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Kapitel 48: Abwärts

von

Der Versuch den Berg zu besteigen misslingt, die Exilanten sind gezwungen, hangabwärts zu marschieren. Dort betreten sie einen unwegsamen Wald, in dem sie schwarze Finsternis erwartet – und Schlimmeres.

Edgar spürte, wie sein Herz gegen den Brustkorb hämmerte. Der Leopard näherte sich der Hügelkuppe und duckte sich unmittelbar unter ihr in den Schatten des Dickichts. Dort bewegte er sich rastlos hin und her, ohne Edgar und seine Gefährten aus den Augen zu lassen. Er war keine zehn Meter entfernt, so nahe, dass Edgar seinen Atem hörte.
Die Gruppe stand eng zusammen, suchte instinktiv Schutz in der Gemeinschaft. Nur Anshelm stand einen Schritt von den anderen entfernt, Schild und Schwert gegen die Bestie gerichtet.
„Wir klettern auf den Berg“, entschied Edgar, „von dort aus sehen wir, wo wir weiterkommen. Außerdem liegt der Eingang zur Hölle sicherlich nicht auf dem Gipfel.“
Die anderen sagten nichts, sie blickten nur verunsichert umher. Als er den Zweifel in Andreas Augen sah, spürte Edgar, wie ihn der Mut verließ. Er hatte Dantes „Göttliche Komödie“ nie gelesen – hatte der Held dieser Geschichte etwa Ähnliches versucht und war gescheitert?

