kann nicht glauben, dass im Himmel, in dem unser unsterblicher Teil die Ewigkeit verbringen soll, dieses Grundprinzip keine Geltung hat.“
„Das genau verstehe ich nicht. Wenn sich die Gegebenheiten hier im Himmel niemals ändern, dann brauchen sich die Seelen doch auch nicht anzupassen.“
„Davon rede ich ja die ganze Zeit, aber ich meine es anders als du. Indem wir Menschen uns in unserem irdischen Dasein immer angepasst haben, ist unser Geist rege geblieben und unsere Intelligenz ist gewachsen. Erst dadurch haben wir Fortschritte gemacht und diese Fortschritte haben ständig unseren Lebensstil verändert. Die Existenz der Seelen hier im Himmel ist ein Spiegelbild davon: Jede Seele, die aus dem Diesseits kommt, bringt ihre Lebenswelt hier ein. Das ist der Grund, warum sich die einzelnen Bereiche andauernd verändern. Aber innerhalb dieser Bereiche herrscht Stillstand. Die Seelen verharren auf der Entwicklungsstufe, auf der sie waren, als sie ihre irdische Hülle abstreiften. Und warum? Weil es keine Notwendigkeit gibt, sich weiterzuentwickeln.“
„Das ist nicht wahr! Schau dich selbst an: In der Zeit, in der du aufgewachsen bist, hat man die Entstehung des Menschen noch weitgehend als Schöpfungsakt Gottes angesehen. Heute kennst du die Evolutionstheorie, siehst aus wie eine Diskomaus aus den Neunzehnhundertachtzigern und zitierst Philosophen, die erst nach deinem Tod zur Welt gekommen sind. Ich denke, die Weiterentwicklung liegt in der Eigenverantwortung jeder einzelnen Seele. Vielleicht hat man dem Durchschnittsmenschen nur nie beigebracht, sich selbst zu entwickeln – von sich aus und ohne gesellschaftlichen Druck.“
Edgars Worte imponierten Andrea, das konnte er von ihrem Blick ablesen. Ein Gefühl von Stolz erfüllte ihn, immerhin war dies ein großes Kompliment. Andrea hatte so viel mehr Zeit als er im Himmel verbracht, in der sie Erfahrungen hatte sammeln können. Dass Edgar ihr nun eine neue Sichtweise vermittelte, die sie nicht selbst schon längst durchdacht hatte, war eine kostbare Seltenheit.

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 16: Der Sinn des Himmels

Kapitel 16: Der Sinn des Himmels

Edgar genießt die Oberflächlichkeit der Partymeile in vollen Zügen. Auch Andrea macht mit, allerdings nur mit halbem Herzen. Wie sich herausstellt, bezweifelt sie, dass es das „ewige Gesetz“ überhaupt gibt.

Als die Sirenen losheulten und sich das rote Licht auf Edgars Spielautomat hektisch zu drehen begann, blickte nicht nur Andrea erstaunt auf. Alle Seelen und Figuren in seiner näheren Umgebung unterbrachen, was sie gerade taten, standen auf und applaudieren. Zwar hatten in der kurzen Zeit, in der Edgar hier war, schon mehrere Seelen den Jackpot geknackt, doch das tat seinem Hochgefühl keinen Abbruch. Er war gespannt, was nun passieren würde. In irdischen Kasinos holte in einem solchen Fall ein Angestellter den Gewinner ab, um ihm die meist enorm hohe Geldsumme in diskreter Abgeschiedenheit auszuzahlen. Hier war das anders, hier spuckte der Automat die ganzen drei Komma zwei Millionen Münzen aus, die Edgar gewonnen hatte. Er reagierte rasch, stellte seinen Zinnbecher unter den Auszahlungsschlitz und wünschte, dieser solle ein endloses Fassungsvermögen besitzen, ohne dabei seine Ausmaße oder sein Gewicht zu verändern.
„Ab jetzt brauchen wir nicht mehr zu den Jeton-Springbrunnen gehen“, meinte er breit grinsend und blinzelte Andrea vergnügt zu, als hätte sich ihre Situation dadurch entscheidend verbessert.

Je länger der Abend dauerte – Edgar und Andrea hatten keinen fixen Zeitpunkt gesetzt, an dem er enden solle –, umso langweiliger wurde ihnen. An den Spieltischen gewannen sie immer, außer sie wollten verlieren. Schneller als ihm lieb gewesen wäre, wurde Edgar klar, dass immer zu gewinnen ebenso wenig Spaß machte, wie immer zu verlieren. Selbst wenn er sich wünschte, ein Spiel solle nach den Gesetzen des Zufalls verlaufen, war er es, der diesen Zustand bestimmte. Es machte keinen Unterschied, ob er sich Gewinn, Verlust oder Willkür wünschte, er wusste immer, was er bekam.
Bald saßen sie an einem der zahllosen Roulettetisch und Edgar setzte, den Kopf auf eine Hand gestützt, seine Jetons in jeder Variante, die das Spiel zuließ: auf eine volle Zahl, auf jeweils zwei, drei, vier und sechs Zahlen, auf eine der drei Reihen, eines der Drittel, eine der Hälften, eine der Farben sowie gerade oder ungerade. Dabei wünsche er sich in jeder Runde eine andere Zahl, so dass einmal seine volle Zahl gewann, dann eine der zwei, dann eine der drei von ihm gesetzten Zahlen und so weiter. Und bei jedem Gewinn johlten alle in seiner Umgebung auf, als hätte er soeben unglaubliches Glück gehabt. Im Grunde hörte das Johlen nie auf, denn andauernd gewann eine der anwesenden Seelen und es verging kaum eine Sekunde ohne Sirenengeheul, denn zu jedem Zeitpunkt knackte in den Weiten des Kasinos irgendjemand den Jackpot.
Als das Roulette Edgar und Andrea anödete, wechselten sie zum Black-Jack-Tisch, doch auch hier war der Reiz des Spiels rasch abgeflaut. Um eine Art Spannung zu erzeugen, wünschte Edgar sich Karten mit niedrigen Zahlenwerten, so dass er sich für den Sieg möglichst viele Karten geben lassen musste. Aber auch das erzeugte keine Spannung, da er ohnehin immer wusste, dass er gewinnen oder verlieren würde; je nachdem, wonach ihm gerade war.
Unwillkürlich erinnerte er sich an all die Gespräche mit seiner Frau oder mit Freunden, in denen sie sich gefragt hatten, wie sich etwa ihr Leben verändern würde, wenn sie ihre Zukunft vorhersehen könnten. Nun konnte er diese Frage beantworten: Sie hätten so gelebt, wie es für sie am bequemsten gewesen wäre – und sie hätten sich dabei zu Tode gelangweilt. Tatsächlich erschien es ihm nun als Gnade, dass der Mensch nicht wusste, was auf ihn zukam.
Als er und Andrea das größte Kasino des Himmels wieder verließen, waren sie sich darin einig, dass sie es nicht so bald wieder betreten würden.

