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Kapitel 39: Neues aus dem Diesseits

Kapitel 39: Neues aus dem Diesseits

Edgar trifft seine verstorbene Mutter und erfährt von ihr, wie lange er schon tot ist. Sie erzählt ihm auch, wie es seiner Familie geht.

Die Kraft verließ Edgar, er sackte auf die Knie, stütze sich mit beiden Händen am Boden ab. Er blickte noch einmal hin, so lange, bis er auch den letzten Zweifel verlor, bis er nicht mehr wegleugnen konnte, dass seine Mutter hier war, im Himmel. Sie stand im Jesus-Christus-Dom, inmitten anderer Seelen und feierte die Auferstehungsmesse mit. Sie sah um einiges älter aus, als Edgar sie in Erinnerung hatte und sie wirkte verwirrt.
Seit seinem Tod hatte Edgar nicht mehr daran gedacht, dass auch seine Eltern sterblich waren. Es war kein Thema mehr für ihn gewesen, da er ihren Tod ja nicht mehr zu fürchten brauchte. Doch als er seine Mutter nun sah, war es, als holte ihn eine schmerzhafte Vergangenheit ein und er bekam auch Schuldgefühle, weil er nie mehr an sie oder an seinen Vater gedacht hatte. Offenbar hatte es ihn nicht gekümmert, ob sie schon im Himmel waren oder nicht. Es war seltsam, doch ihm wurde klar, dass er – obwohl er sich lange an die Erinnerung an seine Frau und an seine Kinder geklammert hatte – mit seinem Tod aufgehört hatte, sich als Teil einer Sippe zu fühlen.

* * *

Einen Wunsch später stand Edgar im Jesus-Christus-Dom direkt neben seiner Mutter. Ohne es speziell gewünscht zu haben, hatte er mit seinem Ortswechsel auch seine Engelserscheinung abgelegt, offenbar war dieses Aussehen eine Besonderheit des Himmelreichs in den Wolken. Er wollte seine Mutter ansprechen, doch sie blickte starr geradeaus, als wollte sie ihn ignorieren. Schließlich nahm er sich ein Herz und sagte laut: „Mama!“
Sie reagierte nicht. Er zupfte sie am Ärmel und endlich, nach mehreren Sekunden, ging ein Zucken durch sie und sie wandte sich ihm zu. Doch ihr Blick war leer. „Ja, bitte?“
„Mama, ich bin‘s, Edgar!“
„Edgar?“ Ihr Blick wurde nachdenklich. „Edgar …“ Er spürte, wie es eng in seiner Brust wurde, dann endlich sah die Mutter ihrem Sohn direkt in die Augen. „Edgar!“
Sie fielen sich in die Arme, drückten sich, schluchzten. Die Bewegungen ihrer Hände auf seinem Rücken erinnerten ihn an früher, an sein irdisches Leben. Es schien, als hätte er diese Hände, die seit seiner Geburt die zärtlichsten von allen gewesen waren, zwischenzeitlich vergessen und als erinnerte er sich erst jetzt wieder, wie innig vertraut sie ihm immer waren. Als sie sich endlich voneinander lösten, schluckte Edgar schwer. „Wie lange bist du schon hier?“
„Ich weiß nicht.“ Die Mutter blickte sich desorientiert um. „Ehrlich gesagt … wo bin ich hier eigentlich?“ Wieder war ihr Blick ausdruckslos, abwesend.
„Na, im Himmel!“
„Ehrlich? Bist du dir sicher?“
„Warum zweifelst du daran?“
„Weil ich lange Zeit da war und … trotzdem nicht da. Ich war daheim, aber dein Papa hat mich nicht gesehen oder gehört. Es war schrecklich.“
„Du weißt aber, dass du tot bist?“
„Ja … schon … glaube ich …“
„Was ist denn passiert? Ich meine, wie bist du gestorben?“
„Es war mein schwaches Herz. Es hat mir in den vergangenen Jahren immer wieder Probleme gemacht. Aber zuletzt bin ich ins Koma gefallen und dann … dann weiß ich nicht mehr so genau.“
Edgar fiel ein, dass er ja nicht wusste, wie viel Zeit seit seinem Tod vergangen war, daher konnte er auch nicht abschätzen, in welchem Alter seine Mutter gewesen sein mochte, als sie das Zeitliche gesegnet hatte. Er fragte sie: „Wie alt warst du, als das passiert ist?“
„Dreiundachtzig.“
Edgar blinzelte. Er schüttelte den Kopf, als würde das etwas verändern. Das konnte nicht sein. Er dachte daran zurück, wie alt seine Mutter bei seinem Tod gewesen war und zog diese Zahl von dreiundachtzig ab. Dann rechnete er es noch einmal. Und dann noch einmal, doch nichts mehr änderte die Anzahl der Jahre, die seither im Diesseits vergangen waren.

Neunundzwanzig.

