Wilde Hunde, Neuerscheinung

Kärnten Krimi

Nachdem Berufsdetektiv Heinz Sablatnig einen Schmuggel mit rumänischen Straßenhunden aufgedeckt hat, wird die mutmaßliche Schmugglerin bei einem vorgetäuschten Bombenattentat auf die Klagenfurter Messe getötet. Hinter dem Mord steckt ein Verbrechersyndikat, das seit Jahren Straftaten auf höchstem kriminellem Niveau begeht.
Unter anderem hat die Organisation einen Maulwurf beim österreichischen Geheimdienst eingeschleust, weshalb dieser nun Sablatnig rekrutiert: Er soll das Syndikat infiltrieren und die Identität des Doppelagenten aufdecken. Sablatnig heftet sich an die Fersen eines jugendlichen Verdächtigen – als eine anonyme Anruferin allem eine neue Wendung gibt. Neuerscheinung 2021.

 

 

„Wenn man das konsequent weiterdenkt, kann ein Geheimdienst tun, was er will. Die oberste Hierarchieebene weiß alles, und jede darunter kriegt gerade so viele Informationen, wie sie braucht, um ihren Auftrag auszuführen. Die unterste Ebene weiß gar nichts, sie tut nur, was ihr befohlen wird. Und jeder vertraut darauf, dass ‚die da oben‘ schon wissen, was sie tun. Ungesetzliche Aktionen, wie etwa ein Mord, rechtfertigt jeder für sich damit, dass sie wohl einem höheren Ziel dienen, und weil immer alles geheim bleiben muss, forscht niemand nach. Damit ist die Führungsriege eines Geheimdienstes mächtiger als die Regierung des Staates, dem er dient.“ Er wandte sich um und sah Sabine an. „Das macht mir Angst.“

Wilde Hunde

“Das Leitthema in “Wilde Hunde” ist die Angst und was sie aus den Menschen macht. Unter ihrer Herrschaft entstehen Diktaturen, unter ihrem Eindruck wird aus Unrecht Recht.

Gerade die Corona-Zeit zeigt eindringlich, wie effizient die Angst als politisches Steuerungsinstrument eingesetzt wird – und wie willig sich die Menschen von ihr leiten lassen.”

Wilde Hunde, der 5. Fall von Heinz Sablatnig

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Leseprobe aus wilde Hunde

Sonntag, 19.30 Uhr

Lambert Hofer pochte das Herz bis zum Hals. Er hatte so etwas noch nie getan – er hasste es, so etwas zu tun. Beate bog vor ihm auf den Südring ein, er hoffte, sie habe ihn noch nicht bemerkt. Er liebte seine Frau über alles, deshalb fühlte es sich auch so grundfalsch an, dass er ihr nun heimlich nachspionierte. Doch sie ließ ihm keine Wahl.

Vor drei Monaten waren sie nach Klagenfurt am Wörthersee gezogen. Beate stammte von hier, und sie hatte immer schon davon geredet, dass sie eines Tages zu ihren Wurzeln zurückkehren wolle. Lambert, der im Salzburger Land aufgewachsen war, hatte nichts dagegen gehabt. Was aber egal war, denn Beate hatte ihn nicht nach seinen Wünschen gefragt. Das tat sie nie. Sie hatten eine gemütliche Mietwohnung im Stadtteil Welzenegg gefunden und Arbeitsplätze bei den Kärntner Messen. Das alles hatte Beate organisiert, wie immer.

Doch sowie sie in Klagenfurt angekommen waren, war Beate eigenartig geworden. Sie hatte sich in der Wohnung ein Büro eingerichtet, das sie immer zusperrte, egal ob sie drinnen war oder draußen. Lambert hatte keinen Zutritt. Er solle sich nicht darum kümmern, hatte sie gesagt, sie sorge schon für sie beide. Dabei hatte sie ihm liebevoll über die Wange gestreichelt.

Dann hatte sie damit begonnen, sich abends aufzudonnern und wegzugehen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Beate war immer sauber gekleidet, nicht weiß Gott wie modisch, doch sie wusste ganz gut, wie sie ihre Weiblichkeit auch im Alltag dezent unterstrich. An diesen Abenden – etwa einmal die Woche, doch nicht immer am selben Wochentag – zog sie sich jedoch an, als würde sie ins Theater gehen, mit einem auffälligen, etwas billigen Abendkostüm samt breitkrempigem Hut. Dazu schminkte sie sich so übertrieben, dass Lambert sie kaum wiedererkannte. Eine, zwei, manchmal auch drei Stunden war sie weg, und wenn sie zurückkam, hängte sie einen Schlüssel, von dem Lambert nicht wusste, zu welchem Schloss er gehörte und an dessen Ring auch eine Chipkarte befestigt war, an das Schlüsselboard. Meistens war sie verschwitzt, und wenn es regnete, roch sie, als käme sie aus einem Stall.

Lamberts Neugier hatte sich angestaut – so lange, bis er den Mut aufbrachte, Beate zu fragen, wo sie immer hinfahre, was das mit dem Büro solle und überhaupt, welche Geheimnisse sie vor ihm habe. Doch sie schmunzelte nur, streichelte ihm wieder über die Backe und sagte, es gebe keine Geheimnisse, sie brauche nur ab und zu Zeit für sich, er brauche sich keine Sorgen zu machen.

Doch freilich ließ ihm die Sache keine Ruhe, und irgendwann stellte er sich vor sie hin und verlangte, dass sie ihm ihr eigenartiges Verhalten erklären solle.

Da kippte die Stimmung schlagartig. Beate sagte kein Wort, sie starrte ihn nur mit diesem stechenden Blick an, den sie immer dann aufsetzte, wenn Lambert seine Grenzen überschritt. Und mit diesem Blick durchbohrte sie ihn so lange, bis er eine Entschuldigung murmelte und sich zurückzog.

