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Kapitel 37: Der Dom des Herrn

von

Im „Dom des Herrn“ wohnt Edgar der Himmelfahrtsmesse bei, an deren Ende die Seelen angeblich zu Gott auffahren. Wird er nun endlich seinem Schöpfer gegenübertreten?

Edgar plauderte noch einige Zeit mit der alten Bäuerin und versank dann in ein nachdenkliches Schweigen. Selbst in der Spanne seines irdischen Lebens hatten sich die Bräuche verändert. Halloween etwa war in Mitteleuropa eingeführt worden, weil einige Süßigkeiten- und Verkleidungshersteller es verstanden hatten, das Fest jahrelang so populär zu machen, dass es die Kindergärtner und Grundschullehrer auf die Stundenpläne der Spiel- und Bastelstunden setzten. Selbst die Art, wie Weihnachten gefeiert wurde, hatte sich in den zweieinhalb Jahrzehnten, die Edgar bewusst erlebt hatte, merkbar geändert. Er fragte sich, warum er sich über diese Dinge nie Gedanken gemacht hatte. Oder gingen die Prozesse so schleichend vor sich, dass er sie gar nicht bewusst mitbekommen hatte?
Plötzlich nahm er eine Bewegung am nächtlichen Himmel über sich wahr. Sein Blick schnellte hin und er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen: Da kam doch tatsächlich der Weihnachtsmann auf einem Rentierschlitten über das Firmament daher und landete auf einem der Häuserdächer! Nicht genug damit stieg der kugelrunde, bärtige, in Rot und Weiß gekleidete Mann nun auch noch aus und schulterte einen riesigen Sack, dessen eckige Ausbuchtungen verrieten, dass er voller Geschenkschachteln war. Damit hüpfte er in ein Kaminrohr, das zwar nur wenige Zentimeter Durchmesser hatte, in das er aber dennoch problemlos hineinpasste.
Edgar beschloss, in das Haus hineinzuschauen. Das konnte er, sofern die Bewohner es gestatteten, was hier offensichtlich der Fall war. Tatsächlich sah er in der Wohnung, in die Santa Claus gerade einstieg, Socken an einem Kamin hängen. Im Durchgang zu einem Nebenraum, in dem eine sichtlich US-amerikanisch gekleidete Familie beim Weihnachtsschmaus saß, hing ein Mistelzweig.
Edgar warf nun auch Blicke in andere Wohnungen und Häuser, wo ihm das gestattet wurde, und erkannte so, dass die hier lebenden Seelen Weihnachten jeweils auf die Art feierten, die sie aus dem Land und der Kultur gewohnt waren, aus denen sie stammten. Er sah variantenreiche Feierabfolgen, Weihnachtsbaumschmucke, Speisen, Naschwerke, Festbekleidungen und Geschenkrituale, die er insgesamt als wunderbar vielfältig und faszinierend empfand. Und dann sah er das Christkind, wie es mit lautlosem Flattern ein Paket durch ein geschlossenes Fenster trug und unter dem Weihnachtsbaum dort ablegte. Er spürte, wie sich sein Herz mit Wärme füllte.
Da, wo Edgar gelebt hatte, hatten die Kinder nicht auf den Weihnachtsmann gewartet, sondern auf das Christkind. Mit der Zeit hatte der zunehmende Wohlstand zu einer stetigen Steigerung der Vorweihnachtseinkäufe geführt, wodurch das traditionelle Fest immer mehr zu einem geschenkeorientierten geworden war. Der Grad dieser Entwicklung war daran gemessen worden, wie sehr das Christkind durch den Weihnachtsmann ersetzt wurde, der durch Werbung, Geschenkpapier und Süßigkeitensujets in die Kinderzimmer gelangte. Diese Verdrängung war allgemein als Kulturverlust angesehen worden und auch Edgar hatte das immer so empfunden.
Nun, als er zusah, wie das Christkind wieder aus dem Fenster flatterte und über das Dach des Hauses davonflog, war er beruhigt, denn er wusste, dass alles in Ordnung war.

