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Kapitel 21: Darwin und Hawking

von

Edgars Audienz bei Charles Darwin erweist sich als Reinfall, denn der große Forscher scheint sich des Lebens nach dem Tod nicht bewusst zu sein. Umso mehr irritiert es Edgar, dass Darwin ihn an Stephen Hawking verweist.

Edgar bemerkte erst an dem hektischen Knarren seines Stuhls, dass er unruhig auf diesem herumrutschte. Wie sollte er diesem Titan der Naturwissenschaft seine Fragen stellen? Dann machte er sich bewusst, dass sie ja beide hier im Himmel waren und dass es unter Seelen keine Hierarchie gab. Wenn Darwin ihm kein Signal gab, in welcher Art er das Gespräch gerne führen würde, dann würden sie es eben auf Edgars Art führen: „Was wissen Sie über den Himmel?“
Charles Darwin blinzelt zweimal und antwortete unerwartet schnell: „Den Himmel gibt es nicht.“
Edgar hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Er hatte nicht erwartet, dass sein Gegenüber eine so hohe und dünne Stimme hätte. „Ich meine diese Region hier, in der wir leben. Was wissen Sie darüber?“
„Alles, was es darüber zu wissen gibt.“ Ein leichtes Lächeln, das Darwins Bart in den Mundwinkeln nach oben zog, spiegelte sich in seinen kleinen Augen.
„Wie ist diese Region nach außen hin abgegrenzt?“
Das Lächeln wandelte sich in grübelndes Unverständnis. „Junger Freund, die Erde ist ein Geoid, der vom Vakuum des Weltalls umgeben ist. Ich würde die absolute Leere aber nicht als Abgrenzung bezeichnen.“
Edgar hörte an seinem Stuhl, dass er ungeduldig wurde. „Ich fürchte, Sie verstehen mich nicht. Ich meine nicht den Planeten, auf dem wir geboren wurden und gelebt haben, sondern die Region, die wir jetzt bewohnen; jetzt, im Leben nach dem Tod.“
„Sie scheinen mir verwirrt zu sein“, entgegnete Darwin mit einem Gesichtsausdruck, als beschrieben seine Worte seinen eigenen Zustand. „Das hier ist das Leben, ein Leben nach dem Tod gibt es nicht.“
Edgar forschte in den Augen seines Gesprächspartners. Konnte es sein, dass der Vater der Naturwissenschaft die Existenz des Himmels verleugnete, weil sie seiner Vorstellung von der Evolution widersprach? Konnte ein Leben nach dem Tod nicht sein, weil es keines geben durfte?
„Wie alt sind Sie?“, fragte Edgar und bewirkte damit, dass Darwin wieder lächelte.
„Einen alten Mann darf man das fragen. Aber seien Sie bitte nicht enttäuscht, wenn ich Ihnen sage, dass ich vor geraumer Zeit aufgehört habe, die Jahre zu zählen. Im Alter vergisst man so manches.“
„Wissen Sie, welches Jahr wir haben?“
„Was meinen Sie?“
„Ich meine, wenn Sie die aktuelle Jahreszahl wissen, können Sie Ihr Alter errechnen.“
Das Gesicht des Wissenschaftlers hellte sich kurz ein wenig auf. „Das ginge tatsächlich, aber leider, fürchte ich, bin ich auch dahingehend überfragt. Aber warten Sie: Mein Freilandexperiment mit den Regenwürmern läuft heuer das … einhundertvierundsechzigste Jahr, glaube ich. Das kann ich Ihnen aber genau sagen, da muss ich nur in meinen Aufzeichnungen nachschlagen.“ Mühsam beugte er sich nach vorne, um sich aus seinem Sessel zu erheben, welcher dies mit einem Ächzen quittierte.
„Warten Sie“, sagte Edgar schnell, „ich glaube, das ist nicht nötig. Wie alt waren Sie, als Sie mit dem Experiment begannen?“
Darwin verharrte in seiner vorgebeugten Stellung und seine Augen wandern nach links oben. „Damals muss ich … um die Vierzig gewesen sein.“
„Das bedeutet, Sie sind heute über zweihundert Jahre alt, habe ich Recht?“
„Da haben Sie Recht, über zweihundert, ja.“
„Kommt Ihnen das nicht seltsam vor? Ich meine, dass Sie so alt werden konnten.“
Der Wissenschaftler lachte meckernd und ließ sich wieder in seinen Polstersessel zurücksinken. „Seit ich regelmäßig das Wasser von Malvern trinke, erfreue ich mich einer relativ stabilen Gesundheit. Die Natur meint es gut mir.“