Als er sich seiner Umgebung wieder bewusst wurde, stand Edgar gebeugt an eine Säule gelehnt. Seine Mutter stand schräg vor ihm, vielleicht zwei Meter entfernt, hatte sich dem Altar zugewandt und murmelte mit den anderen Seelen monoton Betformeln. Solange Edgar gelebt hatte, hatte sie nie gebetet, geschweige, dass sie in eine Kirche gegangen wäre. Überhaupt verhielt sie sich höchst sonderbar. Er ging zu ihr hin und fragte: „Was ist passiert?“
„Das kann ich dir nicht sagen, Kind. Ich erinnere mich, dass ich im Koma gelegen bin. Ich habe mich selbst da liegen sehen. Aber es ist mir gut gegangen, ich bin nachhause zurückgekehrt, doch dein Papa hat nicht bemerkt, dass ich da bin. Lange Zeit nicht.“
„Und dann?“
„Irgendwann sind wir gemeinsam auf der Küchenbank gesessen und da hat er so merkwürdig zu mir hergeschaut, durch mich hindurch. Und dann hat er gesagt: ‚Es ist gut, du kannst gehen.‘ Und dann bin ich gegangen.“
„Und dann?“
„Dann war ich hier. Ich weiß nicht, seit wie lange schon.“
„Wie geht es Papa?“
„Wie soll es ihm schon gehen? Er ist über neunzig. Heike schaut regelmäßig nach ihm. Du kennst doch die Heike, nicht wahr?“
Ein hässlicher Schauer überfuhr Edgar, Tränen der Trauer und der Verzweiflung füllten seine Augen und seine Stimme klang erstickt, als er erwiderte: „Heike war meine Frau.“
Die Mutter starrte lange Zeit nachdenklich vor sich hin, dann meinte sie: „Ach ja, stimmt.“
„Wie geht es ihr? Wie geht es Heike?“
„Gut, gut. Sie geht ja jetzt bald in Pension und der Michael auch und ich glaube, sie freuen sich beide schon darauf.“
„Der Michael?“
„Ja, ihr Mann. Ach, du weißt gar nicht, dass die beiden geheiratet … stimmt, das war ja später.“
„Welcher Michael?“
„Ein ehemaliger Arbeitskollege von ihr. Er hat sich damals so rührend um sie gekümmert, nachdem du … ach Edgar, das Leben geht nun einmal weiter.“
„Wann hat sie wieder geheiratet?“
„Ach, was weiß ich. Zwei Jahre oder drei Jahre nach dir, vielleicht.“
Ein Stich in der Brust ließ Edgar sich zusammenkrümmen, doch seine Mutter schien es nicht wahrzunehmen. Eine alte Frau neben ihr fragte mitfühlend, ob sie ihm helfen könne, doch er schüttelte den Kopf. Er wusste, dies war nicht der letzte Schmerz gewesen, sondern der erste.
„Was ist aus Matthias geworden? Was aus Anni?“
„Dem Matthias geht es gut“, antwortete Edgars Mutter mit abwesendem Blick. „Er ist in deine Fußspuren getreten und hat Medizin studiert. Hat gerade das zweite Mal geheiratet, aber er will keine Kinder, hat er gesagt. Falls ihm was passiert.“
„Ich habe nie Medizin studiert, Mama, ich war Physiotherapeut.“
„Tatsächlich? Ach ja, stimmt.“
„Was meinst du mit ‚falls ihm was passiert‘?“
„Er will nicht, dass sein Kind ohne Vater aufwachsen muss, so wie er.“ Ein weiterer Schmerz krümmte Edgars Rücken, doch die Mutter bekam es wieder nicht mit, sie redete weiter: „Er hat sich mit Heike nie gut verstanden, ist bald von zuhause ausgezogen und hat nur noch das Nötigste mit ihr geredet. Und die Anni … mein Gott, ein schwieriges Mädchen! Die ist ja damals von zuhause weggelaufen, als sie sechzehn war. Die Polizei hat sie lange nicht gefunden, erst ein halbes Jahr später bei einer Drogenrazzia in Berlin. Nach dem Entzug hat sie eine Zeit lang wieder daheim gelebt, aber es war ein Drama mit ihr. Immer neue Freunde, in alle sofort kopfüber verliebt, aber nichts von Dauer. Nach ein paar Monaten war es jedes Mal wieder vorbei. Zumindest hat sie einen Beruf erlernt, ich glaube irgendwas mit Computern. Als sie dann schwanger geworden ist, ist sie fortgezogen, nach Amerika … oder war es Frankreich? Sie hat gesagt, sie hat genug von den Männern und von dem ganzen Drumherum. Als ob das eine Begründung wäre. Aber vielleicht ist es besser so, weil mit dem Michael ist sie nie gut ausgekommen und warum soll die ganze Familie darunter leiden, dass sie sich nichts sagen lässt? Na ja, jedenfalls habe ich schon viele Jahre nichts mehr von ihr gehört. Schade um das Kind.“

Die Mutter, der Jesus-Christus-Dom, alles verschwamm in farbigen Nebeln. Edgar hatte die Notbremse gezogen, er materialisierte am Strand seines Refugiums, und dass die Konturen hier nicht klar wurden, lag an seinen Tränen. Er sank in den Sand, hilflos seinem Schmerz ausgeliefert, der nicht und nicht nachlassen wollte.
Er hatte sie im Stich gelassen. Sein Abgang hatte das Leben seiner Kinder zerstört. Matthias hatte er eine eigene Familie verwehrt und Anni die Zuversicht, einen Mann zu finden, der sie nicht verlassen würde. Er stellte sich die beiden jetzt vor: Matthias, Anfang vierzig in einem Krankenhaus oder in einer privaten Ordination, wohl mit seiner Arbeit als Lebensmittelpunkt, der er vermutlich seine erste Ehe geopfert hatte. Wollte er überhaupt ein guter, konnte er ein fürsorglicher Ehemann sein? Und Anni, Mitte dreißig, allein irgendwo in der Fremde und mit ihrem Kind als einzigen Trost. Ihrem Kind, das in der Geiselhaft ihrer Verzweiflung aufwuchs und deshalb eines Tages wohl ebenso von ihr weglaufen würde, wie Anni selbst weggelaufen war.
Edgars Tod hatte nicht nur das Lebensglück seiner Kinder zerstört, sondern auch das der nachkommenden Generationen. Und wofür? Für einen besoffenen Abend.

Als die Tränen endlich versiegten und er wieder klar sehen konnte, holte Edgar das Foto seiner Familie hervor und sah sich die drei Gesichter an. Diese Familie gab es nicht mehr. Es hatte sie ab dem Moment nicht mehr gegeben, in dem er verunglückt war. Er hatte in einer Erinnerung geschwelgt und sich vorgemacht, sie sei die immerwährende Gegenwart im Diesseits. Doch es war nichts mehr davon übrig, schon seit neunundzwanzig Jahren nicht mehr.
Noch einmal strich er über Heikes Haar, über Annis Wange und stupste mit dem Daumen Matthias Nase an – dann löste er das Foto in einem kleinen farbigen Nebel auf. Und als die Kimm seines Meeren erneut ihre Kontur vor Edgars Blick verlor, wünschte er, er könnte mit sich dasselbe tun – ein für alle Mal.

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Neuerscheinung

Kapitel 38: Edgars Himmelfahrt

Kapitel 38: Edgars Himmelfahrt

Was Edgar nach seiner Himmelfahrt erlebt, erscheint ihm klischeehaft – zumindest so lange, bis er zu Gottes Thron gelangt.

