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Kapitel 44: Neun Gefährten

Kapitel 44: Neun Gefährten

Es sind nun neun Gefährten, die den Himmel verlassen wollen. Bei ihrem Treffen stellen sie einander vor und erzählen, was sie zu diesem Schritt bewogen hat.

Kaum zehn Sekunden später stand Anshelm im Raum, gekleidet in Kettenhemd, Kettenhaube und Waffenrock. Die Anwesenden sahen ihn erstaunt an, während er die rechte Hand zum Gruß hob. „Wir gehen auf einen Kreuzzug, wurde mir berichtet?“
„Der ist ja voll krass, Alter!“ Franz sprang auf und wollte um den Tisch herum zu Anshelm gehen, doch Helmut hielt ihn zurück und deutete ihm mit strenger Miene, sich wieder zu setzen.
„Eigentlich ist es das genaue Gegenteil“, antwortete Edgar Anshelm, „wenn ich mich recht erinnere, sichert ein Kreuzzug seinen Teilnehmern unter anderem einen Platz im Himmel, nicht wahr?“
„Und nie verwelkenden Ruhm im Himmelreich.“
„In unserem Fall ist es umgekehrt: Wir ziehen aus dem Himmel aus und man wird uns dafür ächten.“
Anshelm fasste sich mit der Schwerthand an die Brust. „Wichtig ist allein, dass wir dem Ruf unseres Herzens folgen. Wenn Gott es will, dann werden wir ihn finden.“
„Dein Wort in seinem Ohr, lieber Freund. Nimm Platz.“
Quasi im selben Moment erschien auch Freds Freund, ein mittelgroßer pummeliger Mann mit teigigem Gesicht. Edgar schätzte ihn auf Mitte fünfzig und ihm fiel auf, dass er betont modisch gekleidet war und erkennbar weiblich. Er hielt einen Fächer in einer Hand, mit dem er abwechselnd gestikulierte und sich Luft zufächelte. Nach einem Blick in die Runde kommentierte er: „Hach, ist das altbacken hier.“
Edgar sah, wie die anwesenden Männer den Neuankömmling mit offenen Mündern anstarrten, während Fred verschmitzt lächelnd ihre Reaktionen beobachtete.
„Kommt sonst noch jemand?“, fragte Edgar in den Raum, als der Mittfünfziger Platz genommen hatte.
Die anderen sahen einander an und schüttelten die Köpfe.
„Ich würde mir ja eine schlanke Blondine wünschen, aber ich bezweifle, dass sie mit mir den Himmel verlassen wird.“ Andi war der Einzige, der über seinen Witz lachte.
Da es am Tisch nun wieder eng geworden war, vergrößerte Edgar diesen und den Raum ein weiteres Mal.
Anshelm nickte ihm anerkennend zu. „Eine Tafelrunde, das gefällt mir.“
Edgar ergriff das Wort: „Da sich jetzt neue Gefährten eingefunden haben, ist es, glaube ich, sinnvoll, dass wir uns gegenseitig vorstellen. Aber vorab möchte ich sicherstellen, dass es keine Missverständnisse gibt. Das Ziel unserer Reise lautet: Wir verlassen den Himmel. Wir wollen Gott finden und von ihm erfahren, welchen Sinn das Jenseits hat. Wer von euch ist nicht bereit, das zu tun?“ Niemand zeigte auf. „Dann ist es beschlossen.“
Edgar stellte sich nun in kurzen Worten selbst vor, indem er von seiner Tätigkeit im irdischen Leben, vom Jahr und den Umständen seines Todes und in groben Zügen von seinem Weg durch den Himmel erzählte, sowie vom Grund für seinen Entschluss, diesen zu verlassen.
Nach ihm erzählten Andrea, Fred und Ebenezer von ihren Werdegängen und danach Helmut, Andi und Franz. Die letzten drei stammten aus unterschiedlichen Jahrzehnten des Zwanzigsten Jahrhunderts, zogen aber gemeinsam von Bereich zu Bereich, seit sie sich das erste Mal getroffen hatten. Ihr Antrieb den Himmel zu verlassen wurzelte ihren Worten zufolge in ihrer Langeweile. Demnach hätten sie hier schon so Vieles erlebt, dass es kaum noch etwas gab, das ihnen einen „Kick“ verschaffte. Den Himmel zu verlassen und damit das Risiko der Selbstvernichtung einzugehen, erschien ihnen genau die Art von Kick zu sein, die sie wollten.
Dann war Anshelm an der Reihe. Obwohl es keiner seiner Vorredner getan hatte, erhob er sich von seinem Sessel und nahm Haltung an. Während er sprach, stützte er sich mit den Knöcheln des Zeige- und des Mittelfingers seiner rechten Hand von der Tischplatte ab. Die Gesten seiner Linken untermalten seine Worte, die er so souverän und getragen vorbrachte, als hätte er sich schon lange auf diesen Moment vorbereitet. Ansonsten bewegte er nur seinen Kopf, wenn er seinen Zuhörern abwechselnd sein Gesicht zuwandte.
„Mein Name ist Anshelm. Zu meinen Lebzeiten trug ich den Adelsrang eines Ritters, doch man bedeutete mir bereits vor geraumer Zeit, dass sich die Nennung des Ranges nicht mehr zieme, weder im Himmel noch auf Erden. Sei’s drum. Meine Familie war verarmt, was ihr aber nicht zur Schande gereichte, denn unser Stolz war ungebrochen und ebenso waren es unsere Tugenden. So war es auch nicht an mir zu zögern, als Papst Urban II. im Jahr des Herrn 1095 zur Kreuzfahrt gegen die Muslime aufrief, die die heiligen Stätten der Christenheit fest in ihrer Hand hielten.“
Edgar hob eine Hand, um Anshelms Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Anshelm, Anshelm … Ich unterbreche dich nur ungern, aber auch wenn uns die Ewigkeit zur Verfügung steht – du musst den Kreuzzug nicht in Echtzeit erzählen, okay? Bitte gib uns die Kurzfassung.“
Einige der Anwesenden lachten verhalten, während Anshelm Edgar erzürnt ansah und etwas Unverständliches in seinen Henriquatre brummte, ehe er fortfuhr: „Sei’s drum. Nach vier entbehrungsreichen Jahren voller Verluste, in denen wir zahlreichen Heiden das Leben nahmen, prüfte Gott der Herr unseren Glauben vor den Toren Jerusalems. Obwohl die Muslime, die sich feige hinter den Toren der Heiligen Stadt verschanzten, alle Brunnen der Umgebung zugeschüttet hatten, um uns auszudörren, und alles Holz im weiten Umkreise geschlagen und versteckt hatten, so dass es uns unmöglich war, Belagerungsgerät zu bauen, hielten wird stand. Tag um Tag, Woche um Woche.“
„Monat um Monat“, ulkte Franz und erntete einige Lacher.
„Anshelm …“, unterbrach Edgar erneut, doch der Angesprochene ignorierte beide.
„Es war Gottfried von Bouillon zu verdanken, dass wir die Stadt schließlich nahmen, auch wenn es viele Tage dauerte und vielen unserer braven Recken das Leben kostete. Ich selbst wurde tödlich verwundet, doch hielt ich stand, bis Jerusalem in die Hand der Ritter des Heiligen Kreuzes gelangte. Da erst war ich gewiss, dass all meine Sünden abgelassen waren und dass mich im Himmelreich nie verwelkender Ruhm erwartete und schied in das ewige Leben dahin. Es war der 15. Juli im Jahr des Herrn 1099.“
Nach einer rhetorischen Pause, in der er wie in einer Gedenkminute schwieg, erzählte Anshelm in ähnlich pathetischer Weise von seiner Ankunft im Himmel und seinem anfänglichen Erstaunen darüber, wie anders hier alles war, als die Priester auf der Erde es versprochen hatten. Edgar bat ihn mehrere Male, seine Erzählung zu beschleunigen, was Anshelm jedoch nur bedingt befolgte. Am Ende seiner Rede erklärte auch er seine Beweggründe, den Himmel zu verlassen. Wie es schien, hatte er es längst schon satt, den Seelen der Neuzeit das Hochmittelalter näher zu bringen. Zwar seien die Seelen an der Kultur, an der Küche und an der Technik seiner Zeit interessiert, doch ginge es ihnen immer nur um die Fassade, um die materiellen Äußerungen. Noch nie hätte ihn jemand nach dem spirituellen Hintergrund gefragt, ohne den diese Dinge jedoch hohl und sinnleer seien.
„Unser gemeinsamer Zug ins Ungewisse“, endigte er, „ist nun genau das, was mein altes, gleichwohl jederzeit noch kraftvoll pochendes Ritterherz zum Jubeln bringt. Wohl zum ersten Male seit neun Säkula bin ich vom selben Gefühl beseelt, das mich auch dereinst vor Aufbruch ins Morgenland beseelte. Drum lasst uns zu dieser neuen Kreuzfahrt aufbrechen, ihr seht mich jung, wie dereinst!“
Der nun aufbrandende Applaus war nicht Anshelms Rede geschuldet, sondern der Tatsache, dass er ebendiese zu einem Ende gebracht hatte.
Als Letzter in der Vorstellungsrunde war der weiblich gekleidete Mann an der Reihe, den Fred eingeladen hatte. Auch er erhob sich, um zu sprechen, doch im Gegensatz zu Anshelm war sein voluminöser Körper ständig in Bewegung, was aussah, als bewegten sich unter seinem Gewand lose gestopfte Polster. Die Gesten seiner Arme, der Finger seiner rechten und des Fächers in seiner linken Hand wirkten hektisch.
„Also ich bin der Jacques und ich bin der Freund von dem Fred. Das heißt – nicht sein Freund, sondern ein Freund.“ Er kicherte frivol. „Fred war so nett, mich im Himmel zu empfangen, aber ich muss schon sagen: es ist ent-setzlich hier!“
Jacques erzählte von seinem erst kürzlich zu Ende gegangenen Leben als erfolgreicher Modedesigner, das er in jeder Sekunde in vollen Zügen genossen hätte. Man hätte ihn bejubelt und vergöttert, ein Umstand, der ihm hier im Himmel sehr fehlte, weshalb er auch nicht bleiben wollte. Seinen Krebstod hätte er nur deshalb akzeptiert, weil er keine andere Wahl gehabt hätte, hingenommen hätte er ihn nie.

