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Kapitel 32: Wiedersehen mit Fred

von

Edgar versucht, dem Sinn des ewigen Lebens auf die Spur zu kommen, scheitert jedoch, weil es keine Möglichkeit gibt, seine Theorie in der Praxis zu erproben. Er beschließt, Fred aufzusuchen.

Edgar hielt kurz inne, dann schrieb er weiter in sein Tagebuch:

Ich frage mich, ob meine Seele wirklich gelebt hat, seit ich im Himmel bin. Und ich frage mich, ob es nicht im Gegenteil dieser Daseinszustand ist, der die Entwicklung der Seelen allgemein bremst. Wenn Andrea Recht hat, dann kann eine echte Entwicklung nur dort stattfinden, wo ein Mangel herrscht, der ausgeglichen werden muss. Da es hier im Himmel keinen Mangel im herkömmlichen Sinn gibt, kann Entwicklung eigentlich nur dann stattfinden, wenn ein Mangel auftaucht, der nicht durch Wünschen gestillt werden kann.
In meinem Fall könnte die ungestillte Wissbegierde, wie der Himmel aussieht und funktioniert, so ein Mangel sein, ein Mangel, der eine Entwicklung in mir in Gang setzt. Allein schon meine Suche nach Antworten in den verschiedensten Bereichen des Himmels ist doch der Beweis für die Richtigkeit dieses Gedankens.
Der Auslöser des Wunsches, die Natur des Himmels zu erkennen, war mein Austausch mit Andrea. Sie hat mich auf Ungereimtheiten aufmerksam gemacht, wie die große Bestrafung. Seither habe ich meinen Sinn für solche Phänomene geschärft und tatsächlich sind mir immer wieder welche untergekommen: die seltsamen Bergseelen, die Bergregion mit ihrer Wunscheinschränkung, der Träumer und so weiter. All das hat die Neugier in mir genährt. Ich will erfahren, wie der Himmel wirklich gestaltet ist und wie er funktioniert!

Edgar sog wieder an seiner Zigarre. Er spürte deutlich, dass da noch mehr war. Genau genommen wollte er doch nur deshalb wissen, wie der Himmel funktionierte, weil gewisse Dinge hier anders liefen, als im Diesseits. Somit waren es eigentlich die Unterschiede, die ihn interessierten und nicht die Gemeinsamkeiten. Er schrieb weiter:

Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir klar, dass das nur der erste, der vorgeschobene Wunsch ist. Der wahre Wunsch ist doch der der Erkenntnis, wie das Universum geordnet ist. Welche Rolle spielt das Erdenleben in diesem Universum und welche der Himmel? Und welche Rolle spielt der Mensch darin? Welche Rolle spiele ich?
So gesehen ist mein Wunsch gar nicht naturwissenschaftlicher Art, sondern philosophischer. Denn auch wenn die Erde und das Leben auf ihr nach naturwissenschaftlichen Prinzipien geordnet sind, der Himmel und das Leben in ihm sind es nicht. Der Himmel erklärt sich durch die Seelen, die in ihm leben, denn sie gestalten ihn durch ihre Wunscherfüllungen.
Genau in diesem Punkt gibt es aber ein Ungleichgewicht, das sich nicht wegdiskutieren lässt: Während das Diesseits ein gefährlicher Ort ist, an dem jedes Lebewesen jederzeit durch verschiedenste Einflüsse ausgelöscht werden kann, ist das Jenseits ein geschützter Bereich. Eine Seele kann hier machen was sie will, es kann ihr nichts passieren. Das hat unter anderem zur Folge, dass die Seelen sich hier überhaupt nicht entwickeln können, weil ihnen das Ungleichgewicht fehlt, das für die Kreativität notwendig ist, ohne die es wiederum keine Entwicklung gibt.

