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Kapitel 12: Heimkehr

Kapitel 12: Heimkehr

Edgar findet seine Großeltern und verbringt den längsten Nachmittag, den er je erlebt hat. Doch auch wenn im Jenseits die Zeit nicht mehr endet – zurückdrehen lässt sie sich nicht.

Aus dem Wohnungsinneren drang das Schellen der Türglocke und versetzte Edgar den nächsten Stich. Alles hier war so authentisch und vertraut, dass er fast nicht glauben konnte, tatsächlich hier zu stehen und diese Situation zu erleben. Er vernahm die schlurfenden Schritte seiner Großmutter, die sich von innen der Tür näherten und sein Herz begann, wie wild zu pochen. Mit lautem, im Vorhaus widerhallendem Klacken wurde die Wohnungstür entsperrt, begleitet von dem gedämpften Rasseln und Klopfen, mit dem die anderen Schlüssel am Bund an das Türholz schlugen; alles wie damals. Selbst die innige Vorfreude, die sich nun in Edgar breitmachte, war vertraut.

Die Tür ging auf und sie stand vor ihm, klein, leicht gebückt, mit einem Lächeln, das wie ein fixer Bestandteil ihres Gesichts wirkte, genau so, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte. Sie musterte ihn fragend, dann verwundert und schließlich ungläubig.
„Edilein?“ Sie schlug die Hände an den Mund. „Was tust du denn hier?“ Sie fielen sich in die Arme, hielten sich, wiegten einander hin und her. In diesem Moment glaubte Edgar zu verstehen, was der eigentliche Sinn des Himmels war: ein Ort zu sein, an dem sich alle wiedersahen, die der Tod voneinander getrennt hatte. „Komm herein, Edilein, du musst mir erzählen, was es Neues gibt, auf der Erde unten.“
Als Edgar die Wohnung betrat, stellte er fest, dass auch hier alles so war, wie er es seit frühen Kindheitstagen in Erinnerung hatte; die Farben, der Geruch, die Einrichtung, das Licht – und sogar sein Großvater saß am selben Platz des Esstisches, trug dieselbe alte Lesebrille und sah in derselben Art von der Zeitung auf, wie immer.

Es wurde einer dieser Nachmittage, an die Edgar sich zeit seines Lebens so gerne zurückerinnert hatte. An denen er mit seinen Großeltern zusammensaß, Kuchen aß und Kakao trank. Diesmal plauderten sie allerdings nicht über Fahrräder und Kinofilme, sondern darüber, was alles passiert war, seit sie einander das letzte Mal gesehen hatten. Edgar erzählte, was gemeinsamen Verwandten und Bekannten in der Zwischenzeit widerfahren war und dann schwelgten sie in gemeinsamen Erinnerungen. Noch einen weiteren Unterschied gab es zu vergleichbaren Nachmittagen in Edgars Kindheit: Er wurde nicht durch den Sonnenuntergang beendet, oder weil Oma das Essen kochen musste. Er dauerte so lange, bis alles erzählt war, und hätte Edgar diese Zeitspanne in ein irdisches Maß fassen müssen, er hätte ihre Länge auf drei oder vier Tage geschätzt.
Kein Wunder, denn in den fünfzehn Jahren, die zwischen den Toden der Großeltern und von Edgar vergangen waren, hatte sich im Diesseits Wesentliches ereignet. So wussten die beiden Alten nicht, dass sich die angeborene Herzschwäche ihrer Tochter – Edgars Mutter – mit der Zeit verschlechtert hatte, was die moderne Medizin aber ausgleichen hatte können. Auch kannten die Großeltern Edgars Frau nicht und erst recht nicht seine Kinder. Mehr als nur einmal war er versucht, das Foto seiner Familie herzuzeigen, doch immer im letzten Moment ermahnte er sich, dem Versprechen treu zu bleiben, das er sich selbst gegeben hatte. Das Foto blieb auch weiterhin sein innig gehütetes Geheimnis.
Danach sprachen sie über gesellschaftliche Veränderungen, denn der Großvater wollte wissen, was seit seinem Tod in der Welt der Politik und in der Politik der Welt geschehen war. Nach Edgars Bericht kam er zu dem Schluss, dass die Menschheit nach wie vor nichts dazu gelernt und er ohnehin schon immer gewusst hätte, dass alles in einer einzigen, großen Katastrophe enden würde.

Edgar fühlte sich wohl, heimelig geborgen. Zwar behandelten ihn die beiden nach wie vor wie einen Jungen von vierzehn Jahren, doch das nahm er ihnen nicht übel. Er lenkte das Gespräch auf ihre Anfangszeit hier im Jenseits und wie sie ihre Freunde und Bekannten wiedergefunden hatten, die damals bereits hier gewesen waren. „Wie kommt es eigentlich“, fragte er dann, „dass ihr hier genauso lebt, wie nach dem Krieg?“
Sein Großvater musterte ihn mit Augen, die durch die Lesebrille größer wirken. „Wie sollten wir denn sonst leben, Bub?“
„Na, so wie ihr wollt. Ich meine, ihr könnt doch alles haben, was ihr möchtet.“
„Aber das haben wir ja, Edilein.“ Die Großmutter lächelte.
„Ihr könntet am Meer leben. Am Meer hat es euch doch immer gefallen.“
„Ab und zu tun wir das ja auch. Da packen wir alles zusammen und fahren ans Meer, aber weißt du, es wird uns schnell zu heiß dort.“ Aus ihrer Stimme klang Nachsicht für die anscheinend mangelnde Lebenserfahrung ihres Enkels.
„Aber warum denn?“
„Na, weil wir alt sind.“ Die Stimme des Großvaters klang ungehalten.
„Aber ihr müsst doch nicht alt sein. Wenn ihr wollt, könnt ihr wieder jung sein.“
Edgars Großmutter blickte zur Seite, als wäre ihr das Thema peinlich. „Ich glaube, das wäre nicht recht.“
„Warum?“
„Weil wir unser Leben doch gehabt haben.“
„Aber ihr seid …“ – Edgar glaubte nicht, dass er das gerade sagte – „… tot! Wir sind alle tot und deshalb sind wir jetzt unsterblich.“ Ihm fiel zum ersten Mal auf, wie widersinnig sich das anhörte.
Der Blick seines Großvaters wurde wieder milder. „Das wissen wir. Aber was schlägst du vor? Dass wir beide, Oma und ich, dass wir wieder zwanzig Jahre alt sein sollen? Das wollen wir gar nicht, damals war Krieg.“
„Ihr könnt doch in einer anderen Zeit leben.“
Die Großmutter tätschelte begütigend Edgars Unterarm und erklärte: „Das passt schon. Weißt du, wenn du in deiner Zeit groß geworden bist, mit deinen Eltern, deinen Freunden und den ganzen Lebensumständen, dann fühlst du dich in keiner anderen Zeit mehr heimisch. Unsere Jugendjahre haben wir im Krieg erlebt, das ist nun einmal so, und diese Zeit wollen wir nicht mehr zurückhaben.“
Es dauerte eine Weile, bis Edgar verstand, was sie ihm damit sagen wollte, dann spürte er, wie bitter diese Wahrheit schmeckte. Auch er selbst würde hier im Himmel nicht als Jugendlicher in einer anderen Zeit leben wollen. Es würde ihm nichts geben, aber alles nehmen, was er in seiner Jugend wirklich erlebt hatte. Und so gehörten auch die jungen Jahre seiner Großeltern in keine andere Zeit als in die, in der sie sie gelebt hatten. Dass sie sich vor den Bombenhagel verstecken, das Chaos meistern und jeden Tag fürchten mussten, ihre Liebsten in nah und fern zu verlieren, änderte nichts daran. Sie waren in diese Epoche der Geschichte hineingeboren und hatten damit zurechtkommen müssen, so wie alle Menschen in allen Epochen. Edgar begriff, dass es keine zweite Chance gab, nicht einmal im Himmel. Was vorbei war, war vorbei.
„Das heißt, hier, in der Nachkriegszeit, da habt ihr euch am wohlsten gefühlt?“, fragte er.
„„Ja“, antwortete der Großvater mit dem Brustton der Überzeugung, „die schlimmen Dinge waren vorbei und alle blickten voller Hoffnung nach vorne. Jeder hatte genug Arbeit, genug zu essen und nicht den Zwang, sich irgendeinen modernen Schnickschnack anschaffen zu müssen, nur weil die Nachbarn ihn auch haben. Es war eine einfache Zeit, in der alle glücklich waren … irgendwie.“
„Und euer Alter?“
Der Blick seiner Großmutter wurde träumerisch. „Ach weißt du Edilein, Opa und ich, wir haben in unseren letzten Lebensjahren in solcher Ruhe zueinander gefunden, das wollten wir beibehalten. Wir haben ein Leben lang zusammengelebt, und dass es so hat kommen können, ist ein Geschenk. Wir wollen nichts anderes mehr.“

Die Nacht brach herein, als Edgars Großmutter es für angebracht hielt. Sie quartierte ihn im ehemaligen Zimmer seiner Mutter ein, in dem er schon als Kind immer geschlafen hatte, schaltete die alte Nachttischlampe mit dem gestrickten Schirm ein und setzte sich auf die Bettkante. Es war alles so vertraut! Im heimelig gelben Licht der alten Glühbirne schimmerten ihre Gesichtszüge weich. Zufriedenheit und Glück standen in ihnen geschrieben, und die Erfüllung der fast schon vergessenen Sehnsucht, jemanden umsorgen zu können.
„Schlaf gut, Edilein“, flüsterte sie und strich ihm über die Stirn. Im Spiegel ihres Blickes sah er sich selbst als kleinen Jungen, so wie sie sich in seinem als die Oma gespiegelt sehen konnte, die sie ihm früher gewesen war. „Wir sind glücklich, dass du bei uns bist.“
„Ich auch, Oma.“
Die Großmutter küsste Edgar auf die Stirn, schenkte ihm ein Lächeln und schaltete die Nachttischlampe aus. Ihre Silhouette, die er unter tausenden wiedererkannt hätte, wankte in das Licht, das durch die offene Tür herein schien, und schloss diese behutsam und lautlos hinter sich.
Edgar überlegte, ob er nun schlafen sollte – um des Rituals willen, denn einen anderen Grund gab es nicht für Schlaf –, doch es ging ihm zu viel im Kopf herum. Er dachte an das Gespräch mit den Großeltern und an deren Entscheidung, ihr Dasein in der Gestalt alter Menschen und in einer früheren Zeit zu fristen. Auch wenn er ihre Beweggründe verstand, so erschien ihm ihre Bescheidenheit wie eine Verschwendung von Möglichkeiten. Doch es war ihre Entscheidung, und wenn diese sie glücklich machte, dann hatten sie wohl die richtige getroffen. Der Himmel sah eben für jeden anders aus.
Edgar schüttelte im Dunkeln den Kopf. Seine Großeltern, die er lange Zeit so vermisst hatte – er hatte sie wieder! Das bedeutete ihm weit mehr, als dass er nun nicht mehr alleine war, denn es gab ihm die Aussicht, dass er eines Tages seine Frau und seine Kinder wiedersehen würde. Natürlich wünschte er ihnen ein langes und erfülltes Leben, aber das widersprach nicht seiner Vorfreude, denn die Zeit hatte hier keine Bedeutung. Wenn sie kamen, würde er da sein, und dann würden sie zusammenbleiben, bis in alle Ewigkeit.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 11: Wo ist Gott?

