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Kapitel 41: Abschied

von

Edgar schließt mit seiner Familie ab und ist nun innerlich bereit für einen Neubeginn. Doch dieser gestaltet sich als radikaler, als er es erwartet hätte.

Für Edgar zeichnete sich schnell eine Entwicklung ab, die den anderen offenbar nicht bewusst war: Je länger er und seine Mutter hier waren, desto jünger schien sie zu werden – und auch seine Großeltern. Sogar die Art, wie sie miteinander sprachen, veränderte sich. Alles schien auf eine Situation zuzusteuern, die weit in der Vergangenheit lag, nämlich jene, in der seine Mutter bei ihren Eltern aufgewachsen war. Es schien, als wäre diese Zeit die glücklichste im Leben von allen Dreien gewesen und als wollten sie wieder so zusammenleben, wie damals.
Tatsächlich saß Edgar schon bald nicht mehr als Sohn und Enkel mit am Tisch, sondern als ein liebgewonnener Gast und seltsamerweise tat ihm diese Erkenntnis gar nicht weh. Durch die Zeit, die er damals hier verbracht hatte, war ihm klar geworden, dass er nicht auf Dauer mit seinen Großeltern zusammenleben konnte und durch die sich nun vollziehende Verjüngung seiner Mutter hörte diese immer mehr auf, seine Mutter zu sein.
Irgendwann wusste Edgar, dass seine Zeit gekommen war. Er stand vom Tisch auf und nahm Abschied von seiner Großmutter, seinem Großvater und seiner Mutter. Auch sie verabschiedeten sich herzlich, umarmten ihn, doch es war kaum noch ein Familiengefühl dabei. Als sie ihm vom Fenster aus nachwinkten, sahen seine Großeltern aus wie Anfang dreißig und seine Mutter wie eine junge Erwachsene, die gerne ein Kind wäre und sich fortan wohl wie eines verhalten würde. Alle drei lachten über das ganze Gesicht und in so ähnlicher Weise, dass jeder sie als Einheit wahrnehmen musste, als Familie.
Edgar prägte sich dieses Bild des Glücks tief ein. Er machte sich keine Illusionen, er würde sie hier, in ihrem privaten Paradies nicht mehr stören und sie würden dieses wohl nicht mehr verlassen. Sie würden einander nie wieder sehen.

* * *

Es ist leer. Mein Refugium ist leer! Mein Erscheinen auf meinem Strand fühlte sich an, als hätte ich mein Haus betreten, deren Einwohner – meine Frau und meine Kinder – ich gerade zu Grabe getragen hätte. Dabei sind nicht sie es, die gestorben sind, sondern ich bin es, und zwar schon vor langer, langer Zeit.
Mein persönliches Paradies, in dem ich mich stets so wohl und daheim gefühlt habe, hat mit einem Mal keine Seele mehr, ist zu einem fremden Küstenabschnitt geworden. Weniger noch, zu der Attrappe eines fremden Küstenabschnitts.
Wie schon so oft balancierte ich über meine Felsen hinaus ins Meer, setzte mich auf meinen Lieblingsstein, wünschte mir eine Havanna in die Hand und schaute zur Kimm – doch es bedeutete mir nichts mehr. Alles, was ich je mit diesem Ort verbunden habe, ist nun weg und darum ist mein Rückzugsgebiet nun leer und entseelt.
Das ist meine eigene Schuld. Aus Angst vor der Wahrheit habe ich mich so an die Vorstellung geklammert, alles könnte wieder wie früher werden, dass ich das Offensichtliche ausblendet habe. Ich muss wieder an die Seele jener alten Frau im Krankenhaus denken, die damals schon einundzwanzig Jahre lang die lebenden Pfleger vergeblich um Hilfe angesprochen hatte, weil sie nicht akzeptieren konnte, dass sie tot war. Ich weiß noch, wie ich den Kopf darüber geschüttelt habe, dass man sich über einen so langen Zeitraum hinweg selbst etwas vormachen kann. Jetzt muss ich erkennen, wie arrogant diese Einstellung war, jetzt, da ich selbst drei Jahrzehnte lang geglaubt habe, ich hätte eine Familie und es wäre – irgendwie – nur eine Frage der Zeit, bis ich sie wiedersähe.
Doch ich habe keine Familie mehr. Familie ist eine Angelegenheit des Erdenlebens, keine des Himmels. Niemand wartet auf mich, da unten, und wenn ich hier auf sie warten würde, auf meine Frau und meine Kinder, würde ich vollkommen andere Menschen antreffen als jene, an die ich mich erinnere.
Als die Wiedersehensfreude mit meiner Mutter abgeflaut war, hatten wir keine Gemeinsamkeiten mehr. Wiedersehensfreude ist etwas in die Vergangenheit Gerichtetes und die Vergangenheit kehrt nie wieder.
Das und nichts anderes ist die Wahrheit!
Ich bin allein, weil ich tot bin und ich bin einsam, weil ich das nie akzeptieren konnte.

Edgar roch Brandgeruch. Er legte das ledergebundene Buch mit den Pergamentblättern und den Gänsekiel auf seine Knie und sah sich zu seinem Strand um. Über dem Wald, dort, wo er damals den Weg durch seine Kindheit und seine Jugend gesucht hatte, um seinen Rückzugsort zu finden, stieg eine massive Rauchfront auf. Der ganze Wald brannte. Edgar blickte zu seinem Tagebuch und den Gänsekiel hinab und löste beide in bunte Wölkchen auf. Dann erhob er sich, denn es war Zeit zu gehen. Er sprang über die Felsen zum Strand zurück und sah dabei zu, wie die haushohen Flammen in erschreckender Geschwindigkeit auf ihn zu rasten. Als er den Strand betrat, setzte Ascheregen ein, wie ein Schneefall mitten in den Tropen, und gleich darauf brach die wütende Flammenwand durch die Palmen hervor, brüllte ihm regelrecht entgegen. Wie ein entfesseltes Raubtier fraß sich das Feuer durch den Sand, entzündete ihn, als bestünde er aus Schwarzpulver, und erfasste schließlich Edgar mit einem ohrenbetäubenden Tosen. Die Flammen tobten auf und in ihm und schließlich fraß die Glut sich durch den Sand unter seinen Füßen hinweg. Edgar drehe sich um und sah zu, wie der Feuerstreifen auf seinen Ozean hinaus fegte und dabei alles verdampfte, auf das er traf, die Wellen, die Felsen, den Himmel, die Sonne, alles.
Als es vorbei war, herrschte Stille. Nichts war zurückgeblieben als das unendliche Weiß, in dem nur noch er war, Edgar, und sonst nichts mehr. Als wäre er wieder erst gestorben – und wieder erst neugeboren.

* * *

Als Edgar erneut Andrea aufsuchte, lebte sie noch immer in ihrem Pseudo-Mittelalter-Milieu. Diesmal war sie in Lumpen gehüllt, trug Kopftuch und Augenklappe und saß mit einigen finster aussehenden Gesellen am dunkelsten Tisch jener Kaschemme, in der Edgar soeben materialisiert war.
Dass das Ambiente nicht authentisch war, erkannte Edgar an der Sterilität, es fehlten der Schmutz, das Ungeziefer, der Gestank. Sein Erscheinen in der Gaststube hatte Andreas Aufmerksamkeit erregt, sie winkte ihm freudig zu, und als er sich ihrem Tisch näherte, lösten sich ihre Zechkumpane in Nichts auf.
Edgar küsste sie auf die Wangen und ließ sich auf die Bank ihr gegenüber fallen. „Erfundene Gesellschaft, hm?“
„Das verkürzt die Wartezeit.“
„Auf wen?“
„Anshelm. Eigentlich müsste er längst hier sein, aber vermutlich hat er sich irgendwo auf der Straße in einen Streit eingelassen und dabei vergessen, dass er sich nicht im echten Mittelalter befindet.“
„Was ist das für ein Kerl?“
„Einer von den Jungs, von denen ich dir das letzte Mal erzählt habe. Die seit dem Mittelalter hier herumgeistern.“
„Klingt nicht unproblematisch.“
„Ist er auch nicht. Ich nehme an, du kommst zu mir?“
„Ja.“
Andrea sah ihn forschend an. In ihrem Blick erkannte Edgar eine Ahnung davon, dass dies kein unverbindliches Plauderstündchen werden würde. „Was ist geschehen?“
„Ich habe meine Mutter getroffen.“
Sie verdrehte die Augen in einer Weise, als erinnerte sie das an ein ähnliches Erlebnis mit ihrer eigenen Mutter. „Ach du Scheiße.“
„Du sagst es.“
„Sie hat dir von deiner Familie erzählt, stimmt‘s?“
„Ich habe keine Familie. Schon lange nicht mehr.“
Wieder forschte sie in seinen Augen, wieder entfuhr es ihr, nur diesmal etwas leiser: „Scheiße.“
„Dreißig Jahre, Andrea. Seit rund dreißig Jahren bin ich nun schon hier. Und was habe ich die ganze Zeit über gemacht? Ich habe mich mit Sport und Spielen vergnügt und mich wie ein kleines Kind darüber gefreut, dass die physikalischen Kräfte hier nicht gelten. Als mir langweilig wurde, bin auf die Suche nach dem Sinn des Himmels gegangen und habe mich weiß Gott wie elitär dabei gefühlt. Dann habe ich den Künstlern und den Christen dabei zugesehen, wie sie ihre Glückseligkeit fanden.“
„Du willst mir doch etwas Bestimmtes sagen, oder?“
Diesmal war es Edgar, dessen Blick in Andreas Augen forschte. „Du hast mir einmal gesagt, dass du hier unzufrieden bist“, begann er, „dass du von einem Bereich zum nächsten wanderst, um Erfahrungen zu sammeln. Um zu verstehen, warum die Seelen so sind, wie sie sind.“
„Sinngemäß.“
„Du willst wissen, was die Aktivitäten der einzelnen Seelen der Gesamtheit bringen – uns allen? Ich sage es dir: gar nichts!“
Edgars theatralische Pause zeigte nicht die beabsichtigte Wirkung. Im Gegenteil, sie gab Andrea die Möglichkeit, ihm in die Parade zu fahren. „Edi, du schiebst Frust, weil du endlich in der Wirklichkeit angekommen bist. Aber das bedeutet nicht, dass das Leben sinnlos ist.“
Edgar verzog den Mund zu einem sardonischen Lächeln. „Mein Frust ist vielleicht der Auslöser für diese Gedanken, aber nicht der Grund. Wir Seelen haben keine Gemeinschaft. Hätten wir eine, hätten wir einen Staat, eine Regierung, eine Verwaltung und was sonst noch alles dazugehört. Das ist aber nicht der Fall. Wir streifen alleine durch den Himmel, bleiben hie und da eine Zeit lang hängen, und wenn es uns nicht mehr gefällt, dann streifen wir weiter.“ Andrea war sichtlich verblüfft. Einerseits von Edgars Entschiedenheit und andererseits von den Schlussfolgerungen, von denen sie nicht wissen konnte, dass sie eigentlich von Ebenezer stammten. „Und weil wir nur einzeln organisiert sind, bringt das, was wir tun oder nicht tun, nur uns selbst etwas. Wo keine Gemeinschaft ist, kann einer solchen auch nicht gedient werden.“
Andrea blickte Edgar stumm an, dann gestand sie: „Wenn du den Sinn zerstören willst, den ich meiner Existenz gebe, dann gelingt dir das ganz gut.“
„Woher willst du wissen, was der Sinn deiner Existenz ist? Ist nach deinem Tod irgendein Engelswesen zu dir gekommen und hat gesagt: ‚Siehe hier, das ist der Sinn deiner Existenz‘? Also zu mir nicht. Mir hat ein großer silberner Kerl den Weg ins Jenseits gezeigt, danach war ich auf mich allein gestellt, und zwar völlig.“
„Edi – was willst du mir eigentlich sagen?“
„Dass das hier, dieser ach so wunderbare Himmel, unmöglich das Paradies sein kann.“
„Ach? Und das weißt du, weil …?“
„Weil das Paradies ein Zustand der vollkommenen Glückseligkeit ist. Und ich bin nicht glücklich.“
Andrea sah Edgar einmal mehr verblüfft an, doch diesmal war noch mehr in ihrem Blick, eine Art Erkennen, als wüsste sie aus eigener Erfahrung, was er meinte.
„Gott zum Gruße, edle Maid!“
Edgar fuhr herum. Neben ihrem Tisch stand ein Mann in einem Kettenhemd mit Kreuzritter-Überwurf. Sein Henriquatre war gleich schwarz wie sein wallendes Haar, das bis zu seinem Nacken hinabreichte. Der stechende Blick und die aufrechte, fast steife Haltung machten seine geringe Körpergröße mehr als wett.
„Wie oft soll ich dir das noch sagen, Anshelm? Ich bin nicht edel.“ Edgar hörte den Ärger in Andreas Stimme, weil Anshelm sie in ihrer Überlegung gestört hatte.
Dieser verzog den Mund zu einem kaum sichtbaren Grinsen. Andrea stellte Edgar und den Kreuzritter einander vor, wobei Anshelm dem Handschlag noch eine tiefe Verbeugung voranstellte, bei der er sich die rechte Faust ans Herz hielt. Er nahm Platz und hielt auch im Sitzen den Oberkörper steif aufrecht, während er seinen rechten Unterarm auf die Tischplatte legte. Er blickte zu Andrea, dann zu Edgar und schließlich erhob er sich wieder. „Ich erkenne, ich habe Ihre Unterhaltung gestört und bitte, dies zu entschuldigen.“ Nach einer weiteren Verbeugung mit der Faust am Herzen löste Anshelm sich in buntem Rauch auf.
Andrea, die ihm gerade hatte widersprechen wollen, warf Edgar einen genervten Blick zu. „So etwas macht er jedes Mal, es ist nicht zum Aushalten.“
„Du meinst, er verschwindet immer?“
„Nein, er ist immer so übertrieben höflich. Kann er nicht einfach fragen: ‚Was geht denn hier ab?‘“
Edgar lachte. „Steck ihn einmal in einen Skater-Fummel, vielleicht wird er dann lockerer.“
Auch sie lachte.

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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