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Kapitel 22: Die Tiefe des Himmels

von

Das Jenseits ist durch die Phantasie der Seelen begrenzt, die in ihm leben. Das zumindest behauptet der Astrophysiker Sven Nansen. Doch Edgar glaubt nicht, dass er selbst dem Himmel Sinntiefe verleihen muss.

Edgar war irritiert. „Soll das heißen, Sie erforschen den Himmel gar nicht?“
„Doch schon“, räumte Sven Nansen ein, „aber den über uns. Denken Sie nur, welche Möglichkeiten für die Weiterentwicklung unserer Theorien wir hier haben – davon konnten wir im Diesseits nur träumen.“
Edgar konnte es nicht fassen! Ein Wissenschaftler, der eines der größten Geheimnisse der Menschheit mit einem Achselzucken als gegeben hinnahm und dann weiterwurschtelte, wie bisher? Immerhin schien Nansens Arbeit aber Andreas Erkenntnis zu entkräften, dass es im Himmel keine Entwicklung gab. Edgar fragte deshalb: „Haben Sie schon Fortschritte gemacht?“
„Nicht im Sinne von neuen Entdeckungen, nein. Wir haben aber hier im Jenseits nämlich das kuriose Problem, dass nichts existiert, was wir uns nicht vorstellen könnten.“
„Wie meinen Sie das?“
„Es passiert hier nichts Unvorhersehbares, und es gibt kein Geheimnis, das von sich aus bestünde, ohne dass wir es uns gewünscht hätten. Das heißt, unsere Arbeit ist durch den Erfahrungshorizont begrenzt, den wir aus unseren Leben mitgebracht haben. Was immer an Geheimnissen im Universum darauf wartet, von uns entdeckt zu werden, bleibt unentdeckt – weil all unsere Wünsche in Erfüllung gehen.“
Edgar spürte einen Schauer über seinen Rücken fahren. „Heißt das, es kann gar nichts Neues entdeckt werden?“
„Das ist eine der Eigenheiten des Himmels.“ Nansen nickte.
Edgar überlegte: Das Fehlen unerwarteter Gegebenheiten mochte ein Grund für das Ausbleiben von Entwicklung sein, konnte diese jedoch nicht aufhalten. Immerhin war Entwicklung ja nicht auf Neuentdeckungen angewiesen – oder doch? „Wie sehen Ihre Fortschritte dann aus?“
„Wir verfeinern unsere Methoden“, erklärte der Wissenschaftler. „Hier im Jenseits können wir Teleskope errichten, die im Diesseits unmöglich gewesen wären, allein schon aus Kostengründen. Von der freien Formbarkeit der physikalischen Gesetze rede ich da noch gar nicht.“
„Aber was bringt es, wenn diese Teleskope nichts Neues entdecken können?“
„Wie gesagt, wir verfeinern die Methoden, sehen uns an, was alles möglich ist.“
„Ist das nicht ein sinnloses Unterfangen? Ich meine, Ihre Methodenverfeinerung bringt ja niemandem etwas. Sie selbst können damit keine unbekannten Sphären des Weltraums entdecken und Sie sind auch nicht imstande, das gewonnene Know-how mit dem Diesseits zu teilen, wo es etwas zu entdecken gäbe. – Was man übrigens auch mit Ihren Erkenntnissen nicht könnte, wegen der materiellen Beschränkungen, die der Grund dafür sind, dass solche Geräte dort nicht gebaut werden.“
Nansens Mimik wechselte zwischen Ärger und Verzweiflung, als er entgegnete: „Die Forschung und die Anhäufung von Wissen ist eine mächtige, eine ganz ursprüngliche Triebkraft des Menschen. Das lässt sich nicht so einfach an den Nagel hängen, nur weil man stirbt!“
„Aber warum erforschen Sie dann nicht den Himmel selbst – ich meine den spirituellen Himmel, das Jenseits, Ihre neue Heimat? Das wäre doch ein völlig neues Forschungsgebiet und Ihnen steht die Ewigkeit zur Verfügung.“
Sven Nansen hatte seinen Blick in die Ferne der Nachbildung der Atacama-Wüste gerichtet. Als er weitersprach, klang seine Stimme, als befände er sich in Trance. „Mein Forschungsgebiet ist die Astrophysik, nicht die Metaphysik. Ich habe mich ein Menschenleben lang in diese Materie hineingearbeitet. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie reizvoll es ist, Ideen umzusetzen, die während der irdischen Laufbahn nie das Reißbrett verlassen konnten, weil die Mittel begrenzt waren. Hier habe ich die Möglichkeit, meiner gesamten intellektuellen Kraft, meiner Phantasie und meinem Genie ungehemmt freien Lauf zu lassen.“
