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Kapitel 1: Edgars Tod

von

Edgar muss erkennen, dass sein Tod nicht verhandelbar ist.

Was nach dem Tod passiert? Manche Menschen glauben, sie würden durch einen Tunnel gehen, an dessen Ende ihre verstorbenen Verwandten warten. Andere glauben, sie würden ihr vergangenes Leben vor sich ablaufen sehen und danach von Gott gesagt bekommen, welche ihrer Taten gut waren und welche nicht. Wieder andere glauben, sie würden wiedergeboren werden, wieder andere, nach dem Leben käme nichts mehr und wieder andere glauben nicht, dass es so etwas wie einen Gott überhaupt gibt.

Für Edgar Schmied begann das Leben nach dem Tod mit einem gewaltigen Rumms. Danach fand er sich in einem Krankenhaus wieder, sah an sich hinab und wunderte sich darüber, dass ihm nichts passiert war, wie gut er sich fühlte und wie er hierhergekommen war. Er saß auf einem Besuchersessel am Gang, neben ihm seine Frau Heike mit seinen beiden kleinen Kindern, die ihn aber alle ignorierten. Edgar führte das darauf zurück, dass Heike wütend auf ihn war, weil er seine am Vorabend gegebenen Versprechen nicht eingehalten hatte: nicht zu lange auszubleiben und nicht zu viel zu trinken. Nun weinte sie, wohl weil sie sich Sorgen um ihn gemacht hatte, wie Edgar glaubte, und er beschloss, sich erst dann bei ihr zu entschuldigen, wenn sie bereit dazu war.

Dann fragte er sich, worauf sie hier warteten und dann, was seit dem Verkehrsunfall passiert war und deshalb begann er, den vorangegangenen Abend noch einmal revuepassieren zu lassen. Tommi hatte ihn von zuhause abgeholt und sie waren gemeinsam zu der Karnevalsparty seiner Firma gefahren. Alle waren verkleidet und Edgar fiel auf, dass sich ausgerechnet jene Kollegen die phantasievollsten Verkleidungen angelegt hatten, denen er am wenigsten Phantasie zugetraut hatte. Die Party begann in kleinen Runden, wer sich kannte, stellte sich zusammen und die Stimmung war von Anfang an gut. Je mehr Gläser Sekt Edgar trank, je mehr schwamm sein Versprechen dahin, sich nicht zu betrinken und je mehr lachte er. Als die Musik lauter gedreht wurde, verließ er seine kleine Runde, um tanzend Kolleginnen kennenzulernen, die er entweder gar nicht oder nur vom Sehen her kannte und die ihre weiblichen Kurven in ein sexy Kostüm verpackt hatten.

Im Rückblick bekam Edgar ein schlechtes Gewissen deswegen, doch versuchte er dieses zu beruhigen, indem er sich sagte, er hätte nichts getan, was seine Ehe gefährden hätte können.

Um Mitternacht stellte sich die Frage nach dem Nicht-zu-lange-Ausbleiben nicht mehr und irgendwann, viel später, lichteten sich die Reihen zusehends, bis auch der harte Kern genug hatte.

„Komm, ich fahr dich nachhause“, lallte Tommi.

„Du bist besoffen“, entgegnete Edgar.

„Selber“, lallte Tommi und das schien als Argument auszureichen, um das Auto zu nehmen.

Auch während der Fahrt hielt die gute Stimmung an. Tommi drehte sein Surround-System auf und beide sangen mit, so laut sie konnten. Als Tommi immer mehr beschleunigte und dann auch noch begann, im Rhythmus Schlangenlinien zu fahren, ermahnte Edgar ihn zur Vorsicht, was Ersterer nicht unwidersprochen hinnahm: „Was hast du? Das ist Fahrbahnökonomie! Ich nutze die Straße voll aus.“

Der Nebel wurde dichter, die Straße war teilweise vereist und Edgar bekam es selbst durch das Hochgefühl seines Rausches hindurch mit der Angst zu tun, sagte aber nichts mehr, er wollte nicht als Feigling dastehen. Dann geriet der Wagen ins Rutschen. Tommi johlte und lenkte dagegen, und als die Räder wieder Griff bekamen, beschleunigte der Wagen über den Fahrbahnrand hinaus.

Das waren Edgars letzte Erinnerungen: die raketenartige Beschleunigung, der im Scheinwerferlicht auftauchende Baum und dann dieser unglaubliche Rumms.

Wahrscheinlich, so dachte Edgar, hatte der Schock seine Erinnerung an die Zeit danach getilgt, wahrscheinlich hatte man ihn bereits untersucht und für in Ordnung befunden, wahrscheinlich warteten er, Heike und die Kinder nur noch auf den Befund. Ob Tommi auch so gut ausgestiegen war wie er?