Schließlich war es so weit. Papst Johannes XIX. streckte die Arme nach oben, neigt das Haupt ins Genick und rief: „releva nobis in caelum!“
Im nächsten Augenblick stand Edgar inmitten gleißenden Lichts, nahm die Seelen in seiner Umgebung wie durch goldenes Glas wahr. Im Gegensatz zum letzten Mal verschwand das Licht aber nicht sofort wieder, es umhüllte Edgar und die anderen mehrere Sekunden lang. Dann löste sich das Gold auf, wandelte sich in strahlendes Weiß und Edgar fand sich in einer Art von Himmel wieder, die er nicht erwartet hatte; nicht nach all dem, was er bisher über den Himmel erfahren hatte. Er stand in einer Landschaft aus bauschigen Schönwetterwolken, die aus sich heraus leuchteten, also offenbar in jenem Wolkenkonstrukt, das über dem Dom des Herrn schwebte. Die Wolken hatten unterschiedliche Größen, Edgar stand auf einer mit dem Ausmaß eines Surfbretts, während die alte Pilgerin in einiger Entfernung auf einer mit der Ausdehnung eines Autobusses saß. Andere Wolken hatten die Größe von Hochhäusern oder waren zu gebirgsähnlichen Formationen zusammengeschlossen. Alle Seelen, die an der Himmelfahrt teilgenommen hatten, saßen, standen oder lagen allein oder in Gruppen auf den Wolken in Edgars Umgebung. Überhaupt schien die ganze Region hier, soweit sein Auge reichte, dicht von Seelen bevölkert zu sein. Die Wolken bewegten sich, sie zogen langsam in allen drei Dimensionen aneinander vorbei, jede in eine eigene Richtung. Der Abstand zwischen ihnen war großzügig bemessen, denn trotz ihrer schier endlos großen Zahl sah Edgar immer wieder das Blau des Himmels zwischen ihnen.
Als wäre das nicht seltsam genug, musste Edgar erkennen, dass alle Seelen, auch er selbst, in weiße, bodenlange Umhänge gekleidet waren, ihnen an den Schulterblättern große, weiße Flügel herauswuchsen, golden leuchtende Heiligenscheine über den Köpfen schwebten und sie Leiern in den Händen hielten. Er blickte nach oben, um seinen Heiligenschein zu betrachten, doch dieser folgte der Bewegung seines Kopfes und kippte nach hinten. Edgar griff danach, doch der Heiligenschein war gestaltlos, die Finger glitten durch ihn hindurch, ohne dass er etwas spürte. Als er an sich hinabblickte, sah er, wie zwischen seinen nackten Zehen etwas Wolkenmaterial hervorquoll.
Unwillkürlich begann er zu lachen. Er empfand das Ambiente, wie auch sein eigenes Aussehen in einer Form kitschig, die ihn hilflos machte. Sein Gelächter klang schrill und so verrückt, dass es ihm selbst Angst einflößte. Die alte Pilgerin schwebte auf ihrer Wolke zu ihm und lächelte ihn an. Edgar erkannte an ihrem Blick, dass sie sein Lachen für ein Zeichen der Verzückung hielt.
„Habe ich Ihnen nicht versprochen, dass Sie Ihren Glauben finden werden, wenn Sie erst einmal die Heimat unseres Herrn erreicht haben?“
„Hier wohnt Gott?“
Die Alte, die nun eher einem greisen Engel ähnelte als einer Bäuerin, nickte gütig, malte ein großes Kreuzzeichen vor Edgar in die Luft und entfernte sich dann mit ihrer Wolke. Ehe sie zwischen den anderen Wolken verschwand, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und rief: „Grüß Gott, mein junger Freund!“

Edgar betrachtete unentschlossen die Harfe in seiner Hand. Er bezweifelte, dass er sie verwenden würde, deshalb wünschte er sie weg und sie verschwand. Dann begann er, sich mit seiner neuen Umgebung vertraut zu machen.
Die Wolken zu steuern gelang mittels einfachen Wünschens, und wie sich herausstellte, dienten seine Flügel nicht nur einem dekorativen Zweck. Als er sie das erste Mal ausbreitete, erschrak Edgar vor ihrer großen Spannweite und wunderte sich, dass er sie so selbstverständlich spürte wie seine Arme. Folglich fühlte sich das Flattern zwar fremdartig, aber dennoch völlig natürlich an. Edgar spürte seine Brust- und Rückenmuskeln arbeiten, die für diese Art der Fortbewegung offenbar bestens trainiert waren und schon bei den ersten kräftigen Flügelschlägen nahm er eine spürbare Entlastung seiner Beine wahr. Er flatterte weiter und erhob sich schließlich wie ein großer Vogel von seiner Wolke. Er flog zwischen den Wolken hindurch, stieg nach oben und ließ sich im Gleitflug nach unten sinken. Die Kraft, die er dem Widerstand der Luft mit jedem Flügelschlag entgegensetzte, schuf Vertrauen, gab ihm das Gefühl, das Element zu beherrschen.
Allerdings stellte er schnell fest, dass auch hier dieselben Regeln galten, wie im restlichen Himmel: Da er nie fliegen gelernt hatte, verwendete er seine Flügel nicht sonderlich geschickt. Als er einer Wolke zu nahe kam und die Ausweichbewegungen schlecht dosierte, geriet der darauffolgende Steilkurvenflug zu einem unsicheren Taumeln. Kurz überlegte er, wie es dennoch sein konnte, dass er Muskeln an den Flügeln besaß, zumal er sich diese ja nie antrainiert hatte, schalt sich im selben Moment aber einen Dummkopf, immerhin waren ja all seine Muskeln nur eine Illusion, ebenso wie die Luft und die Schwerkraft.
Edgar genoss dieses Erlebnis dennoch aus vollen Zügen. Seine Superman-Flüge waren anders gewesen, seine Bewegungen in der Luft willkürlicher. Mit den Engelsflügeln war er offenbar auf die Aerodynamik angewiesen und daher mehr eingeschränkt. Doch gerade das machte das Erlebnis intensiver und lebensechter. Auch empfand er das Arrangement der Wölkchen und Wolken faszinierend, zwischen denen er hindurchturnte, und ebenso den Anblick der Seelen in Engelsgestalt, die hier saßen, Leier spielten oder sich, wie er selbst, im Fliegen übten. Schließlich ließ er sich auf einer Wolke nieder und sah seinen Flügeln dabei zu, wie sie sich mit einem leisen Rascheln zusammenfalteten.
Er glaubte das alles hier nicht. Wie konnte es sein, dass die kindlichste aller Vorstellungen vom Himmel tatsächlich wahr sein sollte? Wie weit ging das? Thronte auch Gott hier auf der höchsten Wolke in Gestalt eines alten, weiß gekleideten Mannes mit einem langen weißen Bart? Edgar grinste schief und breitete seine Flügel wieder aus. Er wollte jetzt sehen, ob das stimmte.

