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Kapitel 40: Familientreffen

von

Edgar bringt seine Mutter zu ihren Eltern – es gibt viel zu erzählen!

Als Edgar wieder bei seiner Mutter erschien, stand sie auf einem Marktplatz, der sich vor einer hölzernen Kathedrale befand. Ein leerer Korb hing in ihrer Armbeuge und sie interessierte sich offenbar für Devotionalien, denn sie unterhielt sich angeregt mit einer Verkäuferin an einem entsprechenden Verkaufsstand. Ihre Haltung wirkte nun aufrechter als beim letzten Treffen und Edgar fand, dass sie nun allgemein jünger aussah, aufgeräumter. Während sie sprach, lachte sie und er erkannte die für sie typische Lippenkrümmung im Mundwinkel wieder. Edgar hatte nicht gewusst, wie sehr er Kleinigkeiten wie diese vermissen würde – und zwar erst im Nachhinein, wenn er sie nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder sah.
„Den lieben Gott hat noch nie jemand gesehen“, hörte er die Marktfrau sagen, als er näherkam. „Ich sage Ihnen was: Ich bin schon seit ein paar Jahrhunderten hier, habe mir den ganzen Himmel angeschaut, die Himmelfahrtsprozession mehrmals mitgemacht und sogar jahrelang als Engel dort oben im Himmelreich gelebt, aber den alten Herrn mit dem Rauschebart, den habe ich noch nie auf seinem Wolkenthron sitzen oder sonst wo herumwandeln sehen und auch niemand sonst, mit dem ich geredet habe.“
Die Mutter wollte etwas erwidern, spürte aber offenbar Edgars Anwesenheit, denn sie hielt inne und sah ihn an. Ihr Blick hatte nun nichts mehr von der Abwesenheit von zuletzt, er war klar und bestimmt und ihr Gesicht begann zu strahlen, als sie ihren Sohn erkannte. Sie umarmte ihn herzlich und küsst ihn auf beide Wangen. „Du warst gestern plötzlich verschwunden.“
„Es tut mir leid, Mama, aber ich habe es nicht mehr ausgehalten. All die schrecklichen Neuigkeiten von daheim … ich meine … du weißt schon, was ich meine.“
„Ja, ich weiß, mein Kind. Es hat sich leider nicht zum Besten entwickelt, aber so ist das nun einmal. Es gab ja auch schöne Zeiten dazwischen, was ich dir erzählt habe, war nur die grobe Zusammenfassung.“
„Es trifft mich trotzdem.“
„Das verstehe ich ja. Aber sieh es einmal so: Es ist so geschehen, wie es geschehen ist und nichts kann es mehr ändern.“
„Das weiß ich, Mama, das kannst du mir glauben.“
„Komm, wir reden einfach nicht mehr darüber, ja? Das hier ist der Himmel, das hier ist ein neues Leben und kein schlechtes, wie mir scheint.“
„Es ist nicht so leicht …“
Der strenge Blick seiner Mutter ließ Edgar verstummen. „Für Heike war es nicht leicht. Entschuldige, wenn ich das so sage, aber sie ist nach deinem Tod nicht ins Paradies gekommen.“
„Deshalb hat sich mich auch so rasch ausgewechselt, nehme ich an.“ Edgar hatte das nicht sagen wollen, es war einfach aus ihm herausgebrochen.
Seine Mutter fuhr ihn an: „Sie war plötzlich ganz allein auf der Welt, allein mit zwei Kindern. Dein Tod hat auch sie aus ihrem gewohnten Leben gerissen, weißt du?“ Sie atmete einmal tief durch und senkte den Blick. Dann sprach sie ruhig weiter: „Sie hat jemanden gebraucht, der sie auffängt und an dem sie sich festhalten kann, das musst du verstehen. Für Papa und mich war sie wie eine Tochter, sie und eure Kinder waren ja unsere ganze Familie, als du nicht mehr warst. Und wir, Papa und ich, waren es auch, die sie dazu ermutigt haben, sich bald einen neuen Mann zu suchen.“
„Das … das glaube ich nicht!“
„Warum nicht? All ihre Trauer hätte dich nicht mehr zurückgebracht und ihr Leben ging weiter und auch das eurer Kinder.“