Einige Zeit später saßen Edgar und Andrea an einer Poolbar mit enormen Ausmaßen. Die Bar befand sich inmitten eines Swimmingpools, der die Größe eines Meeres hatte und ihr Tresen war so breit, dass er zu beiden Seiten am Horizont verschwand. Edgar und Andrea kosteten sich durch eine Speisekarte, die so lang zu sein schien wie die Bar selbst und deren Gerichte und Getränke mit jedem Gang immer noch schmackhafter zu werden schienen. Nach dem siebunddreißigsten Gang wurde ihnen die das Essen zu langweilig. Sie legten sich in Barnähe ins Wasser und wünschten sich, nicht unterzugehen. Über ihnen schien eine milde Sonne aus einem wolkenlosen Tiefblau und die Luft war nur unmerklich wärmer als das perfekt temperierte Wasser.
„Hast du so etwas schon einmal ausprobiert“, fragte Edgar, „ich meine, essen ohne Ende?“
Andrea dachte lange nach, ehe sie antwortete: „Doch, ja, auf die eine oder andere Weise passiert mir das immer einmal. Aber eine Pool-Fressorgie habe ich heute zum ersten Mal erlebt.“
Edgar grinste. So sinnlos die Aktivität auch gewesen sein mochte, lustig war sie allemal.
„Sinnlos lustig“ war überhaupt der Oberbegriff für alle Möglichkeiten der Partymeile, denn Spaß war das einzig wirkliche Gefühl in all der Oberflächlichkeit hier.
Edgar räkelte sich wohlig im Wasser und gähnte. Ihm war so herrlich unbeschwert zumute. „Ich kann die Typen nicht verstehen, die von hier weg wollen.“
„Was meinst du?“
„Ich meine die große Bestrafung. Die Typen, die aus dem Himmel abhauen und damit die große Bestrafung auslösen. Bei all den Möglichkeiten, die der Himmel bietet – da würde ich doch niemals mein ewiges Leben aufs Spiel setzen.“
„Niemand weiß, was mit den Seelen passiert, die den Himmel verlassen.“
Edgar merkte auf. Andreas Worte klangen vage, das passte nicht zu ihr. Mehr noch, es war, als wäre sie anderer Meinung, wollte diese aber nicht aussprechen und das passte noch viel weniger zu ihr. „Na ja“, begann er wie nebenbei, „ich war ja erst bei einer einzigen großen Bestrafung dabei. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es schon öfter vorgekommen ist, dass Seelen den Himmel verlassen haben – dass es andererseits aber noch nie vorgekommen ist, dass auch nur eine dieser Seelen wieder zurückgekommen wäre.“
„Was schließt du daraus?“
„Ich würde sagen, da gibt es nur eine Schlussfolgerung: Die Seelen werden dafür bestraft, dass sie den Himmel verlassen.“
Andrea musterte ihn mit unbestimmbarem Blick. „Bestraft? Eine unsterbliche Seele? Wie?“
„Was weiß ich? Vielleicht werden sie in eine Art Orkus geworfen oder ins Fegefeuer? Vielleicht werden sie auch ausgelöscht? Ich meine, wenn Gott uns erschaffen hat, dann kann er uns doch auch vernichten, oder?“
„Warum sollte er das wollen?“
„Als Strafe für den Bruch seiner Gesetze?“
„Welcher Gesetze?“
Anstelle einer Antwort sah Edgar Andrea an. Er hatte keine Ahnung, worauf sie hinaus wollte oder was sie bezweckte, stellte aber fest, dass er diese Seite von ihr noch nicht gekannt hatte.
Andrea erwiderte seinen Blick. „Wo, bitteschön, steht geschrieben, dass wir den Himmel nicht verlassen dürfen?“
Edgar dachte kurz nach, dann fragte er zurück: „Wo steht geschrieben, dass wir es dürfen?“
„Erlaubte Dinge müssen nicht extra erwähnt werden, verbotene schon.“
Edgar reichte es jetzt, er wollte wissen, was das sollte: „Worauf willst du hinaus?“
„Dass der ganze Käse von wegen Verbot und große Bestrafung nichts weiter ist, als pure Spekulation. Trotzdem reden alle davon, als ob es die ewige Wahrheit sei.“
„Und was, wenn es genau das ist?“
Andrea setzte sich auf. „Dann möchte ich die Seele kennenlernen, die diese Wahrheit verbreitet hat und sie fragen, woher sie sie hat. Denn seit ich hier bin, habe ich nur gleichberechtigte Seelen angetroffen, nie eine mit einer höheren Berechtigung für irgendwas, von einem göttlichen Wesen ganz zu schweigen. Was immer die Seelen im Himmel tun, das dürfen sie tun.“
„Im Himmel, okay – aber dürfen sie den Himmel auch verlassen?“
„Ja. Denn wäre es verboten, hätten wir gar nicht die Möglichkeit, fortzugehen.“
Das leuchtete Edgar zwar ein, dennoch war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, er fragte: „Fällt die Entscheidung, den Himmel zu verlassen, nicht unter den freien Willen?“
„Gegenfrage: Wie frei ist ein Wille, der durch Verbote eingeschränkt wird?“ Edgar erkannte, dass Andrea diese Diskussion nicht zum ersten Mal führte und so offensiv, wie sie es tat, hatte sie dabei oft heftigen Gegenwind bekommen. Als sie weitersprach, zeigte sie vage zum Horizont. „Abgesehen davon frage ich mich, warum der Himmel da draußen zu Ende sein soll. Die Seelen haben sich unzählige Bereiche geschaffen, in denen sie ihren Neigungen nachgehen. Wann immer du dir einen Wunsch erfüllst, manipulierst du deine Umgebung. Nach meiner Erfahrung gibt es so etwas wie Räumlichkeit hier gar nicht. Wir sind geistige Geschöpfe, die ihre Vorstellungen räumlich interpretieren, wahrscheinlich, weil wir es aus unserem Leben als körperliche Wesen so gewöhnt sind.“
„Wenn das deine Überzeugung ist, warum warst du dann noch nie da draußen?“
Andrea verstummte abrupt und ließ sich zurück ins Wasser sinken. Ihre Antwort kam spät und sie klang kleinlaut. „Weil ich mir nicht sicher bin. Als menschliches Wesen bin ich daran gewöhnt, der Meinung einer Mehrheit größere Bedeutung zuzumessen als der einer Minderheit oder meiner eigenen. Ich frage mich immer wieder, ob die anderen mit dem ewigen Gesetz nicht doch Recht haben, selbst wenn keine Quelle bekannt ist, aus der sie es hätten erfahren können. Und dann ist da noch dieses Phänomen der großen Bestrafung. Wenn es erlaubt ist den Himmel zu verlassen, warum dann dieses Himmelsbeben?“
„Die Seelen sagen, es sei eine Warnung.“
„Ja, aber wovor? Dass die Unzufriedenen hier bleiben sollen? Das widerspricht doch der Grundidee des Himmels.“
„Welche Grundidee meinst du?“
„Dass wir hier sind, um unsere Wünsche erfüllt zu bekommen. Denn nichts anderes tun wir hier. Aber wenn ich mir wünsche, den Himmel zu verlassen und davor gewarnt und danach bestraft werde, dann widerspricht das dieser Grundidee.“
„Damit sind wir wieder dort, wo wir begonnen haben: Was bewegt Seelen überhaupt dazu, den Himmel verlassen zu wollen? Hier gibt es buchstäblich alles, was man sich wünschen kann und noch viel, viel mehr. Warum sollte einer von hier weg wollen, noch dazu, wenn er riskiert, möglicherweise auf ewig dafür verdammt oder gar ausgelöscht zu werden?“
Andrea sagte lange nichts. „Doch, ich kann mir vorstellen, wie es so weit kommt“, meinte sie dann bedächtig und legte erneut eine lange Pause ein, ehe sie fortfuhr: „Eine der Seelen, die für die letzte große Bestrafung verantwortlich waren, war ein Freund von mir. Wenn du bei ihrem Aufbruch am Strand warst, ist er dir sicher aufgefallen, ein großer Kerl mit einem dunklen Bart. Für den Wegmarsch hat er sich zur Gänze in Leder gekleidet.“
„Der Rädelsführer? Der Zornige?“
Andrea lachte. „Zornig waren sie alle. Aber ja, ich glaube, du weißt, wen ich meine. Sein Name war Angus. Er hat immer behauptet, er sei im Jahr fünfhundertsiebenundsechzig in Irland geboren – du verstehst schon: fünf, sechs, sieben –, aber in diesen Dingen hat man ihm nicht alles glauben dürfen. Zumindest so viel steht fest: Er ist lange vor mir hier angekommen, verdammt lange.“
„Was war mit ihm? Warum verlässt er nach so langer Zeit den Himmel, obwohl er sein Ende befürchten muss?“
„Er hatte einfach genug vom Paradies.“ Andreas Worte klangen, als sei mit ihnen alles erklärt.

