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Kapitel 9: Die große Bestrafung

von

Edgar muss lernen, dass selbst im Himmel nicht alles eitel Wonne ist. Bricht eine Seele das „ewige Gesetz“, büßen alle.

Fred warf sich flach zu Boden und krallte seine Finger in das Grün. „Was ist denn los?“
Anstelle einer Antwort erschütterte die nächste Vibration die Szenerie, diesmal noch stärker. Gehetzt blickte Edgar umher und stellte fest, dass sich auch die anderen Golfspieler – Seelen ebenso wie Figuren – hastig zu Boden warfen.
Das Phänomen wurde von Mal zu Mal stärker, das Wabern der Umgebung zusehends intensiver. Es wandelte sich in eine Wellenbewegung und bald darauf in ein so heftiges Pulsieren, dass die Stöße Edgar von den Beinen rissen. Auch er krallte sich nun am Rasen fest und wurde, wie alle anderen auch, von jedem Schlag in die Luft geworfen, ehe dieser nachvibrierte. Alles, was nicht auf dem Golfplatz angewachsen war, päppelte wie Spielzeug umher, bald auch die Seelen und die Figuren, denn das Gras wurzelte nicht fest genug im Boden, um der Vehemenz der Impulse zu widerstehen. Jeder Stoß war noch stärker als der jeweils vorhergehende, die Zeitabstände zwischen ihnen immer kürzer und das damit einhergehende Knallen wurde immer lauter.
Eine Panik erfasste Edgar, lähmte ihn. Er wünschte sich von hier weg, doch nichts veränderte sich. War seine Angst zu groß, um den Wunsch ausreichend intensiv zu fühlen, so dass er in Erfüllung gehen konnte? Wenn ja, traf das auch auf die anderen Seelen zu, denn keine von ihnen verschwand.
Das Schlagen und Hämmern erfolgte so hart und rasch, dass Edgar den Golfplatz und alles darauf und darüber nur noch als Durcheinanderzittern wahrnahm. Er fühlte nichts mehr, nur noch Chaos in und um sich. Dann, als er schon befürchtete, dieser Zustand würde nun dauerhaft so bleiben, zerplatzte die Szenerie in einem ohrenbetäubenden Knall und Edgar fiel ins Bodenlose.

Er knallte so hart auf den Boden, als hätte man ihn ohne Fallschirm aus einem Flugzeug geworfen. So ein Aufschlag, dachte er, wäre in der Welt der Lebenden unbedingt tödlich gewesen. Doch er war nicht mehr in der Welt der Lebenden und abgesehen von der Wahrnehmung der Wucht spürte er keinerlei Schmerzen, auch hatte er offenbar keine Verletzungen davongetragen. Die Umgebung hier schien stabil zu sein, doch noch ehe er sich richtig orientieren konnte, drang lautes, wütendes Geschrei aus unzähligen Kehlen auf ihn ein.
Edgar hob den Kopf und sah, dass er wohl inmitten eines Aufruhrs gelandet war, zumindest rannte eine Vielzahl von Seelen, die meisten schreiend und mit erhobenen Fäusten, an ihm vorbei. Er selbst lag wie viele andere auf flachen, sandfarbenen Felsen, über ihm wölkte sich ein bedrohlich dunkler Himmel, wie vor einem schlimmen Unwetter. Auch das Brandungsgeräusch, das er durch das allgemeine Geschrei hindurch vernahm, klang bedrohlich.
Verdattert richtete er sich auf und klopfe sich automatisch ab, wie er es als Lebender immer getan hatte, wenn er am Boden gelegen war. Er stand an einem felsigen Strand, der zu beiden Seiten bis an den Horizont reichte und auf den – soweit Edgar sehen konnte – Seelen ohne Zahl wie schwere Regentropfen aus den Wolken herab fielen. Kaum waren sie am Boden aufgeschlagen, erhoben sie sich, begannen zu schreien und zu drohen und rannten auf einen bestimmten Punkt am Wasser zu, der etwa fünfzig Meter von Edgar entfernt war. Da der Felsen, auf dem Edgar stand, etwas erhöht war, konnte er die Szenerie gut überblicken. Die halbmondförmige, zum Meer hin offene Ansammlung von Seelen wuchs von Sekunde zu Sekunde an und mit ihr der Lärm des kollektiven wütenden Geschreis.
Edgar spürte, wie ihn eine Angst packte, die ihren Ursprung in seiner Unwissenheit und in der Bedrohung hatte, die von dieser Situation ausging. Neben ihm klatschte eine männliche Seele mit schier ungeheurer Wucht auf den Felsen und erhob sich ebenfalls sofort.
„Was ist denn los?“, fragte Edgar.
„Das fragst du noch?“ Der Mann schrie und sein Gesicht war zornesrot. „Da sind schon wieder welche, die das ewige Gesetz brechen!“
„Das ewige Gesetz? Was für ein ewiges Gesetz?“
Doch der Neuankömmling hörte Edgar schon nicht mehr. Auch er stürmte schreiend in Richtung Wasserlinie davon und schüttelte drohend die Faust über dem Kopf. Zwar konnte Edgar sehen, dass sich die aufgebrachten Seelen um einen Flecken Boden herum scharten, doch erkannte er nicht, was sich dort befand. Wohl oder übel lief also auch er dorthin, wenn auch nur um zu erfahren, was da vor sich ging. Er kämpfte sich durch die Masse der aufgebrachten Seelen hindurch, doch bald gab es kein Weiterkommen mehr. Das war allerdings kein Hindernis, denn er erkannte – ähnlich, wie schon im Fußballstadion – zwischen den vor ihm stehen Seelen hindurch jedes Detail dessen, was sich ganz vorne abspielte und hörte trotz des wütenden Geschreis jedes dort gesprochene Wort.
Die Wut der Menge konzentrierte sich auf etwa fünfzehn Seelen, die in Edgars Augen allesamt eigenartig aussahen. Sie trugen Wanderbekleidung, die aus unterschiedlichen Zeitaltern zu stammen schien. Eine sah wie ein Bergsteiger aus den Neunzehnhundertdreißiger-Jahren aus, eine andere trug moderne, strapazierfähige Textilien. Der Rädelsführer dieser Gruppe wiederum mutete wie ein bronzezeitlicher Krieger an. Nicht nur sein Gewand, das ausschließlich aus grobem Leder zu bestehen schien, auch seine große, muskulöse Statur, sein wilder schwarzer Bart und die ebenso wilden dunklen Augen unterstrichen diesen Eindruck. Er war gerade in einen aufgebrachten Disput mit einem Mann verwickelt, der an vorderster Front der Seelen stand, die ihn und seine Begleiter bedrängen.
„Euer Verbrechen fällt auf uns alle zurück“, schrie der Mann gerade den Rädelsführer an, „oder hast du die große Bestrafung nicht gespürt? Das war eure letzte Warnung!“
„Lieber verrotten wir in der Hölle, als auch nur eine Stunde länger in diesem potemkinschen Dorf zu verbringen.“ Die Stimme des Anführers war laut, tief und voluminös, mit seinen ausladenden Gesten wirkte er wie ein Stammeskönig.
„Das werdet ihr auch, wenn ihr nicht augenblicklich zur Vernunft kommt“, schrie ein anderer aus den Reihen der Bedränger, „noch nie ist ein Exilant in den Himmel zurückgekehrt!“
Der Rädelsführer blickte wild um sich und Edgar sah den Zorn in seinen Augen funkeln. Doch als er wieder zu sprechen begann, klang er beherrscht: „Wir könnten hier noch bis in die Ewigkeit streiten, es würde nichts ändern. Wir haben unsere Entscheidung gefällt.“
„Es ist nicht eure Entscheidung, es ist das ewige Gesetz, das ihr brecht.“ Die Stimme des Mannes von vorhin klang gehetzt, panisch, überschlug sich fast.
Der Wanderer mit der Ausrüstung aus den Neunzehnhundertdreißigern entgegnete aufgebracht: „Was ist das für ein Himmel, der uns einsperrt? Was ist das für eine Freiheit, die begrenzt ist?“

Edgar verfolgte das Wortgefecht mit großer Anspannung. Es ging eine ganze Weile hin und her, während immer mehr der herabgefallenen Seelen zu den Wanderern hin drängten und sie wüst beschimpften. Der Pulk, in dem Edgar stand, wuchs deshalb rasant zu einer erschreckenden Größe an.
„Es hat keinen Sinn mehr.“ Der Anführer der Wanderer schüttelte den Kopf, wandte sich ab in Richtung Meer und vollführte mit seinem Arm eine ausladende Geste, die seinen Mitstreitern den Aufbruch signalisierte. Diese folgten ihm, so dass die Gruppe nun langsam in die Fluten marschierte.
Das Schreien und Drohen am Strand nahm eine solche Lautstärke an, dass Edgar meinte, den Boden unter seinen Füßen zittern zu spüren. Als die Auswanderer bis zur Hüfte im Wasser waren, sah Edgar, dass ihre Gestalten zu wabern schienen und sich unmittelbar darauf auflösten. Mit der letzten im Meer verschwindenden Seele löste sich auch die ganze Umgebung auf, das Meer, der felsige Strand und der schwarzgraue Himmel. Edgar schwebte mit einem Mal wieder im unendlichen Weiß, und obwohl weder er noch die anderen hier körperlich in Erscheinung traten, spürte er sie dennoch. Ihr Geschrei war verstummt, nur im Geist nahm er die Unmutsäußerungen der anderen noch wahr.
Und dann geschah etwas, das Edgar in schiere Panik versetzte. Eine Seele nach der anderen entzog sich seiner Wahrnehmung, verschwand einfach. Dieser Prozess ging so rasant vonstatten, dass Edgar bald mit nur noch einer Handvoll Seelen und schlussendlich ganz allein im Weiß trieb. Fürchtete er zunächst, als Teil einer kollektiven Bestrafung im Nichts aufgelöst zu werden, hatte er gleich danach schreckliche Angst, allein im Einheitsweiß zurückbleiben zu müssen.
Doch als der erste Schreck vorbei war, wünschte er sich zurück in den Himmel und tatsächlich stand er sogleich wieder in jener Wohnstraße, in der er auch damals hier angekommen war.

* * *

Nach einem weiteren Nebelwechsel stand Edgar wieder auf dem Golfplatz, dort, von wo er vorhin abgestürzt war. Er hatte sich zu Fred gewünscht und diesen fand er hier vor. Fred sah blass aus, gefasst, doch ihm war anzusehen, dass der Schock tief saß.
„Meine Güte, was war denn das?“ Edgar erschrak selbst über die Aufregung in seiner Stimme.
„Einige unserer Mitseelen haben beschlossen, uns den Rücken zu kehren.“
„Na und?“
Freds Gesicht bekam einen entsetzt-aggressiven Ausdruck und einen Moment lang sah es so aus, als wollte er über Edgar herfallen, doch dann besann er sich anscheinend der Unwissenheit seines Gegenübers. „Den Himmel zu verlassen ist ein Sakrileg. Es gibt hier nur dieses eine Gesetz, wir nennen es das ‚ewige Gesetz‘, und das besagt, dass keine Seele den Himmel verlassen darf.“
„Wieso nicht?“
„Nix wieso, es ist so und Punkt! Wenn eine oder mehrere Seelen dagegen verstoßen, erhalten wir alle die große Bestrafung.“
„Du meinst dieses Wummern und den Sturz vorhin?“
„Genau das! Die große Bestrafung ist die letzte Warnung für die Ausreißer, es sich noch einmal anders zu überlegen. Andernfalls stürzen sie in die ewige Verdammnis.“
„Aber warum werden alle bestraft? Ich meine, es war ja nicht nur ein schreckliches Gefühl, es war ja auch so, dass ich mir während dieses … Bebens nichts habe wünschen können. Ich nehme an, das war kein Zufall, oder?“
„Natürlich nicht, das gehört alles dazu. Die Warnung ist nicht nur an die Ausreißer gerichtet, sondern auch an all jene, die sich künftig mit dem Gedanken tragen sollten, den Himmel zu verlassen.“
„Ich verstehe das nicht. Wenn das Verlassen des Himmels eine so große Sünde ist, dass alle darunter leiden müssen, warum haben die anderen Seelen die Ausreißer dann nicht aufgehalten?“
„Ja, wie denn?“ Fred sah Edgar durch seine Brillengläser an, als hätte dieser sich plötzlich in ein Gespenst verwandelt.
„Indem sie sie festhalten, zum Beispiel. Oder indem sie sie einsperren.“
Freds Miene wurde milde, er lächelte, dann zwinkerten sein rechtes und sein linkes Auge hintereinander und dann hielt er Edgar die Hand hin. „Versuch einmal, mich festzuhalten.“
Edgar griff zu, bekam die Hand aber nicht zu fassen. Er versuchte es noch einmal und noch einmal, doch egal, wie viele Anläufe er probierte, es gelang nicht. „Wie kann das sein? Ich habe dir doch die Hand geschüttelt und beim Sport habe ich dich sicherlich schon ein Dutzend Mal berührt.“
„Das war alles ohne üble Absicht. Wir haben keine echten Körper hier, das ist alles nur Einbildung. Wenn ich nicht will, dass du mich berührst, dann kannst du mich auch nicht berühren.“
„Das heißt, jede Seele kann tun und lassen, was sie will, ohne von den anderen dafür bestraft zu werden?“
Fred nickte tief. „So ist es. Das hier ist der Himmel, schon vergessen?“

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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