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Kapitel 34: Andrea – und keine neue Wahrheit

von

Edgars Sinnsuche erhält von Andrea einen Dämpfer. Zwar weiß auch sie nicht mehr über die Bergseelen, doch kennt sie Fred von früher und glaubt ihm kein Wort.

„Was war das da gerade?“ Edgar zeigte hinter sich, als befände sich dort der Schauplatz, den sie soeben verlassen hatten.
Andrea lächelte. „Ein Pseudo-Mittelalterbereich, gegründet von Mittelalter-Fans.“
„Wieso ‚pseudo‘?“
„Weil es nicht das echte Mittelalter darstellt, sondern die neuzeitliche Vorstellung davon. Obwohl auch ein paar echte Ritter unter den Beteiligten sind.“
„Echte Ritter? Du meinst Adlige aus der Zeit der Monarchie?“
„Nein, ich meine echte Ritter aus dem echten Mittelalter.“
„Mach Sachen! Und denen gefällt es, wie wir uns ihre Zeit vorstellen?“
„Zum Teil, ja. Es sind Leute, die mit der Zeit gegangen sind, so wie ich.“
„Das geht wirklich? Ich meine, dass man sich über all die Jahrhunderte hinweg mit ändert? Bleibt nichts übrig von der Zeit, aus der man stammt?“
„Doch schon. Gewisse Verhaltensmuster lassen sich offenbar nicht mehr ausbügeln. Das kommt wohl daher, dass man als Kind auf die Kultur geprägt wird, in der man aufwächst. Bei den Seelen aus dem Mittelalter kommt außerdem noch eine extreme Fixierung auf den Glauben hinzu.“
„Wie äußert sich das? Ich meine, wir befinden uns hier ja im christlichen Himmel.“
„Ach, Christentum ist nicht gleich Christentum, auch der Glaube verändert sich mit der Gesellschaft. Zum Beispiel kommen meine Freunde aus dem Mittelalter mit der Gleichstellung von Mann und Frau nicht zurecht. Entweder erheben sie die Frauen zu gottähnlichen Wesen, denen sie dann dienen wollen oder sie behandeln sie wie Dreck. Ein gleichberechtigtes Miteinander ist offenbar nicht drin. Ähnlich verkrampft ist auch ihr Zugang zum Humor: Gewisse Späße finden sie nicht lustig. Sie leben noch zu sehr in der Angst, das Lachen über christliche Werte würde ihnen als Blasphemie ausgelegt werden und sie ins Fegefeuer stürzen.“
„Von wem?“
„Na, von Gott, von wem sonst?“
„Entschuldigung.“
Andrea sah Edgar aus den Augenwinkeln heraus an und schmunzelte, während sie mit erotisch geschürzten Lippen den ersten Schluck Mojito durch den Trinkhalm sog. „Du hast mir gefehlt, weißt du das?“
Edgar grinste breit. Offensichtlich erwartet sie, dass er dieses Kompliment erwiderte, weshalb er gar nicht daran dachte, sondern sich nur dafür bedankte. Andrea stieg nicht darauf ein, sondern wechselt das Thema. „Du hast vorhin gesagt, du hättest mich gesucht.“
„Ja, ich möchte deine Meinung hören.“ Edgar erzähle nun auch Andrea in wenigen Sätzen, was mittlerweile geschehen war und dass er fest entschlossen sei, das Geheimnis des Himmels zu lüften. „Ein lohnenswerter Weg wäre, die Bergseelen zu befragen“, schloss er, „aber was ich so über die gehört habe, ist es nicht leicht, an sie heranzukommen. Ich habe mir gedacht, ich frage dich, ob dir dazu etwas einfällt.“
„Weil ich schon viel älter bin als du?“
„Ja.“ Edgar quittierte ihr verschmitztes Lächeln wieder mit einem Grinsen. „Vor allem aber deshalb, weil du dir ähnliche Gedanken machst und den Himmel schon lange Zeit mit diesen Gedanken betrachtest. Außerdem hast du hier schon viel mehr erlebt als ich, da wäre es doch möglich, dass du eine Bergseele kennst.“
„Nein, da muss ich dich enttäuschen. Niemand kennt eine Bergseele und wenn, dann war die Bekanntschaft von sehr kurzer Dauer. Irgendetwas ist anders mit denen, sie sind so fremd.“
„Du hast also auch schon einige von ihnen gesehen?“
Andrea räusperte sich peinlich berührt. „Nein, ich rede nur nach, was ich von anderen gehört habe. Ich war einmal in der Bergregion, zusammen mit ein paar Typen, die die Berge erkunden wollten. Allerdings war ich nicht lange mit dabei, es war mir zu fade. Einen von den Typen habe ich irgendwann später wieder getroffen und er hat mir dieselbe Geschichte erzählt, die alle erzählen, die in die Berge wollten.“
„Die ist mir bekannt“, unterbrach Edgar, damit Andrea sie nicht noch einmal wiederholte.
„Ich kenne viele, die in der Bergregion waren“, fuhr sie fort, „ich kenne einige, die das Erscheinen und Verschwinden von Bergseelen miterlebt haben, aber ich kenne niemanden, der je die Berge erreicht, geschweige mit einer Bergseele gesprochen hätte.“
„Auch keinen, der eine Bergseele vor ihrer Verwandlung gekannt hat?“
„Was meinst du?“
Edgar erzähle ihr, was er von Fred erfahren hatte, nämlich wie eine Seele sich vor seinen Augen in eine Bergseele verwandelte und dann in der Bergregion verschwunden sei.
Andrea schüttelte verwundert den Kopf. „Interessant, das höre ich zum ersten Mal.“
