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Kapitel 5: Im Jenseits

von

Im Himmel angelangt, stellt Edgar fest, dass er keine wirkliche Vorstellung davon hatte, was ihn hier erwarten würde. Seine neue Situation ist ungewohnt – entpuppt sich aber als bei weitem nicht so banal, wie er zunächst dachte.

Edgar genoss es, als erste Berührung nach so langer Zeit die Hand geschüttelt zu bekommen. Ebenso genoss er die vertraute Umgebung, obgleich ihn diese plötzliche Explosion der Reize nun etwas überforderte.
„Grüß Gott“, erwidere er zögerlich, um überhaupt etwas zu sagen, „mein Name ist Edgar.“
Fred ließ von Edgars Hand ab und schlug ihm stattdessen herzhaft auf die Schulter. Seine leicht gebückte Haltung und seine unsteten, ruckartigen Bewegungen gaben ihm in Edgars Augen den Charakter eines Huhns.
„Was ist das hier?“, fragte Edgar, indem er vage auf die Umgebung zeige.
Fred lachte und erwiderte fröhlich: „Wonach sieht’s denn aus? Das hier ist natürlich der Himmel; der Garten Eden, Ede.“
„Der Himmel?“ Edgar kam es so vor, als stünde er neben sich. Einerseits war er gestorben und hierhergekommen, folglich war es logisch, dass das hier der Himmel war. Andererseits hatte die lange Zeit im unendlichen Weiß große Zweifel in ihm hervorgerufen, so dass er zur Skepsis neigte. Und zu guter Letzt sah die Umgebung hier aus, wie eine Wohnstraße in seiner ehemaligen Heimatstadt, was seiner Vorstellung vom Himmel einen sonderbaren Beigeschmack gab. Edgar beschloss, es langsam anzugehen. Es war nun alles etwas viel auf einmal nach einer langen Periode des faktischen Nichts. Er würde sich schon in der neuen Situation einfinden, wenn er sich erst an sie gewöhnt hatte.
Freds quirlige Art machte ihm das jedoch nicht gerade leicht. Gerade machte er mit einem Laut des Erstaunens einen Satz nach hinten und musterte Edgar, um gleich darauf wieder an ihn heranzukommen und seinen Bizeps zu befühlen. „Du bist gut beieinander, mein Lieber, was warst du denn von Beruf? Preisringer?“ Er lachte gackernd.
„Physiotherapeut. Da neigt man zum Körperkult.“ Als Edgar spürte, wie seine Lippen sich kräuselten, seufzte er erleichtert. Er hatte vergessen, wie gut es sich anfühlte, wenn er lächelte.
„Physio…“ Fred unterbrach sich selbst, ehe er fortfuhr: „Damit wirst du hier keinen Stress haben. Keine körperlichen Probleme, du verstehst?“ Er gackerte wieder.
Edgar blicke verwirrt an sich herab und gestand: „Ehrlich gesagt nein. Wie muss ich das alles hier verstehen? Ich meine, diese Stadt, unsere Körper und so weiter?“
Fred wurde schlagartig Ernst und musterte Edgar durch seine dicken Brillengläser hindurch. „Wie lange warst du unterwegs?“
„Wo unterwegs?“
„Na, im Zwischenraum, im Weißen.“
„Keine Ahnung … ein halbes Jahr vielleicht? Ich hatte kein Zeitgefühl, kann sein, dass es mir länger vorkam, als es wirklich war. Aber ein paar Monate werden es schon gewesen sein.“
Fred machte wieder einen Satz zurück. „Monate? Armes Schwein! Na, dann kann ich verstehen, dass du jetzt verwirrt bist. Wie sieht’s aus, soll ich dich hier ein bisschen herumführen?“
Als Edgar nickte, war ihm, als bekäme er sein Grinsen nicht mehr unter Kontrolle. Er hatte jemanden gefunden, mit dem er nicht nur reden konnte, sondern der offenbar auch wusste, wie das Jenseits funktionierte. Es schien ihm, als hätte er seine Zeit im Fegefeuer abgesessen und nun endlich, endlich den Himmel betreten.

