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Kapitel 47: Inferno

von

Edgar und seine Gefährten marschieren durch die neu entdeckte Landschaft, in der eigene Regeln gelten. Als sie erkennen, wo sie hier sind, wird ihnen klar, warum noch nie ein Exilant in den Himmel zurückgekehrt ist.

Der Schreck darüber hielt jedoch nur für die Dauer eines Herzschlags an, denn gleich darauf betraten auch die anderen die Hügellandschaft. Für Edgar sah das so aus, als würden sie durch eine unsichtbare Leinwand kommen, auf die die Hintergrundlandschaft projiziert war. Fred tat nur einen halben Schritt herein, blieb dann stehen und wandte sich um, wohl um zu sehen, wo Jacques blieb. Als er das tat, war er für Edgar und die anderen im Inneren der Sphäre nur zur Hälfte zu sehen. Edgar ging erstaunt an ihm vorbei, in der Absicht, diese Szene von der anderen Seite, also vom unendlichen Weiß aus zu betrachten, und war noch erstaunter als er feststellte, dass er dabei weiter in den Wald lief. Das Weiß existierte für ihn offenbar nicht mehr. Als er sich wieder umdrehte, sah er Fred dennoch von der anderen Seite, allerdings seine inneren Organe, denn er stand immer noch zur Hälfte außerhalb der unsichtbaren Grenze. Edgar stellte sich neben ihn und schaute sich sein Profil an, das an der Körperhinterseite menschlich und an dessen Vorderseite wie glatt abgeschnitten aussah.
In dem Moment wurde Edgar von Jacques angerempelt, der die pseudo-toskanische Landschaft exakt an jener Stelle betrat, an der Edgar stand.

Ihr weiterer Weg schien durch den Berggipfel, der den hügeligen Wald überragte, vorgezeichnet zu sein. Wären sie erst einmal dort oben, würde ihnen der Ausblick einen neuen Horizont zeigen, der neue Orientierung brachte. Doch kaum waren sie losmarschiert, wurde der Wald verwachsener und urtümlicher. Der einzige Weg, der sich nun noch durch ihn hindurch bahnte, führte entlang einer engen Talsohle zwischen zwei steilen Hügelzügen, in die wenig Tageslicht eindrang.
„Na, das ist ja merkwürdig“, sagte Jacques und wie ein Echo schnappte Ebenezer:
„Was?“
Edgar war schon auf dem Weg durch das Weiß aufgefallen, dass die beiden nicht gut miteinander auskamen.
„Na, dass ich mir nichts wünschen kann.“
Der Fußweg war so schmal, dass die Gruppe nur im Gänsemarsch vorankam, weshalb Edgar, der voranging, alle zum Stehenbleiben zwang, als er sich zu ihnen umwandte.
„Was meinst du damit?“
Jacques sah ihn groß an. „Ich habe mir gewünscht, diese Stechmücken sollen endlich verschwinden und jetzt sieh dir das an: Sie schwirren und stechen immer noch.“
„Sie stechen?“ Fred klang beunruhigt.
„Es stimmt, wünschen geht hier nicht“, rief Andi vom hinteren Teil des Zuges her und Franz, der hinter ihm stand, fragte über seine Schulter hinweg:
„Hast du dir wieder ein Nashorn mit Strapsen gewünscht?“
„Ich wünsche mir, dass es regnet“, sagte Edgar nun laut. Er blickte nach oben, streckte die Hand aus – doch nichts geschah.
„Ich wünsche mir ein Feuerzeug“, versuchte es auch Andrea vergebens, ebenso wie Anshelm, der meinte:
„Ich wünsche, am Fuße des Berges dort zu erscheinen.“
Die Mücken stachen nun auch Edgar und die anderen, weshalb alle um sich zu schlagen begannen. Sie rückten näher zusammen und sahen sich nach allen Seiten hin um.
„Wisst ihr, was das bedeutet?“, wisperte Andrea.
„Das bedeutet, wir sind schutzlos“, erklärte Edgar das Offensichtliche.
„Und verwundbar.“ Helmut klatschte auf eine Stechmücke, die auf seinem Unterarm saß. Als er die Hand wegzog, wurde ein Blutfleck sichtbar.
„Ach du Scheiße“, keuchte Andi.
„Was … was ist das hier?“
Wie als Antwort auf Freds Frage drang ein Fauchen aus dem Wald rechts über ihnen, scharf und laut; nahe. Anshelm trat vor seine Gefährten hin. Mit dem Geräusch aneinander schabenden Metalls fuhr sein Schwert aus der Scheide.
„Ich wünsche mir ein Schnellfeuergewehr“, stöhnte Franz leise.
„Ich … ich weiß, wo wir hier sind.“ Andreas Stimme zitterte in einer Art, die sich auf Edgar zu übertragen schien. „O Gott, o mein Gott.“
„Was? Wo denn?“ Freds Stimme zitterte ebenfalls.
Anstelle einer Antwort begann Andrea ein Gedicht zu rezitieren:

„Es war in unseres Lebensweges Mitte,
Als ich mich fand in einem dunklen Walde;
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“

Ebenezer sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Er flüsterte: „Nein, du meinst doch nicht etwa … aber das ist doch nicht möglich! … und wir sind wehrlos?“
„Verdammt, sagt endlich, was ihr meint!“ Helmut hatte einen mehrfach gekrümmten Stock vom Boden hochgehoben und hielt ihn in gleicher Weise, wie Anshelm sein Schwert.
„Die Göttliche Komödie“, stieß Ebenezer hervor, „wir sind in Dante Alighieris Inferno.“
„Sonst noch ein paar Namen?“ Sogar Franz wirkte nun angespannt auf Edgar.
Andrea begann im Flüsterton zu erklären: „Dante Alighieri war ein italienischer Dichter im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert. In der ‚Göttlichen Komödie‘ beschrieb er seinen Weg durch die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies. Die Geschichte beginnt damit, dass er sich auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens in einem dunklen Tal im Wald verirrt. Als er einen Hügel erklimmen kann, bringen ihn wilde Tiere von seinem Weg ab.“
Andi nickte. „Kommt mir verdammt bekannt vor. Suche nach dem Lebenssinn, dunkler Wald, wilde Tiere – was kommt als nächstes?“
Andrea schluckte. Alle konnten sehen, wie sehr sie sich zusammennehmen musste, um weitersprechen zu können. „Dante kann an den wilden Tieren nicht vorbei. Sein einziger Weg führt ihn in … in …“
„Wohin?“ Helmuts Stimme verriet, dass er kurz davor war, die Fassung zu verlieren.
„In die Hölle.“
Anshelm fiel auf ein Knie und stellte sein Schwert mit der Spitze auf den Boden. Indem er sich an dessen Schaft festhielt, stabilisierte er seinen Körper. Mit gesenktem Kopf machte er das Kreuzzeichen.
„Was ist denn mit dem los?“, fragte Andi verwundert, woraufhin Fred ihn anfuhr:
„Mensch, verstehst du das nicht? Wenn das stimmt, wenn wir hier auf dem Weg in die Hölle sind, dann doch nur, weil wir den Himmel verlassen haben.“
„Du meinst echt, es ist unsere Strafe?“ Ebenezers Augen waren noch immer weit aufgerissen.
„Ja, stell dir vor, das hättest du dir nicht gedacht, was? Wie war das? ‚Was nicht verboten ist, ist automatisch erlaubt‘?“
„Hört auf damit.“ Edgar wusste, dass er seinen Begleitern die Angst nehmen musste und das würde ihm nur gelingen, wenn er ihre Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe lenkte, für deren Lösung sie ihren Verstand gebrauchen mussten. „Schauen wir, dass wir von hier weg kommen.“ Auch er hatte Mühe zu sprechen, ohne dabei zu zittern. Es war das erste Mal seit seinem Tod, dass er Angst verspürte und er hatte fast vergessen, wie hilflos ihn diese machte.

Sie zogen weiter durch den schmalen, düsteren Pfad zwischen den Hügeln. Zwar war kein Fauchen mehr zu hören, doch ließen das raschelnde Laub und die schabenden und knackenden Äste im Wald über ihnen keinen Zweifel darüber offen, dass die Bestie, wie auch immer sie aussehen mochte, sie begleitete. Und mit ihr die Angst.
Anshelm, der einzige Bewaffnete in der Gruppe, ließ die rechte Hügelflanke nicht aus den Augen, doch Edgar entging nicht, dass das Schwert nur lasch in Anshelms Hand hing und dass die Unterkante seines Schildes immer wieder am Boden streifte.
„Anshelm, alles in Ordnung?“
Der Blick, mit dem der Kreuzritter Edgar ansah, war der eines Lammes. „Sein Wille geschehe.“
„Na bravo, und du willst uns beschützen?“, entfuhr es Helmut, doch Andrea legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Lass ihn. Jeder von uns ist von der Kultur geprägt, in der er aufgewachsen ist.“
„Aber der Kerl war doch fast ein Jahrtausend lang im Himmel, hat er da nichts dazugelernt?“
„So wie wir unsere Zeit überdauern, so überdauert unsere Zeit auch uns.“
„Du Philosophin“, spottete nun Fred.
„Konzentriert euch auf den Weg und lasst den Wald nicht aus den Augen.“ Edgars Stimme hatte schärfer geklungen, als er es beabsichtigt hatte, doch er sah sich im Recht: Einen kindischen Streit konnten sie gerade überhaupt nicht brauchen.
Seine Worte zeigten Wirkung, allerdings nur für ein paar Sekunden, dann meldete sich Jacques von hinten: „Ich fasse das einfach nicht. Wandern wir jetzt tatsächlich in die Hölle, weil wir den Himmel verlassen haben? Wie banal ist das denn? Himmel und Hölle, ich komm mir vor wie im Kindergarten.“
Als Edgar im Augenwinkel eine heftige Drehbewegung von Ebenezer wahrnahm, warf er diesem einen stechenden Blick zu. Ebenezer deutete ihn richtig, denn seine Erwiderung fiel nun eher neutral aus: „Offenbar ist die Schöpfung so banal.“

Nach einiger Zeit tauchte vor den Exilanten ein Hindernis auf: Die gesamte Talsohle war von einem Dornendickicht überwuchert, das einen Weitermarsch unmöglich machte. Allerdings war die Vegetation am rechten Hang licht genug, um eine Passage zuzulassen, die den Hügel hinauf führte. Edgar schickte Anshelm voraus, damit er mit seinem Schwert die Ranken weghackte, die über den Weg wuchsen. Auf diese Weise kam die Kolonne zwar nur langsam voran, dafür ging es aber stetig aufwärts, wodurch das Umgebungslicht immer heller wurde.
Nach geraumer Zeit erreichten sie den Scheitel des Hügelzugs, eine Anhöhe, die den Exilanten zum ersten Mal einen Überblick über das Gelände gewährte. Edgar sah, dass die Hügellandschaft direkt vor ihnen in den Abhang des Berges überging, eine riesige, steile Geröllhalde, aus deren oberen Ende die Felsen in den Himmel wuchsen. Der Aufstieg bis zum Gipfel würde eine Tortur werden, da machte sich Edgar keine Illusionen. Schon der Weg von der Talsohle auf die Hügelkante, auf der sie nun standen, hatte ihn angestrengt, er schwitzte und war außer Atem, verspürte Durst und Hunger. Es war gerade so, als hätten er und die anderen sich wieder in sterbliche Menschen verwandelt. Edgar wandte seinen Blick zurück über die Hügel, die sie durchmessen hatten und ihm schauderte, als er auf das finstere Tal hinabblickte, durch das sie gekommen waren. Doch noch mehr erschauerte er beim Anblick des riesigen Leopards, der den Weg zu ihnen herauf schlich.

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Roland Zingerle

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