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Kapitel 30: Die Bergseele

Kapitel 30: Die Bergseele

Edgars neue Begleiter Helmut, Andi und Franz erzählen von ihrem Erlebnis mit einer Bergseele, deren Spur sie in der Bergregion verloren. Edgar wird zunehmend neugierig, was es damit auf sich hat.

Helmut ließ seine Worte wirken, ehe er fortfuhr: „Die farbigen Wolken entwickelten sich viel schneller und waren ungleich größer als beim Erscheinen anderer Seelen und auch der Kerl selbst kam mir größer vor, aber das kann täuschen, weil sein Auftritt so krass war und er plötzlich alleine dort vor dem Altar stand.“
„Sag, wie es war.“ Edgar drehte den Kopf nach rechts, von wo die Stimme gekommen war und sah Zigarettenrauch aus Franz Schlafsack aufsteigen.
Helmut erzählte weiter: „Der Fuzzi hatte einen Auftritt wie Superman. Plötzlich stand er da und starrte uns alle an. Und wir starrten ihn an. Eigentlich starrten wir uns alle gegenseitig an, auch den Papst und dem wären fast die Glasbausteine aus den Höhlen geflutscht.“
Andi lachte meckernd, dann übernahm er das Wort. „Ja, das stimmt. Aber der Typ, die neue Seele, der war echt anders als alle, die ich bis dahin gesehen hatte. Er hatte eine hagere Gestalt, war kahlköpfig und seine Haut sonnengegerbt. Das sah man deshalb besonders gut, weil er nur mit einem Lendenschurz bekleidet war.“
„Und er war unheimlich“, fiel Helmut wieder ein, „für einen, der gerade erst gestorben und neu in den Himmel gekommen war, war er erstaunlich gefasst. Er ging vor dem Altar auf und ab wie ein Tiger, leicht gebückt, und er starrte uns an wie ein Adler seine Beute. Sein Blick war … ungehalten, fast herausfordernd.“
„Da gab keiner mehr einen Mucks von sich“, kam es mit einem Rauchschwall aus Franz Schlafsack.
„Es war total gespenstisch“, erzählte Andi weiter, „nicht einmal Papst Julius II. brachte mehr einen Ton hervor und das will was heißen, denn soweit ich weiß, hatte der im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert nicht nur den Vatikan, sondern auch die italienischen Stadtstaaten ganz schön aufgemischt.“
Franz rappelte sich umständlich auf, verdrehte ebenso umständlich den Kopf und schenkte Andi einen spöttischen Blick. „Woher all das Wissen, Einstein? Hast du einen Julius-II.-Reiseführer gefressen?“
„‚Biographie‘ heißt das“, erwiderte dieser gehässig.
„Jedenfalls war klar, dass uns der Neuankömmling nicht mochte“, fuhr Helmut fort. „Sein Blick war, wie gesagt, ablehnend, nein, mehr noch, er war angewidert. Es schien so, als würde er auf etwas warten, während er ungeduldig auf und ab tigerte und dann verschwand er wieder, wie er gekommen war: mit einem Rütteln, einem dumpfen Knall und in einer übergroßen, kräftigen Farbwolke, die unheimlich schnell verpuffte.“
Da keiner mehr etwas sagte, fragte Edgar nach: „Was war dann?“
„Wir haben unsere Unterhosen gewechselt.“ Franz ließ sich wieder in den Schlafsack fallen und Andi übernahm das Wort:
„Papst Julius II. unterbrach die Messe. Ich weiß nicht, ob so etwas davor schon jemals geschehen war. Wir drei gönnten uns auf den Schreck ein Gläschen Schnaps und versuchten, das Erlebnis zu deuten.“
Helmut lehnte sich zurück und stützte seinen Oberkörper an den Ellbogen ab. „Wir wollten wissen, was hinter diesem Auftritt steckte, deshalb wünschten wir uns an denselben Ort, zu dem der mysteriöse Neuankömmling verschwunden war.“
„… und seid in der Bergregion gelandet“, endigte Edgar.
„Esatto“, kam es mit Rauch aus Franz Schlafsack.
„Wir erschienen auf einer Ebene, die am Horizont ringsum von Bergen umgeben war“, erzählte Helmut weiter, „Auch den Neuankömmling sahen wir, er marschierte geradewegs auf die Berge zu und war schon ziemlich weit von uns entfernt. Seine Gestalt verschwand fast in der vibrierenden heißen Luft. Ich rief ihm nach, er solle auf uns warten, doch er reagierte nicht.“
„Wir haben uns zu ihm hingewünscht, aber denkste“, ergänzte Andi, ehe Helmut fortfuhr:
„Es war für uns ein ganz schöner Schock, als das Wünschen plötzlich nicht mehr half. Wir versuchten es mit anderen Wünschen, und als die in Erfüllung gingen, wurde uns klar, dass die Einschränkung nur den Ortswechsel innerhalb der Bergregion betraf. Wir wünschten uns also aus der Region hinaus und dann wieder hinein, diesmal an die Seite des Fremden, doch wir gelangten wieder an denselben Ort, wie beim ersten Mal.“
„Also sind wir drei Affen dem Vogel nachgetigert“, erklärte Franz.
„Jahrelang“, ergänzte Andi.
„Schätzungsweise“, korrigierte Helmut.
„Und er war immer vor euch?“, fragte Edgar.
„Nein, schon als wir uns das zweite Mal in die Bergregion wünschten, war er zu weit entfernt, als dass wir ihn noch gesehen hätten.“ Helmut wischte sich mit der Hand über das Gesicht. „Wir marschierten deshalb in die Richtung, in die er gegangen war. Zuerst Tag und Nacht, aber als uns klar wurde, dass wir ihn nicht einholen konnten, kampierten wir in den Nächten, um etwas Abwechslung zu haben.“
„Wie – in der Bergregion gibt es Tag und Nacht?“
Helmut zuckte mit den Schultern. „Wir haben nicht versucht, es zu ändern, warum auch?“
„Was meint ihr, was dort ist, ich meine in den Bergen?“
„Gott wohnt dort“, kam es aus Franz Schlafsack.
„Wie kommst du darauf?“, fragte Andi.
„Logische Schlussfolgerung: Das hier ist der Himmel, also muss auch Gott hier sein. Da er nie auftaucht, will er von uns Fußvolk seine Ruhe haben. Seine Ruhe hat er nur, wenn er seine Villa fernab von uns baut. Fernab von uns bauen geht nur, wenn er Reisebeschränkungen einführt. Also wohnt Gott in den Bergen.“
„Und der unsympathische Hagere darf ihn besuchen?“, fragte Andi nach.
„Klar, der wollte ja genauso wenig mit uns zu tun haben.“
„Wer weiß, ob der Hagere je in den Bergen ankommt“, warf Helmut ein, „gut möglich, dass er noch immer marschiert.“
Edgar hätte interessiert, welchen Sinn die Bergregion mit ihren Besonderheiten hatte, doch offenbar wussten die Drei, selbst nach ihrem langen Aufenthalt dort, nichts darüber.
Sie lagen eine Zeit lang schweigend da, dann schaltete Franz sein Transistorradio ein, das er sich gewünscht hatte, um die Zeltatmosphäre heimeliger zu gestalten. Als er es zum ersten Mal aktiviert hatte, war Edgar erstaunt gewesen, Popmusik zu hören, die in seinen letzten Lebenswochen aktuell gewesen war. Er hatte Franz darauf angesprochen, woraufhin dieser erklärte, er sei kurz nach Edgar gestorben – ebenfalls bei einem Autounfall. So war es auch kein Wunder, dass die Musik aus Franz Radio immer wieder Wehmutsschübe in Edgar auslöste, immerhin erinnerte sie ihn an sein Zuhause und an den letzten Abschnitt seines irdischen Lebens. Jeder Versuch, nicht daran zu denken, scheiterte im Moment des Gedankens.
So auch diesmal. Aber es sollte noch schlimmer kommen, denn Franz hatte dem Radioprogramm erstmals Werbung beigefügt. In seinem irdischen Leben hatte Edgar reflexartig den Sender gewechselt, sobald der erste Spot eines Werbeblocks gespielt wurde, oder das Radio überhaupt ausgeschaltet. Doch als er jetzt, nach er-wusste-nicht-wie-vielen Jahren erstmals wieder einen Werbespot hörte, der ebenso wie die Musik in der Schlussphase seines Lebens aktuell gewesen war, umgriff ein so bitteres Heimwehgefühl sein Herz, dass heiße Tränen in seine Augen traten. Er drehte das Gesicht in den Polster, um sein Schluchzen vor den Kameraden zu verbergen.
Trotz der langen Zeit, die er nun schon im Himmel war und trotz allem, was er hier alles erlebt hatte, war Edgars Sehnsucht nie abgeflaut, hatte nichts von ihrem Schmerz verloren. Er schlüpfte zur Gänze in seinen Schlafsack, versteckte sich vor seiner selbst erschaffenen Welt. Hier, im heimelig Verborgenen, holte er das Foto seiner Familie hervor, das er zwar lange Zeit verdrängt, aber nie vergessen hatte. Heike, Matthias, Anni – er sah sie der Reihe nach an und spürte wieder seine heftige, seine unsterbliche Liebe zu den Dreien und seine schiere, zu einem taubstummen Himmel schreiende Empörung darüber, dass er nicht mehr mit ihnen zusammen sein durfte.

