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Kapitel 44: Neun Gefährten

von

Es sind nun neun Gefährten, die den Himmel verlassen wollen. Bei ihrem Treffen stellen sie einander vor und erzählen, was sie zu diesem Schritt bewogen hat.

Kaum zehn Sekunden später stand Anshelm im Raum, gekleidet in Kettenhemd, Kettenhaube und Waffenrock. Die Anwesenden sahen ihn erstaunt an, während er die rechte Hand zum Gruß hob. „Wir gehen auf einen Kreuzzug, wurde mir berichtet?“
„Der ist ja voll krass, Alter!“ Franz sprang auf und wollte um den Tisch herum zu Anshelm gehen, doch Helmut hielt ihn zurück und deutete ihm mit strenger Miene, sich wieder zu setzen.
„Eigentlich ist es das genaue Gegenteil“, antwortete Edgar Anshelm, „wenn ich mich recht erinnere, sichert ein Kreuzzug seinen Teilnehmern unter anderem einen Platz im Himmel, nicht wahr?“
„Und nie verwelkenden Ruhm im Himmelreich.“
„In unserem Fall ist es umgekehrt: Wir ziehen aus dem Himmel aus und man wird uns dafür ächten.“
Anshelm fasste sich mit der Schwerthand an die Brust. „Wichtig ist allein, dass wir dem Ruf unseres Herzens folgen. Wenn Gott es will, dann werden wir ihn finden.“
„Dein Wort in seinem Ohr, lieber Freund. Nimm Platz.“
Quasi im selben Moment erschien auch Freds Freund, ein mittelgroßer pummeliger Mann mit teigigem Gesicht. Edgar schätzte ihn auf Mitte fünfzig und ihm fiel auf, dass er betont modisch gekleidet war und erkennbar weiblich. Er hielt einen Fächer in einer Hand, mit dem er abwechselnd gestikulierte und sich Luft zufächelte. Nach einem Blick in die Runde kommentierte er: „Hach, ist das altbacken hier.“
Edgar sah, wie die anwesenden Männer den Neuankömmling mit offenen Mündern anstarrten, während Fred verschmitzt lächelnd ihre Reaktionen beobachtete.
„Kommt sonst noch jemand?“, fragte Edgar in den Raum, als der Mittfünfziger Platz genommen hatte.
Die anderen sahen einander an und schüttelten die Köpfe.
„Ich würde mir ja eine schlanke Blondine wünschen, aber ich bezweifle, dass sie mit mir den Himmel verlassen wird.“ Andi war der Einzige, der über seinen Witz lachte.
Da es am Tisch nun wieder eng geworden war, vergrößerte Edgar diesen und den Raum ein weiteres Mal.
Anshelm nickte ihm anerkennend zu. „Eine Tafelrunde, das gefällt mir.“
Edgar ergriff das Wort: „Da sich jetzt neue Gefährten eingefunden haben, ist es, glaube ich, sinnvoll, dass wir uns gegenseitig vorstellen. Aber vorab möchte ich sicherstellen, dass es keine Missverständnisse gibt. Das Ziel unserer Reise lautet: Wir verlassen den Himmel. Wir wollen Gott finden und von ihm erfahren, welchen Sinn das Jenseits hat. Wer von euch ist nicht bereit, das zu tun?“ Niemand zeigte auf. „Dann ist es beschlossen.“
Edgar stellte sich nun in kurzen Worten selbst vor, indem er von seiner Tätigkeit im irdischen Leben, vom Jahr und den Umständen seines Todes und in groben Zügen von seinem Weg durch den Himmel erzählte, sowie vom Grund für seinen Entschluss, diesen zu verlassen.
Nach ihm erzählten Andrea, Fred und Ebenezer von ihren Werdegängen und danach Helmut, Andi und Franz. Die letzten drei stammten aus unterschiedlichen Jahrzehnten des Zwanzigsten Jahrhunderts, zogen aber gemeinsam von Bereich zu Bereich, seit sie sich das erste Mal getroffen hatten. Ihr Antrieb den Himmel zu verlassen wurzelte ihren Worten zufolge in ihrer Langeweile. Demnach hätten sie hier schon so Vieles erlebt, dass es kaum noch etwas gab, das ihnen einen „Kick“ verschaffte. Den Himmel zu verlassen und damit das Risiko der Selbstvernichtung einzugehen, erschien ihnen genau die Art von Kick zu sein, die sie wollten.
Dann war Anshelm an der Reihe. Obwohl es keiner seiner Vorredner getan hatte, erhob er sich von seinem Sessel und nahm Haltung an. Während er sprach, stützte er sich mit den Knöcheln des Zeige- und des Mittelfingers seiner rechten Hand von der Tischplatte ab. Die Gesten seiner Linken untermalten seine Worte, die er so souverän und getragen vorbrachte, als hätte er sich schon lange auf diesen Moment vorbereitet. Ansonsten bewegte er nur seinen Kopf, wenn er seinen Zuhörern abwechselnd sein Gesicht zuwandte.
