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Kapitel 7: Ein Zuhause für die Seele

Kapitel 7: Ein Zuhause für die Seele

Selbst im Himmel braucht die Seele ein Refugium, in das sie sich zurückziehen kann. Der Weg dorthin führt Edgar in sein tiefstes Inneres.

Als die Nebel die neue Umgebung geboren hatten, fand Edgar sich in einem europäischen Urwald wieder, einem Wald, an den noch nie ein Mensch Hand angelegt hatte. Gigantische Laubbäume wurzelten hier in felsigem Untergrund, manche von ihnen schienen auf ihren kräftigen, stammdicken Wurzeln zu stehen, welche sich so eng über grobe Felsbrocken schlängelten, als wollten sie diese zerdrücken. Die Felsbrocken lagen willkürlich verstreut, als wären sie in grauer Vorzeit von einem zornigen Riesen hierhergeschleudert worden; sie waren von dunkelgrünem Moos überzogen, aus dem das Wasser tropfte. Manche von ihnen ragten, von feuchtem Nebel umwabert, nass und dunkel glänzend aus Senken hervor, in denen sich moorbraune Tümpel gebildet hatten.
Das Klima in diesem Wald war feucht und kühl, wie nach einem Gewitter, und das Licht war nicht mehr als ein für Edgar anregend geheimnisvolles Halbdunkel, weil das Tageslicht vom dichten Blätterdach abgeschirmt wurde. Die Bäume wuchsen im Abstand von mehreren Metern, wodurch Edgar ungewöhnlich weit in den Wald hineinsehen konnte; so weit, dass sein Blick sich in der Düsternis verlor. Außer dem Geräusch von herabfallenden Tropfen war nur ab und zu der Schrei eines Waldvogels zu hören, der von den Baumstämmen widerhallte, als würde sein Schall sich in diesem Labyrinth ebenso verlieren, wie Edgars Blick.

Edgar war wieder jung, vielleicht sechs Jahre alt. Er lebte alleine hier, doch er hatte keine Angst. Dieser Wald gehörte zwar nicht ihm, das wusste er, aber er war sein Zuhause. Er fühlte sich in ihm so geborgen, wie er sich im Bauch seiner Mutter gefühlt hatte; ja, daran konnte er sich nun erinnern.
Der Wald war beseelt, Edgar konnte jeden einzelnen Baum, jedes hier versteckt lebende Tier, jeden Pilz im Unterholz spüren, wenn er wollte. Aber er wollte nicht, denn es war die Gesamtheit der Eindrücke, die er von all diesen Lebewesen empfing, die eine Symphonie von Gefühlen ergab, deren Schwingung auf ihn überging und ihn mit einem kaum beschreibbaren Glück erfüllte.

Es hatte also funktioniert, er war in seinem Innersten angelangt. Er atmete tief ein und war überwältigt davon, wie frei sich das anfühlte. Feuchte Luft, Moos, würzige Pilze, all das roch er in dieser Luft, all das war ihm innig vertraut.
Tapfer marschierte der kleine Edgar los. Es war gar nicht so einfach, hier voranzukommen, denn der Boden war mit morschen Ästen bedeckt, unter denen kleine Beerenbüsche, Gestrüpp und dornenbesetzte Ranken wuchsen. Bei jedem Schritt brach er ein, wobei er sich blutige Striemen zuzog, denn er war nur mit einer kurzen Hose bekleidet. Als er seinen bloßen Beinen entlang hinabsah, erkannte Edgar, dass diese mit kleinen Schrammen bereits übersät waren, die sich in unterschiedlichen Stadien der Heilung befanden. Aber das macht ihm nichts aus, im Gegenteil, er fühlte sich mit ihnen wie ein Held.

Schon nach wenigen Schritten verwandelte sich der Wald, er mutete jetzt südeuropäisch an. Sein vorherrschender Farbton war hellbraun, die Bäume kleiner und dünner, dafür aber unregelmäßiger gewachsen und knorrig. Da sie nun noch weiter auseinanderstanden, konnte Edgar den Himmel durch ihre Kronen hindurchschimmern sehen. Es war nun Nacht, die Sterne funkelten vor einem schwarzen Hintergrund und ein riesiger Vollmond leuchtete so hell, dass Edgar fast geblendet war. Auch das Klima hatte sich geändert, die Luft war spürbar wärmer und der Boden staubtrocken.
Edgar hörte eine Unzahl von Zikaden ein unermüdliches Konzert spielen und sie spielten nur für ihn. Denn auch dieser Wald war beseelt und auch hier war er der einzige Mensch. Doch Edgar fühlte, dass er hier nicht mehr zuhause war, er war hier eher ein lieber, jederzeit willkommener Gast.
Als ein warmer Lufthauch den Wald durchzog, wurde Edgar bewusst, dass er Haare auf den Armen hatte, denn diese richteten sich dabei in einem wohligen Schauer auf. Er erkannte, dass er zu einem Jugendlichen herangereift war. Wieder atmete er tief ein; in der warmen, trockenen Luft fühlte er sich wie in einem Urlaub im Süden.
Er ging weiter, was nun ohne Widerstand möglich war, zumal der Boden eben und hart war. Bis auf vereinzelte Pinienzapfen, etwas Laub und kleine Äste gab es keine Hindernisse hier.
Da öffnete sich eine Lichtung vor ihm, die vom Mond hell ausgeleuchtet wurde. Als er sie betrat und Unregelmäßigkeiten am Boden spürte, hielt er inne und sah hinab. Er stand auf einer Halde von unzähligen gleichmäßig großen Steinquadern, die offensichtlich von Menschen behauen waren. Doch das musste vor langer, langer Zeit geschehen sein, denn sie waren verwittert und mit Flechten bewachsen und lagen ungeordnet, als stammten sie von einem Gebäude, das schon vor einer Ewigkeit in sich zusammengestürzt war.
Edgar sah wieder auf und überblickte die Lichtung, die ihm einen atemberaubenden Anblick bot. Im blaugrauen Licht-Schatten-Kontrast des Mondlichts breitete sich die Ruine eines antiken römischen Thermalbades vor ihm aus. Niedrige, teilweise mit Efeu überwucherte Mauerreste umrandeten ein aus Steinquadern gefertigtes Becken, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt war. Edgar trat an den Rand dieses Beckens und sah, dass direkt vor ihm eine kleine Seerosenkolonie auf der Wasseroberfläche ausgebreitet lag. Helle Blüten schwammen zwischen kreisrunden eingekerbten Blättern, auf denen vereinzelt Frösche quakten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bassins führt eine breite Steintreppe in das Wasser hinab, das so klar war, dass Edgar trotz der Dunkelheit den Boden des Beckens erkannte. Zwar verschluckte die Nacht jede Farbe, doch konnte er fühlen, welch geheimnisvolles Türkisgrün die schimmernde Flüssigkeit färbte.
Bei diesem Anblick beschleunigte sich der Herzschlag des Jugendlichen und er rang um Atem, doch er musste sich von diesem Ort losreißen. Er spürte, dass er noch nicht angekommen war, wo er ankommen sollte – wo er ankommen wollte, ohne es selbst zu wissen.

Nur wenige Schritte weiter veränderte sich die Umgebung völlig und das, obwohl Edgar keinen Übergang bemerkte. Es war nun helllichter Tag und ein böiger, salziger Wind blies ihm ins Gesicht. Er stand auf einer Klippe und überblicke die Unendlichkeit eines Ozeans, der sich vor ihm ausbreitete. Das Klima hier war tropisch, feucht und heiß und die Luft so diesig, dass am Horizont das Meer ohne erkennbare Grenze in den Himmel überging. Als er an sich hinabblickte, erkannte Edgar, dass er nun erwachsen war.
Tief unter ihm brandeten die Wogen mit solcher Gewalt an die Felsen, dass er trotz des Windes ihr Donnern hörte. Am Sandstrand, der sich rechts unter ihm in einer weiten Sichel der Küste entlang ausbreitete, rollten niedere Wellen langsam aus und hinterließen kurzlebige weiße Gischtstreifen.
Von der Harmonie dieses Bildes angezogen, wandte er sich diesem Strand zu und begann seinen Abstieg. Auch jetzt genügten ein paar wenige Schritte und schon hatte er die geschätzten einhundert Höhenmeter bis zum Wasser überwunden. Dort stand er lange Zeit und beobachtete, wie die Ausläufer der Wellen seine Zehen umspielten, sich wieder zurückzogen und dabei an seinen Fersen zerrten. Er spürte, wie der Sand unter seinen Fußsohlen weggespült wurde, sah zu, wie seine Zehen im Sand versanken. Der Wind war hier nur noch eine warme Brise und das Rauschen der Wellen unterlegte den Frieden in Edgars Herz mit einem pulsierenden Rhythmus.
Rechts von ihm bildete eine Reihe von Felsbrocken eine unregelmäßige Mauer, die weit ins Meer hinausging. Einem spontanen Impuls folgend, hüpfte er auf den ersten dieser Felsen und balancierte dann bis zum Ende der Mauer hinaus. Dort war das Wasser mehrere Meter tief und glasklar, der helle Sand des Bodens gab ihm einen himmelblauen Farbton.
„Es ist das Paradies!“
Edgar musste unwillkürlich über diesen Gedanken lachen. Er war tatsächlich im Paradies und was tat er? Er erschuf sich eine Welt, die so aussah, wie er sich als Lebender das Paradies vorgestellt hatte. Es erschien ihm verrückt, doch noch verrückter war, dass er sich im selben Moment Sorgen darüber machte, dass er keine Sonnencreme bei sich hatte. Da musste er wieder lachen.

