Tagebuch eines depressiven

Ein autobiografischer Ratgeber für Betroffene, Gefährdete und ihre Angehörigen.

Tagebuch eines Depressiven

Autobiografischer Ratgeber

Acht Prozent der Österreicherinnen und Österreicher leiden an einer Depression, doppelt so viele wie an Krebs. Trotzdem wird die Krankheit öffentlich kaum beachtet, denn wer nicht von ihr betroffen ist, der kann sie nicht verstehen. Die Betroffenen wiederum schweigen, sie haben Angst, als geisteskrank abgestempelt zu werden, oder wissen gar nicht, wie es um sie steht.
Roland Zingerle ist einer von ihnen, der nicht schweigt. Jahrelang ignorierte er die Hilferufe seiner Seele, bis sein Körper ihm den Dienst versagte.

In „Tagebuch eines Depressiven“ erzähle ich von meinem Hineinschlittern in die Depression, meiner Therapie und meinem beschwerlichen Weg zurück.

Leseprobe

Als meine Depression akut wurde, erzählte ich einer Bekannten davon, die als Psychotherapeutin arbeitet und die ich damals zufällig traf. Sie hörte mir aufmerksam zu, nickte verständnisvoll und gratulierte mir zu meinem Entschluss, eine Therapie zu machen, auch gab sie mir professionell den einen oder anderen Tipp.

Zwei Wochen später traf ich meine Bekannte zufällig wieder. An diesem Morgen war ich mit einem schlimmen Hexenschuss aufgewacht und konnte mein steifes Genick nur gemeinsam mit meinen Schultern bewegen. Sie erkannte meine Not schon von weitem, riss erschrocken Mund und Augen auf, lief auf mich zu und fragte, ob sie mir irgendwie helfen könne.

In diesem Moment begriff ich, wie gravierend das Problem mit dem Verständnis für Depressionen ist. Wenn nicht einmal eine Spezialistin emotional erfassen kann, wie unbedeutend ein Hexenschuss ist im Gegensatz zu einer Depression – wie soll es erst ein nicht betroffener Angehöriger verstehen, ein Freund  oder Bekannter, ein Arbeitskollege, der Chef.
Nicht einmal meine Ehefrau versteht mich wirklich, obwohl sie sich alle Mühe gibt. Auch meine engen Freunde tun ihr Bestes, doch ich kenne sie gut genug, um zu merken, dass sie insgeheim davon überzeugt sind, ich würde übertreiben.

Tue ich aber nicht.

Die meisten Menschen in meinem weiteren Bekanntenkreis wollen sich mit dem Thema Depression gar nicht erst bekleckern. Die einen wechseln hastig das Thema, die anderen spielen das Problem herunter, nach dem Motto: „So schlimm wird es schon nicht sein.“
Ich nehme es ihnen nicht übel. Sie alle haben ihr eigenes Bündel durchs Leben zu tragen und niemand hat das Recht, den Mitmenschen seine eigenen Probleme noch oben drauf zu packen. Ich halte es mit Eugen Roth:

Du magst der Welt oft lange trotzen,
Dann spürst du doch: es ist zum —.
Doch auch wenn deine Seele bricht,Beschmutze deinen Nächsten nicht!

Das gilt auch für meinen Umgang mit Nichtbetroffenen, die mir Ratschläge geben wie: „Eine Depression ist nichts anderes als ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn, das musst du mit ordentlichen Tabletten korrigieren. Jahrelanges Ausweinen beim Therapeuten hilft da gar nichts.“

Ich weiß, sie wollen mir nur helfen, doch leider ahnen sie nicht, wie herabwürdigend solche Aussagen für einen depressiven Menschen sind. Ich habe mich wegen meiner Krankheit jahrelang neu kennenlernen und alles Mögliche und Unmögliche ausprobieren müssen, um einen langfristigen Weg aus meiner speziellen Situation zu finden.

Hätten Tabletten gegen meine Depression geholfen, wäre sie nie zum Problem geworden – ebenso wenig wie die Depressionen meiner Leidensgenossen.

Ratgebern mit solchen „Patentlösungen“ versuche ich zu erklären, dass die Sache weitaus vielschichtiger ist, als es von außen erscheinen mag. Mehr kann ich nicht tun, denn über Krankheiten zu diskutieren hat keinen Sinn.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten jemandem eine Grippe erklären, der selbst noch nie eine durchlitten hat. Außer den körperlichen Symptomen könnten Sie ihm nur vermitteln, wie Sie sich dabei gefühlt haben.

Genauso ist es mit Depressionen: Wer sie selbst nie erlebt hat, kann sie nicht begreifen.

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