* * *

Edgar und Ebenezer robbten durch das Unterholz. Ihre Bewegungen waren langsam und fließend, ähnlich jenen eines Reptils, denn es ging darum, möglichst wenig Geräusche zu verursachen. Das Lager des feindlichen Stoßtrupps war gut getarnt, Edgar hatte es fast nicht gefunden, obwohl er genau wusste, wo er hatte suchen müssen. Ebenezer berührte ihn an der Schulter und bedeutete ihm, leise zu sein, dann zeigte er nach vorne. Es dauert einige Sekunden, bis Edgar sah, was er meinte: Direkt vor ihnen, keine fünf Meter entfernt, lag ein feindlicher Wachtposten in einer Alarmstellung. Sein Helm war mit Grasbüscheln getarnt, aber nicht dicht genug, um dessen runde Form vollends zu verstecken. Nur daran erkannte Edgar, dass dort jemand lag und er empfand Hochachtung vor Ebenezer, der diesen unscheinbaren, im Dickicht fast verschwindenden Hinweis entdeckt hatte.

Edgar hatte gemogelt. Nach seinem Sehnsuchtserlebnis war ihm ihr Kriegsspiel kindisch und hohl vorgekommen, er wollte es nicht mehr spielen. Andererseits wollte er aber die anderen auch nicht vor den Kopf stoßen, selbst wenn das, wie Ebenezer behauptet hatte, unter Seelen nicht so eng gesehen wurde. Er beschloss, die Sache entsprechend der Rahmenbedingungen zu beenden, die sie gemeinsam festgelegt hatten – und dazu musste er mogeln.
Als sich die anderen in den Schlaf gewünscht hatten, wünschte er sich aus dem Zelt und führte im Superman-Modus einen Erkundungsflug durch. Doch selbst aus der Vogelperspektive konnte Edgar das feindliche Lager erst ausmachen, als er sich direkt zu ihm hinwünschte. Einmal mehr stellte er fest, auf welch hohem Niveau seine Feinddarsteller operierten, was wieder seinen Verdacht bestätigte, dass es sich bei einigen von ihnen um Seelen handeln musste. Er freute sich schon darauf, sie kennenzulernen.
Der feindliche Stoßtrupp bestand aus vier Soldaten, von denen jeweils einer in einer Alarmstellung auf Wache lag und die restlichen in Zwei-Mann-Zelten schliefen. Edgar kundschaftete die Gelände-Gegebenheiten aus und prägte sich den Weg vom eigenen Lager zu jenem der Feinde ein.
Dann flog er zurück, landete vor seinem Zelt, trat ein und setzte seine Kameraden ins Bild, wobei er vorgab, seine Erkundung zu Fuß durchgeführt zu haben. Freilich protestierten sie gegen Edgars Alleingang, vor allem Ebenezer fand diesen aus militärischer Sicht unentschuldbar. Doch die Aufregung war nur von kurzer Dauer gewesen, danach hatten sie ihre Angriffstaktik festgelegt und waren losmarschiert.

Während Edgar nun regungslos liegenblieb, robbte Ebenezer so leise es ihm möglich war davon, um die Alarmstellung zu umgehen. Das würde eine Weile dauern und Edgar musste erkennen, dass auch hier im Himmel die Zeit umso langsamer zu vergehen schien, je dringender er auf etwas wartete.
Doch das mit Ebenezer vereinbarte Zeichen kam nicht.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Neuerscheinung

Kapitel 29: Im Krieg

Kapitel 29: Im Krieg

Gemeinsam mit neuen Bekannten beginnt Edgar ein Kriegsspiel. Was ihn ablenken soll, wird schnell zu einer Mühsal und er bereut, sich gewünscht zu haben, das Szenario müsse bis zu seinem Ende durchgespielt werden.

