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Kapitel 38: Edgars Himmelfahrt

von

Was Edgar nach seiner Himmelfahrt erlebt, erscheint ihm klischeehaft – zumindest so lange, bis er zu Gottes Thron gelangt.

Schließlich war es so weit. Papst Johannes XIX. streckte die Arme nach oben, neigt das Haupt ins Genick und rief: „releva nobis in caelum!“
Im nächsten Augenblick stand Edgar inmitten gleißenden Lichts, nahm die Seelen in seiner Umgebung wie durch goldenes Glas wahr. Im Gegensatz zum letzten Mal verschwand das Licht aber nicht sofort wieder, es umhüllte Edgar und die anderen mehrere Sekunden lang. Dann löste sich das Gold auf, wandelte sich in strahlendes Weiß und Edgar fand sich in einer Art von Himmel wieder, die er nicht erwartet hatte; nicht nach all dem, was er bisher über den Himmel erfahren hatte. Er stand in einer Landschaft aus bauschigen Schönwetterwolken, die aus sich heraus leuchteten, also offenbar in jenem Wolkenkonstrukt, das über dem Dom des Herrn schwebte. Die Wolken hatten unterschiedliche Größen, Edgar stand auf einer mit dem Ausmaß eines Surfbretts, während die alte Pilgerin in einiger Entfernung auf einer mit der Ausdehnung eines Autobusses saß. Andere Wolken hatten die Größe von Hochhäusern oder waren zu gebirgsähnlichen Formationen zusammengeschlossen. Alle Seelen, die an der Himmelfahrt teilgenommen hatten, saßen, standen oder lagen allein oder in Gruppen auf den Wolken in Edgars Umgebung. Überhaupt schien die ganze Region hier, soweit sein Auge reichte, dicht von Seelen bevölkert zu sein. Die Wolken bewegten sich, sie zogen langsam in allen drei Dimensionen aneinander vorbei, jede in eine eigene Richtung. Der Abstand zwischen ihnen war großzügig bemessen, denn trotz ihrer schier endlos großen Zahl sah Edgar immer wieder das Blau des Himmels zwischen ihnen.
Als wäre das nicht seltsam genug, musste Edgar erkennen, dass alle Seelen, auch er selbst, in weiße, bodenlange Umhänge gekleidet waren, ihnen an den Schulterblättern große, weiße Flügel herauswuchsen, golden leuchtende Heiligenscheine über den Köpfen schwebten und sie Leiern in den Händen hielten. Er blickte nach oben, um seinen Heiligenschein zu betrachten, doch dieser folgte der Bewegung seines Kopfes und kippte nach hinten. Edgar griff danach, doch der Heiligenschein war gestaltlos, die Finger glitten durch ihn hindurch, ohne dass er etwas spürte. Als er an sich hinabblickte, sah er, wie zwischen seinen nackten Zehen etwas Wolkenmaterial hervorquoll.
Unwillkürlich begann er zu lachen. Er empfand das Ambiente, wie auch sein eigenes Aussehen in einer Form kitschig, die ihn hilflos machte. Sein Gelächter klang schrill und so verrückt, dass es ihm selbst Angst einflößte. Die alte Pilgerin schwebte auf ihrer Wolke zu ihm und lächelte ihn an. Edgar erkannte an ihrem Blick, dass sie sein Lachen für ein Zeichen der Verzückung hielt.
„Habe ich Ihnen nicht versprochen, dass Sie Ihren Glauben finden werden, wenn Sie erst einmal die Heimat unseres Herrn erreicht haben?“
„Hier wohnt Gott?“
Die Alte, die nun eher einem greisen Engel ähnelte als einer Bäuerin, nickte gütig, malte ein großes Kreuzzeichen vor Edgar in die Luft und entfernte sich dann mit ihrer Wolke. Ehe sie zwischen den anderen Wolken verschwand, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und rief: „Grüß Gott, mein junger Freund!“