Edgar setzte den Gänsekiel ab und blickte sinnierend zur Kimm. Das führte noch nicht weit genug! Wenn er es genau nahm, war es doch der Überlebenstrieb, der den Fortbestand des irdischen Lebens sicherte. Ihm gehorchend hatte der Mensch seine natürlichen Feinde besiegt, Tiere domestiziert, Land urbar gemacht, Krankheiten ausgerottet. Die technischen Entwicklungen hatte der Mensch in seiner gesamten Geschichte aus nur einem einzigen Grund vorgenommen: Um das Überleben und damit das tägliche Leben zu erleichtern und das galt für den Faustkeil genauso wie für das Internet. Das war die Basis für die Herausbildung des menschlichen Denkvermögens, denn die Fähigkeit, natürliche Materialien kreativ zu Werkzeugen und Werkstoffen umzugestalten, forderte und förderte die Intelligenz. Der Mensch musste um so komplexer denken können, je komplexer seine Werkzeuge wurden.
Edgar konnte sich noch gut daran erinnern, wie er als Junge zum ersten Mal ein Uhrwerk in Funktion gesehen hatte. Ein Uhrmacher in seiner Heimatstadt hatte das Werk einer Wanduhr als Blickfang in sein Schaufenster gehängt. Edgar war so kindlich ergriffen gewesen von all den großen und kleinen Bauteilen, den teils bedächtigen, teils emsigen Bewegungen, dass ihm dieses Bild in Erinnerung geblieben war. Während seines gesamten Erdenlebens war dieses Uhrwerk immer dann beispielgebend vor seinem geistigen Auge aufgetaucht, wenn er etwas über Technik gelernt hatte. Auf diese Weise hatte es ihm später, als junger Erwachsener, zu einer grundlegenden Erkenntnis über den menschlichen Erfindergeist verholfen. Denn im Grunde kombinierte ein mechanisches Uhrwerk mehrere physikalische Grundgesetze miteinander, um funktionieren zu können. Das Gewicht machte die Gravitation als Antriebskraft nutzbar, das Pendel dosierte diese Kraft und die Zahnräder übertrugen sie über mehrere Umwege auf die Zeiger, so dass diese in unterschiedlichen Geschwindigkeiten liefen. Das gesamte Konstrukt war ein Werkzeug, mit dem die Zeit gemessen werden konnte – es war mehr als die Summe seiner Teile geworden.
Und genau das war es, was Edgar eine Erkenntnis wie einen Blitz ins Gehirn gejagt hatte: All das Pendeln, Hin- und Herschwingen, ruckartige Weiterbewegen, Ticken und Tacken mochte den physikalischen Prinzipien geschuldet sein, doch das Dazwischen, die Art, wie die Materie zusammengestellt war, damit sie so und nicht anders funktionierte, das war der menschliche Erfindergeist!
Als Edgar sich nun an diesen Augenblick der Erkenntnis zurückerinnerte, begriff er, warum die Entwicklung auf der Erde nie zum Stillstand kam und wohl auch nie kommen würde. Es war die Notwendigkeit, das Überleben zu sichern, die Arbeit und damit das Leben selbst zu erleichtern, die die Intelligenz wachsen ließ. Die Kombination von Materie zu immer neuen Werkzeugen führte auch zu immer neuen Möglichkeiten, für deren Nutzung der Mensch wiederum mehrere Werkzeuge miteinander kombinierte – was wieder zu neuen Möglichkeiten führte. Das war es, was der menschlichen Existenz, was der Menschheit in ihrer Gesamtheit Sinn gab.
Und das war es auch, was hier im Himmel fehlte, weil die Seelen unsterblich waren, egal was sie taten oder unterließen.
Edgar schlug die letzte Seite des Tagebuchs auf und fasste auf ihr seine gedankliche Analyse zusammen:

1. ÜBERLEBENSNOTWENDIGKEIT
führt zu
ENTWICKLUNG.
2. ENTWICKLUNG
führt zu
INTELLIGENZ.
3. INTELLIGENZ
führt zu
SINNHAFTIGKEIT.
Daraus folgt:
4. SINNHAFTIGKEIT
bedingt
ÜBERLEBENSNOTWENDIGKEIT.
Fazit:

UNSTERBLICHKEIT FÜHRT ZU SINNLOSIGKEIT!

Edgar blickte erschüttert auf die letzte Zeile. Konnte das wirklich wahr sein? War die Existenz als Seele im Himmel tatsächlich sinnlos? Warum gab es sie dann?
Einmal mehr erinnerte er sich an seinen silbernen Begleiter und was dieser ihm unmittelbar nach seinem Tod gesagt hatte. Dass ihm nämlich die Sinne fehlten, die es brauchte, um die Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit erkennen zu können. So gesehen erschien die Existenz im Himmel vielleicht nur nach menschlichem Ermessen sinnlos – aber das half Edgar nicht. Als Seele konnte er hier nicht mehr tun, als sich oberflächlich zu vergnügen. Das machte ihn unzufrieden, weil es ihm zu wenig war; viel zu wenig! Wie konnte dieser Zustand je der Himmel sein?
Er blätterte nach vorne und schrieb dort weiter, wo er vorhin aufgehört hatte:

