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Kapitel 35: Dei

von

Edgar verlagert seine Sinnsuche auf die Religion. Da er sich im christlichen Himmel befindet, erhofft er sich im Bereich der gläubigen Christen Antworten auf seine Fragen.

Edgar ließ den Federkiel ins Tagebuch sinken und den Blick über sein Meer schweifen. Er wusste, dass Spekulationen ihn nicht weiterbrachten, doch sie halfen ihm beim Denken. Was bedeutete es, wenn Fred die Wahrheit gesagt hatte? Dass die Bergseelen verschwanden, sobald sie die Berge erreichten? Wohin und warum? Wurden sie von jemandem abgeholt, von Gott zum Beispiel? Wohin wurden sie gebracht und warum? Oder wanderten sie weiter über die Unendlichkeit der Berggipfel hinweg? Und wieder: wohin und warum?
Edgar nahm einen Zug von seiner Zigarre und entließ den Rauch in den Wind.
Warum waren Bergseelen überhaupt so anders und was bedeutete es, dass sie sich aus normalen Seelen heraus entwickelten, wie Fred erzählt hatte? Zumindest, dass sie keine eigene Art von Seelen darstellten, sondern eine Variante der normalen Seelen. Was musste passieren, damit aus einer normalen Seele eine Bergseele wurde? Was musste passieren, damit aus ihm, Edgar, eine Bergseele wurde und was hätte das für Konsequenzen?  Wäre auch er von den normalen Seelen angewidert, würde auch er nicht mehr mit ihnen sprechen wollen und sich augenblicklich zu den Bergen aufmachen?“
Edgar musste feststellen, dass seine Phantasie nicht ausreichte, um sich Antworten auf diese Fragen auszudenken. Vielleicht war das Bergseelendasein ja nichts weiter als eine Krankheit oder eine Mutation, die sie in die Berge führte, wo sie getilgt wurden, damit sie nicht andere ansteckten?
Er führte seine Tagebuchaufzeichnung fort:

Aber selbst wenn ich Freds Erzählung für bare Münze nähme, wozu ich übrigens nicht bereit bin, kann ich es drehen und wenden, wie ich will, ich komme zu keinem schlüssigen Ergebnis. Um eine Erklärung dafür zu finden, wer oder was die Bergseelen sind und was es mit der Bergregion auf sich hat, müsste ich mich selbst auf den Weg zu den Bergen machen, doch dazu fehlt mir jede Motivation. Ich habe keine Lust, eine Zeitdauer im Ausmaß von vielen Erdenjahren allein auf diesem Wüstenplateau zu verbringen, nicht einmal dann, wenn ich Fred glauben würde, dass ich tatsächlich eines Tages bei den Bergen ankommen würde.
Wenn ich ein Resümee aus all meinen bisherigen Erlebnissen ziehe, muss ich feststellen, dass mir weder die Wissenschaft noch die Kunst noch die Erfüllung meiner Wünsche meine Fragen beantworten konnten. Vielleicht ist es an der Zeit, einen esoterischen, einen religiösen Weg einzuschlagen. Das hier ist doch der christliche Himmel, oder nicht? Da möchte ich doch einmal sehen, was die Christen über seine Gestalt und seine Gesetze zu sagen haben!

