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Kapitel 30: Die Bergseele

von

Edgars neue Begleiter Helmut, Andi und Franz erzählen von ihrem Erlebnis mit einer Bergseele, deren Spur sie in der Bergregion verloren. Edgar wird zunehmend neugierig, was es damit auf sich hat.

Helmut ließ seine Worte wirken, ehe er fortfuhr: „Die farbigen Wolken entwickelten sich viel schneller und waren ungleich größer als beim Erscheinen anderer Seelen und auch der Kerl selbst kam mir größer vor, aber das kann täuschen, weil sein Auftritt so krass war und er plötzlich alleine dort vor dem Altar stand.“
„Sag, wie es war.“ Edgar drehte den Kopf nach rechts, von wo die Stimme gekommen war und sah Zigarettenrauch aus Franz Schlafsack aufsteigen.
Helmut erzählte weiter: „Der Fuzzi hatte einen Auftritt wie Superman. Plötzlich stand er da und starrte uns alle an. Und wir starrten ihn an. Eigentlich starrten wir uns alle gegenseitig an, auch den Papst und dem wären fast die Glasbausteine aus den Höhlen geflutscht.“
Andi lachte meckernd, dann übernahm er das Wort. „Ja, das stimmt. Aber der Typ, die neue Seele, der war echt anders als alle, die ich bis dahin gesehen hatte. Er hatte eine hagere Gestalt, war kahlköpfig und seine Haut sonnengegerbt. Das sah man deshalb besonders gut, weil er nur mit einem Lendenschurz bekleidet war.“
„Und er war unheimlich“, fiel Helmut wieder ein, „für einen, der gerade erst gestorben und neu in den Himmel gekommen war, war er erstaunlich gefasst. Er ging vor dem Altar auf und ab wie ein Tiger, leicht gebückt, und er starrte uns an wie ein Adler seine Beute. Sein Blick war … ungehalten, fast herausfordernd.“
„Da gab keiner mehr einen Mucks von sich“, kam es mit einem Rauchschwall aus Franz Schlafsack.
„Es war total gespenstisch“, erzählte Andi weiter, „nicht einmal Papst Julius II. brachte mehr einen Ton hervor und das will was heißen, denn soweit ich weiß, hatte der im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert nicht nur den Vatikan, sondern auch die italienischen Stadtstaaten ganz schön aufgemischt.“
Franz rappelte sich umständlich auf, verdrehte ebenso umständlich den Kopf und schenkte Andi einen spöttischen Blick. „Woher all das Wissen, Einstein? Hast du einen Julius-II.-Reiseführer gefressen?“
„‚Biographie‘ heißt das“, erwiderte dieser gehässig.
„Jedenfalls war klar, dass uns der Neuankömmling nicht mochte“, fuhr Helmut fort. „Sein Blick war, wie gesagt, ablehnend, nein, mehr noch, er war angewidert. Es schien so, als würde er auf etwas warten, während er ungeduldig auf und ab tigerte und dann verschwand er wieder, wie er gekommen war: mit einem Rütteln, einem dumpfen Knall und in einer übergroßen, kräftigen Farbwolke, die unheimlich schnell verpuffte.“
Da keiner mehr etwas sagte, fragte Edgar nach: „Was war dann?“
„Wir haben unsere Unterhosen gewechselt.“ Franz ließ sich wieder in den Schlafsack fallen und Andi übernahm das Wort:
„Papst Julius II. unterbrach die Messe. Ich weiß nicht, ob so etwas davor schon jemals geschehen war. Wir drei gönnten uns auf den Schreck ein Gläschen Schnaps und versuchten, das Erlebnis zu deuten.“
Helmut lehnte sich zurück und stützte seinen Oberkörper an den Ellbogen ab. „Wir wollten wissen, was hinter diesem Auftritt steckte, deshalb wünschten wir uns an denselben Ort, zu dem der mysteriöse Neuankömmling verschwunden war.“
„… und seid in der Bergregion gelandet“, endigte Edgar.
„Esatto“, kam es mit Rauch aus Franz Schlafsack.
„Wir erschienen auf einer Ebene, die am Horizont ringsum von Bergen umgeben war“, erzählte Helmut weiter, „Auch den Neuankömmling sahen wir, er marschierte geradewegs auf die Berge zu und war schon ziemlich weit von uns entfernt. Seine Gestalt verschwand fast in der vibrierenden heißen Luft. Ich rief ihm nach, er solle auf uns warten, doch er reagierte nicht.“
„Wir haben uns zu ihm hingewünscht, aber denkste“, ergänzte Andi, ehe Helmut fortfuhr:
„Es war für uns ein ganz schöner Schock, als das Wünschen plötzlich nicht mehr half. Wir versuchten es mit anderen Wünschen, und als die in Erfüllung gingen, wurde uns klar, dass die Einschränkung nur den Ortswechsel innerhalb der Bergregion betraf. Wir wünschten uns also aus der Region hinaus und dann wieder hinein, diesmal an die Seite des Fremden, doch wir gelangten wieder an denselben Ort, wie beim ersten Mal.“
„Also sind wir drei Affen dem Vogel nachgetigert“, erklärte Franz.
„Jahrelang“, ergänzte Andi.
„Schätzungsweise“, korrigierte Helmut.
„Und er war immer vor euch?“, fragte Edgar.
„Nein, schon als wir uns das zweite Mal in die Bergregion wünschten, war er zu weit entfernt, als dass wir ihn noch gesehen hätten.“ Helmut wischte sich mit der Hand über das Gesicht. „Wir marschierten deshalb in die Richtung, in die er gegangen war. Zuerst Tag und Nacht, aber als uns klar wurde, dass wir ihn nicht einholen konnten, kampierten wir in den Nächten, um etwas Abwechslung zu haben.“
„Wie – in der Bergregion gibt es Tag und Nacht?“
Helmut zuckte mit den Schultern. „Wir haben nicht versucht, es zu ändern, warum auch?“
„Was meint ihr, was dort ist, ich meine in den Bergen?“
„Gott wohnt dort“, kam es aus Franz Schlafsack.
„Wie kommst du darauf?“, fragte Andi.
„Logische Schlussfolgerung: Das hier ist der Himmel, also muss auch Gott hier sein. Da er nie auftaucht, will er von uns Fußvolk seine Ruhe haben. Seine Ruhe hat er nur, wenn er seine Villa fernab von uns baut. Fernab von uns bauen geht nur, wenn er Reisebeschränkungen einführt. Also wohnt Gott in den Bergen.“
„Und der unsympathische Hagere darf ihn besuchen?“, fragte Andi nach.
„Klar, der wollte ja genauso wenig mit uns zu tun haben.“
„Wer weiß, ob der Hagere je in den Bergen ankommt“, warf Helmut ein, „gut möglich, dass er noch immer marschiert.“
Edgar hätte interessiert, welchen Sinn die Bergregion mit ihren Besonderheiten hatte, doch offenbar wussten die Drei, selbst nach ihrem langen Aufenthalt dort, nichts darüber.
Sie lagen eine Zeit lang schweigend da, dann schaltete Franz sein Transistorradio ein, das er sich gewünscht hatte, um die Zeltatmosphäre heimeliger zu gestalten. Als er es zum ersten Mal aktiviert hatte, war Edgar erstaunt gewesen, Popmusik zu hören, die in seinen letzten Lebenswochen aktuell gewesen war. Er hatte Franz darauf angesprochen, woraufhin dieser erklärte, er sei kurz nach Edgar gestorben – ebenfalls bei einem Autounfall. So war es auch kein Wunder, dass die Musik aus Franz Radio immer wieder Wehmutsschübe in Edgar auslöste, immerhin erinnerte sie ihn an sein Zuhause und an den letzten Abschnitt seines irdischen Lebens. Jeder Versuch, nicht daran zu denken, scheiterte im Moment des Gedankens.
So auch diesmal. Aber es sollte noch schlimmer kommen, denn Franz hatte dem Radioprogramm erstmals Werbung beigefügt. In seinem irdischen Leben hatte Edgar reflexartig den Sender gewechselt, sobald der erste Spot eines Werbeblocks gespielt wurde, oder das Radio überhaupt ausgeschaltet. Doch als er jetzt, nach er-wusste-nicht-wie-vielen Jahren erstmals wieder einen Werbespot hörte, der ebenso wie die Musik in der Schlussphase seines Lebens aktuell gewesen war, umgriff ein so bitteres Heimwehgefühl sein Herz, dass heiße Tränen in seine Augen traten. Er drehte das Gesicht in den Polster, um sein Schluchzen vor den Kameraden zu verbergen.
Trotz der langen Zeit, die er nun schon im Himmel war und trotz allem, was er hier alles erlebt hatte, war Edgars Sehnsucht nie abgeflaut, hatte nichts von ihrem Schmerz verloren. Er schlüpfte zur Gänze in seinen Schlafsack, versteckte sich vor seiner selbst erschaffenen Welt. Hier, im heimelig Verborgenen, holte er das Foto seiner Familie hervor, das er zwar lange Zeit verdrängt, aber nie vergessen hatte. Heike, Matthias, Anni – er sah sie der Reihe nach an und spürte wieder seine heftige, seine unsterbliche Liebe zu den Dreien und seine schiere, zu einem taubstummen Himmel schreiende Empörung darüber, dass er nicht mehr mit ihnen zusammen sein durfte.

