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Kapitel 31: Worauf es ankommt

von

Edgar zieht sich in sein Refugium zurück und reflektiert über seine bisherigen Erkenntnisse über das Jenseits. Immer mehr stellt er fest, dass es auf die Dinge, die der Himmel zu bieten hat, im Grunde überhaupt nicht ankommt.

Als Edgar schon glaubte, Ebenezer sei gefangen genommen worden, tauchte dieser schräg hinter dem Wachtposten auf und hob die Hand – das vereinbarte Zeichen.
Edgar nahm den Ast, den er bereitgelegt hatte, und warf ihn in hohem Bogen nach links, wo er einige Meter weiter durch das Gebüsch raschelnd zu Boden fiel. Der Wachtposten reagierte auf das Geräusch, sein Helm drehte sich in dessen Richtung; Ablenkung genug für Ebenezer, um dem Wachsoldaten in den Rücken zu springen. Was dann kam, spielte sich in Sekundenbruchteilen ab. Ebenezer packte den Feind mit beiden Händen so fest am Hals, dass dieser keinen Alarmschrei hervorbringen konnte, und nutzte den Schwung des Sprungs, um gemeinsam mit dem Soldaten aus der Alarmstellung zu rollen, wodurch dieser das Sturmgewehr aus den Händen verlor.
Edgar krabbelte auf allen Vieren so schnell er konnte zum Ort des Geschehens, wo er sein Messer zog. Der dunkelrot Uniformierte wehrte sich nach Kräften; er lag nun rücklings auf Ebenezer, der ihn noch immer fest im Würgegriff hatte, und versuchte sich von diesem herabzuwälzen oder ihn zumindest mit den Ellbogen zu treffen. Edgar stieß zu. Dass seine Messerklinge in die Brust des Soldaten eindrang und aus der Wunde sofort Blut hervorquoll, zeigte ihm, dass er es hier mit einer Figur zu tun hatte und nicht mit einer Seele.
Als das Zappeln des Opfers immer mehr abebbte und schließlich zum Erliegen kam, ließen Edgar und Ebenezer von ihm ab. Wortlos verfolgten sie weiter den vereinbarten Plan. Sie nahmen ihre Sturmgewehre in Anschlag, und während sich Ebenezer in die Alarmstellung hockte, lief Edgar geduckt ein paar Meter weiter, um hinter einem Baum in die Hocke zu gehen. Die beiden versicherten sich mit einem Blick, dass der jeweils andere bereit war, dann nahmen sie die Zelte ins Visier und Ebenezer stieß einen schrillen Pfiff aus. Im nächsten Moment knatterten das Maschinengewehr sowie ein Sturmgewehr los, mit denen Andi, Franz und Helmut im Dickicht rechts von ihnen in Stellung gegangen waren. Die Projektile zerfetzten die Zeltplanen, ließen Erde und Gras aufspritzen und es dauerte keine fünf Sekunden, bis die restlichen drei Feindsoldaten auf den Beinen waren. Nun eröffneten Edgar und Ebenezer das Feuer.
Die Feinde hatten keine Chance. Im Sperrfeuer von zwei Seiten glich ihr Fallen einem willkürlichen Zucken und schon nach wenigen Augenblicken war alles vorbei. Edgar und seine Männer stellten das Feuer ein und besichtigten das Schlachtfeld, wo sie feststellten, dass alle vier Späher Figuren gewesen waren.
„Wie ist es möglich, dass uns vier KüKa wochenlang hinhalten konnten?“, fragte Edgar.
Franz klopfte sich eine Zigarette aus der Packung, die er aus seiner Brusttasche gezogen hatte, steckte sie in den Mund und zündete sie an. Während er den ersten Rauchschwall hervorpaffte und das brennende Streichholz auswedelte, meinte er: „Scheint so, als hätten wir uns die Kameraden effizienter gewünscht, als wir sie uns gewünscht hätten.“

