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Kapitel 33: Das Geheimnis der Bergregion

Kapitel 33: Das Geheimnis der Bergregion

Edgars Intuition erweist sich als richtig: Fred weiß nicht nur über die Bergregion Bescheid, er war sogar selbst dort – in den Bergen.

„Wie geht es dir?“, fragte Fred und Edgar erwiderte:
„Danke, ich habe mich gut eingelebt.“
Fred lachte. „Gut eingelebt? So lange, wie du schon hier bist, könntest du den Himmel regieren! Hast du dich irgendwo niedergelassen?“
„Nein, ich habe mich herumgetrieben, so wie du.“ Nun lachten sie beide. „Mir ist da eine Frage untergekommen, die du mir vermutlich beantworten kannst. Oder anders: Wenn du sie mir nicht beantworten kannst, dann niemand.“
Fred musterte ihn gespielt geschmeichelt. „Oho, was magst du trinken?“
„Hast du einmal Zeit für mich?“
„Zeit?“ Freds Augen schnellten zu Heimo und zurück, dann schob er sich mit einem Finger die Brille den Nasenrücken entlang nach oben und musterte Edgar mit zuckendem Gesicht. „Ich habe gerade unserem Junior hier erklärt, dass Zeit keine Relevanz hat und jetzt diese Frage von dir?“
„Ich weiß nicht, ob du Heimo schon weit genug in unser Paradies hier eingeführt hast, ich will ihn mit meiner Frage nicht verunsichern.“
„Verunsichern? Wir sind im Himmel!“
Edgar schluckte seinen Ärger hinunter. Da Fred ihn offensichtlich nicht Ernst nahm, ließ er ihm keine andere Wahl, als mit der Tür ins Haus zu fallen. „Was weißt du über die Bergseelen?“
Fred starrte Edgar an, räusperte sich, richtete seine Brille. „Okay, ich verstehe. Vielleicht … Heimo, wir haben doch über diesen Ort gesprochen, an dem du im Kern deiner selbst bist. Wünsch dich jetzt dorthin.“
Heimo bekam einen verzweifelten Gesichtsausdruck, stammelte: „Ich weiß nicht … ich weiß nicht …“, doch Fred ließ es zu keiner Diskussion kommen:
„Du musst nichts wissen oder tun, du musst es nur in dir orten. Dann wünschst du dir dort zu sein und das war’s.“
Heimo blickte Fred verständnislos an, doch schon begannen seine Konturen zu verschwimmen. Während er sich in Nebeln auflöste, grinste Fred. „Siehst du? Wirkt schon“, und als er Edgar lächeln sah, fragte er: „Was ist?“
„Mit genau denselben Worten hast du auch mich damals in mein Refugium geschickt.“
„Gewisse Dinge werden Routine, wenn man sie oft genug macht. Du hast mich nach den Bergseelen gefragt, wie kommt‘s dazu?“
Edgar erzählte Fred in kurzen Worten von seiner Erforschung der Beschaffenheit des Himmels und von seiner Suche nach dem Sinn, den Himmel und Erde im Universum hatten. Während Fred zuhörte, schien all die Verspieltheit, die sein Wesen ausmachte, vorübergehend verschwunden zu sein.
„Mit wem auch immer ich geredet habe, jeder hat gesagt, nur Gott könne meine Fragen beantworten oder bestenfalls die Bergseelen“, endigte Edgar.
Fred erwiderte nichts, lange Zeit, blickte regungslos zu Boden. Er wusste etwas, das spürte Edgar genau, doch er überlegte wohl, ob oder wie viel er preisgeben sollte. Als er schließlich den Blick hob und zu sprechen begann, war es, als verstummte der restliche Himmel. „Was immer du für Gerüchte gehört hast: Vergiss sie. Ich war dort. Ich war in den Bergen.“
„Das gibt‘s nicht“, entfuhr es Edgar, „jeder der in der Bergregion unterwegs war hat mir erzählt, dass …“
„Ich war dort!“ In Freds Augen schimmerte ein Ernst, den Edgar gar nicht von ihm kannte. „Und dort ist nichts. Ich bin auf den höchsten Gipfel geklettert, den ich finden konnte, und habe mir einen Überblick verschafft. Außerhalb des Gebirgsringes gibt es nichts anderes als Berge bis zum Horizont.“
„Und die Bergseelen?“
„Ich habe keine dort angetroffen, nicht eine einzige. Am Fuß des Gebirges habe ich jede Menge Höhlen gefunden, die offenbar künstlich angelegt worden sind, aber sie waren alle leer.“ Fred sah ihn hart an, endgültig, als gäbe es nicht mehr dazu zu sagen.
Doch er war Edgars einzige Quelle, seine einzige Chance auf ein bisschen Licht in dem Dunkel, in dem er tappte. „Erzähl mir mehr, erzähl mir alles.“
Fred wand sich, wollte offensichtlich nichts weiter dazu sagen, spürte aber wohl, wie wichtig die Sache für Edgar war, zu wichtig, als dass dieser je wieder locker lassen würde. „Das alles ist verdammt lange her“, begann er schließlich. „Ich war Zeuge, wie sich eine Seele in eine Bergseele verwandelte, und bin ihr gefolgt.“
„Was meinst du damit, sie verwandelte sich?“
„Vor meinen Augen. Es war Monica, eine Frau, mit der ich für einige Zeit durch den Himmel zog. Sie war von Haus aus sehr ernst und vergeistigt und auch noch nicht lange tot, wenn ich mich recht erinnere. Und dann, von einem Augenblick auf den nächsten, veränderte sie sich komplett. Sie wurde größer, dünner und ihr Wesen war uns anderen Seelen mit einem Mal völlig fremd. Sie sah uns an, als würde sie unsere Gegenwart anwidern und im nächsten Augenblick verschwand sie mit einem Knall in einer sehr großen, sehr energiegeladenen Farbwolke.“
Edgar nickte, Ähnliches hatten auch Helmut, Andi und Franz von ihrer Begegnung mit der Bergseele erzählt.
„Und du bist ihr gefolgt?“
„Klar! Ich kannte Monica immerhin und wollte wissen, was mit ihr los war. Ich erschien in der Mitte der Ebene dieser – wie hast du es genannt, Bergregion? Monica war schon losmarschiert, reagierte nicht auf meine Rufe und so schnell ich ihr auch nachlief, ich schaffte es nicht, sie einzuholen. Ich wünschte mich zu ihr hin, doch es gelang nicht, also lief ich ihr nach, so schnell und so lange es ging.“
„Wie lange?“
„Was willst du hören, eine Uhrzeit? Ich weiß nicht wie lange; verdammt lange jedenfalls! Aber es war frustrierend, denn je länger die Verfolgung andauerte, umso weiter entfernte sich Monica von mir und ich konnte nichts tun, um diesen Abstand zu verringern. Irgendwann war sie in der Weite vor mir verschwunden. Ich hatte damals noch andere Vorstellungen vom Himmel und wollte mich nicht geschlagen geben. Deshalb lief ich weiter in die Richtung, in der sie vor mir gegangen war.“
„Wie hast du diese Richtung so exakt einhalten können?“
„Das war deshalb möglich, weil ich, so lange ich sie noch im Blickfeld gehabt hatte, direkt über ihr ein markanter Berggipfel am Horizont aufragen gesehen hatte und an diesem orientierte ich mich von da an. Ich habe diesen Gipfel so lange gesehen, dass ich seine Form nie mehr vergessen werde. Mein Weg war lange, einsam und entmutigend, denn diese verdammten Berge wollten einfach nicht und nicht näher rücken. Auch konnte ich zwischendurch nicht in eine andere Region und später wieder zurückwechseln, sonst wäre ich wieder am Ausgangspunkt gelandet. Bei einem meiner anfänglichen Versuche, die Distanz zu Monica zu überwinden, hatte ich mich aus der Bergregion hinaus- und dann erneut zu ihr hingewünscht und da war ich am selben Punkt erschienen, wie beim ersten Mal. Ich sah sogar meine eigenen Fußspuren im Sand, die von dort weg führten. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als stur zu bleiben, mir nichts zu wünschen und ständig weiterzulaufen, wenn ich die Berge erreichen wollte. Wobei, um die Berge ging es mir ja nicht, sondern um Monica.“
„Hattest du eine engere Beziehung zu ihr?“
„Keine außergewöhnliche, nein, es erschreckte mich nur, was mit ihr passiert war und ich verlangte eine Erklärung. Ich weiß nicht, wie lange ich unterwegs war, Ede, ich weiß es wirklich nicht! Zeit hat keine Relevanz im Himmel, aber der Zeitraum, den ich dort verbrachte, war trotzdem gewaltig. Die Zweifel in mir wurden immer lauter und bald stellte ich mir die Frage nach der Sinnhaftigkeit meines Weges – aber durch all das hindurch schimmerte stets eine andere, die wirklich große Frage: Warum darf ich die Berge nicht erreichen? Jedenfalls verbrachte ich buchstäblich eine halbe Ewigkeit in ununterbrochenem Sprintlauf, bis eines Morgens völlig unerwartet ein Vorgebirge in Sicht kam. Von da an schien die normale Entfernungswahrnehmung wieder zu funktionieren. Ich erklomm die Felsen und fand diese Höhlen, doch von Monica war weit und breit keine Spur. Also stieg ich auf die Berge, kletterte von einem Gipfel auf den nächsten, bis ich den höchsten erreicht hatte. Der Blick über die Bergkette hinaus, der mir nur immer weitere Berge bis zum Horizont zeigte, war so entmutigend, dass ich am liebsten verzweifelt wäre, das darfst du mir glauben! Auch der Blick zurück war nicht freundlicher, denn die scheinbar endlose Ebene, die ich durchlaufen war, sah von dort oben aus wie ein Zweitagesmarsch. Es war, als zeigte mir der Himmel den Stinkefinger, als wollte er mir sagen: Hier gibt es nichts für dich, du bist hier nicht erwünscht.“ Eine unangenehme Pause entstand, in der Fred direkt in seine Erinnerung zu starren schien. „Ich wollte Heimo nicht erschrecken“, sprach er schließlich weiter. „Die Bergseelen sind wahrscheinlich das größte Mysterium des Himmels, das möchte ich den Neuankömmlingen nicht aufbürden, wenn sie gerade erst dabei sind, sich hier einzufinden.“
„Was … was bedeutet das? Ich meine, diese seltsame Region und diese seltsamen Seelen, die dort einfach verschwinden?“
Fred sah Edgar direkt in die Augen. „Weißt du, wie oft ich mir diese Frage schon gestellt habe? Die Antwort ist: Ich weiß es nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ich habe nicht einmal einen Anhaltspunkt für eine Vermutung.“