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 15: Das größte Spielkasino des Himmels

Kapitel 15: Das größte Spielkasino des Himmels

Laut Andrea hat der Himmel den Sinn, den Seelen alle Erfahrungen zugänglich zu machen, die ihnen überhaupt möglich sind. Eine davon ist der Besuch des größten Spielkasinos: Edgars Begriff von „Wunder“ erweitert sich einmal mehr.

Edgar lernte auch Seelen kennen, die schon seit Jahrzehnten, teilweise sogar seit Jahrhunderten nichts anderes taten, als ununterbrochen zu essen. Sie hatten sich ihr eigenes Schlaraffenland erschaffen und waren, im Gegensatz zu den Süchtigen, immer gut gelaunt und wirkten ausgesprochen glücklich. Nur wenige von ihnen gaben sich das Aussehen dicker Menschen, die meisten erschienen attraktiv und durchtrainiert. Edgar nahm an, dass dies zum Wesen von Genussmenschen gehörte.

Was ihn jedoch den Kopf schütteln ließ, war die Tatsache, dass auch Sex im Himmel ein großes Thema war. Andererseits erinnerte er sich, irgendwann gehört zu haben, dass die Sexualität gleich nach der Selbsterhaltung der zweitstärkste Trieb des Menschen sei. Folglich erschien es logisch, dass kaum eine andere Erinnerung an die Körperlichkeit so intensiv sein mochte, wie Sex. Dennoch dauerte es eine ganze Weile, ehe er sich an den Anblick all der Freudenhäuser in der Partymeile gewöhnt hatte, in denen es Prostituierte beiderlei Geschlechts für beiderlei Geschlecht gab. Mehr noch, er musste feststellen, dass die Prostituierten nur zu einem geringen Anteil künstlich erschaffene Figuren waren.
Als er noch neu in der Partymeile gewesen war, war Edgar das Treiben hier pervers vorgekommen. Er hatte den Himmel immer als höchste nur denkbare moralische Instanz angesehen, in der alles Körperliche außerdem keine Bedeutung mehr haben würde. Nun musste er feststellen, dass Seelen nicht nur miteinander schliefen, sie taten es sogar sehr oft und mit häufig wechselnden Partnern.
Doch je tiefer Edgar in dieses Leben eintauchte, umso klarer sah er, dass seine Vorbehalte nichts weiter waren als Moralvorstellungen, die für ein körperliches Leben geschaffen waren. Im Himmel galt nur eine einzige Moral, nämlich die, dass jeder seine Wünsche erfüllte. Und weder Edgar noch sonst irgendeine Seele musste hier eine Familie aufrechterhalten, auf unbeabsichtigte Befruchtungen Rücksicht nehmen oder sich vor Geschlechtskrankheiten schützen. Freilich, Sex unter Seelen war ebenso sinnlos wie Essen oder Trinken und Edgar hatte seit seinem Tod weder Hunger noch Durst noch sexuelle Lust verspürt. Doch wie bei allen anderen körperlichen Genüssen, so erklärte es ihm Andrea, war es auch hier die schöne Erinnerung, die die Seelen dazu führte, sich zu paaren.
Als Andrea Edgar endlich dazu überreden konnte, es mit ihr zu versuchen, war das Erlebnis für ihn bemerkenswert. Dass er keinen Unterschied zu dem Sex erkannte, den er als Lebender gehabt hatte, war wenig verwunderlich, immerhin wünschten sich sowohl er als auch Andrea ein körperliches Erlebnis und was Seelen sich wünschten, wurde ihnen erfüllt. Neu war jedoch, dass sich der Genuss weniger auf einer triebhaften Ebene abspielte, als auf einer ästhetischen; das Triebhafte nahm Edgar eher als Erinnerung wahr.
Er hatte von nun an immer wieder Sex mit Andrea, aber auch mit anderen Seelen, wenn die Stimmung dazu passte. Es war nichts Sittenloses dabei, es war ein gemeinsames Erleben, wie die Fortführung eines angenehmen Gesprächs in intensiverer Ausprägung. Sex war unkompliziert.
Diese Erfahrung führte Edgar zu der kuriosen Erkenntnis, dass es die Liebe zwischen Mann und Frau im Himmel nicht gab. Seelen konnten miteinander harmonieren oder einander abgeneigt sein, aber sie konnten sich weder lieben noch hassen. Dadurch kam eine ganze Reihe anderer Gefühle gar nicht erst aufs Tapet, die sich im Leben vor dem Tod zumeist negativ ausgewirkte hatten, wie Eifersucht oder Missgunst. Nach einem langen Gespräch mit Andrea über dieses Thema wurde Edgar klar, dass die Liebe zwischen Mann und Frau im Grunde eine körperliche Angelegenheit war, eine Notwendigkeit, um die Fortpflanzung zu sichern.
Auf der anderen Seite, und darauf machte ihn Andrea aufmerksam, gab es dennoch einen klaren Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Seelen. Eine solche Unterscheidung mochte für eine körperlose Existenz belanglos sein, doch offenbar war jede Seele seit ihrer Zeugung auf ihr Geschlecht geprägt. Für Andrea, die ja zweihundert Jahre mehr Zeit als Edgar gehabt hatte, sich mit solchen Phänomenen auseinanderzusetzen, war dieser Umstand völlig klar: Mit den körperlichen Unterschieden, die für die Fortpflanzung auf der Erde notwendig waren, gingen auch eine Menge charakterliche Merkmale einher, die es dem Menschen überhaupt erst ermöglichte, seine biologische Funktion als Frau oder als Mann zu erfüllen. Das Geschlecht war also nicht nur ein fixer Bestandteil einer Seele, die Seele definierte sich sogar über ihr Geschlecht.
Als er das begriffen hatte, war Edgar geradezu geschockt, als Andrea ihn aufforderte, probeweise sein Geschlecht zu wechseln. Selbstverständlich ging das, denn was eine Seele sich im Himmel wünschte, wurde ihr nun einmal erfüllt. Also folgte er ihrer Aufforderung und stellte fest, dass er sich als weibliche Seele extrem unwohl fühlte. Er erkannte, dass er zwar sein Äußeres, seine körperliche Erscheinung nach Belieben verändern konnte, nicht jedoch die Essenz seines Seins, den lebendigen und sich im Leben entwickelnden Kern seines Wesens. Folglich konnte Edgar als Frau in Erscheinung treten, sich aber nicht in eine weibliche Seele verwandeln. Wie es schien, war dem Wünschen hier eine Grenze gesetzt.

