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Kapitel 45: Im Exil

von

Dass Edgar und seine Gefährten den Himmel verlassen wollen, führt zu einer großen Bestrafung an dem bereits bekannten Strand und zum Furor der zurückbleibenden Seelen. Die Exilanten fragen sich bang, was wohl geschehen wird, wenn sie in das schwarze Wasser hinausgehen.

Sie waren bereit. Edgar blickte seine acht Gefährten nacheinander an und bekam von jedem ein Kopfnicken als Bestätigung. Dann äußerte er still ihren gemeinsamen, allerletzten Wunsch: „Wir wollen den Himmel verlassen.“
Die Bierkneipe verwandelte sich, löste sich in Wolken auf, welche sich zu dem Strand formierten, den Edgar vom letzten Mal kannte, als eine Gruppe Exilanten den Himmel verlassen hatte. Die Gegend war unverändert: flache, sandfarbene Felsen und ein Himmel, dessen Schwarzgrau ebenso bedrohlich auf ihn wirkte, wie jenes des aufgewühlten Meeres, das seine Wellen immer wieder mit anscheinend wütendem Tosen gegen das Ufer anrennen ließ.
Noch war der Strand leer, doch kaum waren die Neun erschienen, lief eine Vibration über den Himmel. Es sah aus, als sei dieser nur eine Projektion auf einer Wasserfläche, über die Erschütterungswellen dahinzogen. Gleich darauf folgte noch eine Vibration, diesmal stärker. Wie schon beim ersten Mal, als Edgar dieses Phänomen erlebt hatte, beschleunigte und verstärkte sich der Effekt auch diesmal, nur mit dem Unterschied, dass ausschließlich der Himmel erschüttert wurde, während der Boden ruhig blieb. Das Pulsieren wirkte dennoch furchteinflößend, immerhin schien es, als würde der Himmel zerbersten wollen.
Aber Edgar und die anderen – mit Ausnahme von Jacques – wussten, worauf sie sich eingelassen hatten und was ihnen bevorstand. Sie hatten ihre Wahl getroffen, was immer nun kommen und wie es sich gestalten würde, das würden sie hinnehmen. Wenn die sogenannte große Bestrafung tatsächlich eine Strafe war, dann würde sie nur jene treffen, die hier bleiben.
Sie sahen sich gegenseitig an, neun aufeinander eingeschworene Seelen, bereit, alles aufzugeben, um alles zu gewinnen oder alles zu verlieren. In jedem Gesicht spiegelten sich dieselben Gefühle: Ein Mut, der nur vage stärker war als die Angst, Standhaftigkeit im Angesicht der bevorstehenden Anfeindungen, eine Hoffnung, die die Unsicherheit bannte und das Bewusstsein, Teil von etwas Außergewöhnlichem zu sein.

Schließlich war es so weit. Die Vibrationen wurden so stark, dass sich gezackte Risse über den Himmel dahinzogen, die stellenweise aufbrachen. Aus den Brüchen fielen Seelen herab, woraufhin sich der Himmel an diesen Stellen wieder schloss, um andernorts erneut aufzureißen. Auch wenn die Öffnungen klein waren, ausschließlich über dem Strand und weit voneinander entfernt auftraten, regnete insgesamt dennoch eine Unmenge an Seelen aus ihnen, denn der Strand schien zu beiden Seiten bis ins Unendliche zu reichen und der Vorgang, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr aufhören zu wollen.
Sobald die Seelen auf den Felsen aufschlugen, rappelten sich auf und rannten, schreiend, mit zornverzerrten Gesichtern und geballten Fäusten, auf die Exilanten zu. Diese standen regungslos da, mit dem Rücken zum Meer und warteten. Edgar stellte fest, dass die Seelen, die in ihrer Nähe aufschlugen, Bekannte von ihm oder einem aus seiner Gruppe waren. Offenbar war der Grad der Sympathie ausschlaggebend dafür, wie nahe der Landeplatz einer Seele der Position der Exilanten war.
Schnell waren sie auf der Landseite umringt, denn vor dem Wasser scheuten die heranstürmenden Seelen zurück. Jedes Mitglied von Edgars Gruppe wurde von den Seelen beschimpft, die es kannten, daher bekam Fred am meisten Zorn zu spüren und Jacques am wenigsten.
Edgar versuchte, das ganze Spektakel zu ignorieren. Sein Entschluss, den Himmel zu verlassen stand fest und deshalb fragte er sich, was das Ganze hier noch sollte. Er blickte über den Strand und sah, wie immer mehr und mehr Seelen aus dem aufbrechenden und sich wieder schließenden Himmel fielen. Bis zu den Horizonten auf beiden Seiten rammten sie in den Boden, rappelten sich hoch und liefen schreiend auf ihn und seine Leute zu.
„Ihr Banditen“, brüllte völlig außer sich ein Mann in Anshelms Nähe, der selbst wie ein Bandit aus einem alten Wildwest-Film aussah.
„Verbrecher, Verbrecher“, schrie ein anderer, der die Soutane eines katholischen Priesters trug.
„Sie haben nichts von dem begriffen, was ich Ihnen gesagt habe, nichts!“ Die sich vor Zorn überschlagende Stimme kam Edgar bekannt vor, er überblicke die Aggressoren direkt vor sich und erblickte den Mann, dem sie gehörte: Sven Nansen. Als dieser erkannte, dass er Edgars Aufmerksamkeit hatte, kämpfte er sich zwischen den anderen Seelen zu ihm vor und schrie ihn mit hochrotem Kopf an: „Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen sich etwas suchen, das Sie erfüllt! War das so schwer zu begreifen?“
„Nichts von dem, was der Himmel zu bieten hat, würde mich je erfüllen.“ Edgars Stimme war beherrscht, aber laut – unnatürlich laut, wie ihm schien. Offenbar war das, was die Exilanten zu sagen hatten so wichtig, dass der ganze Strand es hören musste.
„Und was ist mit uns? Ist es Ihnen völlig egal, dass wir bestraft werden?“
Edgar spürte das Brodeln in sich. Glaubte Nansen, er würde den Himmel aus Spaß und Langeweile verlassen? Dieser selbstgerechte, wehleidige, verweichlichte …! Er nahm sich zusammen, denn eigentlich konnte es ihm egal sein. Tatsächlich gelang ihm ein kühler Ton, als er antwortete: „Wie mir scheint, ist eure Bestrafung schon vorbei, nicht wahr? Einmal Erdbeben im Paradies, vom Himmel fallen und hart aufschlagen. Schlimme Strafe für eine unsterbliche Seele.“
Sven Nansen sah ihn verdutzt an, und da er offensichtlich kein Gegenargument parat hatte, wich er ihm aus. „Darum geht es doch überhaupt nicht.“
„Um nichts anderes geht es.“ Edgar trat einen Schritt zurück und überschaute die Masse am Strand. Wäre seine Seele nicht unsterblich gewesen, es hätte ihn mit Todesangst erfüllt zu sehen, wie Tausende und Abertausende mit zornverzerrten Gesichtern und drohend erhobenen Fäusten aus allen Richtungen auf ihn einstürmten. So aber hob er in einer ruhigen Bewegung beide Arme, er wollte, dass ihm alle zuhörten. „Euer Paradies hat euch verweichlicht, ihr haltet nicht einmal die kleinste Unbequemlichkeit aus. Ihr beschwert euch, weil ihr von eurer Wolke Sieben gefallen seid, aber was sollen wir sagen? Wir leiden darunter, dass wir in diesem Theater, das der Himmel sein soll, nur als Darsteller dienen dürfen und dass es uns verwehrt ist, hinter die Kulissen zu schauen. Wir leiden darunter, an jedem einzelnen Tag, bis in die Ewigkeit. Ihr werft uns vor, dass uns euer Wohlbefinden egal wäre – aber ist es euch denn nicht auch egal, wie es uns geht?“ Er legte eine rhetorische Pause ein, die jedoch ebenso wirkungslos war, wie seine Worte. Die Masse hörte ihm nicht zu; sie wollte nicht zuhören, sie wollte schreien.
„Bleib hier mein Sohn, es hat keinen Sinn.“ Edgar wandte sich in die Richtung, aus der die ruhige, väterliche Stimme kam. Ein Greis von mächtiger Statur in einer veralteten Reiteruniform stand vor Ebenezer und strich ihm über den Kopf. „Versündige dich nicht. Nicht schon wieder.“
Ebenezer drehte seinen Kopf aus der Liebkosung, trat einen Schritt zurück und sagte mit ebenso klarer wie harter Stimme: „Du hast vor langer, langer Zeit aufgehört, mein Vater zu sein.“
Die Hand des Alten sank herab, er ließ den Kopf hängen und wandte sich ab, um in der Masse zu verschwinden. Ebenezer sah Edgar an, so dass dieser die schiere Verzweiflung sehen konnte, die in seinen Augen schwamm. Es war an der Zeit zu gehen.
Ein letztes Mal noch ließ Edgar seinen Blick über die wütende Masse schweifen und blieb dabei an drei Seelen hängen, die regungslos auf einem der flachen Felsen in seiner unmittelbaren Nähe standen. Es waren seine Großeltern und seine Mutter. Sie schrien nicht, gestikulierten nicht, gaben ihm kein wie auch immer geartetes Zeichen. Sie standen nur stumm da und sahen ihn an, als wäre dies ein stummer Vorwurf oder als wären sie nicht an dem beteiligt, was hier stattfand.

Zeit zu gehen!

Mit einem tiefen Seufzen schüttelte er das Gefühl der Wehmut von sich ab und schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Dann wandte er sich seinen Gefährten zu, wartete, bis alle ihn ansahen, und deutete dann mit dem Kopf in Richtung Meer. In stillem Einvernehmen kehrten sie der wütenden Menge den Rücken zu und folgten Edgar, der voraus schritt. Er spürte, wie das Wasser seine Füße benetzte, seine Waden, seine Knie. Er spürte den Widerstand des Wassers, doch der Widerstand war weich und das Wasser fühlte sich nicht nass an. Es war, als ginge er in flüssiger Watte.
Da schwoll das Schreien und Drohen am Strand hinter ihm zu einer schier unglaublichen Lautstärke an, doch nahm er es nur noch gedämpft wahr; er wollte einfach nichts mehr hören. Mit jedem Schritt, den er weiter in das Meer hinausging, wurde ihm leichter ums Herz. Vor ihm, am Horizont, wo Himmel und Wasser zu einer einheitlichen Finsternis verschmolzen, zuckten gelbe und hellorange Blitze.
Und dann, als ihm die Wellen das Wasser bis an den Nabel hoben, begann der Horizont vor seinen Augen zu wabern, begannen das Meer, die Wolken, begann alles durchscheinend zu werden, seine wahre Gestalt zu zeigen. Der Himmel war eine Illusion und diese löste sich nun auf.
Und das war gut – Edgar wollte keine Illusionen mehr.

* * *

Sie standen da und sahen sich um. Sie waren bereit gewesen, alles zu riskieren. Jetzt versuchten sie zu begreifen, dass es nichts zu riskieren gegeben hatte. Sie befanden sich im unendlichen, aus sich selbst heraus strahlenden Weiß.
Allerdings gab es einen Unterschied zu Edgars einstigem, traumatischem Erlebnis: Er und seine Gefährten hatten die körperliche Erscheinung beibehalten, mit der sie aufgebrochen waren. Edgar trug ein weißes Polo-Shirt, Bluejeans und Wanderschuhe, Andrea eine Art hautengen Schianzug, dessen Schnitt und Farbgebung an die frühen neunzehnhundertachtziger Jahre erinnerte und Fred ein Outfit wie die Bergsteiger in Edgars letzten Erdenjahren. Anshelm war in Kettenhemd und -haube gekleidet, hatte seinen Kreuzritter-Waffenrock übergeworfen und trug dazu Beinschienen, einen großen Schild sowie einen Waffengürtel, von dem ein Schwert und ein Dolch herabhingen. Ebenezer sah mit den Schnürstiefeln, der Reiterhose, dem Leinenhemd und dem Tropenhelm, die allesamt khakifarben waren, aus wie ein englischer Lord auf Großwildsafari im Afrika des neunzehnten Jahrhunderts. Jacques steckte in einem pinkfarbenen Muʻumuʻu mit gelbem Blumenmuster, das seine weichen Rundungen betonte. Franz trug Sneakers, Hosen mit herabhängendem Hinterteil und einen Kapuzen-Sweater. All das wirkte viel zu groß für ihn und Edgar fand, dass er darin trotz der körperlichen Erscheinung eines etwa Dreißigjährigen pubertär wirkte. Helmut und Andi hatten uniformähnliche Kleidung angelegt, die jedoch eher von einem Designer für den Laufsteg entworfen worden waren als von einem Militärschneider für den Kampfeinsatz.
In der weißen Unendlichkeit standen die Neun in einigen Metern Abstand voneinander und sahen sich schweigend um. Es war Ebenezer, der schließlich aussprach, was wohl alle dachten, was Edgar dachte und was er von den Gesichtern seiner Gefährten ablesen konnte: „Und was jetzt?“

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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