Erstaunt über den abrupten Themenwechsel setzte Ebenezer das Ale-Glas ab, seine Oberlippe glänzte nass. „Was denn? Jemanden verkloppen?“
„So was in der Art. Hast du eine Idee?“
Ebenezer beendete den unterbrochenen Schluck und blickte versonnen geradeaus. „Ich war schon lange in keinem Krieg mehr. Das fehlt mir.“
Edgar riss die Augen auf. „Du meinst, es gibt tatsächlich ein Schlachtfeld? Hier im Himmel?“
„Was heißt da eines? Endlos viele! In welcher Epoche willst du kämpfen? In der Antike mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Streitwagen? Im Mittelalter mit Lanzen, Keulen und Armbrüsten? In der frühen Neuzeit mit primitiven Feuerwaffen? Im Zwanzigsten Jahrhundert mit Panzern, Flugzeugen und Sturmgewehren? Oder thematisch gefragt: Wilder Westen? Weltraum? Große Schlacht aus dem Film ‚Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs‘? Such dir was aus.“

* * *

Ebenezer stellte Edgar Andi, Franz und Helmut vor, drei Seelen, die er von früher her kannte und von denen er annahm, ihnen würde ein Kampfeinsatz gefallen. Tatsächlich waren die Drei sofort Feuer und Flamme, sie hatten soeben eine mehrjährige Wanderung durch die Bergregion abgebrochen und sehnten sich nach Abwechslung und „Action“, wie sie sagten. Edgar fragte sie, was sie dort erlebt hätten, aber auch Andi, Franz und Helmut erzählten ihm dieselbe Geschichte, die er bisher noch von jedem gehörte hatte, der dort gewesen war: Während des gesamten, endlosen Marsches hätten sie nie das Gefühl gehabt, auch nur einen Schritt voranzukommen und die Berge seien wie am Horizont festgeschraubt gewesen, bis sie ihre Wanderung als sinnlos empfunden und aufgegeben hätten.
Da es sowohl ihnen als auch Ebenezer egal war, in welchem Krieg sie und unter welchen Umständen und mit welcher Ausrüstung kämpfen würden, wählte Edgar ein mitteleuropäisches Gelände und die Bewaffnung einer Armee eines modernen Industriestaats zu seinen Lebzeiten.

Als es losging, fanden sich die Fünf in einem hügeligen Waldgebiet wieder, das sich über eine nicht überschaubare Distanz hinzog. Sie bildeten eine Infanteriegruppe, waren olivgrün adjustiert, trugen aber weder Rang- noch Hoheitsabzeichen.
Und sie hatten auf Anhieb Feindkontakt: Es schien Edgar, als sollten sie ihre Gegenspieler möglichst rasch kennenlernen. Die feindlichen Soldaten trugen in dunkelroten Tönen gemusterte Uniformen, wodurch sie gut von den Eigenen unterscheidbar, im herbstlichen Mischwald aber dennoch gut getarnt waren. Nach einem langen Schusswechsel, bei dem der Wald und die Geländeerhebungen beiden Seiten so gut Deckung gaben, dass es offenbar zu keinen Treffern kam, trat der Feind den Rückzug an.
Wie sich bald herausstellte, war das Kriegsspiel sehr simpel angelegt. Edgar und seine Kampfgruppe verfolgten einen feindlichen Stoßtrupp durch den Wald, wobei es immer wieder zu Zusammenstößen kam. Die Fünf wussten weder zu welcher Armee sie selbst gehörten, noch wer ihr Feind war, noch wozu ihr Auftrag in einem größeren taktischen Zusammenhang diente. Sie wussten nur, dass sie die dunkelrot Uniformierten stellen und vernichten mussten.
Edgar hatte sich Waffen gewünscht, die er aus seinem Grundwehrdienst kannte, weil er damit umzugehen wusste. Aber schon im zweiten Feuerwechsel wünschten sich seine Soldaten jeweils die Waffen, die sie gerade brauchten. Dass es den feindlichen Infanteristen dennoch gelang, sich ihnen immer wieder zu entziehen, legte den Schluss nahe, dass sie, oder zumindest einige unter ihnen, Seelen waren, denn als Seelen waren sie unverwundbar.
Das traf freilich auch auf Edgar, Ebenezer, Andi, Franz und Helmut zu. Wurden sie von einer feindlichen Kugel getroffen, so pfiff diese durch sie hindurch, als wären sie Geister. Getroffen, verwundet und getötet wurden nur die drei Figuren, die sie jeden Tag erschufen, damit sie stets in voller Gruppenstärke – acht Mann – operieren konnten. In der Tradition militärischer Abkürzungen nannten sie diese Figuren „KüKa“, als Abkürzung für „künstliche Kameraden“. Da der Feind tagsüber in unauffindbar gut versteckten Lagern schlief und nur nachts marschierte, erschufen Edgar und seine Leute ihre KüKa jeweils abends, damit diese das Gepäck tragen und mit ihnen kämpfen konnten. Wenn sie bis Tagesanbruch nicht gefallen waren, ließ Edgar oder einer seiner Kameraden sie verschwinden, sobald sie das Zelt aufgebaut hatten. Edgar konnte nicht sagen, warum, jedoch waren er und die vier anderen Seelen lieber unter sich.
Nach einigen Tagen fragte er sich, ob er dieses Vorgehen nicht als herzlos empfand, immerhin waren diese Figuren ja seine Kampfgefährten. Doch das war nicht der Fall. Die KüKa waren für ihn nicht mehr als praktische Werkzeuge und so wurden sie auch von allen behandelt. Und das war gut so, denn es verhinderte, dass emotionale Bindungen entstanden, die problematisch geworden wären, wenn ein KüKa schwer verwundet wurde oder fiel. Schließlich ging es hier nicht um eine authentische Kriegssimulation, denn eine solche wäre vor allem vom Leid getragen gewesen, hier ging es um einen harmlosen oberflächlichen Spaß, selbst wenn dieser in seiner Ausführung roh und grausam wirkte. Es war wie ein erweitertes Computerspiel, ein realer Ego-Shooter, der es seinen Spielern ermöglichte nach Kräften auszuteilen, ohne einstecken zu müssen.

Edgar war fasziniert davon, wie schlagartig und radikal sich die Art änderte, wie er und die anderen Seelen miteinander umgingen, kaum dass sie sich in dieser Kriegssimulation befanden. Es war gerade so, als ginge es hier tatsächlich um Leben und Tod und als sichere rüpelhaftes Benehmen und rauer Ton vor Schwäche und Gefühlsduselei, welche den Auftrag und das Leben der Männer gefährden konnten. Gleichzeitig entstand aber auch schnell eine tiefe und bedingungslose Kameradschaft zwischen ihnen.
Dieses Verhalten mochte echt sein, jedoch, und dessen war sich Edgar bewusst, nur für den Moment, da es auf den Umständen der Simulation fußte. Mit anderen Worten: Kameradschaftliches Verhalten gehörte nun einmal zu der kleinen Welt, die Edgar hier erschaffen hatte.
Er begann zu verstehen, was Ebenezer mit den „Zweckgemeinschaften“ gemeint hatte, die Seelen miteinander bildeten, wenn sie gemeinsamen Wunscherfüllungen nachgingen.