Kapitel 11: Wo ist Gott?

Welches Ziel verfolgt eine ewige Seele, die alles hat? Im frei gewählten Exil in seinem Refugium hinterfragt Edgar zum ersten Mal den Himmel. Dann macht er sich auf, um seine Verwandten zu suchen.

Seit Klaudias Ankunft habe ich meinen Rückzugsort, mein persönliches Paradies, nicht mehr verlassen. Zunächst wollte ich einige Zeit lang niemanden sehen oder sprechen und mir einige Dinge klar machen. Dass ich mein Ableben nun endgültig und zur Gänze akzeptieren muss, zum Beispiel. Oder, dass es kein Zurück mehr gibt, auch wenn ein Teil von mir nicht aufhören kann, das zu hoffen. Dieser Teil ist es auch, der nicht aufhören kann an meine Familie zu denken.
Dann habe ich angefangen, mein Paradies umzugestalten: Ich habe Details des Strandes verändert und eine Holzhütte hier aufgestellt, eine Cabaña. Nun sieht es hier so aus wie an der Ostküste von Yukatan, südlich von Cancún in Mexiko, wo Heike und ich vor vielen, vielen Jahren Urlaub gemacht haben. Den mit Abstand besten Urlaub meines Lebens. Wir waren jung und frisch verliebt, wir brauchten nicht mehr als uns, ein paar Drinks, den Sand, das Meer und tausend Sterne. Ich wollte damals nicht mehr von hier weg.
Ich habe mir mehr als nur einmal überlegt, den damaligen Urlaub hier zu wiederholen; mir einfach alles herbeizuwünschen, so wie es damals war. Aber ich habe mich nie getraut. Wer weiß, was ich bekomme? Womöglich finde ich meine künstliche Frau abstoßend, oder ich verliere mich in dieser Phantasie – und beide Möglichkeiten könnte ich nicht ertragen. Da ist es schon besser, sie so in Erinnerung zu behalten, wie sie war. Auch wenn es noch so schmerzt, sie nicht bei mir zu haben. Und unsere Kinder. Doch das Andenken an meine Frau ist mir zu heilig, um es für eine billige Phantasie aufs Spiel zu setzen.

Edgar setzte ab und starrte geistesabwesend in die Ferne. Seine Frau hatte er nicht künstlich erschaffen, andere „Menschen“ aber schon. Er hatte versucht, sich mit einer Partygesellschaft, mit einer karibischen Band und mit anderen Frauen abzulenken, doch was immer er sich gewünscht hatte, welche Szenarien er auch ausgereizt hatte, am Ende war er jedes Mal zu derselben Erkenntnis gelangt: Hier war nichts echt. So sehr er sich ein echtes Erlebnis wünschte, so schnell durchschaute er seine selbstgeschaffene Illusion, blickte hinter seine selbstgebauten Kulissen, erkannte augenblicklich, dass jede Wunscherfüllung, von der er sich Glück versprach, vordergründig und hohl war, ohne jegliche Substanz.
Er seufzte und setzte erneut den Gänsekiel aufs Pergament:

Wenn man alles haben kann, ohne dafür auch nur mit dem Finger schnippen zu müssen, hat es keinen Reiz mehr, irgendetwas zu wollen. Seit ich das erkannt habe, sitze ich auf meinem Felsen und blicke auf die Unendlichkeit meines Ozeans. Vielleicht saugt ja das Vakuum in meiner Seele einen Sinn an, der mich erfüllen kann?
Wie lange das nun schon geht, kann ich nicht sagen, es ist mir auch egal. Denn mit der Zeit verhält es sich ebenso, wie mit den Wünschen: Wenn du alle Zeit besitzt, verliert sie jeden Wert. Für eine unsterbliche Seele, wie ich eine bin, macht es keinen Unterschied, ob Sekunden oder Jahrhunderte vergehen. Es gibt nichts mehr, auf das ich hinarbeite, hinfiebere oder hinbange. Oder auf das ich mich freue. Wann immer ich mein Paradies wieder verlassen werde, die anderen Seelen da draußen werden nach wie vor damit beschäftigt sein, sich ihre Wünsche zu erfüllen. Warum also danach fragen, wie viel Zeit vergeht?
Eigentlich habe ich momentan nur eine einzige Frage und die stelle ich mir schon, seit ich im unendlichen Weiß war. Ich habe mich nie getraut, sie jemandem zu stellen, nicht einmal mir selbst. Aber nun, alleine mit mir, meiner Ewigkeit und meiner Unendlichkeit, nun stelle ich sie doch.

„Wo ist Gott?“ Anstatt sie niederzuschreiben, rief Edgar seine Frage hinaus über das Meer. Er hörte die Verzweiflung in seiner Stimme, hörte seine Frage wider- und widerhallen, als hätte er sie gegen eine Felswand gerufen und nicht in den Wind. Seine eigene Stimme rührte sein Herz, sein Blick trübte sich ein und er schluchzte einmal auf, ehe er sich wieder seiner Tagebuchaufzeichnung widmete:

Seit ich denken kann, hat man mir immer gesagt, Gott sei im Himmel. Als ich erwachsen wurde, habe ich aufgehört, an Gott oder den Himmel zu glauben. Jetzt bin ich eines Besseren belehrt worden. Die Christen hatten Recht: Den Himmel gibt es.
Bedeutet das nicht auch, dass es Gott gibt? Aber wo ist er? Ich würde jetzt seinen Beistand brauchen, seinen Trost und seine Kraft, um mich endlich, endlich von meiner körperlichen Existenz lösen zu können! Denn nur dann, nur wenn ich es schaffe, das unsichtbare Tau zu kappen, das mich noch immer mit meinem vergangenen Leben verbindet, nur dann kann ich hier im Himmel glücklich werden.
Aber Gott ist nicht hier. Wer zeigt mir den Weg, den ich zu gehen habe? Ich brauche Orientierung und sei es auch ein Anker, selbst wenn er mich an einem Punkt festhält. 

ICH MUSS ERKENNEN, WO IN DIESEM UNIVERSUM ICH BIN!

Und deshalb muss ich jetzt etwas tun, von dem ich weiß, dass es falsch ist und mein Leiden verlängern wird. Aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. Das Einzige, von dem ich weiß, dass es wirklich ist, sind meine Erinnerungen.

Edgar blickte auf seine Hände hinab. Das Tagebuch war verschwunden, ebenso der Gänsekiel, stattdessen hielt er ein Foto, das ihm einen Stich ins Herz versetzte. Heikes, Annis und Matthias’ Gesichter sahen so echt aus, genau so wie an dem Tag, an dem er von ihnen gegangen war. Heike und die Kinder lebten in ihm, daran bestand nun kein Zweifel mehr, und als Edgar das erkannte, rannen ihm die Tränen wie zwei Bäche über die Wangen. Eingebildete Tränen über eingebildete Wangen wegen eines eingebildeten Fotos, an dem nur eines echt war: die Gefühle, die Edgar mit ihm verband.
Er liebte dieses Foto und er litt unter ihm. Er beschloss, es niemals irgendjemandem zu zeigen, nie jemandem davon zu erzählen, es als sein ganz privates, zärtlich gehütetes Geheimnis immer bei und in sich zu tragen, egal, wie lange die Ewigkeit dauern mochte.

* * *

Indem Edgar sich in das Foto versenkte, machte er sich zum ersten Mal seit seinem Tod Gedanken darüber, was seine Familie ihm eigentlich bedeutete und schämte sich. Die ganze Zeit über, zwei volle Jahre lang, war er oberflächlichen Vergnügungen nachgehangen und hatte nicht einen Gedanken daran verschwendet, welche Chance ihm hier gegeben war. „Familie“ umfasste schließlich weit mehr, als nur den engsten Kreis von Frau und Kindern, sie umfasste Eltern und Geschwister, Großeltern, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins sowie alle weiter entfernten oder angeheirateten Verwandten. Und so kam es, dass Edgar jetzt, nach zwei Jahren, zum ersten Mal daran dachte, dass er ja gar nicht alleine hier im Himmel war. Alle seine Verwandten, die vor ihm die Welt der Lebenden verlassen hatten, waren irgendwo hier, er musste sie nur aufsuchen.
Edgar dachte an seine Großeltern mütterlicherseits, die kurz nacheinander gestorben waren; seine erste Begegnung mit dem Tod. Er war damals vierzehn Jahre alt gewesen, noch mehr Kind als Jugendlicher, und die Tatsache, dass er von klein auf viel Zeit bei den beiden verbracht hatte, hatte den Schmerz besonders heftig gemacht. Er war der Trauer völlig schutzlos ausgeliefert gewesen, hatte stundenlang geweint und am ganzen Körper geschlottert.
Wenn er jetzt an die Großeltern dachte, sah er vor sich zwei versonnene, großherzige, stets lächelnde runzlige Gesichter, deren Augen eine Güte ausstrahlten, die er nach ihrem Tod nie mehr angetroffen hatte.
Edgar fragte sich, in welcher Umgebung sie hier im Himmel wohl lebten – und wünschte sich kurzentschlossen zu ihnen. Sein Refugium quoll zu farbigen Nebeln auf, die sich zu neuen Kombinationen umgruppierten und wieder Gestalt annahmen.

