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Kapitel 43: Diskussionen

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Es ist soweit: Edgar schart seine Reisegefährten um sich und bespricht die Einzelheiten des Aufbruchs. Dabei geschieht Unerwartetes.

Edgar setzte sich wieder in Bewegung und Ebenezer folgte ihm. „Wie du weißt, habe ich mich, was das Aussehen des Himmels betrifft, ein bisschen umgehört. Ich glaube, ich habe dir auch von Sven Nansen erzählt, dem Astrophysiker in der Nachbildung der Atacama-Wüste, oder?“
„Ja.“
„Nansen hat meine Erforschung des Himmels mit der Erforschung eines Goldfischglases durch einen Fisch verglichen. Er hat gesagt, der Fisch würde dabei immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkommen, weil er im Kreis schwimmt. Aus irgendeinem Grund geht mir dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf. Einmal angenommen, der Himmel und das Goldfischglas lassen sich vom Prinzip her vergleichen, dann handelt es sich in beiden Fällen um einen abgeschlossenen Lebensraum, der innerhalb eines anderen Lebensraums existiert. Wenn der Goldfisch verstehen will, welchen Stellenwert sein Glas im Außerhalb davon einnimmt, muss er es von außen betrachten und das kann er nur, wenn er es verlässt. Auf unsere Situation übersetzt bedeutet das, dass ich unmöglich erfahren kann, wie der Himmel aussieht, solange ich mich noch in ihm befinde. Wie der Goldfisch würde ich mich mit meinen Schlussfolgerungen ständig im Kreis bewegen und immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkommen. Will ich also wissen, wie der Himmel gestaltet, in welchem spirituellen Umfeld er eingebettet ist und welchen Stellenwert er in diesem Umfeld einnimmt, dann muss ich ihn verlassen.“
„Die Sache hat nur einen Haken: Wenn der Goldfisch das Glas verlässt, bezahlt er seine Neugier mit dem Leben.“
Edgar verstummte und sann eine geraume Zeit lang nach. Dann meinte er: „Das scheint der springende Punkt zu sein, nicht wahr? Das wäre auch eine Erklärung dafür, dass die Exilanten nicht mehr zurückgekehrt sind. Weil der Lebensraum da draußen nicht für uns Seelen geeignet ist.“
„Und deshalb, mein lieber Edgar, deshalb lasse ich mir die Oberflächlichkeit hier bis ans Ende der Zeit auf den Pelz brennen.“
Edgar ignorierte das, er war viel zu sehr in seiner gedanklichen Analyse gefangen. „Es scheint überhaupt ein natürliches Prinzip zu sein, dass der Lebensraum einer Spezies von einem größeren umgeben ist, in dem sie nicht überleben kann. Das Goldfischglas ist von Luft umgeben, in der zwar der Goldfisch nicht leben kann, der Mensch aber sehr wohl. Der menschliche Lebensraum wiederum ist vom Weltall umgeben, in dem der Mensch nicht leben kann. Im Unterschied zum Goldfisch hat es der Mensch aber geschafft, sein Biotop kurzzeitig zu verlassen und im Weltall zu leben. Das geht allerdings nur, weil er in einer Art Blase seines eigenen Lebensraums reist.“
„Und weiter?“ Ebenezer klang interessiert.
„Vielleicht kann ich irgendwie eine Art Himmelsblase erschaffen, die mich vor der Umgebung schützt, die mich da draußen erwarten wird?“
„Dazu musst du aber zwei Dinge wissen und eine Niederlage einstecken. Ding Nummer eins, welches sind die Elemente deines Lebensraums hier, die dich als Seele überleben lassen? Ding Nummer zwei, was macht die Sphäre, die deinen Lebensraum umgibt, lebensfeindlich, also wovor musst du dich da draußen schützen? Niederlage: beides kannst du nicht in Erfahrung bringen.“
„Vielleicht geht dieser Gedanke ja grundsätzlich in die falsche Richtung. Bevor ich hier im Himmel angekommen bin, ist meine Seele elendslang im Einheitsweiß getrieben. Das war zwar nicht schön, aber auch nicht tödlich. Genau genommen ist meine Seele ja unsterblich, insofern besteht vielleicht gar nicht die Gefahr einer Auslöschung, sondern nur die der ewigen Reizlosigkeit. Demnach wäre die schlimmstmögliche Folge meines Auszugs, auf ewig im Einheitsweiß treiben zu müssen und unfähig zu sein, irgendetwas zu tun.“
„Das glaube ich nicht. Immerhin wusstest du kurz nach deinem Tod noch nicht, wie der Hase hier läuft, andernfalls hättest du dich wohl eher hier eingefunden.“
„Vielleicht sollte ich also meine menschliche Gestalt behalten, wenn ich das unendliche Weiß betrete, vielleicht ist das die Blase meines Lebensraums, die mich vor der Feindlichkeit des umgebenden Lebensraums schützt?“
„Wozu? Das unendliche Weiß ist ja nicht lebensfeindlich, hast du selbst gerade gesagt. Abgesehen davon, wie kommst du auf die Idee, dass der Himmel vom unendlichen Weiß umgeben ist?“
„Von was denn sonst?“
„Na von einer Sphäre, die auch das unendliche Weiß umgibt. Denk einmal nach: In dem Zeitraum, in dem du im Weiß getrieben bist, warst du bereits im Himmel, du hast nur noch nicht gewusst, wie du ihn verändern kannst. Wenn du dich entscheidest, den Himmel zu verlassen, wird dich das in eine völlig andere Sphäre katapultieren, nämlich in jene, die den Himmel tatsächlich umgibt – und damit auch das unendliche Weiß, denn aus nichts anderem besteht der Himmel.“
„Aber darauf kann ich nicht aufbauen. Wie soll ich mich vor etwas schützen, das ich nicht kenne?“
„Meiner Meinung nach stellst du ganz grundsätzlich die falsche Frage.“
„So?“
„Die Frage lautet nicht, was können wir tun, um unserer Auslöschung oder der ewigen Sinnlosigkeit zu entgehen, sie lautet: Ist uns der Himmel tatsächlich so unerträglich, dass wir ihn verlassen wollen, egal was mit uns geschieht?“
Edgar sah Ebenezer erfreut an. „Wir?“
„Wie lautet deine Antwort?“
„Ja!“