Als er sich umsah, wuchs Edgars Erleichterung über seine vermeintliche Unversehrtheit immer mehr an, denn in diesem Krankenhaus wollte er nicht um alles in der Welt behandelt werden. Da stand eine ältere Frau mit einem Arm in der Schlinge mitten im Gang und versuchte vergeblich, vorbeigehendes Krankenhauspersonal auf sich aufmerksam zu machen. Ebenso ignoriert wurde ein Jugendlicher, der an der Wand am Boden saß und seine Beine in den Gang streckte; es grenzte an ein Wunder, dass noch niemand darüber gestolpert war.

Edgar seufzte, als sein Blick wieder auf seiner Frau fiel. Er verabscheute dieses Schweigen, wenngleich er wusste, dass er es momentan nicht ändern konnte. Wenn Heike wütend war, dann half nichts, dann musste er warten, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sein dreijähriger Sohn Matthias langweilte sich, er vollführte immer wieder dieselbe Bewegung: Er ging einen Schritt von seiner Mutter weg und ließ sich nach hinten gegen ihr Schienbein fallen. Anni, Edgars anderthalbjährige Tochter, schlief in Heikes Arm.

Es war nicht der Umstand, dass seine Frau den Kopf hob, als die Tür gegenüber aufging, die Edgar alarmierte, sondern die Art, wie sie es tat. Bange Aufmerksamkeit, Angst und Hoffnung, all das lag in dieser kleinen Bewegung. Der Arzt, der aus der Tür trat, mochte fünfzig Jahre alt sein, er hatte graumelierte Schläfen und war von Kopf bis Fuß weiß gekleidet. Sein Gesicht war unbeweglich, fast verschlossen, aber in seinen Augen lag etwas Endgültiges. Er sah Heike an, öffnete die Lippen, doch noch bevor er etwas sagen konnte, senkte sie das Gesicht in ihre freie Hand und begann hilflos zu weinen. Ihr Oberkörper zuckte in einem Schluchzen, das in so krampfhaften Stößen kam, dass sie beinahe daran zu ersticken schien. Zwischen den Krämpfen schnappte sie japsend nach Luft. Dadurch erwachte Anni und als sie ihre Mutter weinen sah, spiegelte sich Angst in ihren Augen und sie weinte ebenfalls los. Matthias lehnte an Heikes Schienbein und sah die beiden verständnislos und beunruhigt an.

Edgar war wie vor den Kopf gestoßen. Noch nie zuvor hatte er seine Frau so verzweifelt erlebt.

„Schatz“, sagte er bestürzt, doch sie schien ihn nicht wahrzunehmen. Instinktiv wollte er sie umarmen und trösten, doch Heike wirkte so tief in sich gekehrt, dass Edgar das Gefühl hatte, ausgesperrt zu sein, draußen bleiben zu müssen.

„Es tut mir sehr leid, Frau Schmied“, sagte der Arzt mit einer tiefen, mitfühlenden Stimme. Er hatte sich neben sie gesetzt und ihr tröstend die Hand auf die Schulter gelegt. In seinen Augen schimmerte Mitleid.

„Mama“, begann nun Matthias, „Mama, Mama!“ Er rüttelte an ihrem Schienbein und Heikes Hand folgte der Kontur seines Kopfes, fast ohne ihn zu berühren. Da begann auch er zu weinen, offensichtlich ohne zu verstehen warum.

„Ich will ihn noch einmal sehen“, wisperte Heike. Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche, mit dem sie ihre Tränen trocknete und sich die Nase putzte.

Tief in sich wusste Edgar, was geschehen war, doch er wollte es nicht wahr haben. Er grübelte, von wem hier die Rede sein konnte, als würde ein glaubhafter Name die Wirklichkeit verändern. Tommi wäre ein solcher Name gewesen, doch Heike kannte ihn kaum, es war nicht anzunehmen, dass sie seinetwegen hier war und weinte.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Arzt, Heike, Anni und Matthias zu folgen. In einem Operationssaal lag ein Mann auf dem OP-Tisch, der bis zum Hals mit einem weißen Tuch zugedeckt war; ein Mann, den Edgar kannte, auch wenn er ihn noch gar nicht richtig gesehen hatte.

„Geh da nicht hin“, keuchte er.

Seine Frau, die er aufhalten wollte, hatte beim Betreten des Operationssaals kurz gestockt, trat nun aber an den Tisch. Ihre Knie knickten ein, der Arzt packte geistesgegenwärtig ihre Schultern und hielt sie fest. Sie wankte für einen Augenblick, dann setzte sie zitternd Anni ab. Die Kleine wehrte sich dagegen und begann gellend zu schreien, doch zum ersten Mal in ihrem Leben war niemand da, der ihr Trost spenden konnte. Nicht einmal eine Mutter kann etwas geben, das sie selbst nicht besitzt. So klammerte sich Anni wie ihr Bruder an eines von Heikes Beinen und heulte, dass es im Operationssaal widerhallte. Heike tastete fahrig nach dem Rand des OP-Tisches, ergriff ihn, stützte sich darauf, um nicht zu fallen, atmete schwer, zitterte. Sie legte unbeholfen die Hände an das Gesicht des Toten, als wollte sie dieses streicheln. Dann schien sie ihn umarmen zu wollen und gleichzeitig zu verstehen, dass das nicht ging, nie wieder gehen würde. Da begann sie erneut zu schluchzen und am ganzen Körper zu beben.