Im Wandel des farbigen Nebels nahm Edgar bereits Glockenläuten wahr, noch bevor sich die Umgebung formiert hatte. Es waren sehr viele Glocken mit unterschiedlichen Tonhöhen, Lautstärken und Klangqualitäten, deren Chor Edgar spontan an Ostern auf dem Land erinnerte und ein Hochgefühl in ihm auslöste. Unwillkürlich erwartete er in einem Frühlingsidyll zu erscheinen, mit hellgrünen Wiesen, blühenden Bäumen und Blumen auf einer hügeligen Landschaft zwischen verstreut liegenden Dörfern.
Doch das Gelände, das sich um ihn herum auftat, sah völlig anders aus. Zwar gab es hier Hügel, doch die Vegetation wirkte südländisch karg und ihre dominanten Farbtöne waren safrangelb und dunkelgrün. Edgar stand auf einer breiten Straße aus verwitterten Pflastersteinen, die von Seelen ohne Zahl bevölkert war. Sie alle waren zu Fuß unterwegs, die meisten von ihnen mit leichtem Gepäck, kleinen Rucksäcken, Tragetüchern und Wasserschläuchen, je nach dem Jahrhundert, in dessen Stil sie gekleidet waren. Sie alle wanderten in dieselbe Richtung.
Da er keine Ahnung hatte, wie „der Bereich der Christen“ aussah, in den er sich gewünscht hatte, schloss Edgar sich der Masse an und erreichte schon nach wenigen Schritten eine Hügelkuppe, von der sich ihm ein Ausblick eröffnete, der ihm den Atem nahm. In einer schier endlos weiten Senke vor ihm lag eine Stadt, deren Ausdehnung sich am Horizont verlor. Ihr Gesamteindruck mutete ihm wie eine Mischung aus Rom und Jerusalem an, die er beide von Bildern aus seinem irdischen Leben her kannte. Die Häuser waren eher klein, von anscheinend uralter Architektur und hatten ziegelrote Dächer, wohingegen ihre Mauern beigefarben waren. Doch sie wirkten nur wie Raumfüller, wie auch die Straßen nur Trennlinien zu sein schienen zwischen den unzähligen Türmen, Kuppeln und Schiffen all der Sakralbauten, die hier in jeder nur möglichen Größe, Stilausformung und Farbgebung erschaffen waren.
Doch das für Edgar Unglaubliche, Wunderbare, beinahe sogar Heilige dieser Metropole war eine Erscheinung, die er im Mittelfeld zwischen sich und dem Horizont sah. Dort hing, tief über der Stadt, eine Anhäufung von Schönwetterwolken, die insgesamt einen riesigen Wolkenturm etwa in Form einer flachen Pyramide bildeten. Ihr reines Weiß strahlte von innen her, bildete eine glänzende Aura um sie herum und warf mildes Licht auf die Stadt. Mehr noch, aus der flachen Unterseite der Wolke fiel ein goldener Strahl schräg nach unten und beleuchtete einen weißen Dom, welcher solche Ausmaße hatte, dass er den Anblick dieser anscheinend endlosen Stadt vollkommen beherrschte.

Edgar war unbewusst stehen geblieben um all die Eindrücke zu verarbeiten. Die Luft war erfüllt von einem so umfassenden und vielfältigen Läuten, als würden alle Glocken der Stadt gleichzeitig geschlagen. Mit einem Mal wirkte alles hier harmonisch und glückselig auf ihn, sogar der Wind schien warm seine Haut zu umschmeicheln und einen Rosenduft mit sich zu tragen.
Auch viele andere Wanderer hielten beim Anblick der Stadt in Ehrfurcht inne, bekreuzigten sich oder fielen auf die Knie, um zu beten. Erlösung stand in die meisten Gesichter geschrieben, Erlösung und Ergriffenheit. Als einer von vielen setzte schließlich auch Edgar sich wieder in Bewegung und folgte dem Verlauf der scheinbar antiken Pflasterstraße, die ihn direkt in die Stadt hinunter führte.
Eine der Seelen, die neben ihm gingen, starrte ihn an. Es war eine alte Frau, die in ihrer einfachen, zerschlissenen Kleidung mit Kopftuch wie eine ärmliche Bäuerin aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auf ihn wirkte. Sie humpelte, doch ihr strahlendes Lächeln und ihre leuchtenden Augen verrieten ihre tiefe Freude.
Als sich ihr Blick mit dem von Edgar kreuzte, sprach sie ihn an: „Sie sind zum ersten Mal auf Pilgerreise, nicht wahr?“
„Ich weiß gar nicht, ob es eine Pilgerreise ist, aber woran erkennen Sie, dass ich zum ersten Mal hier bin?“
„Kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß es einfach.“
„Ich dachte, wir alle sind zum ersten Mal hier, immerhin gehen wir ja erst auf die Stadt zu.“
Die Alte lachte großmütterlich. „Aber nein, das hier ist eine Pilgerreise. Wir pilgern alle in die heilige Stadt.“
„Wo beginnt der Pilgerpfad?“
„Darauf kommt es doch nicht an, es kommt nur darauf an, dass wir pilgern und dass wir mit unserer Reise unseren Herrn preisen.“
„Ich muss gestehen, ich bin nicht sehr gläubig – war ich nie. Deshalb kenne ich mich mit diesen Dingen auch nicht aus. Wo endet Ihre Pilgerfahrt?“
Die alte Bäuerin musterte Edgar mit einem langen und unergründlichen Blick aus ihren trübblauen Augen, als wollte sie seine ganze Seele erforschen. Als sie antwortete, klang ihre Stimme zurückhaltend und, wie Edgar fand, ein wenig geheimnisvoll: „Im Himmelreich, der Heimat unseres Herrn. Und wenn wir dort sind, werden Sie Ihren Glauben gefunden haben.“
Edgar fuhr ein Schauer über den Rücken. Konnte das sein? War Gott tatsächlich hier zuhause? Ein Teil von ihm, der wundergläubige, kindliche Teil, hoffte still und inbrünstig, dass es so war. Doch sein Verstand sagte ihm, dass dies wohl kaum der Fall sein konnte. Wenn Gott tatsächlich hier wohnte, wäre das im gesamten Himmel bekannt und all die Seelen, mit denen Edgar gesprochen hatte, hätten nicht behauptet, dass noch nie irgendjemand Gott gesehen hätte.

Am Fuß des Hügels angekommen, führte die Straße noch einige hundert Meter schnurgerade durch eine Ebene, bis sie von den ersten Häusern flankiert wurde. Unmittelbar davor stand eine massive Marmortafel am Straßenrand, auf der in römischen Versalien der Name der Stadt eingemeißelt war: „Dei“.
Als er dem Pilgerzug durch die Straßen Deis folgte, war Edgar einmal mehr überwältigt. Hatten die Häuser von der Hügelkuppe aus wie steinerne Hütten gewirkt, erwiesen sie sich nun als mehrstöckige Prachtbauten eines klassizistischen Baustils. Edgar begriff, dass er einer optischen Täuschung unterlegen war, als er die ersten Gotteshäuser passierte: Viele Kapellen, Kirchen, Kathedralen und Dome Deis waren um ein so vieles größer und prächtiger als vergleichbare Gebäude auf der Erde, dass die Häuser der Stadt dagegen unbedeutend wirkten. Freilich gab es auch kleine Sakralbauten hier, doch diese verschwanden geradezu in den Häuserschluchten und waren vom Hügel aus daher wohl gar nicht sichtbar gewesen.
Die Kirchen wiesen die unterschiedlichsten Stile auf, neben wuchtigen romanischen Münstern erhoben sich Rokoko-Kapellen, die wiederum im Schatten von hoch aufragenden gotischen Türmen standen. Zwischendrin sah Edgar auch immer wieder Phantasiestile, die für seinen Geschmack zu kindlich oder zu kurios waren, um einem Gotteshaus die ihm zustehende Würde zu geben. Ähnlich vielfältig war auch die Auswahl der verwendeten Baumaterialien sowie deren Farbgebung. Grün-weißer Marmor, schwarzer Sandstein, goldgesprenkelter Granit, bunt bemaltes Holz, nackte Stahlträger und vieles andere verwandelten Dei in ein buntes Durcheinander, das alle Kombinationen zuließ.
Merkwürdigerweise fügte sich dieses Sammelsurium der Architektur zu einem harmonischen Ganzen zusammen, wie das wohl nur im Himmel möglich war. Edgar führte dies auf die große Gemeinsamkeit zurück, die jedes Gebäude der Stadt teilte, nämlich die der Verehrung Gottes.

In Dei wurde der irdische Tag-Nacht-Rhythmus eingehalten. Nur daran erkannte Edgar, dass sein Weg durch die Stadt viele Tage dauerte, denn es verging keine Sekunde, in der er sich langweilte. Tagsüber kamen ihm bunte, bombastische Umzüge mit fröhlichen Gesängen entgegen, nachts stille Prozessionen, deren Teilnehmer in Mönchskutten gekleidet waren und große Kerzen vor sich hertrugen. Er sah Feldmessen auf kleinen, grasbewachsenen Hügeln, die plötzlich zwischen zwei Straßenzügen auftauchten, sowie Straßenfeste mit modernen Bands, die einem ekstatischen Publikum Popsongs mit christlichen Texten vortrugen. Einzelne Prediger prophezeiten unterschiedliche bevorstehende Ereignisse und immer wieder saßen Gläubige in Betzirkeln am Boden und schoben die Kugeln von Rosenkränzen durch ihre Finger.

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Roland Zingerle

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