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Kapitel 48: Abwärts

Kapitel 48: Abwärts

Der Versuch den Berg zu besteigen misslingt, die Exilanten sind gezwungen, hangabwärts zu marschieren. Dort betreten sie einen unwegsamen Wald, in dem sie schwarze Finsternis erwartet – und Schlimmeres.

Edgar spürte, wie sein Herz gegen den Brustkorb hämmerte. Der Leopard näherte sich der Hügelkuppe und duckte sich unmittelbar unter ihr in den Schatten des Dickichts. Dort bewegte er sich rastlos hin und her, ohne Edgar und seine Gefährten aus den Augen zu lassen. Er war keine zehn Meter entfernt, so nahe, dass Edgar seinen Atem hörte.
Die Gruppe stand eng zusammen, suchte instinktiv Schutz in der Gemeinschaft. Nur Anshelm stand einen Schritt von den anderen entfernt, Schild und Schwert gegen die Bestie gerichtet.
„Wir klettern auf den Berg“, entschied Edgar, „von dort aus sehen wir, wo wir weiterkommen. Außerdem liegt der Eingang zur Hölle sicherlich nicht auf dem Gipfel.“
Die anderen sagten nichts, sie blickten nur verunsichert umher. Als er den Zweifel in Andreas Augen sah, spürte Edgar, wie ihn der Mut verließ. Er hatte Dantes „Göttliche Komödie“ nie gelesen – hatte der Held dieser Geschichte etwa Ähnliches versucht und war gescheitert?