Der Weg nach oben wurde ihm irgendwann zu lang. Zunächst war er geflattert, später hatte er sich auf eine Wolke gelegt und war mit dieser, wie mit einem Rennwagen, in einer Steilkurve nach oben gefahren. Doch irgendwann wurde ihm auch das zu eintönig. Außer Wolken sah er nur Seelen in Engelsgestalt beim Sitzen, Stehen, Liegen oder Fliegen, wobei sie jeweils auf ihrer Leier spielten oder nicht. Nur eine einzige Seele brach aus diesem Verhaltensmuster aus. Sie sprang mit eingeklappten Flügeln von einer Wolke zur nächsten und nahm dabei in Kauf zu fallen, wenn die angepeilte Wolke zu weit entfernt war. Dann stürzte sie mitunter eine weite Strecke ab, bis sie auf einer zufällig vorbeitreibenden Wolke auftraf, von der aus sie ihr Spiel weiterspielte.
Es war tatsächlich so, wie Edgar es sich zu Lebzeiten schon immer gedacht hatte, wenn er den Himmel auf diese Weise dargestellt gesehen hatte: Er war langweilig, weil es nichts zu tun gab, außer zu fliegen oder auf der Leier oder mit den Wolken zu spielen.
Wie weit der Weg nach ganz oben sein würde, konnte Edgar nicht abschätzen. Wann immer er hinaufblickte, bot sich ihm dasselbe Bild, nämlich Wolken, die sich über Wolken schoben, dazwischen ab und zu ein Stück blauen Himmels. Also wünschte er sich schließlich nach ganz oben und erschien – als gelte es, ein Klischee zu erfüllen – vor der untersten Stufe einer steilen Wolkentreppe. Diese verschwand wenige Meter über ihm in einem Nebelschleier, was Edgar befürchten ließ, es würde sich bei ihr um ein ähnliches Phänomen handeln, wie es die große Sandfläche in der Bergregion war. Die Frage, ob Gott dort oben war, würde immerhin unbeantwortet bleiben, wenn es niemandem gelang, ihn zu erreichen.
Doch Edgar zögerte nicht lange, sondern begann den Aufstieg. Die Wolkenbank war rasch erreicht, und als Edgar sie durchstieß, blickte er in einen klaren, blauen Himmel, von dem eine warme Sonne schien. Das obere Ende der Treppe war nur wenige Stufen entfernt, Edgar erklomm es und hielt inne. Er stand auf einem kleinen Plateau, direkt vor einem gewaltigen Wolkenthron, welcher von einer goldenen Aura umgeben war. Dieser Anblick ließ in Edgar keinen Zweifel darüber offen, dass es sich hierbei – Klischee hin oder her – um Gottes Thron handelte. Ein Schauer überfuhr ihn so intensiv, dass er ihn in die Knie zwang.

Doch die Ehrfurcht war nur von kurzer Dauer. Gott war nicht hier und dieses ganze, wie einem Kinderbuch entsprungene Ambiente entstammte wohl eher der Schöpferkraft einer kindlichen Seele als der Schöpfung selbst. Edgar erhob sich und trat entschlossen auf den Thron zu, in der Absicht, sich auf ihn zu setzen. Seltsamerweise stockte er allerdings unmittelbar davor. Was, wenn es verboten war? Zwar gab es nirgendwo einen Hinweis darauf, doch war es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass man sich nicht auf Gottes Thron setzen durfte? War das nicht ein Sakrileg? Je länger er darüber nachdachte, umso lächerlicher erschien ihm das Ganze. Selbst wenn es verboten sein sollte – er war eine unsterbliche Seele, was sollte ihm schon groß passieren?
Doch die Logik konnte nicht die Konditionierung aufheben, die Edgar ein Menschenleben lang geprägt hatte. Er wusste, es war Unfug, zumal er sich hier im Himmel befand, dennoch wagte er nicht, dagegen aufzubegehren.
Schlussendlich wandte er sich ab und wollte die Wolkentreppe wieder hinabsteigen, als ihn der Anblick, der sich unter ihm auftat, innehalten ließ. Von diesem Plateau aus konnte Edgar buchstäblich alles im gesamten christlichen Bereich sehen. Der Nebelschleier, der ihm den Blick auf den Thron von unten versperrt hatte, war von oben unsichtbar, so dass Edgar freie Sicht auf das Gewühl der Wolken hatte. Er sah durch die Wolken hindurch und jede einzelne Seele darin. Er sah auf die Stadt Dei darunter, auf ihre geradezu unglaubliche Ausdehnung und, dass sie am Ausgang der Hügelsenke an eine Küste grenzte. Als Edgar sich fragte, wo der dort beginnende Ozean wohl endete, sah er auch dessen anderes Ufer. Ebenso überblickte er das hügelige Gebiet auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt, die Straße, über die er gekommen war, den unablässigen Strom der Pilger, die in den Dom des Herrn wanderten, sowie jede einzelne der schier unendlich vielen Aktivitäten, die in der Stadt durchgeführt wurden. Und er erkannte jede einzelne Seele, wenn er es wollte.
War das hier tatsächlich der Sitz Gottes? Konnte Edgar, wenn er wollte, etwa auch in andere Bereiche des Himmels blicken? Konnte er bis auf die Erde hinunter sehen, bis zu seiner Familie?
Wieder begannen seine Gedanken zu kreisen, wieder spürte er diesen Widerstreit zwischen Verlockung und Ehrfurcht. Andrea fiel ihm ein, die gemeint hatte, dass die Seelen im Himmel alles, was sie taten, auch tun dürften. Ebenezer hatte vergleichbar behauptet, den Seelen sei nur verboten, was sie nicht tun könnten. Demnach brauchte Edgar es nur darauf ankommen zu lassen und sehen, ob es funktionierte. Andererseits, wer war er, dass er sich göttliche Fähigkeiten anmaßte? Er mochte ja hier an Gottes Platz stehen, doch er stand nicht an Gottes Stelle.
Während seiner Überlegungen war Edgars Blick starr auf Dei gerichtet. Das fiel ihm erst auf, als ihm eine der Seelen dort unten vertraut vorkam. Er riss sich selbst aus seinen Gedanken, sah bewusst hin und erkannte – seine Mutter!

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 37: Der Dom des Herrn

Kapitel 37: Der Dom des Herrn

Im „Dom des Herrn“ wohnt Edgar der Himmelfahrtsmesse bei, an deren Ende die Seelen angeblich zu Gott auffahren. Wird er nun endlich seinem Schöpfer gegenübertreten?