Geraume Zeit später saß Edgar auf dem äußersten Felsen der natürlichen Mauer und blickte zum Horizont, wo die Kimm in den Himmel überging. Ein würziger Tabaksduft stieg von seiner Zigarre auf, er zog an ihr und entließ den Rauch wieder in den Wind, welcher ihn in wirren Wirbeln davontrug.
„Das hier ist also der Himmel“, dachte er, „das hier ist das Paradies. Klar, jeder macht was er will, zwischen einem Wunsch und seiner Erfüllung besteht kein Unterschied mehr.“ Edgar fragte sich, was er bis in alle Ewigkeit hier tun werde und wusste im selben Moment die Antwort: „Was immer ich möchte.“
Er fragte sich, ob das auf Dauer nicht langweilig würde und blickte auf die Zigarre hinab. Dann lächelte er und hob die andere Hand, die nun ein Longdrinkglas hielt, in dem einige Eiswürfel in einer braunen Flüssigkeit klimpern. Nein, dachte er, in nächster Zeit würde ihm wohl nicht langweilig werden. Er sog am Trinkhalm und nickte sich selbst zu. Kein Zweifel, das hier war der beste Cuba Libre, den er je getrunken hatte.

* * *

„Danke, dass du mir meine Heimat gezeigt hast“, sage Edgar zu Fred, nachdem er sein persönliches Paradies wieder verlassen hatte.
„Die hast du dir selber gesucht“, erwiderte dieser.
„Ja, aber ohne dich wäre ich nicht auf die Idee gekommen, sie in mir drin zu suchen.“
„Ich will deine Dankbarkeit mir gegenüber keinesfalls schmälern, aber du wärst schneller auf diese Idee gekommen, als du glaubst.“
„Ich denke, das wird mein Rückzugsgebiet. Wenn ich es richtig sehe, werde ich mich hier von einem Ort zum nächsten wünschen, ich fürchte, da würde ich schnell orientierungslos werden, wenn ich keinen fixen Ort habe, an den ich zurückkehren kann.“
„Heimatlos trifft es eher“, murmelte Fred, mehr zu sich selbst.
„Ich nehme an, du hast auch so einen Ort?“
„Ja. Wenn es dir recht ist, zeige ich dir jetzt einmal, was hier noch alles so abläuft.“
„Das ist mir sogar sehr recht! Seit ich von meinem Strand zurück bin, fühle ich mich, als hätte ich neue Kraft getankt.“
Fred mustert Edgar und meinte mit einem schrägen Grinsen: „Ich denke, ich weiß, wo du dich wohlfühlen wirst.“

Nachdem sich die Umgebung in farbige Nebel verwandelt, diese sich vermischt, neu angeordnet und zu einer neuen Umgebung konkretisiert hatten, befanden sich die beiden auf einem Fußballfeld. Nicht auf jenem in dem riesigen Stadion, sondern auf einem einfachen Bolzplatz, auf dem fleißig gekickt wurde. Edgar und Fred waren nun in Trainingsdressen gekleidet, sie trugen kurze Hosen, T-Shirts, Sportsocken und Schuhe mit Stollen. Die Farben erinnerten Edgar an Bonbon-Papier, nicht unbedingt die Wahl, die er getroffen hätte.
„Hast du uns diese Sachen gewünscht?“, fragte er Fred mit leisem Vorwurf.
Dieser musterte Edgar vom Scheitel bis zur Sohle, blickte dann an sich selbst herab und fragte, indem er die Augenbrauen zusammenzog: „Was stimmt nicht damit?“
„Ich weiß nicht … ich denke nur, ich hätte mir etwas … sagen wir einmal … Gängigeres gewünscht.“
„Ja, das hast du offensichtlich.“
Edgar verstand nicht, was Fred meinte, bis er erkannte, dass sie nun plötzlich beide Trainingskleidung trugen, die genauso aussah wie jene, die Edgar und seine Freunde immer angehabt hatten, als er noch am Leben gewesen war. Während Fred feixte und losrannte, um mit den anderen Spielern den Ball zu jagen, fragte sich Edgar, wie lange ihn solche Dinge wohl noch beschäftigen würden.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 6: Impressionen

Kapitel 6: Impressionen

Alles, was Edgar im Himmel begegnet, wirft neue Fragen für ihn auf, die Fred an die Grenze seiner Geduld bringen. Doch zu Erkenntnissen gelangt man nur, indem man erlebt.

„Du hast Recht, ich bin tatsächlich im Himmel“, schrie Edgar eine halbe Stunde später in Freds Ohr und lachte. Sie saßen im obersten Tribünenbereich eines Fußballstadions, das so riesig war, dass Teile der gegenüberliegenden Ränge von vorbeiziehenden Wolken verdeckt wurden.
Fred hatte Edgar aufgefordert mit ihm zu kommen, er wolle ihm etwas zeigen. Dieser hatte eingewilligt und mit einem Mal hatte sich die Wohnstraße, in der Edgar gelandet war, in einen vielfarbigen Nebel verwandelt, der sich zu diesem Stadion zusammengesetzt hatte. Edgar hatte sich nicht bewegt, zuerst war er auf der Straße gestanden und im nächsten Augenblick auf der Tribüne gesessen.
Trotz der ungeheuren Entfernung zum Spielfeld, Edgar schätzte sie auf mehrere Kilometer, konnte er problemlos die Spieler erkennen. Mehr noch, er sah die Farben der Trikots, die Nummern darauf, ja selbst die Gesichtszüge jedes einzelnen Spielers und ob er rasiert war oder nicht. Er fragte sich, wie das möglich sein konnte, doch dann erinnerte er sich an Freds Aufforderung, nichts zu hinterfragen sondern einfach nur anzunehmen, was ihm geschenkt wurde. Dass Edgar das nicht leicht fiel, lag auch daran, dass da unten sein Lieblingsverein HSV gegen seinen Lieblingsgegner FC Bayern ein Finalspiel austrug, bei dem der HSV drei Tore Vorsprung hatte. Erfreut stellte er fest, dass auch Fred die HSV-Farben auf Schal und Kappe trug, so wie alle in diesem Sektor.
„Du bist HSV-Fan?“
„Bist du verrückt? Ich stehe auf Schalke 04, so wie du auch, siehst du doch.“ Fred wedelte mit dem Ende seines Schals vor Edgars Gesicht. Dass seine Empörung nur gespielt war, erkannte Edgar spätestens, als Fred gackernd auflachte. „Keine Sorge, das passt schon so. Hier sieht jeder seinen persönlichen Lieblingsclub, wie er seinen persönlichen Angstgegner im Finale plattmacht.“
„Willst du damit sagen, dass da unten gar nicht die Hamburger gegen die Bayern kicken?“
„Für dich schon. Aber für mich vernichtet Schalke 04 gerade den FC Barcelona. Und für den Typ da vor uns besiegt vielleicht gerade Fluminense Rio de Janeiro den AFC Hintertupfing. Verstehst du?“
Edgar nickt und lächelte säuerlich. Er empfand es als unbefriedigend, dass der HSV nicht als einziger siegte, doch er verstand immer mehr, warum er die Dinge nicht hinterfragen sollte. Dass schon eine einzige Erkenntnis ausreichen konnte, um den Zustand des Glücklichseins zu zerstören, wusste er, seit er im Religionsunterricht in der Grundschule die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies gehört hatte.
„Wie kommt’s, dass das Stadion rammelvoll ist? Es kann ja wohl nicht sein, dass so viele tausend Seelen gleichzeitig ein Fußballmatch sehen wollen, oder doch?“ Trotz des enormen Lärms der Schlachtenbummler, und das fiel Edgar erst jetzt auf, konnten sich er und Fred in normaler Gesprächslautstärke unterhalten.
„Nein, natürlich nicht. Wann immer sich eine Seele ein Match wünscht, findet eins statt. Die wenigsten Zuseher hier sind echte Seelen, weißt du? Die leeren Plätze werden mit Figuren aufgefüllt.“
„Figuren?“
„Künstlich erschaffene Zuseher, die sich wie Seelen verhalten.“
„Ich kann mir hier Seelen erschaffen?“
Fred sah Edgar mit forschendem Blick an. Er hatte dessen Absicht wohl in der Stimme gehört und las sie nun in seinem Gesicht. „Denk gar nicht erst dran“, sagte er eindringlich, „du machst dich damit nur unglücklich.“
Edgar lief ein Schauer über den Rücken. Er spürte, dass sein Führer Recht hatte, doch das änderte nichts daran, dass er der Sehnsucht nach seiner Familie völlig hilflos ausgeliefert war. Die Vorstellung, Heike und die Kinder hierher holen zu können, und war es auch nur in Form von Figuren, machte den Himmel für ihn erst so richtig vollständig. Doch als sein Blick über die johlende Menge in dem Riesenoval vor und unter ihm schweifte, wusste er, dass das ein Trugschluss war. Er würde Figuren erschaffen, die vielleicht wie Heike, Matthias und Anni aussahen, die aber genauso unecht und hohl wären, wie das gesamte Fußballmatch hier. Sie würden ihn nicht glücklich machen, im Gegenteil, sie würden ihn daran erinnern, was er verloren hatte und die Erinnerung an seine echte Familie verfälschen. Edgar erkannte, dass er einen Weg finden musste, um mit seinem vergangenen Leben abzuschließen. Er brauchte seine Familie ja nicht gleich zu vergessen, doch er musste sie gehen lassen – er musste sich selbst gehen lassen.