Etwa zwei Wochen lang verfolgten die Fünf nachtsüber den feindlichen Stoßtrupp, während sie ihn tagsüber vergeblich suchten. Keine Nacht verging, in der sie die fremden Soldaten nicht stellten und in ein Feuergefecht verwickelten, doch beide Seiten waren gleich schwer bewaffnet, wodurch die Schusswechsel immer unentschieden ausgingen und der Feind erneut fliehen konnte.
Als es wieder einmal so weit war, dämmerte gerade der Morgen am Horizont und Edgar und seine Männer beschlossen, in ihr Lager zurückzukehren und sich schlafen zu legen. Edgar marschierte voran. Er hielt sein Sturmgewehr feuerbereit mit der Mündung zu Boden gerichtet. Sobald seine hin- und herschweifenden Blicke den Feind ausmachten, brauchte er es nur zu heben und konnte schießen. Auch Ebenezer, der hinter ihm ging, war höchst konzentriert. Der Lauf seines Sturmgewehres folgte dem stechenden Blick, mit dem er die Umgebung sondierte. Seine Schweißtropfen passten sich der Tarnbemalung seines Gesichts an. Andi trug das Maschinengewehr der Gruppe auf den Schultern, er drückte es mit den Handgelenken gegen sein Genick. In Verbindung mit seinem herabhängenden Kopf sah er aus wie ein marschierender Gekreuzigter. Franz, der hinter ihm herschlurfte, war mit den Gurtkästen und dem Reservelauf für das Maschinengewehr behängt. Wie immer bot er einen schlampigen Gesamteindruck, sein Hemd hing ihm aus der Hose, unter dem Kragen standen drei Knöpfe offen, ein Hosenbein hatte sich aus dem Stiefel gelöst und in seinem Mundwinkel hing eine vor sich hinglosende Zigarette. Den Schluss bildete Helmut, der sein Sturmgewehr geschultert hatte und es am Lauf festhielt. Sein Blick war auf den Boden geheftet, womit er seiner eigentlichen Aufgabe, nämlich das Gelände hinter der Gruppe zu sichern, nicht nachkam.
Als ihr getarntes Acht-Mann-Zelt in Sichtweite kam, hörte Edgar hinter sich Laute der Erleichterung. Sie alle waren es nicht mehr gewöhnt, dass sich ihnen ein gewünschtes Ziel entzog und Edgar hatte vergessen, wie mühsam es war, wenn der Erfolg ausblieb und wie sehr ihm das auf die Nerven ging. Während sie in das Zelt traten, zogen sie ihre Stiefel aus. Das ging so vor sich, dass die Stiefel von einem Moment zum nächsten an ihren Füßen fehlten und stattdessen frisch poliert an den Fußenden ihrer Schlafsäcke standen. Auch das Ausziehen der Uniformen wurde auf diese Weise erledigt, diese fanden sich frisch gewaschen, gebügelt und zusammengelegt neben den Stiefeln wieder. Mit einem tiefen Seufzen ließ Edgar sich auf seinen Schlafsack fallen. Dieser lag auf einer kleinen Wolke, die wenige Zentimeter über dem Boden schwebte.
Als er diese Wolke zum ersten Mal erschaffen hatte und in Superman-Manier in ihr schwebte, bekam Ebenezer einen Lachanfall. Es dauerte mehrere Minuten, bis er wieder normal atmen und sprechen konnte, dann wollte er wissen, was das solle. Edgar erklärte verwundert, dass man so auf einer Wolke liegen könne, selbst wenn es nur so aussähe. Ebenezer fragte, wieso er sich nicht gleich eine tragfähige Wolke wünsche und da kam Edgar sich richtig dumm vor. Er folgte Ebenezers Rat und stellte fest, dass ein Wolkenbett buchstäblich das Weichste war, was er sich vorstellen konnte.
Die fünf Krieger hatten sich darauf geeinigt, den Tag-Nacht-Rhythmus beizubehalten, um die Spannung des gesamten Erlebnisses zu erhalten. Entweder wünschten sie sich tatsächlich schlafend oder sie plauderten miteinander, würfelten oder diskutierten ihre taktische Lage sowie ihr Vorgehen in der kommenden Nacht.
Als Edgar nun bäuchlings auf seinem Schlafsack lag, wollte er nichts so sehr, wie eine Pause vom Krieg. Doch er war mit den anderen übereingekommen, dass niemand das Szenario verändern oder verlassen würde, bis ihr Auftrag ausgeführt war. Vielleicht, so dachte er, half ja ein wenig Ablenkung. „Erzählt mir von der Bergregion“, murmelte er in den Schlafsack hinein.
„Was willst du denn wissen?“ Auch Helmuts Stimme war nur ein Murmeln.
„Warum wart ihr dort?“
„Weil uns langweilig war, deshalb“, antwortete nun Franz. „Wir haben geglaubt, wir hätten schon alles vom Himmel gesehen. Außerdem ist uns kurz vorher eine Bergseele begegnet.“
Edgar saß mit einem Mal kerzengerade auf seiner Wolke. „Echt?“
„Ja. Der Typ war irre.“ Andi klang, als würde er zum Sprechen gezwungen.
„Wie seid ihr auf ihn gestoßen?“
„Gar nicht, er kam in den Himmel – und schon war er wieder weg.“ Nun setzte sich auch Helmut auf. „Es war so: Wir waren gerade auf einem Sightseeingtrip im katholischen Himmel und feierten die Auferstehungsmesse im Jesus-Christus-Dom mit, als plötzlich eine neue Seele ankam. Versteh mich richtig, normalerweise ist es nichts Besonderes, wenn ein Mensch im Diesseits stirbt und seine Seele hier auftaucht; du kennst das ja. Es sieht nicht anders aus, als hätte sich eine Seele an den Ort gewünscht, an dem sie gerade auftaucht. Mit dem Unterschied vielleicht, dass die Neuankömmlinge meistens verwirrt sind oder nicht glauben, was da mit ihnen passiert. Aber in diesem Fall war es anders. Während Papst Julius II. von der Kanzel herunter die Herrschaft der katholischen Kirche über den Himmel predigte, ging plötzlich ein Rütteln durch den gesamten Dom, wie bei einem Erdbeben. Die Seelen kreischten auf, wir nahmen ja alle an, es gäbe wieder einmal eine große Bestrafung, doch die Erschütterungen hörten schnell wieder auf. Stattdessen gab es einen dumpfen Knall vom Altar her, der im gesamten Dom widerhallte und plötzlich erschien dort diese Seele.“

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 28: Himmel und Erde

Kapitel 28: Himmel und Erde

Edgar und Ebenezer diskutieren über die Bibel und die Ordnung des Himmels. Dabei erklärt Ebenezer, warum die „große Bestrafung“ keine Strafe sein kann.