Als Jacques von der fehlenden Anerkennung sprach, bemerkte Edgar, dass Freds Blick unstet von einem der Anwesenden zum anderen schnellte. Edgar selbst wäre nicht darauf gekommen, doch nun, als er das sah, schien ihm, als verschwiege Fred etwas; als verschwiege er Jacques etwas.
Edgar hatte eine Ahnung, worum es dabei ging: Eine Seele, die so im Äußerlichen verhaftet war wie die von Jacques, musste sich im Himmel eigentlich wie ein Fisch im Wasser fühlen, immerhin erfüllte der Himmel ja nur Wünsche, die das Äußerliche betrafen. Dass Jacques sich dessen noch nicht bewusst geworden war, konnte eigentlich nur bedeuten, dass er sich im Himmel noch nicht eingewöhnt hatte und dass Fred ihn diesbezüglich im Dunkeln ließ. Hatte er Jacques etwa nur eingeladen mitzukommen, um Andrea einen Verbündeten vor die Nase setzen zu können?

„Also zum Schluss noch einmal für alle zum Mitschreiben“, beendete Jacques soeben seine Selbstvorstellung und fuchtelte dabei mit Hand und Fächer, „alles ist besser, als hier zu bleiben. Besser ein hübscher Tod als ein hässliches Leben, sag ich immer.“ Er lachte gespielt meckernd und setzte sich wieder.
Edgar erkannte in den Gesichtern der Männer am Tisch eine unterdrückte Belustigung. Nur Anshelm grinste offen und sagte schließlich: „Der Sultan der Rum-Seldschuken hatte dereinst einen Harem in Nicäa. Dort hatte man solche wie dich als Aufseher.“
Andrea wandte sich ab, um ihr Lächeln zu verstecken, Fred setzte ein ehrlich verblüfftes Gesicht auf, Ebenezer lachte aus voller Kehle und die übrigen prusteten mehr oder weniger verhalten.
Doch Jacques ließ den Spott an sich abperlen: „Hach, dein Penisneid ist doch genauso antiquiert wie dein Outfit!“
Anshelms Grinsen verwandelte sich in schallendes Gelächter. Edgar war erleichtert, dass der Ritter offenbar auch Freude an Gefechten hatte, die nicht mit Waffen ausgetragen wurden. Er ergriff das Wort:
„Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht sind, gibt es nur noch eine Frage zu klären: Wann brechen wir auf?“
„Also, mich hält hier nichts“, sagte Jacques.
Helmut, Andi und Franz verständigten sich mit einem Blick, den Helmut für die anderen übersetzte: „Uns auch nicht.“
Edgar sah Anshelm an, welcher in Übereinstimmung mit seinen Vorrednern entschieden den Kopf schüttelte.
„Andrea, Ebenezer, Fred, wie lange braucht ihr, bis ihr eure Angelegenheiten geregelt habt?“
Ebenezer vollführte eine wegwerfende Geste. „Darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber die paar Typen, denen ich Goodbye sagen würde, die werden mich sowieso verfluchen, wenn sie mich erst am Strand stehen sehen. Also scheiß drauf, von mir aus kann‘s losgehen.“
„Ich … ich hätte schon noch ein paar …“, begann Fred kleinlaut. Es hatte den Anschein, als getraute er sich nicht, eine andere Meinung als die Mehrheit zu vertreten.
Ausgerechnet Andrea kam ihm zu Hilfe: „Ja, ich auch.“
Edgar nickte. „Macht euch auf den Weg und wenn ihr fertig seid, kommt hierher zurück. Wir warten auf euch.“

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 43: Diskussionen

Kapitel 43: Diskussionen

Es ist soweit: Edgar schart seine Reisegefährten um sich und bespricht die Einzelheiten des Aufbruchs. Dabei geschieht Unerwartetes.