Edgar plauderte noch einige Zeit mit der alten Bäuerin und versank dann in ein nachdenkliches Schweigen. Selbst in der Spanne seines irdischen Lebens hatten sich die Bräuche verändert. Halloween etwa war in Mitteleuropa eingeführt worden, weil einige Süßigkeiten- und Verkleidungshersteller es verstanden hatten, das Fest jahrelang so populär zu machen, dass es die Kindergärtner und Grundschullehrer auf die Stundenpläne der Spiel- und Bastelstunden setzten. Selbst die Art, wie Weihnachten gefeiert wurde, hatte sich in den zweieinhalb Jahrzehnten, die Edgar bewusst erlebt hatte, merkbar geändert. Er fragte sich, warum er sich über diese Dinge nie Gedanken gemacht hatte. Oder gingen die Prozesse so schleichend vor sich, dass er sie gar nicht bewusst mitbekommen hatte?
Plötzlich nahm er eine Bewegung am nächtlichen Himmel über sich wahr. Sein Blick schnellte hin und er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen: Da kam doch tatsächlich der Weihnachtsmann auf einem Rentierschlitten über das Firmament daher und landete auf einem der Häuserdächer! Nicht genug damit stieg der kugelrunde, bärtige, in Rot und Weiß gekleidete Mann nun auch noch aus und schulterte einen riesigen Sack, dessen eckige Ausbuchtungen verrieten, dass er voller Geschenkschachteln war. Damit hüpfte er in ein Kaminrohr, das zwar nur wenige Zentimeter Durchmesser hatte, in das er aber dennoch problemlos hineinpasste.
Edgar beschloss, in das Haus hineinzuschauen. Das konnte er, sofern die Bewohner es gestatteten, was hier offensichtlich der Fall war. Tatsächlich sah er in der Wohnung, in die Santa Claus gerade einstieg, Socken an einem Kamin hängen. Im Durchgang zu einem Nebenraum, in dem eine sichtlich US-amerikanisch gekleidete Familie beim Weihnachtsschmaus saß, hing ein Mistelzweig.
Edgar warf nun auch Blicke in andere Wohnungen und Häuser, wo ihm das gestattet wurde, und erkannte so, dass die hier lebenden Seelen Weihnachten jeweils auf die Art feierten, die sie aus dem Land und der Kultur gewohnt waren, aus denen sie stammten. Er sah variantenreiche Feierabfolgen, Weihnachtsbaumschmucke, Speisen, Naschwerke, Festbekleidungen und Geschenkrituale, die er insgesamt als wunderbar vielfältig und faszinierend empfand. Und dann sah er das Christkind, wie es mit lautlosem Flattern ein Paket durch ein geschlossenes Fenster trug und unter dem Weihnachtsbaum dort ablegte. Er spürte, wie sich sein Herz mit Wärme füllte.
Da, wo Edgar gelebt hatte, hatten die Kinder nicht auf den Weihnachtsmann gewartet, sondern auf das Christkind. Mit der Zeit hatte der zunehmende Wohlstand zu einer stetigen Steigerung der Vorweihnachtseinkäufe geführt, wodurch das traditionelle Fest immer mehr zu einem geschenkeorientierten geworden war. Der Grad dieser Entwicklung war daran gemessen worden, wie sehr das Christkind durch den Weihnachtsmann ersetzt wurde, der durch Werbung, Geschenkpapier und Süßigkeitensujets in die Kinderzimmer gelangte. Diese Verdrängung war allgemein als Kulturverlust angesehen worden und auch Edgar hatte das immer so empfunden.
Nun, als er zusah, wie das Christkind wieder aus dem Fenster flatterte und über das Dach des Hauses davonflog, war er beruhigt, denn er wusste, dass alles in Ordnung war.

Schließlich kam der Pilgerzug am Ziel seiner Reise an. Edgar musste niemanden fragen, um das zu wissen, er wusste es, als sich die Gebäude um ihn herum lichteten und die Straße in einen riesigen Platz einmündete. In der Mitte dieses Platzes erhob sich jener gewaltige weiße Dombau, über dem die leuchtende Wolke schwebte. Die Größenverhältnisse hier waren für Edgar nicht greifbar. Der Dom und sein Vorplatz standen zwar in einem angemessenen Verhältnis zueinander, doch als er sich bewusst machte, dass die Punkte, die er dort vor dem Eingang sah, Seelen waren, begann er zu begreifen, wie groß der Bau sein musste und wie weit entfernt er noch war. Der goldene Lichtstrahl aus der Wolke tauchte den Dom in ein überirdisches, für Edgars Begriffe göttliches Leuchten und ließ ihn unwirklich erschienen.
Die Pilger um ihn herum seufzten, sanken zu Boden, bekreuzigen sich, verharrten im stillen Gebet oder setzten ihren Weg auf Knien fort. Edgar wartete, bis sich die alte Bäuerin neben ihm aus ihrer Andacht erhob, dann fragte er sie, ob dieser Kirchenpalast die Heimat Gottes sei. Sie schüttelte lächelnd den Kopf und erklärte, dies sei der „Dom des Herrn“, in dem sie eine Pilgermesse feiern würden. Danach, so sagte sie, würden sie ins Himmelreich auffahren und deutete dabei nach oben in die schimmernde Wolke.
Edgars Augen folgten ihrem Fingerzeig. Konnte es denn wahr sein? War die Vorstellung, Gott wohne in den Wolken und sei von harfespielenden Engeln mit Heiligenscheinen umgeben, gar nicht so kindlich-naiv, wie er immer gedacht hatte? Er sah die alte Pilgerin an und erkannte, dass sie sich in einem Zustand der Entzückung befand, weshalb er sie nicht mit weiteren Fragen belästigen wollte. Er würde weiterhin dem Pilgerzug folgen und sehen, was passierte, doch er konnte nicht umhin zuzugeben, dass in ihm eine Anspannung entstanden war, die immer stärker wurde.

