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Kapitel 46: Jenseits des Jenseits

von

Auch wenn im Jenseits des Jenseits Wünschen möglich ist, bleibt es doch eine mystische Region. Nichts scheint hier zu sein, bis auf das unendliche Weiß – aber wer sucht, der findet.

Plötzlich flackerte ein Lagerfeuer zwischen ihnen auf. Die Exilanten sahen einander überrascht an, nur Andi zuckte mit den Schultern und meinte: „Ich wollte einmal sehen, ob das mit dem Wünschen hier noch klappt.“
Franz stellte sich neben ihn, kaugummikauend, sah ihn an und fragte: „Und?“
„Siehst du doch.“
„Was?“ Anstelle einer Antwort stemmte Andi die Fäuste in die Hüften und sah Franz vorwurfsvoll an, doch dieser meinte: „Wenn du dir gerade ein Nashorn in Strapsen gewünscht hast, würde ich sagen: glatter Fehlschlag.“
„Depp“, kommentierte Andi und ließ das Lagerfeuer wieder verschwinden.
„Nun gut, es scheint, als gingen unsere Wünsche auch weiterhin in Erfüllung.“ Anshelm stellte seinen Schild vor sich ab und lehnte sich mit beiden Unterarmen darauf; das Abbild einer lebensechten Statue, wie Edgar fand. „Unser Aussehen ist unverändert, alles scheint gleich geblieben.“
„Das … das hier ist alles?“ Andrea ging ein paar Schritte, drehte sich mehrmals um ihre Hoch- und danach um ihre Querachse, sah sich um, verharrte kopfüber, als stünde sie auf einem unsichtbaren Plafond. „Das ist alles, was sich außerhalb des Himmels befindet?“
Helmut trat neben Edgar. „Gehen wir wieder zurück?“
Mit einem Mal sahen einander alle in einer Mischung aus Verblüffung und Belustigung an. Andi prustete los. „Da würden sie aber schön blöd schauen, im Himmel! Kaum haben sie sich davon erholt, dass wir sie alle aus ihren Wunschvorstellungen geschüttelt haben, stehen wir schon wieder auf dem Fußabtreter und sagen: ‚war nur Spaß‘.“
Fred ging nicht darauf ein. „Ich halte die Frage für durchaus berechtigt. Hier im Einheitsweiß ist nichts besser als im Himmel, im Gegenteil.“ Er schob die Brille den Nasenrücken entlang nach oben.
„Immer schön langsam.“ Edgar fand es an der Zeit, der Gruppe eine Richtung vorzugeben. „Als ich nach meinem Tod hierhergekommen bin, war es nicht anders. Ich weiß nicht, wie viele Monate ich hier herumgetrieben bin, einfach weil ich nicht wusste, wie das hier läuft.“
„Du vergisst dabei nur eines“, wand Fred ein, „was ist, wenn das hier gar nicht das Einheitsweiß ist? Immerhin haben wir den Himmel ja verlassen, folglich auch das Weiß.“
Edgar zuckte mit den Schultern. „Ich sehe keinen Unterschied zum unendlichen Weiß. Und wenn auch das Wünschen hier funktioniert, dann lasst es uns doch nützen: Wir wünschen uns, Gott zu begegnen.“
Die anderen nickten stumm und ebenso stumm äußerten sie kollektiv diesen Wunsch.
Nichts geschah.
Edgar quittierte die ratlosen Blicke seiner Gefährten, indem er meinte: „Okay, neuer Anlauf, wünschen wir uns, dass wir auf unserem Weg Gott näher kommen.“
Ebenezer zischte verächtlich. „Was ist denn das für ein blöder Wunsch? Einmal angenommen, Gott wohnt hier gleich um die Ecke, dann führt uns dein Wunsch doch in großen Kreisen um ihn herum.“
„Ohne ihn je zu erreichen“, ergänzte Andrea, „immerhin wünschen wir uns ja nur eine Annäherung an ihn.“
„Aber ihm begegnen zu wollen hat nicht funktioniert“, warf Edgar ein, „vielleicht bekommen wir neue Informationen, die uns zeigen, was das alles hier soll, wenn wir es schaffen, uns ihm zu nähern.“
Die Blicke, die Edgar nun begegneten, waren wenig begeistert, sie waren demotiviert.
„Also ich habe heute nichts anderes mehr vor.“ Jacques stemmte eine Hand in die Hüfte, während seine andere mit dem Fächer wedelte.
Wieder äußerten alle stumm den von Edgar vorgeschlagenen Wunsch – wieder geschah nichts.
Edgar schnaubte und sah sich um. Als er jenes Areal im unendlichen Weiß entdeckte, das um eine Spur heller war, als der Rest, sagte er knapp: „Dorthin“, und setzte sich in Bewegung. Seine Gefährten folgten ihm, offenbar gingen auch sie selbstverständlich davon aus, dass Gott, so es ihn gab, dort zu finden sein würde, im hellsten Licht.