„Mein Problem ist, dass ich das Phänomen der Bergseelen gerne verstehen würde. Ich habe hier im Himmel noch nichts erlebt oder noch keine Geschichte gehört, die exotischer gewesen wäre, als die Erzählungen über die Bergseelen und die Bergregion, in der sie offenbar alle verschwinden.“
Andrea dachte nach, ehe sie langsam antwortete: „Du hast Recht, von allen Ausnahmen der Regel sind sie die außergewöhnlichste.“
„Welche gibt es denn noch?“
„Die Träumer zum Beispiel. Oder die Exilanten und die große Bestrafung.“
„Bleiben wir bei den Bergseelen. Hast du je eine Erklärung dafür gehört, was die in den Bergen tun?“
„Wie gesagt, es war noch niemand dort. Man nimmt an, dass sie gemeinsam dort leben, in den Bergen.“
„Dort ist aber niemand.“
Andreas Augen weiteten sich. „Woher willst du das wissen?“
„Ich kenne einen, der dort war. Er sagt, er hätte künstlich geschaffene Höhlen gefunden, aber sie seien alle leer gewesen. Er hätte niemanden angetroffen; keine Menschenseele, sozusagen.“
Andrea sprang von ihrem Hocker, rang auf den High Heels für einen Moment um ihr Gleichgewicht und hielt sich schließlich am Tresen fest. Sie fixierte Edgar. „Wer war dort?“
„Fred.“
Edgar hatte schon öfter erlebt, dass eine Seele eine andere aus einer Erzählung erkannte, obwohl diese nur beim Vornamen genannt wurde, wie das im Himmel üblich war. Er führte das auf die intuitive Art der Kommunikation zurück, denn auch wenn er glaubte, dass er sich mit Wörtern mitteilte, so waren diese nichts weiter als sein Sinneseindruck; er konnte genauso gut via Gedankenübertragung kommunizieren. Das wirkte sich auf die Nennung von Namen aus, denn erzählte er zum Beispiel von Fred, so wussten Zuhörer, die Fred kannten, dass Edgar genau diesen und nicht irgendeinen anderen Fred meinte, genauso wie sie bei Nennung eines anderen Freds wussten, dass nicht der gemeinsame Bekannte gemeint war. Die Identität einer genannten Seele war offenbar in deren Namen mitverpackt.
Edgar hatte nicht gewusst, dass Andrea und Fred einander kannten, doch sie war auf Anhieb darüber im Bilde, wen er meinte.
„Vergiss Fred“, rief sie, „Fred ist ein Wichtigtuer, ein Hochstapler, ein Herumtreiber, ein Besserwisser. Wenn der dir was erzählt, darfst du von vornherein nur die Hälfte glauben und vom Rest ist wahrscheinlich auch nur die Hälfte wahr, wenn überhaupt.“
„Was ist denn los?“
„Nichts ist los. Fred ist los. Vergiss Fred.“
„Was hast du für ein Problem mit ihm?“
„Das habe ich doch gerade gesagt, glaube ich.“
„Hör zu: Fred hat mich nach meiner Ankunft hier in den Himmel eingeführt. Ich verdanke ihm viel und mir hat er nie die Unwahrheit gesagt.“
„Das glaubst du nur, weil du es nicht nachprüfen kannst.“
Edgar spürte, wie er ungehalten wurde. „Jetzt mach aber einen Punkt.“
„Wer sollte schon nachprüfen, was er über die Bergregion erzählt? Niemand war dort. Er kann dir sonst was erzählen und du kannst es nicht kontrollieren.“
„Er hat keinen Grund, mich anzulügen.“
„Na, und ob er den hat. Er will sich wichtigmachen. Und wer ist wichtiger als einer, der ein ewiges Rätsel gelöst hat?“
„Ich habe ihn danach gefragt und er wollte zuerst gar nicht darüber sprechen. Jetzt weiß ich, warum.“
„Ja, damit er noch wichtiger erscheint.“
„Nein, weil er weiß, dass ihm niemand glaubt. Warum ist es für dich so unmöglich, dass er dort war?“
„Weißt du, wie viele Seelen ich kenne, die ernsthaft versucht haben, die Berge zu erreichen? Und er soll der Einzige sein, der es tatsächlich geschafft hat? Lächerlich!“
„Vielleicht hatte er einfach mehr Durchhaltevermögen, als alle anderen?“
Andrea presste die Lippen zusammen. Als sie weitersprach, klang ihre Stimme leise. „Ich kann dir dazu nur eines sagen, Edgar. Ich habe mit Fred so meine Erfahrungen gemacht. Keine guten Erfahrungen, verstehst du? Die Geschichte, die er dir erzählt hat, passt haargenau in das Bild, das ich von ihm habe. Ich weiß, ich kann dich nicht davon überzeugen, dass er lügt und ich habe keinen Gegenbeweis. Aber tu dir selbst bitte einen Gefallen und nimm das, was er sagt nicht als Grundlage für irgendeine Schlussfolgerung. Solange du selbst nicht dort warst, ist seine Erzählung nicht mehr wert als die Annahme, die Bergseelen würden miteinander in einer abgeschlossenen Exklave in den Bergen leben. Und jetzt muss ich zurück zum Turnier, ein Freund kämpft dort mit meinen Farben.“ Mit einem schlürfenden Geräusch trank Andrea ihren Mojito aus, dann löste sie sich in einem schwarz-hautfarbenen Nebel auf.
Edgar blickte entgeistert noch ein paar Sekunden auf die leere Stelle, die sie hinterlassen hatte, dann stieß er hervor: „Meine Güte, ist die sauer!“