Der Weg über den Platz dauerte drei Tage und drei Nächte. Das lag zum einen daran, dass die Pilger immer wieder anhielten, um auf Knien zu beten, zum anderen an seiner gewaltigen Ausdehnung. Je näher Edgar dem Dom des Herrn kam, desto unglaublicher erschienen ihm dessen Maße. Ab einer gewissen Nähe reichte Edgars Sehkraft nicht mehr aus, um die Ober- und die Seitenkanten des Baus zu erkennen; die Frontfläche des Doms verschwand ganz einfach in der Ferne. Das Eingangsportal, dessen hölzernes Doppelflügeltor offenstand, war mehrere hundert Meter breit, dennoch reichte das nicht aus, um den Anstrom der Gläubigen zu fassen, die in den Dom hineindrängten.
Als Edgar das Portal durchschritt, blickte er mit offenstehendem Mund nach oben, wo er irgendwo in einem oder zwei Kilometern Höhe den Schlussstein des Torgewölbes sah. Dieses bestand aus weißem Marmor und verjüngte sich nach oben hin in zwei zueinanderlaufenden Bögen, die spitz zusammentrafen. Dass er trotz der Entfernung den Schlussstein sehen konnte, lag daran, dass die Gewölbebögen, und damit auch der Stein, an die hundert Meter dick waren.
Edgar wurde mit der Masse unaufhaltbar in den Dom hineingeschoben. Die Innenwand der Portalmauer verlor sich zu beiden Seiten und über ihm in ein düsteres Halbdunkel. Überstrahlt wurde der Raum von einer riesigen, intensiv golden leuchtenden Kuppel, die aussah wie eine konkave Sonne. Da sich die Kuppel noch mehrere Kilometer vor und über Edgar befand, bekam er einen vagen Begriff davon, wie gigantisch der Innenraum des Doms des Herrn tatsächlich war.
„Das ist das ewige Licht“, wisperte die alte Bäuerin neben ihm erregt. „Der Lichtstrahl, der aus dem Himmelreich kommt – aus der Wolke über dem Dom – er beleuchtet die Kuppel.“
Edgars innere Anspannung wandelte sich in angstvolle Aufregung. Selbst wenn er Gott suchte, seit er im Himmel war, hatte er nun beinahe Angst davor, ihm zu begegnen. Seine Zweifel, dass das geschehen würde, schwanden mit jedem Schritt, der ihn näher unter die golden leuchtende Halbschale brachte.
Direkt unter der Mitte der Halbkugel konnte Edgar einen Altaraufbau erkennen, einem Leuchtturm gleich, der hoch aus dem Meer der Gläubigen herausragte. Auf diesem stand ein alter knochiger Mann in weißem Messgewand samt weißer Mitra mit Gold-Ornat, der eine Messe leitete. Auch hier erlebte Edgar das Phänomen, trotz der großen Entfernung in jedem Detail erkennen zu können, was der Mann tat.
„Das ist Papst Sergius III. Ihn habe ich noch nie die Himmelfahrtsmesse zelebrierten sehen.“
Edgar sah die alte Pilgerin mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wie oft waren Sie denn schon hier?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich nehme schon seit vielen Jahrzehnten immer wieder an der Pilgerfahrt teil und es sind sehr viele Päpste hier im Himmel.“
Edgar war kurz davor, die Bäuerin mit Fragen zu durchlöchern. Er wollte wissen, wo diese Pilgerfahrt begann und wie lange sie dauerte, ob sie periodisch oder durchgängig stattfand, ob die Himmelfahrtsmesse immer von einem Papst gelesen wurde und Vieles mehr. Doch es kam ihm blasphemisch vor, dass er den Zauber dieser Art der Religionsausübung erklärt haben wollte, weshalb er sich eines Besseren besann. Was er wissen sollte, würde er wohl noch erfahren und der Rest mochte ein Geheimnis bleiben.

Da Edgar die einzelnen Abschnitte einer Messe nicht kannte und ihm auch die Wechselgebete nichts sagten, kam ihm die Himmelfahrtsmesse endlos vor. Er überbrückte die Zeit, indem er das Vorgehen um sich herum beobachtete. Es waren wohl mehrere Millionen Seelen, die an dieser Messe teilnahmen. Wenn sie gemeinsam ein Gebet murmelten, glaubte Edgar den Boden unter seinen Füßen brummen zu spüren und ein Dröhnen der Luft wahrzunehmen, wenn sie gemeinsam ein Lied sangen. Währenddessen hielt der Zustrom an neuen Pilgern von draußen ununterbrochen an und Edgar bewegte sich nach wie vor im Schritttempo vorwärts, außer wenn die Messe ein Gebet auf Knien erforderte. Er fragte sich, wie all die Seelen um den Altar herum Platz fanden, und ob sie vielleicht nach der Messe auf der anderen Seite des Kirchenschiffs wieder hinauswanderten?
Die Antwort kam mit dem Höhepunkt der Messe und für Edgar völlig unerwartet. In einer weit ausladenden Geste hob Papst Sergius III. beide Hände nach oben, blickte in die leuchtende Kuppel über sich und rief laut und beschwörend: „releva nobis in caelum“, woraufhin das ewige Licht in einem goldenen Strahl, der den Durchmesser der Kuppel hatte, herabschoss. Für die Dauer eines Wimpernschlags stand diese gigantische Lichtsäule mitten im Dom, überglänzte alles und blendete Edgar. Dann war sie verschwunden und mit ihr sowohl der Papst als auch all die Gläubigen, die innerhalb ihres Umkreises gestanden waren. Die Zurückgebliebenen hielten inne und sangen einen tosenden Lobgesang auf den Herrn – dann setzten sie sich wieder in Bewegung und Edgar rückte mit ihnen weiter auf den Altar zu.
Auf diesem erschien nun eine Gestalt, die gleich gekleidet war wie Papst Sergius III., jedoch größer und kräftiger wirkte als dieser. „Papst Johannes XIX.“, flüstert die alte Bäuerin neben Edgar und bekreuzigt sich.
Der neue Papst begann ohne Umschweife mit einer Predigt und es dauerte nicht lange, bis Edgar erkannte, dass die Himmelfahrtsmesse nun von vorne begann. Während ihres Verlaufs rückten er und die anderen im Schritttempo weiter auf den Altar zu, bis ein Blick nach oben ihm klar machte, dass er sich nun unter der Kuppel befand und somit wohl bei der nächsten „Himmelfahrt“ mit dabei sein würde – sofern es denn eine war.

Edgar spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Was würde ihn erwarten? Tatsächlich das Himmelreich, in dem Gott wohnte? Würde er wahrhaftig seinem Schöpfer gegenübertreten?
Er blickte in das vergeistigte Gesicht der Alten neben ihm. Sie wusste offenbar, was sie erwartete, sie hatte es immer wieder erlebt. Hatte sie in Gottes Antlitz geblickt? Aber wie konnte das sein? Begegnungen mit Gott waren nur dann logisch, wenn die betreffenden Seelen nicht mehr zurückkehrten, andernfalls hätten sie davon erzählt und der gesamte Himmel wüsste davon – dem war aber nicht so!
Edgar bekam Angst.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 36: Wie eine lebendige Bibel

Kapitel 36: Wie eine lebendige Bibel

In Dei, der Metropole der Christenheit, werden Bibelszenen lebendig dargestellt. Auch Bräuche des Kirchenjahres werden hier gepflegt, wenn auch teilweise in einer Art, die Edgar fremd erscheint.

