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Kapitel 36: Wie eine lebendige Bibel

von

In Dei, der Metropole der Christenheit, werden Bibelszenen lebendig dargestellt. Auch Bräuche des Kirchenjahres werden hier gepflegt, wenn auch teilweise in einer Art, die Edgar fremd erscheint.

Besonders beeindruckten Edgar die lebensecht nachgestellten Bibelszenen. Als sein Pilgerzug eines Nachts an einer großen Kirche vorbei ging, eröffnete sich danach anstelle eines Vorplatzes ein Wüstenareal, in dem Zwangsarbeiter im Fackellicht auf einer monumentalen antiken Baustelle schufteten. Spätestens als Edgar einen weißbärtigen Mann in einem ebenso weißen, wallenden Gewand sah, wusste er, was hier gespielt wurde. Der Mann hielt einen langen Stab in der einen Hand, während er mit der anderen heftig gestikulierte und dabei laut schrie: „Lass mein Volk gehen!“ Gerichtet waren seine Worte an den Pharao, der auf einem überladenen Thronaufbau über ihm saß.
Anstelle des Vorplatzes des darauffolgenden Gotteshauses sah Edgar den Strand eines Meeres, an dem Moses – der weiße Mann von vorhin – als Anführer seines Volkes stand und beschwörend seinen Stab über dem Kopf schüttelte. Als er diesen vor sich in den Boden stieß, begann die Straße unter Edgars Füßen zu vibrieren und er sah, wie das Meer vor Moses Wellen aufwarf, die sich zu beiden Seiten symmetrisch aufbäumten und so ein Tal freigaben, das bis zum Meeresgrund reichte. Während der Weiße sein Volk in dieses Tal führte, beobachtete Edgar fasziniert, dass sich die beiden fast senkrechten Wasserwände wie eine gewöhnliche Meeresoberfläche verhielten; Wellen rollten vom Boden weg nach oben und schlugen über die Oberkante.
Ein anderes Mal querte ein hell gleißender Stern in etwa zehn Metern Höhe im Schritttempo Edgars Weg, am Boden gefolgt von drei Männern. Die Drei waren orientalisch gewandet und trugen kleine Holzkisten mit sich. Edgar spürte, wie sich seine Lippen kräuselten, denn sogar er, der Nichtgläubige, erkannte in ihnen Kaspar, Melchior und Balthasar, die drei Weisen aus dem Morgenland. Als er die Querstraße erreichte, zeigte ein Blick in die Marschrichtung der Drei auch das Ziel ihrer Reise, nämlich den Stall von Betlehem, in dem das Jesuskind soeben das Licht der Welt erblickt hatte. Edgar erkannte sogar den weißen, in einem barockähnlichen Stil errichteten Kathedralenbau, auf dessen Vorplatz er Stall stand: Es war der Jesus-Christus-Dom, von dem Helmut, Franz und Andi berichtet hatten, sie hätten in ihm während einer Auferstehungsmesse ihre erste Begegnung mit einer Bergseele gehabt.