* * *

Mit einer Zigarre auf meinem Felsen, vor mir der Ozean. Das Leben im Himmel gibt mir eine Menge zu denken und ich frage mich schön langsam, ob ich der Einzige bin, der sich solche Gedanken macht oder ob ich wenigstens zu einer Minderheit gehöre. Klar, auch Andrea macht sich Gedanken über den Sinn ihrer Existenz, über Gott und die Beschaffenheit des Himmels, auch Fred und Ebenezer und andere, die ich getroffen habe, doch habe ich nicht den Eindruck, dass sie sich von diesen Gedanken in ihrem Alltag stören lassen.
Bei mir ist das anders, denn mein Alltag wird von diesen Gedanken bestimmt.
Vor allem die Aussagen von Fred und Andrea haben mich schwer ins Grübeln gebracht, denn sie können nicht beide recht haben. Stimmt Andreas Aussage, lügt Fred, stimmt Freds Aussage, ist Andreas Anschuldigung falsch. Ich habe keine Ahnung, was zwischen den beiden vorgefallen ist, doch Andrea würde nicht so über Fred reden, wenn sie nicht schwerwiegende Gründe dafür hätte. Andererseits vertraue ich Fred, und auch wenn er einen gewissen Geltungsdrang hat – warum sonst führt er neu ankommende Seelen in den Himmel ein? –, habe ich nie erlebt, dass er mich oder jemand anderen gezielt angelogen hätte.
In einem zumindest stimme ich Andrea zu: Ich werde Freds Erzählung nicht als Basis für weitere Überlegungen nehmen.
Damit stehe ich allerdings wieder am Anfang meiner Überlegungen, denn ansonsten habe ich nichts Neues erfahren, das mich zu weiteren Schlussfolgerungen führen könnte. Das bedeutet, ich bin wieder auf Spekulationen angewiesen.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.