* * *

Als sich die bunten Nebel ordneten und klärten, staunte Edgar nicht schlecht, denn er fand sich an einem Holzgeländer stehend, das ihn von einem mittelalterlichen Turnierplatz trennte. Neben ihm und um die ovale Wettkampfarena herum standen hunderte mittelalterlich gekleidete Seelen und Figuren und jubelten, winkten und schrien. Auf dem Turnierplatz ritten soeben zwei Ritter gegeneinander an, das anschwellende Hufgetrappel wirkte aggressiv auf Edgar und ließ den Boden unter seinen Füßen vibrieren. Als die Kontrahenten aufeinandertrafen, zersplitterten ihre Lanzen mit einem Knall, als bestünden sie aus Zahnstochern, die mit Papier in die Form einer Lanze gerollt worden waren. Der nun auftosende Jubel war ohrenbetäubend.
Irritiert blickte sich Edgar nach Andrea um, denn zu ihr hatte er sich gewünscht, als er hier gelandet war. Er sah sie wenige Meter neben sich auf einer Tribüne, die offenbar für die Damen und Herren der höheren Stände reserviert war – zumindest ließ die Pracht von deren Bekleidung darauf schließen. Andrea stand auf dem untersten Rang, sie trug ein dickes grünes, mit Gold besticktes Kleid. Edgar fand, dass sie edel darin aussah, richtig aristokratisch; es passte zu ihr. Er drängte sich durch die Leute zu der Tribüne hin und rief ihren Namen.
Andrea blickte sich verwundert um, und als sie ihn sah, verwandelte sich ihre Miene in ein strahlendes Lächeln. Sie beugte sich zu Edgar herunter und gab ihm einen Kuss. „Was machst du denn hier?“
Obwohl sie die Worte rief, verstand Edgar sie durch den Lärm des Jubels kaum. „Dich suchen, was sonst? Was ist das hier? Lebendiges Mittelalter?“
„Iwo, nur ein Ritterspiel – allerdings mit Ausnahmen.“
„Ich verstehe nicht ganz.“
Andrea setzte ein unzufriedenes Gesicht auf und sah sich um, als fände sie die Antwort auf eine Frage irgendwo in ihrer Umgebung. Dann nahm sie Edgars Hand und schon im nächsten Augenblick löste sich das mittelalterliche Ambiente in Nebel auf, welche sich zu einer Jazzbar umformten. Die Bar war kaum besucht und anstelle einer Band spielte die Beschallungsanlage dezente Salonmusik. In Edgars Ohren sirrte es noch von dem Lärm auf dem Turnierplatz, doch der Wechsel war ihm sehr angenehm. Das lag auch daran, dass Andrea ihr Aussehen angepasst hatte: Sie trug jetzt ein hautenges Cocktail-Minikleid, Nylonstrümpfe und High Heels, alles in Schwarz. Ihr Gesicht war dezent geschminkt und ihr Haar einseitig hochgesteckt. Ihr gesamtes Aussehen raubte Edgar schier den Atem.
Als sie sich auf einen Barhocker setzte und einen Mojito bestellte, folgte er ihrem Beispiel.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 32: Wiedersehen mit Fred

Kapitel 32: Wiedersehen mit Fred

Edgar versucht, dem Sinn des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen, scheitert jedoch, weil es keine Möglichkeit gibt, seine Theorie in der Praxis zu erproben. Er beschließt, Fred aufzusuchen.

Edgar hielt kurz inne, dann schrieb er weiter in sein Tagebuch:

Ich frage mich, ob meine Seele wirklich gelebt hat, seit ich im Himmel bin. Und ich frage mich, ob es nicht im Gegenteil dieser Daseinszustand ist, der die Entwicklung der Seelen allgemein bremst. Wenn Andrea Recht hat, dann kann eine echte Entwicklung nur dort stattfinden, wo ein Mangel herrscht, der ausgeglichen werden muss. Da es hier im Himmel keinen Mangel im herkömmlichen Sinn gibt, kann Entwicklung eigentlich nur dann stattfinden, wenn ein Mangel auftaucht, der nicht durch Wünschen gestillt werden kann.
In meinem Fall könnte die ungestillte Wissbegierde, wie der Himmel aussieht und funktioniert, so ein Mangel sein, ein Mangel, der eine Entwicklung in mir in Gang setzt. Allein schon meine Suche nach Antworten in den verschiedensten Bereichen des Himmels ist doch der Beweis für die Richtigkeit dieses Gedankens.
Der Auslöser des Wunsches, die Natur des Himmels zu erkennen, war mein Austausch mit Andrea. Sie hat mich auf Ungereimtheiten aufmerksam gemacht, wie die große Bestrafung. Seither habe ich meinen Sinn für solche Phänomene geschärft und tatsächlich sind mir immer wieder welche untergekommen: die seltsamen Bergseelen, die Bergregion mit ihrer Wunscheinschränkung, der Träumer und so weiter. All das hat die Neugier in mir genährt. Ich will erfahren, wie der Himmel wirklich gestaltet ist und wie er funktioniert!

Edgar sog wieder an seiner Zigarre. Er spürte deutlich, dass da noch mehr war. Genau genommen wollte er doch nur deshalb wissen, wie der Himmel funktionierte, weil gewisse Dinge hier anders liefen, als im Diesseits. Somit waren es eigentlich die Unterschiede, die ihn interessierten und nicht die Gemeinsamkeiten. Er schrieb weiter:

Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir klar, dass das nur der erste, der vorgeschobene Wunsch ist. Der wahre Wunsch ist doch der der Erkenntnis, wie das Universum geordnet ist. Welche Rolle spielt das Erdenleben in diesem Universum und welche der Himmel? Und welche Rolle spielt der Mensch darin? Welche Rolle spiele ich?
So gesehen ist mein Wunsch gar nicht naturwissenschaftlicher Art, sondern philosophischer. Denn auch wenn die Erde und das Leben auf ihr nach naturwissenschaftlichen Prinzipien geordnet sind, der Himmel und das Leben in ihm sind es nicht. Der Himmel erklärt sich durch die Seelen, die in ihm leben, denn sie gestalten ihn durch ihre Wunscherfüllungen.
Genau in diesem Punkt gibt es aber ein Ungleichgewicht, das sich nicht wegdiskutieren lässt: Während das Diesseits ein gefährlicher Ort ist, an dem jedes Lebewesen jederzeit durch verschiedenste Einflüsse ausgelöscht werden kann, ist das Jenseits ein geschützter Bereich. Eine Seele kann hier machen was sie will, es kann ihr nichts passieren. Das hat unter anderem zur Folge, dass die Seelen sich hier überhaupt nicht entwickeln können, weil ihnen das Ungleichgewicht fehlt, das für die Kreativität notwendig ist, ohne die es wiederum keine Entwicklung gibt.

