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Kapitel 23: Phantastischer Realismus

von

Edgar besucht eine Gemälde-Ausstellung und entdeckt seine kunstsinnige Seite. Dann passiert Unerwartetes.

Edgar war zu seinen Lebzeiten kein sonderlich kunstsinniger Mensch gewesen. Er hatte sich gerne Filme angesehen und die paar Bücher, die er außerhalb seiner Aus- und Weiterbildung gelesen hatte, waren Krimis gewesen. Popmusik hatte er immer gerne gehört, sich aber nie an einem speziellen Stil festgemacht. Seine Lieblingslieder und -bands wechselten von Saison zu Saison, je nachdem, was gerade im Radio gespielt wurde. Freilich blieben manche dieser Hits bei ihm hängen, so dass er sie auch Jahre später immer noch gerne hörte. Und gewisse Popstars fielen ihm mehr auf als andere, was dazu führte, dass er aufmerksamer hinhörte, wenn diese einen neuen Song herausbrachten. Zu klassischer Musik hatte er ebenso wenig Zugang wie zu hoher Literatur oder zu moderner Malerei und allein die Vorstellung, er müsste sich in ein Theater setzen, um eine Oper oder ein Drama anzusehen, war für ihn gleichbedeutend mit Folter.
Einmal hatte ihn seine Frau Heike dazu überredet, eine Ausstellung moderner Malerei zu besuchen. Zwar hatte auch sie keinen Zugang zu der Materie, doch die Künstlerin war eine ehemalige Schulkollegin von ihr, weshalb sie sich zu einem Besuch verpflichtet fühlte. Heike bereute es rasch, Edgar mitgenommen zu haben, denn schon nach wenigen Minuten konnte dieser sich nicht mehr beherrschen. Er machte sich im Flüsterton über das „Kritzi-Kratzi“, wie er es nannte, lustig und lachte schließlich bei jedem Bild immer mehr und immer lauter. Schließlich hielt Heike den bösen Blicken der anderen Besucher sowie ihrer ehemaligen Schulfreundin nicht mehr stand und verließ mit Edgar die Ausstellung vorzeitig.Die einzige Art Malerei, der Edgar etwas abgewinnen konnte, war die gegenständliche, weil nur so gemalte Bilder für ihn einen Sinn ergaben. Doch auch hierbei hatte sein Geschmack einen engen Fokus, Kirchbilder aus vergangenen Jahrhunderten etwa waren ihm zu schwülstig.
Es gab allerdings eine große Ausnahme, nämlich den Phantastischen Realismus. Alltägliche Objekte und Lebewesen, in einer Weise dargestellt, die in der wirklichen Welt unmöglich gewesen wäre, dafür hatte Edgar sich immer schon begeistern können. Sein Lieblingsbild zeigte Uhren, die so verformt waren, als bestünden sie aus Wachs oder Kunststoff und hätten sich unter Hitze verformt. Diese geschmolzenen Uhren hingen über Äste oder passten sich den Konturen der Felsen an, auf denen sie lagen.
Da Edgar weder den Titel dieses Bildes noch den Namen seines Malers kannte, wünschte er sich zu diesem Gemälde hin.