Edgar setzte sich wieder in Bewegung und Ebenezer folgte ihm. „Wie du weißt, habe ich mich, was das Aussehen des Himmels betrifft, ein bisschen umgehört. Ich glaube, ich habe dir auch von Sven Nansen erzählt, dem Astrophysiker in der Nachbildung der Atacama-Wüste, oder?“
„Ja.“
„Nansen hat meine Erforschung des Himmels mit der Erforschung eines Goldfischglases durch einen Fisch verglichen. Er hat gesagt, der Fisch würde dabei immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkommen, weil er im Kreis schwimmt. Aus irgendeinem Grund geht mir dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf. Einmal angenommen, der Himmel und das Goldfischglas lassen sich vom Prinzip her vergleichen, dann handelt es sich in beiden Fällen um einen abgeschlossenen Lebensraum, der innerhalb eines anderen Lebensraums existiert. Wenn der Goldfisch verstehen will, welchen Stellenwert sein Glas im Außerhalb davon einnimmt, muss er es von außen betrachten und das kann er nur, wenn er es verlässt. Auf unsere Situation übersetzt bedeutet das, dass ich unmöglich erfahren kann, wie der Himmel aussieht, solange ich mich noch in ihm befinde. Wie der Goldfisch würde ich mich mit meinen Schlussfolgerungen ständig im Kreis bewegen und immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkommen. Will ich also wissen, wie der Himmel gestaltet, in welchem spirituellen Umfeld er eingebettet ist und welchen Stellenwert er in diesem Umfeld einnimmt, dann muss ich ihn verlassen.“
„Die Sache hat nur einen Haken: Wenn der Goldfisch das Glas verlässt, bezahlt er seine Neugier mit dem Leben.“
Edgar verstummte und sann eine geraume Zeit lang nach. Dann meinte er: „Das scheint der springende Punkt zu sein, nicht wahr? Das wäre auch eine Erklärung dafür, dass die Exilanten nicht mehr zurückgekehrt sind. Weil der Lebensraum da draußen nicht für uns Seelen geeignet ist.“
„Und deshalb, mein lieber Edgar, deshalb lasse ich mir die Oberflächlichkeit hier bis ans Ende der Zeit auf den Pelz brennen.“
Edgar ignorierte das, er war viel zu sehr in seiner gedanklichen Analyse gefangen. „Es scheint überhaupt ein natürliches Prinzip zu sein, dass der Lebensraum einer Spezies von einem größeren umgeben ist, in dem sie nicht überleben kann. Das Goldfischglas ist von Luft umgeben, in der zwar der Goldfisch nicht leben kann, der Mensch aber sehr wohl. Der menschliche Lebensraum wiederum ist vom Weltall umgeben, in dem der Mensch nicht leben kann. Im Unterschied zum Goldfisch hat es der Mensch aber geschafft, sein Biotop kurzzeitig zu verlassen und im Weltall zu leben. Das geht allerdings nur, weil er in einer Art Blase seines eigenen Lebensraums reist.“
„Und weiter?“ Ebenezer klang interessiert.
„Vielleicht kann ich irgendwie eine Art Himmelsblase erschaffen, die mich vor der Umgebung schützt, die mich da draußen erwarten wird?“
„Dazu musst du aber zwei Dinge wissen und eine Niederlage einstecken. Ding Nummer eins, welches sind die Elemente deines Lebensraums hier, die dich als Seele überleben lassen? Ding Nummer zwei, was macht die Sphäre, die deinen Lebensraum umgibt, lebensfeindlich, also wovor musst du dich da draußen schützen? Niederlage: beides kannst du nicht in Erfahrung bringen.“
„Vielleicht geht dieser Gedanke ja grundsätzlich in die falsche Richtung. Bevor ich hier im Himmel angekommen bin, ist meine Seele elendslang im Einheitsweiß getrieben. Das war zwar nicht schön, aber auch nicht tödlich. Genau genommen ist meine Seele ja unsterblich, insofern besteht vielleicht gar nicht die Gefahr einer Auslöschung, sondern nur die der ewigen Reizlosigkeit. Demnach wäre die schlimmstmögliche Folge meines Auszugs, auf ewig im Einheitsweiß treiben zu müssen und unfähig zu sein, irgendetwas zu tun.“
„Das glaube ich nicht. Immerhin wusstest du kurz nach deinem Tod noch nicht, wie der Hase hier läuft, andernfalls hättest du dich wohl eher hier eingefunden.“
„Vielleicht sollte ich also meine menschliche Gestalt behalten, wenn ich das unendliche Weiß betrete, vielleicht ist das die Blase meines Lebensraums, die mich vor der Feindlichkeit des umgebenden Lebensraums schützt?“
„Wozu? Das unendliche Weiß ist ja nicht lebensfeindlich, hast du selbst gerade gesagt. Abgesehen davon, wie kommst du auf die Idee, dass der Himmel vom unendlichen Weiß umgeben ist?“
„Von was denn sonst?“
„Na von einer Sphäre, die auch das unendliche Weiß umgibt. Denk einmal nach: In dem Zeitraum, in dem du im Weiß getrieben bist, warst du bereits im Himmel, du hast nur noch nicht gewusst, wie du ihn verändern kannst. Wenn du dich entscheidest, den Himmel zu verlassen, wird dich das in eine völlig andere Sphäre katapultieren, nämlich in jene, die den Himmel tatsächlich umgibt – und damit auch das unendliche Weiß, denn aus nichts anderem besteht der Himmel.“
„Aber darauf kann ich nicht aufbauen. Wie soll ich mich vor etwas schützen, das ich nicht kenne?“
„Meiner Meinung nach stellst du ganz grundsätzlich die falsche Frage.“
„So?“
„Die Frage lautet nicht, was können wir tun, um unserer Auslöschung oder der ewigen Sinnlosigkeit zu entgehen, sie lautet: Ist uns der Himmel tatsächlich so unerträglich, dass wir ihn verlassen wollen, egal was mit uns geschieht?“
Edgar sah Ebenezer erfreut an. „Wir?“
„Wie lautet deine Antwort?“
„Ja!“

* * *

Dass er andere Seelen rufen konnte, egal, in welchem Bereich sie sich gerade aufhielten, hatte Edgar bald nach seiner Ankunft im Himmel am eigenen Leib erfahren. Das Erlebnis damals war ungewöhnlich für ihn gewesen, denn plötzlich hatte er gewusst, dass eine andere Seele seine Anwesenheit wünschte. Er hatte gewusst, welche Seele ihn rief und auch wieso. Das Gefühl dabei war so stark und eindeutig gewesen, als hätte er einen Telefonanruf erhalten. Als er sich später genauer über diesen Mechanismus informiert hatte, hatte man ihm erklärt, dass diese Art der telepathischen Kommunikation tatsächlich wie ein Telefon genutzt werden konnte, dass das aber niemand tat, weil es genauso einfach und für beide Seiten angenehmer war, wenn die eine Seele bei der anderen erschien.
Doch heute wollte Edgar diese Fähigkeit nutzen. Er wollte sich mit all den Seelen zusammensetzen, die ihm grundsätzlich ihre Bereitschaft dazu signalisiert hatten, den Himmel mit ihm verlassen zu wollen. Für dieses Gemeinschaftstreffen hatte er in der Bierspelunke, die damals sein erster Eindruck von der Partymeile gewesen war, ein Extrazimmer mit einem runden Tisch geschaffen. Das erschien ihm passend, denn so wurde der erste Schauplatz seiner eigenständigen Gehversuche im Himmel auch zum letzten. Stilistisch zum Rest der Spelunke passend, hatte der Raum eine Wandvertäfelung aus dunklem Holz und ein schummriges, schmutzigen Lampen geschuldetes, gelbes Licht. Als er mit seinen Vorbereitungen fertig war, setzte er sich an den Tisch und rief Andrea, Fred und Ebenezer und machte dabei klar, dass dies sein letztes Lebenszeichen vor seinem Aufbruch sein würde. Wer mitkommen wolle, müsse dies jetzt entscheiden. Dann lehnte er sich zurück und wartete, gespannt, wer von den Dreien erscheinen würde.
Obwohl er fix mit Ebenezer gerechnet hatte, war es Andrea, die als Erste kam. Ihr Blick war seltsam unbestimmt, überhaupt erschien ihr ganzes Verhalten Edgar fremd. Sie kam wortlos auf ihn zu, umarmte ihn und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, ehe sie neben ihm Platz nahm.
„Du kommst mit?“
Anstelle einer Antwort nickte sie nur, ohne von der Tischplatte aufzusehen.
Als Nächster erschien Ebenezer, der Helmut, Andi und Franz im Schlepptau hatte, worüber Edgar sich hellauf freute. Die Männer begrüßten einander herzlich und Edgar stellte sie Andrea vor und umgekehrt. Wie sich herausstellte, hatte Ebenezer die drei anderen dazu überredet, mit ihm das „größtmögliche Abenteuer des Himmels“ zu bestreiten.
Edgar vergrößerte Raum und Tisch, um für die unerwarteten Ankömmlinge Platz zu schaffen, woraufhin Fred erschien. Dieser sah lustig in die Runde, doch sein Blick verfinstert sich, als er Andrea entdeckte. „Du schon wieder.“
Andrea sprang auf und nahm eine Art Kampfhaltung ein, von der Edgar nicht sagen konnte, ob sie der Verteidigung oder dem Angriff dienen sollte. „Was tust du hier?“, fuhr sie Fred an.
„Ich bin eingeladen, und du?“
Andrea wandte sich ab, drehte sich aber gleich wieder zurück; sie schien unschlüssig, ob sie ihren Platz am Tisch verteidigen oder verschwinden sollte.
„Setzt euch“, befahl Edgar mit lauter Stimme und beide gehorchten. „Ich möchte jetzt erfahren, was zwischen euch vorgefallen ist. Also?“ Beide starrten stumm auf die Tischplatte. „Fred?“
Der Angesprochene sah auf und Edgar direkt in die Augen. Sein Gesicht war verschlossen, so verschlossen, wie Edgar es noch nie bei ihm gesehen hatte. „Ich glaube, das geht nur uns beide etwas an.“
„Das sehe ich anders. Wenn wir gemeinsam den Himmel verlassen wollen, begeben wir uns auf eine Reise ins Unbekannte. Da können wir persönliche Querelen nicht gebrauchen.“
„Ich kann mich beherrschen, wenn sie es kann.“
Andrea sprang wieder auf und fauchte Fred regelrecht an: „Wer von uns beiden hat sich beim letzten Mal nicht beherrschen können? Wer?“
Edgar wusste, dass er die Kontrolle über die Stimmung an diesem Tisch behalten musste. Deshalb fuhr er dazwischen, noch ehe Fred Andrea antworten konnte: „Werdet ihr euch gegenseitig helfen, wenn es notwendig sein sollte?“
„Ja!“ Andreas Unbeherrschtheit richtete sich nun gegen Edgar.
In Franz Händen erschien eine Packung Popcorn, aus der dieser sofort zu naschen begann, während sein Blick gespannt zwischen Andrea, Fred und Edgar hin und her sprang.
„Ja“, sagte auch Fred, nun bedeutend ruhiger, „unsere Differenzen gehen nicht so weit, dass wir uns gegenseitig die Auslöschung wünschen, nicht wahr?“
Andrea starrte wieder auf die Tischplatte und nickte, aber so kurz, dass jedem klar sein musste, dass sie Fred nicht das Gefühl geben wollte, er hätte sie dazu gebracht, irgendetwas zu tun.
Dieser verbuchte das offenbar als Erfolg, denn mit einem Mal wirkte er wieder so fröhlich, als hätte es den vorangegangenen Wortwechsel nie gegeben. Er blickte in die Runde, klatschte in die Hände und rief: „Warum hat mir keiner gesagt, dass wir Freunde mitbringen dürfen? Wenn das so ist, habe ich nämlich auch noch einen Kandidaten.“ Er schloss die Augen und ließ den Kopf sinken, wohl um besagten Begleiter zu rufen.
„Ich auch“, knurrte Andrea mit funkelnden Augen.
Mit dieser Entwicklung der Dinge hatte Edgar nicht gerechnet, doch sie war ihm sehr recht. Ohne sagen zu können warum, ging er davon aus, dass die Chance, Gott zu finden, mit zunehmender Gruppengröße stieg. Aber vielleicht war das auch nur ein Überbleibsel seines irdischen Denkens