Als das Spiel vorüber war, verließen Edgar und Fred mit anscheinend Millionen anderen Zuschauern das Stadion. Edgar hatte nach einem Fußballspiel noch nie eine solche Hochstimmung erlebt, doch das war kein Wunder, immerhin hatte der Lieblingsklub jedes Einzelnen gerade den jeweils größten Gegner im Meisterschaftsfinale besiegt. Und obwohl er wusste, dass es nur in seinen Augen so aussah, erfüllte es Edgar dennoch mit Genugtuung, dass all die vielen, vielen Fans die Farben des HSVs trugen.
Das erinnerte ihn an eine Frage, die ihm seit seiner Ankunft auf der Zunge brannte: „Fred, wie kommt es, dass wir hier menschliches Aussehen haben? Als Seelen sind wir doch körperlos, oder?“
„Ja, natürlich.“ Freds Mimik unterstrich seine abgehackte Art zu sprechen. Er nickte hastig, sah Edgar an und wieder von ihm weg, um ihn gleich danach wieder anzusehen, wobei die Brillengläser seine Augen größer erscheinen ließen, als sie waren. In seinem Gesicht zuckt es. „Dass wir menschlich aussehen, liegt wahrscheinlich daran, dass wir an diesen Anblick gewöhnt sind.“
„Wahrscheinlich?“
„Ja. Vielleicht sind es aber auch unsere Seelen, die so aussehen und im Leben unten haben sich unsere Körper danach gebildet?“
„Heißt das, du weißt es nicht?“
Fred lachte zischend, ein Zeichen von Ungeduld. „Niemand weiß es und es ist auch egal. Wenn du dich in ein Krokodil verwandeln möchtest, bitte sehr, dann siehst du aus wie ein Krokodil. Aber fühlen wirst du dich weiterhin wie ein Mensch. Du kannst hier alles verändern, aber nicht, was du bist.“
„Wie ist das mit dem Altern?“
„Was soll damit sein?“
„Ich meine, wir sehen doch gleich alt aus, wie wir auf der Erde ausgesehen haben, als wir gestorben sind.“
„Aber nicht die Spur! Ich habe mit neunundsiebzig den Löffel gereicht und jetzt sieh mich an.“ Fred sprang, sich um seine Hochachse drehend, herum und schnippte mit den Fingern über dem Kopf. „Frisch, wie aus dem Ei gepellt.“
„Du bist neunundsiebzig?“
„Unsinn! Neunundsiebzig war ich, als ich gestorben bin, aber das ist schon eine ganze Weile her.“
„Wie lange?“
„Weiß ich nicht. Hör zu“, Fred wirkte genervt, „ich weiß ja, dass das für dich alles neu ist und dass du noch alles mit den Augen eines Sterblichen siehst und so weiter. Aber glaub mir, die Fragerei geht einem mit der Zeit ganz schön auf den Sack. Deine Seele ist unsterblich, verstehst du? Zeit spielt keine Rolle mehr – Willkommen in der Ewigkeit! Ob ich gestern hier gelandet bin oder vor tausend Jahren – was macht das schon? Hier sehe ich immer so aus wie in meinen besten Jahren, weil ich mich auch so fühle. Das hier ist mein echtes Aussehen, so habe ich auch an meinem letzten Tag auf der Erde ausgesehen.“
Edgar hielt inne und blinzelte irritiert. Er wusste, Fred wollte ihm etwas mitteilen, doch er verstand die Botschaft nicht. Aber nachzufragen getraute er sich nicht, da er seinen Begleiter nicht verärgern wollte.
Fred schien die Misere zu erkennen. Er deutete auf sich selbst und erklärte: „Das hier bin ich, so wie ich wirklich aussehe. Als Lebender hat sich mein Körper viel schneller verändert, als meine Seele. Ich weiß nicht, ob wir mehrere Leben haben, aber ich weiß, dass die Seele schon bis zu einem gewissen Grad entwickelt ist, wenn wir geboren werden. Und dann lernt sie.“
„Was lernt sie?“
„Sie lernt vom Leben, von den guten und von den bösen Erfahrungen. Wenn wir sterben, hat unsere Persönlichkeit eine gewisse Reife erreicht, sie ist … wie soll ich sagen? Ich denke, es geht darum, dass wir unser Handeln kritisch hinterfragen und aus unseren Fehlern lernen können.“
Edgar lachte unwillkürlich auf. „Entschuldige“, sagte er, „aber ich kenne da Menschen, ich meine Lebende, die völlig unfähig sind, zu lernen. Manche von denen sind schon in Pension.“
Freds Nase zuckte unter seiner Brille. „Solche wirst du hier nicht antreffen. Unentwickelte Seelen bekommen offenbar keinen Zutritt zum Himmel.“ Er musterte Edgar für ein paar Sekunden und erkannte wohl dessen Verwirrung, denn er legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. „Ede, ich mache dir einen Vorschlag. Das alles hier ist sehr viel für dich, das weiß ich. Du warst lange Zeit im Einheitsweiß komplett isoliert und jetzt bricht alles auf einmal über dich herein. Gönn dir eine Auszeit. Zieh dich an einen Ort zurück, an dem du Ruhe findest und lass einmal alles auf dich wirken. Und probiere das Wünschen aus, du wirst schnell in Übung kommen und es wird dir gefallen. Wenn du mich brauchst, wünsch dir einfach mich zu sehen, und schon bin ich bei dir – oder du bei mir.
Eines rate ich dir aber in aller Strenge: Lass deine noch lebende Familie aus dem Spiel. Wünsch dich an keinen Ort, der mit ihr in Verbindung steht, damit fügst du dir nur Leid zu. Du musst akzeptieren, dass diese Zeit vorbei ist und nicht mehr wieder kommt. Du kannst hier tun, was immer du willst, aber du kannst nichts ungeschehen machen. Wenn die Mitglieder deiner Familie eines Tages sterben, wirst du sie vielleicht wiedersehen, aber ich sage dir jetzt schon: Erwarte diesen Augenblick nicht! So, wie es einmal war, wird es nie wieder sein.“
Edgar spürte einen Kloß in seinem Hals. „Ich weiß nicht, wie ich das machen kann.“
„Es wird besser mit der Zeit. Vorerst wünsche dich an einen Ort, an dem du du selbst bist, unbeeinflusst von irgendetwas oder irgendjemandem.“
„Was für ein Ort soll das sein?“
„Ein Ort, von dem du schon in deiner Kindheit geträumt hast. Ich meine diese besondere Art von Umgebung, die du ganz tief in deinem Inneren erahnst, diese märchenhafte, nicht wirklich fassbare. Dort bist du im Kern deiner selbst, dort lenkt dich nichts ab.“
„Ich weiß nicht … ich weiß nicht, wie …“
„Du musst nichts wissen oder tun, du musst nur das Gefühl in dir finden, das damit zusammenhängt. Dann wünschst du dich in dieses Gefühl hinein – und das war‘s.“
Edgar konnte Freds Worte nicht bewusst begreifen, doch er fühlte eine Ahnung in sich hochsteigen. Ganz tief in ihm, kaum fassbar für sein Bewusstsein, gab es die unbestimmte Vorstellung von einer Art Ur-Wald, eine vom Menschen unberührte natürliche Gegend, die gleichermaßen verwunschen wie zauberhaft war und in der alles möglich schien, egal wie unsinnig es dem Verstand auch scheinen mochte. Diese vage Vorstellung lag so tief in Edgar und fühlte sich so selbstverständlich wie ein Teil von ihm an, dass er davon ausging, schon mit ihr zur Welt gekommen zu sein.
Fred musterte Edgars Gesichtszüge und grinste hintergründig. „Wie sieht sie aus, deine Umgebung?“
„Ich … ich weiß nicht genau. Aber die Gefühle, die ich damit verbinde, sind so heimelig, so intensiv vertraut und sie … sie wurzeln so tief in mir, dass … Ich fühle mich so innig damit verbunden, wie vielleicht ein Fötus die Verbindung mit seiner Mutter empfindet.“
„Es ist das Zuhause deiner Seele“, erklärte Fred, „dort bist nur du.“
„Dort möchte ich sein!“
Kaum hatte Edgar den Wunsch ausgesprochen, verloren die Konturen um ihn herum an Schärfe und gleich darauf zerfloss die ganze Umgebung zu einem vielfarbigen Nebel.
„Siehst du? Wirkt schon“, sagte Fred, dann war auch er nur noch ein Gewölk aus den Farben seines Äußeren, die mit den Farben aller übrigen Gestalten, Gebäude und Gegenstände im Umkreis ineinanderflossen, sich zu anderen Farbtönen mischten und sich dann neu anordneten, um die Konturen jener Umgebung zu erschaffen, in die Edgar sich gewünscht hatte.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 5: Im Jenseits