* * *

Als sich die farbigen Nebel neu anordneten und Gestalt annahmen, fand Edgar sich in einer Ausstellung mit Gemälden des Phantastischen Realismus wieder. Die Galerie, in der die Ausstellung untergebracht war, bestand aus einer riesigen Glashalle mit Kuppeldach, deren großflächige Glasscheiben von einem Gerüst grün getünchter Stahlträger gehalten wurden. An den Wänden und zwischen den Stellwänden, an denen die Gemälde hingen, standen große Tontöpfe, aus denen Palmen und andere tropische Pflanzen wuchsen. Edgar fühlte sich wie in einem Gewächshaus des neunzehnten Jahrhunderts, das für eine Kunstschau adaptiert worden war.
Die Ausstellung war gut besucht, wobei die anwesenden Seelen ein buntes Durcheinander bildeten. Einige wirkten modern auf Edgar, während andere Kostüme und Anzüge anhatten, die man zur Jugendzeit seiner Großeltern im Theater getragen haben mochte. Wieder andere waren in eine Garderobe gekleidet, die, so mutmaßte er, wohl schon vor einhundert Jahren aus der Mode waren. Die Plaudereien der Besucher bildeten ein verhaltenes Gemurmel und irgendwo zupfte jemand auf einer Harfe dezent eine verträumte Melodie, die in der Glaskuppel leicht widerhallte. Hier und da bildeten sich farbige Wölkchen, in denen einzelne Seelen gerade erschienen oder verschwanden.
Edgars Aufmerksamkeit lenkte sich auf das Gemälde in seiner Nähe, sein Lieblingsbild. „La persistencia de la memoria“ stand darunter, und obwohl Edgar nie spanisch gelernt hatte, wusste er, was es bedeutete: „Die Beständigkeit der Erinnerung“. Er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie Seelen aus unterschiedlichen Sprachgebieten hier im Himmel miteinander kommunizierten, aber offenbar war Sprache nur eine weitere Notwendigkeit der körperlichen Existenz. Möglichweise war einer Seele ohne weiteres verständlich, was eine andere ihr mitzuteilen hatte, solange sie nur offen dafür war. Unterschiedliche Sprachen mochten hier verwendet werden, doch waren sie wohl – so wie auch der Sport – nichts weiter, als eine Gewohnheit aus dem Diesseits, die ein bestimmtes Gefühl auslöste.
Edgar sah sich nun auch die anderen Gemälde an. Ja, das war es, diese Art der Malerei traf genau seinen Geschmack. Zum ersten Mal fühlte er so etwas wie Genuss bei der Betrachtung von Kunst und da war noch mehr: Der Anblick der Bilder löste irgendetwas in ihm aus, eine Art Sehnsucht, die er nicht greifen konnte. Er betrachtete Giraffen, die, ähnlich den Uhren auf seinem Lieblingsbild, wie geschmolzenes Plastik dem Konturverlauf der Gegenstände folgten, auf denen sie lagen. Er ließ brennende Uhren auf sich wirken und Schlösser, die auf schier kilometerlangen, spindeldürren Beinen einen Ozean durchwateten. Bei einem Bild schließlich verharrte er. Es zeigte die Gestalt eines Mannes Ende zwanzig, der ihm eigentümlich bekannt vorkam. Er thronte wie ein Gott auf Wolken und über seinen auffällig gezwirbelten Schnurrbart hinweg starrte ein irrer Blick den Betrachter an. Edgar hatte in seinem irdischen Leben Fotos von dem Mann gesehen, auf denen dieser allerdings viel älter gewesen war. Doch so sehr Edgar auch nachdachte, er kam nicht dahinter, wen er hier vor sich hatte.
Unvermittelt sah er sich um, weil ihm etwas merkwürdig vorkam. Er machte sich bewusst, dass er seinen Besuch dieser Gemäldeschau als stimmig und angenehm empfand. Mehr noch, zum ersten Mal fühle Edgar sich von einer Kunstausstellung inspiriert. Und zum ersten Mal versuchte er das zu tun, was er bei den kunstbegeisterten Menschen zu seinen Lebzeiten immer belächelt hatte: Kontakt zur Kunst aufnehmen, sich auf sie einlassen.
Er wandte sich dem nächsten Gemälde zu, ließ es auf sich wirken und nahm den Eindruck, den er von ihm bekam, in sich auf. Was dabei in ihm ablief, konnte Edgar nicht in Worte fassen, er wusste nur, dass es sich gut anfühlte und ihn so sehr begeisterte, dass sich seine Nackenhaare sträubten. So etwas hatte er noch nie erlebt!