„Mein Name ist Anshelm. Zu meinen Lebzeiten trug ich den Adelsrang eines Ritters, doch man bedeutete mir bereits vor geraumer Zeit, dass sich die Nennung des Ranges nicht mehr zieme, weder im Himmel noch auf Erden. Sei’s drum. Meine Familie war verarmt, was ihr aber nicht zur Schande gereichte, denn unser Stolz war ungebrochen und ebenso waren es unsere Tugenden. So war es auch nicht an mir zu zögern, als Papst Urban II. im Jahr des Herrn 1095 zur Kreuzfahrt gegen die Muslime aufrief, die die heiligen Stätten der Christenheit fest in ihrer Hand hielten.“
Edgar hob eine Hand, um Anshelms Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Anshelm, Anshelm … Ich unterbreche dich nur ungern, aber auch wenn uns die Ewigkeit zur Verfügung steht – du musst den Kreuzzug nicht in Echtzeit erzählen, okay? Bitte gib uns die Kurzfassung.“
Einige der Anwesenden lachten verhalten, während Anshelm Edgar erzürnt ansah und etwas Unverständliches in seinen Henriquatre brummte, ehe er fortfuhr: „Sei’s drum. Nach vier entbehrungsreichen Jahren voller Verluste, in denen wir zahlreichen Heiden das Leben nahmen, prüfte Gott der Herr unseren Glauben vor den Toren Jerusalems. Obwohl die Muslime, die sich feige hinter den Toren der Heiligen Stadt verschanzten, alle Brunnen der Umgebung zugeschüttet hatten, um uns auszudörren, und alles Holz im weiten Umkreise geschlagen und versteckt hatten, so dass es uns unmöglich war, Belagerungsgerät zu bauen, hielten wird stand. Tag um Tag, Woche um Woche.“
„Monat um Monat“, ulkte Franz und erntete einige Lacher.
„Anshelm …“, unterbrach Edgar erneut, doch der Angesprochene ignorierte beide.
„Es war Gottfried von Bouillon zu verdanken, dass wir die Stadt schließlich nahmen, auch wenn es viele Tage dauerte und vielen unserer braven Recken das Leben kostete. Ich selbst wurde tödlich verwundet, doch hielt ich stand, bis Jerusalem in die Hand der Ritter des Heiligen Kreuzes gelangte. Da erst war ich gewiss, dass all meine Sünden abgelassen waren und dass mich im Himmelreich nie verwelkender Ruhm erwartete und schied in das ewige Leben dahin. Es war der 15. Juli im Jahr des Herrn 1099.“
Nach einer rhetorischen Pause, in der er wie in einer Gedenkminute schwieg, erzählte Anshelm in ähnlich pathetischer Weise von seiner Ankunft im Himmel und seinem anfänglichen Erstaunen darüber, wie anders hier alles war, als die Priester auf der Erde es versprochen hatten. Edgar bat ihn mehrere Male, seine Erzählung zu beschleunigen, was Anshelm jedoch nur bedingt befolgte. Am Ende seiner Rede erklärte auch er seine Beweggründe, den Himmel zu verlassen. Wie es schien, hatte er es längst schon satt, den Seelen der Neuzeit das Hochmittelalter näher zu bringen. Zwar seien die Seelen an der Kultur, an der Küche und an der Technik seiner Zeit interessiert, doch ginge es ihnen immer nur um die Fassade, um die materiellen Äußerungen. Noch nie hätte ihn jemand nach dem spirituellen Hintergrund gefragt, ohne den diese Dinge jedoch hohl und sinnleer seien.
„Unser gemeinsamer Zug ins Ungewisse“, endigte er, „ist nun genau das, was mein altes, gleichwohl jederzeit noch kraftvoll pochendes Ritterherz zum Jubeln bringt. Wohl zum ersten Male seit neun Säkula bin ich vom selben Gefühl beseelt, das mich auch dereinst vor Aufbruch ins Morgenland beseelte. Drum lasst uns zu dieser neuen Kreuzfahrt aufbrechen, ihr seht mich jung, wie dereinst!“
Der nun aufbrandende Applaus war nicht Anshelms Rede geschuldet, sondern der Tatsache, dass er ebendiese zu einem Ende gebracht hatte.
Als Letzter in der Vorstellungsrunde war der weiblich gekleidete Mann an der Reihe, den Fred eingeladen hatte. Auch er erhob sich, um zu sprechen, doch im Gegensatz zu Anshelm war sein voluminöser Körper ständig in Bewegung, was aussah, als bewegten sich unter seinem Gewand lose gestopfte Polster. Die Gesten seiner Arme, der Finger seiner rechten und des Fächers in seiner linken Hand wirkten hektisch.
„Also ich bin der Jacques und ich bin der Freund von dem Fred. Das heißt – nicht sein Freund, sondern ein Freund.“ Er kicherte frivol. „Fred war so nett, mich im Himmel zu empfangen, aber ich muss schon sagen: es ist ent-setzlich hier!“
Jacques erzählte von seinem erst kürzlich zu Ende gegangenen Leben als erfolgreicher Modedesigner, das er in jeder Sekunde in vollen Zügen genossen hätte. Man hätte ihn bejubelt und vergöttert, ein Umstand, der ihm hier im Himmel sehr fehlte, weshalb er auch nicht bleiben wollte. Seinen Krebstod hätte er nur deshalb akzeptiert, weil er keine andere Wahl gehabt hätte, hingenommen hätte er ihn nie.

Als Jacques von der fehlenden Anerkennung sprach, bemerkte Edgar, dass Freds Blick unstet von einem der Anwesenden zum anderen schnellte. Edgar selbst wäre nicht darauf gekommen, doch nun, als er das sah, schien ihm, als verschwiege Fred etwas; als verschwiege er Jacques etwas.
Edgar hatte eine Ahnung, worum es dabei ging: Eine Seele, die so im Äußerlichen verhaftet war wie die von Jacques, musste sich im Himmel eigentlich wie ein Fisch im Wasser fühlen, immerhin erfüllte der Himmel ja nur Wünsche, die das Äußerliche betrafen. Dass Jacques sich dessen noch nicht bewusst geworden war, konnte eigentlich nur bedeuten, dass er sich im Himmel noch nicht eingewöhnt hatte und dass Fred ihn diesbezüglich im Dunkeln ließ. Hatte er Jacques etwa nur eingeladen mitzukommen, um Andrea einen Verbündeten vor die Nase setzen zu können?

„Also zum Schluss noch einmal für alle zum Mitschreiben“, beendete Jacques soeben seine Selbstvorstellung und fuchtelte dabei mit Hand und Fächer, „alles ist besser, als hier zu bleiben. Besser ein hübscher Tod als ein hässliches Leben, sag ich immer.“ Er lachte gespielt meckernd und setzte sich wieder.
Edgar erkannte in den Gesichtern der Männer am Tisch eine unterdrückte Belustigung. Nur Anshelm grinste offen und sagte schließlich: „Der Sultan der Rum-Seldschuken hatte dereinst einen Harem in Nicäa. Dort hatte man solche wie dich als Aufseher.“
Andrea wandte sich ab, um ihr Lächeln zu verstecken, Fred setzte ein ehrlich verblüfftes Gesicht auf, Ebenezer lachte aus voller Kehle und die übrigen prusteten mehr oder weniger verhalten.
Doch Jacques ließ den Spott an sich abperlen: „Hach, dein Penisneid ist doch genauso antiquiert wie dein Outfit!“
Anshelms Grinsen verwandelte sich in schallendes Gelächter. Edgar war erleichtert, dass der Ritter offenbar auch Freude an Gefechten hatte, die nicht mit Waffen ausgetragen wurden. Er ergriff das Wort:
„Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht sind, gibt es nur noch eine Frage zu klären: Wann brechen wir auf?“
„Also, mich hält hier nichts“, sagte Jacques.
Helmut, Andi und Franz verständigten sich mit einem Blick, den Helmut für die anderen übersetzte: „Uns auch nicht.“
Edgar sah Anshelm an, welcher in Übereinstimmung mit seinen Vorrednern entschieden den Kopf schüttelte.
„Andrea, Ebenezer, Fred, wie lange braucht ihr, bis ihr eure Angelegenheiten geregelt habt?“
Ebenezer vollführte eine wegwerfende Geste. „Darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber die paar Typen, denen ich Goodbye sagen würde, die werden mich sowieso verfluchen, wenn sie mich erst am Strand stehen sehen. Also scheiß drauf, von mir aus kann‘s losgehen.“
„Ich … ich hätte schon noch ein paar …“, begann Fred kleinlaut. Es hatte den Anschein, als getraute er sich nicht, eine andere Meinung als die Mehrheit zu vertreten.
Ausgerechnet Andrea kam ihm zu Hilfe: „Ja, ich auch.“
Edgar nickte. „Macht euch auf den Weg und wenn ihr fertig seid, kommt hierher zurück. Wir warten auf euch.“

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Roland Zingerle

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