* * *

Die Farben des Nebels setzten sich zu einer wüstenhaften Landschaft zusammen. Es schien hier früher Morgen zu sein, das Licht war noch schwach, zu kraftlos, um den blauen Grundton aus den Farben der Umgebung zu tilgen. Eine Windböe fegte Edgar ins Gesicht und ließ ihn frösteln. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und fand alle Erzählungen bestätigt: Rings um ihn herum, am Horizont gerade noch erkennbar, zog sich eine gleichmäßig hohe Bergkette. Die Sandfläche, die von diesem Bergring umschlossen war und in deren Mitte Edgar stand, war topfeben, ohne jeden Bewuchs, nichts ragte von ihr auf. Es war, als wäre er ein Floh und stünde im Mittelpunkt einer Pizza.
Selbst nach irdischen Maßstäben wirkte die Entfernung zu den Bergen entmutigend auf Edgar, doch die Vorstellung, dass sich diese Aussicht auch nach jahrelangem Marsch in ein und dieselbe Richtung nicht veränderte, ließ es eng in seiner Brust werden. Dennoch war noch nie eine Bergseele je wieder zurückgekommen, was den Schluss zuließ, dass die Berge grundsätzlich erreichbar waren und die Bergseelen einfach nur mehr Ausdauer hatten als andere. Oder sie zogen die Einsamkeit der Gesellschaft anderer Seelen vor und marschierten bis in alle Ewigkeit durch diese sandige Einöde.
Edgar versuchte es. Er ging ein paar Meter und blickte zurück. Tatsächlich hatte er Fußspuren im Sand hinterlassen, als wäre er tatsächlich von der Stelle gekommen. Ob das wirklich der Fall war, wusste er nicht; das wusste niemand. Dann wünschte er sich die paar Meter zurück an die Stelle, von der er weggegangen war – und nichts geschah. Er fragte sich, was das hier sollte, warum ausgerechnet die Bergregion eine Ausnahme im Gefüge des Himmels war. Und dann fragte er sich einmal mehr, warum der Himmel so war, wie er war.

Zurück in seinem Refugium bemerkte Edgar, dass ihm sein Berg nicht mehr gefiel und er ließ ihn verschwinden. Dann setzte er sich auf seinen Felsen, wünschte sich eine Zigarre in die Hand und blicke in die Weite seines Ozeans. Er hatte sich von Ebenezer, Helmut, Andi und Franz mit dem Versprechen getrennt, sie bald wieder aufzusuchen. Sie hatten gelacht und gemeint, er müsse ihnen nichts versprechen, denn so weitläufig der Himmel auch sei, es sei eine Eigenheit der Ewigkeit, dass man sich immer wieder treffe; irgendwann, irgendwo. Doch Edgar hatte es ernst gemeint. Er mochte die Kerle und er glaubte zu ahnen, dass er noch viele verrückte Sachen mit ihnen machen würde.
Zunächst wollte er jedoch die Erlebnisse der letzten Zeit Revue passieren lassen und über die Erkenntnisse nachdenken, die er aus ihnen gezogen hatte. Immerhin hatte sich eine Menge ereignet, seit er das letzte Mal auf diesem Felsen gesessen war: Auf der Suche nach jemandem, der ihm die Gestalt des Himmels erklären konnte, hatte Edgar sich durch die Bereiche der Wissenschaft, der Kunst und des Krieges gehangelt. Dabei hatte er unglaubliche Dinge erlebt und viele Seelen kennengelernt, aber eine Antwort auf seine Frage hatte er nicht bekommen. Im Gegenteil, es waren noch weitere Fragen hinzugekommen.
Allerdings hatte er viel über den Himmel und seine Bewohner gelernt. Zum Beispiel war ihm aufgefallen, dass Seelen umso zufriedener schienen, je intensiver sie ihrer Tätigkeit nachgingen. Sowohl Sven Nansen am Paranal-Observatorium als auch die „schöne Frau“ in der Künstler-Kommune hatten erfüllt gewirkt. Ob sie glücklich waren, konnte Edgar nicht beurteilen, zumindest schienen sie aber so zu leben, wie sie es wollten. Und sie waren sich dieses Umstands auch bewusst und somit jederzeit in der Lage, Dinge zu ändern, die ihnen nicht mehr gefielen. Das unterschied sie von Seelen, die sich selbst aufgegeben hatten, so wie jene der Trinker und der Drogensüchtigen, die Edgar auf der Partymeile gesehen hatte. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese mit ihrer Situation zufrieden waren und er glaubte auch nicht, dass sie es aus eigenem Antrieb schaffen würden, ihre Situation zu verändern. Letzteres galt auch für Seelen, die zwar schon geraume Zeit im Jenseits waren, sich aber nach wie vor weigerten, ihren Tod anzuerkennen. Charles Darwin etwa war sich seiner tatsächlichen Situation nicht bewusst, doch schien ihm zumindest der Glaube zufrieden zu stellen, noch am Leben zu sein und arbeiten zu können.
Was aber war mit jenen Seelen, die sich ihrer Situation zwar bewusst waren, aber nicht in ihrem Tun aufgingen, sondern sich mit den Gegebenheiten nur arrangiert hatten? Edgar erinnerte sich an seine Großeltern: Sie schienen Zufriedenheit aus stabilen Routineabläufen zu erlangen und fühlten sich glücklich, solange nur alles so blieb, wie sie es kannten. Etwaige Unzulänglichkeit waren für sie weniger belastend als der Gedanke an das Risiko, das mit einer Veränderung einhergehen würde.
Edgar zog lange an seiner Zigarre. Auch er war nicht zufrieden, doch hatte er sich mit den Gegebenheiten arrangiert? Nein, denn er war noch auf der Suche. Er gehörte zu jener großen Gruppe von Seelen, die er „Wanderer“ nannte, weil sie von einem Bereich des Himmels zum nächsten wanderten und nirgendwo Fuß fassten. Viele dieser Wanderer gaben vor, sich mit ihrer Situation arrangiert zu haben, doch kein Einziger, den Edgar kennengelernt hatte, war mit diesem Kompromiss restlos zufrieden gewesen. Edgar hatte selbst bei denjenigen, die behaupteten glücklich zu sein, eine grundlegende unterschwellige Traurigkeit wahrgenommen, die nur jemand spürte, der sie auch selbst in sich trug.
Auf seinen Wegen durch den Himmel hatte Edgar keinen Bereich kennengelernt, in dem er auf Dauer hätte leben wollen, er konnte sich auch nicht vorstellen, dass ein solcher Bereich für ihn existierte oder überhaupt erschaffbar wäre. Er empfand den Himmel und alles, was eine Seele in ihm machen konnte, als zu oberflächlich, als dass seine Seele dauerhaft in ihm glücklich werden konnte. Aber musste das zwangsläufig auch auf die anderen Wanderer zutreffen? Ebenezer zum Beispiel schien mit seinem Leben ganz zufrieden zu sein und Fred ebenfalls.