Einmal mehr frage ich mich nach dem Verbleib von Gott. Mittlerweile würde ich ja meinen, dass Gott gar nicht existiert – aber wer hat dann das alles hier geschaffen? Wer hat die Erde so geordnet, wie sie ist und die Seelen so gestrickt, wie sie sind? Es dürfte wohl eher so sein, dass Gott das gesamte Universum regiert und der Himmel und die Erde nur Teile davon sind. Aber das fällt schon wieder in den Bereich der Spekulation.
Ich frage mich, was die Bergseelen wirklich wissen. Was unterscheidet sie von uns? Leben sie tatsächlich in den Bergen oder marschieren sie nur ununterbrochen stur auf sie zu? Hat es wirklich noch nie eine ‚normale‘ Seele geschafft, die Berge zu erreichen und ist wieder zurückgekehrt?

Edgar setzte den Federkiel ab und lächelte. Er glaubte eine Seele zu kennen, die ihm zumindest diese Frage beantworten konnte.

* * *

Die farbigen Nebel vor Edgars Augen verfestigten sich zu einem französisch anmutenden Straßencafé. Unter den wenigen Gästen, die einen frühlinghaften Sonnenschein genossen, saßen ein verschreckt aussehender junger Mann und ihm gegenüber Fred. Fred nahm Edgars Ankunft zunächst wahr, wie er wohl die einer jeden anderen Seele registrierte. Erst als er bemerkte, dass dieser ihn ansah, erwiderte er Edgars Blick irritiert und schließlich vertrieb ein Grinsen alle anderen Gefühlsregungen.
„Hee!“ Fred sprang von seinem Sessel auf und kam mit ausgebreiteten Armen auf Edgar zu. Er umarmte ihn, dann musterte er ihn von oben bis unten. „Gut siehst du aus, nicht einen Tag älter.“
Edgar spürte erst jetzt, wie sehr ihm Freds herzliche und unkomplizierte Art gefehlt hatte. Auch fiel ihm erst jetzt auf, dass er kaum eine Seele im Himmel kennengelernt hatte, die so charakteristisch und authentisch gewesen war wie Fred. Seine hühnerartig ruckartigen Bewegungen, seine Gesichtszuckungen in Verbindung mit der dickrandigen Brille, seine ausgeflippte Kleidung – irgendwie hatte Edgar das alles gefehlt, ohne dass es ihm bewusst gewesen wäre.
Fred legte Edgar die Hand um die Schulter und führt ihn zu seinem Tisch, wo er ihm seinen Begleiter vorstellte. „Das ist Heimo. Er ist gerade erst im Himmel angekommen und deshalb noch ziemlich verunsichert; du kennst das ja. Heimo, das ist …“
Fred sah Edgar erwartungsvoll an, und als dieser nicht wusste, was er meinte, vollführte Fred ein paar nachdrückliche Gesten. Schließlich lachte er verunsichert und sagte: „Hilf mir!“
„Edgar“, erwiderte der Gefragte automatisch und ebenso automatisch schüttelte er Heimo die Hand.
Auch wenn er es zu verbergen versuchte, so traf es Edgar doch hart, dass Fred seinen Namen vergessen hatte. Im nächsten Augenblick fühlte sich diese Animosität kindisch an. Klar, Fred nahm bei Edgar eine Sonderstellung ein, weil er ihm bei seiner Ankunft im Himmel wie ein erlösender Engel erschienen war und sich rührend um ihn gekümmert hatte. Im Gegensatz dazu hatte Fred vermutlich schon dutzende Seelen in den Himmel eingeführt, wenn nicht gar hunderte, Edgar war für ihn nur einer unter vielen.
„Ede“, rief Fred nun und schnippte mit den Fingern, als wäre ihm der Name ohnehin auf der Zunge gelegen. Dann begann er aufgeregt zu plappern. Er erzählte Heimos Lebens- und Todesgeschichte und was er ihm schon alles gezeigt hatte. „Er hat mich gerade gefragt, wie lange er jetzt schon im Himmel ist und jetzt will er mir nicht glauben, dass ich keine Ahnung habe.“
Edgar lachte mit Fred mit. Inzwischen konnte er verstehen, warum seine anfänglichen Fragen im Zusammenhang mit dem Vergehen der Zeit Fred auf die Nerven gegangen waren; für eine unsterbliche Seele war Zeit völlig uninteressant. Für einen gerade erst verstorbenen Menschen hingegen war sie der wichtigste, weil einzig noch verbliebene Bezugsrahmen. Edgar machte sich bewusst, wie sehr es Fred auf die Nerven gehen musste, von jedem Neuankömmling mit denselben zeitbezogenen Fragen bombardiert zu werden!

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