Edgar erkannte das Problem. Wie alle im Himmel lebte auch Charles Darwin in seiner selbst erschaffenen Welt, doch im Gegensatz zu den anderen war er sich dessen nicht bewusst. Da gerade ihm als Naturwissenschaftler die Unmöglichkeit seines hohen Alters hätte klar sein müssen, ging Edgar davon aus, dass Darwin die Gegebenheiten schlichtweg verleugnete und er fragte sich, warum. Er war davon ausgegangen, dass der Gelehrte seinem Forscherdrang freien Lauf gelassen hätte, sowie er erkannt hatte, dass es ein Jenseits gab.
Doch dann erinnerte Edgar sich an die Seele der Frau, der er am Tag seines Todes im Krankenhaus begegnet war. Sie hatte die vorbeikommenden Lebenden um Hilfe gebeten, weil sie gar nicht erkannt hatte, dass sie gestorben war. Charles Darwin hatte wohl das Problem, dass sich die tatsächlichen Gegebenheiten nicht mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen deckten, die er sein gesamtes Leben lang gewonnen hatte. Das mochte der Grund dafür sein, dass er diese Gegebenheiten einfach leugnete. Eine tragische Angelegenheit, denn wie Edgar sich ebenfalls erinnerte, hatte ihm der Silberne damals erklärt, dass niemand diesen Seelen helfen konnte. Sie mussten selbst erkennen, dass ihre Zeit als Lebende vorüber war.

Edgar erhob sich und reichte Darwin die Hand zum Abschied, welcher sie mit den genau gleichen Bewegungen nahm, wie vorhin. „Es hat mich gefreut, mit Ihnen zu plaudern. Können Sie mir vielleicht noch den Namen eines fähigen Astronomen nennen?“ Edgar hegte die Hoffnung, die Seele eines Naturwissenschaftlers zu finden, der sich seiner Situation bewusst war und versuchte, sie wissenschaftlich zu erklären. Speziell nach einem Astronomen fragte er deshalb, um Darwin nicht zu brüskieren, falls dieser glaubte, Edgar würde ihm einen Konkurrenten vorziehen.
Charles Darwin dachte nach. „Ja, in letzter Zeit war viel die Rede von einem … Stephen Hawking, glaube ich. Er hat Sir Isaac Newtons Lehrstuhl inne, in Cambridge.“
Ein Schreck durchzuckte Edgar – Hawking war tot? Im nächsten Moment ärgerte er sich über sich selbst. Hatte er angenommen, dass die Zeit auf der Erde stehen geblieben war, nur weil er nicht mehr daran teilhatte? Er bedankte sich bei Charles Darwin und verließ den Raum aus Holz, Sonnenlicht und Verblendung.
Gleich nachdem der Kammerdiener die Tür geräuschvoll hinter ihm geschlossen hatte, wünschte Edgar sich zu Stephen Hawking. Die Konturen zerflossen und die Farbnebel ordneten sich neu.