Der Weg über die Geröllhalde erwies sich als ungeheuer anstrengend. Bei jedem Schritt rutschten die Füße der Wanderer mehrere Dezimeter weit talwärts und brachten dabei eine Unmenge kleiner Steine ins Rollen. Ein direkter Aufstieg kam somit nicht in Frage, er wäre für ihre nunmehr menschengleiche Beschaffenheit viel zu kräfteraubend gewesen. Edgar führte seine Gruppe daher in einem sachten Anstieg quer zum Hang in der Absicht, die Felsen in einem Zickzack-Kurs zu erreichen. Der Leopard folgte ihnen nicht, er war auf der Hügelkuppe stehengeblieben und beobachtete sie von dort aus, was Edgar sehr erleichterte.
Einige Minuten später nahm Edgar oben, in der Nähe der Felswand, eine Bewegung wahr. Er sah hin und sein Blick kreuzte sich mit dem eines mächtigen Löwen. Für die Dauer eines Herzschlags hielten beide inne, dann machte das Tier einen Satz und hetzte auf ihn herab.
„Anshelm!“ Edgars Ruf hallte mehrfach wider, und während er und die anderen instinktiv ein paar Schritte bergab flohen, stapfte der Kreuzritter herbei, ächzend unter der Last seiner Rüstung. Die Fliehenden wandten sich wieder dem Hang zu und erstarrten, wie gebannt von der schier explodierenden Kraft und der Geschwindigkeit, mit der der Löwe den Hang herabsprang und dem Aufspritzen der Steine bei jedem Mal, wenn er seine Tatzen in den Boden rammte. All das ließ ihnen wenig Hoffnung, dass Anshelm, der schützend über ihnen stand, das Tier würde aufhalten können. Es würde den Ritter buchstäblich überrennen und sie wenige Augenblicke danach erreicht haben.
Doch als die Bestie Anshelm erreichte, stoppte sie abrupt, kaum einen Meter vor ihm. Sie ging in Lauerstellung, ließ ein tiefes Grollen zwischen ihren gefletschten Reißzähnen hervordringen, heftete ihren bedrohlichen, lauernden Blick auf den Kreuzritter und schlug mit dem Schwanz abwechselnd zur einen und zur anderen Seite. Anshelm hatte sich während des Ansturms nicht einen Millimeter von der Stelle bewegt. Er stand gehockt da, hatte den Schild vor sich auf den Boden gestellt und das Schwert in einer Stichauslage stoßbereit nach hinten gezogen, so dass das Heft nahe an seinem Kinn lag. So wie der Löwe ihn fixierte, fixierte auch er den Löwen.
Die anderen wechselten einen Blick und Edgar las in allen Augen dieselbe Ehrfurcht und Anerkennung vor dem ungewöhnlichen Mut ihres Begleiters, die auch ihn bewegte.
Nachdem die Pattsituation einige Sekunden lang unverändert blieb, sah Edgar sich hilfesuchend um. Er musste handeln, wusste aber nicht, wie. Sein Blick fiel auf den Leopard, der noch immer auf der Hügelkuppe stand und das Geschehen beobachtete. Da kam ihm eine Idee und er rief den Hang hinauf: „Komm, Anshelm, ich glaube nicht, dass der Löwe uns angreifen will. Er will uns nur davon abhalten, den Berg zu besteigen.“
Im Augenwinkel sah er Andrea leicht nicken, offenbar hatte sie erwartet, dass so etwas geschehen würde. Er ärgerte sich, dass sie ihn nicht gewarnt hatte – doch vielleicht hatte sie ja auch seine Entscheidung nicht beeinflussen wollen.
„Wie kommst du darauf?“, wisperte Ebenezer.
Edgar deutete zu dem Leopard. „Er versperrt uns den Rückweg und er“, er wies auf den Löwen, „den Aufstieg. Es scheint, als ob uns die Tiere in eine bestimmte Richtung zwingen wollten.“
Anshelm entfernte sich in kleinen Schritten von dem Löwen und kam rückwärts den Hang herab, während das Tier in seiner Lauerstellung verharrte.
Edgars Blicke tasteten derweil die andere Seite der Geröllhalde ab, auf der Suche nach einer Möglichkeit, den Löwen zu umgehen. Doch gerade dort tauchte in dem Moment ein großer, hagerer Wolf mit struppigem schwarzem Fell auf. „Das ist ja wie in einem dummen, amerikanischen Film“, polterte Edgar.
Auch Andrea hatte den Wolf gesehen. „Was meinst du?“
„Ein Leopard, ein Löwe und ein Wolf teilen sich denselben Lebensraum und tauchen akkurat dann auf, wenn man sie am wenigsten braucht. So etwas kommt normalerweise nur in einem amerikanischen Film vor, dem nichts zu blöd ist, um die Handlung so bedrohlich wie nur möglich zu machen.“
„Bei mir wirkt es.“
„Vielleicht ist die Hölle ja so etwas wie ein Safaripark mit lauter Ungeheuern?“, mutmaßte Franz.
„Die Hölle ist der Ort, an dem alles geschieht, was wir fürchten.“ Anshelm, der soeben bei ihnen angekommen war, sprach im Tonfall des Wissenden.
Als Edgar erkannte, wie fest seine Gesichtszüge waren und wie hart der Blick, mit dem er den Löwen nach wie vor im Auge behielt, stieg seine Hochachtung vor diesem Mann noch weiter. So tief Anshelm auch in seiner mittelalterlichen Glaubensvorstellung verwurzelt sein mochte, in welcher die Hölle der schlimmste nur denkbare Ort war, er brachte dennoch die bedingungslose Tapferkeit auf, die notwendig war, um sie alle zu beschützen. Edgar verstand erst in diesem Moment wirklich die Bedeutung des Wortes „ritterlich“.
Der Wolf begann zu heulen, dass es vom Pinienwald widerhallte, aus dem die Exilanten gekommen waren. Dann kam auch er die Geröllhalde herab. Sein lockerer Trab wirkte weniger bedrohlich als das Heranstürmen des Löwen vorhin, doch sein tief gesenkter Kopf und die gefletschten Zähne gaben ihm ein hungriges Aussehen, das Edgar beunruhigte.
„Los, Rückzug“, sagte er, deutete hangabwärts und setzte sich sogleich in Bewegung. In großen Schritten sprang er hinab, wobei er bei jedem Auftreten einige Meter mit dem Geröll mitrutschte, das er lostrat. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass die anderen seinem Beispiel folgten, wodurch alle binnen kurzer Zeit eine große Wegstrecke zurücklegten. Der Wolf war immer noch hinter ihnen her und auch der Löwe hatte seine Verfolgung wieder aufgenommen, doch beiden Tieren schien nicht daran gelegen, Beute zu erjagen. Es schien ihnen eher darum zu gehen, die Exilanten weiter bergab zu treiben.
Unter Edgar führte die Geröllhalde noch mehrere Kilometer hinab und verschwand dort im Dämmerlicht der bewaldeten Hügel, die zu beiden Seiten immer näher an die Halde heranrückten. So wurde es auf ihrem Weg auch zunehmend finster, doch wann immer sie ihre Geschwindigkeit verringerten, schlossen die Raubtiere hinter ihnen schnell auf.
Edgar konnte nicht sagen, wie lange sie unterwegs waren, er wusste nur, dass es die Angst war, die ihnen die nötige Kraft verlieh. Unablässig hüpften und stampften und rutschten sie auf dem Geröll nach unten, das Rauschen der Kieselsteine und das Keuchen des eigenen Atems übertönten einander abwechselnd. Als sie sich schließlich dem unteren Ende der Geröllhalde näherten, sah Edgar, dass der Wald, der dort begann, nicht auf Hügeln wuchs, sondern große Felsbrocken überwucherte, die offenbar vor langer Zeit vom Berg herabgerollt waren. Das Zwielicht der Umgebung machte die Schatten der Bäume so finster, dass Edgar nur wenige Meter zwischen sie hineinsah. Am Waldrand hielten die Exilanten inne und verschnauften. Die Geröllhalde war hier keine fünfzig Meter mehr breit, sie wurde zu beiden Seiten von senkrechten Hügelabbrüchen begrenzt. Der Löwe und der Wolf hielten einige Meter Abstand, schlichen aber mit geduckten Köpfen und Drohlauten hin und her, als würden sie jeden Moment auf die Flüchtenden losgehen.
„Kommt weiter“, keuchte Edgar. Auch wenn er überzeugt war, dass die Bestien keine Gefahr bedeuteten, solange er und seine Gefährten ihre Richtung beibehielten, bekam er im Angesicht der Bedrohung, die von ihnen ausging, dennoch keinen klaren Kopf.
Der Wald war unwegsames Gelände. Sie kletterten über Wurzeln, die teilweise so dick waren, dass sie ihnen bis zu den Hüften reichten, rutschten über moosbewachsene Felsbrocken und stolperten durch kniehohes Dornendickicht, das ihre Kleidung bei jedem Schritt festhielt. Nicht lange, nachdem sie den Wald betreten hatten, schloss dieser sie in seine Finsternis ein. Selbst der Blick nach oben zeigte nichts außer hohen Baumstämmen, die sich in einem, durch dichtes Blattwerk gebildeten schwarzen Himmel verloren.
Wie Edgar es erwartet hatte, waren der Löwe und der Wolf ihnen nicht in den Wald gefolgt. Er fragte sich, ob Dante Alighieri selbst hier gewesen war, dass er so detailliert über diesen Ort hatte berichten können. Wenn ja, sollte Edgar Andrea nun fragen, wie die „Göttliche Komödie“ weiterging – doch irgendwie scheute er davor zurück. Was immer sie ihm erzählen konnte, würde seine Beurteilung der Lage beeinflussen und dazu sah Edgar keine Veranlassung, zumindest nicht, so lange ihnen keine ernste Gefahr drohte.
Je weiter sie sich vorankämpften, umso höher und steiler türmten sich die Felsbrocken zu beiden Seiten auf. Unversehens marschierten die Neun wieder in einem Tal, diesmal zwischen zwei senkrechten Wänden und mit einer Sohle von etwa vier Metern Breite. Hier war es so dunkel, dass Edgar nur wenige Meter weit sehen konnte.

Das Ende ihres Weges war erreicht, als das Tal vor ihnen von herabgestürzten Felsbrocken verschlossen war, die sich so hoch und steil auftürmten, dass ein Überklettern unmöglich war. Edgar trat nahe an die natürliche Mauer heran, um sie in der Dunkelheit in Augenschein nehmen zu können. Sie war mit schwarzem Moos bewachsen und vereinzelte Wurzeln schlängelten sich an ihr herab. Voll Ekel erkannte er in den davonhuschenden Schatten große Spinnen, die sich in die Nischen zwischen den Felsen verkrochen und als er an sich hinabblickte, wand sich gerade eine dicke dunkle Schlange über seine Schuhe hinweg.
Doch das war nichts im Vergleich zu dem Grauen, das Edgar erfasste, als seine Hand beim Betasten der Mauer plötzlich ins Leere griff und er erkannte, dass ein großer Durchgang in die Felsen geschnitten war, durch den er nichts sehen konnte, als das absolute Schwarz. Dieses Tor war von einem breiten Zierrat umrahmt, das in den Stein gehauen war, es zeigte gezackte Linien, durchsetzt von Fratzen und Kreaturen, die nur aus Zähnen, Klauen, Stacheln und böse blickenden Augen zu bestehen schienen. Über dem Tor sah Edgar eine Inschrift, die sich über mehrere Zeilen hinzog. Die Schrift war schwarzrot, wie von getrocknetem Blut, und daher kaum erkennbar, doch konnte er zumindest die letzte Zeile lesen:

„Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren“.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 47: Inferno

Kapitel 47: Inferno

Edgar und seine Gefährten marschieren durch die neu entdeckte Landschaft, in der eigene Regeln gelten. Als sie erkennen, wo sie hier sind, wird ihnen klar, warum noch nie ein Exilant in den Himmel zurückgekehrt ist.

Der Schreck darüber hielt jedoch nur für die Dauer eines Herzschlags an, denn gleich darauf betraten auch die anderen die Hügellandschaft. Für Edgar sah das so aus, als würden sie durch eine unsichtbare Leinwand kommen, auf die die Hintergrundlandschaft projiziert war. Fred tat nur einen halben Schritt herein, blieb dann stehen und wandte sich um, wohl um zu sehen, wo Jacques blieb. Als er das tat, war er für Edgar und die anderen im Inneren der Sphäre nur zur Hälfte zu sehen. Edgar ging erstaunt an ihm vorbei, in der Absicht, diese Szene von der anderen Seite, also vom unendlichen Weiß aus zu betrachten, und war noch erstaunter als er feststellte, dass er dabei weiter in den Wald lief. Das Weiß existierte für ihn offenbar nicht mehr. Als er sich wieder umdrehte, sah er Fred dennoch von der anderen Seite, allerdings seine inneren Organe, denn er stand immer noch zur Hälfte außerhalb der unsichtbaren Grenze. Edgar stellte sich neben ihn und schaute sich sein Profil an, das an der Körperhinterseite menschlich und an dessen Vorderseite wie glatt abgeschnitten aussah.
In dem Moment wurde Edgar von Jacques angerempelt, der die pseudo-toskanische Landschaft exakt an jener Stelle betrat, an der Edgar stand.

Ihr weiterer Weg schien durch den Berggipfel, der den hügeligen Wald überragte, vorgezeichnet zu sein. Wären sie erst einmal dort oben, würde ihnen der Ausblick einen neuen Horizont zeigen, der neue Orientierung brachte. Doch kaum waren sie losmarschiert, wurde der Wald verwachsener und urtümlicher. Der einzige Weg, der sich nun noch durch ihn hindurch bahnte, führte entlang einer engen Talsohle zwischen zwei steilen Hügelzügen, in die wenig Tageslicht eindrang.
„Na, das ist ja merkwürdig“, sagte Jacques und wie ein Echo schnappte Ebenezer:
„Was?“
Edgar war schon auf dem Weg durch das Weiß aufgefallen, dass die beiden nicht gut miteinander auskamen.
„Na, dass ich mir nichts wünschen kann.“
Der Fußweg war so schmal, dass die Gruppe nur im Gänsemarsch vorankam, weshalb Edgar, der voranging, alle zum Stehenbleiben zwang, als er sich zu ihnen umwandte.
„Was meinst du damit?“
Jacques sah ihn groß an. „Ich habe mir gewünscht, diese Stechmücken sollen endlich verschwinden und jetzt sieh dir das an: Sie schwirren und stechen immer noch.“
„Sie stechen?“ Fred klang beunruhigt.
„Es stimmt, wünschen geht hier nicht“, rief Andi vom hinteren Teil des Zuges her und Franz, der hinter ihm stand, fragte über seine Schulter hinweg:
„Hast du dir wieder ein Nashorn mit Strapsen gewünscht?“
„Ich wünsche mir, dass es regnet“, sagte Edgar nun laut. Er blickte nach oben, streckte die Hand aus – doch nichts geschah.
„Ich wünsche mir ein Feuerzeug“, versuchte es auch Andrea vergebens, ebenso wie Anshelm, der meinte:
„Ich wünsche, am Fuße des Berges dort zu erscheinen.“
Die Mücken stachen nun auch Edgar und die anderen, weshalb alle um sich zu schlagen begannen. Sie rückten näher zusammen und sahen sich nach allen Seiten hin um.
„Wisst ihr, was das bedeutet?“, wisperte Andrea.
„Das bedeutet, wir sind schutzlos“, erklärte Edgar das Offensichtliche.
„Und verwundbar.“ Helmut klatschte auf eine Stechmücke, die auf seinem Unterarm saß. Als er die Hand wegzog, wurde ein Blutfleck sichtbar.
„Ach du Scheiße“, keuchte Andi.
„Was … was ist das hier?“
Wie als Antwort auf Freds Frage drang ein Fauchen aus dem Wald rechts über ihnen, scharf und laut; nahe. Anshelm trat vor seine Gefährten hin. Mit dem Geräusch aneinander schabenden Metalls fuhr sein Schwert aus der Scheide.
„Ich wünsche mir ein Schnellfeuergewehr“, stöhnte Franz leise.
„Ich … ich weiß, wo wir hier sind.“ Andreas Stimme zitterte in einer Art, die sich auf Edgar zu übertragen schien. „O Gott, o mein Gott.“
„Was? Wo denn?“ Freds Stimme zitterte ebenfalls.
Anstelle einer Antwort begann Andrea ein Gedicht zu rezitieren:

„Es war in unseres Lebensweges Mitte,
Als ich mich fand in einem dunklen Walde;
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“

Ebenezer sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Er flüsterte: „Nein, du meinst doch nicht etwa … aber das ist doch nicht möglich! … und wir sind wehrlos?“
„Verdammt, sagt endlich, was ihr meint!“ Helmut hatte einen mehrfach gekrümmten Stock vom Boden hochgehoben und hielt ihn in gleicher Weise, wie Anshelm sein Schwert.
„Die Göttliche Komödie“, stieß Ebenezer hervor, „wir sind in Dante Alighieris Inferno.“
„Sonst noch ein paar Namen?“ Sogar Franz wirkte nun angespannt auf Edgar.
Andrea begann im Flüsterton zu erklären: „Dante Alighieri war ein italienischer Dichter im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert. In der ‚Göttlichen Komödie‘ beschrieb er seinen Weg durch die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies. Die Geschichte beginnt damit, dass er sich auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens in einem dunklen Tal im Wald verirrt. Als er einen Hügel erklimmen kann, bringen ihn wilde Tiere von seinem Weg ab.“
Andi nickte. „Kommt mir verdammt bekannt vor. Suche nach dem Lebenssinn, dunkler Wald, wilde Tiere – was kommt als nächstes?“
Andrea schluckte. Alle konnten sehen, wie sehr sie sich zusammennehmen musste, um weitersprechen zu können. „Dante kann an den wilden Tieren nicht vorbei. Sein einziger Weg führt ihn in … in …“
„Wohin?“ Helmuts Stimme verriet, dass er kurz davor war, die Fassung zu verlieren.
„In die Hölle.“
Anshelm fiel auf ein Knie und stellte sein Schwert mit der Spitze auf den Boden. Indem er sich an dessen Schaft festhielt, stabilisierte er seinen Körper. Mit gesenktem Kopf machte er das Kreuzzeichen.
„Was ist denn mit dem los?“, fragte Andi verwundert, woraufhin Fred ihn anfuhr:
„Mensch, verstehst du das nicht? Wenn das stimmt, wenn wir hier auf dem Weg in die Hölle sind, dann doch nur, weil wir den Himmel verlassen haben.“
„Du meinst echt, es ist unsere Strafe?“ Ebenezers Augen waren noch immer weit aufgerissen.
„Ja, stell dir vor, das hättest du dir nicht gedacht, was? Wie war das? ‚Was nicht verboten ist, ist automatisch erlaubt‘?“
„Hört auf damit.“ Edgar wusste, dass er seinen Begleitern die Angst nehmen musste und das würde ihm nur gelingen, wenn er ihre Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe lenkte, für deren Lösung sie ihren Verstand gebrauchen mussten. „Schauen wir, dass wir von hier weg kommen.“ Auch er hatte Mühe zu sprechen, ohne dabei zu zittern. Es war das erste Mal seit seinem Tod, dass er Angst verspürte und er hatte fast vergessen, wie hilflos ihn diese machte.

Sie zogen weiter durch den schmalen, düsteren Pfad zwischen den Hügeln. Zwar war kein Fauchen mehr zu hören, doch ließen das raschelnde Laub und die schabenden und knackenden Äste im Wald über ihnen keinen Zweifel darüber offen, dass die Bestie, wie auch immer sie aussehen mochte, sie begleitete. Und mit ihr die Angst.
Anshelm, der einzige Bewaffnete in der Gruppe, ließ die rechte Hügelflanke nicht aus den Augen, doch Edgar entging nicht, dass das Schwert nur lasch in Anshelms Hand hing und dass die Unterkante seines Schildes immer wieder am Boden streifte.
„Anshelm, alles in Ordnung?“
Der Blick, mit dem der Kreuzritter Edgar ansah, war der eines Lammes. „Sein Wille geschehe.“
„Na bravo, und du willst uns beschützen?“, entfuhr es Helmut, doch Andrea legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Lass ihn. Jeder von uns ist von der Kultur geprägt, in der er aufgewachsen ist.“
„Aber der Kerl war doch fast ein Jahrtausend lang im Himmel, hat er da nichts dazugelernt?“
„So wie wir unsere Zeit überdauern, so überdauert unsere Zeit auch uns.“
„Du Philosophin“, spottete nun Fred.
„Konzentriert euch auf den Weg und lasst den Wald nicht aus den Augen.“ Edgars Stimme hatte schärfer geklungen, als er es beabsichtigt hatte, doch er sah sich im Recht: Einen kindischen Streit konnten sie gerade überhaupt nicht brauchen.
Seine Worte zeigten Wirkung, allerdings nur für ein paar Sekunden, dann meldete sich Jacques von hinten: „Ich fasse das einfach nicht. Wandern wir jetzt tatsächlich in die Hölle, weil wir den Himmel verlassen haben? Wie banal ist das denn? Himmel und Hölle, ich komm mir vor wie im Kindergarten.“
Als Edgar im Augenwinkel eine heftige Drehbewegung von Ebenezer wahrnahm, warf er diesem einen stechenden Blick zu. Ebenezer deutete ihn richtig, denn seine Erwiderung fiel nun eher neutral aus: „Offenbar ist die Schöpfung so banal.“

Nach einiger Zeit tauchte vor den Exilanten ein Hindernis auf: Die gesamte Talsohle war von einem Dornendickicht überwuchert, das einen Weitermarsch unmöglich machte. Allerdings war die Vegetation am rechten Hang licht genug, um eine Passage zuzulassen, die den Hügel hinauf führte. Edgar schickte Anshelm voraus, damit er mit seinem Schwert die Ranken weghackte, die über den Weg wuchsen. Auf diese Weise kam die Kolonne zwar nur langsam voran, dafür ging es aber stetig aufwärts, wodurch das Umgebungslicht immer heller wurde.
Nach geraumer Zeit erreichten sie den Scheitel des Hügelzugs, eine Anhöhe, die den Exilanten zum ersten Mal einen Überblick über das Gelände gewährte. Edgar sah, dass die Hügellandschaft direkt vor ihnen in den Abhang des Berges überging, eine riesige, steile Geröllhalde, aus deren oberen Ende die Felsen in den Himmel wuchsen. Der Aufstieg bis zum Gipfel würde eine Tortur werden, da machte sich Edgar keine Illusionen. Schon der Weg von der Talsohle auf die Hügelkante, auf der sie nun standen, hatte ihn angestrengt, er schwitzte und war außer Atem, verspürte Durst und Hunger. Es war gerade so, als hätten er und die anderen sich wieder in sterbliche Menschen verwandelt. Edgar wandte seinen Blick zurück über die Hügel, die sie durchmessen hatten und ihm schauderte, als er auf das finstere Tal hinabblickte, durch das sie gekommen waren. Doch noch mehr erschauerte er beim Anblick des riesigen Leopards, der den Weg zu ihnen herauf schlich.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 46: Jenseits des Jenseits

Kapitel 46: Jenseits des Jenseits

Auch wenn im Jenseits des Jenseits Wünschen möglich ist, bleibt es doch eine mystische Region. Nichts scheint hier zu sein, bis auf das unendliche Weiß – aber wer sucht, der findet.

Plötzlich flackerte ein Lagerfeuer zwischen ihnen auf. Die Exilanten sahen einander überrascht an, nur Andi zuckte mit den Schultern und meinte: „Ich wollte einmal sehen, ob das mit dem Wünschen hier noch klappt.“
Franz stellte sich neben ihn, kaugummikauend, sah ihn an und fragte: „Und?“
„Siehst du doch.“
„Was?“ Anstelle einer Antwort stemmte Andi die Fäuste in die Hüften und sah Franz vorwurfsvoll an, doch dieser meinte: „Wenn du dir gerade ein Nashorn in Strapsen gewünscht hast, würde ich sagen: glatter Fehlschlag.“
„Depp“, kommentierte Andi und ließ das Lagerfeuer wieder verschwinden.
„Nun gut, es scheint, als gingen unsere Wünsche auch weiterhin in Erfüllung.“ Anshelm stellte seinen Schild vor sich ab und lehnte sich mit beiden Unterarmen darauf; das Abbild einer lebensechten Statue, wie Edgar fand. „Unser Aussehen ist unverändert, alles scheint gleich geblieben.“
„Das … das hier ist alles?“ Andrea ging ein paar Schritte, drehte sich mehrmals um ihre Hoch- und danach um ihre Querachse, sah sich um, verharrte kopfüber, als stünde sie auf einem unsichtbaren Plafond. „Das ist alles, was sich außerhalb des Himmels befindet?“
Helmut trat neben Edgar. „Gehen wir wieder zurück?“
Mit einem Mal sahen einander alle in einer Mischung aus Verblüffung und Belustigung an. Andi prustete los. „Da würden sie aber schön blöd schauen, im Himmel! Kaum haben sie sich davon erholt, dass wir sie alle aus ihren Wunschvorstellungen geschüttelt haben, stehen wir schon wieder auf dem Fußabtreter und sagen: ‚war nur Spaß‘.“
Fred ging nicht darauf ein. „Ich halte die Frage für durchaus berechtigt. Hier im Einheitsweiß ist nichts besser als im Himmel, im Gegenteil.“ Er schob die Brille den Nasenrücken entlang nach oben.
„Immer schön langsam.“ Edgar fand es an der Zeit, der Gruppe eine Richtung vorzugeben. „Als ich nach meinem Tod hierhergekommen bin, war es nicht anders. Ich weiß nicht, wie viele Monate ich hier herumgetrieben bin, einfach weil ich nicht wusste, wie das hier läuft.“
„Du vergisst dabei nur eines“, wand Fred ein, „was ist, wenn das hier gar nicht das Einheitsweiß ist? Immerhin haben wir den Himmel ja verlassen, folglich auch das Weiß.“
Edgar zuckte mit den Schultern. „Ich sehe keinen Unterschied zum unendlichen Weiß. Und wenn auch das Wünschen hier funktioniert, dann lasst es uns doch nützen: Wir wünschen uns, Gott zu begegnen.“
Die anderen nickten stumm und ebenso stumm äußerten sie kollektiv diesen Wunsch.
Nichts geschah.
Edgar quittierte die ratlosen Blicke seiner Gefährten, indem er meinte: „Okay, neuer Anlauf, wünschen wir uns, dass wir auf unserem Weg Gott näher kommen.“
Ebenezer zischte verächtlich. „Was ist denn das für ein blöder Wunsch? Einmal angenommen, Gott wohnt hier gleich um die Ecke, dann führt uns dein Wunsch doch in großen Kreisen um ihn herum.“
„Ohne ihn je zu erreichen“, ergänzte Andrea, „immerhin wünschen wir uns ja nur eine Annäherung an ihn.“
„Aber ihm begegnen zu wollen hat nicht funktioniert“, warf Edgar ein, „vielleicht bekommen wir neue Informationen, die uns zeigen, was das alles hier soll, wenn wir es schaffen, uns ihm zu nähern.“
Die Blicke, die Edgar nun begegneten, waren wenig begeistert, sie waren demotiviert.
„Also ich habe heute nichts anderes mehr vor.“ Jacques stemmte eine Hand in die Hüfte, während seine andere mit dem Fächer wedelte.
Wieder äußerten alle stumm den von Edgar vorgeschlagenen Wunsch – wieder geschah nichts.
Edgar schnaubte und sah sich um. Als er jenes Areal im unendlichen Weiß entdeckte, das um eine Spur heller war, als der Rest, sagte er knapp: „Dorthin“, und setzte sich in Bewegung. Seine Gefährten folgten ihm, offenbar gingen auch sie selbstverständlich davon aus, dass Gott, so es ihn gab, dort zu finden sein würde, im hellsten Licht.

Während die Gruppe marschierte, lag ein drückendes Schweigen auf ihr. Es war Franz, der nach einer ganzen Weile die Stille durchbrach: „Können wir uns nicht ein Auto wünschen? Oder eine Rakete, dann geht‘s schneller.“
Ebenezer musterte ihn mit einem erstaunten, fast verärgerten Blick. „Was ist denn mit dir los? Tun dir die Füße weh, oder was?“
Wieder verging eine Weile, ehe Franz murmelnd erwiderte: „Mir ist langweilig.“

Im Laufe der weiteren Wanderung wurden die Seelen gleichmütiger. Sie begannen miteinander zu plaudern und gruppierten sich immer wieder neu, um die Gesprächspartner zu wechseln. Edgar, der diesen Vorgang – neben seinen eigenen Gesprächen – beobachtete, erkannte dadurch schnell, wer sich mit wem gut verstand und wer sich an wem rieb. Da er der Überzeugung war, der Erfolg seiner Gruppe würde auch vom Zusammenhalt ihrer Mitglieder abhängen, war ihm an größtmöglicher Harmonie gelegen. Als Fred neben ihm marschierte, sprach er dieses Thema an: „Fred, wir bilden eine Schicksalsgemeinschaft, wie sie wohl nur ganz selten vorkommt. Ich denke, es ist unbedingt notwendig, dass alle Probleme zwischen den Mitgliedern gelöst werden.“
„Wenn du wissen willst, was zwischen Andrea und mir passiert ist, dann musst du sie fragen.“
„Mich brauchst du erst gar nicht zu fragen“, rief Andrea, die mit Ebenezer in Hörweite marschierte.
Edgar blickte verwundert zwischen den beiden hin und her. Er stellte fest, dass sie sich immerhin in ihrer gegenseitigen Ablehnung einig waren, bezweifelte aber, dass dies ein gutes Zeichen war.
Da blieb Anshelm abrupt stehen. Seine Augen waren geweitet, sein Blick in die Ferne gerichtet. „Was ist das?“
Auch die anderen hielten an, blickten in dieselbe Richtung und erkannten, was Anshelm meinte: Vor ihnen schien sich etwas Winziges zu bewegen, doch außer dieser Bewegung des Weiß war nichts zu sehen. Edgar konnte weder die Größe noch die Entfernung dieses Etwas einschätzen, weshalb es ihm auch unmöglich war zu bestimmen, ob es weit entfernt und groß, oder nahe und klein war. Ebenso wenig konnte er feststellen, ob es – da es nun größer wurde – wuchs, oder sich näherte.
„Es ist eine Putte!“ Andreas überraschter Ausruf brachte ihr einen verständnislosen Blick von Anshelm ein.
„Eine was?“
„Kennst du das nicht aus der Kunst? Ach nein, du warst wahrscheinlich zu früh auf der Welt. Eine Putte ist eine kleine Engelsgestalt, ein kleines Kind mit Flügeln.“
Als das Objekt näher kam, zeigte sich, dass Andrea Recht hatte. Es war ein kleiner, nackter Bub, nach irdischen Maßstäben im Alter von etwa einem Jahr, der Engelsflügel am Rücken trug. Und obwohl diese Flügel kaum so lange wie seine Arme waren, trugen sie ihn. So unstetig, wie das Engelchen um ihn und jeden seiner Gefährten herumschwirrte, erinnerte es Edgar an einen Kolibri. Doch die Putte war nicht allein, plötzlich standen die Exilanten inmitten von dutzenden kleinen Engeln und das Weiß schien erfüllt vom leisen, seidigen Flattergeräusch ihrer Flügel.
Ebenezer lachte verzückt auf. Seine Augen waren weit geöffnet, er bestaunte dieses Wunder, wie ein Kind einen Weihnachtsbaum bestaunt. Auch in den Augen der anderen sah Edgar dasselbe Schimmern.
„Wir kommen Gott näher“, flüsterte er, und auch wenn keiner etwas erwiderte, so wusste er doch, dass alle ihm zustimmten.

Je weiter sie nun gingen, umso erfüllter war das Weiß von Engelsgestalten. Nicht nur Putten, auch Engel mit dem Aussehen Erwachsener hielten sich hier auf, schienen die Anwesenheit der Wanderer jedoch nicht wahrzunehmen. Sie kreuzten ihren Weg mit Flugbewegungen, die Edgar an die von Schmetterlingen erinnerten. Einer von ihnen stand hoch über den Exilanten im Weiß und blies eine Posaune, ein anderer hockte schräg unter ihnen und las in einem Buch mit goldenen Blättern, und wieder ein anderer trug in gemessenen Schritten eine brennende Kerze vor sich her, die beinahe so groß war wie er selbst.
Unwillkürlich schüttelte Edgar den Kopf. Irgendwie kam es ihm so vor, als sei hier all der Kitsch zum Leben erwacht, den er im Laufe seines menschlichen Daseins in diversen Weihnachtsdekorationsgeschäften gesehen hatte.

Der Marsch durch diesen „Engelsbereich“, wie Edgar ihn für sich nannte, dauerte nicht lange. Bald schon nahm die Anzahl der Engel wieder ab, bis diese gänzlich im Weiß hinter den Reisenden verschwunden waren.
Dafür erschien in weiter Ferne vor ihnen ein horizontaler schwarzer Strich. Weder rechts noch links konnte Edgar ein Ende erkennen, der Strich schien zu beiden Seiten im Weiß irgendwie zu verschwinden – und war dennoch zu sehen. Im Näherkommen wurde er immer dicker und bald schon sah Edgar, dass die Oberseite unregelmäßig gezackt war, während die Unterseite gleichmäßig gerade blieb. Die Zacken erwiesen sich sowohl in ihrer Höhe als auch in ihrer Breite als unregelmäßig. Schließlich erkannte Edgar, dass sich da vor ihnen ein Landstrich auftat, der endlos breit war und auf keinem Fundament ruhte, sondern im unendlichen Weiß schwebte, als sei er auf einer Glasplatte kreiert worden.
Der Weg zu dieser Landschaft hin schien endlos weit zu sein, denn egal, wie sehr die Neun ihre Geschwindigkeit auch steigerten, sie kamen ihr nicht schneller näher.
Es dauerte also geraume Zeit, ehe weitere Details erkennbar wurden: Am vorderen Rand der Erscheinung erhoben sich sanfte, helle Hügel, die mit einem dichten Pinienwald bestanden waren. Hätte er das Gelände mit einem Gebiet auf der Erde vergleichen müssen, Edgar hätte die Toskana gewählt. Weit hinter den Hügeln kam ein hoher Berg in Sichtweite, dessen kahle, steile Felsflanken leuchteten, als würden sie von einer Sonne beschienen. Doch gab es nirgendwo eine Sonne, denn anstelle eines zu ihr passenden Himmels befand sich über der Landschaft nur das unendliche Weiß.
Als sie den Grenzbereich zwischen dem Weiß und der Landschaft erreichten, hielten die Exilanten inne, denn der Anblick, der sich ihnen hier bot, war kurios. An seiner Front erschien das Terrain ebenso übergangslos abgeschnitten zu sein, wie an seiner Unterseite. Die Hügel an dieser unsichtbaren Außenwand sahen aus, als sei ihr brüchiges Gestein an der Innenwand einer Glasbox aufgeschüttet worden und von den Bäumen, die direkt auf dem Rand standen, war das Innere der Stämme zu sehen. Edgar ließ sich nach unten sinken, um die Unterseite der Landschaft zu betrachten und tatsächlich zeigte sich ihm hier eine schier endlose spiegelglatte Weite aus hellem brüchigem Gestein. Edgar schwebte wieder nach oben und betrat kurzentschlossen die Sphäre.
Steine knirschen unter seinen Sohlen, die Luft war warm und roch nach den Pinien, deren Borke sich rau anfühlte. Alles hier erschien ihm echt zu sein, so echt, wie es seine Sinne nur wahrnehmen konnten. Als er durch die Waldkrone nach oben blickte, sah er zu seiner Überraschung einen tiefblauen wolkenlosen Himmel. Er drehte sich um, um den Übergang zum Weiß zu betrachten – und musste feststellen, dass die Grenze verschwunden war. Hinter Edgar ging die hügelige Waldlandschaft weiter, soweit sein Auge reichte und das Weiß, aus dem er gekommen war, war verschwunden, ebenso wie seine Begleiter.

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 45: Im Exil

Kapitel 45: Im Exil

Dass Edgar und seine Gefährten den Himmel verlassen wollen, führt zu einer großen Bestrafung an dem bereits bekannten Strand und zum Furor der zurückbleibenden Seelen. Die Exilanten fragen sich bang, was wohl geschehen wird, wenn sie in das schwarze Wasser hinausgehen.

Sie waren bereit. Edgar blickte seine acht Gefährten nacheinander an und bekam von jedem ein Kopfnicken als Bestätigung. Dann äußerte er still ihren gemeinsamen, allerletzten Wunsch: „Wir wollen den Himmel verlassen.“
Die Bierkneipe verwandelte sich, löste sich in Wolken auf, welche sich zu dem Strand formierten, den Edgar vom letzten Mal kannte, als eine Gruppe Exilanten den Himmel verlassen hatte. Die Gegend war unverändert: flache, sandfarbene Felsen und ein Himmel, dessen Schwarzgrau ebenso bedrohlich auf ihn wirkte, wie jenes des aufgewühlten Meeres, das seine Wellen immer wieder mit anscheinend wütendem Tosen gegen das Ufer anrennen ließ.
Noch war der Strand leer, doch kaum waren die Neun erschienen, lief eine Vibration über den Himmel. Es sah aus, als sei dieser nur eine Projektion auf einer Wasserfläche, über die Erschütterungswellen dahinzogen. Gleich darauf folgte noch eine Vibration, diesmal stärker. Wie schon beim ersten Mal, als Edgar dieses Phänomen erlebt hatte, beschleunigte und verstärkte sich der Effekt auch diesmal, nur mit dem Unterschied, dass ausschließlich der Himmel erschüttert wurde, während der Boden ruhig blieb. Das Pulsieren wirkte dennoch furchteinflößend, immerhin schien es, als würde der Himmel zerbersten wollen.
Aber Edgar und die anderen – mit Ausnahme von Jacques – wussten, worauf sie sich eingelassen hatten und was ihnen bevorstand. Sie hatten ihre Wahl getroffen, was immer nun kommen und wie es sich gestalten würde, das würden sie hinnehmen. Wenn die sogenannte große Bestrafung tatsächlich eine Strafe war, dann würde sie nur jene treffen, die hier bleiben.
Sie sahen sich gegenseitig an, neun aufeinander eingeschworene Seelen, bereit, alles aufzugeben, um alles zu gewinnen oder alles zu verlieren. In jedem Gesicht spiegelten sich dieselben Gefühle: Ein Mut, der nur vage stärker war als die Angst, Standhaftigkeit im Angesicht der bevorstehenden Anfeindungen, eine Hoffnung, die die Unsicherheit bannte und das Bewusstsein, Teil von etwas Außergewöhnlichem zu sein.

Schließlich war es so weit. Die Vibrationen wurden so stark, dass sich gezackte Risse über den Himmel dahinzogen, die stellenweise aufbrachen. Aus den Brüchen fielen Seelen herab, woraufhin sich der Himmel an diesen Stellen wieder schloss, um andernorts erneut aufzureißen. Auch wenn die Öffnungen klein waren, ausschließlich über dem Strand und weit voneinander entfernt auftraten, regnete insgesamt dennoch eine Unmenge an Seelen aus ihnen, denn der Strand schien zu beiden Seiten bis ins Unendliche zu reichen und der Vorgang, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr aufhören zu wollen.
Sobald die Seelen auf den Felsen aufschlugen, rappelten sich auf und rannten, schreiend, mit zornverzerrten Gesichtern und geballten Fäusten, auf die Exilanten zu. Diese standen regungslos da, mit dem Rücken zum Meer und warteten. Edgar stellte fest, dass die Seelen, die in ihrer Nähe aufschlugen, Bekannte von ihm oder einem aus seiner Gruppe waren. Offenbar war der Grad der Sympathie ausschlaggebend dafür, wie nahe der Landeplatz einer Seele der Position der Exilanten war.
Schnell waren sie auf der Landseite umringt, denn vor dem Wasser scheuten die heranstürmenden Seelen zurück. Jedes Mitglied von Edgars Gruppe wurde von den Seelen beschimpft, die es kannten, daher bekam Fred am meisten Zorn zu spüren und Jacques am wenigsten.
Edgar versuchte, das ganze Spektakel zu ignorieren. Sein Entschluss, den Himmel zu verlassen stand fest und deshalb fragte er sich, was das Ganze hier noch sollte. Er blickte über den Strand und sah, wie immer mehr und mehr Seelen aus dem aufbrechenden und sich wieder schließenden Himmel fielen. Bis zu den Horizonten auf beiden Seiten rammten sie in den Boden, rappelten sich hoch und liefen schreiend auf ihn und seine Leute zu.
„Ihr Banditen“, brüllte völlig außer sich ein Mann in Anshelms Nähe, der selbst wie ein Bandit aus einem alten Wildwest-Film aussah.
„Verbrecher, Verbrecher“, schrie ein anderer, der die Soutane eines katholischen Priesters trug.
„Sie haben nichts von dem begriffen, was ich Ihnen gesagt habe, nichts!“ Die sich vor Zorn überschlagende Stimme kam Edgar bekannt vor, er überblicke die Aggressoren direkt vor sich und erblickte den Mann, dem sie gehörte: Sven Nansen. Als dieser erkannte, dass er Edgars Aufmerksamkeit hatte, kämpfte er sich zwischen den anderen Seelen zu ihm vor und schrie ihn mit hochrotem Kopf an: „Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen sich etwas suchen, das Sie erfüllt! War das so schwer zu begreifen?“
„Nichts von dem, was der Himmel zu bieten hat, würde mich je erfüllen.“ Edgars Stimme war beherrscht, aber laut – unnatürlich laut, wie ihm schien. Offenbar war das, was die Exilanten zu sagen hatten so wichtig, dass der ganze Strand es hören musste.
„Und was ist mit uns? Ist es Ihnen völlig egal, dass wir bestraft werden?“
Edgar spürte das Brodeln in sich. Glaubte Nansen, er würde den Himmel aus Spaß und Langeweile verlassen? Dieser selbstgerechte, wehleidige, verweichlichte …! Er nahm sich zusammen, denn eigentlich konnte es ihm egal sein. Tatsächlich gelang ihm ein kühler Ton, als er antwortete: „Wie mir scheint, ist eure Bestrafung schon vorbei, nicht wahr? Einmal Erdbeben im Paradies, vom Himmel fallen und hart aufschlagen. Schlimme Strafe für eine unsterbliche Seele.“
Sven Nansen sah ihn verdutzt an, und da er offensichtlich kein Gegenargument parat hatte, wich er ihm aus. „Darum geht es doch überhaupt nicht.“
„Um nichts anderes geht es.“ Edgar trat einen Schritt zurück und überschaute die Masse am Strand. Wäre seine Seele nicht unsterblich gewesen, es hätte ihn mit Todesangst erfüllt zu sehen, wie Tausende und Abertausende mit zornverzerrten Gesichtern und drohend erhobenen Fäusten aus allen Richtungen auf ihn einstürmten. So aber hob er in einer ruhigen Bewegung beide Arme, er wollte, dass ihm alle zuhörten. „Euer Paradies hat euch verweichlicht, ihr haltet nicht einmal die kleinste Unbequemlichkeit aus. Ihr beschwert euch, weil ihr von eurer Wolke Sieben gefallen seid, aber was sollen wir sagen? Wir leiden darunter, dass wir in diesem Theater, das der Himmel sein soll, nur als Darsteller dienen dürfen und dass es uns verwehrt ist, hinter die Kulissen zu schauen. Wir leiden darunter, an jedem einzelnen Tag, bis in die Ewigkeit. Ihr werft uns vor, dass uns euer Wohlbefinden egal wäre – aber ist es euch denn nicht auch egal, wie es uns geht?“ Er legte eine rhetorische Pause ein, die jedoch ebenso wirkungslos war, wie seine Worte. Die Masse hörte ihm nicht zu; sie wollte nicht zuhören, sie wollte schreien.
„Bleib hier mein Sohn, es hat keinen Sinn.“ Edgar wandte sich in die Richtung, aus der die ruhige, väterliche Stimme kam. Ein Greis von mächtiger Statur in einer veralteten Reiteruniform stand vor Ebenezer und strich ihm über den Kopf. „Versündige dich nicht. Nicht schon wieder.“
Ebenezer drehte seinen Kopf aus der Liebkosung, trat einen Schritt zurück und sagte mit ebenso klarer wie harter Stimme: „Du hast vor langer, langer Zeit aufgehört, mein Vater zu sein.“
Die Hand des Alten sank herab, er ließ den Kopf hängen und wandte sich ab, um in der Masse zu verschwinden. Ebenezer sah Edgar an, so dass dieser die schiere Verzweiflung sehen konnte, die in seinen Augen schwamm. Es war an der Zeit zu gehen.
Ein letztes Mal noch ließ Edgar seinen Blick über die wütende Masse schweifen und blieb dabei an drei Seelen hängen, die regungslos auf einem der flachen Felsen in seiner unmittelbaren Nähe standen. Es waren seine Großeltern und seine Mutter. Sie schrien nicht, gestikulierten nicht, gaben ihm kein wie auch immer geartetes Zeichen. Sie standen nur stumm da und sahen ihn an, als wäre dies ein stummer Vorwurf oder als wären sie nicht an dem beteiligt, was hier stattfand.

Zeit zu gehen!

Mit einem tiefen Seufzen schüttelte er das Gefühl der Wehmut von sich ab und schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Dann wandte er sich seinen Gefährten zu, wartete, bis alle ihn ansahen, und deutete dann mit dem Kopf in Richtung Meer. In stillem Einvernehmen kehrten sie der wütenden Menge den Rücken zu und folgten Edgar, der voraus schritt. Er spürte, wie das Wasser seine Füße benetzte, seine Waden, seine Knie. Er spürte den Widerstand des Wassers, doch der Widerstand war weich und das Wasser fühlte sich nicht nass an. Es war, als ginge er in flüssiger Watte.
Da schwoll das Schreien und Drohen am Strand hinter ihm zu einer schier unglaublichen Lautstärke an, doch nahm er es nur noch gedämpft wahr; er wollte einfach nichts mehr hören. Mit jedem Schritt, den er weiter in das Meer hinausging, wurde ihm leichter ums Herz. Vor ihm, am Horizont, wo Himmel und Wasser zu einer einheitlichen Finsternis verschmolzen, zuckten gelbe und hellorange Blitze.
Und dann, als ihm die Wellen das Wasser bis an den Nabel hoben, begann der Horizont vor seinen Augen zu wabern, begannen das Meer, die Wolken, begann alles durchscheinend zu werden, seine wahre Gestalt zu zeigen. Der Himmel war eine Illusion und diese löste sich nun auf.
Und das war gut – Edgar wollte keine Illusionen mehr.

* * *

Sie standen da und sahen sich um. Sie waren bereit gewesen, alles zu riskieren. Jetzt versuchten sie zu begreifen, dass es nichts zu riskieren gegeben hatte. Sie befanden sich im unendlichen, aus sich selbst heraus strahlenden Weiß.
Allerdings gab es einen Unterschied zu Edgars einstigem, traumatischem Erlebnis: Er und seine Gefährten hatten die körperliche Erscheinung beibehalten, mit der sie aufgebrochen waren. Edgar trug ein weißes Polo-Shirt, Bluejeans und Wanderschuhe, Andrea eine Art hautengen Schianzug, dessen Schnitt und Farbgebung an die frühen neunzehnhundertachtziger Jahre erinnerte und Fred ein Outfit wie die Bergsteiger in Edgars letzten Erdenjahren. Anshelm war in Kettenhemd und -haube gekleidet, hatte seinen Kreuzritter-Waffenrock übergeworfen und trug dazu Beinschienen, einen großen Schild sowie einen Waffengürtel, von dem ein Schwert und ein Dolch herabhingen. Ebenezer sah mit den Schnürstiefeln, der Reiterhose, dem Leinenhemd und dem Tropenhelm, die allesamt khakifarben waren, aus wie ein englischer Lord auf Großwildsafari im Afrika des neunzehnten Jahrhunderts. Jacques steckte in einem pinkfarbenen Muʻumuʻu mit gelbem Blumenmuster, das seine weichen Rundungen betonte. Franz trug Sneakers, Hosen mit herabhängendem Hinterteil und einen Kapuzen-Sweater. All das wirkte viel zu groß für ihn und Edgar fand, dass er darin trotz der körperlichen Erscheinung eines etwa Dreißigjährigen pubertär wirkte. Helmut und Andi hatten uniformähnliche Kleidung angelegt, die jedoch eher von einem Designer für den Laufsteg entworfen worden waren als von einem Militärschneider für den Kampfeinsatz.
In der weißen Unendlichkeit standen die Neun in einigen Metern Abstand voneinander und sahen sich schweigend um. Es war Ebenezer, der schließlich aussprach, was wohl alle dachten, was Edgar dachte und was er von den Gesichtern seiner Gefährten ablesen konnte: „Und was jetzt?“

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