Der Weg über die Geröllhalde erwies sich als ungeheuer anstrengend. Bei jedem Schritt rutschten die Füße der Wanderer mehrere Dezimeter weit talwärts und brachten dabei eine Unmenge kleiner Steine ins Rollen. Ein direkter Aufstieg kam somit nicht in Frage, er wäre für ihre nunmehr menschengleiche Beschaffenheit viel zu kräfteraubend gewesen. Edgar führte seine Gruppe daher in einem sachten Anstieg quer zum Hang in der Absicht, die Felsen in einem Zickzack-Kurs zu erreichen. Der Leopard folgte ihnen nicht, er war auf der Hügelkuppe stehengeblieben und beobachtete sie von dort aus, was Edgar sehr erleichterte.
Einige Minuten später nahm Edgar oben, in der Nähe der Felswand, eine Bewegung wahr. Er sah hin und sein Blick kreuzte sich mit dem eines mächtigen Löwen. Für die Dauer eines Herzschlags hielten beide inne, dann machte das Tier einen Satz und hetzte auf ihn herab.
„Anshelm!“ Edgars Ruf hallte mehrfach wider, und während er und die anderen instinktiv ein paar Schritte bergab flohen, stapfte der Kreuzritter herbei, ächzend unter der Last seiner Rüstung. Die Fliehenden wandten sich wieder dem Hang zu und erstarrten, wie gebannt von der schier explodierenden Kraft und der Geschwindigkeit, mit der der Löwe den Hang herabsprang und dem Aufspritzen der Steine bei jedem Mal, wenn er seine Tatzen in den Boden rammte. All das ließ ihnen wenig Hoffnung, dass Anshelm, der schützend über ihnen stand, das Tier würde aufhalten können. Es würde den Ritter buchstäblich überrennen und sie wenige Augenblicke danach erreicht haben.
Doch als die Bestie Anshelm erreichte, stoppte sie abrupt, kaum einen Meter vor ihm. Sie ging in Lauerstellung, ließ ein tiefes Grollen zwischen ihren gefletschten Reißzähnen hervordringen, heftete ihren bedrohlichen, lauernden Blick auf den Kreuzritter und schlug mit dem Schwanz abwechselnd zur einen und zur anderen Seite. Anshelm hatte sich während des Ansturms nicht einen Millimeter von der Stelle bewegt. Er stand gehockt da, hatte den Schild vor sich auf den Boden gestellt und das Schwert in einer Stichauslage stoßbereit nach hinten gezogen, so dass das Heft nahe an seinem Kinn lag. So wie der Löwe ihn fixierte, fixierte auch er den Löwen.
Die anderen wechselten einen Blick und Edgar las in allen Augen dieselbe Ehrfurcht und Anerkennung vor dem ungewöhnlichen Mut ihres Begleiters, die auch ihn bewegte.
Nachdem die Pattsituation einige Sekunden lang unverändert blieb, sah Edgar sich hilfesuchend um. Er musste handeln, wusste aber nicht, wie. Sein Blick fiel auf den Leopard, der noch immer auf der Hügelkuppe stand und das Geschehen beobachtete. Da kam ihm eine Idee und er rief den Hang hinauf: „Komm, Anshelm, ich glaube nicht, dass der Löwe uns angreifen will. Er will uns nur davon abhalten, den Berg zu besteigen.“
Im Augenwinkel sah er Andrea leicht nicken, offenbar hatte sie erwartet, dass so etwas geschehen würde. Er ärgerte sich, dass sie ihn nicht gewarnt hatte – doch vielleicht hatte sie ja auch seine Entscheidung nicht beeinflussen wollen.
„Wie kommst du darauf?“, wisperte Ebenezer.
Edgar deutete zu dem Leopard. „Er versperrt uns den Rückweg und er“, er wies auf den Löwen, „den Aufstieg. Es scheint, als ob uns die Tiere in eine bestimmte Richtung zwingen wollten.“
Anshelm entfernte sich in kleinen Schritten von dem Löwen und kam rückwärts den Hang herab, während das Tier in seiner Lauerstellung verharrte.
Edgars Blicke tasteten derweil die andere Seite der Geröllhalde ab, auf der Suche nach einer Möglichkeit, den Löwen zu umgehen. Doch gerade dort tauchte in dem Moment ein großer, hagerer Wolf mit struppigem schwarzem Fell auf. „Das ist ja wie in einem dummen, amerikanischen Film“, polterte Edgar.
Auch Andrea hatte den Wolf gesehen. „Was meinst du?“
„Ein Leopard, ein Löwe und ein Wolf teilen sich denselben Lebensraum und tauchen akkurat dann auf, wenn man sie am wenigsten braucht. So etwas kommt normalerweise nur in einem amerikanischen Film vor, dem nichts zu blöd ist, um die Handlung so bedrohlich wie nur möglich zu machen.“
„Bei mir wirkt es.“
„Vielleicht ist die Hölle ja so etwas wie ein Safaripark mit lauter Ungeheuern?“, mutmaßte Franz.
„Die Hölle ist der Ort, an dem alles geschieht, was wir fürchten.“ Anshelm, der soeben bei ihnen angekommen war, sprach im Tonfall des Wissenden.
Als Edgar erkannte, wie fest seine Gesichtszüge waren und wie hart der Blick, mit dem er den Löwen nach wie vor im Auge behielt, stieg seine Hochachtung vor diesem Mann noch weiter. So tief Anshelm auch in seiner mittelalterlichen Glaubensvorstellung verwurzelt sein mochte, in welcher die Hölle der schlimmste nur denkbare Ort war, er brachte dennoch die bedingungslose Tapferkeit auf, die notwendig war, um sie alle zu beschützen. Edgar verstand erst in diesem Moment wirklich die Bedeutung des Wortes „ritterlich“.
Der Wolf begann zu heulen, dass es vom Pinienwald widerhallte, aus dem die Exilanten gekommen waren. Dann kam auch er die Geröllhalde herab. Sein lockerer Trab wirkte weniger bedrohlich als das Heranstürmen des Löwen vorhin, doch sein tief gesenkter Kopf und die gefletschten Zähne gaben ihm ein hungriges Aussehen, das Edgar beunruhigte.
„Los, Rückzug“, sagte er, deutete hangabwärts und setzte sich sogleich in Bewegung. In großen Schritten sprang er hinab, wobei er bei jedem Auftreten einige Meter mit dem Geröll mitrutschte, das er lostrat. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass die anderen seinem Beispiel folgten, wodurch alle binnen kurzer Zeit eine große Wegstrecke zurücklegten. Der Wolf war immer noch hinter ihnen her und auch der Löwe hatte seine Verfolgung wieder aufgenommen, doch beiden Tieren schien nicht daran gelegen, Beute zu erjagen. Es schien ihnen eher darum zu gehen, die Exilanten weiter bergab zu treiben.
Unter Edgar führte die Geröllhalde noch mehrere Kilometer hinab und verschwand dort im Dämmerlicht der bewaldeten Hügel, die zu beiden Seiten immer näher an die Halde heranrückten. So wurde es auf ihrem Weg auch zunehmend finster, doch wann immer sie ihre Geschwindigkeit verringerten, schlossen die Raubtiere hinter ihnen schnell auf.
Edgar konnte nicht sagen, wie lange sie unterwegs waren, er wusste nur, dass es die Angst war, die ihnen die nötige Kraft verlieh. Unablässig hüpften und stampften und rutschten sie auf dem Geröll nach unten, das Rauschen der Kieselsteine und das Keuchen des eigenen Atems übertönten einander abwechselnd. Als sie sich schließlich dem unteren Ende der Geröllhalde näherten, sah Edgar, dass der Wald, der dort begann, nicht auf Hügeln wuchs, sondern große Felsbrocken überwucherte, die offenbar vor langer Zeit vom Berg herabgerollt waren. Das Zwielicht der Umgebung machte die Schatten der Bäume so finster, dass Edgar nur wenige Meter zwischen sie hineinsah. Am Waldrand hielten die Exilanten inne und verschnauften. Die Geröllhalde war hier keine fünfzig Meter mehr breit, sie wurde zu beiden Seiten von senkrechten Hügelabbrüchen begrenzt. Der Löwe und der Wolf hielten einige Meter Abstand, schlichen aber mit geduckten Köpfen und Drohlauten hin und her, als würden sie jeden Moment auf die Flüchtenden losgehen.
„Kommt weiter“, keuchte Edgar. Auch wenn er überzeugt war, dass die Bestien keine Gefahr bedeuteten, solange er und seine Gefährten ihre Richtung beibehielten, bekam er im Angesicht der Bedrohung, die von ihnen ausging, dennoch keinen klaren Kopf.
Der Wald war unwegsames Gelände. Sie kletterten über Wurzeln, die teilweise so dick waren, dass sie ihnen bis zu den Hüften reichten, rutschten über moosbewachsene Felsbrocken und stolperten durch kniehohes Dornendickicht, das ihre Kleidung bei jedem Schritt festhielt. Nicht lange, nachdem sie den Wald betreten hatten, schloss dieser sie in seine Finsternis ein. Selbst der Blick nach oben zeigte nichts außer hohen Baumstämmen, die sich in einem, durch dichtes Blattwerk gebildeten schwarzen Himmel verloren.
Wie Edgar es erwartet hatte, waren der Löwe und der Wolf ihnen nicht in den Wald gefolgt. Er fragte sich, ob Dante Alighieri selbst hier gewesen war, dass er so detailliert über diesen Ort hatte berichten können. Wenn ja, sollte Edgar Andrea nun fragen, wie die „Göttliche Komödie“ weiterging – doch irgendwie scheute er davor zurück. Was immer sie ihm erzählen konnte, würde seine Beurteilung der Lage beeinflussen und dazu sah Edgar keine Veranlassung, zumindest nicht, so lange ihnen keine ernste Gefahr drohte.
Je weiter sie sich vorankämpften, umso höher und steiler türmten sich die Felsbrocken zu beiden Seiten auf. Unversehens marschierten die Neun wieder in einem Tal, diesmal zwischen zwei senkrechten Wänden und mit einer Sohle von etwa vier Metern Breite. Hier war es so dunkel, dass Edgar nur wenige Meter weit sehen konnte.

Das Ende ihres Weges war erreicht, als das Tal vor ihnen von herabgestürzten Felsbrocken verschlossen war, die sich so hoch und steil auftürmten, dass ein Überklettern unmöglich war. Edgar trat nahe an die natürliche Mauer heran, um sie in der Dunkelheit in Augenschein nehmen zu können. Sie war mit schwarzem Moos bewachsen und vereinzelte Wurzeln schlängelten sich an ihr herab. Voll Ekel erkannte er in den davonhuschenden Schatten große Spinnen, die sich in die Nischen zwischen den Felsen verkrochen und als er an sich hinabblickte, wand sich gerade eine dicke dunkle Schlange über seine Schuhe hinweg.
Doch das war nichts im Vergleich zu dem Grauen, das Edgar erfasste, als seine Hand beim Betasten der Mauer plötzlich ins Leere griff und er erkannte, dass ein großer Durchgang in die Felsen geschnitten war, durch den er nichts sehen konnte, als das absolute Schwarz. Dieses Tor war von einem breiten Zierrat umrahmt, das in den Stein gehauen war, es zeigte gezackte Linien, durchsetzt von Fratzen und Kreaturen, die nur aus Zähnen, Klauen, Stacheln und böse blickenden Augen zu bestehen schienen. Über dem Tor sah Edgar eine Inschrift, die sich über mehrere Zeilen hinzog. Die Schrift war schwarzrot, wie von getrocknetem Blut, und daher kaum erkennbar, doch konnte er zumindest die letzte Zeile lesen:

„Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren“.

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Roland Zingerle

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