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Kapitel 33: Das Geheimnis der Bergregion

von

Edgars Intuition erweist sich als richtig: Fred weiß nicht nur über die Bergregion Bescheid, er war sogar selbst dort – in den Bergen.

„Wie geht es dir?“, fragte Fred und Edgar erwiderte:
„Danke, ich habe mich gut eingelebt.“
Fred lachte. „Gut eingelebt? So lange, wie du schon hier bist, könntest du den Himmel regieren! Hast du dich irgendwo niedergelassen?“
„Nein, ich habe mich herumgetrieben, so wie du.“ Nun lachten sie beide. „Mir ist da eine Frage untergekommen, die du mir vermutlich beantworten kannst. Oder anders: Wenn du sie mir nicht beantworten kannst, dann niemand.“
Fred musterte ihn gespielt geschmeichelt. „Oho, was magst du trinken?“
„Hast du einmal Zeit für mich?“
„Zeit?“ Freds Augen schnellten zu Heimo und zurück, dann schob er sich mit einem Finger die Brille den Nasenrücken entlang nach oben und musterte Edgar mit zuckendem Gesicht. „Ich habe gerade unserem Junior hier erklärt, dass Zeit keine Relevanz hat und jetzt diese Frage von dir?“
„Ich weiß nicht, ob du Heimo schon weit genug in unser Paradies hier eingeführt hast, ich will ihn mit meiner Frage nicht verunsichern.“
„Verunsichern? Wir sind im Himmel!“
Edgar schluckte seinen Ärger hinunter. Da Fred ihn offensichtlich nicht Ernst nahm, ließ er ihm keine andere Wahl, als mit der Tür ins Haus zu fallen. „Was weißt du über die Bergseelen?“
Fred starrte Edgar an, räusperte sich, richtete seine Brille. „Okay, ich verstehe. Vielleicht … Heimo, wir haben doch über diesen Ort gesprochen, an dem du im Kern deiner selbst bist. Wünsch dich jetzt dorthin.“
Heimo bekam einen verzweifelten Gesichtsausdruck, stammelte: „Ich weiß nicht … ich weiß nicht …“, doch Fred ließ es zu keiner Diskussion kommen:
„Du musst nichts wissen oder tun, du musst es nur in dir orten. Dann wünschst du dir dort zu sein und das war’s.“
Heimo blickte Fred verständnislos an, doch schon begannen seine Konturen zu verschwimmen. Während er sich in Nebeln auflöste, grinste Fred. „Siehst du? Wirkt schon“, und als er Edgar lächeln sah, fragte er: „Was ist?“
„Mit genau denselben Worten hast du auch mich damals in mein Refugium geschickt.“
„Gewisse Dinge werden Routine, wenn man sie oft genug macht. Du hast mich nach den Bergseelen gefragt, wie kommt‘s dazu?“
Edgar erzählte Fred in kurzen Worten von seiner Erforschung der Beschaffenheit des Himmels und von seiner Suche nach dem Sinn, den Himmel und Erde im Universum hatten. Während Fred zuhörte, schien all die Verspieltheit, die sein Wesen ausmachte, vorübergehend verschwunden zu sein.
„Mit wem auch immer ich geredet habe, jeder hat gesagt, nur Gott könne meine Fragen beantworten oder bestenfalls die Bergseelen“, endigte Edgar.
Fred erwiderte nichts, lange Zeit, blickte regungslos zu Boden. Er wusste etwas, das spürte Edgar genau, doch er überlegte wohl, ob oder wie viel er preisgeben sollte. Als er schließlich den Blick hob und zu sprechen begann, war es, als verstummte der restliche Himmel. „Was immer du für Gerüchte gehört hast: Vergiss sie. Ich war dort. Ich war in den Bergen.“
„Das gibt‘s nicht“, entfuhr es Edgar, „jeder der in der Bergregion unterwegs war hat mir erzählt, dass …“
„Ich war dort!“ In Freds Augen schimmerte ein Ernst, den Edgar gar nicht von ihm kannte. „Und dort ist nichts. Ich bin auf den höchsten Gipfel geklettert, den ich finden konnte, und habe mir einen Überblick verschafft. Außerhalb des Gebirgsringes gibt es nichts anderes als Berge bis zum Horizont.“
„Und die Bergseelen?“
„Ich habe keine dort angetroffen, nicht eine einzige. Am Fuß des Gebirges habe ich jede Menge Höhlen gefunden, die offenbar künstlich angelegt worden sind, aber sie waren alle leer.“ Fred sah ihn hart an, endgültig, als gäbe es nicht mehr dazu zu sagen.
Doch er war Edgars einzige Quelle, seine einzige Chance auf ein bisschen Licht in dem Dunkel, in dem er tappte. „Erzähl mir mehr, erzähl mir alles.“
Fred wand sich, wollte offensichtlich nichts weiter dazu sagen, spürte aber wohl, wie wichtig die Sache für Edgar war, zu wichtig, als dass dieser je wieder locker lassen würde. „Das alles ist verdammt lange her“, begann er schließlich. „Ich war Zeuge, wie sich eine Seele in eine Bergseele verwandelte, und bin ihr gefolgt.“
„Was meinst du damit, sie verwandelte sich?“
„Vor meinen Augen. Es war Monica, eine Frau, mit der ich für einige Zeit durch den Himmel zog. Sie war von Haus aus sehr ernst und vergeistigt und auch noch nicht lange tot, wenn ich mich recht erinnere. Und dann, von einem Augenblick auf den nächsten, veränderte sie sich komplett. Sie wurde größer, dünner und ihr Wesen war uns anderen Seelen mit einem Mal völlig fremd. Sie sah uns an, als würde sie unsere Gegenwart anwidern und im nächsten Augenblick verschwand sie mit einem Knall in einer sehr großen, sehr energiegeladenen Farbwolke.“