* * *

Während er mit Edgar die Wohnstraße entlangschlenderte, begann Fred – im Plauderton aber mit spürbarer Begeisterung – zu erklären: „Alles, was dir hier im Himmel begegnen wird, ist die Erfüllung von Wünschen. Das heißt natürlich auch umgekehrt, dass du, wenn du etwas haben willst, es dir einfach nur wünschen musst. Regel Nummer eins: Das hier ist der Himmel, wünschen hilft.“ Er grinste.
„Wie bin ich hierhergekommen?“
„Habe ich dir gerade erklärt: Du hast es dir gewünscht.“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Was hast du dir dann gewünscht?“ Fred war stehengeblieben und musterte Edgar aufmerksam.
Dieser dachte kurz nach, ehe er antwortete. „Jemanden, mit dem ich reden kann.“
„Und voilà, schon bin ich da!“
„Du meinst, du bist gar nicht echt?“
Fred lachte laut und ging dabei einen kleinen Kreis. „Aber natürlich bin ich echt, so echt, wie eine Seele nur sein kann. Wünsche erfüllen sich auch, indem Seelen zueinanderfinden, die sich in der Erfüllung ihrer Wünsche gegenseitig ergänzen.“
„Ach ja? Was hast du dir denn gewünscht?“
„Was ich mir immer wünsche, jemanden, dem ich den Himmel zeigen kann.“
„Wie das?“
„Im Leben war ich Bauer. Als ältester Sohn musste ich den Hof übernehmen, das war damals so. Ich war mein Leben lang kreuzunglücklich damit. Erst hier habe ich erkannt, warum, weil ich nämlich immer neugierig auf Neues bin. Deshalb war nach meinem Tod das Reisen eine wahre Erfüllung für mich. Ich habe viele Jahre lang den ganzen Himmel durchkreuzt, du wirst niemanden finden, der sich besser hier auskennt, als ich. Na, und nachdem ich inzwischen alles gesehen habe, freue ich mich über die neuen Seelen, die hier eintreffen. Ich zeige ihnen den Himmel und lerne sie dabei kennen. Perfekt!“
Edgar bemerkte, dass so gut wie jeder von Freds Sätzen neue Fragen für ihn aufwarf. Um sich nicht selbst zu verwirren, beschloss er, beim Thema zu bleiben. „Gut und schön, aber warum wartest du in einer Straße auf mich, in der mein Haus stehen könnte?“
Fred blinzelte einige Male, dann kicherte er. „Die Gegend hier hat vollkommen anders ausgesehen, bevor du eingetroffen bist.“
„Das verstehe ich nicht. Ich hatte mir doch nur gewünscht, mit jemandem zu reden, nichts weiter. Der Wunsch wurde im Laufe der Zeit immer stärker und stärker …“
„… bis er stark genug war, um dich zu materialisieren.“
Edgar sah Fred mit großen Augen an. „Ach, so ist das! Das heißt, mein Aufenthalt im Einheitsweiß diente dazu, meinen Wunsch nach Veränderung stark genug werden zu lassen?“
Fred lachte wieder gackernd. „‚Einheitsweiß’, nicht schlecht! Nein, es läuft anders. Wenn ich einmal raten darf: Du warst als Mensch nicht besonders gläubig, habe ich Recht?“
„Das stimmt, aber wie kommst du darauf?“
„Alle, die nicht besonders gläubig sind, irren lange Zeit im Zwischenraum … im Einheitsweiß herum, nachdem der Silberfisch sie hier heraufgeschickt hat. Frag mich nicht warum, es ist so.“
„Vielleicht eine Art Prüfung, um die Würdigkeit zu testen?“
„Nein, sicher nicht! Prüfungen sind was für die Lebenden, so etwas gibt es hier überhaupt nicht. Aber zurück zum Thema. Du hast dir jemanden gewünscht, mit dem du reden kannst, wusstest aber nicht, dass Wünschen hilft, richtig?“
