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Kapitel 20: Die Lehre vom Himmel

Kapitel 20: Die Lehre vom Himmel

In dem riesigen Hörsaal findet Edgar Wissenschaftler aus allen Epochen vor. Beginnt hier seine Suche nach der „Lehre vom Himmel“?

Edgar ging davon aus, dass die große Anzahl an Hörern daher rührte, dass die Seelen aus unterschiedlichen Epochen stammten, also zum Teil viele hundert Seelenjahre alt waren. Folglich musste es in dem Vortrag hier um ein sehr altes, sehr grundlegendes Wissensgebiet gehen, das mehreren kulturellen Disziplinen ein Fundament geben konnte. Edgar konzentrierte sich auf den Vortragenden und stellte überrascht fest, dass dieser über die verkaufsbeeinflussenden Wirkungen des Zusammenspiels von Form und Funktion von IT-Produkten auf den Massenmarkt des beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts referierte.
Edgar wandte sich an die Seele, die neben ihm saß und das Aussehen eines Mannes in vorgerücktem Alter hatte. „Entschuldigen Sie, ich bin neu hier, können Sie mir sagen, wie es sein kann, dass sich so viele Seelen einem so modernen Thema zuwenden?“
Der Angesprochene mustert ihn mit großen Augen. „Sie müssen zufällig hier hereingeraten sein.“
„Das stimmt, aber wie kommen Sie darauf?“
„Weil wahrscheinlich alle anderen Hörer nur wegen des Vortragenden hier sind.“
„Ich nehme an, ich müsste ihn kennen?“
„Ja – und wenn Sie im einundzwanzigsten Jahrhundert gestorben sind, auf jeden Fall. Es ist Steve Jobs, Gründer und Mastermind des IT-Unternehmens Apple. Seit er hier ist, spricht er quasi ununterbrochen vor einem Megapublikum.“
„Aber wie ist das möglich? Ich meine, so viele wissenschaftlich interessierte Menschen werden ja seit Jobs’ Tod nicht gestorben sein, oder doch?“
„Das nicht, aber die Wissenschaftler vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte sind mindestens ebenso interessiert an Neuerungen, wie die der jüngsten Vergangenheit. Wissenschaftliche Neugier endet nie, wissen Sie? Vor allem, wenn man immer am Ball geblieben ist. Andererseits spricht es sich auch in allen der Gegenwart zugewandten Bereichen wie ein Lauffeuer herum, wenn ein Prominenter stirbt. Viele kommen nicht wegen des Inhalts des Vortags, sondern um Jobs live zu erleben.“
„Was meinen sie mit ‚der Gegenwart zugewandten Bereichen‘?“
Der Mann musterte Edgar einmal mehr mit großen Augen. „Sie sind noch nicht lange tot, stimmt’s?“
„Doch, doch, aber ich … offenbar habe ich mich zu wenig um diese Dinge gekümmert.“
„Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass viele Bereiche des Himmels Themen abdecken, die Sie aus Ihrem Alltagsleben kennen und die hier so gehandhabt werden, wie Sie es auch in Ihrem Leben auf der Erde taten.“
„Ja, ist mir aufgefallen.“
„Das liegt daran, dass die meisten Seelen, wenn sie neu hier ankommen, den Lebensstil beibehalten, den sie gewohnt sind. Im Laufe der Zeit, wenn mehr und mehr neue Seelen hinzukommen, verändert sich diese Lebensweise so weit, dass die älteren Seelen nichts mehr damit anzufangen wissen. Ein Generationenproblem, wenn Sie so wollen. Die älteren Seelen wenden sich dann anderen Interessen zu oder gründen eigene Himmelsbereiche, in denen sie ihren gewohnten Lebensstil weiterleben wie bisher, womit sie im Laufe der Zeit immer weiter ins Abseits rutschen. Diese Bereiche betritt eine außenstehende Seele nur, wenn sie gezielt einen alten Verwandten oder Bekannten sucht, der darin lebt. Diejenigen, die auf den Zug der Zeit aufspringen und sozusagen jung mit den Jungen bleiben, bilden nur eine verschwindende Minderheit.“
Edgar war begeistert! Er hatte also die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Beispiel seiner Großeltern gezogen. Die Vorstellung, dass der gesamte Himmel voller quasi abgeschlossener Blasen war, in denen jeweils ein Klüngel Seelen in einer Weise lebte, die sonst niemand wollte, faszinierte ihn. Kurz malte er sich aus, wie viele Generationen schon vor ihm im Himmel eingetroffen sein mochten, wie viele unterschiedliche Interessensbereiche es wohl geben mochte und wie viele kleine, regional abgeschlossene Gemeinschaften. Die Anzahl dieser Blasen musste schier unendlich groß sein!
In seiner Begeisterung überfiel er seinen Sitznachbarn geradezu mit Fragen. „Was ist das hier überhaupt? Bin ich hier in einer Universität? Wie ist das hier geordnet, ich meine, der Olymp der Wissenschaft?“
Sein Gesprächspartner lächelte. „Der Tempel auf dem Gipfel des Olymps der Wissenschaft ist das Portal zu den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, die durch die Säulen symbolisiert sind. Hier befinden Sie sich bei den Wirtschaftswissenschaften.“
„Und woher weiß ich, in welcher Säule welche Wissenschaft steckt?“
„Seien Sie doch nicht so weltlich! Sie wünschen sich einfach zu der wissenschaftlichen Disziplin Ihrer Wahl und gehen auf eine beliebige Säule zu.“
Edgar musste unwillkürlich lachen, denn wenn das so war, brauchte es ja gar kein Portal wie diesen Olymp der Wissenschaft, um hierher zu gelangen. Dass es ihn hierher verschlagen hatte, mochte daran liegen, dass er sich vorhin gefragt hatte, wo die Spuren der Gegenwart seien.
„Gibt es hier eine Wissenschaft, die sich um die Erforschung des Himmels kümmert?“
Edgars Gesprächspartner sah ihn schon wieder mit großen Augen an, diesmal jedoch in einer Weise, als sei ihm diese Frage noch nie in den Sinn gekommen. Dann schüttelt er langsam den Kopf. „Ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen.“
„Woran liegt das?“
„Ich nehme an, an den schier unendlichen Möglichkeiten, die der Himmel uns Wissenschaftlern bietet. Wir können hier in einem Zustand ohne Limit arbeiten, ohne finanzielle Forschungsmittel auftreiben zu müssen und mit Methoden, die zum Teil körperlich gar nicht möglich wären. Das hätten wir uns in den Verhältnissen, in denen wir vor unserem Tod waren, nicht einmal zu träumen gewagt. Im Mikro-, wie im Makrobereich können wir hier Materialien auch außerhalb der physikalischen Grenzen manipulieren, denen wir im Diesseits unterworfen waren. Das gibt uns einen völlig neuen Zugang zur Forschung in unseren Spezialdisziplinen. Da hat keiner mehr Kapazitäten frei, um zu sagen: Jetzt erforschen wir den Himmel.“
„Aber interessiert niemanden, woher das alles kommt? Wie es funktioniert?“
„Aber natürlich tut es das. Das Problem ist nur, dass es eben keine eigene Wissenschaft gibt, die sich um die Erforschung des Himmels kümmert. Folglich existiert auch kein Feld, auf dem sich ein fähiger Wissenschaftler profilieren könnte.“
„Aber wäre es kein lohnendes Ziel, eine solche Wissenschaft aufzubauen und sich damit zu profilieren?“
Der große Blick von Edgars Sitznachbarn wurde diesmal von Gelächter begleitet. „Selbstverständlich wäre es das! Nur leider beißt sich hier die Katze in den eigenen Schwanz: Wenn ein ehrgeiziger Wissenschaftler in den Himmel kommt, lernt er die verfügbaren Möglichkeiten kennen und beginnt quasi automatisch damit, seine auf der Erde begonnene Forschung fortzusetzen; es ist einfach zu verlockend. Und – schwupps! – schon ist er mitten in der Sache drin, hangelt sich von einer Erkenntnis zur nächsten, publiziert seine Forschungsergebnisse, führt fachliche Polemiken und kommt überhaupt nicht mehr auf die Idee, etwas anderes anzugreifen.“
„Ich kann nicht glauben, dass es nie den Versuch gegeben hat, eine solche Disziplin zu gründen.“ Edgar schüttelte verständnislos den Kopf.
„Ich bin mir sicher, das hat es. Aber offenbar wurde dieser Versuch nicht von ausreichendem Erfolg gekrönt, um fortgeführt zu werden.“
„Wo, glauben Sie, könnte ich Seelen finden, die das versucht haben?“
Der Mann dachte nach. „Ich würde sagen, am ehesten kämen für so etwas die Religionswissenschaftler in Frage. Oder die Philosophen. Eventuell auch die Thanatologen. Wobei … nein, ich an Ihrer Stelle würde bei den Naturwissenschaftlern beginnen.“

* * *

Edgar konnte es einfach nicht fassen. Er hatte in seinem irdischen Leben so viel über diesen Mann gehört, und auch wenn er nie einen wirklich tiefen Einblick in dessen wissenschaftliche Arbeit gewonnen hatte, so war von ihm doch immer wieder in Fernsehdokumentationen als vom „Vater der modernen Wissenschaft“ gesprochen worden. Er war es, der als Erster die Schöpfungslehre der Kirche wissenschaftlich widerlegt hatte. Und jetzt saß er, Edgar, in einem voluminösen Ledersessel vor dem Büro dieser historischen Persönlichkeit und warte auf eine Audienz.
Von der Einrichtung der Arbeitsräume her zu schließen, hatte es der alte Mann gern rustikal – vielleicht war er aber nur dem Stil seiner Zeit verhaftet geblieben. Das hätte auch erklärt, warum er einen Kammerdiener hatte, der sich Edgar nun in einer Uniform näherte, in der er wie eine aufrecht gehende Schildkröte im Panzer wirkte.
„Sie dürfen nun eintreten“, sagte dieser in einer Weise, als würde Edgar dadurch eine besondere Gnade zuteil. Und als wollte er diesen Eindruck noch verstärken, trat der Diener an eine alte, polierte Holztür und öffnete sie für Edgar. An der Tür prangte ein ebenfalls auf Hochglanz poliertes Messingschild mit der verschnörkelten Aufschrift „Charles Robert Darwin“.
Die schwere Messingklinke klackte laut, das Holz und die Angeln knarrten. Es war, als führte der Schritt durch die Tür Edgar in eine versunkene, fremde Welt: Der Boden von Darwins Arbeitszimmers war mit Dielenbrettern ausgelegt, die sich im Laufe offenbar sehr langer Zeit verzogen hatten, so dass sich zwischen ihnen ungleichmäßig breite Spalten gebildet hatten. Da die Bretter sauber poliert waren, wirkte diese Unregelmäßigkeit nicht unordentlich, sondern heimelig. Alle Wände waren bis zur Decke mit massiven Schränken und Regalen aus rötlichem Holz verbaut, deren Fächer großteils dicke Folianten trugen. Auch die Decke war mit Holz verkleidet, sie zeigte ein einfaches Kassettenmuster, und so wie der Boden, waren alle Holzflächen in diesem Bureau auf Hochglanz poliert. Die Strahlen der Sonne, die durch die Glasfelder eines riesigen Bogenfensters gegenüber der Eingangstür hereinfielen, spiegelten sich golden an vielen dieser Flächen. Auch an einem Globus von etwa anderthalb Metern Durchmesser, der neben einem wuchtigen, direkt vor dem Fenster platzierten Schreibtisch stand, welcher auf verschnörkelten Beinen ruhte. Hinter dem Schreibtisch und durch das Gegenlicht für Edgar nur als Silhouette erkennbar, thronte, regungslos, wie ein Monument der Naturwissenschaft, Charles Darwin.
Das Gegenlicht war so intensiv, dass Edgar Darwins Gesicht erst erkennen konnte, als er direkt am Tisch stand. Der große Forscher sah genauso aus, wie er ihn von Fotos aus dessen Altersjahren in Erinnerung hatte: Ein weißer Haarkranz umrahmte seine Glatze und ging in einen mächtigen Rauschebart über. Unter der faltigen Stirn erhoben sich die charakteristisch ausgeprägten Augenwülste, an denen buschige Brauen wuchsen. Als Edgar in die winzigen stechenden Augen sah, die aus den darunterliegenden tiefen und dunklen Höhlen hervorstarrten, erschrak er. Der Blick dieser Augen hatte etwas einschüchternd Primitives, es war, als seien es die eines Gorillas und nicht die eines der bedeutendsten Wissenschaftlers der Menschheit.
Zögernd streckte Edgar die Hand zum Gruß aus. Darwins Augen zuckten kurz zu der Hand, suchten dann aber wieder Edgars Blick. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er überhaupt in Bewegung kam und dann noch eine Ewigkeit, bis er seine Hand hob und die von Edgar ergriff. Die Bewegungen des alten Mannes wirkten so umständlich, dass Edgar glaubte, das damit einhergehende Knarren käme von dessen Gelenken und nicht vom voluminösen, lederbezogenen Polstersessel, in dem er sich nach vorne beugte. Darwins Hand fühlte sich schlaff an.
„Schmied, angenehm.“ Seine eigenen Worte kamen Edgar banal vor, fast schon dumm.
Charles Darwin sagt nichts, er deutete nur auf den Boden hinter Edgar, als böte er ihm einen Sitzplatz an. Tatsächlich stand da plötzlich ein kleiner, einfacher Holzstuhl, der ebenfalls knarrte, als Edgar sich auf ihm niederließ. Das fortwährende Schweigen des Wissenschaftlers verunsicherte ihn, es verhinderte eine Einschätzung dessen Charakters.

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Kapitel 19: Auf dem Olymp der Wissenschaft

Kapitel 19: Auf dem Olymp der Wissenschaft

Auf seiner Suche nach Erkenntnis begibt Edgar sich in den Wissenschaftsbereich des Himmels. Er braucht jedoch einige Zeit, um sich an die etwas speziellen Umstände hier zu gewöhnen.

Doch das war natürlich Unsinn, befand Edgar, denn wer immer das alles erschaffen hatte, die Erde, den Himmel, den Menschen, der hatte ganz sicher keine Angst davor, dass der menschliche Forscherdrang seine Schöpfung entzaubern könnte. Andrea hatte also Recht, wenn sie behauptete, den Seelen – und das galt wohl für alle Kreaturen – sei alles erlaubt, zu dem sie fähig seien. Wer immer Gott auch sein mochte, er würde seinen Geschöpfen nicht die Anwendung von Fähigkeiten verbieten, durch die er sie definiert hatte. Folglich musste es erlaubt sein, Fragen über die Beschaffenheit des Himmels zu stellen und Antworten darauf zu suchen.

Entschlossen stand Edgar auf und begann den Abstieg. Er wusste, an wen er sich zu wenden hatte, nämlich an die Seelen jener Menschen, die schon ihr irdisches Dasein dem Zweck gewidmet hatten, Fragen über die Natur des Lebens analytisch zu beantworten. Er wäre jede Wette eingegangen, dass es einen Bereich im Himmel gab, in dem sich die verstorbenen Wissenschaftler zusammenfanden. Vermutlich forschten einige von ihnen schon längst am Leben nach dem Tod und möglicherweise waren sie der Wahrheit ja schon näher, als Edgar dachte.

* * *

Am Fuß seines Berges angekommen, wünschte sich Edgar ins „Zentrum der Wissenschaft“. Als der Wunsch in Erfüllung ging und die Nebel sich klärten, stand er noch immer am Fuß eines Berges. Es dauerte einen Moment bis ihm klar wurde, dass es sich um einen anderen, einen ausgesprochen ungewöhnlichen Berg handelte. Es hatte den Anschein, als wäre er ein künstliches Konstrukt aus weiß getünchten Betonkugeln unterschiedlicher Größe. Zwischen den miteinander zu starren Wolken verschmolzenen Kugeln führte ein gewundener Weg nach oben, eigentlich eine Treppe, deren Stufen zwar alle gleich hoch, je nach Steilheitsgrad des jeweiligen Abschnitts aber unterschiedlich tief waren. Der Berg insgesamt hatte die Form einer spitzen, sehr steilen Pyramide. Auf ihrem Gipfel, der von weißen Wolken umzogen war, erkannte Edgar die ebenfalls weißen Säulen eines antiken Tempels, auf denen ein riesiges, verziertes Steindreieck thronte.
Sowohl auf der Treppe als auch am Fuß des Berges wandelten Gestalten, die auf Edgar wirkten, als seien sie einem Historienfilm entsprungen. Es waren alte Männer mit langen Bärten und kurzen Haarkränzen. Sie waren in Togen gehüllt, trugen Sandalen und hielten Schriftrollen und Holzkästen unter dem Arm. Ihre Kleidung und ihre Haare waren ebenso weiß, wie der Berg. Teilweise standen die Männer zu zweit oder in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich leise, wobei ihre Gesten und Mimiken Edgar den Eindruck vermittelten, es ginge um wichtige, weltbewegende Dinge. Andere alte Männer saßen auf den Kugeln, aus denen der Berg gemacht war, lasen in den Schriftrollen, beschrieben sie oder waren in den Inhalt ihrer Holzkästen vertieft, die geöffnet auf ihren Knien lagen. Einer von ihnen saß in Edgars Nähe, so dass dieser sehen konnte, was der Kasten enthielt: eine weiße Schreibfeder, ein Tintenfässchen aus gebranntem Ton, ein trapezförmiges Holzblatt und einen kleinen spitzen Stab, der wie ein Bleistift aussah, nur ohne Miene. Der untere Innenteil des aufgeklappten Kastens war mit Wachs gefüllt, hierauf schrieb der Mann mit dem Stab; er ritzte Schriftzeichen in das Wachs. Kaum war die Wachstafel vollgeschrieben, nahm der Alte das Holzblatt und zog es wie eine Spachtel über das Wachs, wodurch er das Geschriebene löschte und die Oberfläche für eine neue Beschriftung glättete.
Edgar ging zu dem Portal, das den Beginn der Stiege markierte. Es bestand aus zwei kunstvoll verzierten Säulen, auf denen ein steinernes, mit griechischen Schriftzeichen behauenes Dreieck ruhte. Er wandte sich an einen der Männer in unmittelbarer Nähe: „Verzeihung, können Sie mir sagen, was die Schriftzeichen da oben bedeuten?“
Der alte Mann sah etwas verloren von seiner Schriftrolle auf, begann aber gleich zu lächeln. „Aber ja.“ Seine Stimme klang tief und sonor. „Da steht ‚Willkommen auf dem Olymp der Wissenschaft‘.“
„Olymp der Wissenschaft? Was ist das?“
„Nun, es ist das Zentrum der Wissenschaft der gesamten Menschheit.“
„Okay – aber warum ‚Olymp‘?“
Der Alte setzte einen versonnenen Blick auf. „Das antike Griechenland gilt als Wiege der westlichen Zivilisation. Es war eine Epoche, in der Vieles, was die menschliche Zivilisation ausmacht, zu einer Hochblüte gelangte. Die schönen Künste, zum Beispiel, mit dem antiken Drama. Und auch die Wissenschaft und die Philosophie. Der Berg Olymp galt als die Heimat der griechischen Götter, tja, und irgendwann setzte man die Kultur mit der Religion gleich.“
„Der Olymp als Heimat der Götter der Wissenschaft?“
Der Alte legte in einer entschuldigenden Geste den Kopf schräg und erwiderte: „Wir Wissenschaftler sind mitunter eitle Seelen.“
Edgar bedankte sich und begann, die Treppen hinaufzusteigen.
Die Seelen, die ihm begegneten, bewegten sich sehr bedächtig. Sie schritten langsam von Stufe zu Stufe mit teils gesenktem, teils gehobenem Blick, aber alle mit einem feinsinnigen Lächeln auf den Lippen und einem in kontemplatives Nachsinnen versunkenen Ausdruck auf dem Gesicht. In den Kehren der Treppe rasteten sie vereinzelt auf den Kugeln des Berges und hatten dabei Körperhaltungen eingenommen, mit denen sie wie Figuren aus einem alten Gemälde wirkten, welches antike Denker zeigt.
Edgar saugte diese Atmosphäre der gedankenvollen Einkehr in sich auf, während er den Olymp der Wissenschaft erklomm. Der Weg nach oben kam ihm wie eine Ewigkeit vor, doch er hatte die Ahnung, dass dieser Aufstieg ein Symbol des Erkenntnisweges sein sollte, den jeder Wissenschaftler zu gehen hatte. Darum wünschte sich Edgar auch nicht direkt auf den Gipfel, sondern nahm die Treppe in Kauf. Mehr noch, er versuchte, sein Tempo dem der alten Männer anzugleichen. Das wollte ihm aber nicht recht gelingen, denn er war viel zu neugierig auf das, was ihn da oben erwartete und auf die Antworten auf die Fragen, wegen denen er gekommen war.

Am Gipfel erwartete Edgar eine Überraschung. Während die Treppe unter ihm nahezu in Wolken verschwand, breitete sich vor ihm, direkt hinter dem Säulentempel, ein Meer aus, an dessen Horizont gerade die Sonne unterging. Die Stimmung erinnerte ihn vage an einen der Griechenlandurlaube, die er zu seinen Lebzeiten mit Heike unternommen hatte, doch in Verbindung mit der wiederbelebten Antike hier, war der Eindruck anders, ruhiger, vergeistigter.
Edgar überblickte das Plateau, auf dem er stand. Es hatte etwa die Größe eines Fußballfeldes und der Tempel nahm die gesamte Fläche ein. Sollte das etwa das Zentrum der Wissenschaft sein, ein paar überdachte Säulen mit darin umherwandelnden alten Männern? Und warum dieses antike Äußere? Hatten sich die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen nicht erst in der Neuzeit so richtig entfaltet? Wo waren die Spuren der Gegenwart?
Edgar bemerkte schnell, dass ihm etwas entgangen war. Als er nämlich zu der nächstgelegenen Säule blickte, erkannte er, dass sich der Raum dort merkwürdig zu vertiefen schien. Es machte den Eindruck, als würden Männer, die auf die Säule zugingen, immer kleiner wurden. Dasselbe Phänomen trat auch an den anderen Säulen auf. Kurzentschlossen ging er auf die nächstgelegene Säule zu und tatsächlich wurde der Weg vor ihm umso länger, je weiter er ging. Die Säule wurde zunächst immer größer, dann immer transparenter und schließlich erschien an ihrer Stelle ein geräumiger Gang, dessen Innenarchitektur Edgar stilistisch in die neunzehnhundertsiebziger Jahre einordnete. Auch die Männer, die in dieselbe Richtung gingen wie er, veränderten ihr Aussehen, während sie sich fortbewegten. Nach ihrer Metamorphose trugen sie anstelle ihrer Togen und Bärte legere Anzüge oder bequeme Straßenkleidung, waren frisch rasiert oder hatten kurze, gepflegte Bärte. Die meisten von ihnen schienen nun um Jahrzehnte jünger zu sein und hatten volles Haar, das sie vorwiegend kurz geschnitten und gescheitelt trugen. Sie sahen nun aus wie die wissenschaftlichen Mitarbeiter einer Universität aus Edgars Lebenszeit. Als er sich umdrehte, um einem Mann seines Alters nachzusehen, der ihm entgegengekommen war, konnte er beobachten, wie dieser sich im Weitergehen in einen alten Mann mit Rauschebart und Toga verwandelte und die Ledermappe unter seinem Arm in ein Holzkästchen und einige Schriftrollen. Am Ende des Ganges, dort, von wo Edgar gekommen war, sah er nun eine doppelflügelige Tür, die, wenn sie geöffnet wurde, den Blick auf die anderen Tempelsäulen freigab.
Vor Edgar schien der Gang endlos weiterzugehen und ebenso endlos schien der Strom an Seelen zu sein, die hier in beide Richtungen marschierten. An den Seitenwänden befanden sich in regelmäßigen Abständen von wenigen Metern Türen, die alle gleich aussahen. Ihre schier unendliche Zahl in Verbindung mit der perspektivischen Verjüngung des Ganges wirkte auf Edgar, als befände er sich hier im wahr gewordenen Alptraum von einem Amtsgebäude. Im Vorbeigehen erhaschte er immer wieder einen Blick in die Räume dahinter, wenn Seelen aus diesen herauskamen oder in diese eintraten. Er sah Büroräume, Hörsäle, großräumige Laboratorien und andere Gänge.
Irgendwann wurde ihm seine Wanderung durch den Gang zu fade. Da die Türen nicht beschildert waren, ergriff er kurzerhand die Schnalle der nächstbesten und trat ein. Er fand sich in einem abgedunkelten Hörsaal wieder, wo er sich in der obersten Sitzreihe niederließ. Der Saal war von gigantischer Größe, seine stufenförmig angeordneten Sitzreihen bilden Halbkreise. Auf der Präsentationsebene ganz unten stand ein Vortragender vor einer 3-D-Projektionsarena. Trotz der Entfernung von zumindest einem Kilometer hörte Edgar jedes Wort des Vortrags einwandfrei und konnte die projizierten 3-D-Animationen in jedem Detail erkennen; ebenso wie die Mimik des Dozenten. Es war dasselbe Phänomen, das er schon in dem Fußballstadion erlebt hatte, in das Fred ihn gleich nach seiner Ankunft gebracht hatte. Edgar fiel auf, dass das Auditorium gut gefüllt war. Im Gegensatz zu einem Fußballstadion, in dem die Stimmung auch von der Anzahl der Zuschauer abhängig war, hatte die Anzahl der Hörer keinen Einfluss auf einen wissenschaftlichen Vortrag und wenn, dann einen negativen in Form von Störgeräuschen. Edgar glaubte deshalb nicht, dass die Anwesenden hier künstlich erschaffene Figuren waren. In Anbetracht der Größe des Hörsaals bedeutete das eine enorm hohe Zahl an Seelen, die dem Vortrag beiwohnten.
Edgar ließ das Ambiente auf sich wirken. Er fragte sich, warum das Tor zu diesem Bereich des Himmels ein antiker Tempel war, während es hier aussah, wie in einer Universität der Zukunft. Er machte sich klar, dass im Wissenschaftsbereich des Himmels andere Zusammenhänge am Werk waren, als etwa auf der Partymeile. Wie er auf seinem Weg hierher gesehen hatte, verwandelte sich das Äußere der Seelen so, dass sie in die Zeit passten, in der sie sich aufhielten. Sie schienen weniger Wert auf ein individuelles Äußeres zu legen als darauf, dazuzugehören. Ein echter Kontrapunkt zur Partymeile, wo es vor allem darum ging, sich möglichst von allen anderen abzuheben.