Es war eine Wohnstraße, die sich aus dem farbigen Gewölk zusammensetzte, doch sie wirkte anders auf ihn als vergleichbare Wohnstraßen. Edgar erkannte zunächst nicht, worin der Unterschied bestand, was sie so fremdartig machte, doch dann kam ihm die Erinnerung zu Hilfe: Es war eine Wohnstraße aus vergangener Zeit.
Einstöckige Mehrfamilienhäuser in Pastellfarben standen hier in geordneter Symmetrie an beiden Seiten einer gepflegten Schotterstraße. Auf dieser und zwischen den Häusern hielten sich jede Menge Seelen auf, die allesamt in einem Stil gekleidet waren, der Edgar an Schwarzweiß-Fotografien aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerte. Die Frauen trugen lange Röcke, hatten ihre Haare nach oben gebunden und oft mit einem Kopftuch bedeckt. Die Männer hatten Hüte aufgesetzt, waren in Leinenhemden und weite schlabbrige Hosen gekleidet. Die Gewänder waren vorwiegend in Grau- oder Brauntönen gehalten, nur ab und zu sah Edgar ein dunkles Blau, Rot, Grün oder Ocker.
Die Seelen vermittelten den Eindruck gemütlicher Geschäftigkeit. Frauen mit Einkaufskörben in der Armbeuge standen zusammen und unterhielten sich, ein Mann fuhr wackelig auf einem schwarzen Waffenrad an Edgar vorbei und grüßte ihn, indem er seinen Hut lüftete. Eine alte Frau stand breitbeinig vor einer Teppichstange und klopfte schwungvoll einen Läufer aus, der dabei eine geradezu unglaubliche Menge Staub freisetzte. Von hinten kam ein vierschrötiger Mann, der mit sichtlicher Mühe eine Holzkarre mit knirschenden Rädern zog. Sein Gesicht hatte einen mürrischen Ausdruck, bartstoppelig, verschmutzt und auch seine Kleidung war in einem ähnlichen Zustand.
Plötzlich blickten alle Seelen wie auf Kommando in dieselbe Richtung die Straße entlang. Edgar folgte ihrem Blick und hörte erst jetzt das laute Geknatter, mit dem ein Automobil heranrollte, das perfekt in den Zeitrahmen dieser Wohnstraße passte. Die Seelen auf der Straße traten ohne Hast zur Seite, um das Vehikel vorbei zu lassen, und dessen Fahrer schwenkte dankend den Hut aus dem Fenster. Die Staub- und Rauchwolke, die das Gefährt hinterließ, legte sich nur langsam.
Was Edgar besonders ins Auge stach, waren die vielen Kinder. Sie saßen im Grasstreifen neben der Straße und rollten Murmeln, übten sich vor den Hauseingängen im Schnurspringen, spielten kichernd und laut aufjauchzend miteinander Fangen, oder hingen wie Kletten an ihren Müttern. Erst jetzt, als er das sah, wurde ihm bewusst, dass er in all den Monaten, die er nun schon im Himmel war, noch nie ein Kind gesehen hatte.

Er setzte sich in Bewegung und ging zum ersten Mehrfamilienhaus zu seiner Linken, denn dieses erkannte er wieder, in diesem lebten seine Großeltern. Als Kind war er oft hier gewesen und jetzt erschien es ihm als das natürlichste auf der Welt, dass seine Großmutter und sein Großvater noch immer darin wohnten.
Er stapfte den gemauerten Stiegenaufgang zur massivhölzernen Eingangstür hinauf. Auf die Hausmauer rechts war ein großer, roter Pfeil gemalt, der auf das Kellerfenster darunter zeigte. Was dieser Pfeil bedeutete, hatte ihm seine Mutter einmal erzählt, die in diesem Haus aufgewachsen war: Wenn im Zweiten Weltkrieg Bombenalarm gegeben wurde und nicht mehr genug Zeit blieb, um zum Gemeinschaftsbunker zu laufen, suchten die Menschen Zuflucht in den Kellern ihrer Häuser. Wurde ein Haus getroffen, standen die Chancen gut, dass der untere Teil der Hausmauer das Bombardement überstand, der aufgemalte Pfeil also noch sichtbar war. Hier begannen die Rettungskräfte zu graben, denn ein Kellerfenster gab ihnen Zugang zu möglichen Überlebenden. Was für eine schreckliche Zeit!
Edgar blickte auf das Paneel mit den vier Türklingeln und spürte, wie ein Lächeln seine Lippen spannte. Hier wohnten tatsächlich die Seelen jener Menschen, die auch zu ihren Lebzeiten in diesem Haus zusammengewohnt hatten. Unwillkürlich fragte er sich, ob diese vier alten Ehepaare nach ihrem Tod tatsächlich wieder zusammengefunden hatten oder ob er hier nur die Verkörperung seines unbewussten Wunsches sah, in ein vertrautes Quasi-Zuhause zurückzukehren, in eine verklärte Erinnerung an einen unbeschwerten Teil seiner Kindheit.
Die Haustür war nicht abgeschlossen; sie war nie abgeschlossen gewesen. Mit dem Flur betrat Edgar seine Vergangenheit: Der enge Gang mit seinem speziellen Geruch, die glänzend polierten, dunkelbraunen Steinfliesen des Bodens, die jede für sich leicht konvex und an den Rändern teilweise ausgeschlagen war … Eintausendundein Details, die er in seiner Kindheit unbewusst in sich aufgenommen hatte, fügten sich hier wieder zusammen, als wäre seit damals keine Zeit verstrichen, als wären weder er noch seine Großeltern gestorben und als stünde in seinem Leben alles noch auf Anfang; als gäbe es noch Möglichkeiten und Hoffnungen.
Edgar schluckte schwer und zwang sich, zur Wohnungstür seiner Großeltern zu gehen. Er passierte links den Stiegenaufgang zu den beiden Parteien im ersten Stock und erreichte die beiden einander gegenüberliegenden Eingangstüren zu den Parterre-Wohnungen. Vor der rechten hielt er inne, atmete einmal tief durch und drückte dann den zylindrischen, gefederten Knopf mit dem Glockensymbol.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Kapitel 10: Wandlungen

Kapitel 10: Wandlungen

Über gewisse Dinge wird im Himmel nicht gerne geredet. Fred trennt sich von Edgar, und als dieser erfährt, wie lange er schon tot ist, zieht er sich in sein Refugium zurück.

„Aber wenn nun eine Seele einer anderen Schaden zufügt …“, begann Edgar, doch Fred unterbrach ihn:
„Aber genau das ist ja der springende Punkt: Keine Seele kann einer anderen Schaden zufügen, keine Seele kann eine andere zu irgendetwas zwingen! Wir Seelen sind in unseren Entscheidungen bedingungslos frei – mit einer einzigen Ausnahme: das ewige Gesetz.“
„Okay hör zu: Ich habe gesehen, wie eine riesige Gruppe von Seelen eine winzige Gruppe von Seelen beschimpft und bedroht hat. Aus meiner Erfahrung – als Mensch – passiert so etwas nur, wenn eine stärkere Gruppe einer schwächeren ihren Willen aufzwingen will. Wenn es sein muss, mit Gewalt. In dieses Bild passt es überhaupt nicht, dass keine Seele einer anderen Schaden zufügen kann.“
„Es ist doch ganz einfach: Wir Seelen sind unsterblich und man kann uns nicht verletzen. Unsere Gefühle vielleicht, ja, aber nicht uns als Erscheinungen. Daraus ergibt sich, dass keine Seele ein Druckmittel besitzt, um eine andere zu irgendetwas zu zwingen, was diese nicht will.“
„Außer, man ist ein Gott.“ Als Fred irritiert blinzelte, setzte Edgar nach: „Ich habe meinen ewig langen und unfreiwilligen Aufenthalt im unendlichen Weiß noch nicht vergessen!“
„Das ist wohl etwas anderes. Aber unter Seelen gilt, dass die eine die andere bitten muss, wenn sie sie zu einer bestimmten Handlung veranlassen will. Sie kann sie auch mit Argumenten unter Druck setzen und sie beschimpfen, aber wenn die bezeichnete Seele nicht will, kann niemand etwas dagegen unternehmen. Du hast es ja am Strand gesehen: Die Idioten wollten nicht hören und sind in ihren Untergang marschiert.“
„Woher willst du das wissen?“ Freds verdutzter Blick bestätigte Edgars Ahnung, dass Zweifel an diesem Thema nicht gerne gehört wurden.
„Weil es das ewige Gesetz ist“, gab Fred mit Nachdruck zurück.
„Woher weißt du das?“
„Was?!“
Freds Reaktion hatte den Charakter einer Drohung, doch das beeindruckte Edgar nicht. „Woher weißt du das?“, wiederholte er. „Als ich gestorben bin, hat mir niemand gesagt, dass ein solches Gesetz existiert. Woher also soll ich wissen, dass ich dagegen verstoße?“
„Hast du am Strand geschlafen, oder was?“ Fred schrie nun.
„Nein, ich habe einen aufgebrachten Mob gesehen, der eine Gruppe von Seelen gelyncht hätte, wäre das möglich gewesen. Was ich nicht gesehen habe, war Gott oder ein himmlischer Richter oder sonst jemand, der dieses Verhalten verlangt oder auch nur gut geheißen hätte.“
„Und wie nennst du die große Bestrafung?“
„Was weiß ich, vielleicht ein zufälliges Ereignis?“ Auch Edgar schrie nun.
„Das zufällig immer dann auftritt, wenn Seelen den Himmel verlassen?“
Edgar stockte für einige Sekunden, dann fragte er überrascht: „Du meinst, so etwas kommt öfter vor?“
„Oft wäre übertrieben, aber immer wieder einmal, ja.“
„Seelen verlassen den Himmel – obwohl sie wissen, dass sie dem Untergang geweiht sind?“
„Diese Damen und Herren nehmen alles in Kauf, nur um nicht mehr hier sein zu müssen.“
„Kommt dir das nicht seltsam vor? Ich meine, wie sagst du immer: Das hier ist der Himmel.“
„Ich weiß, aber es ist nun einmal so.“
Edgar wusste nicht, was er noch sagen sollte. Da sich Fred eine Golftasche herbeiwünschte und davonging, das Gespräch also offensichtlich nicht weiterführen wollte, beschloss Edgar, dieses Thema vorerst ruhen zu lassen. Auch er wünschte sich wieder eine Golfausrüstung und folgte Fred, kam aber nicht umhin festzustellen, dass der Himmel offenbar nicht für alle ein Paradies war.

* * *

Auch wenn die große Bestrafung noch nicht lange her war, so war sie von den Seelen im Himmel offenbar schnell vergessen worden. Auch Fred verhielt sich so, als sei nichts geschehen, er führte Edgar weiter durch die Sportstätten des Himmels. Als sie beim Bogenschießen waren – sie standen auf dem Gipfel eines Berges, schossen ihre Pfeile über kleinere Berge hinweg viele Kilometer in die Ferne und trafen dennoch die teilweise versteckt aufgestellten Zielscheiben genau in der Mitte –, hielt Fred plötzlich inne, fahrig und nervös.
„Edgar, ich muss … es kommt gleich eine neue Seele an, die muss ich begrüßen.“
Edgar zog die Augenbrauen hoch. Er hatte doch angenommen, dass andauernd irgendwelche Seelen hier im Himmel ankommen würden, aber noch nie hatte Fred sich so verhalten. „Eine besondere Seele?“, fragte er.
„Nein, nein, ich … oder vielleicht doch, ich weiß es nicht.“
Die herrliche Aussicht verschwamm in farbige Nebel, die sich neu anordneten und eine US-amerikanische Vorstadt bildeten, wie Edgar sie aus unzähligen Fernsehserien kannte: breite Straßen, niedere Häuser aus dünnwandigen Fertigteilen, fette Autos, bunte, hektisch blinkende Reklametafeln.
„Doch, es sind eigentlich immer besondere Seelen, die ich spüre“, erklärte Fred nun, „aber nur deshalb, weil sie mit meinem Charakter gut harmonieren.“
„Wie geht das?“
„Ich weiß auch nicht, ich habe im Laufe der Zeit ein Gespür dafür bekommen, welche Seelen mich interessieren und die spüre ich dann auch, kurz bevor sie hier eintreffen. Da muss ich einfach hin und sie begrüßen, ich hoffe, du verstehst das.“ Ohne Edgars Antwort abzuwarten, wandte er sich dem unendlichen Weiß zu, das sich anstelle des Himmels über ihnen ausbreitete.
Die ankommende Seele ließ nicht lange auf sich warten. Sie erschien als dunkler Punkt im Weiß und vergrößerte sich wabernd zu einer Wolke, die immer mehr Konturen bekam, während sich ihr Anthrazitgrau in mehr und mehr Farben aufsplittete. Schließlich stand sie in menschlicher Form vor ihnen, eine hübsche junge Frau, verwirrt, aber freundlich lächelnd. Sie sah sich um, dann wechselten ihre Blicke zwischen Fred und Edgar hin und her sie fragte: „Entschuldigen Sie, ist das hier eine Wahnvorstellung?“
Edgar war verblüfft, Fred begann gackernd zu lachen. „Nein, schöne Frau, das hier ist der Himmel. Ich bin Fred.“
Er hielt ihr die Hand hin, die sie geistesabwesend ergriff. „Angenehm, Klaudia. Was meinen Sie damit, das hier ist der Himmel? Ich liege doch noch im Krankenhaus, oder? Ich habe die Tollwut, da neigt man doch zu Wahnvorstellungen, oder?“
Es dauerte einige Zeit, bis Klaudia verstanden hatte, was mit ihr geschehen war. Sie erzählte, sie stamme aus Nürnberg, wo sie auch gerade eben noch in einem Krankenhaus gelegen sei. Sie hätte deliriert, aber noch mitbekommen, dass ihre Eltern und ein Priester an ihrem Krankenbett saßen und für sie beteten. Deshalb war sie auch davon ausgegangen, dass dieser Ort hier ihrer Fieberfantasie entsprungen sei.
Als Fred sie fragte, wo sie hier seien, erklärte Klaudia, dies sei Boise, die Hauptstadt von Idaho, wo sie studiert hätte. In diesem Vorort hätte ihr damaliger amerikanischer Freund gelebt.

Fred gab sein Bestes, um Klaudia ihre Lage möglichst behutsam zu erklären, doch Edgar erkannte schnell, dass es in dieser speziellen Situation wohl keine Methode gab, um den Neuankömmling vor einem Schock zu bewahren. Der Zustand des Totseins war ein unumkehrbarer, das musste man zuerst begreifen und dann akzeptieren. Dass dies nicht einfach war, davon konnte Edgar ein Lied singen, das wohl jede Seele im Himmel kannte.
Im Gegensatz zu Edgar war Klaudia direkt vom Krankenbett hierher gekommen, sie hatte nicht die Zeit gehabt, ihre Situation Schritt für Schritt zu begreifen. Andererseits war sie tiefgläubig, weshalb sie ihre Lage nun trotz aller Irritation rasch akzeptieren konnte.
„Entschuldige Ede“, raunte Fred und nahm Edgar beiseite, „aber wie du siehst, werde ich gebraucht. Du findest dich hier jetzt eh zurecht. Wenn du doch etwas brauchst, ruf mich oder komm zu mir, okay?“
Das war wohl der kürzeste Korb, den Edgar je bekommen hatte. Als Fred sich schon wieder Klaudia zugewandt hatte, stand er noch verdattert da und fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Freilich, Fred hatte Recht, er brauchte ihn tatsächlich nicht mehr als Führer. Edgar wusste nun im Grunde, wie die Dinge im Himmel liefen, und würde sich ein Problem auftun, so kannte er die Wege, wie er alles zu dessen Lösung in Erfahrung bringen konnte. Immerhin war er ja nun doch schon eine Weile hier.
Bei dem Gedanken keimte eine mächtige Frage in ihm auf, von der er wusste, sie würde ihm keine Ruhe lassen, wenn er sie nicht jetzt und sofort an Klaudia richtete.

* * *

In seinem Refugium saß Edgar am äußersten Stein des natürlichen Wellenbrechers, der in seinen Ozean hinausragte, und schrieb ein Tagebuch. Er hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, hatte sich jemandem anvertrauen müssen. Doch bis auf Fred kannte er keine Seele gut genug und dieser stand nicht zur Verfügung. Edgar hatte sich also ein Buch mit Pergamentblättern und einem groben Ledereinband herbeigewünscht, sowie einen Gänsekiel, dem er die Besonderheit anwünschte, dass ihm die Tinte nie ausging.
Nun schrieb er sich die Dinge von der Seele, die ihn beschäftigten, und es gab Einiges, das er zu verdauen hatte.

Ich fragte Klaudia nach dem letzten Datum, an das sie sich erinnerte. Ich wollte einfach wissen, wie lange ich schon hier oben bin, nach menschlichem Ermessen. Dabei ging es mir überhaupt nicht um mich, sondern darum, mir vorzustellen, wie es meiner Familie ging und ob sie immer noch um mich trauern würden. Als Klaudia mir das Datum ihres Todestages nannte, zog es mir fast den Boden unter den Füßen weg: Ich bin seit zwei Jahren tot.

Seit zwei Jahren!!!

Ich kann nicht glauben, dass mein tödlicher Unfall schon so lange her sein soll. Ein Jahr, ja, das hätte ich ohne Weiteres glauben können, aber doch nicht zwei! Was ist in der Zeit aus Heike geworden? Ob sie noch hin und wieder an mich denkt? Wie hat sich Anni entwickelt und wie Matthias? Ob sie sich überhaupt noch an mich erinnern?
Ich erinnere mich an sie alle drei, als ob ich sie erst letzte Woche noch gesehen hätte, und ich denke die ganze Zeit an sie.
Zwei Jahre!
Inzwischen ist mein Körper irgendwo da unten vermodert und bis auf die Knochen zerfallen.
Wobei, ‚da unten‘ … ich weiß nicht, ob sich der Himmel tatsächlich ‚über‘ der Welt der Lebenden befindet. Ich glaube eher, dass Örtlichkeit dabei keine Rolle spielt. Meine Ankunft hier würde ich weniger als Aufstieg, sondern vielmehr als Übertritt beschreiben. Es war eher ein Dimensionswechsel als eine Reise.

Edgar hielt inne, als er erkannte, dass er vom Thema abglitt. Dann machte er sich bewusst, dass das vollkommen egal war. Er konnte in sein Tagebuch schreiben, was er wollte, niemand würde es lesen. Vermutlich nicht einmal er selbst, denn es ging ihm ja nicht darum, etwas zu bewahren, sondern im Gegenteil, etwas von sich weg zu bekommen. Er schrieb also weiter:

Seit Klaudia im Himmel erschienen ist, sind wieder ein paar Wochen vergangen. Das ist freilich nur geschätzt und ich weiß, dass ich damit falsch liege; um ein paar Tage oder so. Ich beginne zu verstehen, was Fred meint, wenn er sagt, jegliche Zeitrechnung sei hier unnötig. Er hat Recht, denn es tut nur weh, wenn man erfährt, wie lange man schon nicht mehr zu den Lebenden gehört. Und wenn man sich klar macht, dass einen die eigene Familie aus ihrem Alltag getilgt hat – weil es gar nicht anders geht.
Meine Lieben leben ihr Leben weiter, aber ohne mich und ich, ich bin hier im Himmel, aber einsam.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 9: Die große Bestrafung

Kapitel 9: Die große Bestrafung

Edgar muss lernen, dass selbst im Himmel nicht alles eitel Wonne ist. Bricht eine Seele das „ewige Gesetz“, büßen alle.

Fred warf sich flach zu Boden und krallte seine Finger in das Grün. „Was ist denn los?“
Anstelle einer Antwort erschütterte die nächste Vibration die Szenerie, diesmal noch stärker. Gehetzt blickte Edgar umher und stellte fest, dass sich auch die anderen Golfspieler – Seelen ebenso wie Figuren – hastig zu Boden warfen.
Das Phänomen wurde von Mal zu Mal stärker, das Wabern der Umgebung zusehends intensiver. Es wandelte sich in eine Wellenbewegung und bald darauf in ein so heftiges Pulsieren, dass die Stöße Edgar von den Beinen rissen. Auch er krallte sich nun am Rasen fest und wurde, wie alle anderen auch, von jedem Schlag in die Luft geworfen, ehe dieser nachvibrierte. Alles, was nicht auf dem Golfplatz angewachsen war, päppelte wie Spielzeug umher, bald auch die Seelen und die Figuren, denn das Gras wurzelte nicht fest genug im Boden, um der Vehemenz der Impulse zu widerstehen. Jeder Stoß war noch stärker als der jeweils vorhergehende, die Zeitabstände zwischen ihnen immer kürzer und das damit einhergehende Knallen wurde immer lauter.
Eine Panik erfasste Edgar, lähmte ihn. Er wünschte sich von hier weg, doch nichts veränderte sich. War seine Angst zu groß, um den Wunsch ausreichend intensiv zu fühlen, so dass er in Erfüllung gehen konnte? Wenn ja, traf das auch auf die anderen Seelen zu, denn keine von ihnen verschwand.
Das Schlagen und Hämmern erfolgte so hart und rasch, dass Edgar den Golfplatz und alles darauf und darüber nur noch als Durcheinanderzittern wahrnahm. Er fühlte nichts mehr, nur noch Chaos in und um sich. Dann, als er schon befürchtete, dieser Zustand würde nun dauerhaft so bleiben, zerplatzte die Szenerie in einem ohrenbetäubenden Knall und Edgar fiel ins Bodenlose.

