0650 77 88 880 roland.zingerle@aon.at
Kapitel 29: Im Krieg

Kapitel 29: Im Krieg

Gemeinsam mit neuen Bekannten beginnt Edgar ein Kriegsspiel. Was ihn ablenken soll, wird schnell zu einer Mühsal und er bereut, sich gewünscht zu haben, das Szenario müsse bis zu seinem Ende durchgespielt werden.

Erstaunt über den abrupten Themenwechsel setzte Ebenezer das Ale-Glas ab, seine Oberlippe glänzte nass. „Was denn? Jemanden verkloppen?“
„So was in der Art. Hast du eine Idee?“
Ebenezer beendete den unterbrochenen Schluck und blickte versonnen geradeaus. „Ich war schon lange in keinem Krieg mehr. Das fehlt mir.“
Edgar riss die Augen auf. „Du meinst, es gibt tatsächlich ein Schlachtfeld? Hier im Himmel?“
„Was heißt da eines? Endlos viele! In welcher Epoche willst du kämpfen? In der Antike mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Streitwagen? Im Mittelalter mit Lanzen, Keulen und Armbrüsten? In der frühen Neuzeit mit primitiven Feuerwaffen? Im Zwanzigsten Jahrhundert mit Panzern, Flugzeugen und Sturmgewehren? Oder thematisch gefragt: Wilder Westen? Weltraum? Große Schlacht aus dem Film ‚Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs‘? Such dir was aus.“

* * *

Ebenezer stellte Edgar Andi, Franz und Helmut vor, drei Seelen, die er von früher her kannte und von denen er annahm, ihnen würde ein Kampfeinsatz gefallen. Tatsächlich waren die Drei sofort Feuer und Flamme, sie hatten soeben eine mehrjährige Wanderung durch die Bergregion abgebrochen und sehnten sich nach Abwechslung und „Action“, wie sie sagten. Edgar fragte sie, was sie dort erlebt hätten, aber auch Andi, Franz und Helmut erzählten ihm dieselbe Geschichte, die er bisher noch von jedem gehörte hatte, der dort gewesen war: Während des gesamten, endlosen Marsches hätten sie nie das Gefühl gehabt, auch nur einen Schritt voranzukommen und die Berge seien wie am Horizont festgeschraubt gewesen, bis sie ihre Wanderung als sinnlos empfunden und aufgegeben hätten.
Da es sowohl ihnen als auch Ebenezer egal war, in welchem Krieg sie und unter welchen Umständen und mit welcher Ausrüstung kämpfen würden, wählte Edgar ein mitteleuropäisches Gelände und die Bewaffnung einer Armee eines modernen Industriestaats zu seinen Lebzeiten.

Als es losging, fanden sich die Fünf in einem hügeligen Waldgebiet wieder, das sich über eine nicht überschaubare Distanz hinzog. Sie bildeten eine Infanteriegruppe, waren olivgrün adjustiert, trugen aber weder Rang- noch Hoheitsabzeichen.
Und sie hatten auf Anhieb Feindkontakt: Es schien Edgar, als sollten sie ihre Gegenspieler möglichst rasch kennenlernen. Die feindlichen Soldaten trugen in dunkelroten Tönen gemusterte Uniformen, wodurch sie gut von den Eigenen unterscheidbar, im herbstlichen Mischwald aber dennoch gut getarnt waren. Nach einem langen Schusswechsel, bei dem der Wald und die Geländeerhebungen beiden Seiten so gut Deckung gaben, dass es offenbar zu keinen Treffern kam, trat der Feind den Rückzug an.
Wie sich bald herausstellte, war das Kriegsspiel sehr simpel angelegt. Edgar und seine Kampfgruppe verfolgten einen feindlichen Stoßtrupp durch den Wald, wobei es immer wieder zu Zusammenstößen kam. Die Fünf wussten weder zu welcher Armee sie selbst gehörten, noch wer ihr Feind war, noch wozu ihr Auftrag in einem größeren taktischen Zusammenhang diente. Sie wussten nur, dass sie die dunkelrot Uniformierten stellen und vernichten mussten.
Edgar hatte sich Waffen gewünscht, die er aus seinem Grundwehrdienst kannte, weil er damit umzugehen wusste. Aber schon im zweiten Feuerwechsel wünschten sich seine Soldaten jeweils die Waffen, die sie gerade brauchten. Dass es den feindlichen Infanteristen dennoch gelang, sich ihnen immer wieder zu entziehen, legte den Schluss nahe, dass sie, oder zumindest einige unter ihnen, Seelen waren, denn als Seelen waren sie unverwundbar.
Das traf freilich auch auf Edgar, Ebenezer, Andi, Franz und Helmut zu. Wurden sie von einer feindlichen Kugel getroffen, so pfiff diese durch sie hindurch, als wären sie Geister. Getroffen, verwundet und getötet wurden nur die drei Figuren, die sie jeden Tag erschufen, damit sie stets in voller Gruppenstärke – acht Mann – operieren konnten. In der Tradition militärischer Abkürzungen nannten sie diese Figuren „KüKa“, als Abkürzung für „künstliche Kameraden“. Da der Feind tagsüber in unauffindbar gut versteckten Lagern schlief und nur nachts marschierte, erschufen Edgar und seine Leute ihre KüKa jeweils abends, damit diese das Gepäck tragen und mit ihnen kämpfen konnten. Wenn sie bis Tagesanbruch nicht gefallen waren, ließ Edgar oder einer seiner Kameraden sie verschwinden, sobald sie das Zelt aufgebaut hatten. Edgar konnte nicht sagen, warum, jedoch waren er und die vier anderen Seelen lieber unter sich.
Nach einigen Tagen fragte er sich, ob er dieses Vorgehen nicht als herzlos empfand, immerhin waren diese Figuren ja seine Kampfgefährten. Doch das war nicht der Fall. Die KüKa waren für ihn nicht mehr als praktische Werkzeuge und so wurden sie auch von allen behandelt. Und das war gut so, denn es verhinderte, dass emotionale Bindungen entstanden, die problematisch geworden wären, wenn ein KüKa schwer verwundet wurde oder fiel. Schließlich ging es hier nicht um eine authentische Kriegssimulation, denn eine solche wäre vor allem vom Leid getragen gewesen, hier ging es um einen harmlosen oberflächlichen Spaß, selbst wenn dieser in seiner Ausführung roh und grausam wirkte. Es war wie ein erweitertes Computerspiel, ein realer Ego-Shooter, der es seinen Spielern ermöglichte nach Kräften auszuteilen, ohne einstecken zu müssen.

Edgar war fasziniert davon, wie schlagartig und radikal sich die Art änderte, wie er und die anderen Seelen miteinander umgingen, kaum dass sie sich in dieser Kriegssimulation befanden. Es war gerade so, als ginge es hier tatsächlich um Leben und Tod und als sichere rüpelhaftes Benehmen und rauer Ton vor Schwäche und Gefühlsduselei, welche den Auftrag und das Leben der Männer gefährden konnten. Gleichzeitig entstand aber auch schnell eine tiefe und bedingungslose Kameradschaft zwischen ihnen.
Dieses Verhalten mochte echt sein, jedoch, und dessen war sich Edgar bewusst, nur für den Moment, da es auf den Umständen der Simulation fußte. Mit anderen Worten: Kameradschaftliches Verhalten gehörte nun einmal zu der kleinen Welt, die Edgar hier erschaffen hatte.
Er begann zu verstehen, was Ebenezer mit den „Zweckgemeinschaften“ gemeint hatte, die Seelen miteinander bildeten, wenn sie gemeinsamen Wunscherfüllungen nachgingen.

Etwa zwei Wochen lang verfolgten die Fünf nachtsüber den feindlichen Stoßtrupp, während sie ihn tagsüber vergeblich suchten. Keine Nacht verging, in der sie die fremden Soldaten nicht stellten und in ein Feuergefecht verwickelten, doch beide Seiten waren gleich schwer bewaffnet, wodurch die Schusswechsel immer unentschieden ausgingen und der Feind erneut fliehen konnte.
Als es wieder einmal so weit war, dämmerte gerade der Morgen am Horizont und Edgar und seine Männer beschlossen, in ihr Lager zurückzukehren und sich schlafen zu legen. Edgar marschierte voran. Er hielt sein Sturmgewehr feuerbereit mit der Mündung zu Boden gerichtet. Sobald seine hin- und herschweifenden Blicke den Feind ausmachten, brauchte er es nur zu heben und konnte schießen. Auch Ebenezer, der hinter ihm ging, war höchst konzentriert. Der Lauf seines Sturmgewehres folgte dem stechenden Blick, mit dem er die Umgebung sondierte. Seine Schweißtropfen passten sich der Tarnbemalung seines Gesichts an. Andi trug das Maschinengewehr der Gruppe auf den Schultern, er drückte es mit den Handgelenken gegen sein Genick. In Verbindung mit seinem herabhängenden Kopf sah er aus wie ein marschierender Gekreuzigter. Franz, der hinter ihm herschlurfte, war mit den Gurtkästen und dem Reservelauf für das Maschinengewehr behängt. Wie immer bot er einen schlampigen Gesamteindruck, sein Hemd hing ihm aus der Hose, unter dem Kragen standen drei Knöpfe offen, ein Hosenbein hatte sich aus dem Stiefel gelöst und in seinem Mundwinkel hing eine vor sich hinglosende Zigarette. Den Schluss bildete Helmut, der sein Sturmgewehr geschultert hatte und es am Lauf festhielt. Sein Blick war auf den Boden geheftet, womit er seiner eigentlichen Aufgabe, nämlich das Gelände hinter der Gruppe zu sichern, nicht nachkam.
Als ihr getarntes Acht-Mann-Zelt in Sichtweite kam, hörte Edgar hinter sich Laute der Erleichterung. Sie alle waren es nicht mehr gewöhnt, dass sich ihnen ein gewünschtes Ziel entzog und Edgar hatte vergessen, wie mühsam es war, wenn der Erfolg ausblieb und wie sehr ihm das auf die Nerven ging. Während sie in das Zelt traten, zogen sie ihre Stiefel aus. Das ging so vor sich, dass die Stiefel von einem Moment zum nächsten an ihren Füßen fehlten und stattdessen frisch poliert an den Fußenden ihrer Schlafsäcke standen. Auch das Ausziehen der Uniformen wurde auf diese Weise erledigt, diese fanden sich frisch gewaschen, gebügelt und zusammengelegt neben den Stiefeln wieder. Mit einem tiefen Seufzen ließ Edgar sich auf seinen Schlafsack fallen. Dieser lag auf einer kleinen Wolke, die wenige Zentimeter über dem Boden schwebte.
Als er diese Wolke zum ersten Mal erschaffen hatte und in Superman-Manier in ihr schwebte, bekam Ebenezer einen Lachanfall. Es dauerte mehrere Minuten, bis er wieder normal atmen und sprechen konnte, dann wollte er wissen, was das solle. Edgar erklärte verwundert, dass man so auf einer Wolke liegen könne, selbst wenn es nur so aussähe. Ebenezer fragte, wieso er sich nicht gleich eine tragfähige Wolke wünsche und da kam Edgar sich richtig dumm vor. Er folgte Ebenezers Rat und stellte fest, dass ein Wolkenbett buchstäblich das Weichste war, was er sich vorstellen konnte.
Die fünf Krieger hatten sich darauf geeinigt, den Tag-Nacht-Rhythmus beizubehalten, um die Spannung des gesamten Erlebnisses zu erhalten. Entweder wünschten sie sich tatsächlich schlafend oder sie plauderten miteinander, würfelten oder diskutierten ihre taktische Lage sowie ihr Vorgehen in der kommenden Nacht.
Als Edgar nun bäuchlings auf seinem Schlafsack lag, wollte er nichts so sehr, wie eine Pause vom Krieg. Doch er war mit den anderen übereingekommen, dass niemand das Szenario verändern oder verlassen würde, bis ihr Auftrag ausgeführt war. Vielleicht, so dachte er, half ja ein wenig Ablenkung. „Erzählt mir von der Bergregion“, murmelte er in den Schlafsack hinein.
„Was willst du denn wissen?“ Auch Helmuts Stimme war nur ein Murmeln.
„Warum wart ihr dort?“
„Weil uns langweilig war, deshalb“, antwortete nun Franz. „Wir haben geglaubt, wir hätten schon alles vom Himmel gesehen. Außerdem ist uns kurz vorher eine Bergseele begegnet.“
Edgar saß mit einem Mal kerzengerade auf seiner Wolke. „Echt?“
„Ja. Der Typ war irre.“ Andi klang, als würde er zum Sprechen gezwungen.
„Wie seid ihr auf ihn gestoßen?“
„Gar nicht, er kam in den Himmel – und schon war er wieder weg.“ Nun setzte sich auch Helmut auf. „Es war so: Wir waren gerade auf einem Sightseeingtrip im katholischen Himmel und feierten die Auferstehungsmesse im Jesus-Christus-Dom mit, als plötzlich eine neue Seele ankam. Versteh mich richtig, normalerweise ist es nichts Besonderes, wenn ein Mensch im Diesseits stirbt und seine Seele hier auftaucht; du kennst das ja. Es sieht nicht anders aus, als hätte sich eine Seele an den Ort gewünscht, an dem sie gerade auftaucht. Mit dem Unterschied vielleicht, dass die Neuankömmlinge meistens verwirrt sind oder nicht glauben, was da mit ihnen passiert. Aber in diesem Fall war es anders. Während Papst Julius II. von der Kanzel herunter die Herrschaft der katholischen Kirche über den Himmel predigte, ging plötzlich ein Rütteln durch den gesamten Dom, wie bei einem Erdbeben. Die Seelen kreischten auf, wir nahmen ja alle an, es gäbe wieder einmal eine große Bestrafung, doch die Erschütterungen hörten schnell wieder auf. Stattdessen gab es einen dumpfen Knall vom Altar her, der im gesamten Dom widerhallte und plötzlich erschien dort diese Seele.“

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 28: Himmel und Erde

Kapitel 28: Himmel und Erde

Edgar und Ebenezer diskutieren über die Bibel und die Ordnung des Himmels. Dabei erklärt Ebenezer, warum die „große Bestrafung“ keine Strafe sein kann.

 

„Wie meinst du das?“ Edgar bemerkte, wie schwer seine Zunge inzwischen geworden war.
„Sie haben uns den Himmel als Ort der vollendeten Glückseligkeit und der vollkommenen Gottesliebe beschrieben, nicht wahr? Und zwar im Angesicht Gottes bis in alle Ewigkeit.“
„Als der Silberfisch mich in das Licht geschickt hat, hat es kurze Zeit ganz danach ausgesehen“, räumte Edgar ein, „bis auf die Anwesenheit Gottes eben. Und das mit der Ewigkeit hat auch nicht so recht hingehauen.“ Er wartete, bis Ebenezer ihn fragte, was er meinte, damit er von seinem Martyrium im unendlichen Weiß berichten konnte.
Doch der Lord spann, ebenfalls schon ein wenig lallend, seinen eigenen Gedanken weiter: „Ich glaube ja, dass der ganze Himmelsmythos von Gläubigen stammt, die kurz nach ihrem Tod wieder zurück ins Leben geholt werden konnten. Die haben einen kurzen Blick hier hereingeworfen, gesehen, dass all ihre Wünsche in Erfüllung gehen, gespürt, wie befreit sich ihre Seele anfühlt und geglaubt, das bleibt hier für immer so.“
„Und das Angesicht Gottes?“
„Keine Ahnung, vielleicht die Visage von dem Typ, dem sie als Ersten hier begegnet sind.“
Edgar musste an Fred denken, wie er freundlich winkend eine gläubige Seele empfing – und brach in schallendes Gelächter aus. „Aber was ist mit Jesus“, fragte er dann, „hat der nicht auch vom Himmel gepredigt?“
„Ja schon, aber nichts Konkretes, nur in Gleichnissen. Das ging soweit, dass ihn sogar seine Jünger einmal gefragt haben, warum er den Leuten andauernd mit Gleichnissen kommt.“
„Und was hat er geantwortet?“
„Er hat gesagt: ‚Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen.‘“ Edgar starrte Ebenezer so lange an, bis dieser ergänzte: „Matthäus, Kapitel dreizehn, Verse elf bis vierzehn.“
„Wie – du zitierst die Bibel?“
„He, ich habe im Viktorianischen Zeitalter gelebt. Sogar mein Name steht für ein Bollwerk des Glaubens: ‚Samuel nahm einen Stein und stellte ihn zwischen Mizpa und Jeschana auf. Er nannte ihn Eben-Eser – Klammer auf: „Stein der Hilfe“, Klammer zu – und sagte: Bis hierher hat uns der Herr geholfen.‘ Erstes Buch Samuel, Kapitel sieben, Vers zwölf.“
Edgar stellte sein Bierglas in die Luft, um die Hände zum Applaudieren frei zu haben. „Bravo. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, was das bedeuten soll.“
„Diese Geste von Samuel beeindruckte die Philister so sehr, dass sie nicht weiter in das Gebiet Israels eindrangen.“ Ebenezer legte eine theatralische Pause ein, in der er einen großen Schluck von seinem Ale trank. Dann fuhr er gesellig fort: „Denk dir nichts dabei, das hat man mir von Kindesbeinen an eingebläut. Meine Eltern waren dermaßen evangelikalisch, bei uns war Jesus Christus bei jedem Abendmahl mit dabei, nicht nur beim letzten!“
Edgar lachte. „Für einen Gottesfürchtigen bist du ganz schön frech.“
„Gottesfürchtig bin ich nicht mehr, seit ich gesehen habe, wie das da heroben läuft. Es gibt nichts zu fürchten, das hier ist der Himmel.“
„Und was ist mit dem ewigen Gesetz?“
„Was für ein ewiges Gesetz? Die Zehn Gebote? Die gelten hier nicht.“
„Nein, ich meine das ewige …“, Edgar unterbrach sich selbst und fragte ehrlich verblüfft: „Wieso gelten die Zehn Gebote nicht?“
„Weil das Regeln sind, die Ordnung in das menschliche Zusammenleben bringen sollen. Menschlich, verstehst du? Familie, Staat, Gott. Mit uns Seelen hat das nichts zu tun.“ Offensichtlich spiegelte sich Edgars Unverständnis deutlich auf seinem Gesicht wider, denn Ebenezer setzte sogleich zu einer Erklärung an. „Denk einmal nach: Die ersten drei Gebote lauten: ‚Du sollst neben mir keine anderen Götter haben‘, ‚Du sollst dir kein Gottesbild machen‘ und ‚Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.‘ Wir kommen hier nicht in Versuchung, irgendwen anzubeten, abzubilden oder lächerlich zu machen und selbst wenn, hätte das keine Auswirkung. Das vierte Gebot befiehlt: ‚Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!‘ – Überflüssig. Fünftes Gebot: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.‘ – Wir sind tot, also pfeif drauf. Sechstes Gebot: ‚Du sollst nicht morden.‘ – Geht gar nicht. Siebtes Gebot: ‚Du sollst nicht die Ehe brechen.‘ – Keine Seele ist verheiratet. Achtes Gebot: ‚Du sollst nicht stehlen.‘ – Wir besitzen nichts. Neuntes Gebot: ‚Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.‘ – Es gibt hier keine Gerichtsverhandlungen und wer über andere Seelen Lügen erzählt, stellt sich selbst ins Aus. Und schließlich das zehnte Gebot: ‚Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen, blablabla, oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.‘ – Siehe achtes Gebot, wir besitzen nichts. Was hast du?“
Je länger Ebenezer gesprochen hatte, umso befremdlicher waren Edgar seine Ausführungen erschienen. Dieses Gefühl hatte wohl ebenfalls Edgars Mimik modelliert. „Ich kann mich irren“, erwiderte er langsam, „aber haben die Zehn Gebote nicht irgendwie anders geklungen?“
„Es gibt verschiedene Deutungen und Zusammenfassungen. Meine Version richtet sich nach den Worten der Bibel, Buch Exodus Kapitel zwanzig, Verse eins bis einundzwanzig. Originaler kriegst du es nur in der hebräischen Urfassung. Aber nach welcher Version auch immer: Die Zehn Gebote haben hier keine Relevanz.“
„Ich habe mich das schon gefragt, bald nachdem ich hier eingetroffen bin: Gibt es für uns überhaupt irgendwelche Regeln?“
„Selbstverständlich gibt es die“, Ebenezer sprach mit dem Brustton der Überzeugung, „und sie sind gleich klar wie einfach: Wir dürfen nichts tun, was wir nicht können.“
„Hä?“ Da Edgar sich gewünscht hatte, der Alkohol möge bei ihm wirken, fiel ihm das Denken nun leidlich schwer.
„Anders gesagt“, erläuterte Ebenezer, „uns sind alle Dinge verboten, die wir nicht tun können.“
„Das würde aber im Umkehrschluss bedeuten, dass alle Dinge erlaubt sind, die wir tun können.“
„Das ist richtig.“
„Was ist dann mit der großen Bestrafung?“
Ebenezers schiefes Grinsen wirkte auf Edgar, als hörte er diesen Einwand jedes Mal an dieser Stelle der Diskussion. „Das Bebenphänomen, auf das du dich beziehst“, begann er, „mag alles Mögliche sein, aber es ist ganz sicher keine Bestrafung. Und bevor du fragst: Ich weiß auch nicht, was es wirklich sein könnte.“
„Woher willst du dann wissen, dass es keine Strafe ist?“
„Weil es die einzige Strafe wäre, die es gibt, und das wäre inkonsequent.“
„Eine Strafe für das Verlassen des Himmels? Was ist daran inkonsequent?“
„Dass es, wie gesagt, die einzige Strafe wäre. Abgesehen davon wäre es auch die seltsamste Strafe, die ich je erlebt habe, immerhin trifft sie nicht die Schuldigen, sondern alle anderen.“
„Vielleicht, um die Gesamtheit der Seelen zu ermahnen, die Abtrünnigen von ihrem Exodus abzubringen?“
Ebenezer trat nahe an Edgar heran und blickte ihm fest in die Augen. „Hör mir einmal zu. Erstens, seit ich hier bin, habe ich schon so manchen Auszug aus dem Himmel miterlebt und noch nie ist es dem versammelten Mob gelungen, auch nur eine einzige Seele von ihrem Vorhaben abzubringen. Wenn das also die göttliche Absicht wäre, dann wäre sie wirkungslos. Zweitens, so etwas wie eine ‚Gesamtheit der Seelen‘ gibt es nicht, und damit auch keine kollektiven Interessen. Und erst recht gibt es kein Interesse, das Seelen aufgezwungen wird, die es nicht teilen.“
„Was, es gibt keine Gemeinschaft?“ Edgar lachte schrill. „Wie kommst du denn auf die absurde Idee? Worin leben wir dann seit unserem Tod?“
Ebenezer ließ sich nicht beirren: „Im Himmel sind alle Seelen Individualisten. Ist dir das noch nicht aufgefallen? Was immer wir hier tun oder lassen, wir tun es allein oder zumindest nur für uns selbst. Wir gründen keine Familien, wir scharen keine Freunde um uns, wir bilden keine Staaten. In den einzelnen Himmelsbereichen werden zwar Zweckgemeinschaften geschlossen und manchmal zieht man für einige Zeit mit einer oder mehreren anderen Seelen durch den Himmel. Aber solche Zusammenschlüsse dienen ausschließlich den Wünschen jeder einzelnen daran beteiligten Seele und nicht einem dadurch entstehenden Kollektiv. Deshalb gibt es auch nie böses Blut, wenn eine Seele eine solche Gemeinschaft verlässt. Ich war immer wieder gemeinsam mit anderen Seelen über Zeiträume hinweg unterwegs, die nach weltlichem Maßstab mehrere Jahre umfassten. Als sich unsere Wege wieder trennten, gab es weder Bitterkeit noch Trauer noch irgendeine Art von Bedauern. Es war ein Auseinandergehen in Freundschaft, dennoch vermisste ich danach keine einzige dieser Seelen. Das ist ein Verhalten, das es im Leben vor dem Tod nicht gibt.“
Edgar spürte, dass ihm der Mund offenstand. Ebenezer hatte Recht, doch warum waren ihm diese Dinge selbst nie aufgefallen? „Was … was sagt das über uns aus“, stammelte er, „dass wir Egoisten sind?“
„Es sagt aus, dass wir hier in der Lage sind, auf uns allein gestellt zu leben. Eine gesellschaftliche Ordnung, die den Einzelnen in ein Geflecht von Gemeinschaften unterschiedlicher Intimität einbindet, wie wir es vom Diesseits her kennen, ist doch nur nötig, wenn der Einzelne alleine nicht überleben würde. Als Sterbliche waren wir unzähligen Gefahren ausgesetzt, wir brauchten das Kollektiv. Hier im Himmel sind wir nicht nur unsterblich, gemeinschaftliche Bindungen wären für uns sogar hinderlich auf unserer Selbsterfahrungsreise.“
„… und deshalb keine Gemeinschaftsordnung …“, murmelte Edgar.
Ebenezer fuhr fort: „Ein ganzer Rattenschwanz von Verhaltensformen und -normen bricht dadurch weg. Denk einmal nach: Wenn es keine geschlossene Gesellschaft gibt, braucht es auch keine Gesetze, die das Zusammenleben regeln. Wenn es keine Gesetze gibt, braucht es keine Politik, die sie erlässt und keine Verwaltung, die ihre Einhaltung überwacht. Kurz, es braucht keinen Staat, und weil es keine Staaten gibt, gibt es auch keine diplomatischen Differenzen, die möglicherweise dazu führen, dass eine Regierung ihr eigenes Volk gezielt manipuliert, um an der Macht zu bleiben und damit die Freiheit jedes Einzelnen beschneidet, und, und, und.“
„Aber leben wir dann nicht in einer Anarchie?“
„Nein, denn wenn die Gemeinschaft nicht das Maß der Ordnung ist, gibt es auch keine Anarchie, weil die Anarchie ja das Fehlen einer solchen gemeinschaftlichen Ordnung wäre. Und wo keine Anarchie droht, bedarf es – umgekehrt – auch keiner gemeinsamen Ordnung.“
„Was ist aber dann das Maß unserer Ordnung?“
„Der Individualismus.“
Edgar ließ Ebenezers Worte auf sich wirken. „Du meinst“, schloss er dann, „wenn alles erlaubt ist und jeder nur auf sich selbst schaut – dann leben alle im Paradies?“
„Nein, das meine ich nicht.“ Ebenezer schüttelte entschieden den Kopf. „Dass ideologische Diskussionen aber auch immer in banalen Schlussfolgerungen enden müssen. Was ich meine ist, dass die Seelen nur durch ihre Unsterblichkeit vollkommen frei sein können.“
Edgar schwirrte der Kopf von diesem Stakkato aus Überlegungen und Schlussfolgerungen. Außerdem empfand er den Fanatismus, in den Ebenezer sich hineingeredet hatte, als beengend. „Ich will jetzt irgendwas Verrücktes machen.“
Erstaunt über den abrupten Themenwechsel setzte Ebenezer das Ale-Glas ab, seine Oberlippe glänzte nass. „Was denn? Jemanden verkloppen?“
„So was in der Art. Hast du eine Idee?“
Ebenezer beendete den unterbrochenen Schluck und blickte versonnen geradeaus. „Ich war schon lange in keinem Krieg mehr. Das fehlt mir.“
Edgar riss die Augen auf. „Du meinst, es gibt tatsächlich ein Schlachtfeld? Hier im Himmel?“
„Was heißt da eines? Endlos viele! In welcher Epoche willst du kämpfen? In der Antike mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Streitwagen? Im Mittelalter mit Lanzen, Keulen und Armbrüsten? In der frühen Neuzeit mit primitiven Feuerwaffen? Im Zwanzigsten Jahrhundert mit Panzern, Flugzeugen und Sturmgewehren? Oder thematisch gefragt: Wilder Westen? Weltraum? Große Schlacht aus dem Film ‚Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs‘? Such dir was aus.“

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 27: Von Träumern und dem lieben Gott

Kapitel 27: Von Träumern und dem lieben Gott

Edgar freundet sich mit Ebenezer an, der ihm eine neue Seite des Himmels zeigt. Davor taucht jedoch ein Träumer auf.

Bevor Edgar Ebenezer antworten konnte, erschien auf dem Sessel zwischen ihnen eine Seele. Zwar hatte sich Edgar längst schon an das jederzeitige Auftauchen und Verschwinden von Seelen allerorts gewöhnt, doch war er so in das Gespräch mit Ebenezer vertieft gewesen, dass er nun erschrak.
Anfangs, als er neu im Himmel angekommen war, hatte sich Edgar wegen solcher Zwischenfälle noch in seiner Privatsphäre gestört gefühlt. Bald jedoch hatte er begriffen, dass er im Himmel nur dann eine Privatsphäre hatte, wenn er sie sich ausdrücklich wünschte; wie etwa in seinem Refugium. Ansonsten war das plötzliche Auftauchen anderer Seelen kein Ärgernis, sondern Normalität und es gab ja auch keine Geheimnisse zwischen den Seelen. Peinliche Szenen gab es nur, wenn entweder die auftauchende oder die dadurch überraschte Seele erst kurz davor im Himmel angekommen war, also noch wenig Erfahrung mit dem Leben nach dem Tod hatte. Himmelserfahrene Seelen hatten selbst schon so viel ausprobiert, dass es kaum Situationen gab, die ihnen peinlich waren, wenn sie in sie hineinplatzten. Und falls doch, waren sie nur selbst noch nicht auf die Idee gekommen, eine solche Situation selbst auszuprobieren.
Der Neuankömmling in der Schattenbühne hatte indianische Gesichtszüge. Er blinzelte und sah sich um, wobei seine Blickwechsel hastig waren; fahrig.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Edgar.
Der Fremde lächelte, nickte und antwortete mit einem seltsamen Akzent: „Ich weiß nicht … ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin.“
Edgar war erstaunt. Er hatte im Himmel die Seelen von Menschen aller Hautfarben angetroffen, aber noch nie eine, die mit einem Akzent gesprochen hätte. „Wohin wollten Sie denn?“
„Nirgendwohin. Ich war gerade im Rodrigues-Álvez-Park und plötzlich … war ich hier.“
„Wie bitte? In welchem Park? Ich meine, in welchem Bereich?“
Das Gesicht des Neuankömmlings spiegelte Edgars Fassungslosigkeit wider. „Natürlich in Belém“, antwortete er mit beunruhigter Stimme, „wo bin ich denn hier?“
„Sie sind hier in der Schattenbühne. Übrigens, mein Name ist Edgar.“
„Paolo. Ich … ich weiß nicht …“
„Sie träumen“, schaltete Ebenezer sich in das Gespräch ein, „das kommt immer wieder einmal vor.“
Paolo riss ungläubig die Augen auf. „Träumen? Oxford – bin ich hier in Oxford?“
Edgar spürte, wie sich Paolos Verwirrung auf ihn übertrug. „Wie kommen Sie auf Oxford? Sie sind im kulturellen Bereich. Im Himmel.“
Paolo schien ihn nicht richtig wahrzunehmen. „Als junger Mann habe ich in Oxford studiert“, begann er, „ich war jahrelang dort, habe viele Freundschaften geschlossen. Auch später war ich oft in England, es war mir wie eine zweite Heimat.“
„Und woher stammen Sie?“ Edgar wollte nicht nur die Situation klären, er wollte auch das Rätsel um Paolos Akzent lösen.
„Aus Brasilia, aber in letzter Zeit bin ich oft in Belém.“
„Sie meinen Brasilien? Das echte Brasilien?“, rief Edgar überrascht. Ebenezer lächelte wissend.
„Ja, Brasilien“, meinte Paolo geistesabwesend, „zumindest das Brasilien, das wir uns alle wünschen.“ Er sah sich noch einmal um und wandte sich dann an Ebenezer: „Sie haben Recht, ich träume. Genauso fühlt es sich an, wenn man …“ So unvermittelt wie er aufgetaucht war, verschwand Paolo wieder.
Edgar war verstört von dem Vorkommnis, doch Ebenezer lachte. Er rückte auf den Sitz, auf dem Paolo gerade gesessen war, und begann mit heiterer, ruhiger Stimme zu erklären: „Mach dir keine Sorgen, das ist ganz normal. Es kommt nicht oft vor, aber doch immer wieder einmal.“
„Ich habe so etwas noch nie erlebt“, stotterte Edgar, „was war das?“
„Das, lieber Freund, ist unsere einzige Möglichkeit, mit dem Diesseits zu kommunizieren. Theoretisch zumindest.“
„Was? Wie?“
„Das war ein Träumer. Sein Körper liegt irgendwo in der brasilianischen Stadt Belém und schläft. Seine Seele geht dabei auf Wanderschaft und kommt auf eine Stippvisite ins Jenseits.“
„Du meinst, wann immer ich als Mensch von phantastischen Orten geträumt habe, dann war meine Seele in Wirklichkeit hier?“
„Nein, sicher nicht. Denn wenn jede träumende Seele im Himmel vorbeikäme, dann hätten wir diese Besuche wohl regelmäßig. Niemand weiß, wie das genau abläuft, aber ab und zu kommt jemand zu uns und ist darüber verwirrt, was mit ihm passiert. So wie unser Freund gerade eben.“
„Als lebender Mensch habe ich immer wieder davon gehört, dass Leute im Traum ihren verstorbenen Verwandten begegnet seien und mit ihm gesprochen hätten. Ich selbst habe einmal von einem Ort geträumt, den ich erst zwei Jahre später besucht habe. Waren das alles solche Traumerlebnisse?“
Ebenezer hob die Schultern. „Vielleicht ja, vielleicht nein.“ Edgars Unzufriedenheit über diese Antwort zeichnete sich wohl auf seinem Gesicht ab, denn Ebenezer lachte erneut. „Sieh nicht alles so eng. Wir müssen schließlich nicht alles wissen, was zwischen Himmel und Erde so abläuft, oder?“
„Mich interessiert das schon“, Edgars Stimme klang ein wenig eingeschnappt. „Wie ist das eigentlich umgekehrt? Ist es schon einmal vorgekommen, dass eine Seele aus dem Himmel die Welt der Sterblichen besucht hat?“
Ebenezers bekam einen merkwürdigen Blick und er zögerte mit seiner Antwort. „Nicht so direkt. Aber hin und wieder kommt es vor, dass Seelen davon berichten, sie seien eingeschlafen und hätten von exotischen Orten geträumt.“
„Eingeschlafen? Ohne es sich gewünscht zu haben?“
„Ja, auch das kommt vor; selten aber doch. Man nennt es ‚Seelenschlaf‘. Schlafende Seelen träumen fast immer von Orten, zu denen sie in ihrem Erdenleben eine besondere Beziehung hatten.“
„Das heißt, sie besuchen die Welt der Lebenden?“
„Nein, die Orte, von denen diese Seelen berichten, scheinen eher die Himmelsversion jener Orte zu sein, zu denen sie eine besondere Beziehung haben. Es dürfte wohl so sein, dass sie wirklich nur träumen und ihre Reise das Produkt ihrer Phantasie ist.“
„Aber wie kann es sein, dass eine Seele einschläft?“
„Du fragst zu viel, Edgar, das ist nicht gut.“ Ebenezers Stimme war kalt, beinahe misstrauisch, sein Blick war kritisch. „Der Himmel ist kein Ort für Fragen. Alles, was du wissen musst, ist bereits in dir und alles, was du haben willst, kannst du dir erschaffen. Was du nicht weißt, brauchst du nicht zu wissen und was du dir nicht erschaffen kannst, ist verboten. So einfach ist das.“
Edgar spürte zwei Dinge: Erstens, Ebenezer meinte nicht wirklich, was er sagte. Er mochte seine Meinung von anderen übernommen haben, jedenfalls kam sie nicht aus seinem Herzen. Zweitens, Ebenezer würde momentan keine weitere Frage mehr beantworten. Das war schade, denn Edgar wollte noch immer wissen, warum Paolo mit einem Akzent gesprochen hatte. So unterschiedlich die Seelen auch waren, die er bisher im Himmel angetroffen hatte, eines war ihnen allen gemeinsam: In ihren irdischen Leben hatten sie das Christentum als die prägende Religion jener Kultur angesehen, der sie sich zugehörig fühlten. Doch egal, ob die Seele in ihrem irdischen Leben ein schwarzer Italiener, ein weißer Puerto Ricaner oder ein gelber US-Amerikaner gewesen war, sie alle sprachen hier ohne jegliche Dialekteinfärbung. Deshalb war Edgar schließlich in Salvador Dalís Ausstellung zu der Erkenntnis gelangt, dass sich die Frage nach der Sprache hier nicht stellte, dass Seelen miteinander auf einer Ebene kommunizierten, auf der sprachliche Unterschiede, wie er sie von der Erde kannte, keine Rolle spielten.
Unbewusst schüttelte er den Kopf. Wann immer er glaubte, schon alles über den Himmel zu wissen, erfuhr er wieder etwas Neues.

Edgar verstand sich auf Anhieb gut mit Ebenezer. Dieser war freundlich und sein rauer, englisch gefärbter Humor gefiel Edgar. Ebenezer erzählte, wie sich die Handlung des dreidimensionalen Schattenspiels in den vergangenen zwei Monaten entwickelt hatte, denn so lange saß er schon hier, dann beschlossen beide, auf ein Glas Ale in Ebenezers Stamm-Pub zu gehen. Als sie dort erschienen, empfand Edgar das Ambiente als laut, eng und gemütlich. Ohne dass sie es abgesprochen hatten, wünschten sich beide, dass der Alkohol wirken sollte, so dass ihre Unterhaltung mit jedem weiteren Pint noch ausgelassener wurde.
Ebenezer hatte im neunzehnten Jahrhundert in der englischen Grafschaft Kent gelebt. Als Lord hatte er einige der englischen Kolonien bereist, was ihm großen Spaß bereitet hatte. Nicht zuletzt deshalb durchstreifte er seit seinem Tod auch den Himmel, stets auf der Suche nach einem neuen, immer noch außergewöhnlicheren Erlebnis. Dieses Nomadentum, so sagte er, sei die einzige Lebensweise, die für ihn im Himmel vorstellbar sei.
„Ich habe auch noch keinen Bereich gefunden, in dem ich auf Dauer glücklich werden könnte“, stimmte Edgar zu. „Im Gegenteil, wenn ich mir ansehe, wie manche Seelen hier die Ewigkeit verbringen, kriege ich das nackte Grausen.“
„Da sagst du was“, pflichtete Ebenezer bei, „denk nur einmal an all die Künstler hier: Schuften wie die Idioten in Spelunken, als müssten sie die Miete für ihre Mauselöcher verdienen. Und in der wenigen Freizeit, die sie sich lassen, tun sie dann endlich das, was sie eigentlich wollen: Sie gehen ihrer Kunst nach. Gottes Tiergarten ist groß.“
Edgar zuckte mit den Achseln. „Wenn es sie glücklich macht …“ Er nahm einen großen Schluck von dem schaumlosen, bernsteinfarbenen Bier.
„Aber macht es sie denn glücklich?“, fragte Ebenezer. Der Alkohol schien seine Augäpfel hervorquellen zu lassen.
„Ich weiß es nicht. Mich würde es nicht glücklich machen. Aber ich bin ja auch kein Künstler.“
„Zu meiner Zeit konnte man einen Künstler glücklich machen, wenn man ihm die materiellen Sorgen abnahm. Für die wäre der Himmel … nun ja, der Himmel gewesen.“ Ebenezer kicherte. „Apropos, welches Jahr schreibt man gerade im Diesseits?“
Edgar zuckte erneut mit den Achseln. „Keine Ahnung. Es ist schon einige Zeit her, dass ich einen Frischverstorbenen getroffen habe, den ich nach dem Jahr hätte fragen können. Warum?“
„Nur so. Ab und zu interessiert es mich, wie lange ich hier schon mein Unwesen treibe. Beim letzten Mal waren es einhundertachtundvierzig Jahre, aber das ist auch schon wieder eine Weile her.“
„Und du bist die ganze Zeit über von einem Bereich zum nächsten gewandert?“
„Mehr oder weniger. Eigentlich habe ich mich treiben lassen. Wenn es mir wo gefallen hat, habe ich mich niedergelassen, wenn es mir nicht mehr gefallen hat, bin ich weitergezogen. Es gibt eine ganze Menge Seelen, die das so handhaben.“
„Bist du jemals Gott begegnet?“
Ebenezer lachte spöttisch auf. „Junge, glaubst du noch an den Weihnachtsmann? Du bist echt noch nicht lang hier.“ Es begann Edgar auf die Nerven zu gehen, diesen Satz gesagt zu bekommen! Wie lange musste er denn tot sein, um endlich als himmelserfahren zu gelten? Er wollte Ebenezer zurechtweisen, doch dieser sprach bereits weiter: „Niemand ist je Gott begegnet, der alte Herr lässt sich hier nämlich nicht blicken. Da haben uns die Pfaffen im Leben vor dem Tod eindeutig falsche Versprechungen gemacht.“

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 26: Schattenbühne

Kapitel 26: Schattenbühne

Edgars Ausflug in die Schriftstellerei scheitert kläglich, bringt aber eine Gedankenkaskade in Gang, die seinem Erkenntnisweg eine neue Richtung weist.

Doch dann kam der Zeitpunkt, an dem Edgar das passive Zusehen zu wenig wurde. Der Auslöser für diese Erkenntnis war sein Besuch eines modernen Ein-Mann-Theaterstücks in einer Bar. Edgar konnte nicht verstehen, wie es einem Schriftsteller möglich war, einen einzigen Darsteller so in Szene zu setzen, dass dieser das Publikum über einen längeren Zeitraum hinweg in Atem hielt. Spontan wollte Edgar versuchen, ein solches Stück zu schreiben und ebenso spontan schuf er die Rahmenbedingungen dafür. Er wünschte sich in eine Dachkammer in einem der Wohnblöcke mit den Kleinwohnungen. Dort schuf er einen knarrenden Holzboden und einfaches Mobiliar, das wie einhundert Jahre alt aussah oder noch älter. Am Dachfenster ließ er einen wackeligen kleinen Tisch mit einer uralten Schreibmaschine erscheinen und davor einen Hocker. Dann setzte er sich auf den Hocker und fühlte sich auf Anhieb wohl. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm das Künstlerviertel unter einem sternenklaren Himmel, von dem ein erstaunlich heller Mond prangte. Die Beleuchtung in den Häusern und Straßen unter Edgar wirkte heimelig und schien zu flackern, gerade so, als hätte man hier alles auf Kerzenlicht umgestellt, nur für ihn.
Edgar spannte ein leeres Blatt Papier in die Schreibmaschine und legte die Finger auf die Tasten. Sein Vorhaben erschien ihm kühn, beschränkten sich die Schreiberfahrungen seines diesseitigen Lebens doch im Wesentlichen auf das Ausfüllen von Formularen. Doch das hier war der Himmel, sagte er sich, und im Himmel gab es nichts, was er sich nicht wünschen konnte.
Eine halbe Stunde später saß er immer noch vor dem leeren Blatt. Der Blick aus dem Fenster löste zwar einige Gefühle in ihm aus, doch Inspiration war, so schien es, nicht darunter. Sein anfangs geäußerter Wunsch „ich schreibe jetzt ein Erfolgsstück“ war unerfüllt geblieben, also nahm er ihn zurück und wünschte sich stattdessen „ein Theaterstück für einen Darsteller“ zu schreiben. Doch auch dieser erfüllte sich nicht, ebenso wenig weitere Varianten, die ihm noch in den Sinn kamen. Er gelangte zu der Erkenntnis, dass Kreativität, und anscheinend auch intellektuelle Fähigkeiten, Dinge waren, die nicht künstlich hergestellt und somit auch nicht herbeigewünscht werden konnten. Das eine beruhte offenbar auf Veranlagung, das andere auf Erfahrung und beides darüber hinaus auf Übung. Wenn das stimmte, konnte sich Edgar auch kein Wissen wünschen. Ein sofort durchgeführtes Experiment bestätigte seine Vermutung: Sein Wunsch, alles über die Welt des Theaters zu wissen, blieb ein Wunsch.

Edgar spann diese Erkenntnis weiter und wurde sich bewusst, wie weitreichend sie war. Zum ersten Mal erkannte er, dass der Himmel nur Wünsche erfüllte, die mit der Seele an sich nichts zu tun hatten. Alles, was er sich bislang gewünscht hatte, waren Veränderungen körperlicher Erscheinungen gewesen. Er hatte sein Aussehen gewandelt, die Schwerkraft aufgehoben, Gegenstände erschaffen und wieder verschwinden lassen, sich selbst von A nach B teleportiert und Ähnliches. Das alles war doch nichts weiter gewesen, als eine Manipulation der Materie, also von Dingen, die in der Welt der Seelen im Grunde nicht wichtig waren.
Was aber war hier wichtig? Wenn Edgar die Beschaffenheit seiner Seele erfassen wollte, musste er seine Selbstwahrnehmung auf das reduzieren, was sich nicht weiter verkleinern ließ. Er hatte diesen Zustand erlebt, unmittelbar nach seinem Tod, als seine Seele im unendlichen Weiß getrieben war. Dort hatte er keine Gestalt gehabt, war ein Teil der Umgebung gewesen. Die Bezeichnung „Gespenst“ wäre dieser Erscheinungsform am nächsten gekommen, doch Edgar wusste, dass sie nicht zutraf. Seine Seele hatte keine räumliche Ausdehnung, sie war reines Bewusstsein, durchsetzt mit einer Reihe von Eigenschaften, wie Emotion, Erinnerung, Geist und Kreativität. Die individuelle Mischung dieser Eigenschaften machte seine Identität aus, und die ließ sich nicht durch Wünschen verändern. Es war vielmehr so, dass das Wünschen selbst Teil dieser Eigenschaften war, nämlich Ausdruck seiner Kreativität. Und Kreativität mochte die Gegenwart verändern können und damit auch die Zukunft, nicht jedoch die Vergangenheit.
Deshalb war es nicht möglich, dass Edgar sich willkürlich Wissen und Fähigkeiten herbeiwünschte, denn das waren Qualitäten, die – durch Erlernen und Erfahrung – die Identität einer Seele im Verlauf der Zeit individuell prägten.

Edgars Ansinnen, der Natur des Himmels auf den Grund zu kommen, indem er dessen Bereiche erforschte, wurde im Licht dieser Erkenntnisse im Grunde zu einer Farce. Der Himmel bestand nicht aus den gewünschten Bereichen und dem, was darin geschah, er bestand aus Seelen, die sich diese Zustände herbeiwünschten. Wenn Edgar wissen wollte, wie der Himmel aussah und funktionierte, musste er die Grenzen ausloten, die den Seelen gesetzt waren, denn diese waren gleichzeitig auch die Grenzen des Himmels.
Kurz spielte er mit dem Gedanken, sich in einer anderen Kunstform zu versuchen, zu erfahren, wie kurz oder lang es brauchte, die dafür nötigen Fertigkeiten zu erlangen. Doch dann machte er sich klar, dass ihn die aktive Seite der Kunst erst recht nie interessiert hatte. Er hatte weder ein Musikinstrument zu spielen gelernt, noch war er je bei einer Schultheateraufführung aufgetreten, von anderen künstlerischen Aktivitäten ganz zu schweigen. Nein, wenn er die Grenzen des Himmels anhand der Grenzen seiner eigenen Seele ausloten wollte, dann musste er das anders angehen.
Vorerst jedoch stand ihm der Sinn nach etwas Zerstreuung. Er löste seine Dachkammer auf und wünschte sich zu einer Attraktion, von der er hier im Künstlerviertel schon viel gehört hatte.

* * *

Das dreidimensionale Schattenspiel war eine Besonderheit des Himmels, über die Edgar staunte, obwohl er bislang nur davon erzählt bekommen hatte. Der Bau, in dem es aufgeführt wurde, sah von außen aus wie eine riesige schwarze Halbkugel, wobei „Bau“ die falsche Bezeichnung war. Es handelte sich nämlich um einen Bereich ununterbrochener Nacht, der sich inmitten des normalen Tages- und Nachtlichts des Künstlerviertels befand. Die Seelen nannten diese Aufführungsstätte deshalb „Schattenbühne“.
Edgar ließ die beeindruckende Dunkelkonstruktion lange auf sich wirken, ehe er die Licht-Schatten-Schwelle durchschritt. Im nächsten Moment fand er sich in einer schwarzen sternenlosen Neumondnacht wieder, deren einzige Lichtquelle eine beleuchtete Arena weit unter ihm war. Durch sie und ihren schwachen Widerschein an den vordersten Zuschauerrängen erkannte Edgar, dass er sich in einem Stadion befand, dessen Architektur dem antiken Kolosseum in Rom ähnelte. Anhand seiner eigenen Entfernung zur Arena und der Höhe, in der er über ihr stand, schätzte Edgar die Größe dieses Stadions jedoch auf ein Zigfaches jener des Kolosseums. Um sich herum sah er rein gar nichts, deshalb wünschte er sich einen leuchtenden Zeigefinger wie E. T. der Außerirdische. Damit erkannte er, dass er in einem der Ränge stand und sich nur hinzusetzen brauchte.
Die Arena schien aus sich selbst heraus zu leuchten, wodurch die dreidimensionalen Schatten sichtbar wurden, die in ihr ein Theaterstück aufführten. Zunächst glaubte Edgar schwarz bekleidete Darsteller zu sehen, doch schon sein zweiter Blick strafte diese Wahrnehmung Lügen. Es waren tatsächlich Schatten – auf seltsame Weise ebenso dunkel wie transparent und an den Konturen verlaufend –, nur, dass sie nicht scherenschnitthaften Projektionen glichen, sondern als eigenständige dreidimensionale Erscheinungen agierten.
Das Stück, das hier gezeigt wurde, handelte von einer Künstlerdynastie und rückte die Schicksale einzelner Familienmitglieder über Generationen hinweg in den Mittelpunkt der Betrachtung. Wie Edgar bereits im Vorfeld erfahren hatte, war die Spieldauer auf die Ewigkeit hin ausgerichtet, die Handlung hatte also kein geplantes Ende. Auch ihr Beginn war nicht datierbar, denn keine der vielen Seelen, mit denen er darüber gesprochen hatte, hatte ihm sagen können, wie lange das Stück tatsächlich schon lief. Einige hatten in der Schattenbühne Zuseher angetroffen, die von sich behaupteten, schon seit Jahrzehnten dort zu sitzen.
Ob das stimmte oder nicht, wagte Edgar nicht zu beurteilen. Einerseits hatte er Ähnliches schon so oft in anderen Zusammenhängen gehört, dass er es mittlerweile für ein gern erzähltes Gerücht hielt, andererseits hatte er aber auch schon die skurrilsten Typen im Himmel angetroffen. Und wenn eine Seele seit vierhundert Jahren in einer Kneipe sitzen konnte, warum dann nicht seit Jahrzehnten in einem Theaterstück?

Edgar konnte nicht beurteilen, wie lange er in der Schattenbühne saß, er bemerkte nur irgendwann, dass es gar nicht die Handlung war, die ihn in ihren Bann zog, sondern die schier magische Ausstrahlung der lebendig gewordenen Schatten; etwas Vergleichbares hatte er noch nie gesehen. Da er aber dennoch mitbekam, worum es in dem Stück ging, interessierte ihn, was bisher geschehen war. Er wandte sich in der Dunkelheit nach rechts, wo er vorhin im Schein seines leuchtenden Zeigefingers zwei Sitze weiter eine männliche Seele gesehen hatte und fragte: „Bitte verzeihen Sie die Störung, aber wissen Sie, ob ich irgendwo eine Zusammenfassung der bisherigen Handlung bekomme?“
Eine schwache Lichtblase erschien, die ihn und den Angesprochenen umfasste, und offenbar von diesem erschaffen worden war. Der Mann lächelte. „Es ist viel einfacher: Wenn Sie die Vorgeschichte eines Handlungsstrangs interessiert, wünschen Sie sich einfach, sie zu sehen.“
„Und dann?“
„Dann wird diese Passage in der Arena gespielt.“
„Aber wie ist das möglich? Ich meine, hier sitzen möglicherweise tausende Seelen, wenn da alle die Sonderwünsche von jedem Einzelnen ansehen müssen …“
Der Mann lachte laut auf. „Sie sind aber noch nicht lange im Himmel! Selbstverständlich sind Sie der Einzige, der den Handlungsteil sieht, den Sie sich wünschen. Sie können nach Belieben in der bisherigen Handlung herumspringen, außer Ihnen wird das niemand bemerken.“
„Ich liebe den Himmel!“ Edgar und sein Gesprächspartner lachten. „Ich bin Edgar.“
„Ebenezer, freut mich.“ Sie schüttelten einander die Hände.
„Wie bekomme ich einen Überblick über die einzelnen Handlungsstränge?“
„Wünsch dir eine schematische Darstellung, die wird dir ebenfalls dreidimensional in der Arena dargestellt. Die brauchst du auch für einen Überblick über die handelnden Figuren, im Laufe der Jahre sind da einige zusammengekommen.“
„Und wenn ich wieder zur laufenden Handlung zurück will, also hierher?“
„Dann wünschst du dich einfach wieder hierher. In die Gegenwart.“
Edgar schwirrte der Kopf. Natürlich funktionierte hier alles so, wie auch im restlichen Himmel. Doch dieser interaktive Zugang zum Stück erschien ihm wie eine Kombination der Möglichkeiten eines Theaters, eines Internet-Videoplayers und eines Computerspiels. So etwas hatte er bisher noch nicht erlebt, und deshalb wirkte es wie eine Besonderheit des dreidimensionalen Schattenspiels auf ihn.
„Kann ich auch einen Blick in die künftige Handlung werfen?“
Ebenezer sah ihn mit großen Augen an. „Wo denkst du hin, die gibt es doch noch gar nicht.“

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 25: Im Künstlerviertel

Kapitel 25: Im Künstlerviertel

Auf der Suche nach Erkenntnissen über die Entwicklung von Kunst und Künstlern im Himmel ändert Edgar seine Strategie: Er verwandelt sich in einen Geist – und dann in einen Konsumenten.

Eines Tages erwachte Edgar am Boden liegend, inmitten von zerfetzten Leinwänden, alten Pinseln, leeren und halbleeren Farbdosen, Bausteinen und zig anderen Dingen, die hierher gehörten, inklusive der Künstler, die ebenfalls verstreut herumlagen. Als ihm vor lauter Kopfschmerzen nicht einfallen wollte, was vor seinem Blackout geschehen war, wünschte er seinen Kater weg und musste erkennen, dass er sich dazu hatte verleiten lassen, mit der Kommune eine Orgie zu feiern. Er war zu einem Teil dieser Gemeinschaft geworden – und all der Dinge am Boden. Da wusste er, dass es an der Zeit war zu gehen.
Er stand auf und ließ seinen Blick ein letztes Mal durch das Atelier schweifen. Es sah aus, als hätte die Druckwelle einer Explosion alle Seelen betäubt und sie und die Gegenstände in diesem Raum durcheinandergewirbelt. Was die Kommunarden unter Kunst verstanden, konnte und wollte Edgar nicht nachvollziehen, ebenso wenig, was sie an ihrer Lebensweise „geil“ fanden, wie sie immer betonten. Er empfand diese Daseinsweise als menschenunwürdig und abstoßend, sie beinhaltete nichts, womit er auf Dauer glücklich werden konnte.
Edgar stieß sich vom Boden ab, schoss durch das geschlossene Fenster hinaus, ohne dieses zu zerstören, und stieg senkrecht in den Himmel hinauf. Je weiter das abbruchreife Haus, in dem sich das Atelier befand, unter ihm zurück blieb, umso freier fühlte er sich.

* * *

Edgar lag auf einer Wolke und dachte nach. Eigentlich lag er nicht wirklich darauf, er schwebte in ihr, so dass es so wirkte, als trage sie ihn. Er fragte sich, ob die „schöne Frau“ und ihre Künstler tatsächlich Erfüllung in ihrer Kommune fanden und ob diese Art zu leben tatsächlich ihr Rezept für die Ewigkeit war. Jedenfalls hatte er bei ihnen keinen Anhaltspunkt für eine Weiterentwicklung entdeckt, weder in ihren Persönlichkeiten noch in dem, was sie Kunst nannten.
Vielleicht, so überlegte Edgar weiter, war er ja nur bei den falschen Leuten gewesen, vielleicht brachten ihn andere künstlerische Gemeinschaften weiter? Doch nach seinen jüngsten Erfahrungen scheute er davor zurück, noch einmal mit Künstlern zusammenzuleben. Möglicherweise war das aber auch gar nicht nötig, eventuell genügte es ja, sie bei ihrem Tun nur zu beobachten? Sein Abstecher in die Kommune mochte ein Schlag ins Wasser gewesen sein, doch der Besuch von Salvador Dalís Ausstellung hatte ihn inspiriert. Dalís Show hatte Edgar eine Ahnung davon gegeben, welche Möglichkeiten der Himmel einem Künstler bot, welcher ihn mit mutiger Kreativität zu gestalten wusste. Seither nahm sich Edgar den Phantastischen Realismus als Vorbild für sein alltägliches Dasein und kam dadurch regelmäßig auf verrückte Ideen. Das Schweben auf einer Wolke war eine solche gewesen, oder zu fliegen wie Superman. Letzteres war auf Anhieb zu seinem Inbegriff von Freiheit geworden, es hatte jede noch so wagemutige Vorstellung bei weitem übertroffen, die er sich je davon gemacht hatte.
Diese neue Art zu denken half Edgar auch bei seiner jetzigen Überlegung: Seelen, die er beobachten wollte, mussten ihn nicht zwangsläufig wahrnehmen. Warum sollte er sich nicht zum Beispiel in einen Geist verwandeln? Er beschloss, diesen Einfall gleich in die Tat umzusetzen.

* * *

Binnen kurzer Zeit lebte sich Edgar im Bereich der kulturellen Gegenwart gut ein. Hier reihten sich die Nachbildungen berühmter Opernhäuser an solche nicht minder berühmter Theaterbühnen, Kunstgalerien an Konzerthäuser, kleine Jazzkeller an Zirkuszelte und Literatur-Cafés an pittoreske Plätze, an deren nie endenden lauen Sommerabenden Straßenkünstler ihr Können zum Besten gaben. Die Straßen und Plätze, Bühnen und Bars waren voller Seelen, die zuhörten, zusahen, mitlebten. Es war der am dichtesten bevölkerte Bereich des Himmels, den Edgar bislang erlebt hatte, abgesehen von der Partymeile vielleicht. Beim Flanieren durch die Straßen umwehte ihn ein ganz besonderes Flair, eine harmonische Stimmung, als gäbe es nichts Böses zwischen den Menschen – und tatsächlich gab es ja auch nichts Böses zwischen den Seelen.
Für sich selbst nannte Edgar diesen Bereich des Himmels „Künstlerviertel“, eine treffende Bezeichnung, wie er fand, denn neben den Aufführungsstätten gab es hier auch Wohnblocks mit billigen Einzimmerwohnungen sowie Gastronomie- und Handwerksbetriebe mit Bedarf an Gelegenheitsarbeitern, die es den Künstlern ermöglichten, finanziell über die Runden zu kommen. Edgar hatte es zunächst nicht glauben können, doch es stimmte tatsächlich: Viele Künstler, die im irdischen Leben Großes geleistet hatten, aber dennoch nie aus der Masse herausgeragt waren, hatten nach ihrem Tod erkannt, dass ihre bescheidene Lebensweise, dieses in-den-Tag-hinein-Leben und nicht-Wissen, wie sie die Miete für den darauffolgenden Monat bezahlen würden, sie glücklich gemacht hatte. Es hatte ihnen ein Gefühl von Freiheit gegeben, von Unabhängigkeit und es hatte sie mit Stolz erfüllt, dass sie nie aufgaben und immer irgendwie durchkamen. Also hatten sie diesen Lebensstil auch im Himmel beibehalten, endlich in dem Bewusstsein, dass jede Minute ihres Lebens sie glücklich machte und wohl immer schon gemacht hatte, obwohl sie das nie so gesehen hatten.
Freilich gab es auch Straßen mit riesigen Villen, in denen die großen Stars lebten, jene, die es schon im Leben geschafft hatten oder jene, die erst im Leben danach bewundert wurden oder sich bewundern ließen. Edgar hatte erfahren, dass in einer dieser Villen die Seele des italienischen Tenors Luciano Pavarotti wohnte. Allerdings war er auch schnell drauf gekommen, dass im Künstlerviertel viele Gerüchte herumschwirrten und dass die Grenze zwischen Wahrheit und haltloser Schwärmerei gerade hier sehr verschwommen war, was als romantisch angesehen wurde.

Sein Ansinnen, in Form eines Geistes in die Garderoben der Künstler zu schweben und somit als unbemerkter Beobachter am Künstler-Alltag teilzunehmen, schlug gleich beim ersten Versuch fehl. Unmittelbar nachdem Edgar in die Räumlichkeiten eines exzentrischen Theaterregisseurs geschwebt war, beschimpfte ihn dieser als Voyeur und als „jenseitigen Amateur“, zumal er offensichtlich keine Ahnung davon hätte, wie der Himmel funktioniere.
Diese Blamage beschämte Edgar sehr. Im Nachhinein kam er sich schäbig vor, überhaupt einen so kindischen Versuch unternommen zu haben. Schließlich hätte er sich denken können, dass er andere Seelen nicht ausspionieren konnte, ohne dass sie es bemerkten. Eine Seele hatte die Freiheit, alles zu tun, solange es die Freiheit einer anderen Seele nicht beeinträchtigte. Heimliches Ausspionieren war eine Beeinträchtigung der Freiheit und folglich nicht möglich. Von da an beschränkte sich Edgar auf die Rolle des Konsumenten und durchwanderte das Künstlerviertel mit wachen Sinnen. Dabei lernte er Seelen kennen, die so wie er den Himmel durchstreiften und sich ansahen, was die verschiedenen Bereiche zu bieten hatten.

Als er sich für den Film interessierte, war er erstaunt, welch abgeschiedenes Dasein dieser fristete. Mitten im Künstlerviertel ragte ein Hügel empor, auf dessen riesigem Plateau nicht nur die Kinos standen, sondern auch die Hallen verschiedener Filmstudios. Diese Abkapselung hatte keinen offensichtlichen Grund. Möglicherweise stimmte ja das Gerücht, der Hügel sei von den ersten verstorbenen Filmschauspielern geschaffen worden, als Abbild jenes Hügels in Los Angeles, auf dem der Schriftzug „Hollywood“ angebracht war.
Allerdings war diese Absonderung auch ein unfreiwilliges Sinnbild für die Bedeutung, die der Film im Himmel hatte. Zunächst konnte Edgar nicht verstehen, warum der Film hier so schlecht angesehen war, vor allem weil echtes holografisches Kino mit Geruchs- und Berührungseffekten Normalität war. Doch nachdem er ein paar Filme miterlebt hatte, musste er zugeben, dass sie ihn langweilten. Der Grund dafür war erstaunlich simpel: Während ein Film im Diesseits alternative Möglichkeiten des Lebens zeigte, seine Zuseher in phantastische Welten entführte oder sie Schicksale miterleben ließ, die sie aus eigener Erfahrung nicht kannten, war das Alltagsleben im Himmel selbst so phantastisch und voller Möglichkeiten, dass selbst der aufwändigste Film im Vergleich dazu langweilig wirkte. Alles, was einen Film im Leben vor dem Tod besonders gemacht hatte, konnte hier von jeder Seele problemlos erschaffen und erfahren werden, womit die künstliche Darstellung dieser Dinge jeden Wert verlor.

Das gleiche Schicksal erlitt auch das Holo-Deck. Als Edgar erfuhr, dass es auf dem Filmberg Holo-Decks gab, wurde er vor Begeisterung fast verrückt. Die Idee dazu basierte auf der Star-Trek-Serie „The Next Generation“: In einem großen Raum, der mit Holografie-Projektoren ausgestattet war – dem sogenannten Holo-Deck – wurde eine grob vorgegebene Romanhandlung gespielt. Die Figuren und Gegenstände erschienen dabei nicht nur dreidimensional, sondern bekamen auch feste Form. Der Teilnehmer an einem Holo-Roman konnte in der Rolle einer Romanfigur den Handlungsfortlauf aktiv beeinflussen.
Es war die Seele von Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry selbst, die die Holo-Romane seinerzeit im Himmel in Mode bringen wollte. Im Diesseits hätte er damit ohne jeden Zweifel den nächsten Trekkie-Hype ausgelöst, doch wie Edgar sich selbst überzeugen musste, verpuffte die Wirkung jedes Holo-Romans hier aus denselben Gründen, wie die der traditionellen Filme. Als Seele im Jenseits konnte man seinen realen Alltag weitaus interessanter und intensiver gestaltet, als jede noch so spannende Romanhandlung.
Roddenberry hatte schon vor langer Zeit die Konsequenz daraus gezogen und sich in einen eigens geschaffenen Bereich zurückgezogen, den er „Das Star-Trek-Universum“ nannte. Da Edgar zu Lebzeiten zwar nicht gerade ein „Trekkie“ war, wie fanatische Star-Trek-Fans genannt wurden, sich aber doch immer wieder dafür begeistern konnte, ließ er es sich nicht nehmen, diesen Bereich zu besuchen und einige Zeit in ihm zu leben. Er war fasziniert von der scheinbaren Authentizität der ganzen Sache, aber noch mehr faszinierte ihn der Enthusiasmus, mit dem all die hier lebenden, verstorbenen Trekkies in ihren Rollen aufgingen. Sie, wie auch ganze Heerscharen künstlich geschaffener Figuren, bevölkerten die Planeten der Föderation sowie die der Förderationsfeinde. Sie unterhielten diplomatische Beziehungen miteinander, trieben Handel oder führten gegeneinander Krieg. Gene Roddenberry selbst war hier der Präsident der „Vereinten Föderation der Planeten“, der in Krisenzeiten auch gerne einmal selbst in einem Raumschiff Hand anlegte. Er und seine Fans wirkten hier ausgesprochen glücklich auf Edgar.

Aber Star Trek war bei weitem nicht der einzige fiktive Bereich, im Gegenteil: Quasi zu jedem Erfolgsfilm und zu jedem Bestseller des Diesseits hatten Fans jeweils eigene Bereiche erschaffen, in denen sie lebten. Andere Seelen wanderten hier wie Touristen durch und besichtigten die Schauplätze der Handlungen, oder sie nahmen am Alltagsleben dieser Schauplätze teil, in Rollen, die sie sich aktuell dazu wünschten.
Auf diese Weise verbrachte Edgar geraume Zeit in Werken wie „Faust“, „Vom Winde verweht“, „Zurück in die Zukunft“, „Eine Weihnachtsgeschichte“, „Das Parfüm“, „Jurassic Park“, „Commissario Brunetti“, „Der Fluch der Karibik“, „Tom & Jerry“ und viele Weitere mehr. Und auch wenn ihm dieses Tingeln zwischen den erfundenen Welten irgendwann zu eintönig wurde, so machte er sich danach in einem Punkt keine Sorgen mehr, nämlich, dass ihm langweilig werden könnte, egal wie lange die Ewigkeit auch dauern mochte.

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 24: Bohèmiens

Kapitel 24: Bohèmiens

In einer Künstler-Kommune wird Edgar Teil einer Art zu leben, die er nicht versteht.

In der knappen halben Stunde, die die Show dauerte, steigerte sich ihre Intensität immer mehr. Edgar war gefesselt wie von nichts anderem davor, er vergaß die Umgebung, in der er sich befand, wurde zum Teil der Vorstellung. Plötzlich begann der Boden zu beben. Viele der anwesenden Seelen kreischten auf und warfen sich zu Boden. Auch Edgar spürte Panik in sich aufsteigen und auch er lag gleich darauf flach am Boden und suchte vergebens nach Halt.
Doch was dann kam, war keine große Bestrafung. Die Seitenfront der Glashalle zerbarst mit einem ohrenbetäubenden Knall in unzählige klitzekleine Scherben und ein riesiges Segelschiff, wie aus dem Zeitalter der großen Entdeckungen in der frühen Neuzeit, stampfte knapp über den Köpfen der Zuschauer herein. Während sich diese mit Lauten der Erleichterung und des Staunens langsam wieder erhoben, drehte das Schiff bei und blieb leicht schlingernd in der Luft liegen. Edgar sah, dass die explodierte Glaswand wieder heil war, auch Splitter konnte er nirgendwo entdecken. Er rappelte sich auf und mit einem Mal drang ein Geräusch an sein Ohr, das die ganze Halle erfüllte. Es klang wie das Flattern von Flügeln, welche so zart waren, dass sie gerade einmal die Luft in Schwingung versetzten. Allerdings war dieses Geräusch allgegenwärtig und trotz seiner Zartheit sehr laut. Es dauerte einige Sekunden, bis Edgar erkannte, dass die Bewegung der Schiffssegel nicht von einem künstlich geschaffenen Wind herrührte, sondern daher, dass anstelle von Segeln riesige Schmetterlinge an den Masten saßen und das Schiff durch ihren Flügelschlag in der Luft hielten und antrieben.
Mit einer weiteren großen Geste ließ Salvador Dali das Schiff nun so weit zur Seite kippen, dass Edgar und die anderen Zuschauer das Deck sehen konnten. Dann ließ sich der Maler auf den hinteren Deckaufbau herab und stellte sich an das Steuerrad, wo er sich vor dem aufbrandenden Applaus und dem begeisterten Johlen verbeugte. Dann gab er den Schmetterlingen ein Zeichen, woraufhin sich deren Flügelschlag intensivierte und als das Schiff in seiner Schräglage davonsegelte, winkte Dalí seinem Publikum zum Abschied zu. Er wirkte eher wie ein Magier als wie ein Maler.
„Er hat sich in seinem Selbstporträt richtig getroffen: Er ist ein Gott!“ Die schmachtende Stimme neben Edgar gehörte einer schlanken Frau um die vierzig, die auf ihn wirkte, als entstammte sie einer Künstlerkommune der späten neunzehnhundertsechziger Jahre. Sie trug Sandalen, rosafarbene Glockenhosen, ein Jute-Top mit einem großen V-Ausschnitt, der mit einem orientalischen Muster bestickt war, und eine blaue Baskenmütze. Als sie seinen Blick bemerkte, sah sie ihn an. Ihr Gesichtsausdruck wirkte verklärt und fast ein bisschen weltfremd, wie Edgar fand.
„Du bist zum ersten Mal hier, hab ich nicht Recht?“, fragte sie.
„Woran siehst du das?“
„Ich weiß auch nicht … ihr Neulinge habt so ein naives Staunen an euch. Nicht böse sein.“
„Bin ich nicht. Aber vielleicht kannst du mir ja dabei helfen, dass mein Staunen weniger naiv wird?“
„Klar, gerne. Kannst gerne mit mir mitkommen, wenn du nichts anderes vorhast.“
„Meine nächsten hundert Jahre gehören dir.“
Sie blinzelte und lächelte und beides wirkte auf Edgar, als stünde sie unter Drogen. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und bewegte ihr Becken wie in einem lasziven Tanzschritt. Da sie einen halben Kopf kleiner war als er, sah sie zu ihm auf und sagte anzüglich: „Komm mit mir mit, schöner Mann!“ Während sie sich an ihn schmiegte, lösten sich die Konturen um sie beide herum auf.

Als sich der Zielort aus dem Gewölk heraus klärte, erkannte Edgar, dass sein erster Eindruck von der Frau richtig gewesen war. Sie befanden sich in einem großen Atelier, in dem allerlei Malutensilien kunterbunt durcheinanderlagen. Inmitten dieses Chaos standen einige Staffeleien mit abstrakten Gemälden, an einem davon arbeitete ein junger Mann, der außer einer schmutzigen Unterhose nichts anhatte. In der einen Hand hielt er eine Palette, die andere ließ einen Pinsel über die Leinwand wüten. Dabei sog er immer wieder an dem Joint in seinem Mundwinkel. An mehreren Stellen des großen Raumes sah Edgar nun Gestalten am Boden hocken und Farben mischen oder mit Farbstiften auf Papier herumkritzeln, welches vor ihnen am Boden lag.
Edgars Begleiterin musterte sein Gesicht und kicherte. „Schöner Mann, darf ich dir meine Genossen vorstellen?“ Sie rief in den Raum: „Hey, Genossen, darf ich vorstellen: schöner Mann.“
„Hi, schöner Mann.“ Der Maler in der Unterhose winkte kurz mit dem Pinsel, ohne von seiner Arbeit aufzusehen, die anderen ignorieren die Ankömmlinge.
„War eine wilde Party gestern“, erklärte die Begleiterin, „die sind alle noch stoned. Hey, Piggy, ist vom gestrigen Stoff noch was da?“
Eine der hockenden Gestalten antwortete ihr, ebenfalls ohne aufzusehen: „Tut mir leid, alles weg. Musst dir neuen wünschen.“
Mit einem Mal hielt Edgars Begleiterin eine verdrehte weiße Papierwurst in der Hand, die am äußeren Ende gloste. Sie sog daran, schlang ihren Arm um Edgars Hüfte und schob ihn durch den Raum zu einer Staffelei, auf der eine schwarz grundierte Leinwand stand, die mit weißen Spiralen bemalt war. „Mein Bild. Wie gefällt‘s dir?“
„Was ist das?“
„Die Lebensspirale.“
„Lebensspirale?“
„Meine Güte, schöner Mann, du hast aber auch überhaupt keine Ahnung, oder?“
„Ich widerspreche nicht.“
„Das Leben hat die Form einer Spirale! Das hat Salvador schon gewusst, noch bevor sie dieses Dings entdeckt haben, aus dem wir alle bestehen – das, das wie eine Spirale aussieht.“ Sie nahm einen Pinsel aus einem Glas mit trüber Flüssigkeit, welches am Boden stand, tauchte ihn in einen Topf mit weißer Farbe und trug eine weitere Spirale auf der schwarzen Leinwand auf, wobei ihre Bewegungen auf Edgar wenig kontrolliert wirken.
„Was meinst du?“, fragte er.
„Na dieses Dings eben … LSD? Nein … S … S …“
„DNS?“
Sie schnippte mit den Fingern und zeigte auf Edgar, der dies als Geste der Zustimmung interpretierte. Dann kniff sie ein Auge zu, um es vor dem Rauch ihres Joints zu schützen, den sie sich, in den Mundwinkel gesteckt hatte, wie ihr Kollege in der Unterhose. „Komm, mach‘s dir gemütlich“, sagte sie, „ich hab noch zu arbeiten. Danach bumsen wir, okay?“
Edgar war zu baff, um ihr eine Zusage zu geben, doch er war bereit, die Dinge geschehen zu lassen. Er wünschte sich eine Flasche Bier und eine Zigarette und ließ sich auf dem farbbeklecksten Parkettboden nieder. Zwar hatte er Zigaretten noch nie gemocht, doch wenn er verstehen wollte, wie diese Künstler tickten, so dachte er, musste er in die hier vorherrschende Atmosphäre eintauchen. Tatsächlich schien seine Kreativität bereits angeregt zu sein, denn er wünschte sich, dass seine Zigarette nach Erdbeeren schmecken sollte. Etwas später verwandelte er ihren Geschmack in den von Essigwurst und danach in den von Blumenerde, bevor er ihn wieder zu dem ursprünglichen nach Tabak zurück änderte.
Dann fiel ihm Salvador Dalí ein, der ihn auf die Idee gebracht hatte, wie Superman zu fliegen. Das probierte er jetzt aus und hob – noch im Schneidersitz – zehn Zentimeter vom Boden ab. Das Schweben über dem Boden fühlte sich an, als säße er auf einem ganz weichen Polster und er war irgendwie verwundert, dass ihn das nicht anstrengte. Offenbar hatte er die Möglichkeiten, die der Himmel bot, bislang nur in Ansätzen ausgeschöpft.

* * *

Edgar verbrachte eine lange Zeit in der Künstlerkommune, hatte aber auch am Ende nicht das Gefühl, hier irgendwelche Erkenntnisse gewonnen zu haben. Die Gruppe umfasste eine unbestimmbare Anzahl von Seelen, die kamen und gingen, da- oder fortblieben und von denen offenbar kaum jemand einen Namen hatte. Bis auf zwei oder drei Ausnahmen sprach man sich hier gegenseitig mit „hey, du“ an, oder mit einer Eigenschaft, die den Angesprochenen im jeweiligen Moment von den anderen unterschied, etwa „du, Raucher“, oder „hey, rote Hose“.
Da Edgars Begleiterin ihn nie nach seinem Namen gefragt hatte, hatte auch er sie nie nach ihrem gefragt. Er nannte sie seinerseits „schöne Frau“, obwohl er sie überhaupt nicht schön fand. Er fand sie im Gegenteil vulgär und kulturlos und erkannte rasch, dass sie in ihrem künstlerischen Tun Spontaneität mit Zufall verwechselte. Diese Eigenheiten unterstellte er übrigens allen Mitgliedern dieser Kommune. Er sah ihnen zu, wie sie wirre Flächen und Linien auf ihre Leinwände schmierten, die sie dann einem oder mehreren der anderen zeigten und sich dafür bewundern ließen. Im Gegenzug bewunderten auch sie die Werke ihrer Claqueure. Edgar war sich nicht sicher, ob es sich dabei um ein etabliertes, längst nicht mehr hinterfragtes Ritual handelte, oder ob dieses Verhalten damit zusammenhing, dass die Genossen quasi ununterbrochen unter dem Einfluss irgendeiner Droge standen, die ihnen ihre Umwelt rosiger erscheinen ließ, als sie war.
Irgendwann kam einem Kommunarden, der allgemein „Igelfrisur-Macker“ genannt wurde, die Idee, sie könnten doch alle gemeinsam mit Spielzeug-Bausteinen einen Turm aufschichten. Die anderen stimmten begeistert zu, wünschten sich eine riesige Menge Bausteine und stapelten diese zu einem wirren Gebäude zusammen, das nach Edgars Empfinden mehr von der gemeinschaftlichen guten Laune als von seinen statischen Eigenschaften zusammengehalten wurde. Als die Künstler die Lust am Weiterbauen verloren, jubelten sie, applaudierten einander und fielen sich in die Arme, darin einig, ein großes Werk geschaffen zu haben. Das feierten sie dann ausgiebig mit Alkohol, Drogen, Gruppensex, gegröltem Gesang und schriller Musik aus extra billig gewünschten Lautsprecherboxen. Das Bausteingebäude wurde fortan ignoriert und fiel Stück für Stück zusammen, wann immer jemand daran anstreifte. Die zu Boden gefallenen Steine blieben dort inmitten jener Dinge liegen, die schon bei Edgars Ankunft hier gelegen waren und jener, die während seiner Anwesenheit noch hinzugekommen waren; niemanden kümmerte es.
Das taten die Kommunarden übrigens immer, wenn sie nicht gerade ihre Art von Kunst schufen: Sie hörten Musik oder sangen, betranken sich, schliefen miteinander oder rauchten, schnupften oder spritzten sich irgendwelche Drogen. Dinge wie Körperpflege und saubere oder gar geschmackvolle Kleidung galten unter ihnen als oberflächlich, gegessen wurde kaum und wenn, dann ausschließlich Fertig-Pizze, Hamburger oder sonstiges Junk-Food. Das irritierte Edgar. Im Himmel bedurfte es schließlich keinerlei Anstrengung, um Ordnung zu schaffen, sich ein annehmbares Äußeres zuzulegen oder beste Speisen aufzufahren. All das war nicht weiter als einen Wunsch entfernt, doch niemand äußerte einen solchen. Im Gegenteil: Einmal, als Edgar sich das Atelier aufgeräumt wünschte, protestierten alle Künstler, die gerade bei Bewusstsein waren, und einer von ihnen wünschte sich sogleich die alten Zustände wieder zurück. Spontan wollte Edgar die „schöne Frau“ nach den Vorteilen fragen, die diese Art zu leben ihnen brächte, doch sie lag gerade im Delirium irgendeines Rausches und nahm ihn nicht wahr.

Du hast noch nicht alle Kapitel gelesen?

Du bist jetzt erst eingestiegen, hast einige Kapitel versäumt oder willst einfach noch einmal nachlesen? Dann gehe weiter zur Übersichtsseite, dort findest du alle Kapitel. Zurück zur Übersichtsseite

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen