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Kapitel 47: Inferno

Kapitel 47: Inferno

Edgar und seine Gefährten marschieren durch die neu entdeckte Landschaft, in der eigene Regeln gelten. Als sie erkennen, wo sie hier sind, wird ihnen klar, warum noch nie ein Exilant in den Himmel zurückgekehrt ist.

Der Schreck darüber hielt jedoch nur für die Dauer eines Herzschlags an, denn gleich darauf betraten auch die anderen die Hügellandschaft. Für Edgar sah das so aus, als würden sie durch eine unsichtbare Leinwand kommen, auf die die Hintergrundlandschaft projiziert war. Fred tat nur einen halben Schritt herein, blieb dann stehen und wandte sich um, wohl um zu sehen, wo Jacques blieb. Als er das tat, war er für Edgar und die anderen im Inneren der Sphäre nur zur Hälfte zu sehen. Edgar ging erstaunt an ihm vorbei, in der Absicht, diese Szene von der anderen Seite, also vom unendlichen Weiß aus zu betrachten, und war noch erstaunter als er feststellte, dass er dabei weiter in den Wald lief. Das Weiß existierte für ihn offenbar nicht mehr. Als er sich wieder umdrehte, sah er Fred dennoch von der anderen Seite, allerdings seine inneren Organe, denn er stand immer noch zur Hälfte außerhalb der unsichtbaren Grenze. Edgar stellte sich neben ihn und schaute sich sein Profil an, das an der Körperhinterseite menschlich und an dessen Vorderseite wie glatt abgeschnitten aussah.
In dem Moment wurde Edgar von Jacques angerempelt, der die pseudo-toskanische Landschaft exakt an jener Stelle betrat, an der Edgar stand.

Ihr weiterer Weg schien durch den Berggipfel, der den hügeligen Wald überragte, vorgezeichnet zu sein. Wären sie erst einmal dort oben, würde ihnen der Ausblick einen neuen Horizont zeigen, der neue Orientierung brachte. Doch kaum waren sie losmarschiert, wurde der Wald verwachsener und urtümlicher. Der einzige Weg, der sich nun noch durch ihn hindurch bahnte, führte entlang einer engen Talsohle zwischen zwei steilen Hügelzügen, in die wenig Tageslicht eindrang.
„Na, das ist ja merkwürdig“, sagte Jacques und wie ein Echo schnappte Ebenezer:
„Was?“
Edgar war schon auf dem Weg durch das Weiß aufgefallen, dass die beiden nicht gut miteinander auskamen.
„Na, dass ich mir nichts wünschen kann.“
Der Fußweg war so schmal, dass die Gruppe nur im Gänsemarsch vorankam, weshalb Edgar, der voranging, alle zum Stehenbleiben zwang, als er sich zu ihnen umwandte.
„Was meinst du damit?“
Jacques sah ihn groß an. „Ich habe mir gewünscht, diese Stechmücken sollen endlich verschwinden und jetzt sieh dir das an: Sie schwirren und stechen immer noch.“
„Sie stechen?“ Fred klang beunruhigt.
„Es stimmt, wünschen geht hier nicht“, rief Andi vom hinteren Teil des Zuges her und Franz, der hinter ihm stand, fragte über seine Schulter hinweg:
„Hast du dir wieder ein Nashorn mit Strapsen gewünscht?“
„Ich wünsche mir, dass es regnet“, sagte Edgar nun laut. Er blickte nach oben, streckte die Hand aus – doch nichts geschah.
„Ich wünsche mir ein Feuerzeug“, versuchte es auch Andrea vergebens, ebenso wie Anshelm, der meinte:
„Ich wünsche, am Fuße des Berges dort zu erscheinen.“
Die Mücken stachen nun auch Edgar und die anderen, weshalb alle um sich zu schlagen begannen. Sie rückten näher zusammen und sahen sich nach allen Seiten hin um.
„Wisst ihr, was das bedeutet?“, wisperte Andrea.
„Das bedeutet, wir sind schutzlos“, erklärte Edgar das Offensichtliche.
„Und verwundbar.“ Helmut klatschte auf eine Stechmücke, die auf seinem Unterarm saß. Als er die Hand wegzog, wurde ein Blutfleck sichtbar.
„Ach du Scheiße“, keuchte Andi.
„Was … was ist das hier?“
Wie als Antwort auf Freds Frage drang ein Fauchen aus dem Wald rechts über ihnen, scharf und laut; nahe. Anshelm trat vor seine Gefährten hin. Mit dem Geräusch aneinander schabenden Metalls fuhr sein Schwert aus der Scheide.
„Ich wünsche mir ein Schnellfeuergewehr“, stöhnte Franz leise.
„Ich … ich weiß, wo wir hier sind.“ Andreas Stimme zitterte in einer Art, die sich auf Edgar zu übertragen schien. „O Gott, o mein Gott.“
„Was? Wo denn?“ Freds Stimme zitterte ebenfalls.
Anstelle einer Antwort begann Andrea ein Gedicht zu rezitieren:

„Es war in unseres Lebensweges Mitte,
Als ich mich fand in einem dunklen Walde;
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.“

Ebenezer sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Er flüsterte: „Nein, du meinst doch nicht etwa … aber das ist doch nicht möglich! … und wir sind wehrlos?“
„Verdammt, sagt endlich, was ihr meint!“ Helmut hatte einen mehrfach gekrümmten Stock vom Boden hochgehoben und hielt ihn in gleicher Weise, wie Anshelm sein Schwert.
„Die Göttliche Komödie“, stieß Ebenezer hervor, „wir sind in Dante Alighieris Inferno.“
„Sonst noch ein paar Namen?“ Sogar Franz wirkte nun angespannt auf Edgar.
Andrea begann im Flüsterton zu erklären: „Dante Alighieri war ein italienischer Dichter im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert. In der ‚Göttlichen Komödie‘ beschrieb er seinen Weg durch die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies. Die Geschichte beginnt damit, dass er sich auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens in einem dunklen Tal im Wald verirrt. Als er einen Hügel erklimmen kann, bringen ihn wilde Tiere von seinem Weg ab.“
Andi nickte. „Kommt mir verdammt bekannt vor. Suche nach dem Lebenssinn, dunkler Wald, wilde Tiere – was kommt als nächstes?“
Andrea schluckte. Alle konnten sehen, wie sehr sie sich zusammennehmen musste, um weitersprechen zu können. „Dante kann an den wilden Tieren nicht vorbei. Sein einziger Weg führt ihn in … in …“
„Wohin?“ Helmuts Stimme verriet, dass er kurz davor war, die Fassung zu verlieren.
„In die Hölle.“
Anshelm fiel auf ein Knie und stellte sein Schwert mit der Spitze auf den Boden. Indem er sich an dessen Schaft festhielt, stabilisierte er seinen Körper. Mit gesenktem Kopf machte er das Kreuzzeichen.
„Was ist denn mit dem los?“, fragte Andi verwundert, woraufhin Fred ihn anfuhr:
„Mensch, verstehst du das nicht? Wenn das stimmt, wenn wir hier auf dem Weg in die Hölle sind, dann doch nur, weil wir den Himmel verlassen haben.“
„Du meinst echt, es ist unsere Strafe?“ Ebenezers Augen waren noch immer weit aufgerissen.
„Ja, stell dir vor, das hättest du dir nicht gedacht, was? Wie war das? ‚Was nicht verboten ist, ist automatisch erlaubt‘?“
„Hört auf damit.“ Edgar wusste, dass er seinen Begleitern die Angst nehmen musste und das würde ihm nur gelingen, wenn er ihre Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe lenkte, für deren Lösung sie ihren Verstand gebrauchen mussten. „Schauen wir, dass wir von hier weg kommen.“ Auch er hatte Mühe zu sprechen, ohne dabei zu zittern. Es war das erste Mal seit seinem Tod, dass er Angst verspürte und er hatte fast vergessen, wie hilflos ihn diese machte.

Sie zogen weiter durch den schmalen, düsteren Pfad zwischen den Hügeln. Zwar war kein Fauchen mehr zu hören, doch ließen das raschelnde Laub und die schabenden und knackenden Äste im Wald über ihnen keinen Zweifel darüber offen, dass die Bestie, wie auch immer sie aussehen mochte, sie begleitete. Und mit ihr die Angst.
Anshelm, der einzige Bewaffnete in der Gruppe, ließ die rechte Hügelflanke nicht aus den Augen, doch Edgar entging nicht, dass das Schwert nur lasch in Anshelms Hand hing und dass die Unterkante seines Schildes immer wieder am Boden streifte.
„Anshelm, alles in Ordnung?“
Der Blick, mit dem der Kreuzritter Edgar ansah, war der eines Lammes. „Sein Wille geschehe.“
„Na bravo, und du willst uns beschützen?“, entfuhr es Helmut, doch Andrea legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Lass ihn. Jeder von uns ist von der Kultur geprägt, in der er aufgewachsen ist.“
„Aber der Kerl war doch fast ein Jahrtausend lang im Himmel, hat er da nichts dazugelernt?“
„So wie wir unsere Zeit überdauern, so überdauert unsere Zeit auch uns.“
„Du Philosophin“, spottete nun Fred.
„Konzentriert euch auf den Weg und lasst den Wald nicht aus den Augen.“ Edgars Stimme hatte schärfer geklungen, als er es beabsichtigt hatte, doch er sah sich im Recht: Einen kindischen Streit konnten sie gerade überhaupt nicht brauchen.
Seine Worte zeigten Wirkung, allerdings nur für ein paar Sekunden, dann meldete sich Jacques von hinten: „Ich fasse das einfach nicht. Wandern wir jetzt tatsächlich in die Hölle, weil wir den Himmel verlassen haben? Wie banal ist das denn? Himmel und Hölle, ich komm mir vor wie im Kindergarten.“
Als Edgar im Augenwinkel eine heftige Drehbewegung von Ebenezer wahrnahm, warf er diesem einen stechenden Blick zu. Ebenezer deutete ihn richtig, denn seine Erwiderung fiel nun eher neutral aus: „Offenbar ist die Schöpfung so banal.“