„Selbst wenn Sie dabei die Grenzen der Physik aufheben, die Sie Ihr Leben lang erforscht haben?“
Nansen sah Edgar belustigt an. „Aber genau das ist ja das Schöne.“
Edgar platzte der Kragen. „Ich kann nicht glauben, dass es unter all den Genies, die sich über die Jahrhunderte hinweg hier versammelt haben, kein Einziges geben soll, das sich der Erforschung des Jenseits widmet!“
„Natürlich gibt es die. Versuchen Sie es einmal bei den Metaphysikern. Aber ich befürchte, da werden Sie genauso wenig Glück haben.“
„Wieso?“
„Weil diese Herrschaften nicht wissen, wo sie ansetzen sollen. Ist ja auch klar: Was wir vom Himmel wahrnehmen, verhilft uns zu keinen Schlussfolgerungen und was wir nicht wahrnehmen können, fällt bestenfalls in den Bereich der Philosophie, schlechtestenfalls in den der Spekulation.“
„Ich für meinen Teil nehme eine ganze Menge von diesem Himmel wahr“, entgegnete Edgar, „ich weiß, dass das unendliche Weiß eine Art Grundlage ist, in der unsere Seelen existieren und dass wir auf dieser Grundlage alles erschaffen können, was wir wollen. Ich weiß, dass meine Wünsche Formen annehmen, die ich als real wahrnehme, die von anderen Seelen aber anders wahrgenommen werden können. Ich weiß, dass meine Seele unsterblich ist und dass kein Weg zurück in die Welt der Lebenden führt … und so weiter. Damit muss sich doch ein Erklärungsmodell entwickeln lassen, oder?“
Sven Nansen hatte ihm ausdruckslos zugehört und sah ihn nun noch einige Sekunden lang ebenso ausdruckslos an. Dann fragte er: „Wie?“
„Indem ich das eine aus dem anderen erkläre. Machen Wissenschaftler das nicht so?“
„Sie haben sich offenbar schon etwas mit diesen Fragen beschäftigt, sonst wären Sie nicht irrtümlich bei mir gelandet. Deshalb frage ich Sie noch einmal: Wie wollen Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen im Jenseits seine Natur erklären? Sie können nur Ihre Erlebnisse beschreiben und Ihre Möglichkeiten abgrenzen. Wobei wir alle wissen, dass eine Begrenzung nur durch die Grenzen Ihrer Phantasie gegeben ist – und dadurch, dass andere Seelen Wünsche haben, die Ihren Plänen entgegenstehen, sofern diese Seelen Teil Ihrer Pläne sind.“
Edgar blieb hartnäckig. „Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, aus den gewonnenen Erfahrungen eine Theorie über die Natur des Himmels aufzustellen.“
„Wenn das ginge, lieber Freund, hätten Sie bereits einen Weg gefunden und wären jetzt nicht auf der Suche nach Hilfe.“
„Aber ich bin kein Wissenschaftler, ich weiß nicht, wie so etwas methodisch gemacht wird.“
„Vergessen Sie das! Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn folgt immer derselben Methode: Beobachtung und Datensammlung, Formulierung einer Hypothese, Verifizierung oder Falsifizierung der Hypothese durch Experimente, Adaptierung der Hypothese, Verifizierung oder Falsifizierung der Adaptierung durch entsprechend modifizierte Experimente und so weiter. Mit etwas Glück können Sie auf diese Weise früher oder später eine Theorie aufstellen. Wie ich finde, sind Sie intuitiv ohnehin nach dieser Methode vorgegangen, nur dass Sie ab einem gewissen Punkt nicht mehr weitergekommen sind. Sie sind wie ein Goldfisch, der sein Kugelglas erforscht und dabei immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkommt, weil er im Kreis schwimmt.“ Nansen schien Edgars Bekümmertheit aus dessen Miene zu erkennen, denn er legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter und ergänzte: „Machen Sie sich nichts daraus, das geht allen Seelen so. Alles, was über unsere Erfahrungen hier hinausgeht, ist Spekulation. Was der Himmel wirklich ist und wie er sich gestaltet, kann Ihnen nur Gott erklären. Aber Gott schweigt.“
„Sie meinen, aus wissenschaftlicher Sicht gibt es überhaupt keine Möglichkeit, die Natur des Himmels zu erforschen?“