Während die Gruppe marschierte, lag ein drückendes Schweigen auf ihr. Es war Franz, der nach einer ganzen Weile die Stille durchbrach: „Können wir uns nicht ein Auto wünschen? Oder eine Rakete, dann geht‘s schneller.“
Ebenezer musterte ihn mit einem erstaunten, fast verärgerten Blick. „Was ist denn mit dir los? Tun dir die Füße weh, oder was?“
Wieder verging eine Weile, ehe Franz murmelnd erwiderte: „Mir ist langweilig.“

Im Laufe der weiteren Wanderung wurden die Seelen gleichmütiger. Sie begannen miteinander zu plaudern und gruppierten sich immer wieder neu, um die Gesprächspartner zu wechseln. Edgar, der diesen Vorgang – neben seinen eigenen Gesprächen – beobachtete, erkannte dadurch schnell, wer sich mit wem gut verstand und wer sich an wem rieb. Da er der Überzeugung war, der Erfolg seiner Gruppe würde auch vom Zusammenhalt ihrer Mitglieder abhängen, war ihm an größtmöglicher Harmonie gelegen. Als Fred neben ihm marschierte, sprach er dieses Thema an: „Fred, wir bilden eine Schicksalsgemeinschaft, wie sie wohl nur ganz selten vorkommt. Ich denke, es ist unbedingt notwendig, dass alle Probleme zwischen den Mitgliedern gelöst werden.“
„Wenn du wissen willst, was zwischen Andrea und mir passiert ist, dann musst du sie fragen.“
„Mich brauchst du erst gar nicht zu fragen“, rief Andrea, die mit Ebenezer in Hörweite marschierte.
Edgar blickte verwundert zwischen den beiden hin und her. Er stellte fest, dass sie sich immerhin in ihrer gegenseitigen Ablehnung einig waren, bezweifelte aber, dass dies ein gutes Zeichen war.
Da blieb Anshelm abrupt stehen. Seine Augen waren geweitet, sein Blick in die Ferne gerichtet. „Was ist das?“
Auch die anderen hielten an, blickten in dieselbe Richtung und erkannten, was Anshelm meinte: Vor ihnen schien sich etwas Winziges zu bewegen, doch außer dieser Bewegung des Weiß war nichts zu sehen. Edgar konnte weder die Größe noch die Entfernung dieses Etwas einschätzen, weshalb es ihm auch unmöglich war zu bestimmen, ob es weit entfernt und groß, oder nahe und klein war. Ebenso wenig konnte er feststellen, ob es – da es nun größer wurde – wuchs, oder sich näherte.
„Es ist eine Putte!“ Andreas überraschter Ausruf brachte ihr einen verständnislosen Blick von Anshelm ein.
„Eine was?“
„Kennst du das nicht aus der Kunst? Ach nein, du warst wahrscheinlich zu früh auf der Welt. Eine Putte ist eine kleine Engelsgestalt, ein kleines Kind mit Flügeln.“
Als das Objekt näher kam, zeigte sich, dass Andrea Recht hatte. Es war ein kleiner, nackter Bub, nach irdischen Maßstäben im Alter von etwa einem Jahr, der Engelsflügel am Rücken trug. Und obwohl diese Flügel kaum so lange wie seine Arme waren, trugen sie ihn. So unstetig, wie das Engelchen um ihn und jeden seiner Gefährten herumschwirrte, erinnerte es Edgar an einen Kolibri. Doch die Putte war nicht allein, plötzlich standen die Exilanten inmitten von dutzenden kleinen Engeln und das Weiß schien erfüllt vom leisen, seidigen Flattergeräusch ihrer Flügel.
Ebenezer lachte verzückt auf. Seine Augen waren weit geöffnet, er bestaunte dieses Wunder, wie ein Kind einen Weihnachtsbaum bestaunt. Auch in den Augen der anderen sah Edgar dasselbe Schimmern.
„Wir kommen Gott näher“, flüsterte er, und auch wenn keiner etwas erwiderte, so wusste er doch, dass alle ihm zustimmten.

Je weiter sie nun gingen, umso erfüllter war das Weiß von Engelsgestalten. Nicht nur Putten, auch Engel mit dem Aussehen Erwachsener hielten sich hier auf, schienen die Anwesenheit der Wanderer jedoch nicht wahrzunehmen. Sie kreuzten ihren Weg mit Flugbewegungen, die Edgar an die von Schmetterlingen erinnerten. Einer von ihnen stand hoch über den Exilanten im Weiß und blies eine Posaune, ein anderer hockte schräg unter ihnen und las in einem Buch mit goldenen Blättern, und wieder ein anderer trug in gemessenen Schritten eine brennende Kerze vor sich her, die beinahe so groß war wie er selbst.
Unwillkürlich schüttelte Edgar den Kopf. Irgendwie kam es ihm so vor, als sei hier all der Kitsch zum Leben erwacht, den er im Laufe seines menschlichen Daseins in diversen Weihnachtsdekorationsgeschäften gesehen hatte.

Der Marsch durch diesen „Engelsbereich“, wie Edgar ihn für sich nannte, dauerte nicht lange. Bald schon nahm die Anzahl der Engel wieder ab, bis diese gänzlich im Weiß hinter den Reisenden verschwunden waren.
Dafür erschien in weiter Ferne vor ihnen ein horizontaler schwarzer Strich. Weder rechts noch links konnte Edgar ein Ende erkennen, der Strich schien zu beiden Seiten im Weiß irgendwie zu verschwinden – und war dennoch zu sehen. Im Näherkommen wurde er immer dicker und bald schon sah Edgar, dass die Oberseite unregelmäßig gezackt war, während die Unterseite gleichmäßig gerade blieb. Die Zacken erwiesen sich sowohl in ihrer Höhe als auch in ihrer Breite als unregelmäßig. Schließlich erkannte Edgar, dass sich da vor ihnen ein Landstrich auftat, der endlos breit war und auf keinem Fundament ruhte, sondern im unendlichen Weiß schwebte, als sei er auf einer Glasplatte kreiert worden.
Der Weg zu dieser Landschaft hin schien endlos weit zu sein, denn egal, wie sehr die Neun ihre Geschwindigkeit auch steigerten, sie kamen ihr nicht schneller näher.
Es dauerte also geraume Zeit, ehe weitere Details erkennbar wurden: Am vorderen Rand der Erscheinung erhoben sich sanfte, helle Hügel, die mit einem dichten Pinienwald bestanden waren. Hätte er das Gelände mit einem Gebiet auf der Erde vergleichen müssen, Edgar hätte die Toskana gewählt. Weit hinter den Hügeln kam ein hoher Berg in Sichtweite, dessen kahle, steile Felsflanken leuchteten, als würden sie von einer Sonne beschienen. Doch gab es nirgendwo eine Sonne, denn anstelle eines zu ihr passenden Himmels befand sich über der Landschaft nur das unendliche Weiß.
Als sie den Grenzbereich zwischen dem Weiß und der Landschaft erreichten, hielten die Exilanten inne, denn der Anblick, der sich ihnen hier bot, war kurios. An seiner Front erschien das Terrain ebenso übergangslos abgeschnitten zu sein, wie an seiner Unterseite. Die Hügel an dieser unsichtbaren Außenwand sahen aus, als sei ihr brüchiges Gestein an der Innenwand einer Glasbox aufgeschüttet worden und von den Bäumen, die direkt auf dem Rand standen, war das Innere der Stämme zu sehen. Edgar ließ sich nach unten sinken, um die Unterseite der Landschaft zu betrachten und tatsächlich zeigte sich ihm hier eine schier endlose spiegelglatte Weite aus hellem brüchigem Gestein. Edgar schwebte wieder nach oben und betrat kurzentschlossen die Sphäre.
Steine knirschen unter seinen Sohlen, die Luft war warm und roch nach den Pinien, deren Borke sich rau anfühlte. Alles hier erschien ihm echt zu sein, so echt, wie es seine Sinne nur wahrnehmen konnten. Als er durch die Waldkrone nach oben blickte, sah er zu seiner Überraschung einen tiefblauen wolkenlosen Himmel. Er drehte sich um, um den Übergang zum Weiß zu betrachten – und musste feststellen, dass die Grenze verschwunden war. Hinter Edgar ging die hügelige Waldlandschaft weiter, soweit sein Auge reichte und das Weiß, aus dem er gekommen war, war verschwunden, ebenso wie seine Begleiter.

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Roland Zingerle

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