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Roland Zingerle

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Kapitel 18: Gedanken

Kapitel 18: Gedanken

Andreas Behauptung, die Seelen im Himmel würden sich nicht weiterentwickeln, setzt in Edgar eine Gedankenkaskade in Gang, die ihn nicht mehr loslässt.

Andrea sprach langsam weiter, als würde sie dabei nachdenken. „Das heißt aber auch, dass die Seelen, die sich dieser Dinge bewusst werden, zu faul sind, um ihre Weiterentwicklung in Gang zu setzen. Andernfalls würde ja Entwicklung stattfinden.“
„Vielleicht gibt es einfach zu wenige?“, räumte Edgar ein.
„Mag sein. Oder es ist, wie du sagst und sie sehen keine Notwendigkeit, sich zu entwickeln, weil sie alles haben, was sie brauchen.“ Andreas Blick wurde geistesabwesend. „Ich habe im Laufe der Zeit jede Menge Seelen kennengelernt, die den Himmel ähnlich kritisch sehen wie ich, aber die meisten nehmen die Dinge als gegeben hin und arrangieren sich damit.“
„Und die anderen?“
„Ein paar von ihnen, so wie Angus, haben den Himmel verlassen. Die anderen versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen.“
„So wie du.“ Andrea begegnete Edgars Blick in einer Mischung aus Zorn und Hilflosigkeit. Er sprach weiter, um sicherzustellen, dass sie ihn nicht missverstand: „Angus hat den Himmel verlassen, weil er sich nicht mit ihm arrangieren konnte. Du wagst diesen Schritt nicht, deshalb machst du das Beste aus deiner Situation, indem du von Himmelsbereich zu Himmelsbereich springst und verzweifelt versuchst, einen Sinn in all dem hier zu finden.“
Bei Edgars Worten mischte sich Bitterkeit in Andreas Miene. Sie wandte ihren Blick ab und er spürte ihre Traurigkeit, als sie sagte: „Es gibt so viele von uns. Ich verstehe nicht, warum der Himmel so ist, wie er ist.“
„Du meinst in einem Himmel, der diesen Namen verdient, müssten alle Seelen glücklich sein, auch solche wie du und Angus?“
„Ja, oder?“ Andreas Blick war hilfesuchend, nach Bestätigung flehend. Edgar nickte.

* * *

Zurück in seinem persönlichen Paradies erklomm Edgar die Klippe, um möglichst weit auf das Meer hinauszusehen. Als er bemerkte, dass ihm das noch zu wenig an Höhe war, entschied er, dass in seinem Refugium ein Berg fehlte. Entscheidung, Wunsch und Erschaffung dauerten nicht einmal eine Sekunde. Mit einem gewaltigen Krachen und Beben wuchs hinter der Klippe, gleich neben dem Wald, durch den Edgar damals sein Paradies betreten hatte, ein gewaltiger Berg in den Himmel. Sein Gipfel lag so hoch, dass er von ewigem Eis bedeckt war.
Edgar begann den Aufstieg. Er wollte sich unterwegs noch einmal all die Dinge durch den Kopf gehen lassen, die er in der Partymeile erlebt und über die er mit Andrea geredet hatte. Da kam es ihm sehr entgegen, dass er nicht nach einem Weg suchen musste, denn ein solcher begann direkt vor seinen Zehenspitzen, und auch wenn Edgar ihn noch nie gegangen war, so wusste er doch, dass er ihn direkt zum Gipfel führen würde. Einmal mehr schüttelte er den Kopf über die Perfektion, mit der der Himmel seine Wünsche erfüllte. Da Edgar sich einen Aufstieg wünschte, der ihn nicht zu sehr anstrengte, aber schnell voran brachte, gewann er mit jedem Schritt beachtlich an Höhe.

Andrea hatte gemeint, die einzige Art von Fortschritt im Himmel geschähe durch neues Wissen, das von den Verstorbenen mit in den Himmel gebracht würde. Von diesen, so dachte Edgar nun, könnten auch die alteingesessenen Seelen etwas Neues lernen – und an diesen neuen Erkenntnissen weiterforschen, wenn sie es denn wollten. Er konnte sich vorstellen, dass das vielen Seelen gefallen würde und möglicherweise wurde das in einigen Bereichen des Himmels ohnehin so gemacht.
Dann musste er an seine Großeltern denken und an die Seelen in ihrer Wohnstraße. Diese wollten von Neuerungen absolut nichts wissen. Lag das vielleicht daran, dass sie schon in ihren letzten Lebensjahren oder -jahrzehnten den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung verloren hatten? Waren sie schon im Diesseits so sehr mit ihrer eigenen Welt beschäftigt gewesen? Edgar nahm das Internet als Beispiel: In der letzten Lebensphase seiner Großeltern war das Internet in der breiten Bevölkerung schon gut eingeführt gewesen. Dennoch hätte er ihnen unmöglich erklären können, was das Internet überhaupt war. Einerseits hatte die Entwicklung des weltweiten Netzes so weit von ihren Alltagsnotwendigkeiten weg geführt, dass es vieler Vorerklärungen bedurft hätte; angefangen bei der Funktionsweise eines Computers, über jene einer Browsersoftware, bis hin zu den Anwendermöglichkeiten. Andererseits hätte es sie überhaupt nicht interessiert. Sie waren zufrieden mit dem, was sie hatten und deshalb hatten sie diesen Zustand wohl hier im Himmel zu ihrer eigenen heilen Welt ausgebaut. Das Ergebnis war ein Bereich, in dem es Seelen aus Edgars Generation nur für eine begrenzte Zeit aushielten.
Edgar dachte einen Schritt weiter. Seine Großeltern und ihre Altersgenossen mochte ihre heile Welt glücklich machen, denn sie hatten ein langes Leben mit extremen Höhen und Tiefen gehabt. Aber wie sah es mit den Seelen von Menschen aus, die, wie Edgar, relativ jung gestorben waren und hier in einem Bereich aufgingen, in dem sie ihre Talente, ihr Können und ihr Wissen anwenden konnten? Verloren die Seelen auf diese Weise ihren Bezug zur Tiefe des Lebens? Würde auch Edgar eines Tages seinen Platz in einem der Himmelsbereiche finden und stets dazulernen, wann immer neues Wissen den Himmel erreichte? Würde ihn das glücklich machen können und wenn ja, für wie lange? Über Jahrhunderte hinweg? Würde es ihm wie Andrea gelingen, auch die gesellschaftlichen Entwicklungen mitzumachen oder würde irgendwann der Punkt kommen, an dem er sagte: Das geht mir jetzt zu weit? Was würde dann mit ihm geschehen?
Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass die überwiegende Mehrheit aller Seelen, denen er seit seinem Tod begegnet war, erst seit wenigen Jahrzehnten hier war. Ging er von den Seelenjahren aus, also von der Anzahl der Jahre, die eine Seele bereits im Himmel war, bildeten jene mit einem Alter unter dreißig den Hauptteil. Von den älteren Seelen hatte er umso weniger angetroffen, je betagter sie waren. Solche im Alter zwischen siebzig und dreihundert Seelenjahren, wie Andrea, waren Ausnahmeerscheinungen, noch ältere, wie der vierhundertjährige Säufer in Edgars erster Stammkneipe, Einzelfälle; Exoten. Wenn der Himmel aber für die Ewigkeit angelegt war, wo waren dann all die älteren Seelen? Diese Frage entsprang weniger Edgars Neugier, als viel mehr einem egoistischen Interesse, zumal eines Tages auch er viele hundert Seelenjahre alt sein würde.
Wenn er an seine Großeltern dachte, die sich in einem eigenen Bereich abgekapselt hatten – lag da nicht der Schluss nahe, dass sich auch die anderen alten Seelen ihre eigenen Bereiche geschaffen hatten? Hieß das, dass Seelen, die etwa auf der Erde des vierzehnten Jahrhunderts gelebt hatten, sich hier in einem eigens erschaffenen Mittelalterbereich aufhielten? Würde er solche Bereiche des Himmels überhaupt betreten können? In den Bereich seiner Großeltern war er gelangt, weil er sich zu ihnen gewünscht hatte, er hatte also einen emotionalen Anknüpfungspunkt gehabt. Aber zu welcher Person aus dem zum Beispiel ersten Jahrhundert könnte er sich wohl wünschen? Zu einer berühmten historischen Figur? Zu Jesus?
Da schoss Edgar noch ein weiterer Gedanke durch den Kopf: Wenn er mit dieser Annahme Recht hatte, dann hatte der Himmel so etwas wie ein Baujahr, nämlich das Jahr Null. Das war logisch, immerhin war er ein christliches Konzept und bekam somit frühestens mit dem Tod des ersten Christen einen Sinn.

Mittlerweile hatte Edgar einen Aussichtspunkt erreicht, der ihm einen malerischen Blick über seine Bucht bot. Es war faszinierend, wie sehr das Ambiente seinem innersten Wesen entsprach. Als Mensch hatte er nie am Meer gelebt, doch wenn er nun auf seinen privaten Ozean hinabblickte, fühlte es sich so an, als sei an diesen Gestaden sein Elternhaus gestanden. Als er Andrea von diesen Gefühlen erzählt hatte, hatte sie gesagt, er hätte seine innersten Sehnsüchte räumlich interpretiert. Genau so fühlte sich das hier an.

Edgar setzte seinen Weg fort und knüpfte an den Gedanken von vorhin an. Er fragte sich, wo etwa die Seelen jener Menschen waren, die tausend Jahre vor Christi Geburt gelebt hatten. Abrupt blieb er stehen. Er konnte nicht fassen, dass er sich diese Frage bislang noch nie gestellt hatte, wo sie doch so nahe lag: Wo waren die Seelen aller Menschen nicht-christlichen Glaubens? Der nächste Gedanke lag nahe: Vielleicht war das hier gar nicht der christliche Himmel, aber konnte das möglich sein? Er ging weiter. Freilich, ganz deckte sich all das hier nicht mit dem, was er in der Schule über den Himmel erzählt bekommen hatte – über die ewige Glückseligkeit und so weiter –, aber im Wesentlichen doch. Außerdem hatte er bislang nur Seelen angetroffen, die auf der Erde in christlich geprägten Gesellschaften gelebt hatten.

Als Edgar den Gipfel erreichte, stand die Sonne tief und spiegelte sich knapp unter der Kimm im Meer. Sein Strand, seine Klippe und sein Wald waren so weit unter ihm, dass er nur noch ihre Konturen erkennen konnte. Hier heroben wehte eine steife Brise, kleine Eiskristalle bohrten sich wie winzige Nadelstiche in sein Gesicht. Es war kalt, aber nicht in unangenehmer Weise. Über ihm war der Himmel dunkelblau, fast schon schwarz, offenbar ragte der Gipfel bis an den Rand der Stratosphäre. Edgar setzte sich in den Schnee.
Mit seinen Gedanken über das Wesen des Himmels war er nicht weit gekommen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass religiöse Unterschiede das Jenseits abgrenzten, schließlich waren diese hier ohne Bedeutung. Er konnte sich ja nicht einmal erklären, warum er selbst hier war, immerhin war er im Leben kein praktizierender Christ gewesen. Zwar war er getauft und in der Pflichtschule in Religion unterrichtet worden, hatte an Erstkommunion und Firmung teilgenommen und kirchlich geheiratet, aber das war schon sein ganzer Kontakt mit dem Christentum gewesen. Ausgenommen vielleicht die christlichen Feste wie Weihnachten und Ostern, die er natürlich gefeiert hatte, aber weder seine Eltern noch seine Frau oder er selbst hatten die heilige Messe besucht, und wenn er bei Hochzeiten, Taufen oder ähnlichen Anlässen einer solchen beiwohnte, schwieg er höflich, weil er weder den Wortlaut der Gebete noch den Ablauf der Zeremonie kannte. Trotzdem war er nun hier.

Irgendwann erkannte Edgar, dass seine Vorstellung vom Aufbau des Himmels umso unwahrscheinlicher wurde, je mehr er darüber nachdachte. Vielleicht gingen seine Gedanken in eine grundsätzlich falsche Richtung? Es konnte aber auch sein, dass der Himmel in einer Weise beschaffen sein mochte, die dem menschlichen Verstand nicht ohne weiteres zugänglich war.
Mit einem Mal fiel ihm der Silberne ein, der ihm nach dem Tod die Tür ins Jenseits geöffnet hatte. Hatte der nicht so etwas gesagt wie, dem Menschen würden die Sinne fehlen, mit denen er die Zusammenhänge im Großen erkennen könne? Vielleicht war das der Grund, warum Edgars Grübeln zu nichts führte, außer, dass jeder Erklärungsversuch zu viele Widersprüche aufwarf, um wahr sein zu können.
Das frustrierte ihn, doch dann fragte er sich, warum er unglücklich sein sollte. Er war doch hier im Himmel und es konnte ihm egal sein, warum die Dinge so waren, wie sie waren, zumal er sie ohnehin nicht ändern konnte. Er verstand nun die Bedeutung von Freds Worten, als dieser gesagt hatte, Edgar solle nichts hinterfragen, sondern einfach nur genießen, was der Himmel ihm bot.
Edgar richtete den Blick nach oben und senkte ihn langsam zum Horizont hin, wobei er den Farbverlauf des Firmaments von Schwarz über Hellblau, Türkis und Orange bis hin zum gleißenden Gold der Sonne betrachtete. Vielleicht, so dachte er, fand im Himmel ja deshalb keine Entwicklung statt, weil zu wenig Wissen über dessen Natur vorhanden war. Vielleicht sollten die Seelen, die ihn bewohnten, nichts darüber erfahren. Aber konnte das sein? War Wissen tatsächlich verpönt, war es wirklich verboten, den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu essen? Funktionierte die Magie des Wunscherfüllens nicht mehr, wenn man den Mechanismus erklären konnte, der ihm zugrunde lag? War die Wissenschaft tatsächlich der Feind des Glaubens?

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 17: Nur oberflächliche Vergnügungen

Kapitel 17: Nur oberflächliche Vergnügungen

In seinem Gespräch mit Andrea will Edgar nun endlich erfahren, was manche Seelen dazu bewegt, den Himmel verlassen zu wollen. Eine Frage, die nicht ohne Weiteres beantwortet werden kann.

Edgar hakte nach: „Warum?“
Andrea seufzte. „Es war ein langsamer Prozess. Irgendetwas hat sich in ihm aufgestaut, das ihm schlussendlich wohl unerträglich wurde.“
„Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was ist passiert?“
Andrea richtete sich hastig auf und blickt sich ängstlich um, ehe sie raunte: „Sei vorsichtiger mit deinen Fragen. Die meisten Seelen reden nicht gerne über die große Bestrafung, sie haben Angst, dass zu viel Gerede weitere Seelen auf die Idee bringen könnte, den Himmel zu verlassen.“
„Und selbst wenn. Ich finde, diese Entscheidung muss jeder für sich treffen, oder? Ich meine, das hier ist doch der Himmel, da hat jeder die Freiheit, für sich zu entscheiden …“
„Niemand ist scharf auf die große Bestrafung. Sie ist das schrecklichste Erlebnis, das es hier gibt und niemand sieht ein, warum alle darunter leiden sollen, dass ein paar Wenige entscheiden, Selbstmord zu begehen. Das ist die allgemeine Meinung.“
„Auf das läuft es hinaus? Selbstmord?“ Dieser Gedanke erschien Edgar schlüssig. Wenn das Verlassen des Himmels gleichbedeutend war mit der Aufgabe des ewigen Lebens, dann war es im Grunde nichts anderes als Selbstmord. Und dieser wurde im Christentum mit Mord gleichgesetzt, stellte also einen Bruch des fünften Gebots Gottes dar. Das erklärte für Edgar eine so heftige Reaktion wie die große Bestrafung.
Andreas nächste Worte verwischten diese neu gewonnene Klarheit jedoch gleich wieder: „Wir wissen nicht was passiert, wenn eine Seele den Himmel verlässt.“
Edgar versuchte, in eine andere Richtung zu denken, kam aber immer wieder auf seine ursprüngliche Frage zurück. „Dein Freund Angus“, begann er, „was war ihm so zuwider, dass er alles riskiert hat?“
Andrea zuckte mit den Achseln. „Im Lauf der Zeit hat er wohl den Sinn verloren. Er hat immer davon gesprochen, dass alles, was der Himmel uns biete, hohl und ohne Tiefe sei und wie sehr ihn das anwidere.“ Sie hielt kurz inne, dann ergänzte sie: „ Er hat gesagt: ‚Wenn du hinter die Fassade dieses angeblichen Himmels blickst, erkennst du, dass alle Wunscherfüllungen, ohne Ausnahme, nur Variationen ein und desselben Themas sind: oberflächliches Vergnügen‘.“
Edgar ließ Andreas Worte auf sich wirken. Er glaubte, etwas in sich nachklingen zu hören, auch wenn er nicht restlos verstand, was Angus damit hatte sagen wollen. „Weißt du, was er damit gemeint hat?“
„O ja!“ Edgar erschrak beinahe, so fremd war ihm Andrea mit ihrem heftigen Nicken und diesem Blick, der tiefgründiger war als alle, die er je bei ihr gesehen hatte. „Natürlich macht es Spaß, sich einen Wunsch nach dem anderen zu erfüllen. Und natürlich erlebst du Dinge, die dir davor verschlossen waren und die du dir nie zu erträumen gewagt hättest. Aber im Grunde ist das nicht mehr als eine Beschäftigungstherapie.“
„Aber … aber es gibt mir doch viel“, wandte Edgar ein. „Ich weiß nicht, ob es mir in meinem irdischen Leben jemals für so lange Zeit so gut gegangen ist, wie hier.“
„Du verwechselst das Leben nach dem Tod mit einem Urlaub. Von einem Interessensbereich zum nächsten zu hüpfen, nur damit du möglichst alles einmal gesehen und erlebt hast … das ist so, als würdest du ein Land besuchen, nur um all seine Sehenswürdigkeiten abzuklappern.“
„Du warst doch diejenige, die gesagt hat, der Sinn des Himmels bestünde darin, den Seelen jede nur erdenkliche Erfahrung zu ermöglichen.“
„Ja, aber doch nicht so simpel! Bei all dem Erleben geht es doch nicht ums Vergnügen, sondern um Selbsterkenntnis.“
Edgar rappelte seinen Oberkörper aus dem Wasser hoch. „Entschuldige, Andrea, aber seit ich mit dir zusammen unterwegs bin, hast du doch nur das Vergnügen gesucht und nichts anderes.“
„Das stimmt. Trotzdem täuscht der Eindruck. Ich bin seit zwei Jahrhunderten hier, da sind ein paar Wochen oder Monate oberflächliches Vergnügen gar nichts. Würdest du mich länger kennen, wüsstest du, dass ich, wenn ich durch die Bereiche des Himmels streife, die Dinge nicht nur sehen, erleben und begreifen will, sondern vor allem herausfinden, was sie bedeuten.“
„Was sie bedeuten?“
„Ja, mir – und den Seelen, die in ihnen leben. Ich will verstehen, warum diese Seelen so viel Energie in die Gestaltung ihrer Bereiche stecken und welchen Nutzen das der Gesamtheit der Seelen bringt, also dem Himmel allgemein.“
„Welche Erkenntnisse hast du dabei gewonnen?“
„Nur eine: Der Himmel entwickelt sich nicht weiter.“
„Warum sollte er?“
„Weil er von Menschen bewohnt ist.“
„Der Himmel ist nicht von Menschen bewohnt. Bestenfalls von toten Menschen.“
Andrea beantwortete Edgars Versuch, witzig zu sein mit einem vernichtenden Blick. Dann fuhr sie fort: „Es sind ausschließlich menschliche Seelen, die den Himmel bevölkern und die verhalten sich genauso, wie sie es in ihrem irdischen Leben getan haben oder gerne getan hätten. Folglich sind wir von unserem Verhalten her immer noch Menschen – wenn auch von mir aus in einem anderen Aggregatzustand. Und Menschen entwickeln sich normalerweise weiter, hier im Himmel jedoch nicht.“
„Vielleicht ist Entwicklung eine Sache, die auf das körperliche Leben beschränkt ist, so wie andere auf der Erde lebenswichtige …“
„Ach, Unsinn“, zischte Andrea und durchschnitt mit ihrer Handkante waagrecht die Luft. „Unsere Entwicklung war es doch, die uns biologisch so weit von den Tieren entfernt hat, dass wir nun einen eigenen Himmel bewohnen.“
„Hä?“ Edgar starrte sie an.
„Ist es dir noch nicht aufgefallen? Es gibt hier keine Tierseelen. Der Himmel ist nur für uns Menschen da, genauer gesagt, für die Seelen von erwachsenen Menschen. Wir haben uns also so weit entwickelt, dass wir ein Jenseits bevölkern, das nur auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist. Der Himmel ist somit durch unsere Entwicklung bedingt, in ihm selbst gibt es aber keine Entwicklung. Die Seelen hier weiten vielleicht ihre Interessensbereiche räumlich aus und variieren bestehende Gegebenheiten, aber alles, was neu ist, stammt aus dem Diesseits und gelangt mit den jeweils kürzlich Verstorbenen zu uns.“
„Okay, aber ist das nicht geradezu die Definition von Himmel? Wenn ich alles habe – warum soll ich daran etwas ändern wollen? Entwicklung ist doch nichts weiter als der Wunsch nach Veränderung, um ein Ungleichgewicht zu korrigieren oder einen Mangel zu beseitigen. Das ist hier aber nicht nötig, weil es weder Ungleichgewichte noch Mängel gibt.“
„Da gebe ich dir Recht. Aber genau dieser Zustand führt in die Stagnation und damit in die Oberflächlichkeit. Dieser Himmel ist erfüllt von glücklichen Hohlköpfen.“
Edgar lehnte sich wieder zurück, verschränkte die Hände hinter seinem Nacken und blickte nachdenklich in das tiefe Blau über sich. Er wusste, dass diese Farbe nichts anderes war, als sozusagen ein Stück umgewünschtes unendliches Weiß, aber das war ihm egal. Die Illusion von Glückseligkeit, fand er, war allemal besser als eine wirkliche Tristesse. So antwortete er: „Besser ein Himmel voller glücklicher Hohlköpfe, als eine Erde voller herrschsüchtiger Fanatiker, die den Tod von Millionen Menschen in Kauf nehmen, nur um herauszufinden, wer von ihnen den längsten Penis hat.“

Ob er es wahrhaben wollte oder nicht, Andrea hatte ihn mit ihren Worten beeindruckt. Er erinnerte sich an seine ersten Gehversuche im Himmel: Fred hatte ihn in den Sportbereich gebracht, wo er Disziplinen ausgeübt hatte, die ihm in seinem Leben vor dem Tod nicht einmal eingefallen wären. Es war spannend und faszinierend gewesen und hatte ihm ehrlich Spaß gemacht, doch wenn Edgar nun an all die anderen Seelen dachte, die dort mit ihm trainiert oder gegen ihn gespielt hatten, musste er zugeben, dass ihr Verhalten nicht mehr gewesen war, als ein Bündel leerer Rituale. Sie hatten einen Körper trainiert, den sie sich nur einbildeten, und trugen Wettkämpfe aus, die sie immer gewannen, selbst gegen die Allzeit-Besten ihrer Sportart. Jeder Einzelne von ihnen stand jedes Mal auf der obersten Stufe des Siegerpodests, denn dazu musste er nicht mehr tun, als es sich zu wünschen. Mit einem Wettkampf im Sinne des Messens der eigenen Fähigkeiten mit denen anderer und Siegen im Sinne einer Bestleistung als Ergebnis langen, harten Trainierens hatte das nichts zu tun.
Edgar erkannte, dass den Seelen, die er dort angetroffen hatte, offenbar der eigentliche Sinn ihrer Beschäftigung abhandengekommen war. Dadurch degradierten sie ihre sportliche Betätigung zu einem oberflächlichen Vergnügen, ohne dass es ihnen bewusst war. Denn diejenigen, denen der Unsinn ihres Tuns bewusst wurde, verließen den Sportbereich des Himmels wohl unverzüglich.

Waren das nicht genau die Worte gewesen, die Angus laut Andrea verwendet hatte: oberflächliches Vergnügen?

Edgar ging in seinen Gedanken sogar noch weiter: Er hatte beobachtet, dass die Seelen keine Freude aus der Tätigkeit an sich gezogen, sondern aus der Tatsache, dass sie die Besten waren, selbst entgegen jeder Wahrscheinlichkeit. Und obwohl jede einzelne dieser Seelen gewusst hatte, dass ihr Erfolg nicht echt, sondern nur herbeigewünscht war, hatte ihn nicht eine von ihnen hinterfragt oder sich ihre Selbsttäuschung eingestanden. Im Gegenteil, Edgar hatte den Eindruck gehabt, dass bei einem Wettkampf, der von allen Teilnehmern gewonnen worden war, sich jeder Einzelne gefreut hatte. Sie täuschten sich also selbst und ignorierten die Wahrheit.
Dieses Verhalten erinnerte Edgar an eine Phase seiner Kindheit, in der er einen Tennisball mit der flachen Hand immer wieder gegen eine Wand schlug und sich dabei im Geist ausmalte, er würde ein Wimbledon-Turnier bestreiten und gegen die besten Tennisspieler seiner Zeit antreten. Wann immer er den Ball verfehlte oder ihn schlecht traf, so dass er aus seiner Reichweite sprang, wiederholte ich diesen Schlag oder erfand eine Ausrede, die es ihm erlaubte, trotz seines Fehlers weiterzuspielen und am Ende das Finale zu gewinnen.
Auf ähnliche Weise, so erschien es ihm, gewannen auch die Seelen hier ihre Turniere; ein kindliches Verhalten, wobei eigentlich – kindisch.

Edgar blickte zu Andrea, die ebenfalls in den Himmel starrte. Zumindest in Bezug auf die Seelen im Sportbereich hatte sie recht, diese entwickelten sich nicht weiter. Und für die in der Partymeile galt dasselbe. „Bist du wirklich der Meinung“, begann er vorsichtig, „dass sich die Seelen auch im Himmel weiterentwickeln müssen?“
„Das habe ich nicht gesagt.“ Sie sah ihn an. „Ich habe nur festgestellt, dass hier keine Entwicklung stattfindet, obwohl Entwicklung etwas Ur-Menschliches ist.“
„Aber so wie du es sagst, klingt es, als sei das Fehlen von Entwicklung schlecht.“
Andrea richtete sich auf. „Ich meine, dass es die Existenz sinnleer macht. In unserem irdischen Leben haben wir gelernt, dass Veränderung zu Entwicklung führt; dass Entwicklung also notwendig ist, um sich geänderten Gegebenheiten anzupassen. Das hat uns Mutter Natur so vorgegeben oder der liebe Gott, wenn dir das lieber ist. Ich kann nicht glauben, dass im Himmel, in dem unser unsterblicher Teil die Ewigkeit verbringen soll, dieses Grundprinzip keine Geltung hat.“
„Das genau verstehe ich nicht. Wenn sich die Gegebenheiten hier im Himmel niemals ändern, dann brauchen sich die Seelen doch auch nicht anzupassen.“
„Davon rede ich ja die ganze Zeit, aber ich meine es anders als du. Indem wir Menschen uns in unserem irdischen Dasein immer angepasst haben, ist unser Geist rege geblieben und unsere Intelligenz ist gewachsen. Erst dadurch haben wir Fortschritte gemacht und diese Fortschritte haben ständig unseren Lebensstil verändert. Die Existenz der Seelen hier im Himmel ist ein Spiegelbild davon: Jede Seele, die aus dem Diesseits kommt, bringt ihre Lebenswelt hier ein. Das ist der Grund, warum sich die einzelnen Bereiche andauernd verändern. Aber innerhalb dieser Bereiche herrscht Stillstand. Die Seelen verharren auf der Entwicklungsstufe, auf der sie waren, als sie ihre irdische Hülle abstreiften. Und warum? Weil es keine Notwendigkeit gibt, sich weiterzuentwickeln.“
„Das ist nicht wahr! Schau dich selbst an: In der Zeit, in der du aufgewachsen bist, hat man die Entstehung des Menschen noch weitgehend als Schöpfungsakt Gottes angesehen. Heute kennst du die Evolutionstheorie, siehst aus wie eine Diskomaus aus den Neunzehnhundertachtzigern und zitierst Philosophen, die erst nach deinem Tod zur Welt gekommen sind. Ich denke, die Weiterentwicklung liegt in der Eigenverantwortung jeder einzelnen Seele. Vielleicht hat man dem Durchschnittsmenschen nur nie beigebracht, sich selbst zu entwickeln – von sich aus und ohne gesellschaftlichen Druck.“
Edgars Worte imponierten Andrea, das konnte er von ihrem Blick ablesen. Ein Gefühl von Stolz erfüllte ihn, immerhin war dies ein großes Kompliment. Andrea hatte so viel mehr Zeit als er im Himmel verbracht, in der sie Erfahrungen hatte sammeln können. Dass Edgar ihr nun eine neue Sichtweise vermittelte, die sie nicht selbst schon längst durchdacht hatte, war eine kostbare Seltenheit.

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Roland Zingerle

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Kapitel 16: Der Sinn des Himmels

Kapitel 16: Der Sinn des Himmels

Edgar genießt die Oberflächlichkeit der Partymeile in vollen Zügen. Auch Andrea macht mit, allerdings nur mit halbem Herzen. Wie sich herausstellt, bezweifelt sie, dass es das „ewige Gesetz“ überhaupt gibt.

Als die Sirenen losheulten und sich das rote Licht auf Edgars Spielautomat hektisch zu drehen begann, blickte nicht nur Andrea erstaunt auf. Alle Seelen und Figuren in seiner näheren Umgebung unterbrachen, was sie gerade taten, standen auf und applaudieren. Zwar hatten in der kurzen Zeit, in der Edgar hier war, schon mehrere Seelen den Jackpot geknackt, doch das tat seinem Hochgefühl keinen Abbruch. Er war gespannt, was nun passieren würde. In irdischen Kasinos holte in einem solchen Fall ein Angestellter den Gewinner ab, um ihm die meist enorm hohe Geldsumme in diskreter Abgeschiedenheit auszuzahlen. Hier war das anders, hier spuckte der Automat die ganzen drei Komma zwei Millionen Münzen aus, die Edgar gewonnen hatte. Er reagierte rasch, stellte seinen Zinnbecher unter den Auszahlungsschlitz und wünschte, dieser solle ein endloses Fassungsvermögen besitzen, ohne dabei seine Ausmaße oder sein Gewicht zu verändern.
„Ab jetzt brauchen wir nicht mehr zu den Jeton-Springbrunnen gehen“, meinte er breit grinsend und blinzelte Andrea vergnügt zu, als hätte sich ihre Situation dadurch entscheidend verbessert.

Je länger der Abend dauerte – Edgar und Andrea hatten keinen fixen Zeitpunkt gesetzt, an dem er enden solle –, umso langweiliger wurde ihnen. An den Spieltischen gewannen sie immer, außer sie wollten verlieren. Schneller als ihm lieb gewesen wäre, wurde Edgar klar, dass immer zu gewinnen ebenso wenig Spaß machte, wie immer zu verlieren. Selbst wenn er sich wünschte, ein Spiel solle nach den Gesetzen des Zufalls verlaufen, war er es, der diesen Zustand bestimmte. Es machte keinen Unterschied, ob er sich Gewinn, Verlust oder Willkür wünschte, er wusste immer, was er bekam.
Bald saßen sie an einem der zahllosen Roulettetisch und Edgar setzte, den Kopf auf eine Hand gestützt, seine Jetons in jeder Variante, die das Spiel zuließ: auf eine volle Zahl, auf jeweils zwei, drei, vier und sechs Zahlen, auf eine der drei Reihen, eines der Drittel, eine der Hälften, eine der Farben sowie gerade oder ungerade. Dabei wünsche er sich in jeder Runde eine andere Zahl, so dass einmal seine volle Zahl gewann, dann eine der zwei, dann eine der drei von ihm gesetzten Zahlen und so weiter. Und bei jedem Gewinn johlten alle in seiner Umgebung auf, als hätte er soeben unglaubliches Glück gehabt. Im Grunde hörte das Johlen nie auf, denn andauernd gewann eine der anwesenden Seelen und es verging kaum eine Sekunde ohne Sirenengeheul, denn zu jedem Zeitpunkt knackte in den Weiten des Kasinos irgendjemand den Jackpot.
Als das Roulette Edgar und Andrea anödete, wechselten sie zum Black-Jack-Tisch, doch auch hier war der Reiz des Spiels rasch abgeflaut. Um eine Art Spannung zu erzeugen, wünschte Edgar sich Karten mit niedrigen Zahlenwerten, so dass er sich für den Sieg möglichst viele Karten geben lassen musste. Aber auch das erzeugte keine Spannung, da er ohnehin immer wusste, dass er gewinnen oder verlieren würde; je nachdem, wonach ihm gerade war.
Unwillkürlich erinnerte er sich an all die Gespräche mit seiner Frau oder mit Freunden, in denen sie sich gefragt hatten, wie sich etwa ihr Leben verändern würde, wenn sie ihre Zukunft vorhersehen könnten. Nun konnte er diese Frage beantworten: Sie hätten so gelebt, wie es für sie am bequemsten gewesen wäre – und sie hätten sich dabei zu Tode gelangweilt. Tatsächlich erschien es ihm nun als Gnade, dass der Mensch nicht wusste, was auf ihn zukam.
Als er und Andrea das größte Kasino des Himmels wieder verließen, waren sie sich darin einig, dass sie es nicht so bald wieder betreten würden.

Einige Zeit später saßen Edgar und Andrea an einer Poolbar mit enormen Ausmaßen. Die Bar befand sich inmitten eines Swimmingpools, der die Größe eines Meeres hatte und ihr Tresen war so breit, dass er zu beiden Seiten am Horizont verschwand. Edgar und Andrea kosteten sich durch eine Speisekarte, die so lang zu sein schien wie die Bar selbst und deren Gerichte und Getränke mit jedem Gang immer noch schmackhafter zu werden schienen. Nach dem siebunddreißigsten Gang wurde ihnen die das Essen zu langweilig. Sie legten sich in Barnähe ins Wasser und wünschten sich, nicht unterzugehen. Über ihnen schien eine milde Sonne aus einem wolkenlosen Tiefblau und die Luft war nur unmerklich wärmer als das perfekt temperierte Wasser.
„Hast du so etwas schon einmal ausprobiert“, fragte Edgar, „ich meine, essen ohne Ende?“
Andrea dachte lange nach, ehe sie antwortete: „Doch, ja, auf die eine oder andere Weise passiert mir das immer einmal. Aber eine Pool-Fressorgie habe ich heute zum ersten Mal erlebt.“
Edgar grinste. So sinnlos die Aktivität auch gewesen sein mochte, lustig war sie allemal.
„Sinnlos lustig“ war überhaupt der Oberbegriff für alle Möglichkeiten der Partymeile, denn Spaß war das einzig wirkliche Gefühl in all der Oberflächlichkeit hier.
Edgar räkelte sich wohlig im Wasser und gähnte. Ihm war so herrlich unbeschwert zumute. „Ich kann die Typen nicht verstehen, die von hier weg wollen.“
„Was meinst du?“
„Ich meine die große Bestrafung. Die Typen, die aus dem Himmel abhauen und damit die große Bestrafung auslösen. Bei all den Möglichkeiten, die der Himmel bietet – da würde ich doch niemals mein ewiges Leben aufs Spiel setzen.“
„Niemand weiß, was mit den Seelen passiert, die den Himmel verlassen.“
Edgar merkte auf. Andreas Worte klangen vage, das passte nicht zu ihr. Mehr noch, es war, als wäre sie anderer Meinung, wollte diese aber nicht aussprechen und das passte noch viel weniger zu ihr. „Na ja“, begann er wie nebenbei, „ich war ja erst bei einer einzigen großen Bestrafung dabei. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es schon öfter vorgekommen ist, dass Seelen den Himmel verlassen haben – dass es andererseits aber noch nie vorgekommen ist, dass auch nur eine dieser Seelen wieder zurückgekommen wäre.“
„Was schließt du daraus?“
„Ich würde sagen, da gibt es nur eine Schlussfolgerung: Die Seelen werden dafür bestraft, dass sie den Himmel verlassen.“
Andrea musterte ihn mit unbestimmbarem Blick. „Bestraft? Eine unsterbliche Seele? Wie?“
„Was weiß ich? Vielleicht werden sie in eine Art Orkus geworfen oder ins Fegefeuer? Vielleicht werden sie auch ausgelöscht? Ich meine, wenn Gott uns erschaffen hat, dann kann er uns doch auch vernichten, oder?“
„Warum sollte er das wollen?“
„Als Strafe für den Bruch seiner Gesetze?“
„Welcher Gesetze?“
Anstelle einer Antwort sah Edgar Andrea an. Er hatte keine Ahnung, worauf sie hinaus wollte oder was sie bezweckte, stellte aber fest, dass er diese Seite von ihr noch nicht gekannt hatte.
Andrea erwiderte seinen Blick. „Wo, bitteschön, steht geschrieben, dass wir den Himmel nicht verlassen dürfen?“
Edgar dachte kurz nach, dann fragte er zurück: „Wo steht geschrieben, dass wir es dürfen?“
„Erlaubte Dinge müssen nicht extra erwähnt werden, verbotene schon.“
Edgar reichte es jetzt, er wollte wissen, was das sollte: „Worauf willst du hinaus?“
„Dass der ganze Käse von wegen Verbot und große Bestrafung nichts weiter ist, als pure Spekulation. Trotzdem reden alle davon, als ob es die ewige Wahrheit sei.“
„Und was, wenn es genau das ist?“
Andrea setzte sich auf. „Dann möchte ich die Seele kennenlernen, die diese Wahrheit verbreitet hat und sie fragen, woher sie sie hat. Denn seit ich hier bin, habe ich nur gleichberechtigte Seelen angetroffen, nie eine mit einer höheren Berechtigung für irgendwas, von einem göttlichen Wesen ganz zu schweigen. Was immer die Seelen im Himmel tun, das dürfen sie tun.“
„Im Himmel, okay – aber dürfen sie den Himmel auch verlassen?“
„Ja. Denn wäre es verboten, hätten wir gar nicht die Möglichkeit, fortzugehen.“
Das leuchtete Edgar zwar ein, dennoch war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, er fragte: „Fällt die Entscheidung, den Himmel zu verlassen, nicht unter den freien Willen?“
„Gegenfrage: Wie frei ist ein Wille, der durch Verbote eingeschränkt wird?“ Edgar erkannte, dass Andrea diese Diskussion nicht zum ersten Mal führte und so offensiv, wie sie es tat, hatte sie dabei oft heftigen Gegenwind bekommen. Als sie weitersprach, zeigte sie vage zum Horizont. „Abgesehen davon frage ich mich, warum der Himmel da draußen zu Ende sein soll. Die Seelen haben sich unzählige Bereiche geschaffen, in denen sie ihren Neigungen nachgehen. Wann immer du dir einen Wunsch erfüllst, manipulierst du deine Umgebung. Nach meiner Erfahrung gibt es so etwas wie Räumlichkeit hier gar nicht. Wir sind geistige Geschöpfe, die ihre Vorstellungen räumlich interpretieren, wahrscheinlich, weil wir es aus unserem Leben als körperliche Wesen so gewöhnt sind.“
„Wenn das deine Überzeugung ist, warum warst du dann noch nie da draußen?“
Andrea verstummte abrupt und ließ sich zurück ins Wasser sinken. Ihre Antwort kam spät und sie klang kleinlaut. „Weil ich mir nicht sicher bin. Als menschliches Wesen bin ich daran gewöhnt, der Meinung einer Mehrheit größere Bedeutung zuzumessen als der einer Minderheit oder meiner eigenen. Ich frage mich immer wieder, ob die anderen mit dem ewigen Gesetz nicht doch Recht haben, selbst wenn keine Quelle bekannt ist, aus der sie es hätten erfahren können. Und dann ist da noch dieses Phänomen der großen Bestrafung. Wenn es erlaubt ist den Himmel zu verlassen, warum dann dieses Himmelsbeben?“
„Die Seelen sagen, es sei eine Warnung.“
„Ja, aber wovor? Dass die Unzufriedenen hier bleiben sollen? Das widerspricht doch der Grundidee des Himmels.“
„Welche Grundidee meinst du?“
„Dass wir hier sind, um unsere Wünsche erfüllt zu bekommen. Denn nichts anderes tun wir hier. Aber wenn ich mir wünsche, den Himmel zu verlassen und davor gewarnt und danach bestraft werde, dann widerspricht das dieser Grundidee.“
„Damit sind wir wieder dort, wo wir begonnen haben: Was bewegt Seelen überhaupt dazu, den Himmel verlassen zu wollen? Hier gibt es buchstäblich alles, was man sich wünschen kann und noch viel, viel mehr. Warum sollte einer von hier weg wollen, noch dazu, wenn er riskiert, möglicherweise auf ewig dafür verdammt oder gar ausgelöscht zu werden?“
Andrea sagte lange nichts. „Doch, ich kann mir vorstellen, wie es so weit kommt“, meinte sie dann bedächtig und legte erneut eine lange Pause ein, ehe sie fortfuhr: „Eine der Seelen, die für die letzte große Bestrafung verantwortlich waren, war ein Freund von mir. Wenn du bei ihrem Aufbruch am Strand warst, ist er dir sicher aufgefallen, ein großer Kerl mit einem dunklen Bart. Für den Wegmarsch hat er sich zur Gänze in Leder gekleidet.“
„Der Rädelsführer? Der Zornige?“
Andrea lachte. „Zornig waren sie alle. Aber ja, ich glaube, du weißt, wen ich meine. Sein Name war Angus. Er hat immer behauptet, er sei im Jahr fünfhundertsiebenundsechzig in Irland geboren – du verstehst schon: fünf, sechs, sieben –, aber in diesen Dingen hat man ihm nicht alles glauben dürfen. Zumindest so viel steht fest: Er ist lange vor mir hier angekommen, verdammt lange.“
„Was war mit ihm? Warum verlässt er nach so langer Zeit den Himmel, obwohl er sein Ende befürchten muss?“
„Er hatte einfach genug vom Paradies.“ Andreas Worte klangen, als sei mit ihnen alles erklärt.

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