So ging es weiter. Beate verschwand einmal pro Woche abends für ein paar Stunden und kam verschwitzt zurück. Lambert wusste, dass sie ihn nicht betrog, das konnte ja gar nicht sein. Leider reichte seine Phantasie aber nicht aus, um sich vorzustellen, was sie stattdessen trieb.

Deshalb hatte er vergangene Woche den waghalsigen Entschluss gefasst, Beate zu folgen, wenn sie das nächste Mal herausgeputzt die Wohnung verließ und den unbekannten Schlüssel mit der Chipkarte mitnahm. Heute, als es so weit war, stellte er jedoch fest, dass er sich keine Gedanken über die bevorstehende Verfolgung gemacht hatte, denn Beate nahm das gemeinsame Auto. Kurzentschlossen holte Lambert sein Rennrad aus dem Fahrradkeller des Wohnhauses. Mit etwas Glück fuhr sie langsam genug, so dass er ihr folgen konnte.

So war es auch, Beate fuhr nur im Stadtgebiet, so dass Lambert sie im Auge behalten konnte. Zumindest meistens, denn es war Anfang November, weshalb es früh dunkel wurde, und wenn sich ein oder mehrere Autos zwischen ihn und Beate drängten, konnte er nicht mehr unterscheiden, welche Rücklichter zu welchem Wagen gehörten. Doch irgendwann schaltete immer eine Ampel auf Rot, und da holte Lambert jedes Mal auf.

Als sich die Verfolgung nun jedoch auf den Südring verlagerte, verlor er diesen Vorteil, denn hier gab es streckenweise Siebzig-Stundenkilometer-Beschränkungen, und da konnte er mit dem Fahrrad nicht mithalten. Gerade als er schon glaubte, er hätte sie verloren, sah er, wie Beate auf einem Parkplatz aus dem Auto stieg. Er bog ebenfalls in diesen Parkplatz ein und versteckte sich hinter einem Wagen, der in einiger Entfernung abgestellt war. Von hier aus beobachtete er, wie seine Frau einen großen Sack aus dem Kofferraum auf ihre Schulter hievte und auf einen hohen Zaun zustöckelte, der ein Gelände mit Lager-Containern umschloss. Lambert fragte sich, was sie da wohl mit sich trug, in solchen Säcken war normalerweise Zement verpackt oder Gartenerde.

Als Beate das Zauntor erreichte, ging ein greller Scheinwerfer an. Sie fummelte an irgendetwas herum, woraufhin das Tor zur Seite glitt, dann betrat sie das Gelände. Unglücklicherweise schloss sich das Tor hinter ihr wieder, so dass Lambert ihr nicht folgen konnte. Er lief hin und spähte durch das Gitter, er wollte sehen, zu welchem Container sie ging. Doch am Tor angekommen, flammte wieder dieses dämliche Licht auf, und Lambert lief davon, damit Beate ihn nicht sah.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als in seinem Versteck zu warten – was jedoch nicht lange möglich war, denn schon nach wenigen Minuten verließ ein Mann das Lagergelände und kam auf den Wagen zu, hinter dem Lambert hockte. Dieser nahm sein Rad und entfernte sich, verfolgt von den misstrauischen Blicken des Autobesitzers. Lambert ging hinter einer Zaunecke in Stellung, die gab ihm zwar keinen echten Sichtschutz, doch eine andere Versteckmöglichkeit hatte er nun nicht mehr. Er hoffte bang, die Dunkelheit möge ausreichen, um ihn zu verbergen, und Beate würde nicht ausgerechnet hierhersehen, wenn sie zum Auto zurückkam. Dennoch zitterte er am ganzen Körper.

Kurze Zeit später fuhr ein weißer, verdreckter Lieferwagen auf den Parkplatz und blieb vor dem Gittertor stehen. Es vergingen einige Minuten, in denen der Wagen mit laufendem Motor und eingeschaltetem Licht dastand, dann kam Beate zum Tor, öffnete es und ließ den Wagen auf das Gelände fahren. Dann ging sie wieder weg, dem Lieferwagen nach.

Lambert verstand die Welt nicht mehr. Was war da nur los? Seine Frau hatte hier offenbar ein Lager gemietet, aber wozu? Und was hatte es mit diesem Sack auf sich und dem Lieferwagen, den sie reingelassen hatte?

Es dauerte eine geschlagene halbe Stunde, bis Beate wieder auftauchte, dem Lieferwagen das Tor öffnete und, als dieser weggefahren war, in ihr Auto stieg und davonfuhr.

Lambert strampelte verwirrt und matt heimwärts. Unterwegs kehrte er in seinem Stammlokal, dem Café Temesvár ein, um seine Nerven mit ein paar Gläsern Tuica zu beruhigen. Es war kurz vor Mitternacht, als er in Schlangenlinien nachhause fuhr.

Montag, 11 Uhr

Den darauffolgenden Vormittag erlebte Lambert wie in Trance. Einerseits, weil sich der Schnaps des Vorabends rächte, andererseits, weil er nicht verstehen konnte, dass seine Beate ein Leben führte, von dem er nichts wissen durfte.

In der Arbeit war er heute nicht bei der Sache. Als Hilfsarbeiter bei den Kärntner Messen verrichtete er einfachste Tätigkeiten. Lambert kannte nichts anderes, er hatte nie etwas gelernt, Mama hatte immer für ihn gesorgt. Seit er im arbeitsfähigen Alter war, hatte er Handlangerarbeiten verrichtet, die ihm meistens ebenfalls seine Mutter vermittelt hatte. Vor elf Jahren war er mit ihr nach Rumänien gegangen, sie hatte dort eine Stelle bei einer karitativen Organisation angenommen, und dort hatte er auch Beate kennengelernt.