Kapitel 5: Im Jenseits

Im Himmel angelangt, stellt Edgar fest, dass er keine wirkliche Vorstellung davon hatte, was ihn hier erwarten würde. Seine neue Situation ist ungewohnt – entpuppt sich aber als bei weitem nicht so banal, wie er zunächst dachte.

Edgar genoss es, als erste Berührung nach so langer Zeit die Hand geschüttelt zu bekommen. Ebenso genoss er die vertraute Umgebung, obgleich ihn diese plötzliche Explosion der Reize nun etwas überforderte.
„Grüß Gott“, erwidere er zögerlich, um überhaupt etwas zu sagen, „mein Name ist Edgar.“
Fred ließ von Edgars Hand ab und schlug ihm stattdessen herzhaft auf die Schulter. Seine leicht gebückte Haltung und seine unsteten, ruckartigen Bewegungen gaben ihm in Edgars Augen den Charakter eines Huhns.
„Was ist das hier?“, fragte Edgar, indem er vage auf die Umgebung zeige.
Fred lachte und erwiderte fröhlich: „Wonach sieht’s denn aus? Das hier ist natürlich der Himmel; der Garten Eden, Ede.“
„Der Himmel?“ Edgar kam es so vor, als stünde er neben sich. Einerseits war er gestorben und hierhergekommen, folglich war es logisch, dass das hier der Himmel war. Andererseits hatte die lange Zeit im unendlichen Weiß große Zweifel in ihm hervorgerufen, so dass er zur Skepsis neigte. Und zu guter Letzt sah die Umgebung hier aus, wie eine Wohnstraße in seiner ehemaligen Heimatstadt, was seiner Vorstellung vom Himmel einen sonderbaren Beigeschmack gab. Edgar beschloss, es langsam anzugehen. Es war nun alles etwas viel auf einmal nach einer langen Periode des faktischen Nichts. Er würde sich schon in der neuen Situation einfinden, wenn er sich erst an sie gewöhnt hatte.
Freds quirlige Art machte ihm das jedoch nicht gerade leicht. Gerade machte er mit einem Laut des Erstaunens einen Satz nach hinten und musterte Edgar, um gleich darauf wieder an ihn heranzukommen und seinen Bizeps zu befühlen. „Du bist gut beieinander, mein Lieber, was warst du denn von Beruf? Preisringer?“ Er lachte gackernd.
„Physiotherapeut. Da neigt man zum Körperkult.“ Als Edgar spürte, wie seine Lippen sich kräuselten, seufzte er erleichtert. Er hatte vergessen, wie gut es sich anfühlte, wenn er lächelte.
„Physio…“ Fred unterbrach sich selbst, ehe er fortfuhr: „Damit wirst du hier keinen Stress haben. Keine körperlichen Probleme, du verstehst?“ Er gackerte wieder.
Edgar blicke verwirrt an sich herab und gestand: „Ehrlich gesagt nein. Wie muss ich das alles hier verstehen? Ich meine, diese Stadt, unsere Körper und so weiter?“
Fred wurde schlagartig Ernst und musterte Edgar durch seine dicken Brillengläser hindurch. „Wie lange warst du unterwegs?“
„Wo unterwegs?“
„Na, im Zwischenraum, im Weißen.“
„Keine Ahnung … ein halbes Jahr vielleicht? Ich hatte kein Zeitgefühl, kann sein, dass es mir länger vorkam, als es wirklich war. Aber ein paar Monate werden es schon gewesen sein.“
Fred machte wieder einen Satz zurück. „Monate? Armes Schwein! Na, dann kann ich verstehen, dass du jetzt verwirrt bist. Wie sieht’s aus, soll ich dich hier ein bisschen herumführen?“
Als Edgar nickte, war ihm, als bekäme er sein Grinsen nicht mehr unter Kontrolle. Er hatte jemanden gefunden, mit dem er nicht nur reden konnte, sondern der offenbar auch wusste, wie das Jenseits funktionierte. Es schien ihm, als hätte er seine Zeit im Fegefeuer abgesessen und nun endlich, endlich den Himmel betreten.

