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Kapitel 10: Wandlungen

von

Über gewisse Dinge wird im Himmel nicht gerne geredet. Fred trennt sich von Edgar, und als dieser erfährt, wie lange er schon tot ist, zieht er sich in sein Refugium zurück.

„Aber wenn nun eine Seele einer anderen Schaden zufügt …“, begann Edgar, doch Fred unterbrach ihn:
„Aber genau das ist ja der springende Punkt: Keine Seele kann einer anderen Schaden zufügen, keine Seele kann eine andere zu irgendetwas zwingen! Wir Seelen sind in unseren Entscheidungen bedingungslos frei – mit einer einzigen Ausnahme: das ewige Gesetz.“
„Okay hör zu: Ich habe gesehen, wie eine riesige Gruppe von Seelen eine winzige Gruppe von Seelen beschimpft und bedroht hat. Aus meiner Erfahrung – als Mensch – passiert so etwas nur, wenn eine stärkere Gruppe einer schwächeren ihren Willen aufzwingen will. Wenn es sein muss, mit Gewalt. In dieses Bild passt es überhaupt nicht, dass keine Seele einer anderen Schaden zufügen kann.“
„Es ist doch ganz einfach: Wir Seelen sind unsterblich und man kann uns nicht verletzen. Unsere Gefühle vielleicht, ja, aber nicht uns als Erscheinungen. Daraus ergibt sich, dass keine Seele ein Druckmittel besitzt, um eine andere zu irgendetwas zu zwingen, was diese nicht will.“
„Außer, man ist ein Gott.“ Als Fred irritiert blinzelte, setzte Edgar nach: „Ich habe meinen ewig langen und unfreiwilligen Aufenthalt im unendlichen Weiß noch nicht vergessen!“
„Das ist wohl etwas anderes. Aber unter Seelen gilt, dass die eine die andere bitten muss, wenn sie sie zu einer bestimmten Handlung veranlassen will. Sie kann sie auch mit Argumenten unter Druck setzen und sie beschimpfen, aber wenn die bezeichnete Seele nicht will, kann niemand etwas dagegen unternehmen. Du hast es ja am Strand gesehen: Die Idioten wollten nicht hören und sind in ihren Untergang marschiert.“
„Woher willst du das wissen?“ Freds verdutzter Blick bestätigte Edgars Ahnung, dass Zweifel an diesem Thema nicht gerne gehört wurden.
„Weil es das ewige Gesetz ist“, gab Fred mit Nachdruck zurück.
„Woher weißt du das?“
„Was?!“
Freds Reaktion hatte den Charakter einer Drohung, doch das beeindruckte Edgar nicht. „Woher weißt du das?“, wiederholte er. „Als ich gestorben bin, hat mir niemand gesagt, dass ein solches Gesetz existiert. Woher also soll ich wissen, dass ich dagegen verstoße?“
„Hast du am Strand geschlafen, oder was?“ Fred schrie nun.
„Nein, ich habe einen aufgebrachten Mob gesehen, der eine Gruppe von Seelen gelyncht hätte, wäre das möglich gewesen. Was ich nicht gesehen habe, war Gott oder ein himmlischer Richter oder sonst jemand, der dieses Verhalten verlangt oder auch nur gut geheißen hätte.“
„Und wie nennst du die große Bestrafung?“
„Was weiß ich, vielleicht ein zufälliges Ereignis?“ Auch Edgar schrie nun.
„Das zufällig immer dann auftritt, wenn Seelen den Himmel verlassen?“
Edgar stockte für einige Sekunden, dann fragte er überrascht: „Du meinst, so etwas kommt öfter vor?“
„Oft wäre übertrieben, aber immer wieder einmal, ja.“
„Seelen verlassen den Himmel – obwohl sie wissen, dass sie dem Untergang geweiht sind?“
„Diese Damen und Herren nehmen alles in Kauf, nur um nicht mehr hier sein zu müssen.“
„Kommt dir das nicht seltsam vor? Ich meine, wie sagst du immer: Das hier ist der Himmel.“
„Ich weiß, aber es ist nun einmal so.“
Edgar wusste nicht, was er noch sagen sollte. Da sich Fred eine Golftasche herbeiwünschte und davonging, das Gespräch also offensichtlich nicht weiterführen wollte, beschloss Edgar, dieses Thema vorerst ruhen zu lassen. Auch er wünschte sich wieder eine Golfausrüstung und folgte Fred, kam aber nicht umhin festzustellen, dass der Himmel offenbar nicht für alle ein Paradies war.

