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Kapitel 39: Neues aus dem Diesseits

von

Edgar trifft seine verstorbene Mutter und erfährt von ihr, wie lange er schon tot ist. Sie erzählt ihm auch, wie es seiner Familie geht.

Die Kraft verließ Edgar, er sackte auf die Knie, stütze sich mit beiden Händen am Boden ab. Er blickte noch einmal hin, so lange, bis er auch den letzten Zweifel verlor, bis er nicht mehr wegleugnen konnte, dass seine Mutter hier war, im Himmel. Sie stand im Jesus-Christus-Dom, inmitten anderer Seelen und feierte die Auferstehungsmesse mit. Sie sah um einiges älter aus, als Edgar sie in Erinnerung hatte und sie wirkte verwirrt.
Seit seinem Tod hatte Edgar nicht mehr daran gedacht, dass auch seine Eltern sterblich waren. Es war kein Thema mehr für ihn gewesen, da er ihren Tod ja nicht mehr zu fürchten brauchte. Doch als er seine Mutter nun sah, war es, als holte ihn eine schmerzhafte Vergangenheit ein und er bekam auch Schuldgefühle, weil er nie mehr an sie oder an seinen Vater gedacht hatte. Offenbar hatte es ihn nicht gekümmert, ob sie schon im Himmel waren oder nicht. Es war seltsam, doch ihm wurde klar, dass er – obwohl er sich lange an die Erinnerung an seine Frau und an seine Kinder geklammert hatte – mit seinem Tod aufgehört hatte, sich als Teil einer Sippe zu fühlen.

* * *

Einen Wunsch später stand Edgar im Jesus-Christus-Dom direkt neben seiner Mutter. Ohne es speziell gewünscht zu haben, hatte er mit seinem Ortswechsel auch seine Engelserscheinung abgelegt, offenbar war dieses Aussehen eine Besonderheit des Himmelreichs in den Wolken. Er wollte seine Mutter ansprechen, doch sie blickte starr geradeaus, als wollte sie ihn ignorieren. Schließlich nahm er sich ein Herz und sagte laut: „Mama!“
Sie reagierte nicht. Er zupfte sie am Ärmel und endlich, nach mehreren Sekunden, ging ein Zucken durch sie und sie wandte sich ihm zu. Doch ihr Blick war leer. „Ja, bitte?“
„Mama, ich bin‘s, Edgar!“
„Edgar?“ Ihr Blick wurde nachdenklich. „Edgar …“ Er spürte, wie es eng in seiner Brust wurde, dann endlich sah die Mutter ihrem Sohn direkt in die Augen. „Edgar!“
Sie fielen sich in die Arme, drückten sich, schluchzten. Die Bewegungen ihrer Hände auf seinem Rücken erinnerten ihn an früher, an sein irdisches Leben. Es schien, als hätte er diese Hände, die seit seiner Geburt die zärtlichsten von allen gewesen waren, zwischenzeitlich vergessen und als erinnerte er sich erst jetzt wieder, wie innig vertraut sie ihm immer waren. Als sie sich endlich voneinander lösten, schluckte Edgar schwer. „Wie lange bist du schon hier?“
„Ich weiß nicht.“ Die Mutter blickte sich desorientiert um. „Ehrlich gesagt … wo bin ich hier eigentlich?“ Wieder war ihr Blick ausdruckslos, abwesend.
„Na, im Himmel!“
„Ehrlich? Bist du dir sicher?“
„Warum zweifelst du daran?“
„Weil ich lange Zeit da war und … trotzdem nicht da. Ich war daheim, aber dein Papa hat mich nicht gesehen oder gehört. Es war schrecklich.“
„Du weißt aber, dass du tot bist?“
„Ja … schon … glaube ich …“
„Was ist denn passiert? Ich meine, wie bist du gestorben?“
„Es war mein schwaches Herz. Es hat mir in den vergangenen Jahren immer wieder Probleme gemacht. Aber zuletzt bin ich ins Koma gefallen und dann … dann weiß ich nicht mehr so genau.“
Edgar fiel ein, dass er ja nicht wusste, wie viel Zeit seit seinem Tod vergangen war, daher konnte er auch nicht abschätzen, in welchem Alter seine Mutter gewesen sein mochte, als sie das Zeitliche gesegnet hatte. Er fragte sie: „Wie alt warst du, als das passiert ist?“
„Dreiundachtzig.“
Edgar blinzelte. Er schüttelte den Kopf, als würde das etwas verändern. Das konnte nicht sein. Er dachte daran zurück, wie alt seine Mutter bei seinem Tod gewesen war und zog diese Zahl von dreiundachtzig ab. Dann rechnete er es noch einmal. Und dann noch einmal, doch nichts mehr änderte die Anzahl der Jahre, die seither im Diesseits vergangen waren.