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Neuerscheinung

Kapitel 42: Die Entscheidung

Kapitel 42: Die Entscheidung

Edgar will den Himmel verlassen. Nacheinander sucht er die Seelen auf, die ihm am meisten bedeuten, und will sie dazu bewegen, mitzukommen.

Dann sah Andrea Edgar wieder in die Augen. „Ich bin auch nicht glücklich. Aber was willst du machen? So ist es nun einmal.“
„Aber doch nur, weil jeder es so hinnimmt. Wenn ich in meinem irdischen Leben unglücklich war, habe ich versucht, die Dinge zu ändern, die mich unglücklich machten. Warum soll das hier anders sein?“
„In deinem irdischen Leben hast du dich mit viel mehr Dingen arrangieren müssen als hier. Im Vergleich dazu ist das hier wirklich der Himmel.“
„Ich pfeif auf einen Himmel, der nur im Vergleich zur Erde gut dasteht! Wenn ich schon allein sein muss, dann in einem Paradies, das diesen Namen auch verdient, verstehst du?“
„Und was willst du tun? Den Himmel verlassen und nachsehen, ob draußen irgendwo ein Paradies herumschwirrt, das deinen hohen Ansprüchen gerecht wird?“
„Nein, ich werde den Himmel verlassen, um Gott zu finden.“
„Das ist doch nicht dein Ernst!“
„Da kannst du aber Gift drauf nehmen. Der alte Herr soll mir erklären, wie er das Leben nach dem Tod gemeint hat, das Paradies und die Ewigkeit und alles. Denn das hier, das ist nicht mehr als eine Theaterkulisse.“
„Klar, Gott hat ja nichts anderes zu tun, als dir Rede und Antwort zu stehen.“
„Das will ich aber meinen, immerhin bin ich sein Geschöpf!“
„Das bin ich auch.“
„Dann komm halt mit!“
Andrea starrte Edgar mit riesengroßen Augen an. „Du … du meinst es wirklich ernst?“
„Worauf du dich verlassen kannst.“
„Du willst den Himmel verlassen? Bist du irre?“
„Nein, aber irre werde ich, wenn ich hier bleibe.“
„Ich … ich glaube wirklich, du solltest dir das noch einmal überlegen. In Ruhe, wenn du dich beruhigt hast.“
„Ich glaube eher, du solltest dir überlegen, ob du nicht doch mitkommst.“ Edgar stand auf. „Seit zwei Jahrhunderten geisterst du hier herum und wozu? Um mit anzusehen, wie glücklich man hier werden kann, wenn man nur oberflächlich genug ist. Kannst du das bringen, ich meine oberflächlich werden? Ich kann es nicht. Und weil ich keine andere Perspektive sehe, gehe ich, egal was du sagst.“ Die Verzweiflung in Andreas Blick mochte daher rühren, dass er den Himmel verlassen wollte, oder daher, dass sie selbst es nicht wagte, Edgar wusste es nicht. „Du weißt, wie du mich findest“, setzte er deshalb noch drauf, „aber warte nicht zu lange.“ Dann löste er sich auf.

* * *

Die ganze Umgebung sah aus wie nach einem Flächenbrand, der Boden war anthrazitfarben und sumpfig, voller Schlammlöcher, in denen Hitzeblasen an der Oberfläche zu Dampf zerplatzten. In einem dieser Löcher war, bis zum Hals, Edgar erschienen, vis-a-vis von Fred, der selbst im Schlamm seine Brille aufhatte und spontan aufstöhnte. „Hat man nicht einmal für fünf Minuten seine Ruhe?“
„Eine Wohltat für einen Körper, der gar keiner ist?“ Edgar feixte ihn an.
„Irgendeiner meiner Schützlinge hat mir einmal gezeigt, wie wohltuend eine Dusche ist, wenn man es sich wünscht. Du weißt nicht zufällig, wer das war?“
„Du kannst dich daran erinnern?“
„Klar, ich erinnere mich an alles, was ich im Himmel je erlebt habe. Nur mit den Namen hapert es ein bisschen.“
„Hast du Lust auf eine große Bestrafung?“ Fred riss Augen und Mund auf, doch Edgar ließ ihm keine Zeit für eine Antwort. „Ich werde den Himmel verlassen. Kommst du mit?“
Fred schüttelte sich und begann meckernd zu lachen. „Du willst wohl, dass ich einen Herzinfarkt kriege, oder?“
„Es ist kein Scherz.“
„Wie kommst du plötzlich darauf?“
„Ganz einfach: Nachdem ich endlich kapiert habe, dass ich seit meinem Tod keine Familie mehr habe, habe ich meinen Zufluchtsort abgefackelt, weil er mir unter diesen Umständen nichts mehr bedeutet. Mir ist hier überhaupt der Sinn ausgegangen. Seit Jahrzehnten streune ich durch die Gegend und schnuppere in die einzelnen Bereiche hinein, die andere Seelen für sich geschaffen haben. Wo soll das enden? Soll ich bis in alle Ewigkeit ein Nomade bleiben? Sei mir nicht böse, aber ich brauche ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann, etwas, das mir einen Sinn gibt.“
„Du hast noch immer nicht begriffen, wie der Himmel funktioniert.“
Edgar kannte diesen Tonfall, es war jener, in dem Fred ihn immer über die Zusammenhänge im Himmel beschulmeistert hatte. Doch dieses Mal, das spürte er genau, steckte mehr dahinter. Fred mochte es zugeben oder nicht, die Vorstellung, den Himmel zu verlassen, erfüllte ihn mit nackter Angst und diese wollte er mit seiner Dozentenmanier kaschieren. Deshalb ließ Edgar ihn gar nicht erst weiterreden. „Für mich ist das hier nicht der Himmel, es ist ein Jahrmarkt. Und für dich?“
Wie schon Andrea schien auch Fred von Edgars Entschlossenheit beeindruckt zu sein, zumindest soweit, dass er dessen Ansinnen nicht ins Lächerliche zog. „Ich habe mich nie beklagt. Es ist mir hier immer gut gegangen, weißt du?“
„Und es kotzt dich nicht an, immer und immer wieder dieselben Wörter abzuspulen, um immer und immer wieder dieselben Fragen der Neuankömmlinge zu beantworten? Seit wann machst du das schon? Seit Jahrhunderten? Und wie lange willst du es noch machen? Bis in alle Ewigkeit?“
„Ich … ich gebe ja zu, dass … aber deswegen das ewige Gesetz brechen …“
Diesmal nahm Edgar bei Andrea Anleihe: „Was für ein ewiges Gesetz? Wenn es so etwas wie ein ewiges Gesetz gibt, dann regelt es die Art, wie wir hier leben. Und das bedeutet: Was wir nicht dürfen, dazu sind wir auch nicht in der Lage und wozu wir in der Lage sind, das dürfen wir auch.“
„Und die große Bestrafung? Wenn es erlaubt wäre, den Himmel zu verlassen, warum gibt es dann die große Bestrafung?“
„Wer sagt, dass es eine Bestrafung ist? Außer dass es unangenehm ist, passiert doch niemandem etwas.“ Freds Kiefer klappte auf und zu und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich in die Enge getrieben fühlte. Edgar wusste, dass er mit Argumenten allein nichts erreichen würde, deshalb lenkte er ein. „Fred, hör zu: Ich werde den Himmel verlassen. Ich finde sogar die Vorstellung, dass sich meine Seele auflöst, erträglicher, als die, dass ich mir für alle Ewigkeit jeden Wunsch sofort erfüllen kann. Ich erzähle dir das, weil ich glaube, dass du es ähnlich siehst und vielleicht mitkommen möchtest. Wenn du aber auch in den kommenden Jahrhunderten oder Jahrtausenden lieber neu angekommene Seele in den Himmel einführen willst, dann spricht freilich nichts dagegen.“
Freds Gesichtszüge kamen in Bewegung und schienen sich nicht mehr beruhigen zu lassen. „Wann brichst du auf?“
„Bald. Ich klappere nur noch ein paar Seelen ab, die mir am Herzen liegen und die vielleicht mitkommen möchten und dann geht’s los.“
„Wenn ich mitkomme, sage ich dir rechtzeitig bescheid. Aber warte nicht auf mich, Ede. Für den Fall, dass wir uns nicht mehr wiedersehen, wünsche ich dir viel Glück. Du bist ein feiner Kerl, ich werde dich vermissen.“