 

„Wie meinst du das?“ Edgar bemerkte, wie schwer seine Zunge inzwischen geworden war.
„Sie haben uns den Himmel als Ort der vollendeten Glückseligkeit und der vollkommenen Gottesliebe beschrieben, nicht wahr? Und zwar im Angesicht Gottes bis in alle Ewigkeit.“
„Als der Silberfisch mich in das Licht geschickt hat, hat es kurze Zeit ganz danach ausgesehen“, räumte Edgar ein, „bis auf die Anwesenheit Gottes eben. Und das mit der Ewigkeit hat auch nicht so recht hingehauen.“ Er wartete, bis Ebenezer ihn fragte, was er meinte, damit er von seinem Martyrium im unendlichen Weiß berichten konnte.
Doch der Lord spann, ebenfalls schon ein wenig lallend, seinen eigenen Gedanken weiter: „Ich glaube ja, dass der ganze Himmelsmythos von Gläubigen stammt, die kurz nach ihrem Tod wieder zurück ins Leben geholt werden konnten. Die haben einen kurzen Blick hier hereingeworfen, gesehen, dass all ihre Wünsche in Erfüllung gehen, gespürt, wie befreit sich ihre Seele anfühlt und geglaubt, das bleibt hier für immer so.“
„Und das Angesicht Gottes?“
„Keine Ahnung, vielleicht die Visage von dem Typ, dem sie als Ersten hier begegnet sind.“
Edgar musste an Fred denken, wie er freundlich winkend eine gläubige Seele empfing – und brach in schallendes Gelächter aus. „Aber was ist mit Jesus“, fragte er dann, „hat der nicht auch vom Himmel gepredigt?“
„Ja schon, aber nichts Konkretes, nur in Gleichnissen. Das ging soweit, dass ihn sogar seine Jünger einmal gefragt haben, warum er den Leuten andauernd mit Gleichnissen kommt.“
„Und was hat er geantwortet?“
„Er hat gesagt: ‚Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen.‘“ Edgar starrte Ebenezer so lange an, bis dieser ergänzte: „Matthäus, Kapitel dreizehn, Verse elf bis vierzehn.“
„Wie – du zitierst die Bibel?“
„He, ich habe im Viktorianischen Zeitalter gelebt. Sogar mein Name steht für ein Bollwerk des Glaubens: ‚Samuel nahm einen Stein und stellte ihn zwischen Mizpa und Jeschana auf. Er nannte ihn Eben-Eser – Klammer auf: „Stein der Hilfe“, Klammer zu – und sagte: Bis hierher hat uns der Herr geholfen.‘ Erstes Buch Samuel, Kapitel sieben, Vers zwölf.“
Edgar stellte sein Bierglas in die Luft, um die Hände zum Applaudieren frei zu haben. „Bravo. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, was das bedeuten soll.“
„Diese Geste von Samuel beeindruckte die Philister so sehr, dass sie nicht weiter in das Gebiet Israels eindrangen.“ Ebenezer legte eine theatralische Pause ein, in der er einen großen Schluck von seinem Ale trank. Dann fuhr er gesellig fort: „Denk dir nichts dabei, das hat man mir von Kindesbeinen an eingebläut. Meine Eltern waren dermaßen evangelikalisch, bei uns war Jesus Christus bei jedem Abendmahl mit dabei, nicht nur beim letzten!“
Edgar lachte. „Für einen Gottesfürchtigen bist du ganz schön frech.“
„Gottesfürchtig bin ich nicht mehr, seit ich gesehen habe, wie das da heroben läuft. Es gibt nichts zu fürchten, das hier ist der Himmel.“
„Und was ist mit dem ewigen Gesetz?“
„Was für ein ewiges Gesetz? Die Zehn Gebote? Die gelten hier nicht.“
„Nein, ich meine das ewige …“, Edgar unterbrach sich selbst und fragte ehrlich verblüfft: „Wieso gelten die Zehn Gebote nicht?“
„Weil das Regeln sind, die Ordnung in das menschliche Zusammenleben bringen sollen. Menschlich, verstehst du? Familie, Staat, Gott. Mit uns Seelen hat das nichts zu tun.“ Offensichtlich spiegelte sich Edgars Unverständnis deutlich auf seinem Gesicht wider, denn Ebenezer setzte sogleich zu einer Erklärung an. „Denk einmal nach: Die ersten drei Gebote lauten: ‚Du sollst neben mir keine anderen Götter haben‘, ‚Du sollst dir kein Gottesbild machen‘ und ‚Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.‘ Wir kommen hier nicht in Versuchung, irgendwen anzubeten, abzubilden oder lächerlich zu machen und selbst wenn, hätte das keine Auswirkung. Das vierte Gebot befiehlt: ‚Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!‘ – Überflüssig. Fünftes Gebot: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.‘ – Wir sind tot, also pfeif drauf. Sechstes Gebot: ‚Du sollst nicht morden.‘ – Geht gar nicht. Siebtes Gebot: ‚Du sollst nicht die Ehe brechen.‘ – Keine Seele ist verheiratet. Achtes Gebot: ‚Du sollst nicht stehlen.‘ – Wir besitzen nichts. Neuntes Gebot: ‚Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.‘ – Es gibt hier keine Gerichtsverhandlungen und wer über andere Seelen Lügen erzählt, stellt sich selbst ins Aus. Und schließlich das zehnte Gebot: ‚Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen, blablabla, oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.‘ – Siehe achtes Gebot, wir besitzen nichts. Was hast du?“
Je länger Ebenezer gesprochen hatte, umso befremdlicher waren Edgar seine Ausführungen erschienen. Dieses Gefühl hatte wohl ebenfalls Edgars Mimik modelliert. „Ich kann mich irren“, erwiderte er langsam, „aber haben die Zehn Gebote nicht irgendwie anders geklungen?“
„Es gibt verschiedene Deutungen und Zusammenfassungen. Meine Version richtet sich nach den Worten der Bibel, Buch Exodus Kapitel zwanzig, Verse eins bis einundzwanzig. Originaler kriegst du es nur in der hebräischen Urfassung. Aber nach welcher Version auch immer: Die Zehn Gebote haben hier keine Relevanz.“
„Ich habe mich das schon gefragt, bald nachdem ich hier eingetroffen bin: Gibt es für uns überhaupt irgendwelche Regeln?“
„Selbstverständlich gibt es die“, Ebenezer sprach mit dem Brustton der Überzeugung, „und sie sind gleich klar wie einfach: Wir dürfen nichts tun, was wir nicht können.“
„Hä?“ Da Edgar sich gewünscht hatte, der Alkohol möge bei ihm wirken, fiel ihm das Denken nun leidlich schwer.
„Anders gesagt“, erläuterte Ebenezer, „uns sind alle Dinge verboten, die wir nicht tun können.“
„Das würde aber im Umkehrschluss bedeuten, dass alle Dinge erlaubt sind, die wir tun können.“
„Das ist richtig.“
„Was ist dann mit der großen Bestrafung?“
Ebenezers schiefes Grinsen wirkte auf Edgar, als hörte er diesen Einwand jedes Mal an dieser Stelle der Diskussion. „Das Bebenphänomen, auf das du dich beziehst“, begann er, „mag alles Mögliche sein, aber es ist ganz sicher keine Bestrafung. Und bevor du fragst: Ich weiß auch nicht, was es wirklich sein könnte.“