* * *

Während er mit Edgar die Wohnstraße entlangschlenderte, begann Fred – im Plauderton aber mit spürbarer Begeisterung – zu erklären: „Alles, was dir hier im Himmel begegnen wird, ist die Erfüllung von Wünschen. Das heißt natürlich auch umgekehrt, dass du, wenn du etwas haben willst, es dir einfach nur wünschen musst. Regel Nummer eins: Das hier ist der Himmel, wünschen hilft.“ Er grinste.
„Wie bin ich hierhergekommen?“
„Habe ich dir gerade erklärt: Du hast es dir gewünscht.“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Was hast du dir dann gewünscht?“ Fred war stehengeblieben und musterte Edgar aufmerksam.
Dieser dachte kurz nach, ehe er antwortete. „Jemanden, mit dem ich reden kann.“
„Und voilà, schon bin ich da!“
„Du meinst, du bist gar nicht echt?“
Fred lachte laut und ging dabei einen kleinen Kreis. „Aber natürlich bin ich echt, so echt, wie eine Seele nur sein kann. Wünsche erfüllen sich auch, indem Seelen zueinanderfinden, die sich in der Erfüllung ihrer Wünsche gegenseitig ergänzen.“
„Ach ja? Was hast du dir denn gewünscht?“
„Was ich mir immer wünsche, jemanden, dem ich den Himmel zeigen kann.“
„Wie das?“
„Im Leben war ich Bauer. Als ältester Sohn musste ich den Hof übernehmen, das war damals so. Ich war mein Leben lang kreuzunglücklich damit. Erst hier habe ich erkannt, warum, weil ich nämlich immer neugierig auf Neues bin. Deshalb war nach meinem Tod das Reisen eine wahre Erfüllung für mich. Ich habe viele Jahre lang den ganzen Himmel durchkreuzt, du wirst niemanden finden, der sich besser hier auskennt, als ich. Na, und nachdem ich inzwischen alles gesehen habe, freue ich mich über die neuen Seelen, die hier eintreffen. Ich zeige ihnen den Himmel und lerne sie dabei kennen. Perfekt!“
Edgar bemerkte, dass so gut wie jeder von Freds Sätzen neue Fragen für ihn aufwarf. Um sich nicht selbst zu verwirren, beschloss er, beim Thema zu bleiben. „Gut und schön, aber warum wartest du in einer Straße auf mich, in der mein Haus stehen könnte?“
Fred blinzelte einige Male, dann kicherte er. „Die Gegend hier hat vollkommen anders ausgesehen, bevor du eingetroffen bist.“
„Das verstehe ich nicht. Ich hatte mir doch nur gewünscht, mit jemandem zu reden, nichts weiter. Der Wunsch wurde im Laufe der Zeit immer stärker und stärker …“
„… bis er stark genug war, um dich zu materialisieren.“
Edgar sah Fred mit großen Augen an. „Ach, so ist das! Das heißt, mein Aufenthalt im Einheitsweiß diente dazu, meinen Wunsch nach Veränderung stark genug werden zu lassen?“
Fred lachte wieder gackernd. „‚Einheitsweiß’, nicht schlecht! Nein, es läuft anders. Wenn ich einmal raten darf: Du warst als Mensch nicht besonders gläubig, habe ich Recht?“
„Das stimmt, aber wie kommst du darauf?“
„Alle, die nicht besonders gläubig sind, irren lange Zeit im Zwischenraum … im Einheitsweiß herum, nachdem der Silberfisch sie hier heraufgeschickt hat. Frag mich nicht warum, es ist so.“
„Vielleicht eine Art Prüfung, um die Würdigkeit zu testen?“
„Nein, sicher nicht! Prüfungen sind was für die Lebenden, so etwas gibt es hier überhaupt nicht. Aber zurück zum Thema. Du hast dir jemanden gewünscht, mit dem du reden kannst, wusstest aber nicht, dass Wünschen hilft, richtig?“
„Richtig.“
„Also dauerte es einige Zeit, bis deine Abneigung gegen die Einsamkeit so groß wurde, dass die Intensität deines Wunsches die nötige Stärke erreichte. Erst dann lichtete sich das Einheitsweiß für dich.“
„Was hat das mit dieser Straße hier zu tun?“
„Vertraute Umgebung. Wenn man mit jemandem reden will, tut man das am liebsten in einer vertrauten Umgebung.“
„Du meinst, die Umgebung war in meinem Wunsch unbewusst inbegriffen?“
„Mach keine Wissenschaft daraus, du bist Physiotherapeut, nicht Psychotherapeut. Es ist doch völlig egal, warum das so funktioniert, Hauptsache es funktioniert so. Aber das ist ein beliebtes Problem von euch Neuankömmlingen: Ihr hinterfragt alles und wollt alles erklärt haben. Vergiss es, Ede, okay? Das hier ist der Himmel, das hier ist die Ewigkeit. Es ist völlig wurscht, warum das alles so ist, wie es ist. Du musst hier nichts tun, du musst nur in dich hineinfühlen und dir wünschen, was dein Herz gerade begehrt. Mehr brauchst du nicht zu wissen.“
„Und wenn es mein Wunsch ist zu wissen, wie das alles funktioniert, was dann?“
Fred zuckte mit den Schultern. „Dann wird er dir erfüllt, was sonst?“
Er setzte sich wieder in Bewegung, doch Edgar blieb stehen. Er brauchte ein paar Sekunden, um all das zu verdauen, was sein neuer Begleiter ihm erzählte. Eines zumindest schien er, wenn auch langsam, zu begreifen: Er war nun im Himmel. Fred hatte Recht, einen besseren Ort für dieses Gespräch als diese Straße hätte Edgar sich nicht wünschen können. Ein Schauer des Glücks überkam ihn und er wandte seinen Blick nach oben, wo die Giebel der Häuser in das unendliche Weiß ragten.
„Von mir aus müsste der Himmel nicht weiß sein“, stelle er fest.
„Von mir aus auch nicht“, erwiderte Fred, „ändere es doch, das alles hier gehört zu deinem Wunsch.“
Edgar sah ihn erstaunt an. „So einfach geht das? Ich muss mir nur einen tiefblauen Himmel mit Frühlingssonne und ein paar Schönwetterwolken wünschen und schon tritt es ein?“
Fred sah Edgar in einer Weise an, die dieser als ausdruckslos bezeichnet hätte, wäre das bei Fred überhaupt möglich gewesen. Tatsächlich hatte Edgar festgestellt, dass, wann immer er in Freds Gesicht sah, irgendetwas darin zuckte; eine Augenbraue, ein Mundwinkel, ein Nasenflügel oder was auch immer.
„Sieh doch hin“, antwortete Fred.
Edgar blickte wieder nach oben und stellte fest, dass er unter dem schönsten Frühlingshimmel stand, den er sich nur vorstellen konnte. Er staunte über die unglaubliche Perfektion in allen Details, die er niemals hinbekommen hätte, hätte er diese einzeln gestalten und anordnen müssen.
Als sein Staunen nachließ, wurde ihm bewusst, dass er sich tatsächlich keinen schöneren Frühlingshimmel vorstellen konnte. Denn hätte er es gekonnt, wäre dieser über ihm erschienen und nicht der, den er nun sah. Völlig überwältigt stammelte er: „Das ist ja … das ist ja …“
Fred trat nahe an ihn heran und raunte ihm zu: „Der Himmel, ich weiß.“

Roland Zingerle

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Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 4: Das unendliche Weiß

Kapitel 4: Das unendliche Weiß

Edgar ist allein im unendlichen Weiß. Verzweifelt fragt er sich, womit er eine solche Bestrafung verdient hat.

Doch sein Lebenslicht erlosch nicht. Sein Zustand der puren, ausschließlichen Existenz veränderte sich nicht und das schon über einen quälend langen Zeitraum. Edgar konnte nicht sagen, wie viele Tage es waren, die er nun schon hier war, die unabänderliche Gleichförmigkeit seiner Umgebung und das Fehlen menschlicher Bedürfnisse wie Müdigkeit oder Hunger machten es ihm unmöglich, den Verlauf der Zeit einzuschätzen. Als besonders qualvoll empfand er seine völlige Ohnmacht, von der einzig sein Verstand ausgenommen war. Doch der Verstand war nur für den ein Verbündeter, der mit seiner Umwelt interagierte. Ohne die Rückmeldung von außen jedoch hing er sich in einer Endlosschleife von immer denselben Gedanken auf und wurde damit zu einem Feind.
Edgar glaubte schon längst nicht mehr daran, Zeuge einer biochemisch verursachten Übergangsvision seines Gehirns zu sein, er war mittlerweile zu einer völlig anderen Erkenntnis gelangt: Da sein anfängliches Glücksgefühl rasch abgeklungen war, ging er davon aus, dass es nicht durch das unendliche Weiß verursacht worden war, in dem er schwebte und dessen Teil er war. Viel eher war es wohl so, dass er mit dem Abstreifen seines Geistkörpers und seinem Sichauflösen in dem Weiß ein bisher nicht gekanntes Gefühl absoluter Freiheit erlebt hatte, das ihn – zumindest vorübergehend – glücklich gemacht hatte.
Auch hatte er bald festgestellt, dass das unendliche Weiß nicht so einheitlich war, wie er es anfangs wahrgenommen hatte. Ihm war aufgefallen, dass es in einem bestimmten Areal heller war, als in der restlichen Region um ihn herum, und auch wenn der Unterschied nur sehr gering ausfiel, so war er doch eindeutig erkennbar. Es war, als befände Edgar sich in einer dicken Nebelbank, die von der Sonne zum Leuchten gebracht wurde und dort am hellsten war, wo die Sonne am Himmel stand. Dieser Helligkeitsunterschied machte es Edgar überhaupt erst möglich festzustellen, dass er sich in jede beliebige Richtung drehen konnte. Nicht feststellbar war hingegen, ob er sich von der Stelle bewegte, denn der Lichtfleck war offenbar zu weit entfernt, um hier als Bezugspunkt zu dienen. Egal, ob er sich einbildete schnell oder langsam, vorwärts oder rückwärts, nach rechts, links, oben oder unten zu schweben, er konnte nicht überprüfen, ob er sich tatsächlich vom Fleck bewegte. Irgendwann richtete er sich auf den Lichtfleck aus, konzentrierte sich darauf, möglichst rasch auf ihn zuzuschweben und behielt diese erhoffte Bewegung für eine lange Zeit bei. Geschätzte zwölf Stunden später hatte sich nichts verändert, entweder kam er nicht von der Stelle, oder der Lichtfleck war tatsächlich so weit entfernt, dass sein zurückgelegter Weg nicht ausreichte, um ihn nun perspektivisch größer erscheinen zu lassen.

Edgar beendete seine Versuche und sank in große Verzweiflung. Wenn er seine Bewegung nicht wahrnehmen konnte, so machte er sich klar, war es egal, ob er diese Fähigkeit besaß oder nicht, denn in dem Fall konnte sie ihn nirgendwohin bringen.
Noch schlimmer als seine faktische Bewegungsunfähigkeit war für ihn die Ungewissheit, was das alles hier sollte – und der Umstand, dass er mutterseelenallein war. Ungewissheit an sich ließ sich ertragen, wenn man jemanden hatte, mit dem man sie teilen konnte. Doch ohne ein Gegenüber fühlte sich Edgar wie eine Ameise, die auf einem Streichholz am Ozean trieb.

Doch es wurde noch schlimmer. Da er darauf angewiesen war, selbst eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn seiner Situation zu finden, keimte die Erkenntnis in ihm auf, dass er sich hier auf einer Art Strafbank befand. Seine gesamte Existenz hier war auf sein Bewusstsein beschränkt und seine gesamte Wahrnehmung auf das unendliche Weiß. Das ergab nur einen Sinn, wenn er dieses Quasi-Nichtsein bewusst erleben musste. Was Edgar allerdings nicht verstand, war der Grund für diese Bestrafung. Nichts, was er in seinem Leben getan oder unterlassen hatte, war schlimm genug gewesen, dass er eine solche Strafe verdient hätte und falls doch, war ihm das nicht bewusst. Irgendjemand musste ihm also erklären, womit er sich versündigt hatte, denn solange er das nicht wusste, hatte seine Bestrafung überhaupt keinen Sinn.
Indem Edgar darüber nachdachte, welches Fehlverhalten ihm hier möglicherweise zur Last gelegt wurde, kam ihm eine Reihe von Ideen, die er selbst für gleichermaßen denkbar wie abstrus hielt. Zum Beispiel konnte es sein, dass er hier vielleicht gar kein persönliches Vergehen büßte, sondern ein kollektives; etwa weil er einer Gesellschaft angehört hatte, die aktiv dazu beitrug, den natürlichen Lebensraum der Erde zu zerstören, weniger entwickelte Gesellschaften auszubeuten, Tiere für Profit zu quälen und so weiter. Oder vielleicht war es so, dass der Himmel nicht von einem guten, sondern von einem bösen Gott regiert wurde. Oder von einem Pulk höher entwickelter Wesen, die hier ein gigantisches Experiment durchführten.

All diese gedanklichen Konstrukte hatten eines gemeinsam: Edgar konnte sie weder beweisen noch widerlegen.

***

Auch wenn Edgar nicht einschätzen konnte, wie schnell die Zeit verlief, so ging sie doch nicht spurlos an ihm vorüber. Es waren wohl Wochen vergangen, seit er hier angekommen war, wenn nicht gar Monate, und je länger er im unendlichen Weiß des Jenseits festsaß, je verzweifelter wurde er. Er wusste von Experimenten, in denen Wissenschaftler ihre Versuchspersonen der völligen Reizlosigkeit aussetzten, wobei schon nach wenigen Minuten erste Visionen bei den Probanden einsetzten. Das menschliche Gehirn war offenbar nicht für eine Umgebung ohne Reiz gebaut. Zwar hatte Edgar kein Gehirn mehr – was vielleicht der Grund dafür war, dass Visionen bei ihm ausblieben –, doch war er eine Umgebung gewohnt, die alle Sinne ansprach.
Und als wäre das Fehlen von Sinnesreizen nicht schlimm genug, war Edgar auch noch zu völliger Hilflosigkeit verdammt; egal was er tat oder unterließ, nichts veränderte seine Situation. Dass er aufgrund dieser Umstände nicht wahnsinnig wurde, führte Edgar darauf zurück, dass jene höhere Macht, die ihn hier festhielt, sein Leiden verlängern wollte. Schließlich war er bereit, seiner Existenz ein Ende zu setzen, doch an Selbstmord zu denken allein reichte offenbar nicht aus – und andere Möglichkeiten hatte er nicht.
Edgar erinnerte sich, dass es einen Namen für einen Ort gab, an dem eine Seele bis in alle Ewigkeit Qualen über sich ergehen lassen musste. Man nannte ihn allgemein „Hölle“.

***

Wann genau der Zeitpunkt war, ab dem ihm alles egal wurde, konnte Edgar im Nachhinein nicht mehr festmachen. Er bemerkte nur, dass er sich mit seiner Situation offenbar abgefunden hatte, denn sein Hiersein hatte mit einem Mal jeglichen Schrecken verloren. Es war anscheinend tatsächlich so, wie es der Silberne gesagt hatte: Erkannte man erst, dass es nichts mehr zu erledigen gab, wurde die Ewigkeit zu einem Zustand, den man so hinnahm, was er war. Zwar empfand Edgar ihn auch weiterhin nicht als schön, doch war es so besser, als ständig gegen die Sinnlosigkeit der puren, tätigkeitslosen Existenz seiner Seele aufzubegehren.
Was sich nicht verflüchtigt hatte, war seine schreckliche Einsamkeit, im Gegenteil, sie verstärkte sich immer mehr. Mittlerweile mochten seit seiner Ankunft im ewigen Weiß mehrere Monate vergangen sein, Monate, in denen Edgar vorwiegend an seine Familie gedacht hatte. Er vermisste sie unglaublich und fragte sich immer wieder, wie Heike wohl ohne ihn zurechtkam, welche Arbeit sie gezwungenermaßen angenommen hatte und wer sich während ihrer Arbeitszeit um die Kinder kümmerte. Er sorgte sich um sie, auch wenn er wusste, wie sinnlos das war, denn egal, was mit ihm hier noch passieren würde, zurückkehren würde er nicht. Das war so sicher wie der Umstand, dass sein Körper gerade irgendwo anderthalb Meter unter einer Grabplatte verfaulte. Das alles änderte aber nichts daran, dass seine stärksten Gefühle und Erinnerungen seiner Familie galten und da es nichts gab, das ihn ablenkte, war er den Gedanken an sie hilflos ausgeliefert.
Ab und zu, in froheren Momenten, dachte er auch an seine Freunde. Er stellte sie sich am Fußballplatz vor und in ihrer Stammkneipe nach dem Training. Jeder von ihnen war auf seine Weise verrückt und ihre Verrücktheiten potenzierten sich, wenn sie gemeinsam um die Häuser zogen.
Ab und zu dachte er auch an Tommi, doch diese Gedanken verdrängte er schnell wieder, denn zu groß war sein Hass auf ihn. Er konnte ihm nicht verzeihen, dass er ihn getötet hatte, auch wenn es ohne Absicht geschehen war und die Tatsache, dass sich immer auch ein schlechtes Gewissen dazumischte, weil Edgar ja nicht in sein Auto hätte steigen müssen, verschlimmerte seinen Hass nur noch mehr. Dennoch hätte er gerne gewusst, ob Tommi den Unfall überlebt hatte und was mit ihm geschehen war.

Mehr als alles andere wünschte sich Edgar, eine andere Seele oder sonst ein Wesen zu treffen, mit dem er sich austauschen konnte, denn die Einsamkeit brachte ihn fast um.
Eines Tages glaubte er, im unendlichen Weiß etwas aufblitzen zu sehen. Für die Dauer eines Wimpernschlags, so war es ihm vorgekommen, hatte er einen Schimmer mehrerer Farben gesehen. Er tat diese Erscheinung als Einbildung ab, doch geraume Zeit später – es mochten einige Tage vergangen sein – erlebte er dieses Phänomen wieder, diesmal für die Dauer etwa einer Sekunde. Während dieser Zeitspanne erblickte Edgar den Ausschnitt einer Landschaft, eine grüne Wiese vor einem Wald, zu dem sich ein schmaler Pfad hinschlängelte. Die Erscheinung hatte in etwa die Größe einer mittleren Kinoleinwand und ihr Rand war unregelmäßig und lief in zunehmender Durchsichtigkeit zum Weiß hin aus.
Da wusste Edgar, dass er sich nicht getäuscht hatte. Seine Hoffnung, das unendliche Weiß würde löchrig werden und eine andere Welt durchlassen, schien sich zu erfüllen, denn in der Folge traten solche Erscheinungen immer häufiger auf. Dann war es schließlich soweit: Mit einem Mal wurde das Weiß schräg unter Edgar durchsichtig und gab den Blick auf die Alleebäume und niederen Häuser einer Wohnstraße frei.
Edgar war über diesen Anblick so erleichtert, wie schon lange nicht und ihn überkam eine Freude, wie er sie das letzte Mal gefühlt hatte, als das unendliche Weiß ihn in sich aufgenommen hatte. Als er versuchte, sich auf die Erscheinung zuzubewegen, erlebte er zum ersten Mal, dass es klappte. Er schwebte zu der Wohnstraße hin und je näher er kam, je kräftiger wurden ihre Farben und Konturen. Mitten auf der Straße nahm Edgar eine menschliche Gestalt wahr, die sich bei seinem Näherkommen als junger Mann entpuppte. Dieser stand da, sah zu Edgar, der aus seiner Perspektive aus dem Himmel geschwebt kam, grinste und winkte ihm zu.
Edgar landete vor dem Mann und sah sich irritiert um. Nicht nur, dass er mit einem Mal wieder menschliche Gestalt hatte, auch der Himmel über ihm hatte sich geschlossen. Wohin er auch blickte, kein Quäntchen des ewigen Weiß war mehr zu sehen, die Wohnstraße, in der er gelandet war, sah genauso aus wie jene, in der er mit seiner Familie gewohnt hatte.
Der Mann vor ihm grinste noch immer. Er war ein hagerer Kerl Anfang zwanzig mit einer dickrandigen Brille und der Kleidung eines Teenagers, der nun Edgars rechte Hand schnappte und enthusiastisch schüttelte. „Willkommen, willkommen“, sagte er eifrig, „ich freue mich, dich kennenzulernen. Mein Name ist Fred.“

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Kapitel 3: Himmel oder Hölle

Kapitel 3: Himmel oder Hölle

Edgar wird Teil der Glückseligkeit – aber nicht lange.

Da Edgar nun imstande war, die Lebenden von den Toten zu unterscheiden, fiel ihm auf, wie viele Tote oder in einem Zwischenzustand von Leben und Tod befindliche Seelen sich allein in seiner Sichtweite befanden. Etwas weiter gangaufwärts stand ein Krankenbett, in dem regungslos die Seele einer alten Frau lag. Dahinter schlurfte gebückt die Seele eines älteren Mannes heran, die bei jedem – egal ob lebend oder tot – stehenblieb und bettelnd die Hand aufhielt. Gangabwärts saßen zwei Seelen auf Besuchersesseln, die den Eindruck erweckten, sie würden miteinander Schach spielen, obgleich sich kein Brett zwischen ihnen befand. Vor ihnen, in der Mitte des Flurs, stand die Seele einer Frau mittleren Alters, die jeden Menschen an- und somit durch ihn hindurch sprang, der an ihr vorbeikam; anscheinend eine Art Zeitvertreib.
Edgar fragte sich, wie viele dieser Seelen sich ihrer Situation bewusst waren und nur darauf warteten, bis ihre Körper starben oder reanimiert wurden. Irgendwie fühlte er sich wie in der Wartehalle eines Bahnhofs, von dem Züge ins Leben oder in die Ewigkeit abfuhren.
Wenn aber schon auf diesen paar Metern so viele Seelen wandelten, so überlegte Edgar weiter, wie viele mussten es dann im ganzen Krankenhausareal sein? Wenn er daran dachte, wie oft er zu seinen Lebzeiten beruflich in Krankenhäusern unterwegs gewesen war: Wie viele solcher Seelen hatte er wohl angetroffen, ohne es geahnt zu haben? Wie viele von ihnen hatten ihn wohl um Hilfe gebeten, waren durch ihn hindurchgegangen oder hatten ihm aus Langeweile ein Bein gestellt?
Und wie viele waren es außerhalb des Krankenhauses? Die ganze Stadt musste nur so von Seelen wimmeln, die ihre Lage nicht begriffen oder die an ihre dahinsiechenden Körper gebunden waren. Sie irrten auf den Gehwegen und in den Einkaufszentren umher, kreuzten die Pfade der Lebenden, saßen unentschlossen und verständnislos in Parks und Wartezonen und wussten nicht, dass sie tot waren oder wann sie es sein würden.
„Wie schrecklich“, entfuhr es Edgar.
Der Silberne schien seine Gedanken zu lesen, denn er erklärte: „Solche Seelen sind die Ausnahme, nicht die Regel. Vergiss nicht: Ein Krankenhaus ist ein Ort, an dem die meisten Leben enden und durch die medizinische Behandlung gibt es hier auch die meisten Zwischenstufen zwischen Leben und Tod. Da häufen sich solche Schicksale.“
Edgar musterte seinen silbernen Sitznachbarn und fragte sich mit einem Mal, wer er wohl war, dass er so viel wusste. Er betrachtete seine sachte pulsierende Aura und stellte fest, wie wundervoll sich der schiere Anblick dieses fließenden Schimmerns anfühlte. Mit einem Mal wusste er die Antwort: „Du bist ein Engel, habe ich Recht?“
„Ich bin dein Begleiter. Ich bringe dich nach drüben.“
„Ein Engel, der mich in den Himmel bringt.“
„Ich habe viele Namen in den verschiedenen Kulturen.“
„Was muss ich tun?“
„Du musst innerlich dazu bereit sein, diese Welt zu verlassen.“
„Woran erkenne ich, dass ich so weit bin?“
„Daran, dass dich nichts mehr hier hält.“
Edgar seufzte tief und zitternd. Er dachte an seine Frau und seine Kinder; sie waren die Einzigen, die ihn im Diesseits gehalten hätten. Aber wenn er bisher etwas verstanden hatte, dann, dass er nicht mehr an ihren Leben teilhaben konnte. Und die Vorstellung, als unsichtbarer Außenstehender zuzusehen, wie sie trauerten, wie sich Heike schließlich einen neuen Mann suchen und Matthias und Anni heranwachsen würden, ohne ihn auch nur wahrzunehmen, war für Edgar unerträglich schmerzhaft. „Ich glaube, ich bin hier fertig“, sagte er darum.
„Möchtest du dich noch von jemandem verabschieden? Oder möchtest du dich bei jemandem entschuldigen?“
Edgar schüttelte bereits den Kopf, noch während er überlegte. Die wichtigsten Rechnungen waren beglichen und vor dem Abschiedsschmerz hatte er große Angst. Freilich hätte er gerne noch einmal seine Eltern gesehen, doch er getraute sich nicht. Mittlerweile hatte Heike sie längst über seinen Tod informiert und wahrscheinlich saßen gerade alle beisammen und trauerten in schierer Verzweiflung um ihn. Edgar würde es nicht ertragen können, sie das letzte Mal in diesem Schmerz zu sehen, einem Schmerz, den er verursacht hatte und den er nicht mindern konnte. Da würde er sie lieber so in Erinnerung behalten, wie sie für ihn waren: fröhlich, stark, zuversichtlich – und etwas eigensinnig.
Ansonsten waren ihm nur noch die Kollegen aus der Arbeit und die Freunde vom Fußballverein nahe, doch die einen hatte er gestern bei der Karnevalsparty getroffen und die anderen hatten vom Verein aus gefeiert. Die beiden Feste hatten sich jedes Jahr überschnitten, weshalb Edgar sie immer abwechselnd besucht hatte. Vermutlich bekämpften alle, die ihm lieb waren, gerade ihre Kater mit Bier oder Prosecco und machten niveaulose Witze. Das hätte Edgar zwar gefallen, doch wäre er auch hier nur ein Zaungast gewesen. Es war kein echter Abschied, wenn nur eine Seite Lebewohl sagte.
„Nein“, wisperte er, „ich glaube, ich bin hier fertig.“ Eine tiefe, alles einnehmende Traurigkeit umfing ihn. Er begriff, dass er jetzt gehen musste und dass alles, was er bisher gekannt und getan hatte, in wenigen Augenblicken nicht mehr sein würde, als Erinnerung.
„Es ist in Ordnung.“ Der Klang der Stimme des Silbernen beruhigte Edgar und er spürte, dass sein Begleiter ihn an der Schulter berührte. Es fühlte sich warm an, herzenswarm, schenkte Edgar ein Gefühl von Trost und Zuversicht. Er blickte noch einmal den Gang hinauf und sah, wie eine Pflegerin eine junge, anscheinend unversehrte Frau am Arm führte, die bitterlich weinte.
„Bitte nehmen sie hier Platz“, sagte die Pflegerin mitfühlend, „wir geben Ihnen Bescheid, sobald wir Näheres wissen.“
Edgar erkannte, dass das Schicksal gerade nach dem Nächsten griff und spürte tiefes Mitleid mit der jungen Frau. Er hoffte inständig, sie würde eine bessere Nachricht bekommen als Heike. Die Junge setzte sich langsam, nicht ahnend, dass sie dabei den Platz eines der Schachspieler einnahm, den das aber nicht zu kümmern schien.

Als Edgar bemerkte, dass die Umgebung heller wurde, glaubte er zunächst, die Gangbeleuchtung würde hinaufgedimmt, doch dann erkannte er, dass seine Wahrnehmung von der körperlichen Welt schwächer wurde. Die Kontraste schienen sich langsam in einem Nebel aus weißem Licht aufzulösen. Dieses immer intensiver werdende Weiß hatte jedoch nichts Störendes an sich, im Gegenteil, es wirkte auf Edgar wie ein Licht gewordenes Glücksgefühl, das ihn immer mehr und mehr in sich aufnahm. Er sah sich zum Silbernen um, doch dieser war verschwunden, an seiner Stelle befand sich nun der hellste Punkt des Lichts.
War das der Tunnel, von dem die Menschen nach Nahtoderfahrungen berichtet hatten, sie seien durch ihn hindurch ins Jenseits gelangt? Edgar hätte dieses Licht zwar nicht als Tunnel beschrieben, konnte aber verstehen, dass es als ein solcher aufgefasst werden konnte. Es war auch nicht so, dass er durch das Licht hindurchging, viel mehr breitete sich die Lichtquelle mehr und mehr aus und nahm ihn dadurch mehr und mehr ein, bis er schließlich vollends von diesem Weiß umhüllt, aufgenommen und durchdrungen war, das sich wie die Essenz von Wärme und Glückseligkeit anfühlte.

Edgar hatte sich nie wirklich für Religion interessiert. Er hatte Ostern gefeiert und Weihnachten und er hatte sich gefreut, wenn ihm ein kirchlicher Feiertag einen arbeitsfreien Tag bescherte, doch hätte man ihn gefragt, wie der jeweilige Feiertag hieß oder gar, welche Bedeutung er hatte, hätte er mit nicht mehr als einem gleichgültigen Schulterzucken antworten können. Sowohl seine als auch Heikes Familie hatten durchaus traditionsverbunden gelebt, aber weder seine noch Heikes Eltern waren gläubig genug gewesen, um in die Kirche zu gehen und deshalb hatten Edgar und seine Frau es genauso gehalten.

Und jetzt war er hier, im Himmel. Seine Seele schwebte darin, mehr noch: Sie war ein Bestandteil davon, wie ein Wassertropfen Bestandteil des Ozeans war. Er nahm sich selbst nicht mehr als menschlichen Körper wahr, sondern als gestaltlosen Teil seiner Umgebung. Und diese Umgebung war reines Weiß, hell und warm, und mehr ein Zustand als ein Sinneseindruck. Der Himmel hatte keine Farbe, er war ein Gefühl; ein Gefühl von unendlicher Geborgenheit und Glück.

Zeit seines Lebens hatte Edgar all jene mitleidig belächelt, die an so etwas wie einen Himmel, den lieben Gott und die Engel geglaubt hatten, hatte auf sie herabgeblickt und sich dadurch aufgeklärter gefühlt, erwachsener, vernünftiger. Wann immer er gefragt worden war, was er nach seinem Tod zu erwarten glaubte, hatte er mit dem Brustton der Überzeugung geantwortet, dass nach dem Leben nichts mehr käme. Leben war für ihn immer körperlich gewesen, ein Bereich, den er wahrnehmen und verändern konnte. Die Vorstellung anderer Menschen, ein Teil ihres Seins könne die irdische Existenz überdauern, hatte er als Produkt der Angst vor dem ewigen Nichts abgetan. Wenn er jetzt daran dachte, kam er sich klein und arrogant vor. Er verstand jetzt, dass er unter den Deckmantel der Vernunft gekrochen war, um Glaubensvorstellungen als Kindermärchen wegargumentieren zu können, so wie er immer schon alles Mysteriöse, Wunderbare und Unerklärliche aus seinem Leben verbannt hatte, das sich seiner Kontrolle entzog. Dabei, und auch das erkannte er erst jetzt, war selbst die Vernunft nichts anderes als ein Glaube. Schließlich musste man auch an sie glauben und sie leben, damit sie wahr wurde und geglaubt hatte Edgar an sie. Er hatte geglaubt, durch sie sicher zu sein, weniger dem Schicksal ausgeliefert, mehr in der Lage, die Dinge zu verändern. Er hatte nicht wissen können, was er jetzt wusste, als seine Seele mit der Ewigkeit eins war, nämlich, dass es nichts zu verändern gab, weil alles perfekt war, so wie es war.

Als Edgar spürte, dass seine erste Euphorie abflaute, versuchte er sie künstlich aufrechtzuerhalten, so lange, bis er sich eingestehen musste, dass er sich selbst belog. Doch weder konnte noch wollte er akzeptieren, dass seine Situation, dieses Einssein mit der Unendlichkeit, der endgültige Zustand sein sollte. Spätestens als seine Irritation in Unmut umschwenke, war er sich sicher, dass dies nicht das Leben nach dem Tod sein konnte, nicht, wenn Gott ein gutartiges Wesen war. Wie sollte er so die Ewigkeit verbringen, wenn er sich schon nach kurzer Zeit so sehr an das endlose Glück gewöhnt hatte, dass es ihm fade erschien?
Ehe Edgar es sich versah, schlichen sich Zweifel ein. War er möglicherweise gar nicht im Himmel? Er erinnerte sich einer Theorie, die besagte, dass Nahtoderfahrungen Sinnestäuschungen waren. Ihr zufolge waren Übergangs- und Himmelsvisionen nichts weiter als Hirngespinste, ausgelöst durch Endorphine, die ein sterbender menschlicher Körper ausschüttete, um den Übergang vom Leben zum Tod erträglich zu gestalten. Ähnlich wie ein Traum dem Verstand in wenigen Sekunden tagelange Zeitperioden vorgaukeln konnte, dauerten solche Übergangsvisionen nur kurz an und flauten ab, bis das Lebenslicht erlosch. Wenn das stimmte, fiel Edgar hier auf einen Schwindel seines eigenen Gehirns herein. Dann lag sein Körper erst seit einem kurzen Augenblick zerschmettert im Straßengraben oder befand sich gar noch in der Situation des Aufpralls und sein Kopf flog gerade von der Nackenlehne auf die Windschutzscheibe zu. Alles, was er seither erlebt hatte, war Einbildung gewesen und ein Leben nach dem Tod gab es nicht.

Umso mehr Edgar über diese Theorie nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien sie ihm. Er hatte auf seinen toten Körper herabgeblickt und dann war ihm ein Engel erschienen, der ihm den Weg durch einen Tunnel ins Licht des Jenseits gewiesen hatte. All das kannte er aus den Erzählungen derer, die zurückgekehrt waren. Gut, viele von ihnen hatten auch erzählt, sie seien im Jenseits von verstorbenen Verwandten oder von einem Lichtwesen empfangen worden. Das war Edgar zwar nicht widerfahren, doch konnte er sich durchaus vorstellen, dass dieses Gefühl der Vertrautheit, das er in seinem Schwebezustand hier empfand, als Verwandtschaft interpretiert werden konnte. Waren all das Elemente einer Übergangsvision? Wenn ja, dann tat Edgar hier nichts anderes als darauf zu warten, dass sein Lebenslicht erlosch.

Roland Zingerle

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