* * *

Edgar und Ebenezer robbten durch das Unterholz. Ihre Bewegungen waren langsam und fließend, ähnlich jenen eines Reptils, denn es ging darum, möglichst wenig Geräusche zu verursachen. Das Lager des feindlichen Stoßtrupps war gut getarnt, Edgar hatte es fast nicht gefunden, obwohl er genau wusste, wo er hatte suchen müssen. Ebenezer berührte ihn an der Schulter und bedeutete ihm, leise zu sein, dann zeigte er nach vorne. Es dauert einige Sekunden, bis Edgar sah, was er meinte: Direkt vor ihnen, keine fünf Meter entfernt, lag ein feindlicher Wachtposten in einer Alarmstellung. Sein Helm war mit Grasbüscheln getarnt, aber nicht dicht genug, um dessen runde Form vollends zu verstecken. Nur daran erkannte Edgar, dass dort jemand lag und er empfand Hochachtung vor Ebenezer, der diesen unscheinbaren, im Dickicht fast verschwindenden Hinweis entdeckt hatte.

Edgar hatte gemogelt. Nach seinem Sehnsuchtserlebnis war ihm ihr Kriegsspiel kindisch und hohl vorgekommen, er wollte es nicht mehr spielen. Andererseits wollte er aber die anderen auch nicht vor den Kopf stoßen, selbst wenn das, wie Ebenezer behauptet hatte, unter Seelen nicht so eng gesehen wurde. Er beschloss, die Sache entsprechend der Rahmenbedingungen zu beenden, die sie gemeinsam festgelegt hatten – und dazu musste er mogeln.
Als sich die anderen in den Schlaf gewünscht hatten, wünschte er sich aus dem Zelt und führte im Superman-Modus einen Erkundungsflug durch. Doch selbst aus der Vogelperspektive konnte Edgar das feindliche Lager erst ausmachen, als er sich direkt zu ihm hinwünschte. Einmal mehr stellte er fest, auf welch hohem Niveau seine Feinddarsteller operierten, was wieder seinen Verdacht bestätigte, dass es sich bei einigen von ihnen um Seelen handeln musste. Er freute sich schon darauf, sie kennenzulernen.
Der feindliche Stoßtrupp bestand aus vier Soldaten, von denen jeweils einer in einer Alarmstellung auf Wache lag und die restlichen in Zwei-Mann-Zelten schliefen. Edgar kundschaftete die Gelände-Gegebenheiten aus und prägte sich den Weg vom eigenen Lager zu jenem der Feinde ein.
Dann flog er zurück, landete vor seinem Zelt, trat ein und setzte seine Kameraden ins Bild, wobei er vorgab, seine Erkundung zu Fuß durchgeführt zu haben. Freilich protestierten sie gegen Edgars Alleingang, vor allem Ebenezer fand diesen aus militärischer Sicht unentschuldbar. Doch die Aufregung war nur von kurzer Dauer gewesen, danach hatten sie ihre Angriffstaktik festgelegt und waren losmarschiert.

Während Edgar nun regungslos liegenblieb, robbte Ebenezer so leise es ihm möglich war davon, um die Alarmstellung zu umgehen. Das würde eine Weile dauern und Edgar musste erkennen, dass auch hier im Himmel die Zeit umso langsamer zu vergehen schien, je dringender er auf etwas wartete.
Doch das mit Ebenezer vereinbarte Zeichen kam nicht.

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Roland Zingerle

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