
Kapitel 16: Der Sinn des Himmels
Edgar genießt die Oberflächlichkeit der Partymeile in vollen Zügen. Auch Andrea macht mit, allerdings nur mit halbem Herzen. Wie sie herausstellt, bezweifelt sie, dass es das „ewige Gesetz“ überhaupt gibt.
„Ab jetzt brauchen wir nicht mehr zu den Jeton-Springbrunnen gehen“, meinte er breit grinsend und blinzelte Andrea vergnügt zu, als hätte sich ihre Situation dadurch entscheidend verbessert.
Je länger der Abend dauerte – Edgar und Andrea hatten keinen fixen Zeitpunkt gesetzt, an dem er enden solle –, umso langweiliger wurde ihnen. An den Spieltischen gewannen sie immer, außer sie wollten verlieren. Schneller als ihm lieb gewesen wäre, wurde Edgar klar, dass immer zu gewinnen ebenso wenig Spaß machte, wie immer zu verlieren. Selbst wenn er sich wünschte, ein Spiel solle nach den Gesetzen des Zufalls verlaufen, war er es, der diesen Zustand bestimmte. Es machte keinen Unterschied, ob er sich Gewinn, Verlust oder Willkür wünschte, er wusste immer, was er bekam.
Bald saßen sie an einem der zahllosen Roulettetisch und Edgar setzte, den Kopf auf eine Hand gestützt, seine Jetons in jeder Variante, die das Spiel zuließ: auf eine volle Zahl, auf jeweils zwei, drei, vier und sechs Zahlen, auf eine der drei Reihen, eines der Drittel, eine der Hälften, eine der Farben sowie gerade oder ungerade. Dabei wünsche er sich in jeder Runde eine andere Zahl, so dass einmal seine volle Zahl gewann, dann eine der zwei, dann eine der drei von ihm gesetzten Zahlen und so weiter. Und bei jedem Gewinn johlten alle in seiner Umgebung auf, als hätte er soeben unglaubliches Glück gehabt. Im Grunde hörte das Johlen nie auf, denn andauernd gewann eine der anwesenden Seelen und es verging kaum eine Sekunde ohne Sirenengeheul, denn zu jedem Zeitpunkt knackte in den Weiten des Kasinos irgendjemand den Jackpot.
Als das Roulette Edgar und Andrea anödete, wechselten sie zum Black-Jack-Tisch, doch auch hier war der Reiz des Spiels rasch abgeflaut. Um eine Art Spannung zu erzeugen, wünschte Edgar sich Karten mit niedrigen Zahlenwerten, so dass er sich für den Sieg möglichst viele Karten geben lassen musste. Aber auch das erzeugte keine Spannung, da er ohnehin immer wusste, dass er gewinnen oder verlieren würde; je nachdem, wonach ihm gerade war.
Unwillkürlich erinnerte er sich an all die Gespräche mit seiner Frau oder mit Freunden, in denen sie sich gefragt hatten, wie sich etwa ihr Leben verändern würde, wenn sie ihre Zukunft vorhersehen könnten. Nun konnte er diese Frage beantworten: Sie hätten so gelebt, wie es für sie am bequemsten gewesen wäre – und sie hätten sich dabei zu Tode gelangweilt. Tatsächlich erschien es ihm nun als Gnade, dass der Mensch nicht wusste, was auf ihn zukam.
Als er und Andrea das größte Kasino des Himmels wieder verließen, waren sie sich darin einig, dass sie es nicht so bald wieder betreten würden.
Einige Zeit später saßen Edgar und Andrea an einer Poolbar mit enormen Ausmaßen. Die Bar befand sich inmitten eines Swimmingpools, der die Größe eines Meeres hatte und ihr Tresen war so breit, dass er zu beiden Seiten am Horizont verschwand. Edgar und Andrea kosteten sich durch eine Speisekarte, die so lang zu sein schien wie die Bar selbst und deren Gerichte und Getränke mit jedem Gang immer noch schmackhafter zu werden schienen. Nach dem siebunddreißigsten Gang wurde ihnen die das Essen zu langweilig. Sie legten sich in Barnähe ins Wasser und wünschten sich, nicht unterzugehen. Über ihnen schien eine milde Sonne aus einem wolkenlosen Tiefblau und die Luft war nur unmerklich wärmer als das perfekt temperierte Wasser.
„Hast du so etwas schon einmal ausprobiert“, fragte Edgar, „ich meine, essen ohne Ende?“
Andrea dachte lange nach, ehe sie antwortete: „Doch, ja, auf die eine oder andere Weise passiert mir das immer einmal. Aber eine Pool-Fressorgie habe ich heute zum ersten Mal erlebt.“
Edgar grinste. So sinnlos die Aktivität auch gewesen sein mochte, lustig war sie allemal.
„Sinnlos lustig“ war überhaupt der Oberbegriff für alle Möglichkeiten der Partymeile, denn Spaß war das einzig wirkliche Gefühl in all der Oberflächlichkeit hier.
Edgar räkelte sich wohlig im Wasser und gähnte. Ihm war so herrlich unbeschwert zumute. „Ich kann die Typen nicht verstehen, die von hier weg wollen.“
„Was meinst du?“
„Ich meine die große Bestrafung. Die Typen, die aus dem Himmel abhauen und damit die große Bestrafung auslösen. Bei all den Möglichkeiten, die der Himmel bietet – da würde ich doch niemals mein ewiges Leben aufs Spiel setzen.“
„Niemand weiß, was mit den Seelen passiert, die den Himmel verlassen.“
Edgar merkte auf. Andreas Worte klangen vage, das passte nicht zu ihr. Mehr noch, es war, als wäre sie anderer Meinung, wollte diese aber nicht aussprechen und das passte noch viel weniger zu ihr. „Na ja“, begann er wie nebenbei, „ich war ja erst bei einer einzigen großen Bestrafung dabei. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es schon öfter vorgekommen ist, dass Seelen den Himmel verlassen haben – dass es andererseits aber noch nie vorgekommen ist, dass auch nur eine dieser Seelen wieder zurückgekommen wäre.“
„Was schließt du daraus?“
„Ich würde sagen, da gibt es nur eine Schlussfolgerung: Die Seelen werden dafür bestraft, dass sie den Himmel verlassen.“
Andrea musterte ihn mit unbestimmbarem Blick. „Bestraft? Eine unsterbliche Seele? Wie?“
„Was weiß ich? Vielleicht werden sie in eine Art Orkus geworfen oder ins Fegefeuer? Vielleicht werden sie auch ausgelöscht? Ich meine, wenn Gott uns erschaffen hat, dann kann er uns doch auch vernichten, oder?“
„Warum sollte er das wollen?“
„Als Strafe für den Bruch seiner Gesetze?“
„Welcher Gesetze?“
Anstelle einer Antwort sah Edgar Andrea an. Er hatte keine Ahnung, worauf sie hinaus wollte oder was sie bezweckte, stellte aber fest, dass er diese Seite von ihr noch nicht gekannt hatte.
Andrea erwiderte seinen Blick. „Wo, bitteschön, steht geschrieben, dass wir den Himmel nicht verlassen dürfen?“
Edgar dachte kurz nach, dann fragte er zurück: „Wo steht geschrieben, dass wir es dürfen?“
„Erlaubte Dinge müssen nicht extra erwähnt werden, verbotene schon.“
Edgar reichte es jetzt, er wollte wissen, was das sollte: „Worauf willst du hinaus?“
„Dass der ganze Käse von wegen Verbot und große Bestrafung nichts weiter ist, als pure Spekulation. Trotzdem reden alle davon, als ob es die ewige Wahrheit sei.“
„Und was, wenn es genau das ist?“
Andrea setzte sich auf. „Dann möchte ich die Seele kennenlernen, die diese Wahrheit verbreitet hat und sie fragen, woher sie sie hat. Denn seit ich hier bin, habe ich nur gleichberechtigte Seelen angetroffen, nie eine mit einer höheren Berechtigung für irgendwas, von einem göttlichen Wesen ganz zu schweigen. Was immer die Seelen im Himmel tun, das dürfen sie tun.“
„Im Himmel, okay – aber dürfen sie den Himmel auch verlassen?“
„Ja. Denn wäre es verboten, hätten wir gar nicht die Möglichkeit, fortzugehen.“
Das leuchtete Edgar zwar ein, dennoch war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, er fragte: „Fällt die Entscheidung, den Himmel zu verlassen, nicht unter den freien Willen?“
„Gegenfrage: Wie frei ist ein Wille, der durch Verbote eingeschränkt wird?“ Edgar erkannte, dass Andrea diese Diskussion nicht zum ersten Mal führte und so offensiv, wie sie es tat, hatte sie dabei oft heftigen Gegenwind bekommen. Als sie weitersprach, zeigte sie vage zum Horizont. „Abgesehen davon frage ich mich, warum der Himmel da draußen zu Ende sein soll. Die Seelen haben sich unzählige Bereiche geschaffen, in denen sie ihren Neigungen nachgehen. Wann immer du dir einen Wunsch erfüllst, manipulierst du deine Umgebung. Nach meiner Erfahrung gibt es so etwas wie Räumlichkeit hier gar nicht. Wir sind geistige Geschöpfe, die ihre Vorstellungen räumlich interpretieren, wahrscheinlich, weil wir es aus unserem Leben als körperliche Wesen so gewöhnt sind.“
„Wenn das deine Überzeugung ist, warum warst du dann noch nie da draußen?“
Andrea verstummte abrupt und ließ sich zurück ins Wasser sinken. Ihre Antwort kam spät und sie klang kleinlaut. „Weil ich mir nicht sicher bin. Als menschliches Wesen bin ich daran gewöhnt, der Meinung einer Mehrheit größere Bedeutung zuzumessen als der einer Minderheit oder meiner eigenen. Ich frage mich immer wieder, ob die anderen mit dem ewigen Gesetz nicht doch Recht haben, selbst wenn keine Quelle bekannt ist, aus der sie es hätten erfahren können. Und dann ist da noch dieses Phänomen der großen Bestrafung. Wenn es erlaubt ist den Himmel zu verlassen, warum dann dieses Himmelsbeben?“
„Die Seelen sagen, es sei eine Warnung.“
„Ja, aber wovor? Dass die Unzufriedenen hier bleiben sollen? Das widerspricht doch der Grundidee des Himmels.“
„Welche Grundidee meinst du?“
„Dass wir hier sind, um unsere Wünsche erfüllt zu bekommen. Denn nichts anderes tun wir hier. Aber wenn ich mir wünsche, den Himmel zu verlassen und davor gewarnt und danach bestraft werde, dann widerspricht das dieser Grundidee.“
„Damit sind wir wieder dort, wo wir begonnen haben: Was bewegt Seelen überhaupt dazu, den Himmel verlassen zu wollen? Hier gibt es buchstäblich alles, was man sich wünschen kann und noch viel, viel mehr. Warum sollte einer von hier weg wollen, noch dazu, wenn er riskiert, möglicherweise auf ewig dafür verdammt oder gar ausgelöscht zu werden?“
Andrea sagte lange nichts. „Doch, ich kann mir vorstellen, wie es so weit kommt“, meinte sie dann bedächtig und legte erneut eine lange Pause ein, ehe sie fortfuhr: „Eine der Seelen, die für die letzte große Bestrafung verantwortlich waren, war ein Freund von mir. Wenn du bei ihrem Aufbruch am Strand warst, ist er dir sicher aufgefallen, ein großer Kerl mit einem dunklen Bart. Für den Wegmarsch hat er sich zur Gänze in Leder gekleidet.“
„Der Rädelsführer? Der Zornige?“
Andrea lachte. „Zornig waren sie alle. Aber ja, ich glaube, du weißt, wen ich meine. Sein Name war Angus. Er hat immer behauptet, er sei im Jahr fünfhundertsiebenundsechzig in Irland geboren – du verstehst schon: fünf, sechs, sieben –, aber in diesen Dingen hat man ihm nicht alles glauben dürfen. Zumindest so viel steht fest: Er ist lange vor mir hier angekommen, verdammt lange.“
„Was war mit ihm? Warum verlässt er nach so langer Zeit den Himmel, obwohl er sein Ende befürchten muss?“
„Er hatte einfach genug vom Paradies.“ Andreas Worte klangen, als sei mit ihnen alles erklärt.
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Auf der anderen Seite
»Sieh es als deinen letzten Auftrag an«, sagte Ed. »Du bist der Einzige, der jetzt noch eine reelle Chance hat, New York zu retten. Nur du kannst Cohen noch erreichen, bevor die Bomben explodieren. Joe – du kannst noch zur rechten Zeit kommen.«
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