Ganz allgemein stellte Edgar fest, dass ihn der Himmel umso mehr faszinierte, je mehr er ihn und seine Eigenheiten kennenlernte. Es schien, als täten sich mit jeder neuen Entdeckung immer noch mehr Möglichkeiten auf und er genoss es, Dinge an sich selbst zu erfahren, die er davor noch nie ausprobiert und an die er zum Teil noch nicht einmal gedacht hatte.

Andrea zufolge hatte der Himmel den Sinn, jeder Seele die Möglichkeit zu bieten, alles zu erfahren, was überhaupt zu erfahren möglich wäre. Da dies ein endloser Prozess sei, so Andrea, müssten die Seelen zwangsläufig unsterblich sein. Edgar respektierte ihre Erfahrung, was den Himmel betraf und er gestand ein, dass seine eigenen bisherigen Erlebnisse ihr Recht gaben. Dennoch griff Andreas Vorstellung vom Himmel als eine Art Themenpark, an dessen Eingang man mit seinem Leben bezahlte und dann alle Attraktionen gratis nutzen durfte, für ihn entschieden zu kurz.

* * *

Als Edgar Andrea in das größte Spielkasino des Himmels ausführte, ahnte er nicht, was ihn erwarten würde. Sie hatte sich in ein atemberaubendes Cocktailkleid gewünscht, das ihre Beine – zumindest für Edgars Geschmack – perfekt zur Geltung brachte, während er sich einen Smoking mit Seidenhemd angetan hatte, der seine Männlichkeit unterstrich, wie noch kein Kleidungsstück je zuvor. Es war ihm zunächst kindisch erschienen, doch dann hatte er sich doch eine Stretch-Limousine samt Fahrer gewünscht. Als er und Andrea damit beim Kasino vorfuhren, schämte er sich allerdings für seine Fantasielosigkeit.
Vor dem Eingang zum größten Kasino des Himmels lag ein roter Teppich ausgerollt. Ein alter schwarzer Page in einer kardinalroten Uniform stand hier und öffnete die Türen der Wagen, die bei ihm hielten. Wobei der Begriff „Wagen“ der Sache nicht gerecht wurde, wie Edgar auf den ersten Blick sah. Was zunächst wie ein gegenseitiges Sich-Übertrumpfen mit Statussymbolen wirkte, entpuppte sich bei längerer Betrachtung als Wettbewerb der originellsten Ideen. Freilich standen auch Sportwagen mit übertrieben kurvig geformten oder abenteuerlich lackierten Karosserien in der Warteschlange vor Edgars und Andreas Limousine, doch diese bildeten die Ausnahme. Die Regel waren selbst geschaffene Gefährte: ein Maserati mit den Reifen eines Monster-Trucks, ein sechs Stockwerke hoher Bus mit Christbaumschmuck, ein selbstfahrendes sechsrädriges Motorrad mit vier nebeneinander angeordneten Sitzen anstelle eines Sattels, oder ein etwa dreißig Meter langes Cabriolet mir flexibler Karosserie, die sich dem Kurvenverlauf anpasste, wie eine Schlange. Gerade setzte ein fliegendes Sofa vor dem Kasino zur Landung an, das aussah, als hätte es jemand aus einer Wolke geschnitten. Nachdem seine beiden Insassen sich von ihm erhoben hatten, stieg es eingenmächtig wieder auf. Als Edgar und Andrea an der Reihe waren, tauchte direkt vor ihnen das Zeichentrick-U-Boot aus dem Musikvideo des Beatles-Hits „Yellow Submarine“ im Asphalt auf. Obwohl dreidimensional, war es eindeutig gezeichnet worden. Am roten Teppich öffnete sich eine Luke und ein Pärchen entstieg dem Turm, das ohne Weiteres John Lennon und Yoko Ono in jungen Jahren hätten sein können.
„Ist Yoko gestorben?“, fragte Edgar im Reflex und Andrea erwiderte mit fragendem Blick:
„Woher soll ich das wissen?“
Nachdem das U-Boot wieder im Asphalt abgetaucht war, fuhr der künstlich erschaffene Fahrer von Edgars und Andreas Limousine zum roten Teppich vor und wünschte ihnen einen schönen Abend. Der alte Page öffnete die Wagentür und die beiden traten in ein wahres Gewitter aus Blitzlichtern und ekstatischem Gekreische, als seien sie Filmstars. Sie schritten über den roten Teppich zum Kasino-Eingang und winkten lächelnd in alle Richtungen. Auch wenn sämtliche Besucher vor ihnen auf diese Weise empfangen worden waren – und wohl auch alle nach ihnen so empfangen werden würden –, tat es Edgar gut, im Mittelpunkt zu stehen, egal wie unecht das alles hier war.
Während sie das Kasino durch ein riesiges blinkendes Portal betraten, verwandelte sich ihre schwarze Limousine in ein weißes geflügeltes Pferd von der Größe eines Elefanten. Es wieherte einmal laut auf und nahm mit ein paar donnernden Galoppsprüngen ausreichend Schwung, um abheben und davonfliegen zu können. Auch dieser Abgang wurde mit Aufjohlen und Blitzlichtgewitter quittiert, welches sich kurz beruhigte, um gleich wieder anzuschwellen, als eine große, luxuriös gestaltete Liftkabine auf zwei langen biegsamen Metallbeinen heranmarschierte, sich absenkte und die nächsten Besucher entließ.
Der Innenraum des Kasinos war über schier endlos viele, nach unten führende Terrassen angeordnet, auf denen sich jeweils die Spieltische und -automaten befanden. Am Eingang stehend gewann Edgar dadurch den Eindruck, auf dem obersten Plateau einer flachen, aber unendlich hohen Pyramide zu stehen und über eine gold- und mahagonifarbene, dezent beleuchtete, glitzernde und blinkende Landschaft hinabzublicken, die sich in der Ferne verlor. Dieses Ambiente wurde perfekt unterstrichen vom Klingeln der Spielautomaten, Rollen der Roulette-Kugeln, Rattern der Glücksräder und den in gedämpfter Lautstärke geführten Gesprächen, die immer wieder von Glücksschreien der Gewinner unterbrochen wurden.
Um diese überwältigende Atmosphäre auf sich wirken zu lassen, stellten sich Edgar und Andrea an die nächstgelegene Bar und tranken ein Glas Gin Tonic. Danach schlenderten sie zu einem nahegelegenen Spielautomaten-Wald. Wie überall im Kasino standen auch hier niedere, runde Mahagoni-Tische, aus deren Mitte eine verzierte Edelstahl-Säule emporragte. Diese warf nach oben hin unablässig Spieljetons aus, wie ein Springbrunnen das Wasser. Die Jetons fielen klimpernd in das Edelstahlbecken an der Außenkante des Tisches. In einem Fach darunter standen große Zinnbecher bereit, mit denen die Spieler die Jetons aus dem Becken schöpfen und mitnehmen konnten.
Edgar staunte nicht schlecht, als er mit ansah, wie sich die Jetons in seinem Becher in Münzen verwandelten, kaum dass er sich den Spielautomaten genähert hatte. Er fütterte einen der einarmigen Banditen und zog einige Male an dessen Agitationshebel. Wie in seinem Leben vor dem Tod wollten sich keine drei gleichen Symbole zusammenfinden, die für einen Gewinn notwendig gewesen wären, doch es machte dennoch Spaß. Doch dann sah Edgar sich um und begann zu lachen. Wieder zog er an dem Hebel, nur diesmal wünschte er sich etwas, das er sich auch in seinem irdischen Leben immer gewünscht hatte, wenn er an so einem Automaten gespielt hatte. Nur diesmal, und das war der Unterschied, diesmal ging sein Wunsch in Erfüllung.