* * *

Als Edgar sich zu Ebenezer wünschte, erlebte er den Schreck des Jahrzehnts, denn er erschien auf einem winzigen Sims in einer senkrechten Felswand, mehrere hundert Meter über Grund. Durch seine Überraschung verlor er beinahe das Gleichgewicht, was ihm eine Heidenangst einjagte – für die er sich gleich darauf selbst auslachte, immerhin konnte ihm ja nichts passieren. Er ließ sich vom Sims kippen und schwebte etwas von der Felswand weg, um zu sehen, wo Ebenezer war. Er fand ihn, wie er es erwartet hatte, in der Felswand kletternd, keine drei Meter neben dem Sims – welches offenbar nur für Edgars Ankunft entstanden war, denn Ebenezer schimpfte: „He, mach mir keine Nischen in den Fels!“
„Ich freue mich auch dich zu sehen, Ebi.“
„Ebi? Du spinnst wohl.“
Edgar grinste, denn selbstverständlich wusste er, wie sehr Ebenezer jede Verniedlichung seines Namens hasste; dazu hielt er ihn für zu einzigartig. „Ist schon gut. Lass die Klettersachen hängen und komm mit, ich muss mit dir reden.“
„Und ich nehme an, deine Postkutsche fährt bald ab, weshalb du im Stress bist?“
Edgar stand neben ihm in der Luft und lehnte sich an den Felsen. „Du meinst, so wie dein Berg in ein paar Minuten verschwinden wird, weil er eine Verabredung hat?“
Der Ausdruck in Ebenezers Gesicht schien sich nicht zwischen Ärger, Belustigung, Neugier und Sturheit entscheiden zu können. Schließlich meinte er: „Na schön“, und stieß sich vom Felsen weg.
„Ich werde den Himmel verlassen“, sagte Edgar gerade heraus, und als Ebenezer nicht darauf reagierte, fragte er nach: „Was meinst du dazu?“
„Ich wünsche dir viel Glück.“
„Ist das alles?“
„Was erwartest du denn von mir?“
„Na, dass du mitkommst, selbstverständlich.“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Weil du keine Angst davor hast, den Himmel zu verlassen und weil dir hier auf Dauer ohnehin langweilig wird.“
„Mir war noch nie langweilig, und wenn doch, ist mir immer noch ein Abenteuer eingefallen.“
„Es gibt kein größeres Abenteuer im Himmel, als ihn zu verlassen.“
„Das stimmt vielleicht, aber was hilft‘s dir, wenn deine Seele dafür vernichtet wird?“
Während die beiden sprachen, schwebten sie in großen Kreisen langsam nach oben, als würden sie nebeneinander her spazieren.
„Ich glaube, ich höre nicht richtig“, fuhr Edgar auf, „wer hat denn getönt, die große Bestrafung sei gar keine Bestrafung, es gäbe kein ewiges Gesetz und was nicht verboten sei, sei erlaubt?“
„Was man eben so sagt, nicht?“
Als Edgar Ebenezer ansah, erkannte er in dessen scheinbar entschuldigenden Gesichtsausdruck, dass er ihn nur auf den Arm nahm. „Also im Ernst jetzt“, brachte er es darum auf den Punkt, „kommst du mit? Wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja wieder umkehren.“
Ebenezer schwebte vor Edgar hin und hielt inne. Sie waren nun etwa einen halben Kilometer über der Stelle, an der sie losgeflogen waren. „Weißt du, das ist tatsächlich der einzige Punkt, der mich davon abhalten würde: Es ist noch nie jemand zurückgekommen.“
„Was nichts zu bedeuten hat.“
„Was das Einzige ist, das wir fix über die Gegend da draußen wissen. Alles andere ist reine Spekulation, aber dass noch keine einzige Seele, die je den Himmel verließ, je wieder zurückgekehrt ist – das wissen wir.“

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 41: Abschied

Kapitel 41: Abschied

Edgar schließt mit seiner Familie ab und ist nun innerlich bereit für einen Neubeginn. Doch dieser gestaltet sich als radikaler, als er es erwartet hätte.

Für Edgar zeichnete sich schnell eine Entwicklung ab, die den anderen offenbar nicht bewusst war: Je länger er und seine Mutter hier waren, desto jünger schien sie zu werden – und auch seine Großeltern. Sogar die Art, wie sie miteinander sprachen, veränderte sich. Alles schien auf eine Situation zuzusteuern, die weit in der Vergangenheit lag, nämlich jene, in der seine Mutter bei ihren Eltern aufgewachsen war. Es schien, als wäre diese Zeit die glücklichste im Leben von allen Dreien gewesen und als wollten sie wieder so zusammenleben, wie damals.
Tatsächlich saß Edgar schon bald nicht mehr als Sohn und Enkel mit am Tisch, sondern als ein liebgewonnener Gast und seltsamerweise tat ihm diese Erkenntnis gar nicht weh. Durch die Zeit, die er damals hier verbracht hatte, war ihm klar geworden, dass er nicht auf Dauer mit seinen Großeltern zusammenleben konnte und durch die sich nun vollziehende Verjüngung seiner Mutter hörte diese immer mehr auf, seine Mutter zu sein.
Irgendwann wusste Edgar, dass seine Zeit gekommen war. Er stand vom Tisch auf und nahm Abschied von seiner Großmutter, seinem Großvater und seiner Mutter. Auch sie verabschiedeten sich herzlich, umarmten ihn, doch es war kaum noch ein Familiengefühl dabei. Als sie ihm vom Fenster aus nachwinkten, sahen seine Großeltern aus wie Anfang dreißig und seine Mutter wie eine junge Erwachsene, die gerne ein Kind wäre und sich fortan wohl wie eines verhalten würde. Alle drei lachten über das ganze Gesicht und in so ähnlicher Weise, dass jeder sie als Einheit wahrnehmen musste, als Familie.
Edgar prägte sich dieses Bild des Glücks tief ein. Er machte sich keine Illusionen, er würde sie hier, in ihrem privaten Paradies nicht mehr stören und sie würden dieses wohl nicht mehr verlassen. Sie würden einander nie wieder sehen.