Er knallte so hart auf den Boden, als hätte man ihn ohne Fallschirm aus einem Flugzeug geworfen. So ein Aufschlag, dachte er, wäre in der Welt der Lebenden unbedingt tödlich gewesen. Doch er war nicht mehr in der Welt der Lebenden und abgesehen von der Wahrnehmung der Wucht spürte er keinerlei Schmerzen, auch hatte er offenbar keine Verletzungen davongetragen. Die Umgebung hier schien stabil zu sein, doch noch ehe er sich richtig orientieren konnte, drang lautes, wütendes Geschrei aus unzähligen Kehlen auf ihn ein.
Edgar hob den Kopf und sah, dass er wohl inmitten eines Aufruhrs gelandet war, zumindest rannte eine Vielzahl von Seelen, die meisten schreiend und mit erhobenen Fäusten, an ihm vorbei. Er selbst lag wie viele andere auf flachen, sandfarbenen Felsen, über ihm wölkte sich ein bedrohlich dunkler Himmel, wie vor einem schlimmen Unwetter. Auch das Brandungsgeräusch, das er durch das allgemeine Geschrei hindurch vernahm, klang bedrohlich.
Verdattert richtete er sich auf und klopfe sich automatisch ab, wie er es als Lebender immer getan hatte, wenn er am Boden gelegen war. Er stand an einem felsigen Strand, der zu beiden Seiten bis an den Horizont reichte und auf den – soweit Edgar sehen konnte – Seelen ohne Zahl wie schwere Regentropfen aus den Wolken herab fielen. Kaum waren sie am Boden aufgeschlagen, erhoben sie sich, begannen zu schreien und zu drohen und rannten auf einen bestimmten Punkt am Wasser zu, der etwa fünfzig Meter von Edgar entfernt war. Da der Felsen, auf dem Edgar stand, etwas erhöht war, konnte er die Szenerie gut überblicken. Die halbmondförmige, zum Meer hin offene Ansammlung von Seelen wuchs von Sekunde zu Sekunde an und mit ihr der Lärm des kollektiven wütenden Geschreis.
Edgar spürte, wie ihn eine Angst packte, die ihren Ursprung in seiner Unwissenheit und in der Bedrohung hatte, die von dieser Situation ausging. Neben ihm klatschte eine männliche Seele mit schier ungeheurer Wucht auf den Felsen und erhob sich ebenfalls sofort.
„Was ist denn los?“, fragte Edgar.
„Das fragst du noch?“ Der Mann schrie und sein Gesicht war zornesrot. „Da sind schon wieder welche, die das ewige Gesetz brechen!“
„Das ewige Gesetz? Was für ein ewiges Gesetz?“
Doch der Neuankömmling hörte Edgar schon nicht mehr. Auch er stürmte schreiend in Richtung Wasserlinie davon und schüttelte drohend die Faust über dem Kopf. Zwar konnte Edgar sehen, dass sich die aufgebrachten Seelen um einen Flecken Boden herum scharten, doch erkannte er nicht, was sich dort befand. Wohl oder übel lief also auch er dorthin, wenn auch nur um zu erfahren, was da vor sich ging. Er kämpfte sich durch die Masse der aufgebrachten Seelen hindurch, doch bald gab es kein Weiterkommen mehr. Das war allerdings kein Hindernis, denn er erkannte – ähnlich, wie schon im Fußballstadion – zwischen den vor ihm stehen Seelen hindurch jedes Detail dessen, was sich ganz vorne abspielte und hörte trotz des wütenden Geschreis jedes dort gesprochene Wort.
Die Wut der Menge konzentrierte sich auf etwa fünfzehn Seelen, die in Edgars Augen allesamt eigenartig aussahen. Sie trugen Wanderbekleidung, die aus unterschiedlichen Zeitaltern zu stammen schien. Eine sah wie ein Bergsteiger aus den Neunzehnhundertdreißiger-Jahren aus, eine andere trug moderne, strapazierfähige Textilien. Der Rädelsführer dieser Gruppe wiederum mutete wie ein bronzezeitlicher Krieger an. Nicht nur sein Gewand, das ausschließlich aus grobem Leder zu bestehen schien, auch seine große, muskulöse Statur, sein wilder schwarzer Bart und die ebenso wilden dunklen Augen unterstrichen diesen Eindruck. Er war gerade in einen aufgebrachten Disput mit einem Mann verwickelt, der an vorderster Front der Seelen stand, die ihn und seine Begleiter bedrängen.
„Euer Verbrechen fällt auf uns alle zurück“, schrie der Mann gerade den Rädelsführer an, „oder hast du die große Bestrafung nicht gespürt? Das war eure letzte Warnung!“
„Lieber verrotten wir in der Hölle, als auch nur eine Stunde länger in diesem potemkinschen Dorf zu verbringen.“ Die Stimme des Anführers war laut, tief und voluminös, mit seinen ausladenden Gesten wirkte er wie ein Stammeskönig.
„Das werdet ihr auch, wenn ihr nicht augenblicklich zur Vernunft kommt“, schrie ein anderer aus den Reihen der Bedränger, „noch nie ist ein Exilant in den Himmel zurückgekehrt!“
Der Rädelsführer blickte wild um sich und Edgar sah den Zorn in seinen Augen funkeln. Doch als er wieder zu sprechen begann, klang er beherrscht: „Wir könnten hier noch bis in die Ewigkeit streiten, es würde nichts ändern. Wir haben unsere Entscheidung gefällt.“
„Es ist nicht eure Entscheidung, es ist das ewige Gesetz, das ihr brecht.“ Die Stimme des Mannes von vorhin klang gehetzt, panisch, überschlug sich fast.
Der Wanderer mit der Ausrüstung aus den Neunzehnhundertdreißigern entgegnete aufgebracht: „Was ist das für ein Himmel, der uns einsperrt? Was ist das für eine Freiheit, die begrenzt ist?“

Edgar verfolgte das Wortgefecht mit großer Anspannung. Es ging eine ganze Weile hin und her, während immer mehr der herabgefallenen Seelen zu den Wanderern hin drängten und sie wüst beschimpften. Der Pulk, in dem Edgar stand, wuchs deshalb rasant zu einer erschreckenden Größe an.
„Es hat keinen Sinn mehr.“ Der Anführer der Wanderer schüttelte den Kopf, wandte sich ab in Richtung Meer und vollführte mit seinem Arm eine ausladende Geste, die seinen Mitstreitern den Aufbruch signalisierte. Diese folgten ihm, so dass die Gruppe nun langsam in die Fluten marschierte.
Das Schreien und Drohen am Strand nahm eine solche Lautstärke an, dass Edgar meinte, den Boden unter seinen Füßen zittern zu spüren. Als die Auswanderer bis zur Hüfte im Wasser waren, sah Edgar, dass ihre Gestalten zu wabern schienen und sich unmittelbar darauf auflösten. Mit der letzten im Meer verschwindenden Seele löste sich auch die ganze Umgebung auf, das Meer, der felsige Strand und der schwarzgraue Himmel. Edgar schwebte mit einem Mal wieder im unendlichen Weiß, und obwohl weder er noch die anderen hier körperlich in Erscheinung traten, spürte er sie dennoch. Ihr Geschrei war verstummt, nur im Geist nahm er die Unmutsäußerungen der anderen noch wahr.
Und dann geschah etwas, das Edgar in schiere Panik versetzte. Eine Seele nach der anderen entzog sich seiner Wahrnehmung, verschwand einfach. Dieser Prozess ging so rasant vonstatten, dass Edgar bald mit nur noch einer Handvoll Seelen und schlussendlich ganz allein im Weiß trieb. Fürchtete er zunächst, als Teil einer kollektiven Bestrafung im Nichts aufgelöst zu werden, hatte er gleich danach schreckliche Angst, allein im Einheitsweiß zurückbleiben zu müssen.
Doch als der erste Schreck vorbei war, wünschte er sich zurück in den Himmel und tatsächlich stand er sogleich wieder in jener Wohnstraße, in der er auch damals hier angekommen war.

* * *

Nach einem weiteren Nebelwechsel stand Edgar wieder auf dem Golfplatz, dort, von wo er vorhin abgestürzt war. Er hatte sich zu Fred gewünscht und diesen fand er hier vor. Fred sah blass aus, gefasst, doch ihm war anzusehen, dass der Schock tief saß.
„Meine Güte, was war denn das?“ Edgar erschrak selbst über die Aufregung in seiner Stimme.
„Einige unserer Mitseelen haben beschlossen, uns den Rücken zu kehren.“
„Na und?“
Freds Gesicht bekam einen entsetzt-aggressiven Ausdruck und einen Moment lang sah es so aus, als wollte er über Edgar herfallen, doch dann besann er sich anscheinend der Unwissenheit seines Gegenübers. „Den Himmel zu verlassen ist ein Sakrileg. Es gibt hier nur dieses eine Gesetz, wir nennen es das ‚ewige Gesetz‘, und das besagt, dass keine Seele den Himmel verlassen darf.“
„Wieso nicht?“
„Nix wieso, es ist so und Punkt! Wenn eine oder mehrere Seelen dagegen verstoßen, erhalten wir alle die große Bestrafung.“
„Du meinst dieses Wummern und den Sturz vorhin?“
„Genau das! Die große Bestrafung ist die letzte Warnung für die Ausreißer, es sich noch einmal anders zu überlegen. Andernfalls stürzen sie in die ewige Verdammnis.“
„Aber warum werden alle bestraft? Ich meine, es war ja nicht nur ein schreckliches Gefühl, es war ja auch so, dass ich mir während dieses … Bebens nichts habe wünschen können. Ich nehme an, das war kein Zufall, oder?“
„Natürlich nicht, das gehört alles dazu. Die Warnung ist nicht nur an die Ausreißer gerichtet, sondern auch an all jene, die sich künftig mit dem Gedanken tragen sollten, den Himmel zu verlassen.“
„Ich verstehe das nicht. Wenn das Verlassen des Himmels eine so große Sünde ist, dass alle darunter leiden müssen, warum haben die anderen Seelen die Ausreißer dann nicht aufgehalten?“
„Ja, wie denn?“ Fred sah Edgar durch seine Brillengläser an, als hätte dieser sich plötzlich in ein Gespenst verwandelt.
„Indem sie sie festhalten, zum Beispiel. Oder indem sie sie einsperren.“
Freds Miene wurde milde, er lächelte, dann zwinkerten sein rechtes und sein linkes Auge hintereinander und dann hielt er Edgar die Hand hin. „Versuch einmal, mich festzuhalten.“
Edgar griff zu, bekam die Hand aber nicht zu fassen. Er versuchte es noch einmal und noch einmal, doch egal, wie viele Anläufe er probierte, es gelang nicht. „Wie kann das sein? Ich habe dir doch die Hand geschüttelt und beim Sport habe ich dich sicherlich schon ein Dutzend Mal berührt.“
„Das war alles ohne üble Absicht. Wir haben keine echten Körper hier, das ist alles nur Einbildung. Wenn ich nicht will, dass du mich berührst, dann kannst du mich auch nicht berühren.“
„Das heißt, jede Seele kann tun und lassen, was sie will, ohne von den anderen dafür bestraft zu werden?“
Fred nickte tief. „So ist es. Das hier ist der Himmel, schon vergessen?“

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Kapitel 8: Seelenkörper

Kapitel 8: Seelenkörper

Nachdem er mit Fred die unglaublichsten Sportarten ausprobiert hat, erkennt Edgar die Notwendigkeit der körperlichen Erscheinung seiner Seele. Er trifft auf verstorbene Prominente vergangener Epochen – die er gar nicht kannte.

Das Fußballspielen tat Edgar gut und selbst wenn er wusste, dass dies unmöglich war, weil er ja in Wirklichkeit keinen Körper hatte, so war es dennoch die Bewegung, die sein Wohlbefinden steigerte; er kannte dieses Gefühl ganz genau. Auch geriet er außer Atem, allerdings stellte er fest, dass ihn das nicht bremste, seine Kraftreserven schienen unendlich zu sein.
Die anderen jungen Männer auf dem Bolzplatz waren fröhliche, lustige Gesellen, die in etwa auf seinem Niveau Fußball spielten. Da Edgar nicht an einen Zufall glaubte, versuchte er herauszufinden, bei welchen dieser Männer es sich um echte Seelen handelte und bei welchen um Figuren, die Fred oder er selbst erschaffen hatten, um zwei Mannschaften vollzukriegen. Doch nach einiger Zeit gab er es auf, er fand einfach keinen Anhaltspunkt, wie er einen Unterschied hätte feststellen können.
Also erinnerte er sich an das, was Fred ihm anempfohlen hatte: genießen, nicht hinterfragen. Im Grunde war es doch egal, ob Edgar hier mit echten Seelen kickte, oder mit eigens dafür erschaffenen, die danach wieder im Nichts verschwanden, Hauptsache war doch, dass es Spaß machte. Zwar kam ihm diese Betrachtung reichlich oberflächlich vor, doch soweit er den Himmel bisher kennengelernt hatte, schien sich hier alles am Grundprinzip Spaß zu orientieren.
Edgar hegte keinen Zweifel daran, dass er sich an diese Lebensweise gewöhnen würde, so wie er sich jetzt schon an viele Dinge gewöhnt hatte, die ihm als Lebender unmöglich gewesen wären. Das Ausbleiben von Schlaf zum Beispiel. Schlaf war etwas, das der menschliche Körper benötigte, um seine Organe zu regenerieren. Da Edgar keinen Körper mehr hatte, brauchte er offenbar auch keinen Schlaf mehr, denn seit seinem Tod hatte er nicht eine Sekunde geschlafen und war auch nicht eine Sekunde lang müde gewesen.
Oder das Vergehen der Zeit. Edgar konnte nicht einmal schätzen, wie lange er mit Fred und den anderen Fußball gespielt hatte, als sie einhellig beschlossen, damit aufzuhören. Hatte ihn diese Zeitlosigkeit anfangs noch beunruhigt, so fand er mittlerweile Gefallen daran. Er genoss es, so lange wie er mochte Dinge zu tun, die er gerne tat, ohne auf die Uhr sehen zu müssen.

„Wie sieht’s aus, gehen wir duschen?“, fragte Edgar Fred außer Atem und schlug ihm lachend auf die Schulter.
Dessen Augen weiteten sich, dann zuckte seine Oberlippe und er schüttelte den Kopf. „Du … Mensch“, rief er, als wäre es ein Schimpfwort. „Wann wirst du endlich begreifen, dass das da kein Körper ist?“
„Das verstehe ich schon, aber Duschen fühlt sich trotzdem gut an.“
Fred musterte ihn kurz, dann meinte er schulterzuckend: „Gut, gehen wir duschen!“ Einen Augenblick später sprühte heißes Wasser in ihre Haare und rann über ihre Schultern. „Unglaublich.“ Fred klang einsilbig und wie in Gedanken. „Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal geduscht habe.“
„Da hast du eindeutig was verpasst.“ Edgar aalte sich in seinem Genuss.
„Ich denke, das werde ich in Zukunft wieder öfter tun.“
Mehrere Sekunden lang war nichts zu hören, außer dem Rauschen des Wassers. Freds einsilbige Reaktion hatte Edgar nachdenklich gestimmt und eine Vermutung in ihm aufkeimen lassen. „Fred, sag einmal … kann es sein, dass man sich im Laufe der Zeit hier Gewohnheiten aneignet, in denen man sich selbst gefangen hält?“
„Was meinst du?“
„Du hast gesagt, du hättest schon lange nicht mehr geduscht und du würdest es in Zukunft wieder öfter tun. Klingt für mich nach einer Gewohnheit, die du durch eine andere ersetzen willst.“
„Ich glaube, das sucht sich jeder selbst aus.“
Edgar spürte förmlich, wie Fred ihm auswich, deshalb hakte er nach: „Erklär’s mir!“
Freds Blick verfinsterte sich, er presste die Lippen aufeinander. Es schien, als wägte er ab, was ihm unangenehmer war: über dieses Thema zu reden, oder die Scham, nicht zu antworten. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, seufzte er schließlich. „Im Leben ist das ja auch ganz hilfreich, weil man dadurch in eine Routine kommt, die für einen stabilen Alltag sorgt. Das Problem ist nur, dass dieser Hang zur Gewohnheit anscheinend in der Seele verankert ist.“
„Ich habe also Recht. Man schafft sich auch hier seine Gewohnheiten.“
„Ja. Leider. Dabei hat der Himmel alles zu bieten, uns müsste nie wieder langweilig sein.“
Edgar sah Fred überrascht an. „Dir ist langweilig?“
Fred erwiderte diesen Blick und der Schmerz, der darin lag, schwang auch in seiner Stimme mit: „Lass uns das Thema wechseln, okay?“
* * *
Waren es Tage, Wochen oder gar Monate? Edgar konnte es nicht beurteilen. Fred führte ihn in einem wahren Marathon von einer Sportstätte zur nächsten, sie trainierten auf einer Zehnkampfarena, hüpften in Kanus über irrwitzige Stromschnellen hinab, durchkletterten die Eiger Nordwand und nahmen mit schier endlos vielen anderen Teilnehmern an einer Hochseeregatta teil.
Den Höhepunkt bildete für Edgar das Wimbledon-Finalspiel, in dem er gemeinsam mit Helen Wills Moody den Sieg im gemischten Doppel gegen Fred und Suzanne Lenglen erstritt. Das Erlebnis wurde für ihn noch großartiger, als er, durch die altmodische Sportkleidung der Spielerinnen neugierig geworden, von einem Balljungen erfragte, dass die beiden zu ihren Lebzeiten eine Reihe von Wimbledon-Cups gewonnen hatten und zu den besten Tennisspielerinnen aller Zeiten gehörten.
Dass er im Himmel auf verstorbene Prominente traf war freilich nichts Besonderes, besonders war für Edgar jedoch einerseits, dass diese im Himmel weiter ihrer Passion nachgingen und andererseits die zeitliche Differenz. Zwar war Wills Moody gestorben, als er schon auf der Welt war, doch gehörte sie ebenso wie Lenglen, die Jahrzehnte vor seiner Geburt das Zeitliche gesegnet hatte, einer bereits so fernen Epoche an, dass Edgar noch nie von den beiden gehört hatte. Dennoch waren sie nun da, in ihrem Aussehen jünger als er, und spielten mit einer Energie, als hätten sie nie damit aufgehört – und wahrscheinlich hatten sie das ja auch nicht.
Da Edgar im Fußballstadion erlebt hatte, wie jeder Zuseher sein persönliches Lieblingsspiel und anschließend seine Lieblingsmannschaft auf der Siegerbank gesehen hatte, wunderte ihn nicht, dass nun auch Fred und dessen Partnerin dasselbe Turnier gewonnen hatten wie er und Helen Wills Moody, obwohl sie gegeneinander gespielt hatten. Wie das möglich sein konnte, war für Edgar ebenso undurchschaubar wie die Tatsache, dass er trotz seines nicht vorhandenen Könnens so gut mit seiner Weltklasse-Partnerin harmonierte.
In seinem Leben hatte er nie Tennis gespielt, der Sport war für ihn völlig uninteressant gewesen. Aber das galt auch für Segeln, Kanufahren und eine Reihe anderer Sportarten, die er hier zwar auch nicht beherrschte – was aber im Zusammenspiel mit anderen Seelen oder Figuren kein Problem zu sein schien.