Edgar betrachtete unentschlossen die Harfe in seiner Hand. Er bezweifelte, dass er sie verwenden würde, deshalb wünschte er sie weg und sie verschwand. Dann begann er, sich mit seiner neuen Umgebung vertraut zu machen.
Die Wolken zu steuern gelang mittels einfachen Wünschens, und wie sich herausstellte, dienten seine Flügel nicht nur einem dekorativen Zweck. Als er sie das erste Mal ausbreitete, erschrak Edgar vor ihrer großen Spannweite und wunderte sich, dass er sie so selbstverständlich spürte wie seine Arme. Folglich fühlte sich das Flattern zwar fremdartig, aber dennoch völlig natürlich an. Edgar spürte seine Brust- und Rückenmuskeln arbeiten, die für diese Art der Fortbewegung offenbar bestens trainiert waren und schon bei den ersten kräftigen Flügelschlägen nahm er eine spürbare Entlastung seiner Beine wahr. Er flatterte weiter und erhob sich schließlich wie ein großer Vogel von seiner Wolke. Er flog zwischen den Wolken hindurch, stieg nach oben und ließ sich im Gleitflug nach unten sinken. Die Kraft, die er dem Widerstand der Luft mit jedem Flügelschlag entgegensetzte, schuf Vertrauen, gab ihm das Gefühl, das Element zu beherrschen.
Allerdings stellte er schnell fest, dass auch hier dieselben Regeln galten, wie im restlichen Himmel: Da er nie fliegen gelernt hatte, verwendete er seine Flügel nicht sonderlich geschickt. Als er einer Wolke zu nahe kam und die Ausweichbewegungen schlecht dosierte, geriet der darauffolgende Steilkurvenflug zu einem unsicheren Taumeln. Kurz überlegte er, wie es dennoch sein konnte, dass er Muskeln an den Flügeln besaß, zumal er sich diese ja nie antrainiert hatte, schalt sich im selben Moment aber einen Dummkopf, immerhin waren ja all seine Muskeln nur eine Illusion, ebenso wie die Luft und die Schwerkraft.
Edgar genoss dieses Erlebnis dennoch aus vollen Zügen. Seine Superman-Flüge waren anders gewesen, seine Bewegungen in der Luft willkürlicher. Mit den Engelsflügeln war er offenbar auf die Aerodynamik angewiesen und daher mehr eingeschränkt. Doch gerade das machte das Erlebnis intensiver und lebensechter. Auch empfand er das Arrangement der Wölkchen und Wolken faszinierend, zwischen denen er hindurchturnte, und ebenso den Anblick der Seelen in Engelsgestalt, die hier saßen, Leier spielten oder sich, wie er selbst, im Fliegen übten. Schließlich ließ er sich auf einer Wolke nieder und sah seinen Flügeln dabei zu, wie sie sich mit einem leisen Rascheln zusammenfalteten.
Er glaubte das alles hier nicht. Wie konnte es sein, dass die kindlichste aller Vorstellungen vom Himmel tatsächlich wahr sein sollte? Wie weit ging das? Thronte auch Gott hier auf der höchsten Wolke in Gestalt eines alten, weiß gekleideten Mannes mit einem langen weißen Bart? Edgar grinste schief und breitete seine Flügel wieder aus. Er wollte jetzt sehen, ob das stimmte.

Der Weg nach oben wurde ihm irgendwann zu lang. Zunächst war er geflattert, später hatte er sich auf eine Wolke gelegt und war mit dieser, wie mit einem Rennwagen, in einer Steilkurve nach oben gefahren. Doch irgendwann wurde ihm auch das zu eintönig. Außer Wolken sah er nur Seelen in Engelsgestalt beim Sitzen, Stehen, Liegen oder Fliegen, wobei sie jeweils auf ihrer Leier spielten oder nicht. Nur eine einzige Seele brach aus diesem Verhaltensmuster aus. Sie sprang mit eingeklappten Flügeln von einer Wolke zur nächsten und nahm dabei in Kauf zu fallen, wenn die angepeilte Wolke zu weit entfernt war. Dann stürzte sie mitunter eine weite Strecke ab, bis sie auf einer zufällig vorbeitreibenden Wolke auftraf, von der aus sie ihr Spiel weiterspielte.
Es war tatsächlich so, wie Edgar es sich zu Lebzeiten schon immer gedacht hatte, wenn er den Himmel auf diese Weise dargestellt gesehen hatte: Er war langweilig, weil es nichts zu tun gab, außer zu fliegen oder auf der Leier oder mit den Wolken zu spielen.
Wie weit der Weg nach ganz oben sein würde, konnte Edgar nicht abschätzen. Wann immer er hinaufblickte, bot sich ihm dasselbe Bild, nämlich Wolken, die sich über Wolken schoben, dazwischen ab und zu ein Stück blauen Himmels. Also wünschte er sich schließlich nach ganz oben und erschien – als gelte es, ein Klischee zu erfüllen – vor der untersten Stufe einer steilen Wolkentreppe. Diese verschwand wenige Meter über ihm in einem Nebelschleier, was Edgar befürchten ließ, es würde sich bei ihr um ein ähnliches Phänomen handeln, wie es die große Sandfläche in der Bergregion war. Die Frage, ob Gott dort oben war, würde immerhin unbeantwortet bleiben, wenn es niemandem gelang, ihn zu erreichen.
Doch Edgar zögerte nicht lange, sondern begann den Aufstieg. Die Wolkenbank war rasch erreicht, und als Edgar sie durchstieß, blickte er in einen klaren, blauen Himmel, von dem eine warme Sonne schien. Das obere Ende der Treppe war nur wenige Stufen entfernt, Edgar erklomm es und hielt inne. Er stand auf einem kleinen Plateau, direkt vor einem gewaltigen Wolkenthron, welcher von einer goldenen Aura umgeben war. Dieser Anblick ließ in Edgar keinen Zweifel darüber offen, dass es sich hierbei – Klischee hin oder her – um Gottes Thron handelte. Ein Schauer überfuhr ihn so intensiv, dass er ihn in die Knie zwang.

Doch die Ehrfurcht war nur von kurzer Dauer. Gott war nicht hier und dieses ganze, wie einem Kinderbuch entsprungene Ambiente entstammte wohl eher der Schöpferkraft einer kindlichen Seele als der Schöpfung selbst. Edgar erhob sich und trat entschlossen auf den Thron zu, in der Absicht, sich auf ihn zu setzen. Seltsamerweise stockte er allerdings unmittelbar davor. Was, wenn es verboten war? Zwar gab es nirgendwo einen Hinweis darauf, doch war es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass man sich nicht auf Gottes Thron setzen durfte? War das nicht ein Sakrileg? Je länger er darüber nachdachte, umso lächerlicher erschien ihm das Ganze. Selbst wenn es verboten sein sollte – er war eine unsterbliche Seele, was sollte ihm schon groß passieren?
Doch die Logik konnte nicht die Konditionierung aufheben, die Edgar ein Menschenleben lang geprägt hatte. Er wusste, es war Unfug, zumal er sich hier im Himmel befand, dennoch wagte er nicht, dagegen aufzubegehren.
Schlussendlich wandte er sich ab und wollte die Wolkentreppe wieder hinabsteigen, als ihn der Anblick, der sich unter ihm auftat, innehalten ließ. Von diesem Plateau aus konnte Edgar buchstäblich alles im gesamten christlichen Bereich sehen. Der Nebelschleier, der ihm den Blick auf den Thron von unten versperrt hatte, war von oben unsichtbar, so dass Edgar freie Sicht auf das Gewühl der Wolken hatte. Er sah durch die Wolken hindurch und jede einzelne Seele darin. Er sah auf die Stadt Dei darunter, auf ihre geradezu unglaubliche Ausdehnung und, dass sie am Ausgang der Hügelsenke an eine Küste grenzte. Als Edgar sich fragte, wo der dort beginnende Ozean wohl endete, sah er auch dessen anderes Ufer. Ebenso überblickte er das hügelige Gebiet auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt, die Straße, über die er gekommen war, den unablässigen Strom der Pilger, die in den Dom des Herrn wanderten, sowie jede einzelne der schier unendlich vielen Aktivitäten, die in der Stadt durchgeführt wurden. Und er erkannte jede einzelne Seele, wenn er es wollte.
War das hier tatsächlich der Sitz Gottes? Konnte Edgar, wenn er wollte, etwa auch in andere Bereiche des Himmels blicken? Konnte er bis auf die Erde hinunter sehen, bis zu seiner Familie?
Wieder begannen seine Gedanken zu kreisen, wieder spürte er diesen Widerstreit zwischen Verlockung und Ehrfurcht. Andrea fiel ihm ein, die gemeint hatte, dass die Seelen im Himmel alles, was sie taten, auch tun dürften. Ebenezer hatte vergleichbar behauptet, den Seelen sei nur verboten, was sie nicht tun könnten. Demnach brauchte Edgar es nur darauf ankommen zu lassen und sehen, ob es funktionierte. Andererseits, wer war er, dass er sich göttliche Fähigkeiten anmaßte? Er mochte ja hier an Gottes Platz stehen, doch er stand nicht an Gottes Stelle.
Während seiner Überlegungen war Edgars Blick starr auf Dei gerichtet. Das fiel ihm erst auf, als ihm eine der Seelen dort unten vertraut vorkam. Er riss sich selbst aus seinen Gedanken, sah bewusst hin und erkannte – seine Mutter!

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Roland Zingerle

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