Besonders beeindruckten Edgar die lebensecht nachgestellten Bibelszenen. Als sein Pilgerzug eines Nachts an einer großen Kirche vorbei ging, eröffnete sich danach anstelle eines Vorplatzes ein Wüstenareal, in dem Zwangsarbeiter im Fackellicht auf einer monumentalen antiken Baustelle schufteten. Spätestens als Edgar einen weißbärtigen Mann in einem ebenso weißen, wallenden Gewand sah, wusste er, was hier gespielt wurde. Der Mann hielt einen langen Stab in der einen Hand, während er mit der anderen heftig gestikulierte und dabei laut schrie: „Lass mein Volk gehen!“ Gerichtet waren seine Worte an den Pharao, der auf einem überladenen Thronaufbau über ihm saß.
Anstelle des Vorplatzes des darauffolgenden Gotteshauses sah Edgar den Strand eines Meeres, an dem Moses – der weiße Mann von vorhin – als Anführer seines Volkes stand und beschwörend seinen Stab über dem Kopf schüttelte. Als er diesen vor sich in den Boden stieß, begann die Straße unter Edgars Füßen zu vibrieren und er sah, wie das Meer vor Moses Wellen aufwarf, die sich zu beiden Seiten symmetrisch aufbäumten und so ein Tal freigaben, das bis zum Meeresgrund reichte. Während der Weiße sein Volk in dieses Tal führte, beobachtete Edgar fasziniert, dass sich die beiden fast senkrechten Wasserwände wie eine gewöhnliche Meeresoberfläche verhielten; Wellen rollten vom Boden weg nach oben und schlugen über die Oberkante.
Ein anderes Mal querte ein hell gleißender Stern in etwa zehn Metern Höhe im Schritttempo Edgars Weg, am Boden gefolgt von drei Männern. Die Drei waren orientalisch gewandet und trugen kleine Holzkisten mit sich. Edgar spürte, wie sich seine Lippen kräuselten, denn sogar er, der Nichtgläubige, erkannte in ihnen Kaspar, Melchior und Balthasar, die drei Weisen aus dem Morgenland. Als er die Querstraße erreichte, zeigte ein Blick in die Marschrichtung der Drei auch das Ziel ihrer Reise, nämlich den Stall von Betlehem, in dem das Jesuskind soeben das Licht der Welt erblickt hatte. Edgar erkannte sogar den weißen, in einem barockähnlichen Stil errichteten Kathedralenbau, auf dessen Vorplatz er Stall stand: Es war der Jesus-Christus-Dom, von dem Helmut, Franz und Andi berichtet hatten, sie hätten in ihm während einer Auferstehungsmesse ihre erste Begegnung mit einer Bergseele gehabt.

Edgars Pilgerzug blieb während des gesamten Weges nur ein einziges Mal stehen, nämlich auf dem Hügel Golgota, welcher sich im Kreuzgang einer monumentalen Basilika erhob. Zuvor waren die Pilger gemeinsam mit einer unüberschaubaren Schar anderer Zuschauer dem Leidensweg Christi gefolgt, welcher mit dessen Verurteilung zum Tode am Eingangsportal des Kirchenbaus begonnen und sich dann Station für Station den Hügel hinauf gezogen hatte. Nun wurden die Anwesenden stumm Zeugen, wie Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Als dies geschah, schien ganz Dei in eine unheimliche Stille zu versinken, die nur vom Klopfen des Hammers durchbrochen wurde, mit welchem ein römischer Soldat die Nägel durch die Hände und Füße des Erlösers ins Holz trieb. Auch die Handlung der letzten drei Kreuzwegstationen lief in völliger Stille ab. Erst als Josef aus Arimathäa den Stein vor Jesus Grab gewälzt hatte und weggegangen war, erhob sich ein mächtiges Brummen ungezählter Stimmen, die nun unisono ein inniges Vaterunser raunten. Sogar Edgar stimmte mit ein, tief betroffen von dem Gesehenen und geradezu eingeschüchtert von der Eingeschworenheit der Gläubigen in ihrem Gebet und in ihrem Glauben.
Seine Verunsicherung wich erst, als seine Aufmerksamkeit von einem riesigen durchsichtigen Würfel gefesselt wurde, der in einem großen Platz zu schweben schien. Erst als er genauer hinsah, verstand Edgar die Gegebenheiten: Der Platz war auf seiner gesamten Fläche halbkugelförmig ausgehoben, bildete also eine riesige, regelmäßige Mulde. In dieser Mulde, aber ohne sie zu berühren, schwebte ein Würfel mit abgerundeten Ecken, der aus glasklarem Wasser bestand und so groß war, dass er über die Giebel der umliegenden Häuser hinausragte. In dem Würfel befanden sich nummerierte Türen, die, aufrecht stehend, langsam durcheinander trieben und dabei in unregelmäßigen Zeitabständen ihre Farben wechselten. Ein buntes, angenehm langsames Durcheinander, das ein bisschen an Weihnachtsbaumbeleuchtung erinnerte und in dem einige Seelen umhertauchten. Konnte er sich zunächst keinen Reim auf diese Erscheinung machen, klärte sich die Sache für Edgar, als er erkannte, dass es vierundzwanzig Türen waren, die in dem Würfel schwebten. Der Wasserkubus war ein riesiger Adventkalender.
Im Vorbeimarsch sah Edgar zwei Frauen Mitte zwanzig, eine blond, eine brünett, die vor der halbkugelförmigen Mulde standen, miteinander tuschelten und kicherten. Sie fassten sich an den Händen, zählten von drei rückwärts und rannten auf die Mulde zu, an deren Rand sie absprangen. Sie tauchten in die Seitenwand des Würfels ein, wobei das Wasser ringförmige Wellen schlug, als wären zwei Steine in einen Teich gefallen. Im Inneren des Wasserkubus tauchten sie die Türen ab, wohl auf der Suche nach einer bestimmten Nummer.
Edgar fragte sich, nach welchem Gesichtspunkt sie die Nummer wohl aussuchten, immerhin gab es mangels Zeitrechnung keinen allgemeingültigen Kalender im Himmel. Aber vielleicht, so dachte er, hatten die beiden an einem willkürlichen Tag begonnen und öffneten nun an jedem weiteren Tag eine andere Tür.
Die jungen Frauen hatten mittlerweile die offenbar gesuchte Tür mit der Nummer zwei gefunden, denn sie hatten sich im Wasser vor ihr aufgerichtet und gestikulierten einander zu. Die Haare schwebten ihnen um die Köpfe und die Arme und Beine vollführten Ruderbewegungen, um ihre Lage im Wasser beizubehalten. Schließlich berührte die Blonde den Knauf der Tür, woraufhin diese rasch zu der Größe eines Scheunentores anwuchs und sich öffnete. Edgar war verblüfft, als er dahinter einen Bienenstock in der Größe von mehreren aneinandergebauten Wolkenkratzern sah, der von Bienen in Menschengröße umschwirrt wurde. Die Blonde freute sich sichtlich darüber, umarmte kurz die Brünette und schwamm dann durch die Tür, wobei sie sich im Moment des Übertritts ebenfalls in eine große Biene verwandelte. Sie drehte sich schwirrend noch einmal um und winkte ihrer Freundin zu, indem sie mit einem der Vorderbeine wackelte, dann flog sie zu den anderen Bienen. Die Tür schloss sich und schrumpfte auf ihre ursprüngliche Größe zurück. Unmittelbar darauf mischten sich in einer kurz raschen Bewegung alle Türen durcheinander. Der Sinn dieses Vorgangs wurde Edgar klar, als die Brünette lostauchte, um die Tür mit der Nummer zwei wieder zu finden. Offenbar war die Suche ein Teil des Spiels und offenbar wurde dieses durch die periodischen Farbwechsel der Türen noch reizvoller.
Die Brünette hatte die Tür bald wieder gefunden und berührte nun ihrerseits den Knauf. Das Anwachsen und Öffnen wiederholte sich und diesmal sah Edgar eine Wiese, auf der Hunde unterschiedlicher Rassen umhersprangen, die die Größe von Pferden hatten und auf denen jauchzend kleine Mädchen ritten. Die gesamte Welt hinter dieser Tür wirkte kindlich auf Edgar, was daran lag, dass sie in Bonbonfarben gestaltet war. Zwar waren die Wiese grün, der Himmel blau und die Sonne gelb, aber eben zuckerlgrün, -blau und -gelb. Die Brünette fuhr sich mit beiden Händen in die im Wasser schwebenden Haare und schüttelte den Kopf, eine Geste, die gleichermaßen ihren Unglauben wie ihre Freude zum Ausdruck brachte. Dann schwamm sie zur Tür und hievte sich über deren Schwelle in das Trockene dahinter. Kaum aus dem Wasser, hatte sich ihr Aussehen verändert. Auch sie war nun ein kleines Mädchen und die Farben ihrer Haut, ihrer Haare und ihrer Kleidung hatten ebenfalls einen Zuckerguss-Ton angenommen. Als Edgar sich der nächsten Häuserkante näherte, sah er gerade noch, wie ein ponygroßer, rosaroter Pudel schwanzwedelnd dahertrabte und sich vor der neu Angekommenen auf seine Hinterbeine setzte, so dass sie auf seinen Rücken klettern konnte. Dann verschwand der Adventkalender im Wasserwürfel aus seinem Blickfeld.