„Richtig.“
„Also dauerte es einige Zeit, bis deine Abneigung gegen die Einsamkeit so groß wurde, dass die Intensität deines Wunsches die nötige Stärke erreichte. Erst dann lichtete sich das Einheitsweiß für dich.“
„Was hat das mit dieser Straße hier zu tun?“
„Vertraute Umgebung. Wenn man mit jemandem reden will, tut man das am liebsten in einer vertrauten Umgebung.“
„Du meinst, die Umgebung war in meinem Wunsch unbewusst inbegriffen?“
„Mach keine Wissenschaft daraus, du bist Physiotherapeut, nicht Psychotherapeut. Es ist doch völlig egal, warum das so funktioniert, Hauptsache es funktioniert so. Aber das ist ein beliebtes Problem von euch Neuankömmlingen: Ihr hinterfragt alles und wollt alles erklärt haben. Vergiss es, Ede, okay? Das hier ist der Himmel, das hier ist die Ewigkeit. Es ist völlig wurscht, warum das alles so ist, wie es ist. Du musst hier nichts tun, du musst nur in dich hineinfühlen und dir wünschen, was dein Herz gerade begehrt. Mehr brauchst du nicht zu wissen.“
„Und wenn es mein Wunsch ist zu wissen, wie das alles funktioniert, was dann?“
Fred zuckte mit den Schultern. „Dann wird er dir erfüllt, was sonst?“
Er setzte sich wieder in Bewegung, doch Edgar blieb stehen. Er brauchte ein paar Sekunden, um all das zu verdauen, was sein neuer Begleiter ihm erzählte. Eines zumindest schien er, wenn auch langsam, zu begreifen: Er war nun im Himmel. Fred hatte Recht, einen besseren Ort für dieses Gespräch als diese Straße hätte Edgar sich nicht wünschen können. Ein Schauer des Glücks überkam ihn und er wandte seinen Blick nach oben, wo die Giebel der Häuser in das unendliche Weiß ragten.
„Von mir aus müsste der Himmel nicht weiß sein“, stelle er fest.
„Von mir aus auch nicht“, erwiderte Fred, „ändere es doch, das alles hier gehört zu deinem Wunsch.“
Edgar sah ihn erstaunt an. „So einfach geht das? Ich muss mir nur einen tiefblauen Himmel mit Frühlingssonne und ein paar Schönwetterwolken wünschen und schon tritt es ein?“
Fred sah Edgar in einer Weise an, die dieser als ausdruckslos bezeichnet hätte, wäre das bei Fred überhaupt möglich gewesen. Tatsächlich hatte Edgar festgestellt, dass, wann immer er in Freds Gesicht sah, irgendetwas darin zuckte; eine Augenbraue, ein Mundwinkel, ein Nasenflügel oder was auch immer.
„Sieh doch hin“, antwortete Fred.
Edgar blickte wieder nach oben und stellte fest, dass er unter dem schönsten Frühlingshimmel stand, den er sich nur vorstellen konnte. Er staunte über die unglaubliche Perfektion in allen Details, die er niemals hinbekommen hätte, hätte er diese einzeln gestalten und anordnen müssen.
Als sein Staunen nachließ, wurde ihm bewusst, dass er sich tatsächlich keinen schöneren Frühlingshimmel vorstellen konnte. Denn hätte er es gekonnt, wäre dieser über ihm erschienen und nicht der, den er nun sah. Völlig überwältigt stammelte er: „Das ist ja … das ist ja …“
Fred trat nahe an ihn heran und raunte ihm zu: „Der Himmel, ich weiß.“

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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