„Und dieser … dieser Michael …?“
„Der hat sein Bestes gegeben. Aber er hat den beiden Kleinen den Vater nicht ersetzen können, keiner hätte das gekonnt. Außerdem haben er und Heike ja arbeiten müssen, deshalb waren ihre Kinder öfter bei uns, als bei ihnen.“
„Ihre Kinder?!“
„Sei nicht so pingelig.“
„Was heißt pingelig? Es sind meine Kinder.“
„Nach deinem Tod waren sie es nicht mehr.“ Edgar glaubte nicht, dass seine eigene Mutter das soeben gesagt hatte. Fassungslos starrte er sie an und wandte sich dann von ihr ab. Doch sie hielt ihn sanft an der Schulter zurück, nahm ihn in die Arme und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist einfach so viel Zeit vergangen, seit du gestorben bist, Edgar. Da verschiebt sich alles.“
„Bei mir hat sich nichts verschoben. Ich liebe sie alle noch so, wie am Tag meines Todes.“
„Es ist anders, Kind. Du magst die Alltagssorgen auf der Erde vergessen haben, aber sie sind es, die uns am meisten beschäftigen. Alles andere muss da zurücktreten, selbst geliebte Menschen, wenn sie nicht mehr da sind.“ Sie löste sich von ihm und sah ihn an, wie sie ihn als Kind immer angesehen hatte, wenn sie ihn trösten wollte. „Als Matthias klein war, war er dir so ähnlich, dass wir geglaubt haben, wir hätten eine zweite Chance bekommen. Es war, als wärst du als Kind zurückgekommen und wir könnten dich noch einmal großziehen.“
„Deshalb habt ihr mich vergessen?“ Edgars Stimme erstickte in Tränen.
„Rede keinen Unsinn, niemand hat dich vergessen. Aber die Zeit geht weiter und irgendwann beginnen die Erinnerungen sich zu verändern. Eines Tages haben deine Kinder gefragt, wer du warst und wir haben ihnen von dir erzählt. Heike, Papa und ich, jeder hat ihnen Erlebnisse erzählt, die wir mit dir hatten. Natürlich erzählt man da die Anekdoten, die einem am lebendigsten in Erinnerung sind und die Kinder wollten diese Geschichten immer und immer wieder hören. Und wenn man von jemandem immer dieselben Geschichten erzählt und hört, dann vergisst man mit der Zeit, wer der Mensch wirklich war. Man verwechselt ihn mit der Person in den Erzählungen. Deshalb habe ich dich gestern fast nicht wiedererkannt. Ich hatte fast vergessen, wer du wirklich warst, weil die schmerzvolle Erinnerung an deinen Tod das Letzte war, was mich an dein wirkliches Leben erinnert hatte. Da wollte ich dich schon lieber so in Erinnerung behalten, wie wir dich deinen Kindern beschrieben haben.“
Edgar brach haltlos in Tränen aus und auch in den Augen seiner Mutter schimmerte es. Er wusste, sie wollte ihm nicht wehtun und er wusste, es war richtig, dass sie ihm unverblümt die Wahrheit sagte. Dennoch tat es weh und dennoch wollte er es nicht wahrhaben. Nach einer Weile ließ der Schmerz nach und Edgar spürte zum ersten Mal, seit er seine Mutter im Himmel angetroffen hatte, wie der Druck von ihm abfiel und sein Herz wieder leichter wurde. Das Lachen, das nun zwischen seinen Tränen hervorbrach, fühlte sich wie ein Sonnenschein im Regen an. „Wenn du vergessen hast, wer ich wirklich bin, dann solltest du wissen, dass ich etwas mit Jesus gemeinsam habe. Wir beide haben am Thron Gottes erfahren, dass unsere Mutter gestorben ist.“
Auch sie lächelte und nahm ihren Sohn einmal mehr in den Arm. „Versündige dich nicht, Kind.“* * *Als Edgar mit seiner Mutter in der Wohnstraße ihrer Kindheit erschien, schlug sie die Hände vor den Mund und schnappte nach Luft. „Das ist … das ist ja …“
„Ich weiß.“ Er hatte ihr nicht gesagt, wohin er sie bringen würde, er hatte ihr nur eine Überraschung versprochen.

Die beiden hatten auch bei einem längeren Gespräch nicht herausfinden können, wie lange sie nach ihrem Tod noch bei Edgars Vater geblieben und wann sie schließlich in den Himmel übergewechselt war. Somit konnte es durchaus sein, dass Edgars Unfall länger als neunundzwanzig Jahre her war, vielleicht dreißig oder gar einunddreißig, doch das spielte jetzt keine Rolle mehr für ihn. Er schien endlich akzeptiert zu haben, was – wie Fred es ihm gleich zu Anfang geraten hatte – er gleich nach seinem Tod hätte akzeptieren sollen: Vergangenes war vergangen.
Dabei waren Edgar seine Großeltern wieder eingefallen, die sich nicht von dieser Vergänglichkeit allen Seins hatten beeindrucken lassen. Sie hatten im Gegenteil ihren Himmelsbereich gemäß ihren Erinnerungen gestaltet, lebten bewusst in ihrer Vergangenheit und waren, so schien es, glücklich darin. Da hatte Edgar beschlossen, wenigstens diesen Teil seiner Familie wieder zusammenzuführen.

Seine Mutter war hin und weg. Sie ging ein paar Schritte die Straße entlang, und als sie sich im Kreis drehte, um sich umzusehen, sah es wie ein Tanz aus. Endlich schaffte sie es, ihre Hände vom Mund zu nehmen und sie jubelte: „Das ist meine Kindheit, hier war ich soo glücklich!“ Ihre Blicke blieben an ein paar Kindern haften, die am Straßenrand spielten. Sie waren blond, die Mädchen trugen Zöpfe und hatten Kleidchen an, während die Buben das Haar gescheitelt trugen und in Lederhosen gekleidet waren. Edgars Mutter zeigte auf eines der Mädchen und rief: „Das könnte ich sein.“
„Das ist noch lange nicht alles, Mama.“ Edgar kam nicht gegen sein Grinsen an. Er nahm sie an der Hand und zog sie zu dem Mehrfamilienhaus hin, in dem ihre Eltern wohnten. Freilich erkannte sie es sofort, jauchzte auf und lief los, als wäre sie tatsächlich wieder das kleine Mädchen ihrer Kindheit.
Als sich beide der Steintreppe näherten, die zur Eingangstür hinaufführte, ging rechts davon das Fenster auf und der Kopf von Edgars Großmutter erschien. Ihre Augen waren auf ihre Tochter gerichtet, Unglauben und Hoffnung spiegelten sich darin. „Gretl? Gretl, bist du das?“
Die Angesprochene blieb abrupt stehen und starrte zurück. Edgar kam es so vor, als sei seine Mutter kleiner geworden, jünger. „Mama?“, fragte sie fassungslos, „das … das kann doch nicht sein.“
„Ja, aber natürlich bin ich es.“ Die Großmutter wandte sich lachend um und rief aufgeregt ihren Mann ans Fenster. Auch dieser erstarrte zunächst und brach dann in ungläubige, tränenreiche Freude aus, als er seine Tochter nach so vielen Jahren wiedersah. „So kommt doch herein“, rief die Großmutter eifrig gestikulierend und nur Augenblicke später lagen sich Großeltern und Mutter in den Armen und weinten vor Glück.

Die darauffolgende Zeit – Edgar schätzte, es mussten Wochen sein – verging mit Reden, Lachen, Essen und Trinken. Edgars Großeltern und seine Mutter tauschten Erinnerungen aus der Kindheit der Mutter aus und erzählten ihm Geschichten von ihr als Heranwachsende. Dann musste seine Mutter ihren Eltern erzählen, was seit deren Tod im Diesseits passiert war und schließlich war Edgar an der Reihe, um seiner Mutter von der Zeit zu erzählen, in der er bei seinen Großeltern gelebt hatte und allen Dreien, was er seit seiner Abreise von hier erlebt hatte.
Es war ein sehr freudiges Wiedersehen, ein harmonisches Miteinander, ein Familientreffen nach langer Zeit.

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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