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Kapitel 42: Die Entscheidung

von

Edgar will den Himmel verlassen. Nacheinander sucht er die Seelen auf, die ihm am meisten bedeuten, und will sie dazu bewegen, mitzukommen.

Dann sah Andrea Edgar wieder in die Augen. „Ich bin auch nicht glücklich. Aber was willst du machen? So ist es nun einmal.“
„Aber doch nur, weil jeder es so hinnimmt. Wenn ich in meinem irdischen Leben unglücklich war, habe ich versucht, die Dinge zu ändern, die mich unglücklich machten. Warum soll das hier anders sein?“
„In deinem irdischen Leben hast du dich mit viel mehr Dingen arrangieren müssen als hier. Im Vergleich dazu ist das hier wirklich der Himmel.“
„Ich pfeif auf einen Himmel, der nur im Vergleich zur Erde gut dasteht! Wenn ich schon allein sein muss, dann in einem Paradies, das diesen Namen auch verdient, verstehst du?“
„Und was willst du tun? Den Himmel verlassen und nachsehen, ob draußen irgendwo ein Paradies herumschwirrt, das deinen hohen Ansprüchen gerecht wird?“
„Nein, ich werde den Himmel verlassen, um Gott zu finden.“
„Das ist doch nicht dein Ernst!“
„Da kannst du aber Gift drauf nehmen. Der alte Herr soll mir erklären, wie er das Leben nach dem Tod gemeint hat, das Paradies und die Ewigkeit und alles. Denn das hier, das ist nicht mehr als eine Theaterkulisse.“
„Klar, Gott hat ja nichts anderes zu tun, als dir Rede und Antwort zu stehen.“
„Das will ich aber meinen, immerhin bin ich sein Geschöpf!“
„Das bin ich auch.“
„Dann komm halt mit!“
Andrea starrte Edgar mit riesengroßen Augen an. „Du … du meinst es wirklich ernst?“
„Worauf du dich verlassen kannst.“
„Du willst den Himmel verlassen? Bist du irre?“
„Nein, aber irre werde ich, wenn ich hier bleibe.“
„Ich … ich glaube wirklich, du solltest dir das noch einmal überlegen. In Ruhe, wenn du dich beruhigt hast.“
„Ich glaube eher, du solltest dir überlegen, ob du nicht doch mitkommst.“ Edgar stand auf. „Seit zwei Jahrhunderten geisterst du hier herum und wozu? Um mit anzusehen, wie glücklich man hier werden kann, wenn man nur oberflächlich genug ist. Kannst du das bringen, ich meine oberflächlich werden? Ich kann es nicht. Und weil ich keine andere Perspektive sehe, gehe ich, egal was du sagst.“ Die Verzweiflung in Andreas Blick mochte daher rühren, dass er den Himmel verlassen wollte, oder daher, dass sie selbst es nicht wagte, Edgar wusste es nicht. „Du weißt, wie du mich findest“, setzte er deshalb noch drauf, „aber warte nicht zu lange.“ Dann löste er sich auf.