Edgar setzte den Gänsekiel ab und blickte sinnierend zur Kimm. Das führte noch nicht weit genug! Wenn er es genau nahm, war es doch der Überlebenstrieb, der den Fortbestand des irdischen Lebens sicherte. Ihm gehorchend hatte der Mensch seine natürlichen Feinde besiegt, Tiere domestiziert, Land urbar gemacht, Krankheiten ausgerottet. Die technischen Entwicklungen hatte der Mensch in seiner gesamten Geschichte aus nur einem einzigen Grund vorgenommen: Um das Überleben und damit das tägliche Leben zu erleichtern und das galt für den Faustkeil genauso wie für das Internet. Das war die Basis für die Herausbildung des menschlichen Denkvermögens, denn die Fähigkeit, natürliche Materialien kreativ zu Werkzeugen und Werkstoffen umzugestalten, forderte und förderte die Intelligenz. Der Mensch musste um so komplexer denken können, je komplexer seine Werkzeuge wurden.
Edgar konnte sich noch gut daran erinnern, wie er als Junge zum ersten Mal ein Uhrwerk in Funktion gesehen hatte. Ein Uhrmacher in seiner Heimatstadt hatte das Werk einer Wanduhr als Blickfang in sein Schaufenster gehängt. Edgar war so kindlich ergriffen gewesen von all den großen und kleinen Bauteilen, den teils bedächtigen, teils emsigen Bewegungen, dass ihm dieses Bild in Erinnerung geblieben war. Während seines gesamten Erdenlebens war dieses Uhrwerk immer dann beispielgebend vor seinem geistigen Auge aufgetaucht, wenn er etwas über Technik gelernt hatte. Auf diese Weise hatte es ihm später, als junger Erwachsener, zu einer grundlegenden Erkenntnis über den menschlichen Erfindergeist verholfen. Denn im Grunde kombinierte ein mechanisches Uhrwerk mehrere physikalische Grundgesetze miteinander, um funktionieren zu können. Das Gewicht machte die Gravitation als Antriebskraft nutzbar, das Pendel dosierte diese Kraft und die Zahnräder übertrugen sie über mehrere Umwege auf die Zeiger, so dass diese in unterschiedlichen Geschwindigkeiten liefen. Das gesamte Konstrukt war ein Werkzeug, mit dem die Zeit gemessen werden konnte – es war mehr als die Summe seiner Teile geworden.
Und genau das war es, was Edgar eine Erkenntnis wie einen Blitz ins Gehirn gejagt hatte: All das Pendeln, Hin- und Herschwingen, ruckartige Weiterbewegen, Ticken und Tacken mochte den physikalischen Prinzipien geschuldet sein, doch das Dazwischen, die Art, wie die Materie zusammengestellt war, damit sie so und nicht anders funktionierte, das war der menschliche Erfindergeist!
Als Edgar sich nun an diesen Augenblick der Erkenntnis zurückerinnerte, begriff er, warum die Entwicklung auf der Erde nie zum Stillstand kam und wohl auch nie kommen würde. Es war die Notwendigkeit, das Überleben zu sichern, die Arbeit und damit das Leben selbst zu erleichtern, die die Intelligenz wachsen ließ. Die Kombination von Materie zu immer neuen Werkzeugen führte auch zu immer neuen Möglichkeiten, für deren Nutzung der Mensch wiederum mehrere Werkzeuge miteinander kombinierte – was wieder zu neuen Möglichkeiten führte. Das war es, was der menschlichen Existenz, was der Menschheit in ihrer Gesamtheit Sinn gab.
Und das war es auch, was hier im Himmel fehlte, weil die Seelen unsterblich waren, egal was sie taten oder unterließen.
Edgar schlug die letzte Seite des Tagebuchs auf und fasste auf ihr seine gedankliche Analyse zusammen:

1. ÜBERLEBENSNOTWENDIGKEIT
führt zu
ENTWICKLUNG.
2. ENTWICKLUNG
führt zu
INTELLIGENZ.
3. INTELLIGENZ
führt zu
SINNHAFTIGKEIT.
Daraus folgt:
4. SINNHAFTIGKEIT
bedingt
ÜBERLEBENSNOTWENDIGKEIT.
Fazit:

UNSTERBLICHKEIT FÜHRT ZU SINNLOSIGKEIT!

Edgar blickte erschüttert auf die letzte Zeile. Konnte das wirklich wahr sein? War die Existenz als Seele im Himmel tatsächlich sinnlos? Warum gab es sie dann?
Einmal mehr erinnerte er sich an seinen silbernen Begleiter und was dieser ihm unmittelbar nach seinem Tod gesagt hatte. Dass ihm nämlich die Sinne fehlten, die es brauchte, um die Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit erkennen zu können. So gesehen erschien die Existenz im Himmel vielleicht nur nach menschlichem Ermessen sinnlos – aber das half Edgar nicht. Als Seele konnte er hier nicht mehr tun, als sich oberflächlich zu vergnügen. Das machte ihn unzufrieden, weil es ihm zu wenig war; viel zu wenig! Wie konnte dieser Zustand je der Himmel sein?
Er blätterte nach vorne und schrieb dort weiter, wo er vorhin aufgehört hatte:

Einmal mehr frage ich mich nach dem Verbleib von Gott. Mittlerweile würde ich ja meinen, dass Gott gar nicht existiert – aber wer hat dann das alles hier geschaffen? Wer hat die Erde so geordnet, wie sie ist und die Seelen so gestrickt, wie sie sind? Es dürfte wohl eher so sein, dass Gott das gesamte Universum regiert und der Himmel und die Erde nur Teile davon sind. Aber das fällt schon wieder in den Bereich der Spekulation.
Ich frage mich, was die Bergseelen wirklich wissen. Was unterscheidet sie von uns? Leben sie tatsächlich in den Bergen oder marschieren sie nur ununterbrochen stur auf sie zu? Hat es wirklich noch nie eine ‚normale‘ Seele geschafft, die Berge zu erreichen und ist wieder zurückgekehrt?

Edgar setzte den Federkiel ab und lächelte. Er glaubte eine Seele zu kennen, die ihm zumindest diese Frage beantworten konnte.

* * *

Die farbigen Nebel vor Edgars Augen verfestigten sich zu einem französisch anmutenden Straßencafé. Unter den wenigen Gästen, die einen frühlinghaften Sonnenschein genossen, saßen ein verschreckt aussehender junger Mann und ihm gegenüber Fred. Fred nahm Edgars Ankunft zunächst wahr, wie er wohl die einer jeden anderen Seele registrierte. Erst als er bemerkte, dass dieser ihn ansah, erwiderte er Edgars Blick irritiert und schließlich vertrieb ein Grinsen alle anderen Gefühlsregungen.
„Hee!“ Fred sprang von seinem Sessel auf und kam mit ausgebreiteten Armen auf Edgar zu. Er umarmte ihn, dann musterte er ihn von oben bis unten. „Gut siehst du aus, nicht einen Tag älter.“
Edgar spürte erst jetzt, wie sehr ihm Freds herzliche und unkomplizierte Art gefehlt hatte. Auch fiel ihm erst jetzt auf, dass er kaum eine Seele im Himmel kennengelernt hatte, die so charakteristisch und authentisch gewesen war wie Fred. Seine hühnerartig ruckartigen Bewegungen, seine Gesichtszuckungen in Verbindung mit der dickrandigen Brille, seine ausgeflippte Kleidung – irgendwie hatte Edgar das alles gefehlt, ohne dass es ihm bewusst gewesen wäre.
Fred legte Edgar die Hand um die Schulter und führt ihn zu seinem Tisch, wo er ihm seinen Begleiter vorstellte. „Das ist Heimo. Er ist gerade erst im Himmel angekommen und deshalb noch ziemlich verunsichert; du kennst das ja. Heimo, das ist …“
Fred sah Edgar erwartungsvoll an, und als dieser nicht wusste, was er meinte, vollführte Fred ein paar nachdrückliche Gesten. Schließlich lachte er verunsichert und sagte: „Hilf mir!“
„Edgar“, erwiderte der Gefragte automatisch und ebenso automatisch schüttelte er Heimo die Hand.
Auch wenn er es zu verbergen versuchte, so traf es Edgar doch hart, dass Fred seinen Namen vergessen hatte. Im nächsten Augenblick fühlte sich diese Animosität kindisch an. Klar, Fred nahm bei Edgar eine Sonderstellung ein, weil er ihm bei seiner Ankunft im Himmel wie ein erlösender Engel erschienen war und sich rührend um ihn gekümmert hatte. Im Gegensatz dazu hatte Fred vermutlich schon dutzende Seelen in den Himmel eingeführt, wenn nicht gar hunderte, Edgar war für ihn nur einer unter vielen.
„Ede“, rief Fred nun und schnippte mit den Fingern, als wäre ihm der Name ohnehin auf der Zunge gelegen. Dann begann er aufgeregt zu plappern. Er erzählte Heimos Lebens- und Todesgeschichte und was er ihm schon alles gezeigt hatte. „Er hat mich gerade gefragt, wie lange er jetzt schon im Himmel ist und jetzt will er mir nicht glauben, dass ich keine Ahnung habe.“
Edgar lachte mit Fred mit. Inzwischen konnte er verstehen, warum seine anfänglichen Fragen im Zusammenhang mit dem Vergehen der Zeit Fred auf die Nerven gegangen waren; für eine unsterbliche Seele war Zeit völlig uninteressant. Für einen gerade erst verstorbenen Menschen hingegen war sie der wichtigste, weil einzig noch verbliebene Bezugsrahmen. Edgar machte sich bewusst, wie sehr es Fred auf die Nerven gehen musste, von jedem Neuankömmling mit denselben zeitbezogenen Fragen bombardiert zu werden!

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 31: Worauf es ankommt

Kapitel 31: Worauf es ankommt

Edgar zieht sich in sein Refugium zurück und reflektiert über seine bisherigen Erkenntnisse über das Jenseits. Immer mehr stellt er fest, dass es auf die Dinge, die der Himmel zu bieten hat, im Grunde überhaupt nicht ankommt.

Als Edgar schon glaubte, Ebenezer sei gefangen genommen worden, tauchte dieser schräg hinter dem Wachtposten auf und hob die Hand – das vereinbarte Zeichen.
Edgar nahm den Ast, den er bereitgelegt hatte, und warf ihn in hohem Bogen nach links, wo er einige Meter weiter durch das Gebüsch raschelnd zu Boden fiel. Der Wachtposten reagierte auf das Geräusch, sein Helm drehte sich in dessen Richtung; Ablenkung genug für Ebenezer, um dem Wachsoldaten in den Rücken zu springen. Was dann kam, spielte sich in Sekundenbruchteilen ab. Ebenezer packte den Feind mit beiden Händen so fest am Hals, dass dieser keinen Alarmschrei hervorbringen konnte, und nutzte den Schwung des Sprungs, um gemeinsam mit dem Soldaten aus der Alarmstellung zu rollen, wodurch dieser das Sturmgewehr aus den Händen verlor.
Edgar krabbelte auf allen Vieren so schnell er konnte zum Ort des Geschehens, wo er sein Messer zog. Der dunkelrot Uniformierte wehrte sich nach Kräften; er lag nun rücklings auf Ebenezer, der ihn noch immer fest im Würgegriff hatte, und versuchte sich von diesem herabzuwälzen oder ihn zumindest mit den Ellbogen zu treffen. Edgar stieß zu. Dass seine Messerklinge in die Brust des Soldaten eindrang und aus der Wunde sofort Blut hervorquoll, zeigte ihm, dass er es hier mit einer Figur zu tun hatte und nicht mit einer Seele.
Als das Zappeln des Opfers immer mehr abebbte und schließlich zum Erliegen kam, ließen Edgar und Ebenezer von ihm ab. Wortlos verfolgten sie weiter den vereinbarten Plan. Sie nahmen ihre Sturmgewehre in Anschlag, und während sich Ebenezer in die Alarmstellung hockte, lief Edgar geduckt ein paar Meter weiter, um hinter einem Baum in die Hocke zu gehen. Die beiden versicherten sich mit einem Blick, dass der jeweils andere bereit war, dann nahmen sie die Zelte ins Visier und Ebenezer stieß einen schrillen Pfiff aus. Im nächsten Moment knatterten das Maschinengewehr sowie ein Sturmgewehr los, mit denen Andi, Franz und Helmut im Dickicht rechts von ihnen in Stellung gegangen waren. Die Projektile zerfetzten die Zeltplanen, ließen Erde und Gras aufspritzen und es dauerte keine fünf Sekunden, bis die restlichen drei Feindsoldaten auf den Beinen waren. Nun eröffneten Edgar und Ebenezer das Feuer.
Die Feinde hatten keine Chance. Im Sperrfeuer von zwei Seiten glich ihr Fallen einem willkürlichen Zucken und schon nach wenigen Augenblicken war alles vorbei. Edgar und seine Männer stellten das Feuer ein und besichtigten das Schlachtfeld, wo sie feststellten, dass alle vier Späher Figuren gewesen waren.
„Wie ist es möglich, dass uns vier KüKa wochenlang hinhalten konnten?“, fragte Edgar.
Franz klopfte sich eine Zigarette aus der Packung, die er aus seiner Brusttasche gezogen hatte, steckte sie in den Mund und zündete sie an. Während er den ersten Rauchschwall hervorpaffte und das brennende Streichholz auswedelte, meinte er: „Scheint so, als hätten wir uns die Kameraden effizienter gewünscht, als wir sie uns gewünscht hätten.“

* * *

Die Farben des Nebels setzten sich zu einer wüstenhaften Landschaft zusammen. Es schien hier früher Morgen zu sein, das Licht war noch schwach, zu kraftlos, um den blauen Grundton aus den Farben der Umgebung zu tilgen. Eine Windböe fegte Edgar ins Gesicht und ließ ihn frösteln. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und fand alle Erzählungen bestätigt: Rings um ihn herum, am Horizont gerade noch erkennbar, zog sich eine gleichmäßig hohe Bergkette. Die Sandfläche, die von diesem Bergring umschlossen war und in deren Mitte Edgar stand, war topfeben, ohne jeden Bewuchs, nichts ragte von ihr auf. Es war, als wäre er ein Floh und stünde im Mittelpunkt einer Pizza.
Selbst nach irdischen Maßstäben wirkte die Entfernung zu den Bergen entmutigend auf Edgar, doch die Vorstellung, dass sich diese Aussicht auch nach jahrelangem Marsch in ein und dieselbe Richtung nicht veränderte, ließ es eng in seiner Brust werden. Dennoch war noch nie eine Bergseele je wieder zurückgekommen, was den Schluss zuließ, dass die Berge grundsätzlich erreichbar waren und die Bergseelen einfach nur mehr Ausdauer hatten als andere. Oder sie zogen die Einsamkeit der Gesellschaft anderer Seelen vor und marschierten bis in alle Ewigkeit durch diese sandige Einöde.
Edgar versuchte es. Er ging ein paar Meter und blickte zurück. Tatsächlich hatte er Fußspuren im Sand hinterlassen, als wäre er tatsächlich von der Stelle gekommen. Ob das wirklich der Fall war, wusste er nicht; das wusste niemand. Dann wünschte er sich die paar Meter zurück an die Stelle, von der er weggegangen war – und nichts geschah. Er fragte sich, was das hier sollte, warum ausgerechnet die Bergregion eine Ausnahme im Gefüge des Himmels war. Und dann fragte er sich einmal mehr, warum der Himmel so war, wie er war.

Zurück in seinem Refugium bemerkte Edgar, dass ihm sein Berg nicht mehr gefiel und er ließ ihn verschwinden. Dann setzte er sich auf seinen Felsen, wünschte sich eine Zigarre in die Hand und blicke in die Weite seines Ozeans. Er hatte sich von Ebenezer, Helmut, Andi und Franz mit dem Versprechen getrennt, sie bald wieder aufzusuchen. Sie hatten gelacht und gemeint, er müsse ihnen nichts versprechen, denn so weitläufig der Himmel auch sei, es sei eine Eigenheit der Ewigkeit, dass man sich immer wieder treffe; irgendwann, irgendwo. Doch Edgar hatte es ernst gemeint. Er mochte die Kerle und er glaubte zu ahnen, dass er noch viele verrückte Sachen mit ihnen machen würde.
Zunächst wollte er jedoch die Erlebnisse der letzten Zeit Revue passieren lassen und über die Erkenntnisse nachdenken, die er aus ihnen gezogen hatte. Immerhin hatte sich eine Menge ereignet, seit er das letzte Mal auf diesem Felsen gesessen war: Auf der Suche nach jemandem, der ihm die Gestalt des Himmels erklären konnte, hatte Edgar sich durch die Bereiche der Wissenschaft, der Kunst und des Krieges gehangelt. Dabei hatte er unglaubliche Dinge erlebt und viele Seelen kennengelernt, aber eine Antwort auf seine Frage hatte er nicht bekommen. Im Gegenteil, es waren noch weitere Fragen hinzugekommen.
Allerdings hatte er viel über den Himmel und seine Bewohner gelernt. Zum Beispiel war ihm aufgefallen, dass Seelen umso zufriedener schienen, je intensiver sie ihrer Tätigkeit nachgingen. Sowohl Sven Nansen am Paranal-Observatorium als auch die „schöne Frau“ in der Künstler-Kommune hatten erfüllt gewirkt. Ob sie glücklich waren, konnte Edgar nicht beurteilen, zumindest schienen sie aber so zu leben, wie sie es wollten. Und sie waren sich dieses Umstands auch bewusst und somit jederzeit in der Lage, Dinge zu ändern, die ihnen nicht mehr gefielen. Das unterschied sie von Seelen, die sich selbst aufgegeben hatten, so wie jene der Trinker und der Drogensüchtigen, die Edgar auf der Partymeile gesehen hatte. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese mit ihrer Situation zufrieden waren und er glaubte auch nicht, dass sie es aus eigenem Antrieb schaffen würden, ihre Situation zu verändern. Letzteres galt auch für Seelen, die zwar schon geraume Zeit im Jenseits waren, sich aber nach wie vor weigerten, ihren Tod anzuerkennen. Charles Darwin etwa war sich seiner tatsächlichen Situation nicht bewusst, doch schien ihm zumindest der Glaube zufrieden zu stellen, noch am Leben zu sein und arbeiten zu können.
Was aber war mit jenen Seelen, die sich ihrer Situation zwar bewusst waren, aber nicht in ihrem Tun aufgingen, sondern sich mit den Gegebenheiten nur arrangiert hatten? Edgar erinnerte sich an seine Großeltern: Sie schienen Zufriedenheit aus stabilen Routineabläufen zu erlangen und fühlten sich glücklich, solange nur alles so blieb, wie sie es kannten. Etwaige Unzulänglichkeit waren für sie weniger belastend als der Gedanke an das Risiko, das mit einer Veränderung einhergehen würde.
Edgar zog lange an seiner Zigarre. Auch er war nicht zufrieden, doch hatte er sich mit den Gegebenheiten arrangiert? Nein, denn er war noch auf der Suche. Er gehörte zu jener großen Gruppe von Seelen, die er „Wanderer“ nannte, weil sie von einem Bereich des Himmels zum nächsten wanderten und nirgendwo Fuß fassten. Viele dieser Wanderer gaben vor, sich mit ihrer Situation arrangiert zu haben, doch kein Einziger, den Edgar kennengelernt hatte, war mit diesem Kompromiss restlos zufrieden gewesen. Edgar hatte selbst bei denjenigen, die behaupteten glücklich zu sein, eine grundlegende unterschwellige Traurigkeit wahrgenommen, die nur jemand spürte, der sie auch selbst in sich trug.
Auf seinen Wegen durch den Himmel hatte Edgar keinen Bereich kennengelernt, in dem er auf Dauer hätte leben wollen, er konnte sich auch nicht vorstellen, dass ein solcher Bereich für ihn existierte oder überhaupt erschaffbar wäre. Er empfand den Himmel und alles, was eine Seele in ihm machen konnte, als zu oberflächlich, als dass seine Seele dauerhaft in ihm glücklich werden konnte. Aber musste das zwangsläufig auch auf die anderen Wanderer zutreffen? Ebenezer zum Beispiel schien mit seinem Leben ganz zufrieden zu sein und Fred ebenfalls.

Edgar dachte über die Seelen nach, über ihr Zusammenleben hier und all die Erkenntnisse, die er selbst gewonnen oder die er von Fred, Andrea, Nansen und Ebenezer erfahren hatte. Er beschloss, diese Erkenntnisse in sein Tagebuch zu notieren und dort zu analysieren und wünschte sich deshalb das mit grobem Leder gebundene Buch mit den Pergamentblättern herbei, sowie den Gänsekiel, dem die Tinte nie ausging. Als er das Buch aufschlug, war er gespannt, ob seine letzten Eintragungen tatsächlich noch darin stehen würden – und tatsächlich war alles noch da, jede Zeile. Kurz fragte er sich, wo das Tagebuch in der Zwischenzeit gewesen sein mochte, doch dann machte er sich bewusst, dass es ja gar nicht wirklich existierte, und verwarf jeden weiteren Gedanken in diese Richtung. Er schrieb:

Eine große Erkenntnis verdanke ich Ebenezer, der mir in seiner angriffigen Art klar gemacht hat, dass es unter Seelen weder eine Hierarchie noch einen Gemeinschaftsgedanken geben kann. Das bedeutet auch, dass jede Seele ihren Weg alleine gehen muss, weil sie auf keine Hilfe von einer anderen Seele hoffen darf. Der Himmel ist ein Himmel von Individualisten und mir stellt sich die Frage, ob der eigentliche Sinn unseres Daseins als Seelen der ist, dass wir uns – jeder für sich selbst – weiterentwickeln. Aber wenn das wahr ist, dann frage ich mich, warum wir all die Dinge hier im Himmel tun, die wir tun, immerhin kommt es auf die überhaupt nicht an! Es kommt weder auf Wissenschaft an noch auf Kunst noch auf Zeitvertreib, sondern doch nur darauf, über das Erlebte zu reflektieren und Lehren daraus zu ziehen. Mit anderen Worten: Nicht das Erlebnis zählt, sondern das, was die einzelne Seele daraus macht.
Zu diesem Thema gehört auch die wahrscheinlich größte Erkenntnis, dass sich Seelen im Himmel nur Dinge wünschen können, die weder sie selbst noch andere Seelen irgendwie verändern. Ich kann mir wünschen, wie Superman durch die Luft zu fliegen, aber ich kann mir nicht wünschen, eine andere Art von Humor zu haben. Ich kann mir wünschen anders auszusehen, aber ich kann mir nicht wünschen, dass ich einer anderen Seele sympathisch bin. Das bedeutet, dass ich Veränderungen, die den Kern meiner Seele betreffen, nur auf herkömmliche Weise vornehmen kann: durch Erfahrung und Lernen aus gewonnenen Erkenntnissen. Erfahrungen kann ich aber nicht sammeln, indem ich mich den oberflächlichen Vergnügungen der Partymeile aussetze oder meine Phantasie im Künstlerviertel ausreize. Denn die Gefühle, die bei diesen Erlebnissen entstehen, sind zu oberflächlich. Wahre Gefühle erfahre ich nur, wenn ich Dinge erlebe, die meine Seele berühren. Solange ich keiner echten Gefahr ausgesetzt bin, weil meine Seele unsterblich ist, werde ich keine echte tiefgehende Angst spüren. Das gilt in abgewandelter Form wohl für alle Gefühle.
Mir wird erst jetzt bewusst, dass Gefühle die Nahrung der Seele sind. Wer nicht laut jubelt, tief trauert, bis über beide Ohren verliebt ist oder vor Wut schreit, der lebt nicht.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 30: Die Bergseele

Kapitel 30: Die Bergseele

Edgars neue Begleiter Helmut, Andi und Franz erzählen von ihrem Erlebnis mit einer Bergseele, deren Spur sie in der Bergregion verloren. Edgar wird zunehmend neugierig, was es damit auf sich hat.

Helmut ließ seine Worte wirken, ehe er fortfuhr: „Die farbigen Wolken entwickelten sich viel schneller und waren ungleich größer als beim Erscheinen anderer Seelen und auch der Kerl selbst kam mir größer vor, aber das kann täuschen, weil sein Auftritt so krass war und er plötzlich alleine dort vor dem Altar stand.“
„Sag, wie es war.“ Edgar drehte den Kopf nach rechts, von wo die Stimme gekommen war und sah Zigarettenrauch aus Franz Schlafsack aufsteigen.
Helmut erzählte weiter: „Der Fuzzi hatte einen Auftritt wie Superman. Plötzlich stand er da und starrte uns alle an. Und wir starrten ihn an. Eigentlich starrten wir uns alle gegenseitig an, auch den Papst und dem wären fast die Glasbausteine aus den Höhlen geflutscht.“
Andi lachte meckernd, dann übernahm er das Wort. „Ja, das stimmt. Aber der Typ, die neue Seele, der war echt anders als alle, die ich bis dahin gesehen hatte. Er hatte eine hagere Gestalt, war kahlköpfig und seine Haut sonnengegerbt. Das sah man deshalb besonders gut, weil er nur mit einem Lendenschurz bekleidet war.“
„Und er war unheimlich“, fiel Helmut wieder ein, „für einen, der gerade erst gestorben und neu in den Himmel gekommen war, war er erstaunlich gefasst. Er ging vor dem Altar auf und ab wie ein Tiger, leicht gebückt, und er starrte uns an wie ein Adler seine Beute. Sein Blick war … ungehalten, fast herausfordernd.“
„Da gab keiner mehr einen Mucks von sich“, kam es mit einem Rauchschwall aus Franz Schlafsack.
„Es war total gespenstisch“, erzählte Andi weiter, „nicht einmal Papst Julius II. brachte mehr einen Ton hervor und das will was heißen, denn soweit ich weiß, hatte der im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert nicht nur den Vatikan, sondern auch die italienischen Stadtstaaten ganz schön aufgemischt.“
Franz rappelte sich umständlich auf, verdrehte ebenso umständlich den Kopf und schenkte Andi einen spöttischen Blick. „Woher all das Wissen, Einstein? Hast du einen Julius-II.-Reiseführer gefressen?“
„‚Biographie‘ heißt das“, erwiderte dieser gehässig.
„Jedenfalls war klar, dass uns der Neuankömmling nicht mochte“, fuhr Helmut fort. „Sein Blick war, wie gesagt, ablehnend, nein, mehr noch, er war angewidert. Es schien so, als würde er auf etwas warten, während er ungeduldig auf und ab tigerte und dann verschwand er wieder, wie er gekommen war: mit einem Rütteln, einem dumpfen Knall und in einer übergroßen, kräftigen Farbwolke, die unheimlich schnell verpuffte.“
Da keiner mehr etwas sagte, fragte Edgar nach: „Was war dann?“
„Wir haben unsere Unterhosen gewechselt.“ Franz ließ sich wieder in den Schlafsack fallen und Andi übernahm das Wort:
„Papst Julius II. unterbrach die Messe. Ich weiß nicht, ob so etwas davor schon jemals geschehen war. Wir drei gönnten uns auf den Schreck ein Gläschen Schnaps und versuchten, das Erlebnis zu deuten.“
Helmut lehnte sich zurück und stützte seinen Oberkörper an den Ellbogen ab. „Wir wollten wissen, was hinter diesem Auftritt steckte, deshalb wünschten wir uns an denselben Ort, zu dem der mysteriöse Neuankömmling verschwunden war.“
„… und seid in der Bergregion gelandet“, endigte Edgar.
„Esatto“, kam es mit Rauch aus Franz Schlafsack.
„Wir erschienen auf einer Ebene, die am Horizont ringsum von Bergen umgeben war“, erzählte Helmut weiter, „Auch den Neuankömmling sahen wir, er marschierte geradewegs auf die Berge zu und war schon ziemlich weit von uns entfernt. Seine Gestalt verschwand fast in der vibrierenden heißen Luft. Ich rief ihm nach, er solle auf uns warten, doch er reagierte nicht.“
„Wir haben uns zu ihm hingewünscht, aber denkste“, ergänzte Andi, ehe Helmut fortfuhr:
„Es war für uns ein ganz schöner Schock, als das Wünschen plötzlich nicht mehr half. Wir versuchten es mit anderen Wünschen, und als die in Erfüllung gingen, wurde uns klar, dass die Einschränkung nur den Ortswechsel innerhalb der Bergregion betraf. Wir wünschten uns also aus der Region hinaus und dann wieder hinein, diesmal an die Seite des Fremden, doch wir gelangten wieder an denselben Ort, wie beim ersten Mal.“
„Also sind wir drei Affen dem Vogel nachgetigert“, erklärte Franz.
„Jahrelang“, ergänzte Andi.
„Schätzungsweise“, korrigierte Helmut.
„Und er war immer vor euch?“, fragte Edgar.
„Nein, schon als wir uns das zweite Mal in die Bergregion wünschten, war er zu weit entfernt, als dass wir ihn noch gesehen hätten.“ Helmut wischte sich mit der Hand über das Gesicht. „Wir marschierten deshalb in die Richtung, in die er gegangen war. Zuerst Tag und Nacht, aber als uns klar wurde, dass wir ihn nicht einholen konnten, kampierten wir in den Nächten, um etwas Abwechslung zu haben.“
„Wie – in der Bergregion gibt es Tag und Nacht?“
Helmut zuckte mit den Schultern. „Wir haben nicht versucht, es zu ändern, warum auch?“
„Was meint ihr, was dort ist, ich meine in den Bergen?“
„Gott wohnt dort“, kam es aus Franz Schlafsack.
„Wie kommst du darauf?“, fragte Andi.
„Logische Schlussfolgerung: Das hier ist der Himmel, also muss auch Gott hier sein. Da er nie auftaucht, will er von uns Fußvolk seine Ruhe haben. Seine Ruhe hat er nur, wenn er seine Villa fernab von uns baut. Fernab von uns bauen geht nur, wenn er Reisebeschränkungen einführt. Also wohnt Gott in den Bergen.“
„Und der unsympathische Hagere darf ihn besuchen?“, fragte Andi nach.
„Klar, der wollte ja genauso wenig mit uns zu tun haben.“
„Wer weiß, ob der Hagere je in den Bergen ankommt“, warf Helmut ein, „gut möglich, dass er noch immer marschiert.“
Edgar hätte interessiert, welchen Sinn die Bergregion mit ihren Besonderheiten hatte, doch offenbar wussten die Drei, selbst nach ihrem langen Aufenthalt dort, nichts darüber.
Sie lagen eine Zeit lang schweigend da, dann schaltete Franz sein Transistorradio ein, das er sich gewünscht hatte, um die Zeltatmosphäre heimeliger zu gestalten. Als er es zum ersten Mal aktiviert hatte, war Edgar erstaunt gewesen, Popmusik zu hören, die in seinen letzten Lebenswochen aktuell gewesen war. Er hatte Franz darauf angesprochen, woraufhin dieser erklärte, er sei kurz nach Edgar gestorben – ebenfalls bei einem Autounfall. So war es auch kein Wunder, dass die Musik aus Franz Radio immer wieder Wehmutsschübe in Edgar auslöste, immerhin erinnerte sie ihn an sein Zuhause und an den letzten Abschnitt seines irdischen Lebens. Jeder Versuch, nicht daran zu denken, scheiterte im Moment des Gedankens.
So auch diesmal. Aber es sollte noch schlimmer kommen, denn Franz hatte dem Radioprogramm erstmals Werbung beigefügt. In seinem irdischen Leben hatte Edgar reflexartig den Sender gewechselt, sobald der erste Spot eines Werbeblocks gespielt wurde, oder das Radio überhaupt ausgeschaltet. Doch als er jetzt, nach er-wusste-nicht-wie-vielen Jahren erstmals wieder einen Werbespot hörte, der ebenso wie die Musik in der Schlussphase seines Lebens aktuell gewesen war, umgriff ein so bitteres Heimwehgefühl sein Herz, dass heiße Tränen in seine Augen traten. Er drehte das Gesicht in den Polster, um sein Schluchzen vor den Kameraden zu verbergen.
Trotz der langen Zeit, die er nun schon im Himmel war und trotz allem, was er hier alles erlebt hatte, war Edgars Sehnsucht nie abgeflaut, hatte nichts von ihrem Schmerz verloren. Er schlüpfte zur Gänze in seinen Schlafsack, versteckte sich vor seiner selbst erschaffenen Welt. Hier, im heimelig Verborgenen, holte er das Foto seiner Familie hervor, das er zwar lange Zeit verdrängt, aber nie vergessen hatte. Heike, Matthias, Anni – er sah sie der Reihe nach an und spürte wieder seine heftige, seine unsterbliche Liebe zu den Dreien und seine schiere, zu einem taubstummen Himmel schreiende Empörung darüber, dass er nicht mehr mit ihnen zusammen sein durfte.

