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Kapitel 12: Heimkehr

von

Edgar findet seine Großeltern und verbringt den längsten Nachmittag, den er je erlebt hat. Doch auch wenn im Jenseits die Zeit nicht mehr endet – zurückdrehen lässt sie sich nicht.

Aus dem Wohnungsinneren drang das Schellen der Türglocke und versetzte Edgar den nächsten Stich. Alles hier war so authentisch und vertraut, dass er fast nicht glauben konnte, tatsächlich hier zu stehen und diese Situation zu erleben. Er vernahm die schlurfenden Schritte seiner Großmutter, die sich von innen der Tür näherten und sein Herz begann, wie wild zu pochen. Mit lautem, im Vorhaus widerhallendem Klacken wurde die Wohnungstür entsperrt, begleitet von dem gedämpften Rasseln und Klopfen, mit dem die anderen Schlüssel am Bund an das Türholz schlugen; alles wie damals. Selbst die innige Vorfreude, die sich nun in Edgar breitmachte, war vertraut.

Die Tür ging auf und sie stand vor ihm, klein, leicht gebückt, mit einem Lächeln, das wie ein fixer Bestandteil ihres Gesichts wirkte, genau so, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte. Sie musterte ihn fragend, dann verwundert und schließlich ungläubig.
„Edilein?“ Sie schlug die Hände an den Mund. „Was tust du denn hier?“ Sie fielen sich in die Arme, hielten sich, wiegten einander hin und her. In diesem Moment glaubte Edgar zu verstehen, was der eigentliche Sinn des Himmels war: ein Ort zu sein, an dem sich alle wiedersahen, die der Tod voneinander getrennt hatte. „Komm herein, Edilein, du musst mir erzählen, was es Neues gibt, auf der Erde unten.“
Als Edgar die Wohnung betrat, stellte er fest, dass auch hier alles so war, wie er es seit frühen Kindheitstagen in Erinnerung hatte; die Farben, der Geruch, die Einrichtung, das Licht – und sogar sein Großvater saß am selben Platz des Esstisches, trug dieselbe alte Lesebrille und sah in derselben Art von der Zeitung auf, wie immer.

Es wurde einer dieser Nachmittage, an die Edgar sich zeit seines Lebens so gerne zurückerinnert hatte. An denen er mit seinen Großeltern zusammensaß, Kuchen aß und Kakao trank. Diesmal plauderten sie allerdings nicht über Fahrräder und Kinofilme, sondern darüber, was alles passiert war, seit sie einander das letzte Mal gesehen hatten. Edgar erzählte, was gemeinsamen Verwandten und Bekannten in der Zwischenzeit widerfahren war und dann schwelgten sie in gemeinsamen Erinnerungen. Noch einen weiteren Unterschied gab es zu vergleichbaren Nachmittagen in Edgars Kindheit: Er wurde nicht durch den Sonnenuntergang beendet, oder weil Oma das Essen kochen musste. Er dauerte so lange, bis alles erzählt war, und hätte Edgar diese Zeitspanne in ein irdisches Maß fassen müssen, er hätte ihre Länge auf drei oder vier Tage geschätzt.
Kein Wunder, denn in den fünfzehn Jahren, die zwischen den Toden der Großeltern und von Edgar vergangen waren, hatte sich im Diesseits Wesentliches ereignet. So wussten die beiden Alten nicht, dass sich die angeborene Herzschwäche ihrer Tochter – Edgars Mutter – mit der Zeit verschlechtert hatte, was die moderne Medizin aber ausgleichen hatte können. Auch kannten die Großeltern Edgars Frau nicht und erst recht nicht seine Kinder. Mehr als nur einmal war er versucht, das Foto seiner Familie herzuzeigen, doch immer im letzten Moment ermahnte er sich, dem Versprechen treu zu bleiben, das er sich selbst gegeben hatte. Das Foto blieb auch weiterhin sein innig gehütetes Geheimnis.
Danach sprachen sie über gesellschaftliche Veränderungen, denn der Großvater wollte wissen, was seit seinem Tod in der Welt der Politik und in der Politik der Welt geschehen war. Nach Edgars Bericht kam er zu dem Schluss, dass die Menschheit nach wie vor nichts dazu gelernt und er ohnehin schon immer gewusst hätte, dass alles in einer einzigen, großen Katastrophe enden würde.