Edgars Pilgerzug blieb während des gesamten Weges nur ein einziges Mal stehen, nämlich auf dem Hügel Golgota, welcher sich im Kreuzgang einer monumentalen Basilika erhob. Zuvor waren die Pilger gemeinsam mit einer unüberschaubaren Schar anderer Zuschauer dem Leidensweg Christi gefolgt, welcher mit dessen Verurteilung zum Tode am Eingangsportal des Kirchenbaus begonnen und sich dann Station für Station den Hügel hinauf gezogen hatte. Nun wurden die Anwesenden stumm Zeugen, wie Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Als dies geschah, schien ganz Dei in eine unheimliche Stille zu versinken, die nur vom Klopfen des Hammers durchbrochen wurde, mit welchem ein römischer Soldat die Nägel durch die Hände und Füße des Erlösers ins Holz trieb. Auch die Handlung der letzten drei Kreuzwegstationen lief in völliger Stille ab. Erst als Josef aus Arimathäa den Stein vor Jesus Grab gewälzt hatte und weggegangen war, erhob sich ein mächtiges Brummen ungezählter Stimmen, die nun unisono ein inniges Vaterunser raunten. Sogar Edgar stimmte mit ein, tief betroffen von dem Gesehenen und geradezu eingeschüchtert von der Eingeschworenheit der Gläubigen in ihrem Gebet und in ihrem Glauben.
Seine Verunsicherung wich erst, als seine Aufmerksamkeit von einem riesigen durchsichtigen Würfel gefesselt wurde, der in einem großen Platz zu schweben schien. Erst als er genauer hinsah, verstand Edgar die Gegebenheiten: Der Platz war auf seiner gesamten Fläche halbkugelförmig ausgehoben, bildete also eine riesige, regelmäßige Mulde. In dieser Mulde, aber ohne sie zu berühren, schwebte ein Würfel mit abgerundeten Ecken, der aus glasklarem Wasser bestand und so groß war, dass er über die Giebel der umliegenden Häuser hinausragte. In dem Würfel befanden sich nummerierte Türen, die, aufrecht stehend, langsam durcheinander trieben und dabei in unregelmäßigen Zeitabständen ihre Farben wechselten. Ein buntes, angenehm langsames Durcheinander, das ein bisschen an Weihnachtsbaumbeleuchtung erinnerte und in dem einige Seelen umhertauchten. Konnte er sich zunächst keinen Reim auf diese Erscheinung machen, klärte sich die Sache für Edgar, als er erkannte, dass es vierundzwanzig Türen waren, die in dem Würfel schwebten. Der Wasserkubus war ein riesiger Adventkalender.
Im Vorbeimarsch sah Edgar zwei Frauen Mitte zwanzig, eine blond, eine brünett, die vor der halbkugelförmigen Mulde standen, miteinander tuschelten und kicherten. Sie fassten sich an den Händen, zählten von drei rückwärts und rannten auf die Mulde zu, an deren Rand sie absprangen. Sie tauchten in die Seitenwand des Würfels ein, wobei das Wasser ringförmige Wellen schlug, als wären zwei Steine in einen Teich gefallen. Im Inneren des Wasserkubus tauchten sie die Türen ab, wohl auf der Suche nach einer bestimmten Nummer.
Edgar fragte sich, nach welchem Gesichtspunkt sie die Nummer wohl aussuchten, immerhin gab es mangels Zeitrechnung keinen allgemeingültigen Kalender im Himmel. Aber vielleicht, so dachte er, hatten die beiden an einem willkürlichen Tag begonnen und öffneten nun an jedem weiteren Tag eine andere Tür.
Die jungen Frauen hatten mittlerweile die offenbar gesuchte Tür mit der Nummer zwei gefunden, denn sie hatten sich im Wasser vor ihr aufgerichtet und gestikulierten einander zu. Die Haare schwebten ihnen um die Köpfe und die Arme und Beine vollführten Ruderbewegungen, um ihre Lage im Wasser beizubehalten. Schließlich berührte die Blonde den Knauf der Tür, woraufhin diese rasch zu der Größe eines Scheunentores anwuchs und sich öffnete. Edgar war verblüfft, als er dahinter einen Bienenstock in der Größe von mehreren aneinandergebauten Wolkenkratzern sah, der von Bienen in Menschengröße umschwirrt wurde. Die Blonde freute sich sichtlich darüber, umarmte kurz die Brünette und schwamm dann durch die Tür, wobei sie sich im Moment des Übertritts ebenfalls in eine große Biene verwandelte. Sie drehte sich schwirrend noch einmal um und winkte ihrer Freundin zu, indem sie mit einem der Vorderbeine wackelte, dann flog sie zu den anderen Bienen. Die Tür schloss sich und schrumpfte auf ihre ursprüngliche Größe zurück. Unmittelbar darauf mischten sich in einer kurz raschen Bewegung alle Türen durcheinander. Der Sinn dieses Vorgangs wurde Edgar klar, als die Brünette lostauchte, um die Tür mit der Nummer zwei wieder zu finden. Offenbar war die Suche ein Teil des Spiels und offenbar wurde dieses durch die periodischen Farbwechsel der Türen noch reizvoller.
Die Brünette hatte die Tür bald wieder gefunden und berührte nun ihrerseits den Knauf. Das Anwachsen und Öffnen wiederholte sich und diesmal sah Edgar eine Wiese, auf der Hunde unterschiedlicher Rassen umhersprangen, die die Größe von Pferden hatten und auf denen jauchzend kleine Mädchen ritten. Die gesamte Welt hinter dieser Tür wirkte kindlich auf Edgar, was daran lag, dass sie in Bonbonfarben gestaltet war. Zwar waren die Wiese grün, der Himmel blau und die Sonne gelb, aber eben zuckerlgrün, -blau und -gelb. Die Brünette fuhr sich mit beiden Händen in die im Wasser schwebenden Haare und schüttelte den Kopf, eine Geste, die gleichermaßen ihren Unglauben wie ihre Freude zum Ausdruck brachte. Dann schwamm sie zur Tür und hievte sich über deren Schwelle in das Trockene dahinter. Kaum aus dem Wasser, hatte sich ihr Aussehen verändert. Auch sie war nun ein kleines Mädchen und die Farben ihrer Haut, ihrer Haare und ihrer Kleidung hatten ebenfalls einen Zuckerguss-Ton angenommen. Als Edgar sich der nächsten Häuserkante näherte, sah er gerade noch, wie ein ponygroßer, rosaroter Pudel schwanzwedelnd dahertrabte und sich vor der neu Angekommenen auf seine Hinterbeine setzte, so dass sie auf seinen Rücken klettern konnte. Dann verschwand der Adventkalender im Wasserwürfel aus seinem Blickfeld.