Edgar dachte über die Seelen nach, über ihr Zusammenleben hier und all die Erkenntnisse, die er selbst gewonnen oder die er von Fred, Andrea, Nansen und Ebenezer erfahren hatte. Er beschloss, diese Erkenntnisse in sein Tagebuch zu notieren und dort zu analysieren und wünschte sich deshalb das mit grobem Leder gebundene Buch mit den Pergamentblättern herbei, sowie den Gänsekiel, dem die Tinte nie ausging. Als er das Buch aufschlug, war er gespannt, ob seine letzten Eintragungen tatsächlich noch darin stehen würden – und tatsächlich war alles noch da, jede Zeile. Kurz fragte er sich, wo das Tagebuch in der Zwischenzeit gewesen sein mochte, doch dann machte er sich bewusst, dass es ja gar nicht wirklich existierte, und verwarf jeden weiteren Gedanken in diese Richtung. Er schrieb:

Eine große Erkenntnis verdanke ich Ebenezer, der mir in seiner angriffigen Art klar gemacht hat, dass es unter Seelen weder eine Hierarchie noch einen Gemeinschaftsgedanken geben kann. Das bedeutet auch, dass jede Seele ihren Weg alleine gehen muss, weil sie auf keine Hilfe von einer anderen Seele hoffen darf. Der Himmel ist ein Himmel von Individualisten und mir stellt sich die Frage, ob der eigentliche Sinn unseres Daseins als Seelen der ist, dass wir uns – jeder für sich selbst – weiterentwickeln. Aber wenn das wahr ist, dann frage ich mich, warum wir all die Dinge hier im Himmel tun, die wir tun, immerhin kommt es auf die überhaupt nicht an! Es kommt weder auf Wissenschaft an noch auf Kunst noch auf Zeitvertreib, sondern doch nur darauf, über das Erlebte zu reflektieren und Lehren daraus zu ziehen. Mit anderen Worten: Nicht das Erlebnis zählt, sondern das, was die einzelne Seele daraus macht.
Zu diesem Thema gehört auch die wahrscheinlich größte Erkenntnis, dass sich Seelen im Himmel nur Dinge wünschen können, die weder sie selbst noch andere Seelen irgendwie verändern. Ich kann mir wünschen, wie Superman durch die Luft zu fliegen, aber ich kann mir nicht wünschen, eine andere Art von Humor zu haben. Ich kann mir wünschen anders auszusehen, aber ich kann mir nicht wünschen, dass ich einer anderen Seele sympathisch bin. Das bedeutet, dass ich Veränderungen, die den Kern meiner Seele betreffen, nur auf herkömmliche Weise vornehmen kann: durch Erfahrung und Lernen aus gewonnenen Erkenntnissen. Erfahrungen kann ich aber nicht sammeln, indem ich mich den oberflächlichen Vergnügungen der Partymeile aussetze oder meine Phantasie im Künstlerviertel ausreize. Denn die Gefühle, die bei diesen Erlebnissen entstehen, sind zu oberflächlich. Wahre Gefühle erfahre ich nur, wenn ich Dinge erlebe, die meine Seele berühren. Solange ich keiner echten Gefahr ausgesetzt bin, weil meine Seele unsterblich ist, werde ich keine echte tiefgehende Angst spüren. Das gilt in abgewandelter Form wohl für alle Gefühle.
Mir wird erst jetzt bewusst, dass Gefühle die Nahrung der Seele sind. Wer nicht laut jubelt, tief trauert, bis über beide Ohren verliebt ist oder vor Wut schreit, der lebt nicht.

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Roland Zingerle

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