Edgar fühlte sich wohl, heimelig geborgen. Zwar behandelten ihn die beiden nach wie vor wie einen Jungen von vierzehn Jahren, doch das nahm er ihnen nicht übel. Er lenkte das Gespräch auf ihre Anfangszeit hier im Jenseits und wie sie ihre Freunde und Bekannten wiedergefunden hatten, die damals bereits hier gewesen waren. „Wie kommt es eigentlich“, fragte er dann, „dass ihr hier genauso lebt, wie nach dem Krieg?“
Sein Großvater musterte ihn mit Augen, die durch die Lesebrille größer wirken. „Wie sollten wir denn sonst leben, Bub?“
„Na, so wie ihr wollt. Ich meine, ihr könnt doch alles haben, was ihr möchtet.“
„Aber das haben wir ja, Edilein.“ Die Großmutter lächelte.
„Ihr könntet am Meer leben. Am Meer hat es euch doch immer gefallen.“
„Ab und zu tun wir das ja auch. Da packen wir alles zusammen und fahren ans Meer, aber weißt du, es wird uns schnell zu heiß dort.“ Aus ihrer Stimme klang Nachsicht für die anscheinend mangelnde Lebenserfahrung ihres Enkels.
„Aber warum denn?“
„Na, weil wir alt sind.“ Die Stimme des Großvaters klang ungehalten.
„Aber ihr müsst doch nicht alt sein. Wenn ihr wollt, könnt ihr wieder jung sein.“
Edgars Großmutter blickte zur Seite, als wäre ihr das Thema peinlich. „Ich glaube, das wäre nicht recht.“
„Warum?“
„Weil wir unser Leben doch gehabt haben.“
„Aber ihr seid …“ – Edgar glaubte nicht, dass er das gerade sagte – „… tot! Wir sind alle tot und deshalb sind wir jetzt unsterblich.“ Ihm fiel zum ersten Mal auf, wie widersinnig sich das anhörte.
Der Blick seines Großvaters wurde wieder milder. „Das wissen wir. Aber was schlägst du vor? Dass wir beide, Oma und ich, dass wir wieder zwanzig Jahre alt sein sollen? Das wollen wir gar nicht, damals war Krieg.“
„Ihr könnt doch in einer anderen Zeit leben.“
Die Großmutter tätschelte begütigend Edgars Unterarm und erklärte: „Das passt schon. Weißt du, wenn du in deiner Zeit groß geworden bist, mit deinen Eltern, deinen Freunden und den ganzen Lebensumständen, dann fühlst du dich in keiner anderen Zeit mehr heimisch. Unsere Jugendjahre haben wir im Krieg erlebt, das ist nun einmal so, und diese Zeit wollen wir nicht mehr zurückhaben.“
Es dauerte eine Weile, bis Edgar verstand, was sie ihm damit sagen wollte, dann spürte er, wie bitter diese Wahrheit schmeckte. Auch er selbst würde hier im Himmel nicht als Jugendlicher in einer anderen Zeit leben wollen. Es würde ihm nichts geben, aber alles nehmen, was er in seiner Jugend wirklich erlebt hatte. Und so gehörten auch die jungen Jahre seiner Großeltern in keine andere Zeit als in die, in der sie sie gelebt hatten. Dass sie sich vor den Bombenhagel verstecken, das Chaos meistern und jeden Tag fürchten mussten, ihre Liebsten in nah und fern zu verlieren, änderte nichts daran. Sie waren in diese Epoche der Geschichte hineingeboren und hatten damit zurechtkommen müssen, so wie alle Menschen in allen Epochen. Edgar begriff, dass es keine zweite Chance gab, nicht einmal im Himmel. Was vorbei war, war vorbei.
„Das heißt, hier, in der Nachkriegszeit, da habt ihr euch am wohlsten gefühlt?“, fragte er.
„„Ja“, antwortete der Großvater mit dem Brustton der Überzeugung, „die schlimmen Dinge waren vorbei und alle blickten voller Hoffnung nach vorne. Jeder hatte genug Arbeit, genug zu essen und nicht den Zwang, sich irgendeinen modernen Schnickschnack anschaffen zu müssen, nur weil die Nachbarn ihn auch haben. Es war eine einfache Zeit, in der alle glücklich waren … irgendwie.“
„Und euer Alter?“
Der Blick seiner Großmutter wurde träumerisch. „Ach weißt du Edilein, Opa und ich, wir haben in unseren letzten Lebensjahren in solcher Ruhe zueinander gefunden, das wollten wir beibehalten. Wir haben ein Leben lang zusammengelebt, und dass es so hat kommen können, ist ein Geschenk. Wir wollen nichts anderes mehr.“