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 14: Party

Kapitel 14: Party

Die Erkenntnis, dass Familie nichts bedeutet, wenn sie nicht gepflegt wird, stürzt Edgar in eine Krise. Er sucht oberflächliche Ablenkung und lernt eine neue Seite des Himmels kennen.

Und noch etwas schien Edgar mehr und mehr ein rein körperliches Thema zu sein, auch wenn er das nie für möglich gehalten hätte: die Familie. Dass er mit seinen Großeltern auf Dauer nicht zusammenleben konnte, war dabei keine Besonderheit des Himmels, das wäre auch im Leben vor dem Tod schief gegangen. Der große Altersunterschied, die unterschiedlichen kulturellen Bezüge, die anders gelagerten Werte – all das schuf Differenzen in den Lebens- und damit Glücksvorstellungen, die durch die Familienbande allein nicht überbrückt werden konnten.
Edgar war irgendwie davon ausgegangen, dass solche Dinge im Himmel keine Bedeutung mehr haben würden, doch jetzt kam ihm dieser Gedanke fürchterlich naiv vor. Die Beziehung, die Menschen zueinander hatten, waren immerhin ein Produkt aus ihrer gemeinsamen Geschichte. Edgar erinnerte sich an eine Dokumentation, die er in seinem irdischen Leben einmal gesehen hatte. Sie hatte von einem Mann gehandelt, der im Alter von dreißig Jahren das Gedächtnis verlor und alle, auch seine Verwandten, neu kennenlernen musste. Er spürte zu niemandem auch nur die geringste Bindung, nicht einmal zu seinen Eltern, bei denen er aufgewachsen war und zu denen er ein denkbar gutes Verhältnis gehabt hatte.
Verwandtschaft bedeutete also gar nichts, wenn man sie nicht pflegte. Das hieß aber, dass Edgar mit jedem Tag, den er ohne Kontakt zu seiner Familie war, weiter von dieser wegdriftete. Wenn er Glück hatte, würde Matthias eine vage Erinnerung an ihn behalten, doch Anni würde wohl nicht mehr wissen, wer er war, wenn sie ihn eines Tages hier antraf. Und nicht nur das: Auch er würde sie nicht erkennen.
Wurden Ehen deshalb nur bis zum Tod geschlossen und nicht darüber hinaus, weil die Familie danach zerfiel? Und wurden Verwandte deshalb als „vom selben Fleisch und Blut“ bezeichnet, im Gegensatz zu „Seelenverwandten“, die eben nicht zur Familie gehörten? Edgar betrachtete das Foto seiner Familie und spürte, wie es hinter seinen Augen zu brennen begann. Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte, er musste einen Weg finden, sich von ihr abzukoppeln, egal, wie sehr er die Drei immer noch vermisste. Wenn ihn sein Aufenthalt bei den Großeltern etwas gelehrt hatte, dann, dass selbst der Himmel keine Wünsche erfüllte, die das Verhältnis zu anderen Seelen betrafen. Seine Beziehung zu seinen Großeltern würde nie wieder so sein, wie sie es früher einmal gewesen war und wenn eines fernen Tages Heike, Matthias und Anni hier ankämen, würde Edgars Verhältnis zu ihnen nicht mehr so sein wie damals, als er sie verlassen hatte.
Während der Anblick seiner Liebsten auf dem Foto hinter schmerzenden Tränen verschwamm, erkannte Edgar, dass er zunächst einmal Abstand von ihnen brauchte, möglichst viel.

* * *

„Partymeile“, so nannte Edgar schließlich jenen Bereich des Himmels, in dem er zunächst Abstand gesucht hatte und dann hängen geblieben war. Diesen Namen hatte er nicht von ungefähr gewählt, denn hier reihten sich Bars an Diskotheken, Nachtklubs an Spielkasinos und Restaurants an alle sonstigen Gaststätten, die Ablenkung und – so verrückt das auch war – körperliche Vergnügungen boten. Er lernte andere Seelen kennen, mit denen er sich gut verstand, und verlor diese wieder aus den Augen, nur um sie später wiederzutreffen.
In dieser Himmelsregion herrschte ununterbrochen Party, sie war wie ein durchgängiger Rausch, der nur dann aufhörte, wenn Edgar es wollte.