* * *

Es ist leer. Mein Refugium ist leer! Mein Erscheinen auf meinem Strand fühlte sich an, als hätte ich mein Haus betreten, deren Einwohner – meine Frau und meine Kinder – ich gerade zu Grabe getragen hätte. Dabei sind nicht sie es, die gestorben sind, sondern ich bin es, und zwar schon vor langer, langer Zeit.
Mein persönliches Paradies, in dem ich mich stets so wohl und daheim gefühlt habe, hat mit einem Mal keine Seele mehr, ist zu einem fremden Küstenabschnitt geworden. Weniger noch, zu der Attrappe eines fremden Küstenabschnitts.
Wie schon so oft balancierte ich über meine Felsen hinaus ins Meer, setzte mich auf meinen Lieblingsstein, wünschte mir eine Havanna in die Hand und schaute zur Kimm – doch es bedeutete mir nichts mehr. Alles, was ich je mit diesem Ort verbunden habe, ist nun weg und darum ist mein Rückzugsgebiet nun leer und entseelt.
Das ist meine eigene Schuld. Aus Angst vor der Wahrheit habe ich mich so an die Vorstellung geklammert, alles könnte wieder wie früher werden, dass ich das Offensichtliche ausblendet habe. Ich muss wieder an die Seele jener alten Frau im Krankenhaus denken, die damals schon einundzwanzig Jahre lang die lebenden Pfleger vergeblich um Hilfe angesprochen hatte, weil sie nicht akzeptieren konnte, dass sie tot war. Ich weiß noch, wie ich den Kopf darüber geschüttelt habe, dass man sich über einen so langen Zeitraum hinweg selbst etwas vormachen kann. Jetzt muss ich erkennen, wie arrogant diese Einstellung war, jetzt, da ich selbst drei Jahrzehnte lang geglaubt habe, ich hätte eine Familie und es wäre – irgendwie – nur eine Frage der Zeit, bis ich sie wiedersähe.
Doch ich habe keine Familie mehr. Familie ist eine Angelegenheit des Erdenlebens, keine des Himmels. Niemand wartet auf mich, da unten, und wenn ich hier auf sie warten würde, auf meine Frau und meine Kinder, würde ich vollkommen andere Menschen antreffen als jene, an die ich mich erinnere.
Als die Wiedersehensfreude mit meiner Mutter abgeflaut war, hatten wir keine Gemeinsamkeiten mehr. Wiedersehensfreude ist etwas in die Vergangenheit Gerichtetes und die Vergangenheit kehrt nie wieder.
Das und nichts anderes ist die Wahrheit!
Ich bin allein, weil ich tot bin und ich bin einsam, weil ich das nie akzeptieren konnte.

Edgar roch Brandgeruch. Er legte das ledergebundene Buch mit den Pergamentblättern und den Gänsekiel auf seine Knie und sah sich zu seinem Strand um. Über dem Wald, dort, wo er damals den Weg durch seine Kindheit und seine Jugend gesucht hatte, um seinen Rückzugsort zu finden, stieg eine massive Rauchfront auf. Der ganze Wald brannte. Edgar blickte zu seinem Tagebuch und den Gänsekiel hinab und löste beide in bunte Wölkchen auf. Dann erhob er sich, denn es war Zeit zu gehen. Er sprang über die Felsen zum Strand zurück und sah dabei zu, wie die haushohen Flammen in erschreckender Geschwindigkeit auf ihn zu rasten. Als er den Strand betrat, setzte Ascheregen ein, wie ein Schneefall mitten in den Tropen, und gleich darauf brach die wütende Flammenwand durch die Palmen hervor, brüllte ihm regelrecht entgegen. Wie ein entfesseltes Raubtier fraß sich das Feuer durch den Sand, entzündete ihn, als bestünde er aus Schwarzpulver, und erfasste schließlich Edgar mit einem ohrenbetäubenden Tosen. Die Flammen tobten auf und in ihm und schließlich fraß die Glut sich durch den Sand unter seinen Füßen hinweg. Edgar drehe sich um und sah zu, wie der Feuerstreifen auf seinen Ozean hinaus fegte und dabei alles verdampfte, auf das er traf, die Wellen, die Felsen, den Himmel, die Sonne, alles.
Als es vorbei war, herrschte Stille. Nichts war zurückgeblieben als das unendliche Weiß, in dem nur noch er war, Edgar, und sonst nichts mehr. Als wäre er wieder erst gestorben – und wieder erst neugeboren.