* * *

Auch wenn die große Bestrafung noch nicht lange her war, so war sie von den Seelen im Himmel offenbar schnell vergessen worden. Auch Fred verhielt sich so, als sei nichts geschehen, er führte Edgar weiter durch die Sportstätten des Himmels. Als sie beim Bogenschießen waren – sie standen auf dem Gipfel eines Berges, schossen ihre Pfeile über kleinere Berge hinweg viele Kilometer in die Ferne und trafen dennoch die teilweise versteckt aufgestellten Zielscheiben genau in der Mitte –, hielt Fred plötzlich inne, fahrig und nervös.
„Edgar, ich muss … es kommt gleich eine neue Seele an, die muss ich begrüßen.“
Edgar zog die Augenbrauen hoch. Er hatte doch angenommen, dass andauernd irgendwelche Seelen hier im Himmel ankommen würden, aber noch nie hatte Fred sich so verhalten. „Eine besondere Seele?“, fragte er.
„Nein, nein, ich … oder vielleicht doch, ich weiß es nicht.“
Die herrliche Aussicht verschwamm in farbige Nebel, die sich neu anordneten und eine US-amerikanische Vorstadt bildeten, wie Edgar sie aus unzähligen Fernsehserien kannte: breite Straßen, niedere Häuser aus dünnwandigen Fertigteilen, fette Autos, bunte, hektisch blinkende Reklametafeln.
„Doch, es sind eigentlich immer besondere Seelen, die ich spüre“, erklärte Fred nun, „aber nur deshalb, weil sie mit meinem Charakter gut harmonieren.“
„Wie geht das?“
„Ich weiß auch nicht, ich habe im Laufe der Zeit ein Gespür dafür bekommen, welche Seelen mich interessieren und die spüre ich dann auch, kurz bevor sie hier eintreffen. Da muss ich einfach hin und sie begrüßen, ich hoffe, du verstehst das.“ Ohne Edgars Antwort abzuwarten, wandte er sich dem unendlichen Weiß zu, das sich anstelle des Himmels über ihnen ausbreitete.
Die ankommende Seele ließ nicht lange auf sich warten. Sie erschien als dunkler Punkt im Weiß und vergrößerte sich wabernd zu einer Wolke, die immer mehr Konturen bekam, während sich ihr Anthrazitgrau in mehr und mehr Farben aufsplittete. Schließlich stand sie in menschlicher Form vor ihnen, eine hübsche junge Frau, verwirrt, aber freundlich lächelnd. Sie sah sich um, dann wechselten ihre Blicke zwischen Fred und Edgar hin und her sie fragte: „Entschuldigen Sie, ist das hier eine Wahnvorstellung?“
Edgar war verblüfft, Fred begann gackernd zu lachen. „Nein, schöne Frau, das hier ist der Himmel. Ich bin Fred.“
Er hielt ihr die Hand hin, die sie geistesabwesend ergriff. „Angenehm, Klaudia. Was meinen Sie damit, das hier ist der Himmel? Ich liege doch noch im Krankenhaus, oder? Ich habe die Tollwut, da neigt man doch zu Wahnvorstellungen, oder?“
Es dauerte einige Zeit, bis Klaudia verstanden hatte, was mit ihr geschehen war. Sie erzählte, sie stamme aus Nürnberg, wo sie auch gerade eben noch in einem Krankenhaus gelegen sei. Sie hätte deliriert, aber noch mitbekommen, dass ihre Eltern und ein Priester an ihrem Krankenbett saßen und für sie beteten. Deshalb war sie auch davon ausgegangen, dass dieser Ort hier ihrer Fieberfantasie entsprungen sei.
Als Fred sie fragte, wo sie hier seien, erklärte Klaudia, dies sei Boise, die Hauptstadt von Idaho, wo sie studiert hätte. In diesem Vorort hätte ihr damaliger amerikanischer Freund gelebt.