„Woher willst du dann wissen, dass es keine Strafe ist?“
„Weil es die einzige Strafe wäre, die es gibt, und das wäre inkonsequent.“
„Eine Strafe für das Verlassen des Himmels? Was ist daran inkonsequent?“
„Dass es, wie gesagt, die einzige Strafe wäre. Abgesehen davon wäre es auch die seltsamste Strafe, die ich je erlebt habe, immerhin trifft sie nicht die Schuldigen, sondern alle anderen.“
„Vielleicht, um die Gesamtheit der Seelen zu ermahnen, die Abtrünnigen von ihrem Exodus abzubringen?“
Ebenezer trat nahe an Edgar heran und blickte ihm fest in die Augen. „Hör mir einmal zu. Erstens, seit ich hier bin, habe ich schon so manchen Auszug aus dem Himmel miterlebt und noch nie ist es dem versammelten Mob gelungen, auch nur eine einzige Seele von ihrem Vorhaben abzubringen. Wenn das also die göttliche Absicht wäre, dann wäre sie wirkungslos. Zweitens, so etwas wie eine ‚Gesamtheit der Seelen‘ gibt es nicht, und damit auch keine kollektiven Interessen. Und erst recht gibt es kein Interesse, das Seelen aufgezwungen wird, die es nicht teilen.“
„Was, es gibt keine Gemeinschaft?“ Edgar lachte schrill. „Wie kommst du denn auf die absurde Idee? Worin leben wir dann seit unserem Tod?“
Ebenezer ließ sich nicht beirren: „Im Himmel sind alle Seelen Individualisten. Ist dir das noch nicht aufgefallen? Was immer wir hier tun oder lassen, wir tun es allein oder zumindest nur für uns selbst. Wir gründen keine Familien, wir scharen keine Freunde um uns, wir bilden keine Staaten. In den einzelnen Himmelsbereichen werden zwar Zweckgemeinschaften geschlossen und manchmal zieht man für einige Zeit mit einer oder mehreren anderen Seelen durch den Himmel. Aber solche Zusammenschlüsse dienen ausschließlich den Wünschen jeder einzelnen daran beteiligten Seele und nicht einem dadurch entstehenden Kollektiv. Deshalb gibt es auch nie böses Blut, wenn eine Seele eine solche Gemeinschaft verlässt. Ich war immer wieder gemeinsam mit anderen Seelen über Zeiträume hinweg unterwegs, die nach weltlichem Maßstab mehrere Jahre umfassten. Als sich unsere Wege wieder trennten, gab es weder Bitterkeit noch Trauer noch irgendeine Art von Bedauern. Es war ein Auseinandergehen in Freundschaft, dennoch vermisste ich danach keine einzige dieser Seelen. Das ist ein Verhalten, das es im Leben vor dem Tod nicht gibt.“
Edgar spürte, dass ihm der Mund offenstand. Ebenezer hatte Recht, doch warum waren ihm diese Dinge selbst nie aufgefallen? „Was … was sagt das über uns aus“, stammelte er, „dass wir Egoisten sind?“
„Es sagt aus, dass wir hier in der Lage sind, auf uns allein gestellt zu leben. Eine gesellschaftliche Ordnung, die den Einzelnen in ein Geflecht von Gemeinschaften unterschiedlicher Intimität einbindet, wie wir es vom Diesseits her kennen, ist doch nur nötig, wenn der Einzelne alleine nicht überleben würde. Als Sterbliche waren wir unzähligen Gefahren ausgesetzt, wir brauchten das Kollektiv. Hier im Himmel sind wir nicht nur unsterblich, gemeinschaftliche Bindungen wären für uns sogar hinderlich auf unserer Selbsterfahrungsreise.“
„… und deshalb keine Gemeinschaftsordnung …“, murmelte Edgar.
Ebenezer fuhr fort: „Ein ganzer Rattenschwanz von Verhaltensformen und -normen bricht dadurch weg. Denk einmal nach: Wenn es keine geschlossene Gesellschaft gibt, braucht es auch keine Gesetze, die das Zusammenleben regeln. Wenn es keine Gesetze gibt, braucht es keine Politik, die sie erlässt und keine Verwaltung, die ihre Einhaltung überwacht. Kurz, es braucht keinen Staat, und weil es keine Staaten gibt, gibt es auch keine diplomatischen Differenzen, die möglicherweise dazu führen, dass eine Regierung ihr eigenes Volk gezielt manipuliert, um an der Macht zu bleiben und damit die Freiheit jedes Einzelnen beschneidet, und, und, und.“
„Aber leben wir dann nicht in einer Anarchie?“
„Nein, denn wenn die Gemeinschaft nicht das Maß der Ordnung ist, gibt es auch keine Anarchie, weil die Anarchie ja das Fehlen einer solchen gemeinschaftlichen Ordnung wäre. Und wo keine Anarchie droht, bedarf es – umgekehrt – auch keiner gemeinsamen Ordnung.“
„Was ist aber dann das Maß unserer Ordnung?“
„Der Individualismus.“
Edgar ließ Ebenezers Worte auf sich wirken. „Du meinst“, schloss er dann, „wenn alles erlaubt ist und jeder nur auf sich selbst schaut – dann leben alle im Paradies?“
„Nein, das meine ich nicht.“ Ebenezer schüttelte entschieden den Kopf. „Dass ideologische Diskussionen aber auch immer in banalen Schlussfolgerungen enden müssen. Was ich meine ist, dass die Seelen nur durch ihre Unsterblichkeit vollkommen frei sein können.“
Edgar schwirrte der Kopf von diesem Stakkato aus Überlegungen und Schlussfolgerungen. Außerdem empfand er den Fanatismus, in den Ebenezer sich hineingeredet hatte, als beengend. „Ich will jetzt irgendwas Verrücktes machen.“
Erstaunt über den abrupten Themenwechsel setzte Ebenezer das Ale-Glas ab, seine Oberlippe glänzte nass. „Was denn? Jemanden verkloppen?“
„So was in der Art. Hast du eine Idee?“
Ebenezer beendete den unterbrochenen Schluck und blickte versonnen geradeaus. „Ich war schon lange in keinem Krieg mehr. Das fehlt mir.“
Edgar riss die Augen auf. „Du meinst, es gibt tatsächlich ein Schlachtfeld? Hier im Himmel?“
„Was heißt da eines? Endlos viele! In welcher Epoche willst du kämpfen? In der Antike mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Streitwagen? Im Mittelalter mit Lanzen, Keulen und Armbrüsten? In der frühen Neuzeit mit primitiven Feuerwaffen? Im Zwanzigsten Jahrhundert mit Panzern, Flugzeugen und Sturmgewehren? Oder thematisch gefragt: Wilder Westen? Weltraum? Große Schlacht aus dem Film ‚Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs‘? Such dir was aus.“

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 27: Von Träumern und dem lieben Gott

Kapitel 27: Von Träumern und dem lieben Gott

Edgar freundet sich mit Ebenezer an, der ihm eine neue Seite des Himmels zeigt. Davor taucht jedoch ein Träumer auf.