Neunundzwanzig.

Als er sich seiner Umgebung wieder bewusst wurde, stand Edgar gebeugt an eine Säule gelehnt. Seine Mutter stand schräg vor ihm, vielleicht zwei Meter entfernt, hatte sich dem Altar zugewandt und murmelte mit den anderen Seelen monoton Betformeln. Solange Edgar gelebt hatte, hatte sie nie gebetet, geschweige, dass sie in eine Kirche gegangen wäre. Überhaupt verhielt sie sich höchst sonderbar. Er ging zu ihr hin und fragte: „Was ist passiert?“
„Das kann ich dir nicht sagen, Kind. Ich erinnere mich, dass ich im Koma gelegen bin. Ich habe mich selbst da liegen sehen. Aber es ist mir gut gegangen, ich bin nachhause zurückgekehrt, doch dein Papa hat nicht bemerkt, dass ich da bin. Lange Zeit nicht.“
„Und dann?“
„Irgendwann sind wir gemeinsam auf der Küchenbank gesessen und da hat er so merkwürdig zu mir hergeschaut, durch mich hindurch. Und dann hat er gesagt: ‚Es ist gut, du kannst gehen.‘ Und dann bin ich gegangen.“
„Und dann?“
„Dann war ich hier. Ich weiß nicht, seit wie lange schon.“
„Wie geht es Papa?“
„Wie soll es ihm schon gehen? Er ist über neunzig. Heike schaut regelmäßig nach ihm. Du kennst doch die Heike, nicht wahr?“
Ein hässlicher Schauer überfuhr Edgar, Tränen der Trauer und der Verzweiflung füllten seine Augen und seine Stimme klang erstickt, als er erwiderte: „Heike war meine Frau.“
Die Mutter starrte lange Zeit nachdenklich vor sich hin, dann meinte sie: „Ach ja, stimmt.“
„Wie geht es ihr? Wie geht es Heike?“
„Gut, gut. Sie geht ja jetzt bald in Pension und der Michael auch und ich glaube, sie freuen sich beide schon darauf.“
„Der Michael?“
„Ja, ihr Mann. Ach, du weißt gar nicht, dass die beiden geheiratet … stimmt, das war ja später.“
„Welcher Michael?“
„Ein ehemaliger Arbeitskollege von ihr. Er hat sich damals so rührend um sie gekümmert, nachdem du … ach Edgar, das Leben geht nun einmal weiter.“
„Wann hat sie wieder geheiratet?“
„Ach, was weiß ich. Zwei Jahre oder drei Jahre nach dir, vielleicht.“
Ein Stich in der Brust ließ Edgar sich zusammenkrümmen, doch seine Mutter schien es nicht wahrzunehmen. Eine alte Frau neben ihr fragte mitfühlend, ob sie ihm helfen könne, doch er schüttelte den Kopf. Er wusste, dies war nicht der letzte Schmerz gewesen, sondern der erste.
„Was ist aus Matthias geworden? Was aus Anni?“
„Dem Matthias geht es gut“, antwortete Edgars Mutter mit abwesendem Blick. „Er ist in deine Fußspuren getreten und hat Medizin studiert. Hat gerade das zweite Mal geheiratet, aber er will keine Kinder, hat er gesagt. Falls ihm was passiert.“
„Ich habe nie Medizin studiert, Mama, ich war Physiotherapeut.“
„Tatsächlich? Ach ja, stimmt.“
„Was meinst du mit ‚falls ihm was passiert‘?“
„Er will nicht, dass sein Kind ohne Vater aufwachsen muss, so wie er.“ Ein weiterer Schmerz krümmte Edgars Rücken, doch die Mutter bekam es wieder nicht mit, sie redete weiter: „Er hat sich mit Heike nie gut verstanden, ist bald von zuhause ausgezogen und hat nur noch das Nötigste mit ihr geredet. Und die Anni … mein Gott, ein schwieriges Mädchen! Die ist ja damals von zuhause weggelaufen, als sie sechzehn war. Die Polizei hat sie lange nicht gefunden, erst ein halbes Jahr später bei einer Drogenrazzia in Berlin. Nach dem Entzug hat sie eine Zeit lang wieder daheim gelebt, aber es war ein Drama mit ihr. Immer neue Freunde, in alle sofort kopfüber verliebt, aber nichts von Dauer. Nach ein paar Monaten war es jedes Mal wieder vorbei. Zumindest hat sie einen Beruf erlernt, ich glaube irgendwas mit Computern. Als sie dann schwanger geworden ist, ist sie fortgezogen, nach Amerika … oder war es Frankreich? Sie hat gesagt, sie hat genug von den Männern und von dem ganzen Drumherum. Als ob das eine Begründung wäre. Aber vielleicht ist es besser so, weil mit dem Michael ist sie nie gut ausgekommen und warum soll die ganze Familie darunter leiden, dass sie sich nichts sagen lässt? Na ja, jedenfalls habe ich schon viele Jahre nichts mehr von ihr gehört. Schade um das Kind.“

Die Mutter, der Jesus-Christus-Dom, alles verschwamm in farbigen Nebeln. Edgar hatte die Notbremse gezogen, er materialisierte am Strand seines Refugiums, und dass die Konturen hier nicht klar wurden, lag an seinen Tränen. Er sank in den Sand, hilflos seinem Schmerz ausgeliefert, der nicht und nicht nachlassen wollte.
Er hatte sie im Stich gelassen. Sein Abgang hatte das Leben seiner Kinder zerstört. Matthias hatte er eine eigene Familie verwehrt und Anni die Zuversicht, einen Mann zu finden, der sie nicht verlassen würde. Er stellte sich die beiden jetzt vor: Matthias, Anfang vierzig in einem Krankenhaus oder in einer privaten Ordination, wohl mit seiner Arbeit als Lebensmittelpunkt, der er vermutlich seine erste Ehe geopfert hatte. Wollte er überhaupt ein guter, konnte er ein fürsorglicher Ehemann sein? Und Anni, Mitte dreißig, allein irgendwo in der Fremde und mit ihrem Kind als einzigen Trost. Ihrem Kind, das in der Geiselhaft ihrer Verzweiflung aufwuchs und deshalb eines Tages wohl ebenso von ihr weglaufen würde, wie Anni selbst weggelaufen war.
Edgars Tod hatte nicht nur das Lebensglück seiner Kinder zerstört, sondern auch das der nachkommenden Generationen. Und wofür? Für einen besoffenen Abend.

Als die Tränen endlich versiegten und er wieder klar sehen konnte, holte Edgar das Foto seiner Familie hervor und sah sich die drei Gesichter an. Diese Familie gab es nicht mehr. Es hatte sie ab dem Moment nicht mehr gegeben, in dem er verunglückt war. Er hatte in einer Erinnerung geschwelgt und sich vorgemacht, sie sei die immerwährende Gegenwart im Diesseits. Doch es war nichts mehr davon übrig, schon seit neunundzwanzig Jahren nicht mehr.
Noch einmal strich er über Heikes Haar, über Annis Wange und stupste mit dem Daumen Matthias Nase an – dann löste er das Foto in einem kleinen farbigen Nebel auf. Und als die Kimm seines Meeren erneut ihre Kontur vor Edgars Blick verlor, wünschte er, er könnte mit sich dasselbe tun – ein für alle Mal.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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