„Es ist so, wie mit den Neuentdeckungen hier: Sie können nicht mehr erfahren, als Sie bereits wissen. Sie arbeiten in Erkenntniszyklen, die ein in sich geschlossenes System von begrenzt verfügbaren Informationen darstellen. Da ist nicht mehr zu wollen.“
„Das kann ich nicht akzeptieren.“
„Warum ist Ihnen das so wichtig?“
„Weil hier alles so oberflächlich ist! Wenn ich wüsste, wie der Himmel funktioniert, dann … dann könnte ich vielleicht seine Tiefe verstehen.“
„Seine oder Ihre eigene?“ Nansen schenkte Edgar einen eigenartigen Blick. „Tiefe können Sie nur sich selbst verleihen. Tun Sie Dinge, die Sie erfüllen, denn die werden Ihnen nie als oberflächlich erscheinen, egal, wie lange die Ewigkeit dauert.“
Obwohl diese Worte Edgar beeindruckten, erkannte er, dass Nansen von sich selbst sprach. Offenbar hatte die Astrophysik seine Seele sowohl vor als auch nach dem Tod so umfassend erfüllt, dass er die Beschäftigung damit als idealen Zustand erlebte. Edgar hingegen, der auf der Suche nach der Wahrheit war, sah darin eine Selbsttäuschung, denn Nansens Tätigkeit hier war sinnlos. Und das traf auf alle Aktivitäten der Seelen im Himmel zu, die Edgar bisher beobachtet hatte.
Möglicherweise hing das aber mit der Art der Tätigkeit zusammen, vielleicht waren für körperlose Seelen ja nur jene Aktivitäten sinnlos, die Körperlichkeit voraussetzten, wie die Naturwissenschaft oder der Sport. Vielleicht sollte Edgar sich nach Seelen umsehen, die eher mit abstrakten oder spirituellen beschäftigt waren. Vielleicht sollte er sich einmal ansehen, wie Künstler hier im Himmel arbeiteten.
Er dankte Sven Nansen für dessen anregende Einsichten und verabschiedete sich, doch gerade, als er sich in den Künstlerbereich wünschen wollte, fiel dem Wissenschaftler noch etwas ein: „Wenn Ihnen die Sinnfrage wirklich so elementar wichtig ist, dann versuchen Sie es doch einmal bei den Bergseelen. Vielleicht haben die ja Antworten für Sie.“
„Bergseelen?“, fragte Edgar erstaunt.
Nansen lächelte nachsichtig. „Sie sind offenbar noch nicht besonders lange hier, was?“
„Eigentlich schon, aber …“
„Schon gut, niemand kann alles wissen. ‚Bergseelen‘ nennen wir all jene, die sich in der Gesellschaft von uns anderen Seelen unwohl fühlen. Diejenigen, die ich kennengelernt habe, waren extreme Einzelgänger, teilweise richtige Sonderlinge. Gemeinsam war ihnen allen eine starke Hingabe zum Geistigen, zur Philosophie und zu Ähnlichem, die sie schon von ihrem Erdenleben her mitgebracht hatten. Diese Seelen halten sich nach ihrer Ankunft nur kurz bei uns auf und begeben sich dann in die Bergregion, wo sie angeblich als Eremiten in Höhlen leben.“
„Wieso angeblich?“
„Weil das, soviel ich weiß, noch nie jemand gesehen hat.“
„Wieso nicht?“
„Nun, zum einen, weil niemand das Bedürfnis hat, sich mit ihnen abzugeben. Die Bergseelen sind im Vergleich zu uns irgendwie … fremd … ich kann es nicht näher beschreiben. Zum anderen ist die Bergregion das einzige Gebiet im Himmel, wo es keine vollständige Wunschfreiheit gibt.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„In der Bergregion gibt es nur eine einzige Fortbewegungsmöglichkeit: zu Fuß gehen.“
„Echt?“ Edgar staunte immer mehr. „Weiß man, warum das so ist?“
„Nein, aber ich nehme an, es soll die Berge vor Besuchern schützen. Ich kenne ein paar Seelen, die sich die Bergregion aus Langeweile ansehen wollten. Sie erzählten, sie seien monatelang auf die Berge zu marschiert, ihnen aber nie näher gekommen. Dann hätten sie es aufgegeben.“
Edgar schüttelte den Kopf und meinte dumpf: „Mysteriös.“
„Ja, das ist es wirklich. Aber wie gesagt, die Bergseelen sind durch und durch vergeistigt; möglich, dass sie über Wissen verfügen, das wir anderen nicht haben.“
Edgar bedankte sich für den Tipp und verabschiedete sich noch einmal. Während die Konturen verschwammen, fragte er sich, wie viele Phänomene es noch im Himmel geben mochte, von denen er nichts wusste.

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Roland Zingerle

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