* * *

Edgar und Ebenezer robbten durch das Unterholz. Ihre Bewegungen waren langsam und fließend, ähnlich jenen eines Reptils, denn es ging darum, möglichst wenig Geräusche zu verursachen. Das Lager des feindlichen Stoßtrupps war gut getarnt, Edgar hatte es fast nicht gefunden, obwohl er genau wusste, wo er hatte suchen müssen. Ebenezer berührte ihn an der Schulter und bedeutete ihm, leise zu sein, dann zeigte er nach vorne. Es dauert einige Sekunden, bis Edgar sah, was er meinte: Direkt vor ihnen, keine fünf Meter entfernt, lag ein feindlicher Wachtposten in einer Alarmstellung. Sein Helm war mit Grasbüscheln getarnt, aber nicht dicht genug, um dessen runde Form vollends zu verstecken. Nur daran erkannte Edgar, dass dort jemand lag und er empfand Hochachtung vor Ebenezer, der diesen unscheinbaren, im Dickicht fast verschwindenden Hinweis entdeckt hatte.

Edgar hatte gemogelt. Nach seinem Sehnsuchtserlebnis war ihm ihr Kriegsspiel kindisch und hohl vorgekommen, er wollte es nicht mehr spielen. Andererseits wollte er aber die anderen auch nicht vor den Kopf stoßen, selbst wenn das, wie Ebenezer behauptet hatte, unter Seelen nicht so eng gesehen wurde. Er beschloss, die Sache entsprechend der Rahmenbedingungen zu beenden, die sie gemeinsam festgelegt hatten – und dazu musste er mogeln.
Als sich die anderen in den Schlaf gewünscht hatten, wünschte er sich aus dem Zelt und führte im Superman-Modus einen Erkundungsflug durch. Doch selbst aus der Vogelperspektive konnte Edgar das feindliche Lager erst ausmachen, als er sich direkt zu ihm hinwünschte. Einmal mehr stellte er fest, auf welch hohem Niveau seine Feinddarsteller operierten, was wieder seinen Verdacht bestätigte, dass es sich bei einigen von ihnen um Seelen handeln musste. Er freute sich schon darauf, sie kennenzulernen.
Der feindliche Stoßtrupp bestand aus vier Soldaten, von denen jeweils einer in einer Alarmstellung auf Wache lag und die restlichen in Zwei-Mann-Zelten schliefen. Edgar kundschaftete die Gelände-Gegebenheiten aus und prägte sich den Weg vom eigenen Lager zu jenem der Feinde ein.
Dann flog er zurück, landete vor seinem Zelt, trat ein und setzte seine Kameraden ins Bild, wobei er vorgab, seine Erkundung zu Fuß durchgeführt zu haben. Freilich protestierten sie gegen Edgars Alleingang, vor allem Ebenezer fand diesen aus militärischer Sicht unentschuldbar. Doch die Aufregung war nur von kurzer Dauer gewesen, danach hatten sie ihre Angriffstaktik festgelegt und waren losmarschiert.

Während Edgar nun regungslos liegenblieb, robbte Ebenezer so leise es ihm möglich war davon, um die Alarmstellung zu umgehen. Das würde eine Weile dauern und Edgar musste erkennen, dass auch hier im Himmel die Zeit umso langsamer zu vergehen schien, je dringender er auf etwas wartete.
Doch das mit Ebenezer vereinbarte Zeichen kam nicht.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 29: Im Krieg

Kapitel 29: Im Krieg

Gemeinsam mit neuen Bekannten beginnt Edgar ein Kriegsspiel. Was ihn ablenken soll, wird schnell zu einer Mühsal und er bereut, sich gewünscht zu haben, das Szenario müsse bis zu seinem Ende durchgespielt werden.

Erstaunt über den abrupten Themenwechsel setzte Ebenezer das Ale-Glas ab, seine Oberlippe glänzte nass. „Was denn? Jemanden verkloppen?“
„So was in der Art. Hast du eine Idee?“
Ebenezer beendete den unterbrochenen Schluck und blickte versonnen geradeaus. „Ich war schon lange in keinem Krieg mehr. Das fehlt mir.“
Edgar riss die Augen auf. „Du meinst, es gibt tatsächlich ein Schlachtfeld? Hier im Himmel?“
„Was heißt da eines? Endlos viele! In welcher Epoche willst du kämpfen? In der Antike mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Streitwagen? Im Mittelalter mit Lanzen, Keulen und Armbrüsten? In der frühen Neuzeit mit primitiven Feuerwaffen? Im Zwanzigsten Jahrhundert mit Panzern, Flugzeugen und Sturmgewehren? Oder thematisch gefragt: Wilder Westen? Weltraum? Große Schlacht aus dem Film ‚Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs‘? Such dir was aus.“

* * *

Ebenezer stellte Edgar Andi, Franz und Helmut vor, drei Seelen, die er von früher her kannte und von denen er annahm, ihnen würde ein Kampfeinsatz gefallen. Tatsächlich waren die Drei sofort Feuer und Flamme, sie hatten soeben eine mehrjährige Wanderung durch die Bergregion abgebrochen und sehnten sich nach Abwechslung und „Action“, wie sie sagten. Edgar fragte sie, was sie dort erlebt hätten, aber auch Andi, Franz und Helmut erzählten ihm dieselbe Geschichte, die er bisher noch von jedem gehörte hatte, der dort gewesen war: Während des gesamten, endlosen Marsches hätten sie nie das Gefühl gehabt, auch nur einen Schritt voranzukommen und die Berge seien wie am Horizont festgeschraubt gewesen, bis sie ihre Wanderung als sinnlos empfunden und aufgegeben hätten.
Da es sowohl ihnen als auch Ebenezer egal war, in welchem Krieg sie und unter welchen Umständen und mit welcher Ausrüstung kämpfen würden, wählte Edgar ein mitteleuropäisches Gelände und die Bewaffnung einer Armee eines modernen Industriestaats zu seinen Lebzeiten.

Als es losging, fanden sich die Fünf in einem hügeligen Waldgebiet wieder, das sich über eine nicht überschaubare Distanz hinzog. Sie bildeten eine Infanteriegruppe, waren olivgrün adjustiert, trugen aber weder Rang- noch Hoheitsabzeichen.
Und sie hatten auf Anhieb Feindkontakt: Es schien Edgar, als sollten sie ihre Gegenspieler möglichst rasch kennenlernen. Die feindlichen Soldaten trugen in dunkelroten Tönen gemusterte Uniformen, wodurch sie gut von den Eigenen unterscheidbar, im herbstlichen Mischwald aber dennoch gut getarnt waren. Nach einem langen Schusswechsel, bei dem der Wald und die Geländeerhebungen beiden Seiten so gut Deckung gaben, dass es offenbar zu keinen Treffern kam, trat der Feind den Rückzug an.
Wie sich bald herausstellte, war das Kriegsspiel sehr simpel angelegt. Edgar und seine Kampfgruppe verfolgten einen feindlichen Stoßtrupp durch den Wald, wobei es immer wieder zu Zusammenstößen kam. Die Fünf wussten weder zu welcher Armee sie selbst gehörten, noch wer ihr Feind war, noch wozu ihr Auftrag in einem größeren taktischen Zusammenhang diente. Sie wussten nur, dass sie die dunkelrot Uniformierten stellen und vernichten mussten.
Edgar hatte sich Waffen gewünscht, die er aus seinem Grundwehrdienst kannte, weil er damit umzugehen wusste. Aber schon im zweiten Feuerwechsel wünschten sich seine Soldaten jeweils die Waffen, die sie gerade brauchten. Dass es den feindlichen Infanteristen dennoch gelang, sich ihnen immer wieder zu entziehen, legte den Schluss nahe, dass sie, oder zumindest einige unter ihnen, Seelen waren, denn als Seelen waren sie unverwundbar.
Das traf freilich auch auf Edgar, Ebenezer, Andi, Franz und Helmut zu. Wurden sie von einer feindlichen Kugel getroffen, so pfiff diese durch sie hindurch, als wären sie Geister. Getroffen, verwundet und getötet wurden nur die drei Figuren, die sie jeden Tag erschufen, damit sie stets in voller Gruppenstärke – acht Mann – operieren konnten. In der Tradition militärischer Abkürzungen nannten sie diese Figuren „KüKa“, als Abkürzung für „künstliche Kameraden“. Da der Feind tagsüber in unauffindbar gut versteckten Lagern schlief und nur nachts marschierte, erschufen Edgar und seine Leute ihre KüKa jeweils abends, damit diese das Gepäck tragen und mit ihnen kämpfen konnten. Wenn sie bis Tagesanbruch nicht gefallen waren, ließ Edgar oder einer seiner Kameraden sie verschwinden, sobald sie das Zelt aufgebaut hatten. Edgar konnte nicht sagen, warum, jedoch waren er und die vier anderen Seelen lieber unter sich.
Nach einigen Tagen fragte er sich, ob er dieses Vorgehen nicht als herzlos empfand, immerhin waren diese Figuren ja seine Kampfgefährten. Doch das war nicht der Fall. Die KüKa waren für ihn nicht mehr als praktische Werkzeuge und so wurden sie auch von allen behandelt. Und das war gut so, denn es verhinderte, dass emotionale Bindungen entstanden, die problematisch geworden wären, wenn ein KüKa schwer verwundet wurde oder fiel. Schließlich ging es hier nicht um eine authentische Kriegssimulation, denn eine solche wäre vor allem vom Leid getragen gewesen, hier ging es um einen harmlosen oberflächlichen Spaß, selbst wenn dieser in seiner Ausführung roh und grausam wirkte. Es war wie ein erweitertes Computerspiel, ein realer Ego-Shooter, der es seinen Spielern ermöglichte nach Kräften auszuteilen, ohne einstecken zu müssen.

Edgar war fasziniert davon, wie schlagartig und radikal sich die Art änderte, wie er und die anderen Seelen miteinander umgingen, kaum dass sie sich in dieser Kriegssimulation befanden. Es war gerade so, als ginge es hier tatsächlich um Leben und Tod und als sichere rüpelhaftes Benehmen und rauer Ton vor Schwäche und Gefühlsduselei, welche den Auftrag und das Leben der Männer gefährden konnten. Gleichzeitig entstand aber auch schnell eine tiefe und bedingungslose Kameradschaft zwischen ihnen.
Dieses Verhalten mochte echt sein, jedoch, und dessen war sich Edgar bewusst, nur für den Moment, da es auf den Umständen der Simulation fußte. Mit anderen Worten: Kameradschaftliches Verhalten gehörte nun einmal zu der kleinen Welt, die Edgar hier erschaffen hatte.
Er begann zu verstehen, was Ebenezer mit den „Zweckgemeinschaften“ gemeint hatte, die Seelen miteinander bildeten, wenn sie gemeinsamen Wunscherfüllungen nachgingen.

Etwa zwei Wochen lang verfolgten die Fünf nachtsüber den feindlichen Stoßtrupp, während sie ihn tagsüber vergeblich suchten. Keine Nacht verging, in der sie die fremden Soldaten nicht stellten und in ein Feuergefecht verwickelten, doch beide Seiten waren gleich schwer bewaffnet, wodurch die Schusswechsel immer unentschieden ausgingen und der Feind erneut fliehen konnte.
Als es wieder einmal so weit war, dämmerte gerade der Morgen am Horizont und Edgar und seine Männer beschlossen, in ihr Lager zurückzukehren und sich schlafen zu legen. Edgar marschierte voran. Er hielt sein Sturmgewehr feuerbereit mit der Mündung zu Boden gerichtet. Sobald seine hin- und herschweifenden Blicke den Feind ausmachten, brauchte er es nur zu heben und konnte schießen. Auch Ebenezer, der hinter ihm ging, war höchst konzentriert. Der Lauf seines Sturmgewehres folgte dem stechenden Blick, mit dem er die Umgebung sondierte. Seine Schweißtropfen passten sich der Tarnbemalung seines Gesichts an. Andi trug das Maschinengewehr der Gruppe auf den Schultern, er drückte es mit den Handgelenken gegen sein Genick. In Verbindung mit seinem herabhängenden Kopf sah er aus wie ein marschierender Gekreuzigter. Franz, der hinter ihm herschlurfte, war mit den Gurtkästen und dem Reservelauf für das Maschinengewehr behängt. Wie immer bot er einen schlampigen Gesamteindruck, sein Hemd hing ihm aus der Hose, unter dem Kragen standen drei Knöpfe offen, ein Hosenbein hatte sich aus dem Stiefel gelöst und in seinem Mundwinkel hing eine vor sich hinglosende Zigarette. Den Schluss bildete Helmut, der sein Sturmgewehr geschultert hatte und es am Lauf festhielt. Sein Blick war auf den Boden geheftet, womit er seiner eigentlichen Aufgabe, nämlich das Gelände hinter der Gruppe zu sichern, nicht nachkam.
Als ihr getarntes Acht-Mann-Zelt in Sichtweite kam, hörte Edgar hinter sich Laute der Erleichterung. Sie alle waren es nicht mehr gewöhnt, dass sich ihnen ein gewünschtes Ziel entzog und Edgar hatte vergessen, wie mühsam es war, wenn der Erfolg ausblieb und wie sehr ihm das auf die Nerven ging. Während sie in das Zelt traten, zogen sie ihre Stiefel aus. Das ging so vor sich, dass die Stiefel von einem Moment zum nächsten an ihren Füßen fehlten und stattdessen frisch poliert an den Fußenden ihrer Schlafsäcke standen. Auch das Ausziehen der Uniformen wurde auf diese Weise erledigt, diese fanden sich frisch gewaschen, gebügelt und zusammengelegt neben den Stiefeln wieder. Mit einem tiefen Seufzen ließ Edgar sich auf seinen Schlafsack fallen. Dieser lag auf einer kleinen Wolke, die wenige Zentimeter über dem Boden schwebte.
Als er diese Wolke zum ersten Mal erschaffen hatte und in Superman-Manier in ihr schwebte, bekam Ebenezer einen Lachanfall. Es dauerte mehrere Minuten, bis er wieder normal atmen und sprechen konnte, dann wollte er wissen, was das solle. Edgar erklärte verwundert, dass man so auf einer Wolke liegen könne, selbst wenn es nur so aussähe. Ebenezer fragte, wieso er sich nicht gleich eine tragfähige Wolke wünsche und da kam Edgar sich richtig dumm vor. Er folgte Ebenezers Rat und stellte fest, dass ein Wolkenbett buchstäblich das Weichste war, was er sich vorstellen konnte.
Die fünf Krieger hatten sich darauf geeinigt, den Tag-Nacht-Rhythmus beizubehalten, um die Spannung des gesamten Erlebnisses zu erhalten. Entweder wünschten sie sich tatsächlich schlafend oder sie plauderten miteinander, würfelten oder diskutierten ihre taktische Lage sowie ihr Vorgehen in der kommenden Nacht.
Als Edgar nun bäuchlings auf seinem Schlafsack lag, wollte er nichts so sehr, wie eine Pause vom Krieg. Doch er war mit den anderen übereingekommen, dass niemand das Szenario verändern oder verlassen würde, bis ihr Auftrag ausgeführt war. Vielleicht, so dachte er, half ja ein wenig Ablenkung. „Erzählt mir von der Bergregion“, murmelte er in den Schlafsack hinein.
„Was willst du denn wissen?“ Auch Helmuts Stimme war nur ein Murmeln.
„Warum wart ihr dort?“
„Weil uns langweilig war, deshalb“, antwortete nun Franz. „Wir haben geglaubt, wir hätten schon alles vom Himmel gesehen. Außerdem ist uns kurz vorher eine Bergseele begegnet.“
Edgar saß mit einem Mal kerzengerade auf seiner Wolke. „Echt?“
„Ja. Der Typ war irre.“ Andi klang, als würde er zum Sprechen gezwungen.
„Wie seid ihr auf ihn gestoßen?“
„Gar nicht, er kam in den Himmel – und schon war er wieder weg.“ Nun setzte sich auch Helmut auf. „Es war so: Wir waren gerade auf einem Sightseeingtrip im katholischen Himmel und feierten die Auferstehungsmesse im Jesus-Christus-Dom mit, als plötzlich eine neue Seele ankam. Versteh mich richtig, normalerweise ist es nichts Besonderes, wenn ein Mensch im Diesseits stirbt und seine Seele hier auftaucht; du kennst das ja. Es sieht nicht anders aus, als hätte sich eine Seele an den Ort gewünscht, an dem sie gerade auftaucht. Mit dem Unterschied vielleicht, dass die Neuankömmlinge meistens verwirrt sind oder nicht glauben, was da mit ihnen passiert. Aber in diesem Fall war es anders. Während Papst Julius II. von der Kanzel herunter die Herrschaft der katholischen Kirche über den Himmel predigte, ging plötzlich ein Rütteln durch den gesamten Dom, wie bei einem Erdbeben. Die Seelen kreischten auf, wir nahmen ja alle an, es gäbe wieder einmal eine große Bestrafung, doch die Erschütterungen hörten schnell wieder auf. Stattdessen gab es einen dumpfen Knall vom Altar her, der im gesamten Dom widerhallte und plötzlich erschien dort diese Seele.“

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