Heute musste Lambert einen Lkw entladen helfen, der Baumaterialien für Ausbesserungsarbeiten anlieferte. Dabei zog er den Zorn des Staplerfahrers auf sich, weil er – geistesabwesend – im toten Winkel hinter dem Hubstapler herumstand und beim Aufeinanderschichten der Güter im Lager zwischen den Paletten umherstieg, so dass der Staplerfahrer ständig nach ihm Ausschau halten musste, um ihn nicht aus Versehen zu zerquetschen, wenn er eine Palette ablud. Beim Öffnen einer Schachtel, die eine Abdeckplane enthielt, rammte Lambert das Messer so tief in den Karton, dass er die Plane beschädigte. So ging es den ganzen Vormittag weiter.

Sein Vorarbeiter Tommi Katholnig war ein gutmütiger und geduldiger Mensch, doch irgendwann reichte es auch ihm. Er nahm Lambert grob zur Seite und fuhr ihn an: „Ich sage es dir im Guten, aber ich sage es dir zum letzten Mal: Was du privat treibst, geht mich nichts an, aber wenn du zur Arbeit kommst, dann bist du gefälligst clean.“

Lambert sah Tommi groß an, so kannte er ihn gar nicht. „Ich … ich habe keine Drogen genommen, ich …“

„Erspar es dir einfach.“ Tommi schnaubte. „Und jetzt geh nachhause, in diesem Zustand kann ich dich nicht gebrauchen.“

Lambert dackelte betroffen davon, doch Tommi rief ihm noch hinterher: „Und, Lambert, wenn du noch ein einziges Mal bekifft hier auftauchst oder stoned oder ich weiß nicht, wie ihr das nennt, dann schmeiß ich dich raus, hast du mich verstanden?“

Lambert wollte sich rechtfertigen, dass er seit Tagen nichts mehr genommen habe, aber als er Tommis Gesichtsausdruck sah, nickte er nur.

Zuhause angekommen, war Lamberts schlechtes Gewissen weitgehend abgeklungen. Er hatte vor sich selbst geschworen, dass er künftig immer im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zur Arbeit gehen werde, und das hatte ihn beruhigt. Als er die Wohnungstür hinter sich schloss, fiel sein Blick auf den ominösen Schlüssel mit der ominösen Chipkarte und ihm wurde schlagartig klar, dass das Fiasko mit Tommi nichts anderes als ein Wink des Schicksals gewesen war. Kurzentschlossen schnappte er Schlüssel und Karte, schwang sich auf sein Fahrrad und strampelte zum Lagergelände.

Auf dem Weg dorthin redete er sich selbst Mut zu. Beate hatte kein Recht, irgendetwas vor ihm zu verbergen, immerhin war sie seine Frau. Er würde sich ansehen, was es war, dann würde er sie zur Rede stellen. Und wenn sie sich weinerlich bei ihm entschuldigte, dann würde er ihr verzeihen, immerhin war er ein Mann. Einmal musste er unterwegs stehen bleiben, weil seine Arme und Beine so zitterten, dass er immer wieder das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Er schluckte ein paar seiner Pillen, wartete, bis das Vibrieren der Glieder nachließ, und radelte dann weiter.

Das Eingangstor zum Lagergelände stand offen, Lambert fuhr hinein und zwischen den Containern durch. Sie waren nummeriert, was Sinn machte, denn an Beates Schlüssel hing ein blaues Blechplättchen, auf dem die Nummer neunzehn eingraviert war.

Am Container mit der Nummer neunzehn angekommen, stieg er vom Rad und wischte sich mit dem Unterarm über den Mund. Sein Herz pochte. Was immer sich da drin befand, es würde alles erklären. Und dann würde alles gut werden. Für einen Augenblick glaubte Lambert, die rostrot lackierte Stahlbox würde schimmern und der Boden unter seinen Füßen vibrieren, doch das war gleich wieder vorbei. Die Nerven, kein Wunder. Er atmete tief durch, zückte den Schlüssel und schritt auf den Container zu.

Dienstag, 9 Uhr

Heinz Sablatnig drückte gegen die große Sperrholzplatte über sich, doch sie bewegte sich nicht. Er ließ locker, holte tief Luft und stieß ein weiteres Mal beide Hände dagegen, doch wieder gab sie keinen Millimeter nach. „Lambert“, rief er, „bist du dir sicher, dass du die Muttern abgeschraubt hast?“

Es vergingen ein paar Sekunden, dann kam es kleinlaut von oben: „Entschuldigung. Es ist die Platte rechts von dir.“

Heinz schüttelte den Kopf und turnte durch die Metallverstrebungen unter die nächste Platte der Tribüne. Hier brauchte er nur kurz anzudrücken und das Stück hob sich, Lambert griff von oben zu und kippte es auf.

Heinz kletterte zu ihm hinauf, und gemeinsam trugen sie die Sperrholzplatte zu den anderen, die sie am Rand der Messehalle 5 aufstapelten. „Du bist heute nicht ganz bei der Sache“, meinte Heinz, als sie wieder zurückgingen.

„Stimmt. Ich war gestern … ich habe gestern etwas erlebt, das …“ Lambert zögerte, dann blieb er stehen und sah Heinz mit einem eigenartigen Blick an. „Ist es wahr, was Beate sagt? Dass du ein großer Detektiv bist?“

„Nun ja“, Heinz spürte, wie sein Gesicht heiß wurde, „sagen wir es so, ich habe schon ein paar größere Fälle lösen können.“

„Warum arbeitest du dann hier auf der Messe?“

„Das ist eine lange Geschichte. Aber ich nehme an, es gibt einen Grund für deine Frage?“

Lamberts Blick wanderte unstet in der Halle umher, seine Zunge befeuchtete die Lippen. „Den gibt es. Den gibt es.“

Während die beiden weiter die Zuschauertribüne abbauten, um Platz für die Stände der bevorstehenden Familienmesse zu schaffen, erzählte Lambert, dass sich seine Frau abends immer wieder aufputze und verschwinde, ohne ihm zu sagen, wohin, dass er ihr vor zwei Tagen gefolgt sei und was er dabei erlebt habe.

Heinz verkniff sich ein Lächeln wegen der Art, wie Lambert erzählte. Lambert war ein liebenswerter Kerl, fleißig und immer hilfsbereit, doch er war auch schrullig und dachte selten nach, bevor er redete. Außerdem konnte er sich gegen andere nicht durchsetzen, ganz besonders nicht gegen seine Beate, die seit drei Monaten die Assistentin der Marketingleiterin der Kärntner Messen war. Heinz kannte sie flüchtig, hatte aber nie etwas mit ihr zu tun gehabt.

Lambert berichtete weiter, dass er am Vortag heimlich den unbekannten Schlüssel genommen und zu dem Lagergelände gefahren sei. Dann fragte er: „Und weißt du, was ich in dem Container gefunden habe?“

Heinz schüttelte den Kopf.

Lambert schluckte sichtlich, die Erinnerung füllte seine Augen mit Horror. „Schlangen“, sagte er, „große, dicke Schlangen. Der ganze Container war voll, alles bunt durcheinander. Die haben sich ineinander geringelt wie … na ja, so wie ein Haufen Drachen.“

Heinz wollte loslachen, doch dazu war Lamberts Gesichtsausdruck zu ernst. Vielleicht drückte sich sein Kollege ja nur ungeschickt aus. „Was war dann?“

„Ich hab die Tür zugeknallt und bin abgehauen“, erklärte Lambert. „Und jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll.“

„Am besten, du gehst zur Polizei.“ Heinz schraubte mit einem Steckschlüssel die Muttern der nächsten Tribünenbodenplatte auf.

Sein Kollege sah ihn wieder an. „Kannst du da nichts machen?“

Heinz hielt vor Verwunderung inne und erwiderte Lamberts Blick. „Hä?“

„Ich würde dich … buchen. Sagt man das so?“

„Du willst mich engagieren? Für was?“

„Ich weiß auch nicht. Dass du einmal nachschaust, vielleicht. Die Polizei glaubt mir nicht, die sagt immer, ich bin auf Drogen.“

Heinz sah ihn misstrauisch an. „Und, Lambert, bist du auf Drogen?“

„Ja, schon, manchmal“, kam es kleinlaut zurück. „Aber das mit Beate, das ist etwas anderes. Das muss geklärt werden. Machst du so etwas nicht?“

„Ehefrauen hinterherspionieren?“ Heinz seufzte. „Doch, doch, viel zu oft sogar.“

„Dann tu das, bitte. Geh nachschauen und finde heraus, was das zu bedeuten hat. Es soll kosten, was es kostet, aber ich halte die Ungewissheit nicht länger aus.“

Heinz nickte. „In Ordnung.“

Dienstag, 14.30 Uhr

Heinz stellte seinen mattschwarzen, tiefergelegten VW Corrado mit dem Kieler Kennzeichen am Parkplatz des Lagergeländes ab und ging zum offenen Tor. Dort informierte eine Tafel, um welche Uhrzeit das Tor abends geschlossen und wann es am Morgen wieder geöffnet wurde. Ein Blick auf den Schließmechanismus zeigte, dass man hier eine Chipkarte einführen musste, um nachts das Tor zu öffnen. Das hatte Heinz ohnehin vermutet, immerhin war die Chipkarte, die am Schlüssel hing, mit dem Namen und den Kontaktdaten der Firma bedruckt, die dieses Mietlager betrieb. Heinz machte sich auf den Weg zu Container Nummer neunzehn.

Nachdem er und Lambert handelseinig geworden waren, hatte dieser ihm seinen Wohnungsschlüssel ausgehändigt und ihm beschrieben, wo er den Schlüssel mit der Chipkarte fand. Ihr Plan sah vor, dass Heinz nach seiner Vormittagsschicht Schlüssel und Karte in der Wohnung der Hofers holte, zum Lager fuhr, dort nachsah, was es mit den Schlangen in Container neunzehn auf sich hatte, danach alles wieder verschloss, Schlüssel und Karte in die Wohnung und den Wohnungsschlüssel anschließend zu Lambert auf die Messe zurückbrachte und ihm Bericht erstattete. Durch dieses Vorgehen konnte Beate ihn nicht überraschen, zumal sie – ebenso wie ihr Mann – Vollzeit auf der Messe arbeitete.

Container neunzehn befand sich im hintersten Winkel des Geländes. Als Heinz näherkam, stieg ihm ein penetranter Gestank in die Nase, eine Mischung aus Exkrementen und übertrieben gewürztem Fleisch – er konnte es nicht anders zuordnen. Er hatte Lambert nicht geglaubt. Große Schlangen, die sich ineinander ringeln! Wenn Beate hier tatsächlich Schlangen eingesperrt hatte, dann ja wohl in Terrarien, Kisten oder Säcken. Doch mit dem bestialischen Gestank in der Nase fand er Lamberts Geschichte plötzlich nicht mehr so unrealistisch.

Der Container besaß eine doppelflügelige Tür, die seine gesamte Schmalseite einnahm. Die Tür war mittels eines Schwenkhebels verschlossen, der in einer Sicherung ruhte, welche mit einem Vorhängeschloss abgesperrt war. Heinz nahm das Schloss und steckte den Schlüssel hinein, beides verursachte Geräusche, die an der metallenen Wand des Containers nachhallten. Wie als Reaktion darauf hörte Heinz eine Art gedämpftes Rappeln von innen. Er verharrte und lauschte. Dann ließ er von dem Schloss ab und trat einen Schritt zurück. Eine Gänsehaut lief über seinen Rücken, ausgelöst durch eine instinktive Angst. Er atmete ein paar Mal tief durch und machte sich klar, dass er gar keine andere Wahl hatte. Er musste diese Tür öffnen, nicht nur, weil es sein Auftrag war, sondern auch weil ihm die Ungewissheit keine ruhige Minute mehr lassen würde.

Entschlossen ging er wieder hin, schnappte das Vorhängeschloss und entsperrte es. Dann zog er das Schloss ab und griff mit zitternder Hand zum Öffnungshebel. Er hob ihn aus der Sicherung und zog ihn zu sich. Das Knirschen, mit dem sich die Verriegelungen oben und unten öffneten, löste wieder dieses Rappeln im Innenraum aus, diesmal lauter, heftiger. Heinz‘ Zittern verstärkte sich. Schlangen, riesige Würgeschlangen, Giftschlangen … Er atmete noch einmal tief durch, dann zog er mit Schwung den rechten Türflügel auf.

Kapitel 2

Als das Tageslicht in den Innenraum fiel, setzte ein dröhnendes Heulen und Jaulen ein. Der Lärm in Verbindung mit dem Anblick, der sich Heinz darbot, überforderte ihn für einen Moment. Dann sah er, was Beate Hofer vor ihrem Mann verbergen wollte. Der Container war an beiden Längswänden bis zur Decke hinauf mit Zwingern vollgestellt, in denen Hunde saßen, die nun wie verrückt bellten, jaulten, heulten und winselten. Ein Schwall abstoßend übelriechender Luft wallte heraus und verursachte in Heinz schlagartig eine Übelkeit, die ihn nach hinten taumeln ließ. Er bückte sich, stemmte die Hände in die Oberschenkel und schnaufte tief durch, immer wieder. Der Lärm ließ indessen nicht nach.

Nachdem er sich etwas gefasst hatte, nahm Heinz die Situation in Augenschein. Dutzende Hunde waren hier gefangen, unterschiedlichste Rassen in unterschiedlichsten Größen, in jedem Zwinger saß einer. Sie waren zerzaust und teilweise voller Geschwüre, manchen fehlten Stücke des Fells, andere trugen dicke Krusten von ausgelaufener Augenflüssigkeit auf den Schnauzen. Einige der Tiere lagen auf dem Boden ihres Käfigs und bewegten sich nicht. Am hinteren Ende des Containers sah Heinz Kübel und Kehrgeräte, daneben große Säcke mit Futter.

Als er den engen Gang zwischen den aufgestapelten Zwingern betrat, wurde der Lärm der Hunde ohrenbetäubend und der Gestank schier unerträglich. Kein Wunder, auch die Böden der Käfige bestanden aus Gittern, weshalb die Ausscheidung der oberen Hunde durch die Behausungen der unteren tropfte und zum Teil in deren Fell kleben blieb.

Die Wände dieses blechernen Gefängnisses waren mit dickem Schaumstoff schallisoliert, was erklärte, warum das Gebell von außen bei geschlossenen Türen nicht zu hören war. Nur die Bewegungen der Hunde ließen sich nicht verbergen, denn jedes Rappeln verbreitete sich durch das Metall weiter und drang, wenn auch durch den Schaumstoff gedämpft, nach draußen.

Heinz hatte gesehen, was er sehen sollte. Er überlegte, was er tun konnte, und kam zu dem Entschluss, die Polizei zu rufen. Die würde alles Weitere in die Wege leiten, das städtische Tierheim benachrichtigen … und und und. Er wollte dieser Tierhölle gerade den Rücken kehren, als sein Blick auf einen Käfig im hinteren Containerbereich ganz unten fiel. Dort kauerte ein kleines Fellknäuel, das irgendwie ausgebrochen war und ihn nun zitternd ansah. Heinz schluckte schwer und ging hinaus. Als er die Containertür hinter sich schloss, schlüpfte im allerletzten Moment der kleine Kerl heraus und kauerte sich an Heinz‘ Fuß. Heinz hielt inne und starrte den Welpen an. Die Entschlossenheit, mit der sich dieser an ihn kuschelte, ging ihm so nahe, dass seine Augen feucht wurden. Heinz konnte den Kleinen unmöglich zurück in den Gestank und die Finsternis stecken. Da die anderen Hunde eingesperrt waren, ließ er die Containertür offen, so dass frische Luft hineinkam, und wählte die Nummer seiner Schwester Sabine Oleschko, Chefinspektorin bei der Kriminalpolizei Klagenfurt. Diese war kurz angebunden, deshalb schilderte Heinz ihr möglichst knapp, was er entdeckt hatte.

Sabine seufzte. „Bist du dir sicher?“

Heinz zögerte. „Was meinst du?“

„Dein neuer Auftraggeber, dieser Lambert Hofer, ist nicht gerade für den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen bekannt“, erklärte sie. „Er hat in den vergangenen Monaten mehrmals die Polizei gerufen, weil er angeblich von Dämonen, Drachen und Kobolden heimgesucht wird. Ich weiß nicht, welche Pilze der raucht, aber sie tun ihm nicht gut, so viel steht fest.“

„Hörst du mir eigentlich zu?“, fuhr Heinz auf. „Ich stehe hier vor einem Container voller verwahrloster Hunde.“ Sabine sagte nichts, aber in ihrem Hintergrund hörte Heinz Leute reden. „Bist du noch da?“

„Was? Entschuldige, Heinz, ich hab momentan viel um die Ohren. Wie gesagt, halte dich von Lambert Hofer fern, der bringt dir nichts als Ärger. Ich melde mich, sobald es wieder geht, okay? Bis dann.“

Heinz wollte sie noch davon abhalten, das Telefonat zu beenden, doch da war es auch schon geschehen. Er fluchte und wählte die Notrufnummer. Die Hunde brauchten dringend Hilfe, jetzt – und nicht erst, wenn seine Schwester Zeit hatte.

Eine halbe Stunde später war das Gelände von Polizisten bevölkert und wenig später kamen die Leute vom Tierkompetenzzentrum, dem öffentlichen Tierheim der Stadt. Sie transportierten die Hunde ab. Als sie auch den Welpen mitnehmen wollten, der nach wie vor bei Heinz Schutz suchte, drängte der sich ganz eng an Heinz‘ Bein und winselte so jämmerlich, dass Heinz zusagte, vorübergehend auf ihn aufzupassen und ihn beim Tierheim vorbeizubringen, sobald er sich beruhigt hatte.

„Ehest möglich“, ermahnte ihn eine resolute Tierpflegerin, deren Namensschild sie als Frau Oberhuber auswies. „Der Veterinärmediziner muss ihn sich unbedingt anschauen.“

„Wann kommt der ins Tierheim?“, fragte Heinz.

„Wir werden ihn gleich informieren, ich nehme an, dass er unter diesen Umständen in den nächsten paar Stunden zu uns kommen wird.“

Heinz zog eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und gab sie der Pflegerin. „Bitte rufen Sie mich an, sobald Sie eine Uhrzeit wissen, dann komme ich auch hin.“

Als Frau Oberhuber die Karte ansah, hob sich eine Augenbraue. „Na, da kriegen wir ja prominenten Besuch, Herr Sablatnig.“ Sie lächelte ihm anerkennend zu.

Als die Leute vom Tierheim gefahren waren, wandte sich Heinz an Gruppeninspektor Roth, der das Kommando über den Polizeieinsatz hatte. Heinz kannte Roth schon seit Jahren, er war Sabines rechte Hand, und sie sprach immer in höchsten Tönen von ihm. „Wie geht es jetzt weiter?“

Gruppeninspektor Roth zuckte mit den Schultern. „Wir klären die Hintergründe ab und ermitteln die Straftatbestände. Schema F halt.“ Er sah Heinz in die Augen und erkannte offenbar jetzt erst, was dieser gemeint hatte. „Sie kennen das Prozedere, Herr Sablatnig. Nachdem der Schlüssel für diesen Container offenbar nicht Herrn Hofer sondern seiner Frau gehört, haben Sie einen Diebstahl begangen. Und dass Sie uns über die Missstände hier informiert haben, ist Ihre Bürgerpflicht.“

Heinz schluckte. Der Gruppeninspektor hatte Recht. Unter anderen Umständen hätte Heinz sich sein Vorgehen zweimal überlegt, aber in diesem Fall hätte jedes Zögern die Qualen der Hunde verlängert. Was immer ihm jetzt auch drohte, diese Suppe musste er wohl auslöffeln.

Und leider auch Lambert Hofer, der ihn – rechtlich betrachtet – zu dem Diebstahl des Schlüssels und der Chipkarte angestiftet hatte. Damit nicht genug hatte Heinz, der hier ja eigentlich für ihn arbeitete, mit dem Einschalten der Polizei sein Vertrauen missbraucht. Was auch immer Beate mit den verwahrlosten Hunden vorgehabt hatte, es war wohl kaum etwas Legales, und das war vermutlich auch der Grund gewesen, warum sie Lambert aus der Sache raushalten wollte. Dass ausgerechnet er sie nun über den Umweg Heinz der Polizei auslieferte, das würde Beate ihrem unschuldigen Ehemann, der von ihr abhängig war, nie verzeihen.

Heinz übergab den Schlüssel für den Lagercontainer und die Chipkarte für den Zutritt zum Gelände an Gruppeninspektor Roth. Dann seufzte er tief und zog sein Handy hervor, um Lambert zu informieren. Manchmal war es nicht leicht, das Richtige zu tun.

Dienstag, 15.30 Uhr

Lambert brach am Telefon schier zusammen. Er machte Heinz keinen Vorwurf, das lag nicht in seiner Natur, aber er begann bitterlich zu weinen, weil er Beate verraten habe, wie er sagte, und weil das wohl das Ende seiner Ehe bedeute und er nicht wisse, was er ohne sie machen solle. Dann legte er auf.

Heinz stand am Lagergelände und starrte vor sich hin, bis sich der kleine Hund an seinen Füßen räkelte und ihn damit aus den Gedanken riss. Er sah hinunter. Der Welpe hatte ein sandfarbenes Kurzhaarfell, das schmutzig und voller kahler Stellen war. Der Blick des Hundes war treuherzig, aber irgendwie traurig, wie es Heinz schien. Er hob ihn hoch und kraulte ihn, das Fell war verklebt und mit einer öligen Substanz beschmiert, die Exkremente anderer Hunde, wie der Geruch verriet. Die rechte Augenbraue des Kleinen hing etwas nach unten, was Heinz spontan an den in die Stirn gezogenen Hut von Humphrey Bogart in Casablanca erinnerte. Er beschloss deshalb, den Hund „Humphrey“ zu nennen. Heinz setzte ihn ab und zog ein Papiertaschentuch aus seinen Jeans, mit dem er sich die Finger abwischte.

Als er das Taschentuch in die andere Hosentasche steckte, spürte er Lamberts Schlüsselbund, den er sogleich hervorholte. Eigentlich hatte er mit Lambert vorhin am Telefon noch ausreden wollen, wann und wo er ihm die Wohnungsschlüssel zurückgeben sollte, doch dazu war er nicht mehr gekommen. Heinz drehte die beiden Schlüssel, die an einem Bernard-der-Bär-Anhänger befestigt waren, zwischen seinen Fingern. Mit dem großen Schlüssel hatte er zuvor sowohl die Haus- als auch die Wohnungstür aufgesperrt, der kleine war wohl für den Briefkasten am Hauseingang oder für das Kellerabteil.

Heinz dachte nach. Die Polizei würde als Erstes wohl Beate Hofer mit der Entdeckung der Hunde konfrontieren. Je nachdem, wie dieses Gespräch ausging, würde der Staatsanwalt eine Durchsuchung ihrer Wohnung anordnen, oder auch nicht. Wenn ja, würden die dafür notwendigen bürokratischen und administrativen Abläufe einige Zeit in Anspruch nehmen, Zeit, die Beate dazu nutzen konnte, Beweise verschwinden zu lassen. Und wenn nein, hatte sie dafür ohnehin alle Zeit der Welt. So oder so: Wenn Beate Hofer etwas zu verbergen hatte, würde sie nach ihrer Einvernahme nicht zögern, alles zu vernichten, was sie belasten konnte.

Heinz aber hatte den Wohnungsschlüssel – und er hatte zumindest so lange Zeit, bis die Polizei mit Beate fertig war.

Er schnappte Humphrey und machte sich auf den Weg.

Eine knappe Viertelstunde später war er bei dem Wohnblock angelangt, in dem sich Beates und Lamberts Wohnung befand. Da der Hund im Fußraum vor dem Beifahrersitz eingeschlafen war, ließ er ihn im Wagen.

In der Wohnung im zweiten Stock ging Heinz die Räume ab. Küche, Wohn-, Bade- und Schlafzimmer waren auf den ersten Blick unauffällig, ebenso die Toilette und der kleine Abstellraum. Die Tür zu einem weiteren Wohnraum hingegen war versperrt. Heinz wollte durch das Schlüsselloch blicken, stellte aber fest, dass die Tür ein Zylinderschloss besaß. Schnell sah er sich die anderen Türen in der Wohnung an und fand, was er erwartet hatte: Mit Ausnahme der Eingangstür waren alle anderen Schlösser tosisch und mit einem Schlüssel ohne eingekerbten Bart zu öffnen, wie es in Wohnungen üblich war. An der verschlossenen Tür war das Schloss also ausgetauscht worden, wer den Raum betreten wollte, brauchte einen speziellen Schlüssel. Und da Heinz weder annahm, dass in dieser Wohnung so viele Leute ein- und ausgingen, dass der Raum hinter dieser Tür speziell gesichert werden musste, noch dass Lambert hier Geheimnisse vor seiner Frau hortete, blieb als einziger Schluss, dass Beate darin etwas vor Lambert versteckte – Unterlagen oder was auch immer.

Heinz probierte den zweiten Schlüssel von Lamberts Bund, doch natürlich passte der nicht. Er sah sich die Türangeln an – einfachste Konstruktion, unter normalen Umständen ließ sich die Tür locker aushängen. Heinz versuchte es, doch das Türblatt saß fest im Rahmen, da war nichts zu machen. Heinz fluchte und sah sich um. Auch wenn er nicht glaubte, dass er den Schlüssel zu dieser Tür in der Wohnung finden würde, wollte er nichts unversucht lassen und eilte zum Schlüsselboard neben dem Eingang. Hier hingen ein Reserve-Autoschlüssel sowie vier kleinere Schlüssel, alle einzeln und ohne Beschriftung. Heinz zog sein Handy hervor und fotografierte das Schlüsselboard. Dann nahm er alle Schlüssel ab, ging zur versperrten Tür zurück und probierte sie durch. Wie zu erwarten war, passte keiner davon, den richtigen hatte wohl Beate bei sich.

Ein Blick auf die Uhr zeigte Heinz, dass er sich beeilen musste. Beate würde sich nach ihrer Befragung wohl den restlichen Tag freinehmen, um keine Zeit zu verlieren. Er dachte nach. Die kleinen Schlüssel sahen aus, als gehörten sie zu Rad- oder Vorhängeschlössern. Der Keller fiel ihm ein, und so lief er die Treppe nach unten. Am Hauseingang machte er einen Zwischenstopp und probierte den zweiten Schlüssel an Lamberts Bund am Schloss des Briefkastenfachs mit der Aufschrift Hofer aus. Das gelang auf Anhieb, und Heinz ging weiter in den Keller. Hier verlor er wertvolle Zeit, weil die Kellerabteile nicht beschriftet waren und er deshalb jedes einzelne Vorhängeschloss mit allen unbekannten Schlüsseln durchprobieren musste. Die Abteile waren mit grobmaschigen Gittern umschlossen, die einen Einblick ins Innere gewährten. Nur das sechste Abteil war mit Sperrholzplatten verplankt – als Heinz es hier probierte, schnappte endlich das Schloss auf.

Er öffnete die Tür und blieb einen Moment lang stehen. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, vermutlich ein wildes Durcheinander aller möglichen Gegenstände, wie es in Wohnungskellern üblich war. Was er jedoch vorfand, war ein penibel sauberer Raum, der an drei Seiten mit Aluminiumstellagen verbaut war. In einem der Regale waren große Säcke mit Hundefutter übereinandergestapelt, in den anderen befanden sich, ordentlich aneinander geschlichtet, weiße Kartons, deren sichtbare Fronten etwa vierzig mal zwanzig Zentimeter maßen. Die Kartons waren mit Plastikfolie verschweißt, also offenbar originalverpackt, beschriftet und mit einem Firmenlogo bedruckt. Die Aufschriften ließen für Heinz keinen Zweifel daran, dass die Schachteln Arzneimittel beinhalteten – verschiedene Produkte, aber offensichtlich in großer Menge.

Was hatte das nun wieder zu bedeuten?

Heinz nahm sein Handy und fotografierte die Regale, Ebene für Ebene. Dabei fiel sein Blick auf die Uhr am Display, und er ermahnte sich selbst zur Eile. Rasch sperrte er das Kellerabteil wieder ab und lief zurück hinauf in die Wohnung. Er sah das Foto an, das er zuvor vom Schlüsselboard gemacht hatte, und hängte die Schlüssel in derselben Ordnung hin, in der er sie vorgefunden hatte, Beate sollte keinen Verdacht schöpfen. Dann machte er, dass er wegkam.

Kaum saß er im Auto, als sein Handy If you don’t know me by now von Harold Melvin & The Blue Notes spielte, seinen Klingelton für unbekannte Anrufer. Frau Oberhuber, die Tierpflegerin war dran und erklärte, der Tierarzt werde in wenigen Minuten kommen. Heinz dankte ihr und sagte, er sei schon unterwegs.

Dienstag, 17 Uhr

Der Weg zum Tierheim im äußersten Nordosten von Klagenfurt war eine Odyssee durch kleine Dörfer mit engen Straßen. Trotz Wegweiser glaubte Heinz mehrmals, er habe die falsche Abzweigung erwischt. Er machte sich bewusst, dass er tatsächlich noch nie etwas mit einem Tierheim zu tun gehabt hatte. In seiner Vorstellung war so etwas ein trostloser Ort, an dem heimatlose Tiere in dunklen, kleinen Zwingern einem tristen Schicksal entgegensahen. Doch als das Areal vor ihm auftauchte, sah er eine gepflegte Anlage mit modernen, hellgrün gestrichenen Gebäuden. Die Freigehege, die er von der Straße aus sehen konnte, waren weitläufig angelegt, egal welche Tiere darin lebten, sie hatten genügend Auslauf. Auch der Parkplatz vor dem Haupteingang war sauber und mit Zierbüschen bepflanzt.

Heinz stellte den Motor ab, nahm Humphrey auf seinen Schoß und streichelte ihn. „Ich möchte gar nicht wissen, was du schon alles hinter dir hast“, raunte er dem Hündchen zu und kraulte es hinter den Ohren. Humphrey quittierte das, indem er ihm die Hand abschleckte.

Heinz trug den Welpen durch den Haupteingang zur Empfangstheke, wo er einer jungen Frau erklärte, warum er gekommen sei. Die Dame wusste schon Bescheid und beschrieb ihm den Weg zu den Räumlichkeiten, in denen die geborgenen Hunde gerade untersucht wurden. Der Weg führte Heinz ins Freie. Hier ging ein Laufsteg über mehrere Hundegehege hinweg. Diese waren durch hohe Steinkästen voneinander getrennt und mit Plattformen, Sandkisten und Kriechtunneln ausgestattet, wohl um den Hunden Abwechslung zu bieten. An den Stirnseiten führten Türen zu den Innengehegen, die Hunde konnten also nach Lust und Laune zwischen drinnen und draußen wechseln. Auf einem der künstlichen Hügel stand ein großer, schwarzer Hund, dessen Rasse Heinz nicht zuordnen konnte. Er bellte wild zu ihm herauf und knurrte bedrohlich.

Heinz hatte sich nie Illusionen darüber gemacht, dass viele der Hunde, die in ein Tierheim gebracht wurden, nicht mehr vermittelt werden konnten, weil sie entweder traumatisiert oder von ihren Vorbesitzern aggressiv konditioniert worden waren. Sie wurden in Einrichtungen wie dieser gut versorgt, mussten jedoch bis zu ihrem natürlichen Ende hinter Gittern bleiben, als unschuldige Opfer der Umstände. Gerade heute konnte Heinz das gut nachempfinden.

Im Vorzimmer der Räumlichkeiten, in denen der Tierarzt arbeitete, traf Heinz Frau Oberhuber an. Sie kam ihm lächelnd entgegen und begrüßte Humphrey mit einem Kraulen.

„Wie lange wird es dauern?“, fragte Heinz.

„Ich fürchte, noch eine ganze Weile“, meinte die Tierpflegerin, „die Hunde sind in einem erbärmlichen Zustand. Wissen Sie schon, woher sie stammen?“

„Nein, die Polizei hat ihre Ermittlungen erst begonnen. Ich fürchte, das wird ebenfalls eine Weile dauern.“

Frau Oberhuber sah ihn verstohlen an. „Darf ich Sie etwas fragen? Etwas Persönliches?“

„Ja, freilich.“

„Wie ist Saskia Frenzen privat?“

„Wie bitte?“

„Saskia Frenzen, die Schlagersängerin, die Sie vor zwei Jahren vor ihren Entführern gerettet haben.“

„Ich weiß, wen Sie meinen, aber ich verstehe Ihre Frage nicht ganz.“

Frau Oberhuber lächelte verschämt. „Ich bin ihr größter Fan.“

Heinz lachte. „Sie werden sich wundern“, begann er, „aber Saskia ist tatsächlich der netteste Mensch, den man sich vorstellen kann.“

Die Tierpflegerin sah ihn argwöhnisch an.

„Ich weiß“, fuhr Heinz fort, „in den Klatschblättern wird sie als Biest dargestellt, aber das ist nichts weiter als ein PR-Gag.“ Er erzählte ihr, wie er Saskia kennengelernt hatte und wie es zu ihrem schlechten Ruf gekommen war.

„Ihr ehemaliger Personal Trainer also“, rief Frau Oberhuber, als er fertig war, „was es nicht alles gibt. Aber ganz ehrlich: Ich habe den Mist nie geglaubt, den die Boulevardpresse über sie schreibt.“

Heinz nickte. Natürlich nicht, dachte er. „Was wird jetzt aus dem kleinen Kerl hier?“ Er deutete auf Humphrey.

„Nach der Untersuchung kommt er in Quarantäne. Wir wissen ja nicht, ob er gesund ist, ob er geimpft ist und wenn ja, gegen welche Krankheiten.“

„Wie lange dauert das?“

„Zwei Monate.“ Frau Oberhuber presste bedauernd die Lippen aufeinander. „Das ist eine schreckliche Zeit für die Tiere, weil sie in einem sterilen Raum gehalten werden müssen und fast immer einzeln.“

Heinz sah Humphrey an und spürte, wie es eng in seiner Brust wurde. „Zwei Monate“, murmelte er.

„Ja, leider, das ist wirklich nicht anders möglich.“ Sie schenkte Heinz einen listigen Blick. „Aber wir haben noch andere Welpen, die eine Familie brauchen.“
 

Die Hauptdarsteller

heinz sablatnig (Anfang 40)

stammt aus Pörtschach am Wörthersee und lebt in Klagenfurt, wo er als selbständiger Berufsdetektiv arbeitet. Heinz ist ein moderner Mann, der es nicht nötig hat, einem Geschlechter- oder sonstigen Klischee zu entsprechen. Er ist der, der er nun einmal ist – mit allen dazugehörigen Schwächen. 

sabine oleschko (Mitte 40)

ist Heinz Sablatnigs Schwester. Als taffe Chefinspektorin der Kripo Klagenfurt kommt sie regelmäßig mit ihrem Bruder ins Gehege, was sie immer wieder in Interessenskonflikte manövriert.

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