* * *

Dass er andere Seelen rufen konnte, egal, in welchem Bereich sie sich gerade aufhielten, hatte Edgar bald nach seiner Ankunft im Himmel am eigenen Leib erfahren. Das Erlebnis damals war ungewöhnlich für ihn gewesen, denn plötzlich hatte er gewusst, dass eine andere Seele seine Anwesenheit wünschte. Er hatte gewusst, welche Seele ihn rief und auch wieso. Das Gefühl dabei war so stark und eindeutig gewesen, als hätte er einen Telefonanruf erhalten. Als er sich später genauer über diesen Mechanismus informiert hatte, hatte man ihm erklärt, dass diese Art der telepathischen Kommunikation tatsächlich wie ein Telefon genutzt werden konnte, dass das aber niemand tat, weil es genauso einfach und für beide Seiten angenehmer war, wenn die eine Seele bei der anderen erschien.
Doch heute wollte Edgar diese Fähigkeit nutzen. Er wollte sich mit all den Seelen zusammensetzen, die ihm grundsätzlich ihre Bereitschaft dazu signalisiert hatten, den Himmel mit ihm verlassen zu wollen. Für dieses Gemeinschaftstreffen hatte er in der Bierspelunke, die damals sein erster Eindruck von der Partymeile gewesen war, ein Extrazimmer mit einem runden Tisch geschaffen. Das erschien ihm passend, denn so wurde der erste Schauplatz seiner eigenständigen Gehversuche im Himmel auch zum letzten. Stilistisch zum Rest der Spelunke passend, hatte der Raum eine Wandvertäfelung aus dunklem Holz und ein schummriges, schmutzigen Lampen geschuldetes, gelbes Licht. Als er mit seinen Vorbereitungen fertig war, setzte er sich an den Tisch und rief Andrea, Fred und Ebenezer und machte dabei klar, dass dies sein letztes Lebenszeichen vor seinem Aufbruch sein würde. Wer mitkommen wolle, müsse dies jetzt entscheiden. Dann lehnte er sich zurück und wartete, gespannt, wer von den Dreien erscheinen würde.
Obwohl er fix mit Ebenezer gerechnet hatte, war es Andrea, die als Erste kam. Ihr Blick war seltsam unbestimmt, überhaupt erschien ihr ganzes Verhalten Edgar fremd. Sie kam wortlos auf ihn zu, umarmte ihn und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, ehe sie neben ihm Platz nahm.
„Du kommst mit?“
Anstelle einer Antwort nickte sie nur, ohne von der Tischplatte aufzusehen.
Als Nächster erschien Ebenezer, der Helmut, Andi und Franz im Schlepptau hatte, worüber Edgar sich hellauf freute. Die Männer begrüßten einander herzlich und Edgar stellte sie Andrea vor und umgekehrt. Wie sich herausstellte, hatte Ebenezer die drei anderen dazu überredet, mit ihm das „größtmögliche Abenteuer des Himmels“ zu bestreiten.
Edgar vergrößerte Raum und Tisch, um für die unerwarteten Ankömmlinge Platz zu schaffen, woraufhin Fred erschien. Dieser sah lustig in die Runde, doch sein Blick verfinstert sich, als er Andrea entdeckte. „Du schon wieder.“
Andrea sprang auf und nahm eine Art Kampfhaltung ein, von der Edgar nicht sagen konnte, ob sie der Verteidigung oder dem Angriff dienen sollte. „Was tust du hier?“, fuhr sie Fred an.
„Ich bin eingeladen, und du?“
Andrea wandte sich ab, drehte sich aber gleich wieder zurück; sie schien unschlüssig, ob sie ihren Platz am Tisch verteidigen oder verschwinden sollte.
„Setzt euch“, befahl Edgar mit lauter Stimme und beide gehorchten. „Ich möchte jetzt erfahren, was zwischen euch vorgefallen ist. Also?“ Beide starrten stumm auf die Tischplatte. „Fred?“
Der Angesprochene sah auf und Edgar direkt in die Augen. Sein Gesicht war verschlossen, so verschlossen, wie Edgar es noch nie bei ihm gesehen hatte. „Ich glaube, das geht nur uns beide etwas an.“
„Das sehe ich anders. Wenn wir gemeinsam den Himmel verlassen wollen, begeben wir uns auf eine Reise ins Unbekannte. Da können wir persönliche Querelen nicht gebrauchen.“
„Ich kann mich beherrschen, wenn sie es kann.“
Andrea sprang wieder auf und fauchte Fred regelrecht an: „Wer von uns beiden hat sich beim letzten Mal nicht beherrschen können? Wer?“
Edgar wusste, dass er die Kontrolle über die Stimmung an diesem Tisch behalten musste. Deshalb fuhr er dazwischen, noch ehe Fred Andrea antworten konnte: „Werdet ihr euch gegenseitig helfen, wenn es notwendig sein sollte?“
„Ja!“ Andreas Unbeherrschtheit richtete sich nun gegen Edgar.
In Franz Händen erschien eine Packung Popcorn, aus der dieser sofort zu naschen begann, während sein Blick gespannt zwischen Andrea, Fred und Edgar hin und her sprang.
„Ja“, sagte auch Fred, nun bedeutend ruhiger, „unsere Differenzen gehen nicht so weit, dass wir uns gegenseitig die Auslöschung wünschen, nicht wahr?“
Andrea starrte wieder auf die Tischplatte und nickte, aber so kurz, dass jedem klar sein musste, dass sie Fred nicht das Gefühl geben wollte, er hätte sie dazu gebracht, irgendetwas zu tun.
Dieser verbuchte das offenbar als Erfolg, denn mit einem Mal wirkte er wieder so fröhlich, als hätte es den vorangegangenen Wortwechsel nie gegeben. Er blickte in die Runde, klatschte in die Hände und rief: „Warum hat mir keiner gesagt, dass wir Freunde mitbringen dürfen? Wenn das so ist, habe ich nämlich auch noch einen Kandidaten.“ Er schloss die Augen und ließ den Kopf sinken, wohl um besagten Begleiter zu rufen.
„Ich auch“, knurrte Andrea mit funkelnden Augen.
Mit dieser Entwicklung der Dinge hatte Edgar nicht gerechnet, doch sie war ihm sehr recht. Ohne sagen zu können warum, ging er davon aus, dass die Chance, Gott zu finden, mit zunehmender Gruppengröße stieg. Aber vielleicht war das auch nur ein Überbleibsel seines irdischen Denkens

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Roland Zingerle

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Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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