Nach einiger Zeit tauchte vor den Exilanten ein Hindernis auf: Die gesamte Talsohle war von einem Dornendickicht überwuchert, das einen Weitermarsch unmöglich machte. Allerdings war die Vegetation am rechten Hang licht genug, um eine Passage zuzulassen, die den Hügel hinauf führte. Edgar schickte Anshelm voraus, damit er mit seinem Schwert die Ranken weghackte, die über den Weg wuchsen. Auf diese Weise kam die Kolonne zwar nur langsam voran, dafür ging es aber stetig aufwärts, wodurch das Umgebungslicht immer heller wurde.
Nach geraumer Zeit erreichten sie den Scheitel des Hügelzugs, eine Anhöhe, die den Exilanten zum ersten Mal einen Überblick über das Gelände gewährte. Edgar sah, dass die Hügellandschaft direkt vor ihnen in den Abhang des Berges überging, eine riesige, steile Geröllhalde, aus deren oberen Ende die Felsen in den Himmel wuchsen. Der Aufstieg bis zum Gipfel würde eine Tortur werden, da machte sich Edgar keine Illusionen. Schon der Weg von der Talsohle auf die Hügelkante, auf der sie nun standen, hatte ihn angestrengt, er schwitzte und war außer Atem, verspürte Durst und Hunger. Es war gerade so, als hätten er und die anderen sich wieder in sterbliche Menschen verwandelt. Edgar wandte seinen Blick zurück über die Hügel, die sie durchmessen hatten und ihm schauderte, als er auf das finstere Tal hinabblickte, durch das sie gekommen waren. Doch noch mehr erschauerte er beim Anblick des riesigen Leopards, der den Weg zu ihnen herauf schlich.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Neuerscheinung

Kapitel 46: Jenseits des Jenseits

Kapitel 46: Jenseits des Jenseits

Auch wenn im Jenseits des Jenseits Wünschen möglich ist, bleibt es doch eine mystische Region. Nichts scheint hier zu sein, bis auf das unendliche Weiß – aber wer sucht, der findet.

Plötzlich flackerte ein Lagerfeuer zwischen ihnen auf. Die Exilanten sahen einander überrascht an, nur Andi zuckte mit den Schultern und meinte: „Ich wollte einmal sehen, ob das mit dem Wünschen hier noch klappt.“
Franz stellte sich neben ihn, kaugummikauend, sah ihn an und fragte: „Und?“
„Siehst du doch.“
„Was?“ Anstelle einer Antwort stemmte Andi die Fäuste in die Hüften und sah Franz vorwurfsvoll an, doch dieser meinte: „Wenn du dir gerade ein Nashorn in Strapsen gewünscht hast, würde ich sagen: glatter Fehlschlag.“
„Depp“, kommentierte Andi und ließ das Lagerfeuer wieder verschwinden.
„Nun gut, es scheint, als gingen unsere Wünsche auch weiterhin in Erfüllung.“ Anshelm stellte seinen Schild vor sich ab und lehnte sich mit beiden Unterarmen darauf; das Abbild einer lebensechten Statue, wie Edgar fand. „Unser Aussehen ist unverändert, alles scheint gleich geblieben.“
„Das … das hier ist alles?“ Andrea ging ein paar Schritte, drehte sich mehrmals um ihre Hoch- und danach um ihre Querachse, sah sich um, verharrte kopfüber, als stünde sie auf einem unsichtbaren Plafond. „Das ist alles, was sich außerhalb des Himmels befindet?“
Helmut trat neben Edgar. „Gehen wir wieder zurück?“
Mit einem Mal sahen einander alle in einer Mischung aus Verblüffung und Belustigung an. Andi prustete los. „Da würden sie aber schön blöd schauen, im Himmel! Kaum haben sie sich davon erholt, dass wir sie alle aus ihren Wunschvorstellungen geschüttelt haben, stehen wir schon wieder auf dem Fußabtreter und sagen: ‚war nur Spaß‘.“
Fred ging nicht darauf ein. „Ich halte die Frage für durchaus berechtigt. Hier im Einheitsweiß ist nichts besser als im Himmel, im Gegenteil.“ Er schob die Brille den Nasenrücken entlang nach oben.
„Immer schön langsam.“ Edgar fand es an der Zeit, der Gruppe eine Richtung vorzugeben. „Als ich nach meinem Tod hierhergekommen bin, war es nicht anders. Ich weiß nicht, wie viele Monate ich hier herumgetrieben bin, einfach weil ich nicht wusste, wie das hier läuft.“
„Du vergisst dabei nur eines“, wand Fred ein, „was ist, wenn das hier gar nicht das Einheitsweiß ist? Immerhin haben wir den Himmel ja verlassen, folglich auch das Weiß.“
Edgar zuckte mit den Schultern. „Ich sehe keinen Unterschied zum unendlichen Weiß. Und wenn auch das Wünschen hier funktioniert, dann lasst es uns doch nützen: Wir wünschen uns, Gott zu begegnen.“
Die anderen nickten stumm und ebenso stumm äußerten sie kollektiv diesen Wunsch.
Nichts geschah.
Edgar quittierte die ratlosen Blicke seiner Gefährten, indem er meinte: „Okay, neuer Anlauf, wünschen wir uns, dass wir auf unserem Weg Gott näher kommen.“
Ebenezer zischte verächtlich. „Was ist denn das für ein blöder Wunsch? Einmal angenommen, Gott wohnt hier gleich um die Ecke, dann führt uns dein Wunsch doch in großen Kreisen um ihn herum.“
„Ohne ihn je zu erreichen“, ergänzte Andrea, „immerhin wünschen wir uns ja nur eine Annäherung an ihn.“
„Aber ihm begegnen zu wollen hat nicht funktioniert“, warf Edgar ein, „vielleicht bekommen wir neue Informationen, die uns zeigen, was das alles hier soll, wenn wir es schaffen, uns ihm zu nähern.“
Die Blicke, die Edgar nun begegneten, waren wenig begeistert, sie waren demotiviert.
„Also ich habe heute nichts anderes mehr vor.“ Jacques stemmte eine Hand in die Hüfte, während seine andere mit dem Fächer wedelte.
Wieder äußerten alle stumm den von Edgar vorgeschlagenen Wunsch – wieder geschah nichts.
Edgar schnaubte und sah sich um. Als er jenes Areal im unendlichen Weiß entdeckte, das um eine Spur heller war, als der Rest, sagte er knapp: „Dorthin“, und setzte sich in Bewegung. Seine Gefährten folgten ihm, offenbar gingen auch sie selbstverständlich davon aus, dass Gott, so es ihn gab, dort zu finden sein würde, im hellsten Licht.

Während die Gruppe marschierte, lag ein drückendes Schweigen auf ihr. Es war Franz, der nach einer ganzen Weile die Stille durchbrach: „Können wir uns nicht ein Auto wünschen? Oder eine Rakete, dann geht‘s schneller.“
Ebenezer musterte ihn mit einem erstaunten, fast verärgerten Blick. „Was ist denn mit dir los? Tun dir die Füße weh, oder was?“
Wieder verging eine Weile, ehe Franz murmelnd erwiderte: „Mir ist langweilig.“

Im Laufe der weiteren Wanderung wurden die Seelen gleichmütiger. Sie begannen miteinander zu plaudern und gruppierten sich immer wieder neu, um die Gesprächspartner zu wechseln. Edgar, der diesen Vorgang – neben seinen eigenen Gesprächen – beobachtete, erkannte dadurch schnell, wer sich mit wem gut verstand und wer sich an wem rieb. Da er der Überzeugung war, der Erfolg seiner Gruppe würde auch vom Zusammenhalt ihrer Mitglieder abhängen, war ihm an größtmöglicher Harmonie gelegen. Als Fred neben ihm marschierte, sprach er dieses Thema an: „Fred, wir bilden eine Schicksalsgemeinschaft, wie sie wohl nur ganz selten vorkommt. Ich denke, es ist unbedingt notwendig, dass alle Probleme zwischen den Mitgliedern gelöst werden.“
„Wenn du wissen willst, was zwischen Andrea und mir passiert ist, dann musst du sie fragen.“
„Mich brauchst du erst gar nicht zu fragen“, rief Andrea, die mit Ebenezer in Hörweite marschierte.
Edgar blickte verwundert zwischen den beiden hin und her. Er stellte fest, dass sie sich immerhin in ihrer gegenseitigen Ablehnung einig waren, bezweifelte aber, dass dies ein gutes Zeichen war.
Da blieb Anshelm abrupt stehen. Seine Augen waren geweitet, sein Blick in die Ferne gerichtet. „Was ist das?“
Auch die anderen hielten an, blickten in dieselbe Richtung und erkannten, was Anshelm meinte: Vor ihnen schien sich etwas Winziges zu bewegen, doch außer dieser Bewegung des Weiß war nichts zu sehen. Edgar konnte weder die Größe noch die Entfernung dieses Etwas einschätzen, weshalb es ihm auch unmöglich war zu bestimmen, ob es weit entfernt und groß, oder nahe und klein war. Ebenso wenig konnte er feststellen, ob es – da es nun größer wurde – wuchs, oder sich näherte.
„Es ist eine Putte!“ Andreas überraschter Ausruf brachte ihr einen verständnislosen Blick von Anshelm ein.
„Eine was?“
„Kennst du das nicht aus der Kunst? Ach nein, du warst wahrscheinlich zu früh auf der Welt. Eine Putte ist eine kleine Engelsgestalt, ein kleines Kind mit Flügeln.“
Als das Objekt näher kam, zeigte sich, dass Andrea Recht hatte. Es war ein kleiner, nackter Bub, nach irdischen Maßstäben im Alter von etwa einem Jahr, der Engelsflügel am Rücken trug. Und obwohl diese Flügel kaum so lange wie seine Arme waren, trugen sie ihn. So unstetig, wie das Engelchen um ihn und jeden seiner Gefährten herumschwirrte, erinnerte es Edgar an einen Kolibri. Doch die Putte war nicht allein, plötzlich standen die Exilanten inmitten von dutzenden kleinen Engeln und das Weiß schien erfüllt vom leisen, seidigen Flattergeräusch ihrer Flügel.
Ebenezer lachte verzückt auf. Seine Augen waren weit geöffnet, er bestaunte dieses Wunder, wie ein Kind einen Weihnachtsbaum bestaunt. Auch in den Augen der anderen sah Edgar dasselbe Schimmern.
„Wir kommen Gott näher“, flüsterte er, und auch wenn keiner etwas erwiderte, so wusste er doch, dass alle ihm zustimmten.