Begonnen hatte es damit, dass Edgar ein Glas Bier in Gesellschaft anderer Seelen zu sich nehmen wollte. Hierzu hatte er sich in ein Bierlokal gewünscht und war daraufhin in einer wahren Kaschemme mit dunkler Holzvertäfelung und schwacher Beleuchtung erschienen. Einige Gäste lehnten hier an der Theke, andere hockten wie Mauerspinnen im Dunkel hinter den Tischen. Edgar stellte sich an den Tresen und bestellte ein Bier, woraufhin er von seinem Thekennachbar angesprochen wurde, der sich Kurt nannte. Kurt, eine Seele, die ihr irdisches Leben im Jahr neunzehnhundertzwanzig beendet hatte, führte Edgar mit wenigen Sätzen in diesen Teil des Himmels ein: Party Tag und Nacht – das Schankpersonal künstlich – alles erhältlich – Bezahlung nicht vonnöten.
Kurt war Edgar sympathisch. Er erzählte ihm den ganzen Abend von dieser Partymeile und was er hier schon alles erlebt hatte. Als Edgar Tage später wieder in diese Kneipe ging, stand Kurt noch immer am selben Fleck, führte Edgar noch einmal in die Partymeile ein und erzählte dieselben Anekdoten wie beim ersten Mal. Wieder ein paar Tage später stand eine andere Seele bei Kurt am Tresen – und auch dieser erzählte er alles, was er Edgar zweimal mitgeteilt hatte im exakt selben Wortlaut, mit exakt denselben Akzentuierungen, Pausen und Gesten. Von da an hielt Edgar sich von Kurt fern.
Überhaupt hatte sich seine Meinung über diese Kneipe schnell gewandelt. War ihm ihre Ruhe und Gemütlichkeit zunächst sympathisch gewesen, stellte er bald fest, dass die Gäste hier nie wechselten. Ab und zu verirrte sich eine neu im Himmel angekommene Seele hier herein, aber keine blieb länger oder kam wieder. Edgar versuchte, mit den anderen Stammgästen ins Gespräch zu kommen, doch diese gaben sich entweder wortkarg oder wollten überhaupt nicht reden. Zumindest erfuhr er, dass der Jüngste in der Runde seit sechsunddreißig Jahren hier saß und der Älteste seit knapp vierhundert Jahren – ohne Unterbrechung. Je länger die Verweildauer der Gäste hier war, desto weniger sprachen sie. Der älteste Gast bewegte sich nicht einmal mehr, außer, wenn er seinen uralten Weinbecher zum Mund führte. Aber sich bewegen oder reden war in dieser Kneipe auch nicht nötig, denn der gleichfalls schweigsame Kellner servierte die Getränke von sich aus nach. Edgar wurde die Kaschemme bald unheimlich und er mied sie fortan.
Stattdessen machte er ein Bierlokal ausfindig, das lebendiger auf ihn wirkte. Es wurde von fröhlichen Seelen besucht und es herrschte stets gute Stimmung. Hier kam er immer wieder her, wenn er es gerne etwas ruhiger hatte, das Lokal wurde sozusagen sein Stützpunkt.
Eine Zeit lang trieb er sich in Pubs herum. Es gab eine Unmenge davon, allesamt in derselben Straße, aber mit unterschiedlichem Stil: Die einen waren gemütlicher, die anderen prächtiger, die einen stilvoller, die anderen verrauchter. Edgar wechselte sie je nach Stimmung, denn für jede Laune fand er ein geeignetes, er brauchte nur ein beliebiges zu betreten und war jedes Mal genau im richtigen.

Edgar musste sich eingestehen, dass er sich seit seinem Tod nicht mehr so ausgelassen amüsiert hatte. Zum ersten Mal seit er-wusste-nicht-wann flirtete er wieder mit weiblichen Seelen und es dauerte nicht lange, bis er auf eine traf, mit der er auf eine nicht näher bestimmbare Weise harmonierte. Ihr Name war Andrea, sie war achtzehnhundertdreizehn gestorben und probierte seither die verschiedenen Bereiche des Himmels aus. Wie schon Fred erzählte auch sie, dass es im Himmel quasi unendlich viele solcher thematischer Schwerpunktbereiche gäbe, allesamt von Seelen bevölkert, die die jeweiligen Interessen teilten. Edgars eigene Erfahrung, abgesehen von der Partymeile, beschränkte sich auf seine Ausflüge im Sport-Bereich. Die Vorstellung, dass es solche Regionen für jedes nur denkbare menschliche Interessensgebiet geben sollte, faszinierte ihn.
Andrea wirkte auf Edgar überhaupt nicht wie eine Frau des achtzehnten oder neunzehnten Jahrhunderts. Sie hatte ein quirliges Temperament, drückte sich in moderner Sprache aus und hatte das Äußere einer schlanken, sehr attraktiven Anfangzwanzigerin. Der erste Eindruck, den sie auf Edgar gemacht hatte, war der einer ausgeflippten Popsängerin aus den neunzehnhundertachtziger Jahren gewesen. Sie hatte grün-weiß gestreifte Karottenhosen getragen, dazu eine cremefarbene Bluse, die an der Hüfte von einem breiten weißen mit Strass besetzten Gürtel zusammengehalten wurde, überknöchelhohe weiße Jogging-Schuhe und große neonfarbene Armreifen. In diesem Outfit hatte sie sich auf einer der zahllosen Tanzflächen einer riesigen Diskothek so hemmungslos den Techno-Rhythmen hingegeben, dass ihre gelockten schulterlangen Haare um ihren Kopf gewirbelt waren.
Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut miteinander. Als Edgar sie fragte, warum sie wie eine Pop-Prinzessin gekleidet sei, erklärte sie, dass sie immer mit der Zeit ginge. Gemeint war, dass sie sich modisch immer die Seelen jener jungen Frauen als Vorbild nahm, die neu im Himmel ankamen. Dass sie in den Neunzehnhundertachtzigern hängen geblieben war, sei eine Ausnahme, denn dieser Look gefalle ihr nach wie vor.

Edgar verbrachte viel Zeit mit Andrea. Ihre oberflächliche, immer fröhliche Art machte es ihm leicht, die Oberflächlichkeit der Partymeile zu genießen, in ihrer Gegenwart fühlte er sich unbeschwert und gut. Er tanzte mit ihr im Stroboskoplicht diverser Diskotheken, weil Andrea das liebte. Einmal überredete er sie zu einem Partnertanz, nach welchem sie meinte, seine Bewegungen würde sie nicht als tanzen bezeichnen. Sie lachten viel miteinander.
Für Edgar war die Partymeile das Oberflächlichste, was ihm im Himmel bislang begegnet war. Hier ging es vor allem um körperliche Genüsse, was ihm als Seele eigentlich nichts gab. Doch allein die Erinnerung daran, wie er sich als körperliches Wesen gefühlt hatte, war stark genug, dass er die Erlebnisse hier als reiz- und genussvoll erlebte. Und er war dabei durch keinerlei Grenzen eingeschränkt: Er konnte etwa so viel Schnaps trinken, wie er wollte, ohne davon betrunken zu werden – außer er wollte es. War er betrunken und wollte es nicht mehr sein, war er von einem Moment auf den nächsten wieder nüchtern. Dasselbe galt für das Essen, denn egal, wie viel Nahrung er in sich hineinschaufelte, er wurde nicht satt, wenn er es nicht wollte. Auf der anderen Seite konnte er schon von einem Schluck Bier und einem Bissen Brot volltrunken und pappsatt sein, was aber keine Rolle spielte, immerhin wurde er ja auch nur dann hungrig oder durstig, wenn er es wollte. Und das Beste daran: Edgar bekam wegen übertriebener leiblicher Genüsse weder gesundheitliche noch finanzielle Probleme, egal, wie sehr und wie lange er es übertrieb.
Doch selbst diese Medaille hatte eine Kehrseite, denn der Anteil an alkohol- und drogenabhängigen Seelen in der Partyzone war erschreckend hoch – obwohl alle Betroffenen freiwillig unter ihrer jeweiligen Sucht litten. Edgar konnte sich das nicht erklären, bis Andrea Licht ins Dunkel brachte. Die Süchtigen hier, so erklärte sie, seien Seelen, die bereits vor ihrem Tod an ihrer jeweiligen Sucht gelitten hatten und teilweise auch daran gestorben waren. Im Jenseits angekommen, führten sie ihr Verhalten einfach fort. Ihr Rausch wurde zu einem Dauerzustand, denn im Gegensatz zum Diesseits kamen hier keine medizinischen, familiären oder sonstigen Konsequenzen zum Tragen. Das wirklich Fatale an der Sache, so sagte Andrea, war die Gewohnheit, denn jede dieser Seelen hätte sich nur wünschen müssen, nicht mehr süchtig zu sein und wäre von einem Moment auf den nächsten clean gewesen. Denn wer im Himmel nicht süchtig sein wollte, der war es auch nicht.
Edgar erkannte, dass jede Seele ihr Schicksal selbst in der Hand hatte. Deshalb war Mitleid auch ein Fremdwort im Himmel, so paradox das aus christlicher Sicht auch erscheinen mochte.

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 13: Lüge und Wahrheit

Kapitel 13: Lüge und Wahrheit

Dass viele Seelen im Himmel eine Lüge leben, um glücklich zu sein, bringt Edgar zum Nachdenken. Er erkennt, dass das Paradies etwas höchst Privates ist, das sich jedem anders offenbart.

Nachdem die Großmutter die Sonne wieder hatte aufgehen lassen, ging Edgar mit ihr einkaufen. Dabei trug er ihren Korb, wie damals. Auf ihrem Weg zur Greißlerei und zurück trafen sie einige Nachbarinnen aus der Siedlung, mit denen sie jeweils ein kurzes Schwätzchen hielten. Neuigkeit Nummer eins war natürlich Edgar, der Enkel, der seine Großeltern besuchen gekommen war. Zwischen zwei solcher Plaudereien fielen Edgar wieder die Kinder auf.
„Sag einmal Oma, wie kommt es, dass hier so viele Kinder auf der Straße spielen?“
„Das ist nett, nicht?“
„Weißt du, überall sonst, wo ich bisher war, hat es überhaupt keine Kinder gegeben.“
„Das darf dich nicht verwundern. Es gibt keine Kinder im Himmel.“ Die Großmutter tat so, als erklärte das alles, doch als sie Edgars verständnislosen Blick sah, lächelte sie nachsichtig. „Die Kinder hier sind nicht echt, das sind bloß Wunschvorstellungen. Die jungen Familien, die du hier siehst, stammen aus meiner Generation. All diese Mütter und Väter waren im gleichen Alter wie ich und Opa, als sie starben, viele von ihnen sogar noch älter. Aber im Gegensatz zu Opa und mir wollten sie wieder jung sein und Kinder haben. Also sehen sie nun wieder jung aus und haben Kinder, so einfach ist das.“
„Sie leben mit erfundenen Kindern zusammen? Was soll das denn für ein Familienleben sein?“
„Oh, unterschätz das nicht, Edilein! Viele dieser Leute haben unten auf der Erde ihre echten Kinder verloren, zum Teil an der Front oder bei Bombenangriffen, zum Teil durch Krankheiten im Babyalter oder in der entbehrungsreichen Zeit danach oder bei Unfällen. Sie haben ihr Lebtag lang unter diesen Verlusten gelitten, deshalb holen sie sich jetzt ihr verlorenes Glück zurück.“
„Aber das ist doch nur eine Illusion!“
„Na und? Sie sind glücklich und nur dazu ist der Himmel doch da, nicht wahr?“
Edgar wollte etwas erwidern, hielt jedoch inne, als er in der Person, die ihnen entgegen kam, Frau Schultz erkannte. Sie war mit seiner Großmutter etwa gleich alt und hatte in Edgars Kindheit zwei Häuser weiter gewohnt. Nachdem die beiden Frauen einander begrüßt hatten, schüttelte auch Edgar ihre Hand. „Grüß Gott Frau Schultz, Sie sind also auch wieder hierher gekommen?“
Sie musterte ihn lange mit ihren grauen Augen, bis so etwas wie Erkenntnis darin aufleuchtete. „Der kleine Edi! Ja, was tust du denn hier? Bist du wirklich schon so alt?“
Edgar lachte, schüttelte den Kopf und erklärte: „Autounfall.“
Frau Schultz ließ einen wahren Redeschwall über ihn herabprasseln, welcher schließlich von seiner Großmutter unterbrochen wurde. Daraufhin sprachen die beiden Frauen in der dritten Person über Edgar, wie es Erwachsene über Kinder in deren Beisein eben tun. Edgar fragte sich, ob Frau Schultz ihn tatsächlich als kleinen Jungen wahrnahm oder ihn nur so behandelte, weil sie es von damals so gewohnt war.
Als sie weitergingen, fragte Edgar die Großmutter: „Sag einmal, wie viele Leute aus eurer damaligen Siedlung wohnen denn auch jetzt hier?“
„Oh, sehr viele. Eigentlich sind nur die nicht gekommen, die sich auch im Leben nicht in unsere Siedlung einfügen konnten. Allen anderen gefällt es hier.“
„Und euer Verhältnis untereinander ist dasselbe wie zu euren Lebzeiten?“
„Ja. In allen Belangen.“
„Wie meinst du das?“
„Weißt du, man kann viel unter der Höflichkeit verstecken. Unter Nachbarn gibt es immer wieder Streitereien aus den verschiedensten Gründen. Mit manchen hat man auch ein gemeinsames Schicksal oder Erlebnisse, die man einander einfach nicht verzeihen kann. Das deckt man mit der Zeit mit Höflichkeit zu, um des lieben Friedens willen. Das heißt aber nicht, dass man etwas vergisst.“
„Aber sind die Dinge, die im Leben passiert sind, hier nicht bedeutungslos geworden?“
Die Großmutter musterte Edgar mit einem erstaunten Blick. „Wie kommst du denn darauf? Der Doktor Krainer aus unserem Nebenhaus hat als junger Mann ein Verhältnis mit der Frau vom Uhrmacher drei Häuser weiter gehabt. Glaubst du, der Uhrmacher hat ihm das verziehen, nur weil sie jetzt alle drei tot sind? Dabei ist das noch harmlos, ich will dir ja nicht erzählen, was während des Krieges und danach alles passiert ist. Nein, nein, was geschehen ist, ist geschehen und das bleibt auch.“

Edgar versank in Gedanken. Seine Großeltern lebten in einer Wohnstraße voller Seelen, die einander seit vielen Jahrzehnten kannten und die offenbar alle Probleme, die sie je miteinander gehabt hatten, unter einen Teppich der Höflichkeiten kehrten. Und dennoch war das ihre gemeinsame, ihre kollektive Vorstellung vom Himmel? Er sah sich um und ließ diese in zweifacher Hinsicht künstliche Welt auf sich wirken. Dann begann er, es zu begreifen: All das war ihnen vertraut und gab ihnen Sicherheit und Frieden, weil sie sowohl mit den guten als auch mit den schlechten Seiten umzugehen wussten. Jede andere Welt, und wäre sie noch so paradiesisch und ideal gewesen, hätte sie angestrengt, wahrscheinlich sogar überfordert.
Auf der Erde hatten sie zu einer Zeit gelebt, in der eine freie Berufswahl oder alternative Lebenskonzepte kaum ein Thema gewesen war und deshalb auch nie wirklich zur Debatte stand. In ihren jungen Jahren durchlebten sie einen grausamen Krieg, der alle Lebensbereiche umfasste und im gesamten Volk nicht eine einzige Familie verschonte. Danach hatten diese Menschen den Rest ihres Lebens damit verbracht, die materiellen Schäden zu reparieren und eine neue Gesellschaft aufzubauen. Für sie war jeder Tag, den sie ohne körperliche Schmerzen in einer einigermaßen intakten Familie verbrachten, schon Himmel genug gewesen.
Edgar fragte sich, mit wie viel oder wie wenig er sich zufriedengab und inwieweit er dadurch die endlosen Möglichkeiten einschränkte, die der Himmel ihm bot.