Bevor Edgar Ebenezer antworten konnte, erschien auf dem Sessel zwischen ihnen eine Seele. Zwar hatte sich Edgar längst schon an das jederzeitige Auftauchen und Verschwinden von Seelen allerorts gewöhnt, doch war er so in das Gespräch mit Ebenezer vertieft gewesen, dass er nun erschrak.
Anfangs, als er neu im Himmel angekommen war, hatte sich Edgar wegen solcher Zwischenfälle noch in seiner Privatsphäre gestört gefühlt. Bald jedoch hatte er begriffen, dass er im Himmel nur dann eine Privatsphäre hatte, wenn er sie sich ausdrücklich wünschte; wie etwa in seinem Refugium. Ansonsten war das plötzliche Auftauchen anderer Seelen kein Ärgernis, sondern Normalität und es gab ja auch keine Geheimnisse zwischen den Seelen. Peinliche Szenen gab es nur, wenn entweder die auftauchende oder die dadurch überraschte Seele erst kurz davor im Himmel angekommen war, also noch wenig Erfahrung mit dem Leben nach dem Tod hatte. Himmelserfahrene Seelen hatten selbst schon so viel ausprobiert, dass es kaum Situationen gab, die ihnen peinlich waren, wenn sie in sie hineinplatzten. Und falls doch, waren sie nur selbst noch nicht auf die Idee gekommen, eine solche Situation selbst auszuprobieren.
Der Neuankömmling in der Schattenbühne hatte indianische Gesichtszüge. Er blinzelte und sah sich um, wobei seine Blickwechsel hastig waren; fahrig.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Edgar.
Der Fremde lächelte, nickte und antwortete mit einem seltsamen Akzent: „Ich weiß nicht … ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin.“
Edgar war erstaunt. Er hatte im Himmel die Seelen von Menschen aller Hautfarben angetroffen, aber noch nie eine, die mit einem Akzent gesprochen hätte. „Wohin wollten Sie denn?“
„Nirgendwohin. Ich war gerade im Rodrigues-Álvez-Park und plötzlich … war ich hier.“
„Wie bitte? In welchem Park? Ich meine, in welchem Bereich?“
Das Gesicht des Neuankömmlings spiegelte Edgars Fassungslosigkeit wider. „Natürlich in Belém“, antwortete er mit beunruhigter Stimme, „wo bin ich denn hier?“
„Sie sind hier in der Schattenbühne. Übrigens, mein Name ist Edgar.“
„Paolo. Ich … ich weiß nicht …“
„Sie träumen“, schaltete Ebenezer sich in das Gespräch ein, „das kommt immer wieder einmal vor.“
Paolo riss ungläubig die Augen auf. „Träumen? Oxford – bin ich hier in Oxford?“
Edgar spürte, wie sich Paolos Verwirrung auf ihn übertrug. „Wie kommen Sie auf Oxford? Sie sind im kulturellen Bereich. Im Himmel.“
Paolo schien ihn nicht richtig wahrzunehmen. „Als junger Mann habe ich in Oxford studiert“, begann er, „ich war jahrelang dort, habe viele Freundschaften geschlossen. Auch später war ich oft in England, es war mir wie eine zweite Heimat.“
„Und woher stammen Sie?“ Edgar wollte nicht nur die Situation klären, er wollte auch das Rätsel um Paolos Akzent lösen.
„Aus Brasilia, aber in letzter Zeit bin ich oft in Belém.“
„Sie meinen Brasilien? Das echte Brasilien?“, rief Edgar überrascht. Ebenezer lächelte wissend.
„Ja, Brasilien“, meinte Paolo geistesabwesend, „zumindest das Brasilien, das wir uns alle wünschen.“ Er sah sich noch einmal um und wandte sich dann an Ebenezer: „Sie haben Recht, ich träume. Genauso fühlt es sich an, wenn man …“ So unvermittelt wie er aufgetaucht war, verschwand Paolo wieder.
Edgar war verstört von dem Vorkommnis, doch Ebenezer lachte. Er rückte auf den Sitz, auf dem Paolo gerade gesessen war, und begann mit heiterer, ruhiger Stimme zu erklären: „Mach dir keine Sorgen, das ist ganz normal. Es kommt nicht oft vor, aber doch immer wieder einmal.“
„Ich habe so etwas noch nie erlebt“, stotterte Edgar, „was war das?“
„Das, lieber Freund, ist unsere einzige Möglichkeit, mit dem Diesseits zu kommunizieren. Theoretisch zumindest.“
„Was? Wie?“
„Das war ein Träumer. Sein Körper liegt irgendwo in der brasilianischen Stadt Belém und schläft. Seine Seele geht dabei auf Wanderschaft und kommt auf eine Stippvisite ins Jenseits.“
„Du meinst, wann immer ich als Mensch von phantastischen Orten geträumt habe, dann war meine Seele in Wirklichkeit hier?“
„Nein, sicher nicht. Denn wenn jede träumende Seele im Himmel vorbeikäme, dann hätten wir diese Besuche wohl regelmäßig. Niemand weiß, wie das genau abläuft, aber ab und zu kommt jemand zu uns und ist darüber verwirrt, was mit ihm passiert. So wie unser Freund gerade eben.“
„Als lebender Mensch habe ich immer wieder davon gehört, dass Leute im Traum ihren verstorbenen Verwandten begegnet seien und mit ihm gesprochen hätten. Ich selbst habe einmal von einem Ort geträumt, den ich erst zwei Jahre später besucht habe. Waren das alles solche Traumerlebnisse?“
Ebenezer hob die Schultern. „Vielleicht ja, vielleicht nein.“ Edgars Unzufriedenheit über diese Antwort zeichnete sich wohl auf seinem Gesicht ab, denn Ebenezer lachte erneut. „Sieh nicht alles so eng. Wir müssen schließlich nicht alles wissen, was zwischen Himmel und Erde so abläuft, oder?“
„Mich interessiert das schon“, Edgars Stimme klang ein wenig eingeschnappt. „Wie ist das eigentlich umgekehrt? Ist es schon einmal vorgekommen, dass eine Seele aus dem Himmel die Welt der Sterblichen besucht hat?“
Ebenezers bekam einen merkwürdigen Blick und er zögerte mit seiner Antwort. „Nicht so direkt. Aber hin und wieder kommt es vor, dass Seelen davon berichten, sie seien eingeschlafen und hätten von exotischen Orten geträumt.“
„Eingeschlafen? Ohne es sich gewünscht zu haben?“
„Ja, auch das kommt vor; selten aber doch. Man nennt es ‚Seelenschlaf‘. Schlafende Seelen träumen fast immer von Orten, zu denen sie in ihrem Erdenleben eine besondere Beziehung hatten.“
„Das heißt, sie besuchen die Welt der Lebenden?“
„Nein, die Orte, von denen diese Seelen berichten, scheinen eher die Himmelsversion jener Orte zu sein, zu denen sie eine besondere Beziehung haben. Es dürfte wohl so sein, dass sie wirklich nur träumen und ihre Reise das Produkt ihrer Phantasie ist.“
„Aber wie kann es sein, dass eine Seele einschläft?“
„Du fragst zu viel, Edgar, das ist nicht gut.“ Ebenezers Stimme war kalt, beinahe misstrauisch, sein Blick war kritisch. „Der Himmel ist kein Ort für Fragen. Alles, was du wissen musst, ist bereits in dir und alles, was du haben willst, kannst du dir erschaffen. Was du nicht weißt, brauchst du nicht zu wissen und was du dir nicht erschaffen kannst, ist verboten. So einfach ist das.“
Edgar spürte zwei Dinge: Erstens, Ebenezer meinte nicht wirklich, was er sagte. Er mochte seine Meinung von anderen übernommen haben, jedenfalls kam sie nicht aus seinem Herzen. Zweitens, Ebenezer würde momentan keine weitere Frage mehr beantworten. Das war schade, denn Edgar wollte noch immer wissen, warum Paolo mit einem Akzent gesprochen hatte. So unterschiedlich die Seelen auch waren, die er bisher im Himmel angetroffen hatte, eines war ihnen allen gemeinsam: In ihren irdischen Leben hatten sie das Christentum als die prägende Religion jener Kultur angesehen, der sie sich zugehörig fühlten. Doch egal, ob die Seele in ihrem irdischen Leben ein schwarzer Italiener, ein weißer Puerto Ricaner oder ein gelber US-Amerikaner gewesen war, sie alle sprachen hier ohne jegliche Dialekteinfärbung. Deshalb war Edgar schließlich in Salvador Dalís Ausstellung zu der Erkenntnis gelangt, dass sich die Frage nach der Sprache hier nicht stellte, dass Seelen miteinander auf einer Ebene kommunizierten, auf der sprachliche Unterschiede, wie er sie von der Erde kannte, keine Rolle spielten.
Unbewusst schüttelte er den Kopf. Wann immer er glaubte, schon alles über den Himmel zu wissen, erfuhr er wieder etwas Neues.

Edgar verstand sich auf Anhieb gut mit Ebenezer. Dieser war freundlich und sein rauer, englisch gefärbter Humor gefiel Edgar. Ebenezer erzählte, wie sich die Handlung des dreidimensionalen Schattenspiels in den vergangenen zwei Monaten entwickelt hatte, denn so lange saß er schon hier, dann beschlossen beide, auf ein Glas Ale in Ebenezers Stamm-Pub zu gehen. Als sie dort erschienen, empfand Edgar das Ambiente als laut, eng und gemütlich. Ohne dass sie es abgesprochen hatten, wünschten sich beide, dass der Alkohol wirken sollte, so dass ihre Unterhaltung mit jedem weiteren Pint noch ausgelassener wurde.
Ebenezer hatte im neunzehnten Jahrhundert in der englischen Grafschaft Kent gelebt. Als Lord hatte er einige der englischen Kolonien bereist, was ihm großen Spaß bereitet hatte. Nicht zuletzt deshalb durchstreifte er seit seinem Tod auch den Himmel, stets auf der Suche nach einem neuen, immer noch außergewöhnlicheren Erlebnis. Dieses Nomadentum, so sagte er, sei die einzige Lebensweise, die für ihn im Himmel vorstellbar sei.
„Ich habe auch noch keinen Bereich gefunden, in dem ich auf Dauer glücklich werden könnte“, stimmte Edgar zu. „Im Gegenteil, wenn ich mir ansehe, wie manche Seelen hier die Ewigkeit verbringen, kriege ich das nackte Grausen.“
„Da sagst du was“, pflichtete Ebenezer bei, „denk nur einmal an all die Künstler hier: Schuften wie die Idioten in Spelunken, als müssten sie die Miete für ihre Mauselöcher verdienen. Und in der wenigen Freizeit, die sie sich lassen, tun sie dann endlich das, was sie eigentlich wollen: Sie gehen ihrer Kunst nach. Gottes Tiergarten ist groß.“
Edgar zuckte mit den Achseln. „Wenn es sie glücklich macht …“ Er nahm einen großen Schluck von dem schaumlosen, bernsteinfarbenen Bier.
„Aber macht es sie denn glücklich?“, fragte Ebenezer. Der Alkohol schien seine Augäpfel hervorquellen zu lassen.
„Ich weiß es nicht. Mich würde es nicht glücklich machen. Aber ich bin ja auch kein Künstler.“
„Zu meiner Zeit konnte man einen Künstler glücklich machen, wenn man ihm die materiellen Sorgen abnahm. Für die wäre der Himmel … nun ja, der Himmel gewesen.“ Ebenezer kicherte. „Apropos, welches Jahr schreibt man gerade im Diesseits?“
Edgar zuckte erneut mit den Achseln. „Keine Ahnung. Es ist schon einige Zeit her, dass ich einen Frischverstorbenen getroffen habe, den ich nach dem Jahr hätte fragen können. Warum?“
„Nur so. Ab und zu interessiert es mich, wie lange ich hier schon mein Unwesen treibe. Beim letzten Mal waren es einhundertachtundvierzig Jahre, aber das ist auch schon wieder eine Weile her.“
„Und du bist die ganze Zeit über von einem Bereich zum nächsten gewandert?“
„Mehr oder weniger. Eigentlich habe ich mich treiben lassen. Wenn es mir wo gefallen hat, habe ich mich niedergelassen, wenn es mir nicht mehr gefallen hat, bin ich weitergezogen. Es gibt eine ganze Menge Seelen, die das so handhaben.“
„Bist du jemals Gott begegnet?“
Ebenezer lachte spöttisch auf. „Junge, glaubst du noch an den Weihnachtsmann? Du bist echt noch nicht lang hier.“ Es begann Edgar auf die Nerven zu gehen, diesen Satz gesagt zu bekommen! Wie lange musste er denn tot sein, um endlich als himmelserfahren zu gelten? Er wollte Ebenezer zurechtweisen, doch dieser sprach bereits weiter: „Niemand ist je Gott begegnet, der alte Herr lässt sich hier nämlich nicht blicken. Da haben uns die Pfaffen im Leben vor dem Tod eindeutig falsche Versprechungen gemacht.“

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Roland Zingerle

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