Das war der Punkt, an dem es Edgar nicht mehr aushielt und an den Operationstisch trat. Als er seinen Leichnam sah, erfasste ihn eine Hilflosigkeit, wie er sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Dieser Anblick war so unumkehrbar, so endgültig.

„Das … das darf nicht wahr sein“, flüsterte er, „warum? Wegen einer Karnevalsparty? So etwas Sinnloses darf es doch gar nicht geben! Wer kümmert sich jetzt um Heike und die Kinder? Die brauchen mich doch.“

Das Gesicht seines toten Körpers war blass, an der Stirn und an einem Auge geschwollen. Die linke Gesichtshälfte war von einer grob verkrusteten Schnittwunde durchzogen und der Unterkiefer schien an einer Seite lose zu sein.

„Wer immer mich geschaffen hat“, flehte Edgar, „bitte lass das nicht zu. Mach eine Ausnahme, bitte, nur ein einziges Mal!“ Doch er wusste, es würde keine Ausnahme geben. Jede Reue und jedes Versprechen, es beim nächsten Mal besser machen zu wollen, waren vergebens. Es gab nichts, absolut nichts, was Edgar tun oder lassen konnte, um ungeschehen zu machen, was nun einmal geschehen war.

Er sah Heike an und bekam ein Gefühl, als würde sein Herz zerdrückt. „Ich habe dich immer geliebt“, flüsterte er, „deine Stärke und deine Natürlichkeit. Dass ich dich jetzt verlassen muss …“ Auch wenn er keinen Körper mehr hatte, versagte seine Stimme dennoch und er weinte bittere Tränen. „Matthias, mein tapferer Ritter“, fuhr er schließlich fort, „und Anni, mein kleiner Engel. Jede Sekunde mit euch war ein Geschenk. Jeder eurer Blicke, jedes Lächeln. Es … es zerreißt mir das Herz …“

Als er auch seine Familie weinen sah, wurde Edgar klar, dass diese Verzweiflung das Letzte sein würde, das sie je miteinander teilen würden. Zaghaft streckte er die Hand aus, wollte seine Frau, wollte seine Kinder ein allerletztes Mal berühren, doch es ging nicht.

Er wusste nicht, wie viel Zeit auf diese Weise verging, doch irgendwann ebbte Heikes Schluchzen ab. Sie richtete sich auf, nahm Anni auf den Arm, tröstete sie mit einem leisen „Schscht“, hockte sich zu Matthias und umarmte und streichelte ihn. „Ihr müsst jetzt stark sein, Kinder.“ Ihre Stimme klang zittrig, kehlig und nasal vom Weinen. „Ihr müsst euch von Papa verabschieden. Papa ist jetzt im Himmel.“

Sie hob Anni hoch, deren tränennasse Augen Edgars Leichnam apathisch ansahen. Sie winkte ihm mit ihrem Händchen zu und sagte traurig: „Baba.“

Dann hob Heike Matthias hoch, in dessen Blick Edgar las, wie genau er verstand, worum es hier ging. Er schniefte: „Mach’s gut, Papa“, dann verzerrte sich sein Gesicht zu einem neuen Weinkrampf.

Dann war Heike an der Reihe, sich zu verabschieden. „Mach’s gut, Edgar“, wispert auch sie, mit tränenerstickter Stimme und hauchte ihm einen letzten Kuss auf die Wange. „Danke für unsere gemeinsame Zeit. Ich liebe dich.“

Als sich seine Frau von seinem toten Körper abwandte und unsicheren Schrittes davon ging, Anni auf dem rechten Arm und Matthias an der linken Hand, da wusste Edgar, dass es vorbei war. Er sah seiner Familie nach, wie sie auf den Flur hinaus trat, langsam den Gang entlang zum Ausgang wankte und sich nicht mehr zu ihm umdrehte. Wozu auch? Sie wussten nicht, dass etwas Unsterbliches von ihm noch hier war, für sie war er für immer gegangen.

Aber Edgar konnte nicht fort. Irgendwie war er hier gebunden und dazu verdammt zuzusehen, wie seine Frau und seine Kinder ihn verließen. Er begann erneut zu weinen und zu flehen, sie sollten noch bei ihm bleiben, nur noch ein bisschen; nur noch einen Augenblick – doch die gläserne Schiebetür des Ausgangs öffnete sich vor und schloss sich hinter ihnen mit einer Endgültigkeit, die nur dem Tod zustand. Edgar wusste, er würde sie nie wieder sehen.

„Macht es gut“, schluchzte er ihnen hinterher. „Sei tapfer, kleiner Ritter, sei immer du selbst, kleiner Engel, sei stark, Heike. Und bitte, bitte vergesst mich nicht!“

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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