Edgar kicherte und schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, ob es ihn mehr erstaunte, immer noch neue Dinge zu sehen, oder nach wie vor darüber zu staunen, dass er noch nicht alles gesehen hatte.
„Was haben Sie?“, fragte die alte Bäuerin freundlich, die immer noch neben ihm ging.
„Mich hat nur dieser Adventkalender da hinten fasziniert. Ich verstehe nur nicht, warum er so gestaltet ist.“
„Was meinen Sie?“
„Na ja, zum einen befindet sich hinter der Tür mit der Nummer zwei offenbar immer eine Welt, in der man seine Gestalt verändert und mit übergroßen Tieren zu tun hat.“
„Ach, das haben Sie völlig falsch verstanden. Das war nur ein Zufall.“
„Was meinen Sie?“
„Wenn Sie eine der Türen öffnen, erfüllt Ihnen der Adventkalender einen innigen Wunsch Ihrer Kindheit, der Ihnen selbst schon längst nicht mehr im Bewusstsein ist. Manchmal sind es auch Träume, die man als Kind hatte und in denen man sich besonders wohl und geborgen fühlte.“
„Verstehe. Aber warum?“
Die Alte setzte ein gespielt vorwurfsvolles Gesicht auf. „Na, weil es nun einmal der Zweck eines Adventkalenders ist, mit kleinen, netten Geschenken die Vorfreude auf Weihnachten aufrechtzuerhalten.“
„Okay, aber warum diese seltsame Form? Ich meine, ein Würfel aus Wasser hat ja nicht wirklich etwas mit Weihnachten zu tun.“
Nun lachte die alte Frau wie ein kleines Mädchen; sie lachte Edgar aus. Und als wäre das noch nicht genug, sagte sie auch noch: „Sie sind lieb!“
„Wieso?“
„Als Sie noch auf der Erde lebten und ein Kind waren, was hat Ihnen Ihre Mutter da in den Adventkalender gepackt? Wie viele Geschenke davon hatten etwas mit Weihnachten zu tun?“
Edgar dachte nach, musste aber schnell feststellen, dass die Alte Recht hatte. Freilich, einige der versteckten Schokoladestückchen hatten die Form von Nikoläusen, Engeln und Ähnlichem gehabt, doch ansonsten war es kleines Spielzeug gewesen, das tatsächlich nichts mit Weihnachten zu tun gehabt hatte.
Seine Begleiterin schien zu erkennen, dass er sie verstanden hatte, denn sie fuhr fort: „Es gibt keinen Brauch, der sich nicht immer wieder geändert hätte, Weihnachten schon gar nicht. Ich habe im siebzehnten Jahrhundert gelebt, glauben Sie mir, Sie würden nicht wissen wollen, was ich damals als weihnachtlich empfunden habe. Und dann die Ausbreitung des Christentums über die ganze Erde. Denken Sie nur, bei einer meiner Pilgerreisen habe ich mit einer Dame geplaudert, die in Neuseeland ihr Leben verbracht hatte. Bei denen war Weihnachten ein Sommerfest. Die hat mir erzählt, der Weihnachtsmann sei mit einem Surfbrett über die Wellen dahergeritten gekommen – und hätte trotzdem einen dicken Wintermantel samt Zipfelmütze getragen.“

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Roland Zingerle

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