Edgar nickte, Ähnliches hatten auch Helmut, Andi und Franz von ihrer Begegnung mit der Bergseele erzählt.
„Und du bist ihr gefolgt?“
„Klar! Ich kannte Monica immerhin und wollte wissen, was mit ihr los war. Ich erschien in der Mitte der Ebene dieser – wie hast du es genannt, Bergregion? Monica war schon losmarschiert, reagierte nicht auf meine Rufe und so schnell ich ihr auch nachlief, ich schaffte es nicht, sie einzuholen. Ich wünschte mich zu ihr hin, doch es gelang nicht, also lief ich ihr nach, so schnell und so lange es ging.“
„Wie lange?“
„Was willst du hören, eine Uhrzeit? Ich weiß nicht wie lange; verdammt lange jedenfalls! Aber es war frustrierend, denn je länger die Verfolgung andauerte, umso weiter entfernte sich Monica von mir und ich konnte nichts tun, um diesen Abstand zu verringern. Irgendwann war sie in der Weite vor mir verschwunden. Ich hatte damals noch andere Vorstellungen vom Himmel und wollte mich nicht geschlagen geben. Deshalb lief ich weiter in die Richtung, in der sie vor mir gegangen war.“
„Wie hast du diese Richtung so exakt einhalten können?“
„Das war deshalb möglich, weil ich, so lange ich sie noch im Blickfeld gehabt hatte, direkt über ihr ein markanter Berggipfel am Horizont aufragen gesehen hatte und an diesem orientierte ich mich von da an. Ich habe diesen Gipfel so lange gesehen, dass ich seine Form nie mehr vergessen werde. Mein Weg war lange, einsam und entmutigend, denn diese verdammten Berge wollten einfach nicht und nicht näher rücken. Auch konnte ich zwischendurch nicht in eine andere Region und später wieder zurückwechseln, sonst wäre ich wieder am Ausgangspunkt gelandet. Bei einem meiner anfänglichen Versuche, die Distanz zu Monica zu überwinden, hatte ich mich aus der Bergregion hinaus- und dann erneut zu ihr hingewünscht und da war ich am selben Punkt erschienen, wie beim ersten Mal. Ich sah sogar meine eigenen Fußspuren im Sand, die von dort weg führten. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als stur zu bleiben, mir nichts zu wünschen und ständig weiterzulaufen, wenn ich die Berge erreichen wollte. Wobei, um die Berge ging es mir ja nicht, sondern um Monica.“
„Hattest du eine engere Beziehung zu ihr?“
„Keine außergewöhnliche, nein, es erschreckte mich nur, was mit ihr passiert war und ich verlangte eine Erklärung. Ich weiß nicht, wie lange ich unterwegs war, Ede, ich weiß es wirklich nicht! Zeit hat keine Relevanz im Himmel, aber der Zeitraum, den ich dort verbrachte, war trotzdem gewaltig. Die Zweifel in mir wurden immer lauter und bald stellte ich mir die Frage nach der Sinnhaftigkeit meines Weges – aber durch all das hindurch schimmerte stets eine andere, die wirklich große Frage: Warum darf ich die Berge nicht erreichen? Jedenfalls verbrachte ich buchstäblich eine halbe Ewigkeit in ununterbrochenem Sprintlauf, bis eines Morgens völlig unerwartet ein Vorgebirge in Sicht kam. Von da an schien die normale Entfernungswahrnehmung wieder zu funktionieren. Ich erklomm die Felsen und fand diese Höhlen, doch von Monica war weit und breit keine Spur. Also stieg ich auf die Berge, kletterte von einem Gipfel auf den nächsten, bis ich den höchsten erreicht hatte. Der Blick über die Bergkette hinaus, der mir nur immer weitere Berge bis zum Horizont zeigte, war so entmutigend, dass ich am liebsten verzweifelt wäre, das darfst du mir glauben! Auch der Blick zurück war nicht freundlicher, denn die scheinbar endlose Ebene, die ich durchlaufen war, sah von dort oben aus wie ein Zweitagesmarsch. Es war, als zeigte mir der Himmel den Stinkefinger, als wollte er mir sagen: Hier gibt es nichts für dich, du bist hier nicht erwünscht.“ Eine unangenehme Pause entstand, in der Fred direkt in seine Erinnerung zu starren schien. „Ich wollte Heimo nicht erschrecken“, sprach er schließlich weiter. „Die Bergseelen sind wahrscheinlich das größte Mysterium des Himmels, das möchte ich den Neuankömmlingen nicht aufbürden, wenn sie gerade erst dabei sind, sich hier einzufinden.“
„Was … was bedeutet das? Ich meine, diese seltsame Region und diese seltsamen Seelen, die dort einfach verschwinden?“
Fred sah Edgar direkt in die Augen. „Weißt du, wie oft ich mir diese Frage schon gestellt habe? Die Antwort ist: Ich weiß es nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ich habe nicht einmal einen Anhaltspunkt für eine Vermutung.“