* * *

Als Edgar erneut Andrea aufsuchte, lebte sie noch immer in ihrem Pseudo-Mittelalter-Milieu. Diesmal war sie in Lumpen gehüllt, trug Kopftuch und Augenklappe und saß mit einigen finster aussehenden Gesellen am dunkelsten Tisch jener Kaschemme, in der Edgar soeben materialisiert war.
Dass das Ambiente nicht authentisch war, erkannte Edgar an der Sterilität, es fehlten der Schmutz, das Ungeziefer, der Gestank. Sein Erscheinen in der Gaststube hatte Andreas Aufmerksamkeit erregt, sie winkte ihm freudig zu, und als er sich ihrem Tisch näherte, lösten sich ihre Zechkumpane in Nichts auf.
Edgar küsste sie auf die Wangen und ließ sich auf die Bank ihr gegenüber fallen. „Erfundene Gesellschaft, hm?“
„Das verkürzt die Wartezeit.“
„Auf wen?“
„Anshelm. Eigentlich müsste er längst hier sein, aber vermutlich hat er sich irgendwo auf der Straße in einen Streit eingelassen und dabei vergessen, dass er sich nicht im echten Mittelalter befindet.“
„Was ist das für ein Kerl?“
„Einer von den Jungs, von denen ich dir das letzte Mal erzählt habe. Die seit dem Mittelalter hier herumgeistern.“
„Klingt nicht unproblematisch.“
„Ist er auch nicht. Ich nehme an, du kommst zu mir?“
„Ja.“
Andrea sah ihn forschend an. In ihrem Blick erkannte Edgar eine Ahnung davon, dass dies kein unverbindliches Plauderstündchen werden würde. „Was ist geschehen?“
„Ich habe meine Mutter getroffen.“
Sie verdrehte die Augen in einer Weise, als erinnerte sie das an ein ähnliches Erlebnis mit ihrer eigenen Mutter. „Ach du Scheiße.“
„Du sagst es.“
„Sie hat dir von deiner Familie erzählt, stimmt‘s?“
„Ich habe keine Familie. Schon lange nicht mehr.“
Wieder forschte sie in seinen Augen, wieder entfuhr es ihr, nur diesmal etwas leiser: „Scheiße.“
„Dreißig Jahre, Andrea. Seit rund dreißig Jahren bin ich nun schon hier. Und was habe ich die ganze Zeit über gemacht? Ich habe mich mit Sport und Spielen vergnügt und mich wie ein kleines Kind darüber gefreut, dass die physikalischen Kräfte hier nicht gelten. Als mir langweilig wurde, bin auf die Suche nach dem Sinn des Himmels gegangen und habe mich weiß Gott wie elitär dabei gefühlt. Dann habe ich den Künstlern und den Christen dabei zugesehen, wie sie ihre Glückseligkeit fanden.“
„Du willst mir doch etwas Bestimmtes sagen, oder?“
Diesmal war es Edgar, dessen Blick in Andreas Augen forschte. „Du hast mir einmal gesagt, dass du hier unzufrieden bist“, begann er, „dass du von einem Bereich zum nächsten wanderst, um Erfahrungen zu sammeln. Um zu verstehen, warum die Seelen so sind, wie sie sind.“
„Sinngemäß.“
„Du willst wissen, was die Aktivitäten der einzelnen Seelen der Gesamtheit bringen – uns allen? Ich sage es dir: gar nichts!“
Edgars theatralische Pause zeigte nicht die beabsichtigte Wirkung. Im Gegenteil, sie gab Andrea die Möglichkeit, ihm in die Parade zu fahren. „Edi, du schiebst Frust, weil du endlich in der Wirklichkeit angekommen bist. Aber das bedeutet nicht, dass das Leben sinnlos ist.“
Edgar verzog den Mund zu einem sardonischen Lächeln. „Mein Frust ist vielleicht der Auslöser für diese Gedanken, aber nicht der Grund. Wir Seelen haben keine Gemeinschaft. Hätten wir eine, hätten wir einen Staat, eine Regierung, eine Verwaltung und was sonst noch alles dazugehört. Das ist aber nicht der Fall. Wir streifen alleine durch den Himmel, bleiben hie und da eine Zeit lang hängen, und wenn es uns nicht mehr gefällt, dann streifen wir weiter.“ Andrea war sichtlich verblüfft. Einerseits von Edgars Entschiedenheit und andererseits von den Schlussfolgerungen, von denen sie nicht wissen konnte, dass sie eigentlich von Ebenezer stammten. „Und weil wir nur einzeln organisiert sind, bringt das, was wir tun oder nicht tun, nur uns selbst etwas. Wo keine Gemeinschaft ist, kann einer solchen auch nicht gedient werden.“
Andrea blickte Edgar stumm an, dann gestand sie: „Wenn du den Sinn zerstören willst, den ich meiner Existenz gebe, dann gelingt dir das ganz gut.“
„Woher willst du wissen, was der Sinn deiner Existenz ist? Ist nach deinem Tod irgendein Engelswesen zu dir gekommen und hat gesagt: ‚Siehe hier, das ist der Sinn deiner Existenz‘? Also zu mir nicht. Mir hat ein großer silberner Kerl den Weg ins Jenseits gezeigt, danach war ich auf mich allein gestellt, und zwar völlig.“
„Edi – was willst du mir eigentlich sagen?“
„Dass das hier, dieser ach so wunderbare Himmel, unmöglich das Paradies sein kann.“
„Ach? Und das weißt du, weil …?“
„Weil das Paradies ein Zustand der vollkommenen Glückseligkeit ist. Und ich bin nicht glücklich.“
Andrea sah Edgar einmal mehr verblüfft an, doch diesmal war noch mehr in ihrem Blick, eine Art Erkennen, als wüsste sie aus eigener Erfahrung, was er meinte.
„Gott zum Gruße, edle Maid!“
Edgar fuhr herum. Neben ihrem Tisch stand ein Mann in einem Kettenhemd mit Kreuzritter-Überwurf. Sein Henriquatre war gleich schwarz wie sein wallendes Haar, das bis zu seinem Nacken hinabreichte. Der stechende Blick und die aufrechte, fast steife Haltung machten seine geringe Körpergröße mehr als wett.
„Wie oft soll ich dir das noch sagen, Anshelm? Ich bin nicht edel.“ Edgar hörte den Ärger in Andreas Stimme, weil Anshelm sie in ihrer Überlegung gestört hatte.
Dieser verzog den Mund zu einem kaum sichtbaren Grinsen. Andrea stellte Edgar und den Kreuzritter einander vor, wobei Anshelm dem Handschlag noch eine tiefe Verbeugung voranstellte, bei der er sich die rechte Faust ans Herz hielt. Er nahm Platz und hielt auch im Sitzen den Oberkörper steif aufrecht, während er seinen rechten Unterarm auf die Tischplatte legte. Er blickte zu Andrea, dann zu Edgar und schließlich erhob er sich wieder. „Ich erkenne, ich habe Ihre Unterhaltung gestört und bitte, dies zu entschuldigen.“ Nach einer weiteren Verbeugung mit der Faust am Herzen löste Anshelm sich in buntem Rauch auf.
Andrea, die ihm gerade hatte widersprechen wollen, warf Edgar einen genervten Blick zu. „So etwas macht er jedes Mal, es ist nicht zum Aushalten.“
„Du meinst, er verschwindet immer?“
„Nein, er ist immer so übertrieben höflich. Kann er nicht einfach fragen: ‚Was geht denn hier ab?‘“
Edgar lachte. „Steck ihn einmal in einen Skater-Fummel, vielleicht wird er dann lockerer.“
Auch sie lachte.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 40: Familientreffen

Kapitel 40: Familientreffen

Edgar bringt seine Mutter zu ihren Eltern – es gibt viel zu erzählen!