So verging viel Zeit. Irgendwann blickte Edgar auf und erkannte, dass er, ohne es zu merken, in einen abseits gelegenen Teil der Galerie geraten war. Es war ein kleiner Raum mit niedriger Decke und hellgelb getünchten Wänden. Die Gemälde hier waren grell beleuchtet, ein Kontrapunkt zu jenen in der Glashalle, der in Edgars Augen schmerzte. Auch fiel ihm erst jetzt auf, wie laut es hier war. Die Quelle des Lärms war ein Pulk Seelen auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, sie drängten sich um etwas, das er nicht sehen konnte. Es waren ausschließlich weibliche Seelen, die aufgeregt durcheinanderschnatterten. Jetzt, in einem kollektiven ekstatischen Aufkreischen, erhob sich mitten in dem Pulk ein Mann mit selbstherrlich ausgebreiteten Armen und einem ebensolchen Lächeln. Offenbar war er auf eine Art Bühne gestiegen, um von allen gesehen zu werden.
Edgar erkannte in ihm den Mann wieder, den er vorhin auf dem Gemälde gesehen hatte. Er trug eine Pomadenfrisur mit ausladender Stirntolle und sein ausladender Schnurrbart, der Edgar an das Gehörn eines Wasserbüffels erinnerte, akzentuierte den stechenden, eigentlich irren Blick aus seinen dunklen Augen.
„Salvador! Salvador!“, riefen und seufzten die weiblichen Seelen und schmachteten ihn von unten her an, eine von ihnen sank sogar bewusstlos zusammen.
Edgar näherte sich dem Trubel, um zu erfahren, was hier los war. Er wusste, dass der Mann nicht nur der Schöpfer dieser Ausstellung war, sondern überhaupt einer der ganz Großen der Kunstgeschichte, weshalb er nun dessen Namen erfahren wollte.
„Er hat die Giraffen mit den Uhren vertauscht, genial“, seufzte eine der Bewunderinnen in einem altertümlichen Kostüm einer anderen zu, die ebenso gekleidet war.
„Ja, und die fliegenden Schlösser haben jetzt Beine.“ Sie legte ihre Hand an ihren Ausschnitt, drehte die Augen nach oben, schüttelte den Kopf und seufzte.
Zunächst fiel Edgar nur auf, dass die beiden Frauen einander ähnlich sahen, doch als er die anderen Verehrerinnen näher betrachtete, erkannte er, dass sie alle demselben Frauentypus angehörten und vergleichbare altertümliche Kostüme trugen. Er schmunzelte. Im Gegensatz zu den anderen Besuchern waren diese Damen offenbar Figuren, die der Künstler selbst erschaffen hatte, wohl nach seinem Geschmack.
Der Meister trat nun von seiner Bühne herab, durchschritt seine Verehrerinnen und wehte an Edgar vorbei. Seine Bewegungen waren augenscheinlich gekünstelt, doch so geübt, dass sie zu ihm gehörig wirken. Da der Frauenpulk ihm seufzend und aufgeregt tuschelnd und kichernd zur Tür hinaus folgte, wurde für Edgar der Blick zu der „Bühne“ hin frei, welche sich als Schreibtisch entpuppte, auf dem allerlei Papier lag. In der Hoffnung, Näheres über den Maler zu erfahren, trat er an den Tisch heran. Hier lagen Autogrammkarten und Prospekte, die den Titel der Ausstellung trugen: „Der Neue Phantastische Realismus“. Das Titelbild bestand aus einem Porträtgemälde des Malers, auf dem er die Spitze seines Schnurrbarts zwischen Zeigefinger und Daumen zwirbelte. Darunter stand sein Name so groß, dass er zwei Zeilen einnahm: Salvador Dalí.
Neben den Prospekten stand eine große geschlossene Kanne aus gehämmertem Silber. Unter dem kleinen Wasserhahn, der aus ihr herausragte, befand sich ein zierlich geformtes kleines Trinkglas, das eine hellgrüne, durchsichtige Flüssigkeit enthielt. Auf dem Glas lag eine Art winziger Tortenheber, auf welchem sich gerade ein Zuckerwürfel auflöste, weil aus dem Hahn in langen Abständen Wassertropfen auf ihn herabfielen. Durch die Ausnehmung, die in die Hubfläche des Tortenhebers geschnitten war, tropfte das Wasser-Zuckergemisch in das Glas und trübte die grüne Flüssigkeit darin nach und nach milchig ein. Neben diesem Arrangement stand eine grüne Glasflasche, auf deren Etikett in verschnörkeltem Zierrat das Wort „Absinthe“ zu lesen war.
Edgar klappte einen der Prospekte auf und las, dass die Ausstellung aus zwei Teilen bestand. Der eine Teil war die Gemäldeschau, die er bereits betrachtet hatte, der andere eine Art Aktionskunst, wobei in dem Prospekt von fliegenden Objekten die Rede war. Im selben Moment, in dem er das las, drang ein ekstatisches Aufkreischen aus vielen Kehlen von draußen herein. Von der Neugier getrieben lief Edgar zur Tür. Was er da sah, ließ ihm vor Erstaunen den Prospekt aus der Hand rutschen und den Unterkiefer nach unten sinken. Draußen in der Glashalle hatte sich Salvador Dalí in die Lüfte geschwungen und hing nun zwischen den Palmen und dem Kuppeldach im freien Raum über dem erstaunten Publikum und warf sich in große Posen. Etwas Vergleichbares hatte Edgar bisher nur in diversen Superman-Filmen gesehen. Es beschämte ihn fast, dass er bislang nicht daran gedachte hatte, es selbst zu versuchen. Im Himmel stellte es schließlich kein Problem dar, Superman zu sein – oder jeder beliebige andere Superheld, inklusive dessen Fähigkeiten.
Dalí vollführte nun eine große Geste wie ein Zauberer, woraufhin sich aus einer farbigen Wolke eine hell lodernde Giraffe bildete, die durch die Luft auf die Zuseher herab galoppierte und in dem Moment verschwand, in dem sie sie zu rammen schien. Das Publikum duckte sich in einer instinktiven Bewegung zu Boden, so real war die Erscheinung und die Hitzewelle, die von ihr ausging, schwappte Sekunden später über Edgar hinweg. Dann bildeten sich auf den grünen Stahlverstrebungen der Glaskuppel schmelzende Uhren, die sich immer weiter verzerrten und herabzutropfen begannen. Zuseherinnen, die mit der Schmelzmasse bekleckert wurden, kreischten verhalten auf, doch die dicken Tropfen verschwanden nur einen Augenblick später. Dann stieg plötzlich ein Elefant in Originalgröße auf spindeldürren Beinen über Edgar und die anderen hinweg und trötete, dass die Glaskuppel zu zittern schien. Unmittelbar darauf sprang ein Tiger aus einem der Gemälde, groß, schnell und mit aufgerissenem Maul. Im Reflex wichen die Zuschauer vor ihm zurück, als unmittelbar darauf ein noch größerer roter Fisch noch schnellerer aus demselben Gemälde gesprungen kam und den Tiger von hinten verschlang. Der Fisch, er hatte die Größe eines Büffels, zappelte noch für ein paar Sekunden zwischen den Zusehern herum, wobei Edgar Erschütterungen spürte, wann immer er den Boden rammte. Schließlich katapultierte sich das Tier in die Luft und tauchte kopfüber in den Boden ab, als bestünde dieser nicht aus Steinplatten, sondern aus Wasser.

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Roland Zingerle

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