Schließlich kam der Pilgerzug am Ziel seiner Reise an. Edgar musste niemanden fragen, um das zu wissen, er wusste es, als sich die Gebäude um ihn herum lichteten und die Straße in einen riesigen Platz einmündete. In der Mitte dieses Platzes erhob sich jener gewaltige weiße Dombau, über dem die leuchtende Wolke schwebte. Die Größenverhältnisse hier waren für Edgar nicht greifbar. Der Dom und sein Vorplatz standen zwar in einem angemessenen Verhältnis zueinander, doch als er sich bewusst machte, dass die Punkte, die er dort vor dem Eingang sah, Seelen waren, begann er zu begreifen, wie groß der Bau sein musste und wie weit entfernt er noch war. Der goldene Lichtstrahl aus der Wolke tauchte den Dom in ein überirdisches, für Edgars Begriffe göttliches Leuchten und ließ ihn unwirklich erschienen.
Die Pilger um ihn herum seufzten, sanken zu Boden, bekreuzigen sich, verharrten im stillen Gebet oder setzten ihren Weg auf Knien fort. Edgar wartete, bis sich die alte Bäuerin neben ihm aus ihrer Andacht erhob, dann fragte er sie, ob dieser Kirchenpalast die Heimat Gottes sei. Sie schüttelte lächelnd den Kopf und erklärte, dies sei der „Dom des Herrn“, in dem sie eine Pilgermesse feiern würden. Danach, so sagte sie, würden sie ins Himmelreich auffahren und deutete dabei nach oben in die schimmernde Wolke.
Edgars Augen folgten ihrem Fingerzeig. Konnte es denn wahr sein? War die Vorstellung, Gott wohne in den Wolken und sei von harfespielenden Engeln mit Heiligenscheinen umgeben, gar nicht so kindlich-naiv, wie er immer gedacht hatte? Er sah die alte Pilgerin an und erkannte, dass sie sich in einem Zustand der Entzückung befand, weshalb er sie nicht mit weiteren Fragen belästigen wollte. Er würde weiterhin dem Pilgerzug folgen und sehen, was passierte, doch er konnte nicht umhin zuzugeben, dass in ihm eine Anspannung entstanden war, die immer stärker wurde.

Der Weg über den Platz dauerte drei Tage und drei Nächte. Das lag zum einen daran, dass die Pilger immer wieder anhielten, um auf Knien zu beten, zum anderen an seiner gewaltigen Ausdehnung. Je näher Edgar dem Dom des Herrn kam, desto unglaublicher erschienen ihm dessen Maße. Ab einer gewissen Nähe reichte Edgars Sehkraft nicht mehr aus, um die Ober- und die Seitenkanten des Baus zu erkennen; die Frontfläche des Doms verschwand ganz einfach in der Ferne. Das Eingangsportal, dessen hölzernes Doppelflügeltor offenstand, war mehrere hundert Meter breit, dennoch reichte das nicht aus, um den Anstrom der Gläubigen zu fassen, die in den Dom hineindrängten.
Als Edgar das Portal durchschritt, blickte er mit offenstehendem Mund nach oben, wo er irgendwo in einem oder zwei Kilometern Höhe den Schlussstein des Torgewölbes sah. Dieses bestand aus weißem Marmor und verjüngte sich nach oben hin in zwei zueinanderlaufenden Bögen, die spitz zusammentrafen. Dass er trotz der Entfernung den Schlussstein sehen konnte, lag daran, dass die Gewölbebögen, und damit auch der Stein, an die hundert Meter dick waren.
Edgar wurde mit der Masse unaufhaltbar in den Dom hineingeschoben. Die Innenwand der Portalmauer verlor sich zu beiden Seiten und über ihm in ein düsteres Halbdunkel. Überstrahlt wurde der Raum von einer riesigen, intensiv golden leuchtenden Kuppel, die aussah wie eine konkave Sonne. Da sich die Kuppel noch mehrere Kilometer vor und über Edgar befand, bekam er einen vagen Begriff davon, wie gigantisch der Innenraum des Doms des Herrn tatsächlich war.
„Das ist das ewige Licht“, wisperte die alte Bäuerin neben ihm erregt. „Der Lichtstrahl, der aus dem Himmelreich kommt – aus der Wolke über dem Dom – er beleuchtet die Kuppel.“
Edgars innere Anspannung wandelte sich in angstvolle Aufregung. Selbst wenn er Gott suchte, seit er im Himmel war, hatte er nun beinahe Angst davor, ihm zu begegnen. Seine Zweifel, dass das geschehen würde, schwanden mit jedem Schritt, der ihn näher unter die golden leuchtende Halbschale brachte.
Direkt unter der Mitte der Halbkugel konnte Edgar einen Altaraufbau erkennen, einem Leuchtturm gleich, der hoch aus dem Meer der Gläubigen herausragte. Auf diesem stand ein alter knochiger Mann in weißem Messgewand samt weißer Mitra mit Gold-Ornat, der eine Messe leitete. Auch hier erlebte Edgar das Phänomen, trotz der großen Entfernung in jedem Detail erkennen zu können, was der Mann tat.
„Das ist Papst Sergius III. Ihn habe ich noch nie die Himmelfahrtsmesse zelebrierten sehen.“
Edgar sah die alte Pilgerin mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wie oft waren Sie denn schon hier?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich nehme schon seit vielen Jahrzehnten immer wieder an der Pilgerfahrt teil und es sind sehr viele Päpste hier im Himmel.“
Edgar war kurz davor, die Bäuerin mit Fragen zu durchlöchern. Er wollte wissen, wo diese Pilgerfahrt begann und wie lange sie dauerte, ob sie periodisch oder durchgängig stattfand, ob die Himmelfahrtsmesse immer von einem Papst gelesen wurde und Vieles mehr. Doch es kam ihm blasphemisch vor, dass er den Zauber dieser Art der Religionsausübung erklärt haben wollte, weshalb er sich eines Besseren besann. Was er wissen sollte, würde er wohl noch erfahren und der Rest mochte ein Geheimnis bleiben.

Da Edgar die einzelnen Abschnitte einer Messe nicht kannte und ihm auch die Wechselgebete nichts sagten, kam ihm die Himmelfahrtsmesse endlos vor. Er überbrückte die Zeit, indem er das Vorgehen um sich herum beobachtete. Es waren wohl mehrere Millionen Seelen, die an dieser Messe teilnahmen. Wenn sie gemeinsam ein Gebet murmelten, glaubte Edgar den Boden unter seinen Füßen brummen zu spüren und ein Dröhnen der Luft wahrzunehmen, wenn sie gemeinsam ein Lied sangen. Währenddessen hielt der Zustrom an neuen Pilgern von draußen ununterbrochen an und Edgar bewegte sich nach wie vor im Schritttempo vorwärts, außer wenn die Messe ein Gebet auf Knien erforderte. Er fragte sich, wie all die Seelen um den Altar herum Platz fanden, und ob sie vielleicht nach der Messe auf der anderen Seite des Kirchenschiffs wieder hinauswanderten?
Die Antwort kam mit dem Höhepunkt der Messe und für Edgar völlig unerwartet. In einer weit ausladenden Geste hob Papst Sergius III. beide Hände nach oben, blickte in die leuchtende Kuppel über sich und rief laut und beschwörend: „releva nobis in caelum“, woraufhin das ewige Licht in einem goldenen Strahl, der den Durchmesser der Kuppel hatte, herabschoss. Für die Dauer eines Wimpernschlags stand diese gigantische Lichtsäule mitten im Dom, überglänzte alles und blendete Edgar. Dann war sie verschwunden und mit ihr sowohl der Papst als auch all die Gläubigen, die innerhalb ihres Umkreises gestanden waren. Die Zurückgebliebenen hielten inne und sangen einen tosenden Lobgesang auf den Herrn – dann setzten sie sich wieder in Bewegung und Edgar rückte mit ihnen weiter auf den Altar zu.
Auf diesem erschien nun eine Gestalt, die gleich gekleidet war wie Papst Sergius III., jedoch größer und kräftiger wirkte als dieser. „Papst Johannes XIX.“, flüstert die alte Bäuerin neben Edgar und bekreuzigt sich.
Der neue Papst begann ohne Umschweife mit einer Predigt und es dauerte nicht lange, bis Edgar erkannte, dass die Himmelfahrtsmesse nun von vorne begann. Während ihres Verlaufs rückten er und die anderen im Schritttempo weiter auf den Altar zu, bis ein Blick nach oben ihm klar machte, dass er sich nun unter der Kuppel befand und somit wohl bei der nächsten „Himmelfahrt“ mit dabei sein würde – sofern es denn eine war.

Edgar spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Was würde ihn erwarten? Tatsächlich das Himmelreich, in dem Gott wohnte? Würde er wahrhaftig seinem Schöpfer gegenübertreten?
Er blickte in das vergeistigte Gesicht der Alten neben ihm. Sie wusste offenbar, was sie erwartete, sie hatte es immer wieder erlebt. Hatte sie in Gottes Antlitz geblickt? Aber wie konnte das sein? Begegnungen mit Gott waren nur dann logisch, wenn die betreffenden Seelen nicht mehr zurückkehrten, andernfalls hätten sie davon erzählt und der gesamte Himmel wüsste davon – dem war aber nicht so!
Edgar bekam Angst.

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Roland Zingerle

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