Edgar kicherte und schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, ob es ihn mehr erstaunte, immer noch neue Dinge zu sehen, oder nach wie vor darüber zu staunen, dass er noch nicht alles gesehen hatte.
„Was haben Sie?“, fragte die alte Bäuerin freundlich, die immer noch neben ihm ging.
„Mich hat nur dieser Adventkalender da hinten fasziniert. Ich verstehe nur nicht, warum er so gestaltet ist.“
„Was meinen Sie?“
„Na ja, zum einen befindet sich hinter der Tür mit der Nummer zwei offenbar immer eine Welt, in der man seine Gestalt verändert und mit übergroßen Tieren zu tun hat.“
„Ach, das haben Sie völlig falsch verstanden. Das war nur ein Zufall.“
„Was meinen Sie?“
„Wenn Sie eine der Türen öffnen, erfüllt Ihnen der Adventkalender einen innigen Wunsch Ihrer Kindheit, der Ihnen selbst schon längst nicht mehr im Bewusstsein ist. Manchmal sind es auch Träume, die man als Kind hatte und in denen man sich besonders wohl und geborgen fühlte.“
„Verstehe. Aber warum?“
Die Alte setzte ein gespielt vorwurfsvolles Gesicht auf. „Na, weil es nun einmal der Zweck eines Adventkalenders ist, mit kleinen, netten Geschenken die Vorfreude auf Weihnachten aufrechtzuerhalten.“
„Okay, aber warum diese seltsame Form? Ich meine, ein Würfel aus Wasser hat ja nicht wirklich etwas mit Weihnachten zu tun.“
Nun lachte die alte Frau wie ein kleines Mädchen; sie lachte Edgar aus. Und als wäre das noch nicht genug, sagte sie auch noch: „Sie sind lieb!“
„Wieso?“
„Als Sie noch auf der Erde lebten und ein Kind waren, was hat Ihnen Ihre Mutter da in den Adventkalender gepackt? Wie viele Geschenke davon hatten etwas mit Weihnachten zu tun?“
Edgar dachte nach, musste aber schnell feststellen, dass die Alte Recht hatte. Freilich, einige der versteckten Schokoladestückchen hatten die Form von Nikoläusen, Engeln und Ähnlichem gehabt, doch ansonsten war es kleines Spielzeug gewesen, das tatsächlich nichts mit Weihnachten zu tun gehabt hatte.
Seine Begleiterin schien zu erkennen, dass er sie verstanden hatte, denn sie fuhr fort: „Es gibt keinen Brauch, der sich nicht immer wieder geändert hätte, Weihnachten schon gar nicht. Ich habe im siebzehnten Jahrhundert gelebt, glauben Sie mir, Sie würden nicht wissen wollen, was ich damals als weihnachtlich empfunden habe. Und dann die Ausbreitung des Christentums über die ganze Erde. Denken Sie nur, bei einer meiner Pilgerreisen habe ich mit einer Dame geplaudert, die in Neuseeland ihr Leben verbracht hatte. Bei denen war Weihnachten ein Sommerfest. Die hat mir erzählt, der Weihnachtsmann sei mit einem Surfbrett über die Wellen dahergeritten gekommen – und hätte trotzdem einen dicken Wintermantel samt Zipfelmütze getragen.“

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