* * *

Als sich die bunten Nebel ordneten und klärten, staunte Edgar nicht schlecht, denn er fand sich an einem Holzgeländer stehend, das ihn von einem mittelalterlichen Turnierplatz trennte. Neben ihm und um die ovale Wettkampfarena herum standen hunderte mittelalterlich gekleidete Seelen und Figuren und jubelten, winkten und schrien. Auf dem Turnierplatz ritten soeben zwei Ritter gegeneinander an, das anschwellende Hufgetrappel wirkte aggressiv auf Edgar und ließ den Boden unter seinen Füßen vibrieren. Als die Kontrahenten aufeinandertrafen, zersplitterten ihre Lanzen mit einem Knall, als bestünden sie aus Zahnstochern, die mit Papier in die Form einer Lanze gerollt worden waren. Der nun auftosende Jubel war ohrenbetäubend.
Irritiert blickte sich Edgar nach Andrea um, denn zu ihr hatte er sich gewünscht, als er hier gelandet war. Er sah sie wenige Meter neben sich auf einer Tribüne, die offenbar für die Damen und Herren der höheren Stände reserviert war – zumindest ließ die Pracht von deren Bekleidung darauf schließen. Andrea stand auf dem untersten Rang, sie trug ein dickes grünes, mit Gold besticktes Kleid. Edgar fand, dass sie edel darin aussah, richtig aristokratisch; es passte zu ihr. Er drängte sich durch die Leute zu der Tribüne hin und rief ihren Namen.
Andrea blickte sich verwundert um, und als sie ihn sah, verwandelte sich ihre Miene in ein strahlendes Lächeln. Sie beugte sich zu Edgar herunter und gab ihm einen Kuss. „Was machst du denn hier?“
Obwohl sie die Worte rief, verstand Edgar sie durch den Lärm des Jubels kaum. „Dich suchen, was sonst? Was ist das hier? Lebendiges Mittelalter?“
„Iwo, nur ein Ritterspiel – allerdings mit Ausnahmen.“
„Ich verstehe nicht ganz.“
Andrea setzte ein unzufriedenes Gesicht auf und sah sich um, als fände sie die Antwort auf eine Frage irgendwo in ihrer Umgebung. Dann nahm sie Edgars Hand und schon im nächsten Augenblick löste sich das mittelalterliche Ambiente in Nebel auf, welche sich zu einer Jazzbar umformten. Die Bar war kaum besucht und anstelle einer Band spielte die Beschallungsanlage dezente Salonmusik. In Edgars Ohren sirrte es noch von dem Lärm auf dem Turnierplatz, doch der Wechsel war ihm sehr angenehm. Das lag auch daran, dass Andrea ihr Aussehen angepasst hatte: Sie trug jetzt ein hautenges Cocktail-Minikleid, Nylonstrümpfe und High Heels, alles in Schwarz. Ihr Gesicht war dezent geschminkt und ihr Haar einseitig hochgesteckt. Ihr gesamtes Aussehen raubte Edgar schier den Atem.
Als sie sich auf einen Barhocker setzte und einen Mojito bestellte, folgte er ihrem Beispiel.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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