Die Nacht brach herein, als Edgars Großmutter es für angebracht hielt. Sie quartierte ihn im ehemaligen Zimmer seiner Mutter ein, in dem er schon als Kind immer geschlafen hatte, schaltete die alte Nachttischlampe mit dem gestrickten Schirm ein und setzte sich auf die Bettkante. Es war alles so vertraut! Im heimelig gelben Licht der alten Glühbirne schimmerten ihre Gesichtszüge weich. Zufriedenheit und Glück standen in ihnen geschrieben, und die Erfüllung der fast schon vergessenen Sehnsucht, jemanden umsorgen zu können.
„Schlaf gut, Edilein“, flüsterte sie und strich ihm über die Stirn. Im Spiegel ihres Blickes sah er sich selbst als kleinen Jungen, so wie sie sich in seinem als die Oma gespiegelt sehen konnte, die sie ihm früher gewesen war. „Wir sind glücklich, dass du bei uns bist.“
„Ich auch, Oma.“
Die Großmutter küsste Edgar auf die Stirn, schenkte ihm ein Lächeln und schaltete die Nachttischlampe aus. Ihre Silhouette, die er unter tausenden wiedererkannt hätte, wankte in das Licht, das durch die offene Tür herein schien, und schloss diese behutsam und lautlos hinter sich.
Edgar überlegte, ob er nun schlafen sollte – um des Rituals willen, denn einen anderen Grund gab es nicht für Schlaf –, doch es ging ihm zu viel im Kopf herum. Er dachte an das Gespräch mit den Großeltern und an deren Entscheidung, ihr Dasein in der Gestalt alter Menschen und in einer früheren Zeit zu fristen. Auch wenn er ihre Beweggründe verstand, so erschien ihm ihre Bescheidenheit wie eine Verschwendung von Möglichkeiten. Doch es war ihre Entscheidung, und wenn diese sie glücklich machte, dann hatten sie wohl die richtige getroffen. Der Himmel sah eben für jeden anders aus.
Edgar schüttelte im Dunkeln den Kopf. Seine Großeltern, die er lange Zeit so vermisst hatte – er hatte sie wieder! Das bedeutete ihm weit mehr, als dass er nun nicht mehr alleine war, denn es gab ihm die Aussicht, dass er eines Tages seine Frau und seine Kinder wiedersehen würde. Natürlich wünschte er ihnen ein langes und erfülltes Leben, aber das widersprach nicht seiner Vorfreude, denn die Zeit hatte hier keine Bedeutung. Wenn sie kamen, würde er da sein, und dann würden sie zusammenbleiben, bis in alle Ewigkeit.

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1 Kommentar

  1. Hmm, in welcher Umgebung wohl die Kinder leben, die zu Anfang des Krieges geboren wurden und bei Kriegsende in den letzten Bombenhageln starben.

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