Als die neu gebildeten Konturen konkret wurden, stand Edgar inmitten riesiger, vieleckiger metallischer Schachteln, die die Sonne reflektierten. Er orientiert sich und erkannte, dass das betonierte Plateau, auf dem er stand, die höchste Erhebung einer anscheinend endlosen Landschaft aus rostroten Sandhügeln war. Etwa zehn Meter von ihm entfernt standen ein paar Seelen zusammen, die weiße Schutzhelme trugen. Eine von ihnen, ein Mann, drehte sich um, als hätte er etwas gehört. Als er Edgar entdeckte, lächelte er und kam auf ihn zu. „Kommen Sie zu mir?“
Edgar zögerte mit einer Antwort. Er hatte erlebt, dass im Himmel fast alles möglich war, glaubte aber dennoch nicht, dass Stephen Hawking sich hier das Aussehen eines blonden Hünen Mitte vierzig zugelegt hatte. Deshalb erwiderte er: „Ich fürchte nicht.“
Der Mann schüttelt ihm die Hand. Sein Lächeln wirkte ehrlich, machte ihn sympathisch. „Ich bin Doktor Sven Nansen, nicht verwandt mit Fridtjof Nansen, falls Sie das gleich fragen wollen.“
Als Edgar lachte, spürte er, wie befreit, ja entspannt sich das nach der Begegnung mit Darwin anfühlte. „Keine Sorge, will ich nicht. Aber sagen Sie, Stephen Hawking ist nicht zufällig hier?“
Der Blick des Blonden wurde mit einem Mal wachsam. „Hawking? Ist er tot?“
„Ich … ich weiß nicht. Ich komme gerade von Charles Darwin und der hat gemeint …“
Nansen lachte wiehernd auf. „Darwin! Wie sind Sie denn an den senilen Greis geraten? Der glaubt nach einhundertfünfzig Jahren ja immer noch, dass er Regenwürmer beobachtet!“
Edgar musste wieder lachen. „Ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, warum ich hier gelandet bin. Ich habe mich zu Stephen Hawking gewünscht und aufgetaucht bin ich hier.“
„Das kann ich erklären.“ Sven Nansen legte Edgar die Hand um die Schulter und führt ihn im Spazierschritt an den Rand des Plateaus, während er sprach. „Bei einer naturwissenschaftlichen Konferenz bin ich kürzlich mit Darwin ins Gespräch gekommen. Wir sind uns zwar schon hundertmal begegnet, doch er vergisst jedes Mal wieder, wer ich bin und deshalb hat er mich auch diesmal wieder gefragt, was ich so tue. Ich habe ihm erklärt, ich sei Astrophysiker, in seiner Sprache also so etwas wie ein Astronom, und ich würde die Lehren von Stephen Hawking weiterentwickeln. Ich war mir ganz sicher, der Alte würde wieder kein Wort von dem verstehen, was ich ihm über meine Arbeit erzählte und so war es dann wohl auch. Wahrscheinlich ist nur Hawkings Name bei ihm hängen geblieben.“
„Und weil Darwin Hawking mit Ihnen in Verbindung gebracht hat und Sie engen Bezug zu Hawking haben, bin ich bei Ihnen gelandet?“
„Anscheinend – was aber ein gutes Zeichen ist, immerhin bedeutet es wohl, dass der gute Stephen noch unter den Lebenden weilt.“
Am Rand des Plateaus angekommen sah Edgar in einiger Entfernung schräg unter sich ein paar Gebäudekomplexe, zu denen eine asphaltierte Straße hin- und dahinter weiter bis zum Horizont führte.
Nansen deutete mit einer weit ausladenden Geste auf die Wüstenlandschaft vor ihnen. „Da die Dinge so gelagert sind, nehme ich an, dass Sie keine Ahnung haben, was das hier ist.“
„Sie nehmen richtig an.“
„Das hier ist das Paranal-Observatorium. Wir befinden uns in der Atacama-Wüste in Chile. Oder besser gesagt, in der Nachbildung derselben hier im Himmel.“
„Sie sind sich also bewusst, dass Sie tot und im Himmel sind?“
Nansen lachte einmal mehr hell auf. „Aber selbstverständlich, lieber Freund. Ich bin bei einem Unfall am Flughafen von Antofagasta ums Leben gekommen. Glauben Sie nur nicht, dass alle Naturwissenschaftler die Existenz des Himmels verleugnen, nur weil Darwin es nicht geschafft hat, ihn in sein Weltbild zu integrieren. Natürlich war ich überrascht, als ich hier angekommen bin, was denken Sie denn? Aber ich hatte kein Problem damit, anzuerkennen, dass es eben mehr gibt, als ich oder meine Kollegen zu erklären imstande sind. Wie sagt Hawking: Irgendwann stößt jeder Wissenschaftler an die Grenzen dessen, was er erklären kann. Und was sich dahinter befindet, da ist noch genug Platz für Gott.“
Edgar spürte sich von einem warmen Gefühl der Zuversicht durchströmt. Wenn ihm jemand die Natur des Himmels erklären konnte, dann wohl dieser Nansen – und der bereitete gerade in dem Moment den Weg dafür: „Aber jetzt erzählen Sie einmal, warum zuerst Darwin und jetzt Hawking?“
„Weil ich auf der Suche nach jemandem bin, der mir den Himmel erklären kann.“
„Den Himmel erklären? Sollten Sie da nicht besser einen verstorbenen Papst aufsuchen?“
„Mir geht es eher um einen wissenschaftlichen Ansatz. Wie kann es sein, dass uns hier alle Wünsche erfüllt werden?“
„Ich habe keine Ahnung.“
„Wie, würden Sie sagen, sieht der Himmel in etwa aus?“
„Der Himmel ist eine spirituelle Region, beschränkt nur durch die Grenzen unserer Wünsche.“
„Was liegt außerhalb?“
„Wunschpotenzial würde ich sagen. Ich weiß, Sie wollen Antworten, aber leider sehe ich mich außerstande, Ihnen welche zu geben. Dass wir nach unserem Tod alle hier landen, ist eine Tatsache, die die Wissenschaft als gegeben hinnimmt. Aber viel mehr wissen auch wir nicht.“

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1 Kommentar

  1. Stoxreiter Edith

    Es ist sehr interessant dieses Buch von Roland zu lesen.
    Wie man nur draufkommt, so etwas zu schreiben. Meine Ansicht vom Jenseits schaut anders aus. Ich möchte am liebsten meine Familie treffen. Insbesondere meine vor 2 Jahren verstorbene Mutti!😢😢😢

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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