Nach der turbulenten Siegesfeier meinte Fred, dass ihnen nun etwas Ruhe gut täte, weshalb er Edgar auf einen Golfplatz führte. Edgar überblickte die weitläufige Anlage, deren Vegetation für seine Augen englisch anmutete. Er fragte sich, ob dies hier die Nachbildung eines bedeutenden Rasens war, doch da er sich auch bei Golf nicht auskannte, verkniff er sich eine diesbezügliche Frage. Selbst wenn dies hier der berühmteste Platz der Welt war, würde er Edgar nichts bedeuten.
Außerdem interessierte ihn ein anderer Aspekt viel mehr: Ihm war aufgefallen, dass der Wechsel von einer Sportstätte zur nächsten nicht durch eine Nebelwandlung führte, sondern zu Fuß. Allerdings waren diese Wege etwas wundersam, zumal es immer nur weniger Schritte bedurfte, um in einer völlig anderen Umgebung anzukommen. Das galt für den Weg vom städtischen Bolzplatz zum Yachthafen von Nizza ebenso, wie für jenen vom Schifahren an den Hängen des Mount Everest zum Kamel-Polo in der Sahara. Nachdem er seinen Abschlag ausgeführt hatte, fragte er Fred danach.
„In dieser Region des Himmels“, erklärte dieser, „treffen sich alle Seelen, die sich besonders für Sport interessieren. Deshalb liegen die einzelnen Sportbereiche näher beieinander, als andere Interessensgebiete.“
„Du meinst, der Himmel ist in Interessensgebiete aufgeteilt?“
Fred, der sich und sein Holz gerade mit Trippelbewegungen am Abschlag einrichtete, unterbrach sich und verharrte kurz. „Das könnte man eigentlich so sagen.“ Seine zögerliche Antwort verriet Edgar, dass er es wohl noch nie so betrachtet hatte.
„Wie viele solcher Regionen gibt es?“
Fred lachte spontan auf und meinte, ehe er sich wieder dem Abschlag zuwandte: „Ich habe sie nicht gezählt.“
Während Freds Konzentration auf seinen Schlag gerichtet war, stützte Edgar sich auf seinen Golfschläger und ließ die Blicke über die Rasenhügel wandern. Auf der gut überblickbaren Weite tummelten sich eine Menge anderer Spieler, die jedoch weit genug voneinander entfernt waren, um sich gegenseitig nicht zu stören. Als ihm diese perfekte Mischung aus Geselligkeit und Distanz bewusst wurde, fiel ihm wieder die Frage ein, die er sich schon öfter gestellt hatte: „Du, Fred, wie kannst du die echten Seelen von den künstlich erschaffenen Figuren unterscheiden?“
Fred ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wippte seinen Schläger einige Male vor dem Ball hin und her, holte schließlich weit aus und zog einen Schlag durch, der den Ball bis zu seiner Unsichtbarkeit von ihnen weg beförderte. „Nicht schlecht“, kommentierte er, ehe er Edgar durch seine dicken Brillengläser musterte. „Überhaupt nicht, Ede.“
„Du meinst, da gibt es keinen Unterschied?“
„Doch, doch, oder wäre es dir Recht, wenn du mich nur erfunden hättest?“
„Woher weiß ich, dass es nicht so ist?“
„Erstaunlich misstrauisch, Bursche!“ Er gackerte.
„Aber woher weiß ich es wirklich?“
„Weil ich dir Dinge erzähle und zeige, die du noch nicht gewusst hast.“
„Das hat mein Unterbewusstsein mein ganzes Leben lang getan.“
Fred verstaute sein Holz in der Golftasche. „Schau her: Wenn du davon ausgehst, dass der Himmel nur eine Illusion ist, die du selbst erschaffst, weil du die Ewigkeit im Einheitsweiß nicht ertragen kannst, wirst du damit leben müssen, denn vom Gegenteil wird dich niemand überzeugen können. Ich sage dir aber, dass das nicht so ist. Nach unserem Tod sind wir Verstorbene alle hier angekommen, in einem Himmel, der uns all unsere Wünsche erfüllt. Hier gibt es weder Krankheit noch Mangel und deshalb auch keine Kriminalität. Es ist das Paradies, das uns versprochen wurde, denn jeder kriegt das, was er sich vorstellt. Zur Wunscherfüllung gehören aber auch immer wieder seelenähnliche Geschöpfe, die sich genau so verhalten, wie wir es von ihnen wollen. Das lässt sich mit echten Seelen aber nicht bewerkstelligen und deshalb werden vorübergehend künstliche Figuren erschaffen, die diese Anforderung erfüllen. Ob du eine Seele oder eine Figur vor dir hast, erfährst du sofort, wenn du mit ihr sprichst. Eine Seele sagt dir immer ihre Meinung – eine Figur sagt dir deine.“
„Was, wenn eine Seele meiner Meinung ist?“
„Dann wirst du schnell feststellen, dass ihre Meinung in Details von deiner abweicht. Es sind die Unterschiede, die uns individuell machen. Figuren hingegen sind unseren Wünschen angeglichen.“
„Aber hast du vorhin nicht gesagt, Seelen und Figuren ließen sich nicht voneinander unterscheiden?“
„Weil du vorhin das Aussehen gemeint hast. Da gibt’s keinen Unterschied, sonst wäre ja die ganze Illusion beim Teufel. Du kannst mit einer Figur auch ein Thekengespräch führen oder oberflächliche Witze machen, ohne dass du sie als Figuren enttarnst. Aber sobald es um individuelle Standpunkte geht, fliegt der Schwindel auf.“
Als sich die beiden in Bewegung setzten, um ihren Bällen nachzugehen, versank Edgar in ein stummes Grübeln, das er schließlich selbst unterbrach: „Tut mir leid, aber mir kommt das Ganze hier vor wie Westworld.“
„Wie was?“
„‚Westworld‘ – kennst du den Film nicht? Er handelt von einem fiktiven Themenpark, in dem die Gäste in den Wilden Westen eintauchen können. Damit auch Schießereien und Schlägereien realistisch wirken, besteht der Großteil der Akteure aus hochentwickelten Robotern, die von echten Menschen quasi nicht unterscheidbar sind. Damit wird den Gästen die Illusion von Echtheit vorgegaukelt und ihnen gleichzeitig alle Wünsche erfüllt.“
„Und so etwas vermutest du hier?“
„Es erinnert mich daran.“
Freds linke Augenbraue zuckte am äußeren Ende, als er Edgar ansah. „Ist doch schön, oder?“
„Das Problem ist nur, in dem Film hatte die zentrale Steuerung eine Fehlfunktion und die Roboter drehten alle durch. Das Ende von Westworld und seinen Gästen; bis auf einen.“
„Keine Sorge, das wird hier nicht passieren.“
„Was macht dich da so sicher?“
„Die zentrale Steuerung hier ist die Schöpfung selbst. Und die macht bekanntlich keine Fehler.“
Edgar wollte etwas erwidern, hielt jedoch im Ansatz inne, als er ein Vibrieren des Himmels wahrnahm. Er hätte das Phänomen als Sinnestäuschung abgetan, doch auch Fred blieb stehen und verharrte. Unmittelbar darauf vibrierte es erneut, diesmal etwas stärker; es war Edgar, als ginge eine wabernde Bewegung durch die gesamte Landschaft.
„Nein!“ Panik zeichnete Freds Gesicht.
„Was … was ist denn?“
„Eine große Bestrafung! Halt dich irgendwo fest!“

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Kapitel 7: Ein Zuhause für die Seele

Kapitel 7: Ein Zuhause für die Seele

Selbst im Himmel braucht die Seele ein Refugium, in das sie sich zurückziehen kann. Der Weg dorthin führt Edgar in sein tiefstes Inneres.

Als die Nebel die neue Umgebung geboren hatten, fand Edgar sich in einem europäischen Urwald wieder, einem Wald, an den noch nie ein Mensch Hand angelegt hatte. Gigantische Laubbäume wurzelten hier in felsigem Untergrund, manche von ihnen schienen auf ihren kräftigen, stammdicken Wurzeln zu stehen, welche sich so eng über grobe Felsbrocken schlängelten, als wollten sie diese zerdrücken. Die Felsbrocken lagen willkürlich verstreut, als wären sie in grauer Vorzeit von einem zornigen Riesen hierhergeschleudert worden; sie waren von dunkelgrünem Moos überzogen, aus dem das Wasser tropfte. Manche von ihnen ragten, von feuchtem Nebel umwabert, nass und dunkel glänzend aus Senken hervor, in denen sich moorbraune Tümpel gebildet hatten.
Das Klima in diesem Wald war feucht und kühl, wie nach einem Gewitter, und das Licht war nicht mehr als ein für Edgar anregend geheimnisvolles Halbdunkel, weil das Tageslicht vom dichten Blätterdach abgeschirmt wurde. Die Bäume wuchsen im Abstand von mehreren Metern, wodurch Edgar ungewöhnlich weit in den Wald hineinsehen konnte; so weit, dass sein Blick sich in der Düsternis verlor. Außer dem Geräusch von herabfallenden Tropfen war nur ab und zu der Schrei eines Waldvogels zu hören, der von den Baumstämmen widerhallte, als würde sein Schall sich in diesem Labyrinth ebenso verlieren, wie Edgars Blick.

Edgar war wieder jung, vielleicht sechs Jahre alt. Er lebte alleine hier, doch er hatte keine Angst. Dieser Wald gehörte zwar nicht ihm, das wusste er, aber er war sein Zuhause. Er fühlte sich in ihm so geborgen, wie er sich im Bauch seiner Mutter gefühlt hatte; ja, daran konnte er sich nun erinnern.
Der Wald war beseelt, Edgar konnte jeden einzelnen Baum, jedes hier versteckt lebende Tier, jeden Pilz im Unterholz spüren, wenn er wollte. Aber er wollte nicht, denn es war die Gesamtheit der Eindrücke, die er von all diesen Lebewesen empfing, die eine Symphonie von Gefühlen ergab, deren Schwingung auf ihn überging und ihn mit einem kaum beschreibbaren Glück erfüllte.

Es hatte also funktioniert, er war in seinem Innersten angelangt. Er atmete tief ein und war überwältigt davon, wie frei sich das anfühlte. Feuchte Luft, Moos, würzige Pilze, all das roch er in dieser Luft, all das war ihm innig vertraut.
Tapfer marschierte der kleine Edgar los. Es war gar nicht so einfach, hier voranzukommen, denn der Boden war mit morschen Ästen bedeckt, unter denen kleine Beerenbüsche, Gestrüpp und dornenbesetzte Ranken wuchsen. Bei jedem Schritt brach er ein, wobei er sich blutige Striemen zuzog, denn er war nur mit einer kurzen Hose bekleidet. Als er seinen bloßen Beinen entlang hinabsah, erkannte Edgar, dass diese mit kleinen Schrammen bereits übersät waren, die sich in unterschiedlichen Stadien der Heilung befanden. Aber das macht ihm nichts aus, im Gegenteil, er fühlte sich mit ihnen wie ein Held.