Als Edgar wieder bei seiner Mutter erschien, stand sie auf einem Marktplatz, der sich vor einer hölzernen Kathedrale befand. Ein leerer Korb hing in ihrer Armbeuge und sie interessierte sich offenbar für Devotionalien, denn sie unterhielt sich angeregt mit einer Verkäuferin an einem entsprechenden Verkaufsstand. Ihre Haltung wirkte nun aufrechter als beim letzten Treffen und Edgar fand, dass sie nun allgemein jünger aussah, aufgeräumter. Während sie sprach, lachte sie und er erkannte die für sie typische Lippenkrümmung im Mundwinkel wieder. Edgar hatte nicht gewusst, wie sehr er Kleinigkeiten wie diese vermissen würde – und zwar erst im Nachhinein, wenn er sie nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder sah.
„Den lieben Gott hat noch nie jemand gesehen“, hörte er die Marktfrau sagen, als er näherkam. „Ich sage Ihnen was: Ich bin schon seit ein paar Jahrhunderten hier, habe mir den ganzen Himmel angeschaut, die Himmelfahrtsprozession mehrmals mitgemacht und sogar jahrelang als Engel dort oben im Himmelreich gelebt, aber den alten Herrn mit dem Rauschebart, den habe ich noch nie auf seinem Wolkenthron sitzen oder sonst wo herumwandeln sehen und auch niemand sonst, mit dem ich geredet habe.“
Die Mutter wollte etwas erwidern, spürte aber offenbar Edgars Anwesenheit, denn sie hielt inne und sah ihn an. Ihr Blick hatte nun nichts mehr von der Abwesenheit von zuletzt, er war klar und bestimmt und ihr Gesicht begann zu strahlen, als sie ihren Sohn erkannte. Sie umarmte ihn herzlich und küsst ihn auf beide Wangen. „Du warst gestern plötzlich verschwunden.“
„Es tut mir leid, Mama, aber ich habe es nicht mehr ausgehalten. All die schrecklichen Neuigkeiten von daheim … ich meine … du weißt schon, was ich meine.“
„Ja, ich weiß, mein Kind. Es hat sich leider nicht zum Besten entwickelt, aber so ist das nun einmal. Es gab ja auch schöne Zeiten dazwischen, was ich dir erzählt habe, war nur die grobe Zusammenfassung.“
„Es trifft mich trotzdem.“
„Das verstehe ich ja. Aber sieh es einmal so: Es ist so geschehen, wie es geschehen ist und nichts kann es mehr ändern.“
„Das weiß ich, Mama, das kannst du mir glauben.“
„Komm, wir reden einfach nicht mehr darüber, ja? Das hier ist der Himmel, das hier ist ein neues Leben und kein schlechtes, wie mir scheint.“
„Es ist nicht so leicht …“
Der strenge Blick seiner Mutter ließ Edgar verstummen. „Für Heike war es nicht leicht. Entschuldige, wenn ich das so sage, aber sie ist nach deinem Tod nicht ins Paradies gekommen.“
„Deshalb hat sich mich auch so rasch ausgewechselt, nehme ich an.“ Edgar hatte das nicht sagen wollen, es war einfach aus ihm herausgebrochen.
Seine Mutter fuhr ihn an: „Sie war plötzlich ganz allein auf der Welt, allein mit zwei Kindern. Dein Tod hat auch sie aus ihrem gewohnten Leben gerissen, weißt du?“ Sie atmete einmal tief durch und senkte den Blick. Dann sprach sie ruhig weiter: „Sie hat jemanden gebraucht, der sie auffängt und an dem sie sich festhalten kann, das musst du verstehen. Für Papa und mich war sie wie eine Tochter, sie und eure Kinder waren ja unsere ganze Familie, als du nicht mehr warst. Und wir, Papa und ich, waren es auch, die sie dazu ermutigt haben, sich bald einen neuen Mann zu suchen.“
„Das … das glaube ich nicht!“
„Warum nicht? All ihre Trauer hätte dich nicht mehr zurückgebracht und ihr Leben ging weiter und auch das eurer Kinder.“
„Und dieser … dieser Michael …?“
„Der hat sein Bestes gegeben. Aber er hat den beiden Kleinen den Vater nicht ersetzen können, keiner hätte das gekonnt. Außerdem haben er und Heike ja arbeiten müssen, deshalb waren ihre Kinder öfter bei uns, als bei ihnen.“
„Ihre Kinder?!“
„Sei nicht so pingelig.“
„Was heißt pingelig? Es sind meine Kinder.“
„Nach deinem Tod waren sie es nicht mehr.“ Edgar glaubte nicht, dass seine eigene Mutter das soeben gesagt hatte. Fassungslos starrte er sie an und wandte sich dann von ihr ab. Doch sie hielt ihn sanft an der Schulter zurück, nahm ihn in die Arme und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist einfach so viel Zeit vergangen, seit du gestorben bist, Edgar. Da verschiebt sich alles.“
„Bei mir hat sich nichts verschoben. Ich liebe sie alle noch so, wie am Tag meines Todes.“
„Es ist anders, Kind. Du magst die Alltagssorgen auf der Erde vergessen haben, aber sie sind es, die uns am meisten beschäftigen. Alles andere muss da zurücktreten, selbst geliebte Menschen, wenn sie nicht mehr da sind.“ Sie löste sich von ihm und sah ihn an, wie sie ihn als Kind immer angesehen hatte, wenn sie ihn trösten wollte. „Als Matthias klein war, war er dir so ähnlich, dass wir geglaubt haben, wir hätten eine zweite Chance bekommen. Es war, als wärst du als Kind zurückgekommen und wir könnten dich noch einmal großziehen.“
„Deshalb habt ihr mich vergessen?“ Edgars Stimme erstickte in Tränen.
„Rede keinen Unsinn, niemand hat dich vergessen. Aber die Zeit geht weiter und irgendwann beginnen die Erinnerungen sich zu verändern. Eines Tages haben deine Kinder gefragt, wer du warst und wir haben ihnen von dir erzählt. Heike, Papa und ich, jeder hat ihnen Erlebnisse erzählt, die wir mit dir hatten. Natürlich erzählt man da die Anekdoten, die einem am lebendigsten in Erinnerung sind und die Kinder wollten diese Geschichten immer und immer wieder hören. Und wenn man von jemandem immer dieselben Geschichten erzählt und hört, dann vergisst man mit der Zeit, wer der Mensch wirklich war. Man verwechselt ihn mit der Person in den Erzählungen. Deshalb habe ich dich gestern fast nicht wiedererkannt. Ich hatte fast vergessen, wer du wirklich warst, weil die schmerzvolle Erinnerung an deinen Tod das Letzte war, was mich an dein wirkliches Leben erinnert hatte. Da wollte ich dich schon lieber so in Erinnerung behalten, wie wir dich deinen Kindern beschrieben haben.“
Edgar brach haltlos in Tränen aus und auch in den Augen seiner Mutter schimmerte es. Er wusste, sie wollte ihm nicht wehtun und er wusste, es war richtig, dass sie ihm unverblümt die Wahrheit sagte. Dennoch tat es weh und dennoch wollte er es nicht wahrhaben. Nach einer Weile ließ der Schmerz nach und Edgar spürte zum ersten Mal, seit er seine Mutter im Himmel angetroffen hatte, wie der Druck von ihm abfiel und sein Herz wieder leichter wurde. Das Lachen, das nun zwischen seinen Tränen hervorbrach, fühlte sich wie ein Sonnenschein im Regen an. „Wenn du vergessen hast, wer ich wirklich bin, dann solltest du wissen, dass ich etwas mit Jesus gemeinsam habe. Wir beide haben am Thron Gottes erfahren, dass unsere Mutter gestorben ist.“
Auch sie lächelte und nahm ihren Sohn einmal mehr in den Arm. „Versündige dich nicht, Kind.“* * *Als Edgar mit seiner Mutter in der Wohnstraße ihrer Kindheit erschien, schlug sie die Hände vor den Mund und schnappte nach Luft. „Das ist … das ist ja …“
„Ich weiß.“ Er hatte ihr nicht gesagt, wohin er sie bringen würde, er hatte ihr nur eine Überraschung versprochen.

Die beiden hatten auch bei einem längeren Gespräch nicht herausfinden können, wie lange sie nach ihrem Tod noch bei Edgars Vater geblieben und wann sie schließlich in den Himmel übergewechselt war. Somit konnte es durchaus sein, dass Edgars Unfall länger als neunundzwanzig Jahre her war, vielleicht dreißig oder gar einunddreißig, doch das spielte jetzt keine Rolle mehr für ihn. Er schien endlich akzeptiert zu haben, was – wie Fred es ihm gleich zu Anfang geraten hatte – er gleich nach seinem Tod hätte akzeptieren sollen: Vergangenes war vergangen.
Dabei waren Edgar seine Großeltern wieder eingefallen, die sich nicht von dieser Vergänglichkeit allen Seins hatten beeindrucken lassen. Sie hatten im Gegenteil ihren Himmelsbereich gemäß ihren Erinnerungen gestaltet, lebten bewusst in ihrer Vergangenheit und waren, so schien es, glücklich darin. Da hatte Edgar beschlossen, wenigstens diesen Teil seiner Familie wieder zusammenzuführen.

Seine Mutter war hin und weg. Sie ging ein paar Schritte die Straße entlang, und als sie sich im Kreis drehte, um sich umzusehen, sah es wie ein Tanz aus. Endlich schaffte sie es, ihre Hände vom Mund zu nehmen und sie jubelte: „Das ist meine Kindheit, hier war ich soo glücklich!“ Ihre Blicke blieben an ein paar Kindern haften, die am Straßenrand spielten. Sie waren blond, die Mädchen trugen Zöpfe und hatten Kleidchen an, während die Buben das Haar gescheitelt trugen und in Lederhosen gekleidet waren. Edgars Mutter zeigte auf eines der Mädchen und rief: „Das könnte ich sein.“
„Das ist noch lange nicht alles, Mama.“ Edgar kam nicht gegen sein Grinsen an. Er nahm sie an der Hand und zog sie zu dem Mehrfamilienhaus hin, in dem ihre Eltern wohnten. Freilich erkannte sie es sofort, jauchzte auf und lief los, als wäre sie tatsächlich wieder das kleine Mädchen ihrer Kindheit.
Als sich beide der Steintreppe näherten, die zur Eingangstür hinaufführte, ging rechts davon das Fenster auf und der Kopf von Edgars Großmutter erschien. Ihre Augen waren auf ihre Tochter gerichtet, Unglauben und Hoffnung spiegelten sich darin. „Gretl? Gretl, bist du das?“
Die Angesprochene blieb abrupt stehen und starrte zurück. Edgar kam es so vor, als sei seine Mutter kleiner geworden, jünger. „Mama?“, fragte sie fassungslos, „das … das kann doch nicht sein.“
„Ja, aber natürlich bin ich es.“ Die Großmutter wandte sich lachend um und rief aufgeregt ihren Mann ans Fenster. Auch dieser erstarrte zunächst und brach dann in ungläubige, tränenreiche Freude aus, als er seine Tochter nach so vielen Jahren wiedersah. „So kommt doch herein“, rief die Großmutter eifrig gestikulierend und nur Augenblicke später lagen sich Großeltern und Mutter in den Armen und weinten vor Glück.

Die darauffolgende Zeit – Edgar schätzte, es mussten Wochen sein – verging mit Reden, Lachen, Essen und Trinken. Edgars Großeltern und seine Mutter tauschten Erinnerungen aus der Kindheit der Mutter aus und erzählten ihm Geschichten von ihr als Heranwachsende. Dann musste seine Mutter ihren Eltern erzählen, was seit deren Tod im Diesseits passiert war und schließlich war Edgar an der Reihe, um seiner Mutter von der Zeit zu erzählen, in der er bei seinen Großeltern gelebt hatte und allen Dreien, was er seit seiner Abreise von hier erlebt hatte.
Es war ein sehr freudiges Wiedersehen, ein harmonisches Miteinander, ein Familientreffen nach langer Zeit.

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