Fred gab sein Bestes, um Klaudia ihre Lage möglichst behutsam zu erklären, doch Edgar erkannte schnell, dass es in dieser speziellen Situation wohl keine Methode gab, um den Neuankömmling vor einem Schock zu bewahren. Der Zustand des Totseins war ein unumkehrbarer, das musste man zuerst begreifen und dann akzeptieren. Dass dies nicht einfach war, davon konnte Edgar ein Lied singen, das wohl jede Seele im Himmel kannte.
Im Gegensatz zu Edgar war Klaudia direkt vom Krankenbett hierher gekommen, sie hatte nicht die Zeit gehabt, ihre Situation Schritt für Schritt zu begreifen. Andererseits war sie tiefgläubig, weshalb sie ihre Lage nun trotz aller Irritation rasch akzeptieren konnte.
„Entschuldige Ede“, raunte Fred und nahm Edgar beiseite, „aber wie du siehst, werde ich gebraucht. Du findest dich hier jetzt eh zurecht. Wenn du doch etwas brauchst, ruf mich oder komm zu mir, okay?“
Das war wohl der kürzeste Korb, den Edgar je bekommen hatte. Als Fred sich schon wieder Klaudia zugewandt hatte, stand er noch verdattert da und fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Freilich, Fred hatte Recht, er brauchte ihn tatsächlich nicht mehr als Führer. Edgar wusste nun im Grunde, wie die Dinge im Himmel liefen, und würde sich ein Problem auftun, so kannte er die Wege, wie er alles zu dessen Lösung in Erfahrung bringen konnte. Immerhin war er ja nun doch schon eine Weile hier.
Bei dem Gedanken keimte eine mächtige Frage in ihm auf, von der er wusste, sie würde ihm keine Ruhe lassen, wenn er sie nicht jetzt und sofort an Klaudia richtete.

* * *

In seinem Refugium saß Edgar am äußersten Stein des natürlichen Wellenbrechers, der in seinen Ozean hinausragte, und schrieb ein Tagebuch. Er hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, hatte sich jemandem anvertrauen müssen. Doch bis auf Fred kannte er keine Seele gut genug und dieser stand nicht zur Verfügung. Edgar hatte sich also ein Buch mit Pergamentblättern und einem groben Ledereinband herbeigewünscht, sowie einen Gänsekiel, dem er die Besonderheit anwünschte, dass ihm die Tinte nie ausging.
Nun schrieb er sich die Dinge von der Seele, die ihn beschäftigten, und es gab Einiges, das er zu verdauen hatte.

Ich fragte Klaudia nach dem letzten Datum, an das sie sich erinnerte. Ich wollte einfach wissen, wie lange ich schon hier oben bin, nach menschlichem Ermessen. Dabei ging es mir überhaupt nicht um mich, sondern darum, mir vorzustellen, wie es meiner Familie ging und ob sie immer noch um mich trauern würden. Als Klaudia mir das Datum ihres Todestages nannte, zog es mir fast den Boden unter den Füßen weg: Ich bin seit zwei Jahren tot.

Seit zwei Jahren!!!

Ich kann nicht glauben, dass mein tödlicher Unfall schon so lange her sein soll. Ein Jahr, ja, das hätte ich ohne Weiteres glauben können, aber doch nicht zwei! Was ist in der Zeit aus Heike geworden? Ob sie noch hin und wieder an mich denkt? Wie hat sich Anni entwickelt und wie Matthias? Ob sie sich überhaupt noch an mich erinnern?
Ich erinnere mich an sie alle drei, als ob ich sie erst letzte Woche noch gesehen hätte, und ich denke die ganze Zeit an sie.
Zwei Jahre!
Inzwischen ist mein Körper irgendwo da unten vermodert und bis auf die Knochen zerfallen.
Wobei, ‚da unten‘ … ich weiß nicht, ob sich der Himmel tatsächlich ‚über‘ der Welt der Lebenden befindet. Ich glaube eher, dass Örtlichkeit dabei keine Rolle spielt. Meine Ankunft hier würde ich weniger als Aufstieg, sondern vielmehr als Übertritt beschreiben. Es war eher ein Dimensionswechsel als eine Reise.

Edgar hielt inne, als er erkannte, dass er vom Thema abglitt. Dann machte er sich bewusst, dass das vollkommen egal war. Er konnte in sein Tagebuch schreiben, was er wollte, niemand würde es lesen. Vermutlich nicht einmal er selbst, denn es ging ihm ja nicht darum, etwas zu bewahren, sondern im Gegenteil, etwas von sich weg zu bekommen. Er schrieb also weiter:

Seit Klaudia im Himmel erschienen ist, sind wieder ein paar Wochen vergangen. Das ist freilich nur geschätzt und ich weiß, dass ich damit falsch liege; um ein paar Tage oder so. Ich beginne zu verstehen, was Fred meint, wenn er sagt, jegliche Zeitrechnung sei hier unnötig. Er hat Recht, denn es tut nur weh, wenn man erfährt, wie lange man schon nicht mehr zu den Lebenden gehört. Und wenn man sich klar macht, dass einen die eigene Familie aus ihrem Alltag getilgt hat – weil es gar nicht anders geht.
Meine Lieben leben ihr Leben weiter, aber ohne mich und ich, ich bin hier im Himmel, aber einsam.

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Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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