Schon nach wenigen Schritten verwandelte sich der Wald, er mutete jetzt südeuropäisch an. Sein vorherrschender Farbton war hellbraun, die Bäume kleiner und dünner, dafür aber unregelmäßiger gewachsen und knorrig. Da sie nun noch weiter auseinanderstanden, konnte Edgar den Himmel durch ihre Kronen hindurchschimmern sehen. Es war nun Nacht, die Sterne funkelten vor einem schwarzen Hintergrund und ein riesiger Vollmond leuchtete so hell, dass Edgar fast geblendet war. Auch das Klima hatte sich geändert, die Luft war spürbar wärmer und der Boden staubtrocken.
Edgar hörte eine Unzahl von Zikaden ein unermüdliches Konzert spielen und sie spielten nur für ihn. Denn auch dieser Wald war beseelt und auch hier war er der einzige Mensch. Doch Edgar fühlte, dass er hier nicht mehr zuhause war, er war hier eher ein lieber, jederzeit willkommener Gast.
Als ein warmer Lufthauch den Wald durchzog, wurde Edgar bewusst, dass er Haare auf den Armen hatte, denn diese richteten sich dabei in einem wohligen Schauer auf. Er erkannte, dass er zu einem Jugendlichen herangereift war. Wieder atmete er tief ein; in der warmen, trockenen Luft fühlte er sich wie in einem Urlaub im Süden.
Er ging weiter, was nun ohne Widerstand möglich war, zumal der Boden eben und hart war. Bis auf vereinzelte Pinienzapfen, etwas Laub und kleine Äste gab es keine Hindernisse hier.
Da öffnete sich eine Lichtung vor ihm, die vom Mond hell ausgeleuchtet wurde. Als er sie betrat und Unregelmäßigkeiten am Boden spürte, hielt er inne und sah hinab. Er stand auf einer Halde von unzähligen gleichmäßig großen Steinquadern, die offensichtlich von Menschen behauen waren. Doch das musste vor langer, langer Zeit geschehen sein, denn sie waren verwittert und mit Flechten bewachsen und lagen ungeordnet, als stammten sie von einem Gebäude, das schon vor einer Ewigkeit in sich zusammengestürzt war.
Edgar sah wieder auf und überblickte die Lichtung, die ihm einen atemberaubenden Anblick bot. Im blaugrauen Licht-Schatten-Kontrast des Mondlichts breitete sich die Ruine eines antiken römischen Thermalbades vor ihm aus. Niedrige, teilweise mit Efeu überwucherte Mauerreste umrandeten ein aus Steinquadern gefertigtes Becken, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt war. Edgar trat an den Rand dieses Beckens und sah, dass direkt vor ihm eine kleine Seerosenkolonie auf der Wasseroberfläche ausgebreitet lag. Helle Blüten schwammen zwischen kreisrunden eingekerbten Blättern, auf denen vereinzelt Frösche quakten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bassins führt eine breite Steintreppe in das Wasser hinab, das so klar war, dass Edgar trotz der Dunkelheit den Boden des Beckens erkannte. Zwar verschluckte die Nacht jede Farbe, doch konnte er fühlen, welch geheimnisvolles Türkisgrün die schimmernde Flüssigkeit färbte.
Bei diesem Anblick beschleunigte sich der Herzschlag des Jugendlichen und er rang um Atem, doch er musste sich von diesem Ort losreißen. Er spürte, dass er noch nicht angekommen war, wo er ankommen sollte – wo er ankommen wollte, ohne es selbst zu wissen.

Nur wenige Schritte weiter veränderte sich die Umgebung völlig und das, obwohl Edgar keinen Übergang bemerkte. Es war nun helllichter Tag und ein böiger, salziger Wind blies ihm ins Gesicht. Er stand auf einer Klippe und überblicke die Unendlichkeit eines Ozeans, der sich vor ihm ausbreitete. Das Klima hier war tropisch, feucht und heiß und die Luft so diesig, dass am Horizont das Meer ohne erkennbare Grenze in den Himmel überging. Als er an sich hinabblickte, erkannte Edgar, dass er nun erwachsen war.
Tief unter ihm brandeten die Wogen mit solcher Gewalt an die Felsen, dass er trotz des Windes ihr Donnern hörte. Am Sandstrand, der sich rechts unter ihm in einer weiten Sichel der Küste entlang ausbreitete, rollten niedere Wellen langsam aus und hinterließen kurzlebige weiße Gischtstreifen.
Von der Harmonie dieses Bildes angezogen, wandte er sich diesem Strand zu und begann seinen Abstieg. Auch jetzt genügten ein paar wenige Schritte und schon hatte er die geschätzten einhundert Höhenmeter bis zum Wasser überwunden. Dort stand er lange Zeit und beobachtete, wie die Ausläufer der Wellen seine Zehen umspielten, sich wieder zurückzogen und dabei an seinen Fersen zerrten. Er spürte, wie der Sand unter seinen Fußsohlen weggespült wurde, sah zu, wie seine Zehen im Sand versanken. Der Wind war hier nur noch eine warme Brise und das Rauschen der Wellen unterlegte den Frieden in Edgars Herz mit einem pulsierenden Rhythmus.
Rechts von ihm bildete eine Reihe von Felsbrocken eine unregelmäßige Mauer, die weit ins Meer hinausging. Einem spontanen Impuls folgend, hüpfte er auf den ersten dieser Felsen und balancierte dann bis zum Ende der Mauer hinaus. Dort war das Wasser mehrere Meter tief und glasklar, der helle Sand des Bodens gab ihm einen himmelblauen Farbton.
„Es ist das Paradies!“
Edgar musste unwillkürlich über diesen Gedanken lachen. Er war tatsächlich im Paradies und was tat er? Er erschuf sich eine Welt, die so aussah, wie er sich als Lebender das Paradies vorgestellt hatte. Es erschien ihm verrückt, doch noch verrückter war, dass er sich im selben Moment Sorgen darüber machte, dass er keine Sonnencreme bei sich hatte. Da musste er wieder lachen.

Geraume Zeit später saß Edgar auf dem äußersten Felsen der natürlichen Mauer und blickte zum Horizont, wo die Kimm in den Himmel überging. Ein würziger Tabaksduft stieg von seiner Zigarre auf, er zog an ihr und entließ den Rauch wieder in den Wind, welcher ihn in wirren Wirbeln davontrug.
„Das hier ist also der Himmel“, dachte er, „das hier ist das Paradies. Klar, jeder macht was er will, zwischen einem Wunsch und seiner Erfüllung besteht kein Unterschied mehr.“ Edgar fragte sich, was er bis in alle Ewigkeit hier tun werde und wusste im selben Moment die Antwort: „Was immer ich möchte.“
Er fragte sich, ob das auf Dauer nicht langweilig würde und blickte auf die Zigarre hinab. Dann lächelte er und hob die andere Hand, die nun ein Longdrinkglas hielt, in dem einige Eiswürfel in einer braunen Flüssigkeit klimpern. Nein, dachte er, in nächster Zeit würde ihm wohl nicht langweilig werden. Er sog am Trinkhalm und nickte sich selbst zu. Kein Zweifel, das hier war der beste Cuba Libre, den er je getrunken hatte.

* * *

„Danke, dass du mir meine Heimat gezeigt hast“, sage Edgar zu Fred, nachdem er sein persönliches Paradies wieder verlassen hatte.
„Die hast du dir selber gesucht“, erwiderte dieser.
„Ja, aber ohne dich wäre ich nicht auf die Idee gekommen, sie in mir drin zu suchen.“
„Ich will deine Dankbarkeit mir gegenüber keinesfalls schmälern, aber du wärst schneller auf diese Idee gekommen, als du glaubst.“
„Ich denke, das wird mein Rückzugsgebiet. Wenn ich es richtig sehe, werde ich mich hier von einem Ort zum nächsten wünschen, ich fürchte, da würde ich schnell orientierungslos werden, wenn ich keinen fixen Ort habe, an den ich zurückkehren kann.“
„Heimatlos trifft es eher“, murmelte Fred, mehr zu sich selbst.
„Ich nehme an, du hast auch so einen Ort?“
„Ja. Wenn es dir recht ist, zeige ich dir jetzt einmal, was hier noch alles so abläuft.“
„Das ist mir sogar sehr recht! Seit ich von meinem Strand zurück bin, fühle ich mich, als hätte ich neue Kraft getankt.“
Fred mustert Edgar und meinte mit einem schrägen Grinsen: „Ich denke, ich weiß, wo du dich wohlfühlen wirst.“

Nachdem sich die Umgebung in farbige Nebel verwandelt, diese sich vermischt, neu angeordnet und zu einer neuen Umgebung konkretisiert hatten, befanden sich die beiden auf einem Fußballfeld. Nicht auf jenem in dem riesigen Stadion, sondern auf einem einfachen Bolzplatz, auf dem fleißig gekickt wurde. Edgar und Fred waren nun in Trainingsdressen gekleidet, sie trugen kurze Hosen, T-Shirts, Sportsocken und Schuhe mit Stollen. Die Farben erinnerten Edgar an Bonbon-Papier, nicht unbedingt die Wahl, die er getroffen hätte.
„Hast du uns diese Sachen gewünscht?“, fragte er Fred mit leisem Vorwurf.
Dieser musterte Edgar vom Scheitel bis zur Sohle, blickte dann an sich selbst herab und fragte, indem er die Augenbrauen zusammenzog: „Was stimmt nicht damit?“
„Ich weiß nicht … ich denke nur, ich hätte mir etwas … sagen wir einmal … Gängigeres gewünscht.“
„Ja, das hast du offensichtlich.“
Edgar verstand nicht, was Fred meinte, bis er erkannte, dass sie nun plötzlich beide Trainingskleidung trugen, die genauso aussah wie jene, die Edgar und seine Freunde immer angehabt hatten, als er noch am Leben gewesen war. Während Fred feixte und losrannte, um mit den anderen Spielern den Ball zu jagen, fragte sich Edgar, wie lange ihn solche Dinge wohl noch beschäftigen würden.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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