Je weiter sie nun gingen, umso erfüllter war das Weiß von Engelsgestalten. Nicht nur Putten, auch Engel mit dem Aussehen Erwachsener hielten sich hier auf, schienen die Anwesenheit der Wanderer jedoch nicht wahrzunehmen. Sie kreuzten ihren Weg mit Flugbewegungen, die Edgar an die von Schmetterlingen erinnerten. Einer von ihnen stand hoch über den Exilanten im Weiß und blies eine Posaune, ein anderer hockte schräg unter ihnen und las in einem Buch mit goldenen Blättern, und wieder ein anderer trug in gemessenen Schritten eine brennende Kerze vor sich her, die beinahe so groß war wie er selbst.
Unwillkürlich schüttelte Edgar den Kopf. Irgendwie kam es ihm so vor, als sei hier all der Kitsch zum Leben erwacht, den er im Laufe seines menschlichen Daseins in diversen Weihnachtsdekorationsgeschäften gesehen hatte.

Der Marsch durch diesen „Engelsbereich“, wie Edgar ihn für sich nannte, dauerte nicht lange. Bald schon nahm die Anzahl der Engel wieder ab, bis diese gänzlich im Weiß hinter den Reisenden verschwunden waren.
Dafür erschien in weiter Ferne vor ihnen ein horizontaler schwarzer Strich. Weder rechts noch links konnte Edgar ein Ende erkennen, der Strich schien zu beiden Seiten im Weiß irgendwie zu verschwinden – und war dennoch zu sehen. Im Näherkommen wurde er immer dicker und bald schon sah Edgar, dass die Oberseite unregelmäßig gezackt war, während die Unterseite gleichmäßig gerade blieb. Die Zacken erwiesen sich sowohl in ihrer Höhe als auch in ihrer Breite als unregelmäßig. Schließlich erkannte Edgar, dass sich da vor ihnen ein Landstrich auftat, der endlos breit war und auf keinem Fundament ruhte, sondern im unendlichen Weiß schwebte, als sei er auf einer Glasplatte kreiert worden.
Der Weg zu dieser Landschaft hin schien endlos weit zu sein, denn egal, wie sehr die Neun ihre Geschwindigkeit auch steigerten, sie kamen ihr nicht schneller näher.
Es dauerte also geraume Zeit, ehe weitere Details erkennbar wurden: Am vorderen Rand der Erscheinung erhoben sich sanfte, helle Hügel, die mit einem dichten Pinienwald bestanden waren. Hätte er das Gelände mit einem Gebiet auf der Erde vergleichen müssen, Edgar hätte die Toskana gewählt. Weit hinter den Hügeln kam ein hoher Berg in Sichtweite, dessen kahle, steile Felsflanken leuchteten, als würden sie von einer Sonne beschienen. Doch gab es nirgendwo eine Sonne, denn anstelle eines zu ihr passenden Himmels befand sich über der Landschaft nur das unendliche Weiß.
Als sie den Grenzbereich zwischen dem Weiß und der Landschaft erreichten, hielten die Exilanten inne, denn der Anblick, der sich ihnen hier bot, war kurios. An seiner Front erschien das Terrain ebenso übergangslos abgeschnitten zu sein, wie an seiner Unterseite. Die Hügel an dieser unsichtbaren Außenwand sahen aus, als sei ihr brüchiges Gestein an der Innenwand einer Glasbox aufgeschüttet worden und von den Bäumen, die direkt auf dem Rand standen, war das Innere der Stämme zu sehen. Edgar ließ sich nach unten sinken, um die Unterseite der Landschaft zu betrachten und tatsächlich zeigte sich ihm hier eine schier endlose spiegelglatte Weite aus hellem brüchigem Gestein. Edgar schwebte wieder nach oben und betrat kurzentschlossen die Sphäre.
Steine knirschen unter seinen Sohlen, die Luft war warm und roch nach den Pinien, deren Borke sich rau anfühlte. Alles hier erschien ihm echt zu sein, so echt, wie es seine Sinne nur wahrnehmen konnten. Als er durch die Waldkrone nach oben blickte, sah er zu seiner Überraschung einen tiefblauen wolkenlosen Himmel. Er drehte sich um, um den Übergang zum Weiß zu betrachten – und musste feststellen, dass die Grenze verschwunden war. Hinter Edgar ging die hügelige Waldlandschaft weiter, soweit sein Auge reichte und das Weiß, aus dem er gekommen war, war verschwunden, ebenso wie seine Begleiter.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 45: Im Exil

Kapitel 45: Im Exil

Dass Edgar und seine Gefährten den Himmel verlassen wollen, führt zu einer großen Bestrafung an dem bereits bekannten Strand und zum Furor der zurückbleibenden Seelen. Die Exilanten fragen sich bang, was wohl geschehen wird, wenn sie in das schwarze Wasser hinausgehen.

Sie waren bereit. Edgar blickte seine acht Gefährten nacheinander an und bekam von jedem ein Kopfnicken als Bestätigung. Dann äußerte er still ihren gemeinsamen, allerletzten Wunsch: „Wir wollen den Himmel verlassen.“
Die Bierkneipe verwandelte sich, löste sich in Wolken auf, welche sich zu dem Strand formierten, den Edgar vom letzten Mal kannte, als eine Gruppe Exilanten den Himmel verlassen hatte. Die Gegend war unverändert: flache, sandfarbene Felsen und ein Himmel, dessen Schwarzgrau ebenso bedrohlich auf ihn wirkte, wie jenes des aufgewühlten Meeres, das seine Wellen immer wieder mit anscheinend wütendem Tosen gegen das Ufer anrennen ließ.
Noch war der Strand leer, doch kaum waren die Neun erschienen, lief eine Vibration über den Himmel. Es sah aus, als sei dieser nur eine Projektion auf einer Wasserfläche, über die Erschütterungswellen dahinzogen. Gleich darauf folgte noch eine Vibration, diesmal stärker. Wie schon beim ersten Mal, als Edgar dieses Phänomen erlebt hatte, beschleunigte und verstärkte sich der Effekt auch diesmal, nur mit dem Unterschied, dass ausschließlich der Himmel erschüttert wurde, während der Boden ruhig blieb. Das Pulsieren wirkte dennoch furchteinflößend, immerhin schien es, als würde der Himmel zerbersten wollen.
Aber Edgar und die anderen – mit Ausnahme von Jacques – wussten, worauf sie sich eingelassen hatten und was ihnen bevorstand. Sie hatten ihre Wahl getroffen, was immer nun kommen und wie es sich gestalten würde, das würden sie hinnehmen. Wenn die sogenannte große Bestrafung tatsächlich eine Strafe war, dann würde sie nur jene treffen, die hier bleiben.
Sie sahen sich gegenseitig an, neun aufeinander eingeschworene Seelen, bereit, alles aufzugeben, um alles zu gewinnen oder alles zu verlieren. In jedem Gesicht spiegelten sich dieselben Gefühle: Ein Mut, der nur vage stärker war als die Angst, Standhaftigkeit im Angesicht der bevorstehenden Anfeindungen, eine Hoffnung, die die Unsicherheit bannte und das Bewusstsein, Teil von etwas Außergewöhnlichem zu sein.

Schließlich war es so weit. Die Vibrationen wurden so stark, dass sich gezackte Risse über den Himmel dahinzogen, die stellenweise aufbrachen. Aus den Brüchen fielen Seelen herab, woraufhin sich der Himmel an diesen Stellen wieder schloss, um andernorts erneut aufzureißen. Auch wenn die Öffnungen klein waren, ausschließlich über dem Strand und weit voneinander entfernt auftraten, regnete insgesamt dennoch eine Unmenge an Seelen aus ihnen, denn der Strand schien zu beiden Seiten bis ins Unendliche zu reichen und der Vorgang, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr aufhören zu wollen.
Sobald die Seelen auf den Felsen aufschlugen, rappelten sich auf und rannten, schreiend, mit zornverzerrten Gesichtern und geballten Fäusten, auf die Exilanten zu. Diese standen regungslos da, mit dem Rücken zum Meer und warteten. Edgar stellte fest, dass die Seelen, die in ihrer Nähe aufschlugen, Bekannte von ihm oder einem aus seiner Gruppe waren. Offenbar war der Grad der Sympathie ausschlaggebend dafür, wie nahe der Landeplatz einer Seele der Position der Exilanten war.
Schnell waren sie auf der Landseite umringt, denn vor dem Wasser scheuten die heranstürmenden Seelen zurück. Jedes Mitglied von Edgars Gruppe wurde von den Seelen beschimpft, die es kannten, daher bekam Fred am meisten Zorn zu spüren und Jacques am wenigsten.
Edgar versuchte, das ganze Spektakel zu ignorieren. Sein Entschluss, den Himmel zu verlassen stand fest und deshalb fragte er sich, was das Ganze hier noch sollte. Er blickte über den Strand und sah, wie immer mehr und mehr Seelen aus dem aufbrechenden und sich wieder schließenden Himmel fielen. Bis zu den Horizonten auf beiden Seiten rammten sie in den Boden, rappelten sich hoch und liefen schreiend auf ihn und seine Leute zu.
„Ihr Banditen“, brüllte völlig außer sich ein Mann in Anshelms Nähe, der selbst wie ein Bandit aus einem alten Wildwest-Film aussah.
„Verbrecher, Verbrecher“, schrie ein anderer, der die Soutane eines katholischen Priesters trug.
„Sie haben nichts von dem begriffen, was ich Ihnen gesagt habe, nichts!“ Die sich vor Zorn überschlagende Stimme kam Edgar bekannt vor, er überblicke die Aggressoren direkt vor sich und erblickte den Mann, dem sie gehörte: Sven Nansen. Als dieser erkannte, dass er Edgars Aufmerksamkeit hatte, kämpfte er sich zwischen den anderen Seelen zu ihm vor und schrie ihn mit hochrotem Kopf an: „Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen sich etwas suchen, das Sie erfüllt! War das so schwer zu begreifen?“
„Nichts von dem, was der Himmel zu bieten hat, würde mich je erfüllen.“ Edgars Stimme war beherrscht, aber laut – unnatürlich laut, wie ihm schien. Offenbar war das, was die Exilanten zu sagen hatten so wichtig, dass der ganze Strand es hören musste.
„Und was ist mit uns? Ist es Ihnen völlig egal, dass wir bestraft werden?“
Edgar spürte das Brodeln in sich. Glaubte Nansen, er würde den Himmel aus Spaß und Langeweile verlassen? Dieser selbstgerechte, wehleidige, verweichlichte …! Er nahm sich zusammen, denn eigentlich konnte es ihm egal sein. Tatsächlich gelang ihm ein kühler Ton, als er antwortete: „Wie mir scheint, ist eure Bestrafung schon vorbei, nicht wahr? Einmal Erdbeben im Paradies, vom Himmel fallen und hart aufschlagen. Schlimme Strafe für eine unsterbliche Seele.“
Sven Nansen sah ihn verdutzt an, und da er offensichtlich kein Gegenargument parat hatte, wich er ihm aus. „Darum geht es doch überhaupt nicht.“
„Um nichts anderes geht es.“ Edgar trat einen Schritt zurück und überschaute die Masse am Strand. Wäre seine Seele nicht unsterblich gewesen, es hätte ihn mit Todesangst erfüllt zu sehen, wie Tausende und Abertausende mit zornverzerrten Gesichtern und drohend erhobenen Fäusten aus allen Richtungen auf ihn einstürmten. So aber hob er in einer ruhigen Bewegung beide Arme, er wollte, dass ihm alle zuhörten. „Euer Paradies hat euch verweichlicht, ihr haltet nicht einmal die kleinste Unbequemlichkeit aus. Ihr beschwert euch, weil ihr von eurer Wolke Sieben gefallen seid, aber was sollen wir sagen? Wir leiden darunter, dass wir in diesem Theater, das der Himmel sein soll, nur als Darsteller dienen dürfen und dass es uns verwehrt ist, hinter die Kulissen zu schauen. Wir leiden darunter, an jedem einzelnen Tag, bis in die Ewigkeit. Ihr werft uns vor, dass uns euer Wohlbefinden egal wäre – aber ist es euch denn nicht auch egal, wie es uns geht?“ Er legte eine rhetorische Pause ein, die jedoch ebenso wirkungslos war, wie seine Worte. Die Masse hörte ihm nicht zu; sie wollte nicht zuhören, sie wollte schreien.
„Bleib hier mein Sohn, es hat keinen Sinn.“ Edgar wandte sich in die Richtung, aus der die ruhige, väterliche Stimme kam. Ein Greis von mächtiger Statur in einer veralteten Reiteruniform stand vor Ebenezer und strich ihm über den Kopf. „Versündige dich nicht. Nicht schon wieder.“
Ebenezer drehte seinen Kopf aus der Liebkosung, trat einen Schritt zurück und sagte mit ebenso klarer wie harter Stimme: „Du hast vor langer, langer Zeit aufgehört, mein Vater zu sein.“
Die Hand des Alten sank herab, er ließ den Kopf hängen und wandte sich ab, um in der Masse zu verschwinden. Ebenezer sah Edgar an, so dass dieser die schiere Verzweiflung sehen konnte, die in seinen Augen schwamm. Es war an der Zeit zu gehen.
Ein letztes Mal noch ließ Edgar seinen Blick über die wütende Masse schweifen und blieb dabei an drei Seelen hängen, die regungslos auf einem der flachen Felsen in seiner unmittelbaren Nähe standen. Es waren seine Großeltern und seine Mutter. Sie schrien nicht, gestikulierten nicht, gaben ihm kein wie auch immer geartetes Zeichen. Sie standen nur stumm da und sahen ihn an, als wäre dies ein stummer Vorwurf oder als wären sie nicht an dem beteiligt, was hier stattfand.

Zeit zu gehen!

Mit einem tiefen Seufzen schüttelte er das Gefühl der Wehmut von sich ab und schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Dann wandte er sich seinen Gefährten zu, wartete, bis alle ihn ansahen, und deutete dann mit dem Kopf in Richtung Meer. In stillem Einvernehmen kehrten sie der wütenden Menge den Rücken zu und folgten Edgar, der voraus schritt. Er spürte, wie das Wasser seine Füße benetzte, seine Waden, seine Knie. Er spürte den Widerstand des Wassers, doch der Widerstand war weich und das Wasser fühlte sich nicht nass an. Es war, als ginge er in flüssiger Watte.
Da schwoll das Schreien und Drohen am Strand hinter ihm zu einer schier unglaublichen Lautstärke an, doch nahm er es nur noch gedämpft wahr; er wollte einfach nichts mehr hören. Mit jedem Schritt, den er weiter in das Meer hinausging, wurde ihm leichter ums Herz. Vor ihm, am Horizont, wo Himmel und Wasser zu einer einheitlichen Finsternis verschmolzen, zuckten gelbe und hellorange Blitze.
Und dann, als ihm die Wellen das Wasser bis an den Nabel hoben, begann der Horizont vor seinen Augen zu wabern, begannen das Meer, die Wolken, begann alles durchscheinend zu werden, seine wahre Gestalt zu zeigen. Der Himmel war eine Illusion und diese löste sich nun auf.
Und das war gut – Edgar wollte keine Illusionen mehr.

* * *

Sie standen da und sahen sich um. Sie waren bereit gewesen, alles zu riskieren. Jetzt versuchten sie zu begreifen, dass es nichts zu riskieren gegeben hatte. Sie befanden sich im unendlichen, aus sich selbst heraus strahlenden Weiß.
Allerdings gab es einen Unterschied zu Edgars einstigem, traumatischem Erlebnis: Er und seine Gefährten hatten die körperliche Erscheinung beibehalten, mit der sie aufgebrochen waren. Edgar trug ein weißes Polo-Shirt, Bluejeans und Wanderschuhe, Andrea eine Art hautengen Schianzug, dessen Schnitt und Farbgebung an die frühen neunzehnhundertachtziger Jahre erinnerte und Fred ein Outfit wie die Bergsteiger in Edgars letzten Erdenjahren. Anshelm war in Kettenhemd und -haube gekleidet, hatte seinen Kreuzritter-Waffenrock übergeworfen und trug dazu Beinschienen, einen großen Schild sowie einen Waffengürtel, von dem ein Schwert und ein Dolch herabhingen. Ebenezer sah mit den Schnürstiefeln, der Reiterhose, dem Leinenhemd und dem Tropenhelm, die allesamt khakifarben waren, aus wie ein englischer Lord auf Großwildsafari im Afrika des neunzehnten Jahrhunderts. Jacques steckte in einem pinkfarbenen Muʻumuʻu mit gelbem Blumenmuster, das seine weichen Rundungen betonte. Franz trug Sneakers, Hosen mit herabhängendem Hinterteil und einen Kapuzen-Sweater. All das wirkte viel zu groß für ihn und Edgar fand, dass er darin trotz der körperlichen Erscheinung eines etwa Dreißigjährigen pubertär wirkte. Helmut und Andi hatten uniformähnliche Kleidung angelegt, die jedoch eher von einem Designer für den Laufsteg entworfen worden waren als von einem Militärschneider für den Kampfeinsatz.
In der weißen Unendlichkeit standen die Neun in einigen Metern Abstand voneinander und sahen sich schweigend um. Es war Ebenezer, der schließlich aussprach, was wohl alle dachten, was Edgar dachte und was er von den Gesichtern seiner Gefährten ablesen konnte: „Und was jetzt?“

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Neuerscheinung

Kapitel 44: Neun Gefährten

Kapitel 44: Neun Gefährten

Es sind nun neun Gefährten, die den Himmel verlassen wollen. Bei ihrem Treffen stellen sie einander vor und erzählen, was sie zu diesem Schritt bewogen hat.

Kaum zehn Sekunden später stand Anshelm im Raum, gekleidet in Kettenhemd, Kettenhaube und Waffenrock. Die Anwesenden sahen ihn erstaunt an, während er die rechte Hand zum Gruß hob. „Wir gehen auf einen Kreuzzug, wurde mir berichtet?“
„Der ist ja voll krass, Alter!“ Franz sprang auf und wollte um den Tisch herum zu Anshelm gehen, doch Helmut hielt ihn zurück und deutete ihm mit strenger Miene, sich wieder zu setzen.
„Eigentlich ist es das genaue Gegenteil“, antwortete Edgar Anshelm, „wenn ich mich recht erinnere, sichert ein Kreuzzug seinen Teilnehmern unter anderem einen Platz im Himmel, nicht wahr?“
„Und nie verwelkenden Ruhm im Himmelreich.“
„In unserem Fall ist es umgekehrt: Wir ziehen aus dem Himmel aus und man wird uns dafür ächten.“
Anshelm fasste sich mit der Schwerthand an die Brust. „Wichtig ist allein, dass wir dem Ruf unseres Herzens folgen. Wenn Gott es will, dann werden wir ihn finden.“
„Dein Wort in seinem Ohr, lieber Freund. Nimm Platz.“
Quasi im selben Moment erschien auch Freds Freund, ein mittelgroßer pummeliger Mann mit teigigem Gesicht. Edgar schätzte ihn auf Mitte fünfzig und ihm fiel auf, dass er betont modisch gekleidet war und erkennbar weiblich. Er hielt einen Fächer in einer Hand, mit dem er abwechselnd gestikulierte und sich Luft zufächelte. Nach einem Blick in die Runde kommentierte er: „Hach, ist das altbacken hier.“
Edgar sah, wie die anwesenden Männer den Neuankömmling mit offenen Mündern anstarrten, während Fred verschmitzt lächelnd ihre Reaktionen beobachtete.
„Kommt sonst noch jemand?“, fragte Edgar in den Raum, als der Mittfünfziger Platz genommen hatte.
Die anderen sahen einander an und schüttelten die Köpfe.
„Ich würde mir ja eine schlanke Blondine wünschen, aber ich bezweifle, dass sie mit mir den Himmel verlassen wird.“ Andi war der Einzige, der über seinen Witz lachte.
Da es am Tisch nun wieder eng geworden war, vergrößerte Edgar diesen und den Raum ein weiteres Mal.
Anshelm nickte ihm anerkennend zu. „Eine Tafelrunde, das gefällt mir.“
Edgar ergriff das Wort: „Da sich jetzt neue Gefährten eingefunden haben, ist es, glaube ich, sinnvoll, dass wir uns gegenseitig vorstellen. Aber vorab möchte ich sicherstellen, dass es keine Missverständnisse gibt. Das Ziel unserer Reise lautet: Wir verlassen den Himmel. Wir wollen Gott finden und von ihm erfahren, welchen Sinn das Jenseits hat. Wer von euch ist nicht bereit, das zu tun?“ Niemand zeigte auf. „Dann ist es beschlossen.“
Edgar stellte sich nun in kurzen Worten selbst vor, indem er von seiner Tätigkeit im irdischen Leben, vom Jahr und den Umständen seines Todes und in groben Zügen von seinem Weg durch den Himmel erzählte, sowie vom Grund für seinen Entschluss, diesen zu verlassen.
Nach ihm erzählten Andrea, Fred und Ebenezer von ihren Werdegängen und danach Helmut, Andi und Franz. Die letzten drei stammten aus unterschiedlichen Jahrzehnten des Zwanzigsten Jahrhunderts, zogen aber gemeinsam von Bereich zu Bereich, seit sie sich das erste Mal getroffen hatten. Ihr Antrieb den Himmel zu verlassen wurzelte ihren Worten zufolge in ihrer Langeweile. Demnach hätten sie hier schon so Vieles erlebt, dass es kaum noch etwas gab, das ihnen einen „Kick“ verschaffte. Den Himmel zu verlassen und damit das Risiko der Selbstvernichtung einzugehen, erschien ihnen genau die Art von Kick zu sein, die sie wollten.
Dann war Anshelm an der Reihe. Obwohl es keiner seiner Vorredner getan hatte, erhob er sich von seinem Sessel und nahm Haltung an. Während er sprach, stützte er sich mit den Knöcheln des Zeige- und des Mittelfingers seiner rechten Hand von der Tischplatte ab. Die Gesten seiner Linken untermalten seine Worte, die er so souverän und getragen vorbrachte, als hätte er sich schon lange auf diesen Moment vorbereitet. Ansonsten bewegte er nur seinen Kopf, wenn er seinen Zuhörern abwechselnd sein Gesicht zuwandte.
„Mein Name ist Anshelm. Zu meinen Lebzeiten trug ich den Adelsrang eines Ritters, doch man bedeutete mir bereits vor geraumer Zeit, dass sich die Nennung des Ranges nicht mehr zieme, weder im Himmel noch auf Erden. Sei’s drum. Meine Familie war verarmt, was ihr aber nicht zur Schande gereichte, denn unser Stolz war ungebrochen und ebenso waren es unsere Tugenden. So war es auch nicht an mir zu zögern, als Papst Urban II. im Jahr des Herrn 1095 zur Kreuzfahrt gegen die Muslime aufrief, die die heiligen Stätten der Christenheit fest in ihrer Hand hielten.“
Edgar hob eine Hand, um Anshelms Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Anshelm, Anshelm … Ich unterbreche dich nur ungern, aber auch wenn uns die Ewigkeit zur Verfügung steht – du musst den Kreuzzug nicht in Echtzeit erzählen, okay? Bitte gib uns die Kurzfassung.“
Einige der Anwesenden lachten verhalten, während Anshelm Edgar erzürnt ansah und etwas Unverständliches in seinen Henriquatre brummte, ehe er fortfuhr: „Sei’s drum. Nach vier entbehrungsreichen Jahren voller Verluste, in denen wir zahlreichen Heiden das Leben nahmen, prüfte Gott der Herr unseren Glauben vor den Toren Jerusalems. Obwohl die Muslime, die sich feige hinter den Toren der Heiligen Stadt verschanzten, alle Brunnen der Umgebung zugeschüttet hatten, um uns auszudörren, und alles Holz im weiten Umkreise geschlagen und versteckt hatten, so dass es uns unmöglich war, Belagerungsgerät zu bauen, hielten wird stand. Tag um Tag, Woche um Woche.“
„Monat um Monat“, ulkte Franz und erntete einige Lacher.
„Anshelm …“, unterbrach Edgar erneut, doch der Angesprochene ignorierte beide.
„Es war Gottfried von Bouillon zu verdanken, dass wir die Stadt schließlich nahmen, auch wenn es viele Tage dauerte und vielen unserer braven Recken das Leben kostete. Ich selbst wurde tödlich verwundet, doch hielt ich stand, bis Jerusalem in die Hand der Ritter des Heiligen Kreuzes gelangte. Da erst war ich gewiss, dass all meine Sünden abgelassen waren und dass mich im Himmelreich nie verwelkender Ruhm erwartete und schied in das ewige Leben dahin. Es war der 15. Juli im Jahr des Herrn 1099.“
Nach einer rhetorischen Pause, in der er wie in einer Gedenkminute schwieg, erzählte Anshelm in ähnlich pathetischer Weise von seiner Ankunft im Himmel und seinem anfänglichen Erstaunen darüber, wie anders hier alles war, als die Priester auf der Erde es versprochen hatten. Edgar bat ihn mehrere Male, seine Erzählung zu beschleunigen, was Anshelm jedoch nur bedingt befolgte. Am Ende seiner Rede erklärte auch er seine Beweggründe, den Himmel zu verlassen. Wie es schien, hatte er es längst schon satt, den Seelen der Neuzeit das Hochmittelalter näher zu bringen. Zwar seien die Seelen an der Kultur, an der Küche und an der Technik seiner Zeit interessiert, doch ginge es ihnen immer nur um die Fassade, um die materiellen Äußerungen. Noch nie hätte ihn jemand nach dem spirituellen Hintergrund gefragt, ohne den diese Dinge jedoch hohl und sinnleer seien.
„Unser gemeinsamer Zug ins Ungewisse“, endigte er, „ist nun genau das, was mein altes, gleichwohl jederzeit noch kraftvoll pochendes Ritterherz zum Jubeln bringt. Wohl zum ersten Male seit neun Säkula bin ich vom selben Gefühl beseelt, das mich auch dereinst vor Aufbruch ins Morgenland beseelte. Drum lasst uns zu dieser neuen Kreuzfahrt aufbrechen, ihr seht mich jung, wie dereinst!“
Der nun aufbrandende Applaus war nicht Anshelms Rede geschuldet, sondern der Tatsache, dass er ebendiese zu einem Ende gebracht hatte.
Als Letzter in der Vorstellungsrunde war der weiblich gekleidete Mann an der Reihe, den Fred eingeladen hatte. Auch er erhob sich, um zu sprechen, doch im Gegensatz zu Anshelm war sein voluminöser Körper ständig in Bewegung, was aussah, als bewegten sich unter seinem Gewand lose gestopfte Polster. Die Gesten seiner Arme, der Finger seiner rechten und des Fächers in seiner linken Hand wirkten hektisch.
„Also ich bin der Jacques und ich bin der Freund von dem Fred. Das heißt – nicht sein Freund, sondern ein Freund.“ Er kicherte frivol. „Fred war so nett, mich im Himmel zu empfangen, aber ich muss schon sagen: es ist ent-setzlich hier!“
Jacques erzählte von seinem erst kürzlich zu Ende gegangenen Leben als erfolgreicher Modedesigner, das er in jeder Sekunde in vollen Zügen genossen hätte. Man hätte ihn bejubelt und vergöttert, ein Umstand, der ihm hier im Himmel sehr fehlte, weshalb er auch nicht bleiben wollte. Seinen Krebstod hätte er nur deshalb akzeptiert, weil er keine andere Wahl gehabt hätte, hingenommen hätte er ihn nie.

Als Jacques von der fehlenden Anerkennung sprach, bemerkte Edgar, dass Freds Blick unstet von einem der Anwesenden zum anderen schnellte. Edgar selbst wäre nicht darauf gekommen, doch nun, als er das sah, schien ihm, als verschwiege Fred etwas; als verschwiege er Jacques etwas.
Edgar hatte eine Ahnung, worum es dabei ging: Eine Seele, die so im Äußerlichen verhaftet war wie die von Jacques, musste sich im Himmel eigentlich wie ein Fisch im Wasser fühlen, immerhin erfüllte der Himmel ja nur Wünsche, die das Äußerliche betrafen. Dass Jacques sich dessen noch nicht bewusst geworden war, konnte eigentlich nur bedeuten, dass er sich im Himmel noch nicht eingewöhnt hatte und dass Fred ihn diesbezüglich im Dunkeln ließ. Hatte er Jacques etwa nur eingeladen mitzukommen, um Andrea einen Verbündeten vor die Nase setzen zu können?

„Also zum Schluss noch einmal für alle zum Mitschreiben“, beendete Jacques soeben seine Selbstvorstellung und fuchtelte dabei mit Hand und Fächer, „alles ist besser, als hier zu bleiben. Besser ein hübscher Tod als ein hässliches Leben, sag ich immer.“ Er lachte gespielt meckernd und setzte sich wieder.
Edgar erkannte in den Gesichtern der Männer am Tisch eine unterdrückte Belustigung. Nur Anshelm grinste offen und sagte schließlich: „Der Sultan der Rum-Seldschuken hatte dereinst einen Harem in Nicäa. Dort hatte man solche wie dich als Aufseher.“
Andrea wandte sich ab, um ihr Lächeln zu verstecken, Fred setzte ein ehrlich verblüfftes Gesicht auf, Ebenezer lachte aus voller Kehle und die übrigen prusteten mehr oder weniger verhalten.
Doch Jacques ließ den Spott an sich abperlen: „Hach, dein Penisneid ist doch genauso antiquiert wie dein Outfit!“
Anshelms Grinsen verwandelte sich in schallendes Gelächter. Edgar war erleichtert, dass der Ritter offenbar auch Freude an Gefechten hatte, die nicht mit Waffen ausgetragen wurden. Er ergriff das Wort:
„Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht sind, gibt es nur noch eine Frage zu klären: Wann brechen wir auf?“
„Also, mich hält hier nichts“, sagte Jacques.
Helmut, Andi und Franz verständigten sich mit einem Blick, den Helmut für die anderen übersetzte: „Uns auch nicht.“
Edgar sah Anshelm an, welcher in Übereinstimmung mit seinen Vorrednern entschieden den Kopf schüttelte.
„Andrea, Ebenezer, Fred, wie lange braucht ihr, bis ihr eure Angelegenheiten geregelt habt?“
Ebenezer vollführte eine wegwerfende Geste. „Darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber die paar Typen, denen ich Goodbye sagen würde, die werden mich sowieso verfluchen, wenn sie mich erst am Strand stehen sehen. Also scheiß drauf, von mir aus kann‘s losgehen.“
„Ich … ich hätte schon noch ein paar …“, begann Fred kleinlaut. Es hatte den Anschein, als getraute er sich nicht, eine andere Meinung als die Mehrheit zu vertreten.
Ausgerechnet Andrea kam ihm zu Hilfe: „Ja, ich auch.“
Edgar nickte. „Macht euch auf den Weg und wenn ihr fertig seid, kommt hierher zurück. Wir warten auf euch.“

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 43: Diskussionen

Kapitel 43: Diskussionen

Es ist soweit: Edgar schart seine Reisegefährten um sich und bespricht die Einzelheiten des Aufbruchs. Dabei geschieht Unerwartetes.

Edgar setzte sich wieder in Bewegung und Ebenezer folgte ihm. „Wie du weißt, habe ich mich, was das Aussehen des Himmels betrifft, ein bisschen umgehört. Ich glaube, ich habe dir auch von Sven Nansen erzählt, dem Astrophysiker in der Nachbildung der Atacama-Wüste, oder?“
„Ja.“
„Nansen hat meine Erforschung des Himmels mit der Erforschung eines Goldfischglases durch einen Fisch verglichen. Er hat gesagt, der Fisch würde dabei immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkommen, weil er im Kreis schwimmt. Aus irgendeinem Grund geht mir dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf. Einmal angenommen, der Himmel und das Goldfischglas lassen sich vom Prinzip her vergleichen, dann handelt es sich in beiden Fällen um einen abgeschlossenen Lebensraum, der innerhalb eines anderen Lebensraums existiert. Wenn der Goldfisch verstehen will, welchen Stellenwert sein Glas im Außerhalb davon einnimmt, muss er es von außen betrachten und das kann er nur, wenn er es verlässt. Auf unsere Situation übersetzt bedeutet das, dass ich unmöglich erfahren kann, wie der Himmel aussieht, solange ich mich noch in ihm befinde. Wie der Goldfisch würde ich mich mit meinen Schlussfolgerungen ständig im Kreis bewegen und immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkommen. Will ich also wissen, wie der Himmel gestaltet, in welchem spirituellen Umfeld er eingebettet ist und welchen Stellenwert er in diesem Umfeld einnimmt, dann muss ich ihn verlassen.“
„Die Sache hat nur einen Haken: Wenn der Goldfisch das Glas verlässt, bezahlt er seine Neugier mit dem Leben.“
Edgar verstummte und sann eine geraume Zeit lang nach. Dann meinte er: „Das scheint der springende Punkt zu sein, nicht wahr? Das wäre auch eine Erklärung dafür, dass die Exilanten nicht mehr zurückgekehrt sind. Weil der Lebensraum da draußen nicht für uns Seelen geeignet ist.“
„Und deshalb, mein lieber Edgar, deshalb lasse ich mir die Oberflächlichkeit hier bis ans Ende der Zeit auf den Pelz brennen.“
Edgar ignorierte das, er war viel zu sehr in seiner gedanklichen Analyse gefangen. „Es scheint überhaupt ein natürliches Prinzip zu sein, dass der Lebensraum einer Spezies von einem größeren umgeben ist, in dem sie nicht überleben kann. Das Goldfischglas ist von Luft umgeben, in der zwar der Goldfisch nicht leben kann, der Mensch aber sehr wohl. Der menschliche Lebensraum wiederum ist vom Weltall umgeben, in dem der Mensch nicht leben kann. Im Unterschied zum Goldfisch hat es der Mensch aber geschafft, sein Biotop kurzzeitig zu verlassen und im Weltall zu leben. Das geht allerdings nur, weil er in einer Art Blase seines eigenen Lebensraums reist.“
„Und weiter?“ Ebenezer klang interessiert.
„Vielleicht kann ich irgendwie eine Art Himmelsblase erschaffen, die mich vor der Umgebung schützt, die mich da draußen erwarten wird?“
„Dazu musst du aber zwei Dinge wissen und eine Niederlage einstecken. Ding Nummer eins, welches sind die Elemente deines Lebensraums hier, die dich als Seele überleben lassen? Ding Nummer zwei, was macht die Sphäre, die deinen Lebensraum umgibt, lebensfeindlich, also wovor musst du dich da draußen schützen? Niederlage: beides kannst du nicht in Erfahrung bringen.“
„Vielleicht geht dieser Gedanke ja grundsätzlich in die falsche Richtung. Bevor ich hier im Himmel angekommen bin, ist meine Seele elendslang im Einheitsweiß getrieben. Das war zwar nicht schön, aber auch nicht tödlich. Genau genommen ist meine Seele ja unsterblich, insofern besteht vielleicht gar nicht die Gefahr einer Auslöschung, sondern nur die der ewigen Reizlosigkeit. Demnach wäre die schlimmstmögliche Folge meines Auszugs, auf ewig im Einheitsweiß treiben zu müssen und unfähig zu sein, irgendetwas zu tun.“
„Das glaube ich nicht. Immerhin wusstest du kurz nach deinem Tod noch nicht, wie der Hase hier läuft, andernfalls hättest du dich wohl eher hier eingefunden.“
„Vielleicht sollte ich also meine menschliche Gestalt behalten, wenn ich das unendliche Weiß betrete, vielleicht ist das die Blase meines Lebensraums, die mich vor der Feindlichkeit des umgebenden Lebensraums schützt?“
„Wozu? Das unendliche Weiß ist ja nicht lebensfeindlich, hast du selbst gerade gesagt. Abgesehen davon, wie kommst du auf die Idee, dass der Himmel vom unendlichen Weiß umgeben ist?“
„Von was denn sonst?“
„Na von einer Sphäre, die auch das unendliche Weiß umgibt. Denk einmal nach: In dem Zeitraum, in dem du im Weiß getrieben bist, warst du bereits im Himmel, du hast nur noch nicht gewusst, wie du ihn verändern kannst. Wenn du dich entscheidest, den Himmel zu verlassen, wird dich das in eine völlig andere Sphäre katapultieren, nämlich in jene, die den Himmel tatsächlich umgibt – und damit auch das unendliche Weiß, denn aus nichts anderem besteht der Himmel.“
„Aber darauf kann ich nicht aufbauen. Wie soll ich mich vor etwas schützen, das ich nicht kenne?“
„Meiner Meinung nach stellst du ganz grundsätzlich die falsche Frage.“
„So?“
„Die Frage lautet nicht, was können wir tun, um unserer Auslöschung oder der ewigen Sinnlosigkeit zu entgehen, sie lautet: Ist uns der Himmel tatsächlich so unerträglich, dass wir ihn verlassen wollen, egal was mit uns geschieht?“
Edgar sah Ebenezer erfreut an. „Wir?“
„Wie lautet deine Antwort?“
„Ja!“

* * *

Dass er andere Seelen rufen konnte, egal, in welchem Bereich sie sich gerade aufhielten, hatte Edgar bald nach seiner Ankunft im Himmel am eigenen Leib erfahren. Das Erlebnis damals war ungewöhnlich für ihn gewesen, denn plötzlich hatte er gewusst, dass eine andere Seele seine Anwesenheit wünschte. Er hatte gewusst, welche Seele ihn rief und auch wieso. Das Gefühl dabei war so stark und eindeutig gewesen, als hätte er einen Telefonanruf erhalten. Als er sich später genauer über diesen Mechanismus informiert hatte, hatte man ihm erklärt, dass diese Art der telepathischen Kommunikation tatsächlich wie ein Telefon genutzt werden konnte, dass das aber niemand tat, weil es genauso einfach und für beide Seiten angenehmer war, wenn die eine Seele bei der anderen erschien.
Doch heute wollte Edgar diese Fähigkeit nutzen. Er wollte sich mit all den Seelen zusammensetzen, die ihm grundsätzlich ihre Bereitschaft dazu signalisiert hatten, den Himmel mit ihm verlassen zu wollen. Für dieses Gemeinschaftstreffen hatte er in der Bierspelunke, die damals sein erster Eindruck von der Partymeile gewesen war, ein Extrazimmer mit einem runden Tisch geschaffen. Das erschien ihm passend, denn so wurde der erste Schauplatz seiner eigenständigen Gehversuche im Himmel auch zum letzten. Stilistisch zum Rest der Spelunke passend, hatte der Raum eine Wandvertäfelung aus dunklem Holz und ein schummriges, schmutzigen Lampen geschuldetes, gelbes Licht. Als er mit seinen Vorbereitungen fertig war, setzte er sich an den Tisch und rief Andrea, Fred und Ebenezer und machte dabei klar, dass dies sein letztes Lebenszeichen vor seinem Aufbruch sein würde. Wer mitkommen wolle, müsse dies jetzt entscheiden. Dann lehnte er sich zurück und wartete, gespannt, wer von den Dreien erscheinen würde.
Obwohl er fix mit Ebenezer gerechnet hatte, war es Andrea, die als Erste kam. Ihr Blick war seltsam unbestimmt, überhaupt erschien ihr ganzes Verhalten Edgar fremd. Sie kam wortlos auf ihn zu, umarmte ihn und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, ehe sie neben ihm Platz nahm.
„Du kommst mit?“
Anstelle einer Antwort nickte sie nur, ohne von der Tischplatte aufzusehen.
Als Nächster erschien Ebenezer, der Helmut, Andi und Franz im Schlepptau hatte, worüber Edgar sich hellauf freute. Die Männer begrüßten einander herzlich und Edgar stellte sie Andrea vor und umgekehrt. Wie sich herausstellte, hatte Ebenezer die drei anderen dazu überredet, mit ihm das „größtmögliche Abenteuer des Himmels“ zu bestreiten.
Edgar vergrößerte Raum und Tisch, um für die unerwarteten Ankömmlinge Platz zu schaffen, woraufhin Fred erschien. Dieser sah lustig in die Runde, doch sein Blick verfinstert sich, als er Andrea entdeckte. „Du schon wieder.“
Andrea sprang auf und nahm eine Art Kampfhaltung ein, von der Edgar nicht sagen konnte, ob sie der Verteidigung oder dem Angriff dienen sollte. „Was tust du hier?“, fuhr sie Fred an.
„Ich bin eingeladen, und du?“
Andrea wandte sich ab, drehte sich aber gleich wieder zurück; sie schien unschlüssig, ob sie ihren Platz am Tisch verteidigen oder verschwinden sollte.
„Setzt euch“, befahl Edgar mit lauter Stimme und beide gehorchten. „Ich möchte jetzt erfahren, was zwischen euch vorgefallen ist. Also?“ Beide starrten stumm auf die Tischplatte. „Fred?“
Der Angesprochene sah auf und Edgar direkt in die Augen. Sein Gesicht war verschlossen, so verschlossen, wie Edgar es noch nie bei ihm gesehen hatte. „Ich glaube, das geht nur uns beide etwas an.“
„Das sehe ich anders. Wenn wir gemeinsam den Himmel verlassen wollen, begeben wir uns auf eine Reise ins Unbekannte. Da können wir persönliche Querelen nicht gebrauchen.“
„Ich kann mich beherrschen, wenn sie es kann.“
Andrea sprang wieder auf und fauchte Fred regelrecht an: „Wer von uns beiden hat sich beim letzten Mal nicht beherrschen können? Wer?“
Edgar wusste, dass er die Kontrolle über die Stimmung an diesem Tisch behalten musste. Deshalb fuhr er dazwischen, noch ehe Fred Andrea antworten konnte: „Werdet ihr euch gegenseitig helfen, wenn es notwendig sein sollte?“
„Ja!“ Andreas Unbeherrschtheit richtete sich nun gegen Edgar.
In Franz Händen erschien eine Packung Popcorn, aus der dieser sofort zu naschen begann, während sein Blick gespannt zwischen Andrea, Fred und Edgar hin und her sprang.
„Ja“, sagte auch Fred, nun bedeutend ruhiger, „unsere Differenzen gehen nicht so weit, dass wir uns gegenseitig die Auslöschung wünschen, nicht wahr?“
Andrea starrte wieder auf die Tischplatte und nickte, aber so kurz, dass jedem klar sein musste, dass sie Fred nicht das Gefühl geben wollte, er hätte sie dazu gebracht, irgendetwas zu tun.
Dieser verbuchte das offenbar als Erfolg, denn mit einem Mal wirkte er wieder so fröhlich, als hätte es den vorangegangenen Wortwechsel nie gegeben. Er blickte in die Runde, klatschte in die Hände und rief: „Warum hat mir keiner gesagt, dass wir Freunde mitbringen dürfen? Wenn das so ist, habe ich nämlich auch noch einen Kandidaten.“ Er schloss die Augen und ließ den Kopf sinken, wohl um besagten Begleiter zu rufen.
„Ich auch“, knurrte Andrea mit funkelnden Augen.
Mit dieser Entwicklung der Dinge hatte Edgar nicht gerechnet, doch sie war ihm sehr recht. Ohne sagen zu können warum, ging er davon aus, dass die Chance, Gott zu finden, mit zunehmender Gruppengröße stieg. Aber vielleicht war das auch nur ein Überbleibsel seines irdischen Denkens

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Neuerscheinung

Kapitel 42: Die Entscheidung

Kapitel 42: Die Entscheidung

Edgar will den Himmel verlassen. Nacheinander sucht er die Seelen auf, die ihm am meisten bedeuten, und will sie dazu bewegen, mitzukommen.

Dann sah Andrea Edgar wieder in die Augen. „Ich bin auch nicht glücklich. Aber was willst du machen? So ist es nun einmal.“
„Aber doch nur, weil jeder es so hinnimmt. Wenn ich in meinem irdischen Leben unglücklich war, habe ich versucht, die Dinge zu ändern, die mich unglücklich machten. Warum soll das hier anders sein?“
„In deinem irdischen Leben hast du dich mit viel mehr Dingen arrangieren müssen als hier. Im Vergleich dazu ist das hier wirklich der Himmel.“
„Ich pfeif auf einen Himmel, der nur im Vergleich zur Erde gut dasteht! Wenn ich schon allein sein muss, dann in einem Paradies, das diesen Namen auch verdient, verstehst du?“
„Und was willst du tun? Den Himmel verlassen und nachsehen, ob draußen irgendwo ein Paradies herumschwirrt, das deinen hohen Ansprüchen gerecht wird?“
„Nein, ich werde den Himmel verlassen, um Gott zu finden.“
„Das ist doch nicht dein Ernst!“
„Da kannst du aber Gift drauf nehmen. Der alte Herr soll mir erklären, wie er das Leben nach dem Tod gemeint hat, das Paradies und die Ewigkeit und alles. Denn das hier, das ist nicht mehr als eine Theaterkulisse.“
„Klar, Gott hat ja nichts anderes zu tun, als dir Rede und Antwort zu stehen.“
„Das will ich aber meinen, immerhin bin ich sein Geschöpf!“
„Das bin ich auch.“
„Dann komm halt mit!“
Andrea starrte Edgar mit riesengroßen Augen an. „Du … du meinst es wirklich ernst?“
„Worauf du dich verlassen kannst.“
„Du willst den Himmel verlassen? Bist du irre?“
„Nein, aber irre werde ich, wenn ich hier bleibe.“
„Ich … ich glaube wirklich, du solltest dir das noch einmal überlegen. In Ruhe, wenn du dich beruhigt hast.“
„Ich glaube eher, du solltest dir überlegen, ob du nicht doch mitkommst.“ Edgar stand auf. „Seit zwei Jahrhunderten geisterst du hier herum und wozu? Um mit anzusehen, wie glücklich man hier werden kann, wenn man nur oberflächlich genug ist. Kannst du das bringen, ich meine oberflächlich werden? Ich kann es nicht. Und weil ich keine andere Perspektive sehe, gehe ich, egal was du sagst.“ Die Verzweiflung in Andreas Blick mochte daher rühren, dass er den Himmel verlassen wollte, oder daher, dass sie selbst es nicht wagte, Edgar wusste es nicht. „Du weißt, wie du mich findest“, setzte er deshalb noch drauf, „aber warte nicht zu lange.“ Dann löste er sich auf.

* * *

Die ganze Umgebung sah aus wie nach einem Flächenbrand, der Boden war anthrazitfarben und sumpfig, voller Schlammlöcher, in denen Hitzeblasen an der Oberfläche zu Dampf zerplatzten. In einem dieser Löcher war, bis zum Hals, Edgar erschienen, vis-a-vis von Fred, der selbst im Schlamm seine Brille aufhatte und spontan aufstöhnte. „Hat man nicht einmal für fünf Minuten seine Ruhe?“
„Eine Wohltat für einen Körper, der gar keiner ist?“ Edgar feixte ihn an.
„Irgendeiner meiner Schützlinge hat mir einmal gezeigt, wie wohltuend eine Dusche ist, wenn man es sich wünscht. Du weißt nicht zufällig, wer das war?“
„Du kannst dich daran erinnern?“
„Klar, ich erinnere mich an alles, was ich im Himmel je erlebt habe. Nur mit den Namen hapert es ein bisschen.“
„Hast du Lust auf eine große Bestrafung?“ Fred riss Augen und Mund auf, doch Edgar ließ ihm keine Zeit für eine Antwort. „Ich werde den Himmel verlassen. Kommst du mit?“
Fred schüttelte sich und begann meckernd zu lachen. „Du willst wohl, dass ich einen Herzinfarkt kriege, oder?“
„Es ist kein Scherz.“
„Wie kommst du plötzlich darauf?“
„Ganz einfach: Nachdem ich endlich kapiert habe, dass ich seit meinem Tod keine Familie mehr habe, habe ich meinen Zufluchtsort abgefackelt, weil er mir unter diesen Umständen nichts mehr bedeutet. Mir ist hier überhaupt der Sinn ausgegangen. Seit Jahrzehnten streune ich durch die Gegend und schnuppere in die einzelnen Bereiche hinein, die andere Seelen für sich geschaffen haben. Wo soll das enden? Soll ich bis in alle Ewigkeit ein Nomade bleiben? Sei mir nicht böse, aber ich brauche ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann, etwas, das mir einen Sinn gibt.“
„Du hast noch immer nicht begriffen, wie der Himmel funktioniert.“
Edgar kannte diesen Tonfall, es war jener, in dem Fred ihn immer über die Zusammenhänge im Himmel beschulmeistert hatte. Doch dieses Mal, das spürte er genau, steckte mehr dahinter. Fred mochte es zugeben oder nicht, die Vorstellung, den Himmel zu verlassen, erfüllte ihn mit nackter Angst und diese wollte er mit seiner Dozentenmanier kaschieren. Deshalb ließ Edgar ihn gar nicht erst weiterreden. „Für mich ist das hier nicht der Himmel, es ist ein Jahrmarkt. Und für dich?“
Wie schon Andrea schien auch Fred von Edgars Entschlossenheit beeindruckt zu sein, zumindest soweit, dass er dessen Ansinnen nicht ins Lächerliche zog. „Ich habe mich nie beklagt. Es ist mir hier immer gut gegangen, weißt du?“
„Und es kotzt dich nicht an, immer und immer wieder dieselben Wörter abzuspulen, um immer und immer wieder dieselben Fragen der Neuankömmlinge zu beantworten? Seit wann machst du das schon? Seit Jahrhunderten? Und wie lange willst du es noch machen? Bis in alle Ewigkeit?“
„Ich … ich gebe ja zu, dass … aber deswegen das ewige Gesetz brechen …“
Diesmal nahm Edgar bei Andrea Anleihe: „Was für ein ewiges Gesetz? Wenn es so etwas wie ein ewiges Gesetz gibt, dann regelt es die Art, wie wir hier leben. Und das bedeutet: Was wir nicht dürfen, dazu sind wir auch nicht in der Lage und wozu wir in der Lage sind, das dürfen wir auch.“
„Und die große Bestrafung? Wenn es erlaubt wäre, den Himmel zu verlassen, warum gibt es dann die große Bestrafung?“
„Wer sagt, dass es eine Bestrafung ist? Außer dass es unangenehm ist, passiert doch niemandem etwas.“ Freds Kiefer klappte auf und zu und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich in die Enge getrieben fühlte. Edgar wusste, dass er mit Argumenten allein nichts erreichen würde, deshalb lenkte er ein. „Fred, hör zu: Ich werde den Himmel verlassen. Ich finde sogar die Vorstellung, dass sich meine Seele auflöst, erträglicher, als die, dass ich mir für alle Ewigkeit jeden Wunsch sofort erfüllen kann. Ich erzähle dir das, weil ich glaube, dass du es ähnlich siehst und vielleicht mitkommen möchtest. Wenn du aber auch in den kommenden Jahrhunderten oder Jahrtausenden lieber neu angekommene Seele in den Himmel einführen willst, dann spricht freilich nichts dagegen.“
Freds Gesichtszüge kamen in Bewegung und schienen sich nicht mehr beruhigen zu lassen. „Wann brichst du auf?“
„Bald. Ich klappere nur noch ein paar Seelen ab, die mir am Herzen liegen und die vielleicht mitkommen möchten und dann geht’s los.“
„Wenn ich mitkomme, sage ich dir rechtzeitig bescheid. Aber warte nicht auf mich, Ede. Für den Fall, dass wir uns nicht mehr wiedersehen, wünsche ich dir viel Glück. Du bist ein feiner Kerl, ich werde dich vermissen.“

* * *

Als Edgar sich zu Ebenezer wünschte, erlebte er den Schreck des Jahrzehnts, denn er erschien auf einem winzigen Sims in einer senkrechten Felswand, mehrere hundert Meter über Grund. Durch seine Überraschung verlor er beinahe das Gleichgewicht, was ihm eine Heidenangst einjagte – für die er sich gleich darauf selbst auslachte, immerhin konnte ihm ja nichts passieren. Er ließ sich vom Sims kippen und schwebte etwas von der Felswand weg, um zu sehen, wo Ebenezer war. Er fand ihn, wie er es erwartet hatte, in der Felswand kletternd, keine drei Meter neben dem Sims – welches offenbar nur für Edgars Ankunft entstanden war, denn Ebenezer schimpfte: „He, mach mir keine Nischen in den Fels!“
„Ich freue mich auch dich zu sehen, Ebi.“
„Ebi? Du spinnst wohl.“
Edgar grinste, denn selbstverständlich wusste er, wie sehr Ebenezer jede Verniedlichung seines Namens hasste; dazu hielt er ihn für zu einzigartig. „Ist schon gut. Lass die Klettersachen hängen und komm mit, ich muss mit dir reden.“
„Und ich nehme an, deine Postkutsche fährt bald ab, weshalb du im Stress bist?“
Edgar stand neben ihm in der Luft und lehnte sich an den Felsen. „Du meinst, so wie dein Berg in ein paar Minuten verschwinden wird, weil er eine Verabredung hat?“
Der Ausdruck in Ebenezers Gesicht schien sich nicht zwischen Ärger, Belustigung, Neugier und Sturheit entscheiden zu können. Schließlich meinte er: „Na schön“, und stieß sich vom Felsen weg.
„Ich werde den Himmel verlassen“, sagte Edgar gerade heraus, und als Ebenezer nicht darauf reagierte, fragte er nach: „Was meinst du dazu?“
„Ich wünsche dir viel Glück.“
„Ist das alles?“
„Was erwartest du denn von mir?“
„Na, dass du mitkommst, selbstverständlich.“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Weil du keine Angst davor hast, den Himmel zu verlassen und weil dir hier auf Dauer ohnehin langweilig wird.“
„Mir war noch nie langweilig, und wenn doch, ist mir immer noch ein Abenteuer eingefallen.“
„Es gibt kein größeres Abenteuer im Himmel, als ihn zu verlassen.“
„Das stimmt vielleicht, aber was hilft‘s dir, wenn deine Seele dafür vernichtet wird?“
Während die beiden sprachen, schwebten sie in großen Kreisen langsam nach oben, als würden sie nebeneinander her spazieren.
„Ich glaube, ich höre nicht richtig“, fuhr Edgar auf, „wer hat denn getönt, die große Bestrafung sei gar keine Bestrafung, es gäbe kein ewiges Gesetz und was nicht verboten sei, sei erlaubt?“
„Was man eben so sagt, nicht?“
Als Edgar Ebenezer ansah, erkannte er in dessen scheinbar entschuldigenden Gesichtsausdruck, dass er ihn nur auf den Arm nahm. „Also im Ernst jetzt“, brachte er es darum auf den Punkt, „kommst du mit? Wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja wieder umkehren.“
Ebenezer schwebte vor Edgar hin und hielt inne. Sie waren nun etwa einen halben Kilometer über der Stelle, an der sie losgeflogen waren. „Weißt du, das ist tatsächlich der einzige Punkt, der mich davon abhalten würde: Es ist noch nie jemand zurückgekommen.“
„Was nichts zu bedeuten hat.“
„Was das Einzige ist, das wir fix über die Gegend da draußen wissen. Alles andere ist reine Spekulation, aber dass noch keine einzige Seele, die je den Himmel verließ, je wieder zurückgekehrt ist – das wissen wir.“

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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