* * *

Die ganze Umgebung sah aus wie nach einem Flächenbrand, der Boden war anthrazitfarben und sumpfig, voller Schlammlöcher, in denen Hitzeblasen an der Oberfläche zu Dampf zerplatzten. In einem dieser Löcher war, bis zum Hals, Edgar erschienen, vis-a-vis von Fred, der selbst im Schlamm seine Brille aufhatte und spontan aufstöhnte. „Hat man nicht einmal für fünf Minuten seine Ruhe?“
„Eine Wohltat für einen Körper, der gar keiner ist?“ Edgar feixte ihn an.
„Irgendeiner meiner Schützlinge hat mir einmal gezeigt, wie wohltuend eine Dusche ist, wenn man es sich wünscht. Du weißt nicht zufällig, wer das war?“
„Du kannst dich daran erinnern?“
„Klar, ich erinnere mich an alles, was ich im Himmel je erlebt habe. Nur mit den Namen hapert es ein bisschen.“
„Hast du Lust auf eine große Bestrafung?“ Fred riss Augen und Mund auf, doch Edgar ließ ihm keine Zeit für eine Antwort. „Ich werde den Himmel verlassen. Kommst du mit?“
Fred schüttelte sich und begann meckernd zu lachen. „Du willst wohl, dass ich einen Herzinfarkt kriege, oder?“
„Es ist kein Scherz.“
„Wie kommst du plötzlich darauf?“
„Ganz einfach: Nachdem ich endlich kapiert habe, dass ich seit meinem Tod keine Familie mehr habe, habe ich meinen Zufluchtsort abgefackelt, weil er mir unter diesen Umständen nichts mehr bedeutet. Mir ist hier überhaupt der Sinn ausgegangen. Seit Jahrzehnten streune ich durch die Gegend und schnuppere in die einzelnen Bereiche hinein, die andere Seelen für sich geschaffen haben. Wo soll das enden? Soll ich bis in alle Ewigkeit ein Nomade bleiben? Sei mir nicht böse, aber ich brauche ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann, etwas, das mir einen Sinn gibt.“
„Du hast noch immer nicht begriffen, wie der Himmel funktioniert.“
Edgar kannte diesen Tonfall, es war jener, in dem Fred ihn immer über die Zusammenhänge im Himmel beschulmeistert hatte. Doch dieses Mal, das spürte er genau, steckte mehr dahinter. Fred mochte es zugeben oder nicht, die Vorstellung, den Himmel zu verlassen, erfüllte ihn mit nackter Angst und diese wollte er mit seiner Dozentenmanier kaschieren. Deshalb ließ Edgar ihn gar nicht erst weiterreden. „Für mich ist das hier nicht der Himmel, es ist ein Jahrmarkt. Und für dich?“
Wie schon Andrea schien auch Fred von Edgars Entschlossenheit beeindruckt zu sein, zumindest soweit, dass er dessen Ansinnen nicht ins Lächerliche zog. „Ich habe mich nie beklagt. Es ist mir hier immer gut gegangen, weißt du?“
„Und es kotzt dich nicht an, immer und immer wieder dieselben Wörter abzuspulen, um immer und immer wieder dieselben Fragen der Neuankömmlinge zu beantworten? Seit wann machst du das schon? Seit Jahrhunderten? Und wie lange willst du es noch machen? Bis in alle Ewigkeit?“
„Ich … ich gebe ja zu, dass … aber deswegen das ewige Gesetz brechen …“
Diesmal nahm Edgar bei Andrea Anleihe: „Was für ein ewiges Gesetz? Wenn es so etwas wie ein ewiges Gesetz gibt, dann regelt es die Art, wie wir hier leben. Und das bedeutet: Was wir nicht dürfen, dazu sind wir auch nicht in der Lage und wozu wir in der Lage sind, das dürfen wir auch.“
„Und die große Bestrafung? Wenn es erlaubt wäre, den Himmel zu verlassen, warum gibt es dann die große Bestrafung?“
„Wer sagt, dass es eine Bestrafung ist? Außer dass es unangenehm ist, passiert doch niemandem etwas.“ Freds Kiefer klappte auf und zu und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich in die Enge getrieben fühlte. Edgar wusste, dass er mit Argumenten allein nichts erreichen würde, deshalb lenkte er ein. „Fred, hör zu: Ich werde den Himmel verlassen. Ich finde sogar die Vorstellung, dass sich meine Seele auflöst, erträglicher, als die, dass ich mir für alle Ewigkeit jeden Wunsch sofort erfüllen kann. Ich erzähle dir das, weil ich glaube, dass du es ähnlich siehst und vielleicht mitkommen möchtest. Wenn du aber auch in den kommenden Jahrhunderten oder Jahrtausenden lieber neu angekommene Seele in den Himmel einführen willst, dann spricht freilich nichts dagegen.“
Freds Gesichtszüge kamen in Bewegung und schienen sich nicht mehr beruhigen zu lassen. „Wann brichst du auf?“
„Bald. Ich klappere nur noch ein paar Seelen ab, die mir am Herzen liegen und die vielleicht mitkommen möchten und dann geht’s los.“
„Wenn ich mitkomme, sage ich dir rechtzeitig bescheid. Aber warte nicht auf mich, Ede. Für den Fall, dass wir uns nicht mehr wiedersehen, wünsche ich dir viel Glück. Du bist ein feiner Kerl, ich werde dich vermissen.“

* * *

Als Edgar sich zu Ebenezer wünschte, erlebte er den Schreck des Jahrzehnts, denn er erschien auf einem winzigen Sims in einer senkrechten Felswand, mehrere hundert Meter über Grund. Durch seine Überraschung verlor er beinahe das Gleichgewicht, was ihm eine Heidenangst einjagte – für die er sich gleich darauf selbst auslachte, immerhin konnte ihm ja nichts passieren. Er ließ sich vom Sims kippen und schwebte etwas von der Felswand weg, um zu sehen, wo Ebenezer war. Er fand ihn, wie er es erwartet hatte, in der Felswand kletternd, keine drei Meter neben dem Sims – welches offenbar nur für Edgars Ankunft entstanden war, denn Ebenezer schimpfte: „He, mach mir keine Nischen in den Fels!“
„Ich freue mich auch dich zu sehen, Ebi.“
„Ebi? Du spinnst wohl.“
Edgar grinste, denn selbstverständlich wusste er, wie sehr Ebenezer jede Verniedlichung seines Namens hasste; dazu hielt er ihn für zu einzigartig. „Ist schon gut. Lass die Klettersachen hängen und komm mit, ich muss mit dir reden.“
„Und ich nehme an, deine Postkutsche fährt bald ab, weshalb du im Stress bist?“
Edgar stand neben ihm in der Luft und lehnte sich an den Felsen. „Du meinst, so wie dein Berg in ein paar Minuten verschwinden wird, weil er eine Verabredung hat?“
Der Ausdruck in Ebenezers Gesicht schien sich nicht zwischen Ärger, Belustigung, Neugier und Sturheit entscheiden zu können. Schließlich meinte er: „Na schön“, und stieß sich vom Felsen weg.
„Ich werde den Himmel verlassen“, sagte Edgar gerade heraus, und als Ebenezer nicht darauf reagierte, fragte er nach: „Was meinst du dazu?“
„Ich wünsche dir viel Glück.“
„Ist das alles?“
„Was erwartest du denn von mir?“
„Na, dass du mitkommst, selbstverständlich.“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Weil du keine Angst davor hast, den Himmel zu verlassen und weil dir hier auf Dauer ohnehin langweilig wird.“
„Mir war noch nie langweilig, und wenn doch, ist mir immer noch ein Abenteuer eingefallen.“
„Es gibt kein größeres Abenteuer im Himmel, als ihn zu verlassen.“
„Das stimmt vielleicht, aber was hilft‘s dir, wenn deine Seele dafür vernichtet wird?“
Während die beiden sprachen, schwebten sie in großen Kreisen langsam nach oben, als würden sie nebeneinander her spazieren.
„Ich glaube, ich höre nicht richtig“, fuhr Edgar auf, „wer hat denn getönt, die große Bestrafung sei gar keine Bestrafung, es gäbe kein ewiges Gesetz und was nicht verboten sei, sei erlaubt?“
„Was man eben so sagt, nicht?“
Als Edgar Ebenezer ansah, erkannte er in dessen scheinbar entschuldigenden Gesichtsausdruck, dass er ihn nur auf den Arm nahm. „Also im Ernst jetzt“, brachte er es darum auf den Punkt, „kommst du mit? Wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja wieder umkehren.“
Ebenezer schwebte vor Edgar hin und hielt inne. Sie waren nun etwa einen halben Kilometer über der Stelle, an der sie losgeflogen waren. „Weißt du, das ist tatsächlich der einzige Punkt, der mich davon abhalten würde: Es ist noch nie jemand zurückgekommen.“
„Was nichts zu bedeuten hat.“
„Was das Einzige ist, das wir fix über die Gegend da draußen wissen. Alles andere ist reine Spekulation, aber dass noch keine einzige Seele, die je den Himmel verließ, je wieder zurückgekehrt ist – das wissen wir.“

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