* * *

Als Edgar sich einige Wochen später von seinen Großeltern verabschiedete, war ihnen dieselbe Erleichterung ins Gesicht geschrieben, die auch ihn bewegte. Sie küssten und drückten einander und sowohl Großmutter als auch Großvater luden ihn herzlich ein, vorbeizukommen, wann immer er wollte. Edgar versprach, dass er das tun werde. Als er das Haus verließ, winkten sie ihm aus dem Küchenfenster nach.

Sie hätten es keinen weiteren Tag mehr gemeinsam unter einem Dach ausgehalten! Schon bald nach seiner Ankunft war Edgar bewusst geworden, dass er den Alltagsrhythmus seiner Großeltern auf Dauer nicht mitmachen würde. Und auch er störte ihre selige Zweisamkeit, denn seine Anwesenheit zwang sie dazu, gewisse Alltagsrituale abzuändern, was ihnen offensichtlich nicht recht war. Natürlich sagten sie kein Wort, jede Unbequemlichkeit wurde durch Höflichkeit überdeckt.
Edgar machte sich bewusst, dass es keine gemeinsame Ewigkeit geben konnte. Seine Großeltern und er entstammen verschiedenen Generationen, ihre Vorstellungen vom Leben im Himmel klafften meilenweit auseinander. Im Gegensatz zu Edgars Kindheit, in der klar gewesen war, wer das Sagen hatte und wer gehorchen musste, prallte nun außerdem seine entwickelte Persönlichkeit auf die ihre. Seine bitterste Erkenntnis war jedoch, dass sie einander mit ihrem Verhalten anlogen. Zum Beispiel waren die Freude seiner Oma, ihn zu begroßmuttern, und seine, begroßmuttert zu werden, nichts weiter als verzweifelte Versuche, eine Vergangenheit zum Leben zu erwecken, die längst nur noch in ihrer aller Erinnerung existierte. Edgar war nicht mehr das vorpubertäre Edilein und nichts was sie taten oder sich wünschten, hätte diese Zeit zurückbringen können.
Als ihm diese Dinge klar geworden waren, hatte Edgar beschlossen, die Reißleine zu ziehen. Wollte er ehrlich mit seinen Großeltern sein, musste er sich ihnen gegenüber wie die Seele verhalten, die er inzwischen geworden war. Also hatte er sich bei Oma mit einem Blumenstrauß und bei Opa mit einer Flasche Bauernschnaps für die herzliche Aufnahme bedankt und erklärt, er wolle sich noch andere Bereiche des Himmels ansehen. Sie hatten sich für ihn gefreut – und wohl auch für sich selbst.

Er trat auf die Straße hinaus und hielt noch einmal inne. Ein Pferdefuhrwerk trabte an ihm vorbei, der Lenker hob seinen Hut zum Gruß und erntete dafür das Winken einer jungen Frau, die mit ihrem erfundenen Kleinkind an der Hand die Straße entlang ging.
Es freute Edgar ehrlich, dass es seinen Großeltern gut ging und sie ihren Himmel gefunden hatten, aber sein Himmel sah entschieden anders aus! Trotzdem würde er gerne wieder vorbeikommen, um mit ihnen zu plaudern.
Er verwandelte die alte Wohnstraße in bunte Nebel und ordnete diese zu seinem paradiesischen Strand zusammen. In einem ersten Reflex tilgte er die Cabaña und veränderte den Strand so, dass er ihn nicht mehr an den von Yukatan erinnerte. Dann setzte er sich auf den äußersten Stein seines Wellenbrechers, wünschte sich eine kubanische Zigarre in die eine und ein Glas schottischen Whiskey in die andere Hand und begann nachzudenken.
Die vergangenen Wochen hatten ihm Dinge vor Augen geführt, die er davor aus Unwissenheit oder Naivität anders gesehen hatte. So war er immer davon ausgegangen, dass die christliche Vorstellung vom Himmel einen Zustand der absoluten Glückseligkeit beschrieb, welche selbstverständlich echt war. Nun hatte er Seelen kennengelernt, die ihre Glückseligkeit dadurch erreichten, dass sie sich bewusst selbst belogen. Sie schufen sich Kinder, die sie in ihrem irdischen Leben verloren oder sich vergebens gewünscht hatten und lebten mit ihnen in einem Alltag, den sie als perfekt gestaltet hatten. Edgar fragte sich, ob sie damit nicht nur eine innere Leere ausglichen, die sie von ihrem irdischen Leben mitgebracht hatten.
Er betrachtete das Foto seiner eigenen Familie und überlegte, was wohl geschehen würde, wenn er seine Tochter oder seinen Sohn künstlich erschuf. Es würde wohl keine Stunde dauern, bis auch dem blindesten Fleck in ihm klar war, dass er es nur mit einer Wunschvorstellung zu tun hatte und nicht mit seinem echten Kind. Edgar hielt es für ausgeschlossen, dass er sich selbst genug anlügen konnte, um mit einem solchermaßen unechten Familienmitglied glücklich zu werden.
Aber er wusste auch, dass er den Seelen in der Wohnstraße seiner Großeltern unrecht tat, wenn er sich mit ihnen verglich. Im Gegensatz zu ihm hatten sie nicht in einer intakten Familie leben dürfen, sie hatten immer nur Sehnsucht nach einer solchen gehabt. War es da nicht verständlich, dass sie in der Erfüllung dieser Sehnsucht das Paradies sahen? Und wenn die Zeit mit ihren echten Kindern zu kurz gewesen war, um deren Entfaltung mitzuerleben, oder so lange her, dass die Erinnerung an sie nur noch ein idealisiertes Konstrukt darstellte – was machte es dann für einen Unterschied, ob ihre Kinder hier echt waren oder erfunden?
Was machte es überhaupt für einen Unterschied, ob das selbsterschaffene Paradies eine Lüge darstellte oder nicht? Im Himmel war anscheinend ohnehin alles nur erwunschen und damit erfunden, offenbar ging es nur darum, dass die Seelen glücklich waren. Lüge und Wahrheit waren da keine Kriterien.
Edgar sah sich um: Sein Ozean, sein Strand, sein Wald – auch davon war nichts echt, nichts wirklich vorhanden. All das war nur seiner Phantasie entsprungen, seinen innersten Wünschen. War so gesehen nicht jeder Wunsch, den sich eine Seele erfüllte, eine Lüge? Wie sah dieser Himmel denn in Wirklichkeit aus? Wie das unendliche Weiß?
Vielleicht war die Unterscheidung zwischen Phantasie und Wirklichkeit, zwischen Lüge und Wahrheit ja nur im Körperlichen ein Problem, im Zusammenleben mit anderen.

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen