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Kapitel 38: Edgars Himmelfahrt

Kapitel 38: Edgars Himmelfahrt

Was Edgar nach seiner Himmelfahrt erlebt, erscheint ihm klischeehaft – zumindest so lange, bis er zu Gottes Thron gelangt.

Schließlich war es so weit. Papst Johannes XIX. streckte die Arme nach oben, neigt das Haupt ins Genick und rief: „releva nobis in caelum!“
Im nächsten Augenblick stand Edgar inmitten gleißenden Lichts, nahm die Seelen in seiner Umgebung wie durch goldenes Glas wahr. Im Gegensatz zum letzten Mal verschwand das Licht aber nicht sofort wieder, es umhüllte Edgar und die anderen mehrere Sekunden lang. Dann löste sich das Gold auf, wandelte sich in strahlendes Weiß und Edgar fand sich in einer Art von Himmel wieder, die er nicht erwartet hatte; nicht nach all dem, was er bisher über den Himmel erfahren hatte. Er stand in einer Landschaft aus bauschigen Schönwetterwolken, die aus sich heraus leuchteten, also offenbar in jenem Wolkenkonstrukt, das über dem Dom des Herrn schwebte. Die Wolken hatten unterschiedliche Größen, Edgar stand auf einer mit dem Ausmaß eines Surfbretts, während die alte Pilgerin in einiger Entfernung auf einer mit der Ausdehnung eines Autobusses saß. Andere Wolken hatten die Größe von Hochhäusern oder waren zu gebirgsähnlichen Formationen zusammengeschlossen. Alle Seelen, die an der Himmelfahrt teilgenommen hatten, saßen, standen oder lagen allein oder in Gruppen auf den Wolken in Edgars Umgebung. Überhaupt schien die ganze Region hier, soweit sein Auge reichte, dicht von Seelen bevölkert zu sein. Die Wolken bewegten sich, sie zogen langsam in allen drei Dimensionen aneinander vorbei, jede in eine eigene Richtung. Der Abstand zwischen ihnen war großzügig bemessen, denn trotz ihrer schier endlos großen Zahl sah Edgar immer wieder das Blau des Himmels zwischen ihnen.
Als wäre das nicht seltsam genug, musste Edgar erkennen, dass alle Seelen, auch er selbst, in weiße, bodenlange Umhänge gekleidet waren, ihnen an den Schulterblättern große, weiße Flügel herauswuchsen, golden leuchtende Heiligenscheine über den Köpfen schwebten und sie Leiern in den Händen hielten. Er blickte nach oben, um seinen Heiligenschein zu betrachten, doch dieser folgte der Bewegung seines Kopfes und kippte nach hinten. Edgar griff danach, doch der Heiligenschein war gestaltlos, die Finger glitten durch ihn hindurch, ohne dass er etwas spürte. Als er an sich hinabblickte, sah er, wie zwischen seinen nackten Zehen etwas Wolkenmaterial hervorquoll.
Unwillkürlich begann er zu lachen. Er empfand das Ambiente, wie auch sein eigenes Aussehen in einer Form kitschig, die ihn hilflos machte. Sein Gelächter klang schrill und so verrückt, dass es ihm selbst Angst einflößte. Die alte Pilgerin schwebte auf ihrer Wolke zu ihm und lächelte ihn an. Edgar erkannte an ihrem Blick, dass sie sein Lachen für ein Zeichen der Verzückung hielt.
„Habe ich Ihnen nicht versprochen, dass Sie Ihren Glauben finden werden, wenn Sie erst einmal die Heimat unseres Herrn erreicht haben?“
„Hier wohnt Gott?“
Die Alte, die nun eher einem greisen Engel ähnelte als einer Bäuerin, nickte gütig, malte ein großes Kreuzzeichen vor Edgar in die Luft und entfernte sich dann mit ihrer Wolke. Ehe sie zwischen den anderen Wolken verschwand, drehte sie sich noch einmal zu ihm um und rief: „Grüß Gott, mein junger Freund!“

Edgar betrachtete unentschlossen die Harfe in seiner Hand. Er bezweifelte, dass er sie verwenden würde, deshalb wünschte er sie weg und sie verschwand. Dann begann er, sich mit seiner neuen Umgebung vertraut zu machen.
Die Wolken zu steuern gelang mittels einfachen Wünschens, und wie sich herausstellte, dienten seine Flügel nicht nur einem dekorativen Zweck. Als er sie das erste Mal ausbreitete, erschrak Edgar vor ihrer großen Spannweite und wunderte sich, dass er sie so selbstverständlich spürte wie seine Arme. Folglich fühlte sich das Flattern zwar fremdartig, aber dennoch völlig natürlich an. Edgar spürte seine Brust- und Rückenmuskeln arbeiten, die für diese Art der Fortbewegung offenbar bestens trainiert waren und schon bei den ersten kräftigen Flügelschlägen nahm er eine spürbare Entlastung seiner Beine wahr. Er flatterte weiter und erhob sich schließlich wie ein großer Vogel von seiner Wolke. Er flog zwischen den Wolken hindurch, stieg nach oben und ließ sich im Gleitflug nach unten sinken. Die Kraft, die er dem Widerstand der Luft mit jedem Flügelschlag entgegensetzte, schuf Vertrauen, gab ihm das Gefühl, das Element zu beherrschen.
Allerdings stellte er schnell fest, dass auch hier dieselben Regeln galten, wie im restlichen Himmel: Da er nie fliegen gelernt hatte, verwendete er seine Flügel nicht sonderlich geschickt. Als er einer Wolke zu nahe kam und die Ausweichbewegungen schlecht dosierte, geriet der darauffolgende Steilkurvenflug zu einem unsicheren Taumeln. Kurz überlegte er, wie es dennoch sein konnte, dass er Muskeln an den Flügeln besaß, zumal er sich diese ja nie antrainiert hatte, schalt sich im selben Moment aber einen Dummkopf, immerhin waren ja all seine Muskeln nur eine Illusion, ebenso wie die Luft und die Schwerkraft.
Edgar genoss dieses Erlebnis dennoch aus vollen Zügen. Seine Superman-Flüge waren anders gewesen, seine Bewegungen in der Luft willkürlicher. Mit den Engelsflügeln war er offenbar auf die Aerodynamik angewiesen und daher mehr eingeschränkt. Doch gerade das machte das Erlebnis intensiver und lebensechter. Auch empfand er das Arrangement der Wölkchen und Wolken faszinierend, zwischen denen er hindurchturnte, und ebenso den Anblick der Seelen in Engelsgestalt, die hier saßen, Leier spielten oder sich, wie er selbst, im Fliegen übten. Schließlich ließ er sich auf einer Wolke nieder und sah seinen Flügeln dabei zu, wie sie sich mit einem leisen Rascheln zusammenfalteten.
Er glaubte das alles hier nicht. Wie konnte es sein, dass die kindlichste aller Vorstellungen vom Himmel tatsächlich wahr sein sollte? Wie weit ging das? Thronte auch Gott hier auf der höchsten Wolke in Gestalt eines alten, weiß gekleideten Mannes mit einem langen weißen Bart? Edgar grinste schief und breitete seine Flügel wieder aus. Er wollte jetzt sehen, ob das stimmte.

Der Weg nach oben wurde ihm irgendwann zu lang. Zunächst war er geflattert, später hatte er sich auf eine Wolke gelegt und war mit dieser, wie mit einem Rennwagen, in einer Steilkurve nach oben gefahren. Doch irgendwann wurde ihm auch das zu eintönig. Außer Wolken sah er nur Seelen in Engelsgestalt beim Sitzen, Stehen, Liegen oder Fliegen, wobei sie jeweils auf ihrer Leier spielten oder nicht. Nur eine einzige Seele brach aus diesem Verhaltensmuster aus. Sie sprang mit eingeklappten Flügeln von einer Wolke zur nächsten und nahm dabei in Kauf zu fallen, wenn die angepeilte Wolke zu weit entfernt war. Dann stürzte sie mitunter eine weite Strecke ab, bis sie auf einer zufällig vorbeitreibenden Wolke auftraf, von der aus sie ihr Spiel weiterspielte.
Es war tatsächlich so, wie Edgar es sich zu Lebzeiten schon immer gedacht hatte, wenn er den Himmel auf diese Weise dargestellt gesehen hatte: Er war langweilig, weil es nichts zu tun gab, außer zu fliegen oder auf der Leier oder mit den Wolken zu spielen.
Wie weit der Weg nach ganz oben sein würde, konnte Edgar nicht abschätzen. Wann immer er hinaufblickte, bot sich ihm dasselbe Bild, nämlich Wolken, die sich über Wolken schoben, dazwischen ab und zu ein Stück blauen Himmels. Also wünschte er sich schließlich nach ganz oben und erschien – als gelte es, ein Klischee zu erfüllen – vor der untersten Stufe einer steilen Wolkentreppe. Diese verschwand wenige Meter über ihm in einem Nebelschleier, was Edgar befürchten ließ, es würde sich bei ihr um ein ähnliches Phänomen handeln, wie es die große Sandfläche in der Bergregion war. Die Frage, ob Gott dort oben war, würde immerhin unbeantwortet bleiben, wenn es niemandem gelang, ihn zu erreichen.
Doch Edgar zögerte nicht lange, sondern begann den Aufstieg. Die Wolkenbank war rasch erreicht, und als Edgar sie durchstieß, blickte er in einen klaren, blauen Himmel, von dem eine warme Sonne schien. Das obere Ende der Treppe war nur wenige Stufen entfernt, Edgar erklomm es und hielt inne. Er stand auf einem kleinen Plateau, direkt vor einem gewaltigen Wolkenthron, welcher von einer goldenen Aura umgeben war. Dieser Anblick ließ in Edgar keinen Zweifel darüber offen, dass es sich hierbei – Klischee hin oder her – um Gottes Thron handelte. Ein Schauer überfuhr ihn so intensiv, dass er ihn in die Knie zwang.

Doch die Ehrfurcht war nur von kurzer Dauer. Gott war nicht hier und dieses ganze, wie einem Kinderbuch entsprungene Ambiente entstammte wohl eher der Schöpferkraft einer kindlichen Seele als der Schöpfung selbst. Edgar erhob sich und trat entschlossen auf den Thron zu, in der Absicht, sich auf ihn zu setzen. Seltsamerweise stockte er allerdings unmittelbar davor. Was, wenn es verboten war? Zwar gab es nirgendwo einen Hinweis darauf, doch war es nicht eine Selbstverständlichkeit, dass man sich nicht auf Gottes Thron setzen durfte? War das nicht ein Sakrileg? Je länger er darüber nachdachte, umso lächerlicher erschien ihm das Ganze. Selbst wenn es verboten sein sollte – er war eine unsterbliche Seele, was sollte ihm schon groß passieren?
Doch die Logik konnte nicht die Konditionierung aufheben, die Edgar ein Menschenleben lang geprägt hatte. Er wusste, es war Unfug, zumal er sich hier im Himmel befand, dennoch wagte er nicht, dagegen aufzubegehren.
Schlussendlich wandte er sich ab und wollte die Wolkentreppe wieder hinabsteigen, als ihn der Anblick, der sich unter ihm auftat, innehalten ließ. Von diesem Plateau aus konnte Edgar buchstäblich alles im gesamten christlichen Bereich sehen. Der Nebelschleier, der ihm den Blick auf den Thron von unten versperrt hatte, war von oben unsichtbar, so dass Edgar freie Sicht auf das Gewühl der Wolken hatte. Er sah durch die Wolken hindurch und jede einzelne Seele darin. Er sah auf die Stadt Dei darunter, auf ihre geradezu unglaubliche Ausdehnung und, dass sie am Ausgang der Hügelsenke an eine Küste grenzte. Als Edgar sich fragte, wo der dort beginnende Ozean wohl endete, sah er auch dessen anderes Ufer. Ebenso überblickte er das hügelige Gebiet auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt, die Straße, über die er gekommen war, den unablässigen Strom der Pilger, die in den Dom des Herrn wanderten, sowie jede einzelne der schier unendlich vielen Aktivitäten, die in der Stadt durchgeführt wurden. Und er erkannte jede einzelne Seele, wenn er es wollte.
War das hier tatsächlich der Sitz Gottes? Konnte Edgar, wenn er wollte, etwa auch in andere Bereiche des Himmels blicken? Konnte er bis auf die Erde hinunter sehen, bis zu seiner Familie?
Wieder begannen seine Gedanken zu kreisen, wieder spürte er diesen Widerstreit zwischen Verlockung und Ehrfurcht. Andrea fiel ihm ein, die gemeint hatte, dass die Seelen im Himmel alles, was sie taten, auch tun dürften. Ebenezer hatte vergleichbar behauptet, den Seelen sei nur verboten, was sie nicht tun könnten. Demnach brauchte Edgar es nur darauf ankommen zu lassen und sehen, ob es funktionierte. Andererseits, wer war er, dass er sich göttliche Fähigkeiten anmaßte? Er mochte ja hier an Gottes Platz stehen, doch er stand nicht an Gottes Stelle.
Während seiner Überlegungen war Edgars Blick starr auf Dei gerichtet. Das fiel ihm erst auf, als ihm eine der Seelen dort unten vertraut vorkam. Er riss sich selbst aus seinen Gedanken, sah bewusst hin und erkannte – seine Mutter!

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Neuerscheinung

Kapitel 37: Der Dom des Herrn

Kapitel 37: Der Dom des Herrn

Im „Dom des Herrn“ wohnt Edgar der Himmelfahrtsmesse bei, an deren Ende die Seelen angeblich zu Gott auffahren. Wird er nun endlich seinem Schöpfer gegenübertreten?

Edgar plauderte noch einige Zeit mit der alten Bäuerin und versank dann in ein nachdenkliches Schweigen. Selbst in der Spanne seines irdischen Lebens hatten sich die Bräuche verändert. Halloween etwa war in Mitteleuropa eingeführt worden, weil einige Süßigkeiten- und Verkleidungshersteller es verstanden hatten, das Fest jahrelang so populär zu machen, dass es die Kindergärtner und Grundschullehrer auf die Stundenpläne der Spiel- und Bastelstunden setzten. Selbst die Art, wie Weihnachten gefeiert wurde, hatte sich in den zweieinhalb Jahrzehnten, die Edgar bewusst erlebt hatte, merkbar geändert. Er fragte sich, warum er sich über diese Dinge nie Gedanken gemacht hatte. Oder gingen die Prozesse so schleichend vor sich, dass er sie gar nicht bewusst mitbekommen hatte?
Plötzlich nahm er eine Bewegung am nächtlichen Himmel über sich wahr. Sein Blick schnellte hin und er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen: Da kam doch tatsächlich der Weihnachtsmann auf einem Rentierschlitten über das Firmament daher und landete auf einem der Häuserdächer! Nicht genug damit stieg der kugelrunde, bärtige, in Rot und Weiß gekleidete Mann nun auch noch aus und schulterte einen riesigen Sack, dessen eckige Ausbuchtungen verrieten, dass er voller Geschenkschachteln war. Damit hüpfte er in ein Kaminrohr, das zwar nur wenige Zentimeter Durchmesser hatte, in das er aber dennoch problemlos hineinpasste.
Edgar beschloss, in das Haus hineinzuschauen. Das konnte er, sofern die Bewohner es gestatteten, was hier offensichtlich der Fall war. Tatsächlich sah er in der Wohnung, in die Santa Claus gerade einstieg, Socken an einem Kamin hängen. Im Durchgang zu einem Nebenraum, in dem eine sichtlich US-amerikanisch gekleidete Familie beim Weihnachtsschmaus saß, hing ein Mistelzweig.
Edgar warf nun auch Blicke in andere Wohnungen und Häuser, wo ihm das gestattet wurde, und erkannte so, dass die hier lebenden Seelen Weihnachten jeweils auf die Art feierten, die sie aus dem Land und der Kultur gewohnt waren, aus denen sie stammten. Er sah variantenreiche Feierabfolgen, Weihnachtsbaumschmucke, Speisen, Naschwerke, Festbekleidungen und Geschenkrituale, die er insgesamt als wunderbar vielfältig und faszinierend empfand. Und dann sah er das Christkind, wie es mit lautlosem Flattern ein Paket durch ein geschlossenes Fenster trug und unter dem Weihnachtsbaum dort ablegte. Er spürte, wie sich sein Herz mit Wärme füllte.
Da, wo Edgar gelebt hatte, hatten die Kinder nicht auf den Weihnachtsmann gewartet, sondern auf das Christkind. Mit der Zeit hatte der zunehmende Wohlstand zu einer stetigen Steigerung der Vorweihnachtseinkäufe geführt, wodurch das traditionelle Fest immer mehr zu einem geschenkeorientierten geworden war. Der Grad dieser Entwicklung war daran gemessen worden, wie sehr das Christkind durch den Weihnachtsmann ersetzt wurde, der durch Werbung, Geschenkpapier und Süßigkeitensujets in die Kinderzimmer gelangte. Diese Verdrängung war allgemein als Kulturverlust angesehen worden und auch Edgar hatte das immer so empfunden.
Nun, als er zusah, wie das Christkind wieder aus dem Fenster flatterte und über das Dach des Hauses davonflog, war er beruhigt, denn er wusste, dass alles in Ordnung war.

Schließlich kam der Pilgerzug am Ziel seiner Reise an. Edgar musste niemanden fragen, um das zu wissen, er wusste es, als sich die Gebäude um ihn herum lichteten und die Straße in einen riesigen Platz einmündete. In der Mitte dieses Platzes erhob sich jener gewaltige weiße Dombau, über dem die leuchtende Wolke schwebte. Die Größenverhältnisse hier waren für Edgar nicht greifbar. Der Dom und sein Vorplatz standen zwar in einem angemessenen Verhältnis zueinander, doch als er sich bewusst machte, dass die Punkte, die er dort vor dem Eingang sah, Seelen waren, begann er zu begreifen, wie groß der Bau sein musste und wie weit entfernt er noch war. Der goldene Lichtstrahl aus der Wolke tauchte den Dom in ein überirdisches, für Edgars Begriffe göttliches Leuchten und ließ ihn unwirklich erschienen.
Die Pilger um ihn herum seufzten, sanken zu Boden, bekreuzigen sich, verharrten im stillen Gebet oder setzten ihren Weg auf Knien fort. Edgar wartete, bis sich die alte Bäuerin neben ihm aus ihrer Andacht erhob, dann fragte er sie, ob dieser Kirchenpalast die Heimat Gottes sei. Sie schüttelte lächelnd den Kopf und erklärte, dies sei der „Dom des Herrn“, in dem sie eine Pilgermesse feiern würden. Danach, so sagte sie, würden sie ins Himmelreich auffahren und deutete dabei nach oben in die schimmernde Wolke.
Edgars Augen folgten ihrem Fingerzeig. Konnte es denn wahr sein? War die Vorstellung, Gott wohne in den Wolken und sei von harfespielenden Engeln mit Heiligenscheinen umgeben, gar nicht so kindlich-naiv, wie er immer gedacht hatte? Er sah die alte Pilgerin an und erkannte, dass sie sich in einem Zustand der Entzückung befand, weshalb er sie nicht mit weiteren Fragen belästigen wollte. Er würde weiterhin dem Pilgerzug folgen und sehen, was passierte, doch er konnte nicht umhin zuzugeben, dass in ihm eine Anspannung entstanden war, die immer stärker wurde.

Der Weg über den Platz dauerte drei Tage und drei Nächte. Das lag zum einen daran, dass die Pilger immer wieder anhielten, um auf Knien zu beten, zum anderen an seiner gewaltigen Ausdehnung. Je näher Edgar dem Dom des Herrn kam, desto unglaublicher erschienen ihm dessen Maße. Ab einer gewissen Nähe reichte Edgars Sehkraft nicht mehr aus, um die Ober- und die Seitenkanten des Baus zu erkennen; die Frontfläche des Doms verschwand ganz einfach in der Ferne. Das Eingangsportal, dessen hölzernes Doppelflügeltor offenstand, war mehrere hundert Meter breit, dennoch reichte das nicht aus, um den Anstrom der Gläubigen zu fassen, die in den Dom hineindrängten.
Als Edgar das Portal durchschritt, blickte er mit offenstehendem Mund nach oben, wo er irgendwo in einem oder zwei Kilometern Höhe den Schlussstein des Torgewölbes sah. Dieses bestand aus weißem Marmor und verjüngte sich nach oben hin in zwei zueinanderlaufenden Bögen, die spitz zusammentrafen. Dass er trotz der Entfernung den Schlussstein sehen konnte, lag daran, dass die Gewölbebögen, und damit auch der Stein, an die hundert Meter dick waren.
Edgar wurde mit der Masse unaufhaltbar in den Dom hineingeschoben. Die Innenwand der Portalmauer verlor sich zu beiden Seiten und über ihm in ein düsteres Halbdunkel. Überstrahlt wurde der Raum von einer riesigen, intensiv golden leuchtenden Kuppel, die aussah wie eine konkave Sonne. Da sich die Kuppel noch mehrere Kilometer vor und über Edgar befand, bekam er einen vagen Begriff davon, wie gigantisch der Innenraum des Doms des Herrn tatsächlich war.
„Das ist das ewige Licht“, wisperte die alte Bäuerin neben ihm erregt. „Der Lichtstrahl, der aus dem Himmelreich kommt – aus der Wolke über dem Dom – er beleuchtet die Kuppel.“
Edgars innere Anspannung wandelte sich in angstvolle Aufregung. Selbst wenn er Gott suchte, seit er im Himmel war, hatte er nun beinahe Angst davor, ihm zu begegnen. Seine Zweifel, dass das geschehen würde, schwanden mit jedem Schritt, der ihn näher unter die golden leuchtende Halbschale brachte.
Direkt unter der Mitte der Halbkugel konnte Edgar einen Altaraufbau erkennen, einem Leuchtturm gleich, der hoch aus dem Meer der Gläubigen herausragte. Auf diesem stand ein alter knochiger Mann in weißem Messgewand samt weißer Mitra mit Gold-Ornat, der eine Messe leitete. Auch hier erlebte Edgar das Phänomen, trotz der großen Entfernung in jedem Detail erkennen zu können, was der Mann tat.
„Das ist Papst Sergius III. Ihn habe ich noch nie die Himmelfahrtsmesse zelebrierten sehen.“
Edgar sah die alte Pilgerin mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wie oft waren Sie denn schon hier?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich nehme schon seit vielen Jahrzehnten immer wieder an der Pilgerfahrt teil und es sind sehr viele Päpste hier im Himmel.“
Edgar war kurz davor, die Bäuerin mit Fragen zu durchlöchern. Er wollte wissen, wo diese Pilgerfahrt begann und wie lange sie dauerte, ob sie periodisch oder durchgängig stattfand, ob die Himmelfahrtsmesse immer von einem Papst gelesen wurde und Vieles mehr. Doch es kam ihm blasphemisch vor, dass er den Zauber dieser Art der Religionsausübung erklärt haben wollte, weshalb er sich eines Besseren besann. Was er wissen sollte, würde er wohl noch erfahren und der Rest mochte ein Geheimnis bleiben.

Da Edgar die einzelnen Abschnitte einer Messe nicht kannte und ihm auch die Wechselgebete nichts sagten, kam ihm die Himmelfahrtsmesse endlos vor. Er überbrückte die Zeit, indem er das Vorgehen um sich herum beobachtete. Es waren wohl mehrere Millionen Seelen, die an dieser Messe teilnahmen. Wenn sie gemeinsam ein Gebet murmelten, glaubte Edgar den Boden unter seinen Füßen brummen zu spüren und ein Dröhnen der Luft wahrzunehmen, wenn sie gemeinsam ein Lied sangen. Währenddessen hielt der Zustrom an neuen Pilgern von draußen ununterbrochen an und Edgar bewegte sich nach wie vor im Schritttempo vorwärts, außer wenn die Messe ein Gebet auf Knien erforderte. Er fragte sich, wie all die Seelen um den Altar herum Platz fanden, und ob sie vielleicht nach der Messe auf der anderen Seite des Kirchenschiffs wieder hinauswanderten?
Die Antwort kam mit dem Höhepunkt der Messe und für Edgar völlig unerwartet. In einer weit ausladenden Geste hob Papst Sergius III. beide Hände nach oben, blickte in die leuchtende Kuppel über sich und rief laut und beschwörend: „releva nobis in caelum“, woraufhin das ewige Licht in einem goldenen Strahl, der den Durchmesser der Kuppel hatte, herabschoss. Für die Dauer eines Wimpernschlags stand diese gigantische Lichtsäule mitten im Dom, überglänzte alles und blendete Edgar. Dann war sie verschwunden und mit ihr sowohl der Papst als auch all die Gläubigen, die innerhalb ihres Umkreises gestanden waren. Die Zurückgebliebenen hielten inne und sangen einen tosenden Lobgesang auf den Herrn – dann setzten sie sich wieder in Bewegung und Edgar rückte mit ihnen weiter auf den Altar zu.
Auf diesem erschien nun eine Gestalt, die gleich gekleidet war wie Papst Sergius III., jedoch größer und kräftiger wirkte als dieser. „Papst Johannes XIX.“, flüstert die alte Bäuerin neben Edgar und bekreuzigt sich.
Der neue Papst begann ohne Umschweife mit einer Predigt und es dauerte nicht lange, bis Edgar erkannte, dass die Himmelfahrtsmesse nun von vorne begann. Während ihres Verlaufs rückten er und die anderen im Schritttempo weiter auf den Altar zu, bis ein Blick nach oben ihm klar machte, dass er sich nun unter der Kuppel befand und somit wohl bei der nächsten „Himmelfahrt“ mit dabei sein würde – sofern es denn eine war.

Edgar spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Was würde ihn erwarten? Tatsächlich das Himmelreich, in dem Gott wohnte? Würde er wahrhaftig seinem Schöpfer gegenübertreten?
Er blickte in das vergeistigte Gesicht der Alten neben ihm. Sie wusste offenbar, was sie erwartete, sie hatte es immer wieder erlebt. Hatte sie in Gottes Antlitz geblickt? Aber wie konnte das sein? Begegnungen mit Gott waren nur dann logisch, wenn die betreffenden Seelen nicht mehr zurückkehrten, andernfalls hätten sie davon erzählt und der gesamte Himmel wüsste davon – dem war aber nicht so!
Edgar bekam Angst.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 36: Wie eine lebendige Bibel

Kapitel 36: Wie eine lebendige Bibel

In Dei, der Metropole der Christenheit, werden Bibelszenen lebendig dargestellt. Auch Bräuche des Kirchenjahres werden hier gepflegt, wenn auch teilweise in einer Art, die Edgar fremd erscheint.

Besonders beeindruckten Edgar die lebensecht nachgestellten Bibelszenen. Als sein Pilgerzug eines Nachts an einer großen Kirche vorbei ging, eröffnete sich danach anstelle eines Vorplatzes ein Wüstenareal, in dem Zwangsarbeiter im Fackellicht auf einer monumentalen antiken Baustelle schufteten. Spätestens als Edgar einen weißbärtigen Mann in einem ebenso weißen, wallenden Gewand sah, wusste er, was hier gespielt wurde. Der Mann hielt einen langen Stab in der einen Hand, während er mit der anderen heftig gestikulierte und dabei laut schrie: „Lass mein Volk gehen!“ Gerichtet waren seine Worte an den Pharao, der auf einem überladenen Thronaufbau über ihm saß.
Anstelle des Vorplatzes des darauffolgenden Gotteshauses sah Edgar den Strand eines Meeres, an dem Moses – der weiße Mann von vorhin – als Anführer seines Volkes stand und beschwörend seinen Stab über dem Kopf schüttelte. Als er diesen vor sich in den Boden stieß, begann die Straße unter Edgars Füßen zu vibrieren und er sah, wie das Meer vor Moses Wellen aufwarf, die sich zu beiden Seiten symmetrisch aufbäumten und so ein Tal freigaben, das bis zum Meeresgrund reichte. Während der Weiße sein Volk in dieses Tal führte, beobachtete Edgar fasziniert, dass sich die beiden fast senkrechten Wasserwände wie eine gewöhnliche Meeresoberfläche verhielten; Wellen rollten vom Boden weg nach oben und schlugen über die Oberkante.
Ein anderes Mal querte ein hell gleißender Stern in etwa zehn Metern Höhe im Schritttempo Edgars Weg, am Boden gefolgt von drei Männern. Die Drei waren orientalisch gewandet und trugen kleine Holzkisten mit sich. Edgar spürte, wie sich seine Lippen kräuselten, denn sogar er, der Nichtgläubige, erkannte in ihnen Kaspar, Melchior und Balthasar, die drei Weisen aus dem Morgenland. Als er die Querstraße erreichte, zeigte ein Blick in die Marschrichtung der Drei auch das Ziel ihrer Reise, nämlich den Stall von Betlehem, in dem das Jesuskind soeben das Licht der Welt erblickt hatte. Edgar erkannte sogar den weißen, in einem barockähnlichen Stil errichteten Kathedralenbau, auf dessen Vorplatz er Stall stand: Es war der Jesus-Christus-Dom, von dem Helmut, Franz und Andi berichtet hatten, sie hätten in ihm während einer Auferstehungsmesse ihre erste Begegnung mit einer Bergseele gehabt.

Edgars Pilgerzug blieb während des gesamten Weges nur ein einziges Mal stehen, nämlich auf dem Hügel Golgota, welcher sich im Kreuzgang einer monumentalen Basilika erhob. Zuvor waren die Pilger gemeinsam mit einer unüberschaubaren Schar anderer Zuschauer dem Leidensweg Christi gefolgt, welcher mit dessen Verurteilung zum Tode am Eingangsportal des Kirchenbaus begonnen und sich dann Station für Station den Hügel hinauf gezogen hatte. Nun wurden die Anwesenden stumm Zeugen, wie Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Als dies geschah, schien ganz Dei in eine unheimliche Stille zu versinken, die nur vom Klopfen des Hammers durchbrochen wurde, mit welchem ein römischer Soldat die Nägel durch die Hände und Füße des Erlösers ins Holz trieb. Auch die Handlung der letzten drei Kreuzwegstationen lief in völliger Stille ab. Erst als Josef aus Arimathäa den Stein vor Jesus Grab gewälzt hatte und weggegangen war, erhob sich ein mächtiges Brummen ungezählter Stimmen, die nun unisono ein inniges Vaterunser raunten. Sogar Edgar stimmte mit ein, tief betroffen von dem Gesehenen und geradezu eingeschüchtert von der Eingeschworenheit der Gläubigen in ihrem Gebet und in ihrem Glauben.
Seine Verunsicherung wich erst, als seine Aufmerksamkeit von einem riesigen durchsichtigen Würfel gefesselt wurde, der in einem großen Platz zu schweben schien. Erst als er genauer hinsah, verstand Edgar die Gegebenheiten: Der Platz war auf seiner gesamten Fläche halbkugelförmig ausgehoben, bildete also eine riesige, regelmäßige Mulde. In dieser Mulde, aber ohne sie zu berühren, schwebte ein Würfel mit abgerundeten Ecken, der aus glasklarem Wasser bestand und so groß war, dass er über die Giebel der umliegenden Häuser hinausragte. In dem Würfel befanden sich nummerierte Türen, die, aufrecht stehend, langsam durcheinander trieben und dabei in unregelmäßigen Zeitabständen ihre Farben wechselten. Ein buntes, angenehm langsames Durcheinander, das ein bisschen an Weihnachtsbaumbeleuchtung erinnerte und in dem einige Seelen umhertauchten. Konnte er sich zunächst keinen Reim auf diese Erscheinung machen, klärte sich die Sache für Edgar, als er erkannte, dass es vierundzwanzig Türen waren, die in dem Würfel schwebten. Der Wasserkubus war ein riesiger Adventkalender.
Im Vorbeimarsch sah Edgar zwei Frauen Mitte zwanzig, eine blond, eine brünett, die vor der halbkugelförmigen Mulde standen, miteinander tuschelten und kicherten. Sie fassten sich an den Händen, zählten von drei rückwärts und rannten auf die Mulde zu, an deren Rand sie absprangen. Sie tauchten in die Seitenwand des Würfels ein, wobei das Wasser ringförmige Wellen schlug, als wären zwei Steine in einen Teich gefallen. Im Inneren des Wasserkubus tauchten sie die Türen ab, wohl auf der Suche nach einer bestimmten Nummer.
Edgar fragte sich, nach welchem Gesichtspunkt sie die Nummer wohl aussuchten, immerhin gab es mangels Zeitrechnung keinen allgemeingültigen Kalender im Himmel. Aber vielleicht, so dachte er, hatten die beiden an einem willkürlichen Tag begonnen und öffneten nun an jedem weiteren Tag eine andere Tür.
Die jungen Frauen hatten mittlerweile die offenbar gesuchte Tür mit der Nummer zwei gefunden, denn sie hatten sich im Wasser vor ihr aufgerichtet und gestikulierten einander zu. Die Haare schwebten ihnen um die Köpfe und die Arme und Beine vollführten Ruderbewegungen, um ihre Lage im Wasser beizubehalten. Schließlich berührte die Blonde den Knauf der Tür, woraufhin diese rasch zu der Größe eines Scheunentores anwuchs und sich öffnete. Edgar war verblüfft, als er dahinter einen Bienenstock in der Größe von mehreren aneinandergebauten Wolkenkratzern sah, der von Bienen in Menschengröße umschwirrt wurde. Die Blonde freute sich sichtlich darüber, umarmte kurz die Brünette und schwamm dann durch die Tür, wobei sie sich im Moment des Übertritts ebenfalls in eine große Biene verwandelte. Sie drehte sich schwirrend noch einmal um und winkte ihrer Freundin zu, indem sie mit einem der Vorderbeine wackelte, dann flog sie zu den anderen Bienen. Die Tür schloss sich und schrumpfte auf ihre ursprüngliche Größe zurück. Unmittelbar darauf mischten sich in einer kurz raschen Bewegung alle Türen durcheinander. Der Sinn dieses Vorgangs wurde Edgar klar, als die Brünette lostauchte, um die Tür mit der Nummer zwei wieder zu finden. Offenbar war die Suche ein Teil des Spiels und offenbar wurde dieses durch die periodischen Farbwechsel der Türen noch reizvoller.
Die Brünette hatte die Tür bald wieder gefunden und berührte nun ihrerseits den Knauf. Das Anwachsen und Öffnen wiederholte sich und diesmal sah Edgar eine Wiese, auf der Hunde unterschiedlicher Rassen umhersprangen, die die Größe von Pferden hatten und auf denen jauchzend kleine Mädchen ritten. Die gesamte Welt hinter dieser Tür wirkte kindlich auf Edgar, was daran lag, dass sie in Bonbonfarben gestaltet war. Zwar waren die Wiese grün, der Himmel blau und die Sonne gelb, aber eben zuckerlgrün, -blau und -gelb. Die Brünette fuhr sich mit beiden Händen in die im Wasser schwebenden Haare und schüttelte den Kopf, eine Geste, die gleichermaßen ihren Unglauben wie ihre Freude zum Ausdruck brachte. Dann schwamm sie zur Tür und hievte sich über deren Schwelle in das Trockene dahinter. Kaum aus dem Wasser, hatte sich ihr Aussehen verändert. Auch sie war nun ein kleines Mädchen und die Farben ihrer Haut, ihrer Haare und ihrer Kleidung hatten ebenfalls einen Zuckerguss-Ton angenommen. Als Edgar sich der nächsten Häuserkante näherte, sah er gerade noch, wie ein ponygroßer, rosaroter Pudel schwanzwedelnd dahertrabte und sich vor der neu Angekommenen auf seine Hinterbeine setzte, so dass sie auf seinen Rücken klettern konnte. Dann verschwand der Adventkalender im Wasserwürfel aus seinem Blickfeld.

Edgar kicherte und schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, ob es ihn mehr erstaunte, immer noch neue Dinge zu sehen, oder nach wie vor darüber zu staunen, dass er noch nicht alles gesehen hatte.
„Was haben Sie?“, fragte die alte Bäuerin freundlich, die immer noch neben ihm ging.
„Mich hat nur dieser Adventkalender da hinten fasziniert. Ich verstehe nur nicht, warum er so gestaltet ist.“
„Was meinen Sie?“
„Na ja, zum einen befindet sich hinter der Tür mit der Nummer zwei offenbar immer eine Welt, in der man seine Gestalt verändert und mit übergroßen Tieren zu tun hat.“
„Ach, das haben Sie völlig falsch verstanden. Das war nur ein Zufall.“
„Was meinen Sie?“
„Wenn Sie eine der Türen öffnen, erfüllt Ihnen der Adventkalender einen innigen Wunsch Ihrer Kindheit, der Ihnen selbst schon längst nicht mehr im Bewusstsein ist. Manchmal sind es auch Träume, die man als Kind hatte und in denen man sich besonders wohl und geborgen fühlte.“
„Verstehe. Aber warum?“
Die Alte setzte ein gespielt vorwurfsvolles Gesicht auf. „Na, weil es nun einmal der Zweck eines Adventkalenders ist, mit kleinen, netten Geschenken die Vorfreude auf Weihnachten aufrechtzuerhalten.“
„Okay, aber warum diese seltsame Form? Ich meine, ein Würfel aus Wasser hat ja nicht wirklich etwas mit Weihnachten zu tun.“
Nun lachte die alte Frau wie ein kleines Mädchen; sie lachte Edgar aus. Und als wäre das noch nicht genug, sagte sie auch noch: „Sie sind lieb!“
„Wieso?“
„Als Sie noch auf der Erde lebten und ein Kind waren, was hat Ihnen Ihre Mutter da in den Adventkalender gepackt? Wie viele Geschenke davon hatten etwas mit Weihnachten zu tun?“
Edgar dachte nach, musste aber schnell feststellen, dass die Alte Recht hatte. Freilich, einige der versteckten Schokoladestückchen hatten die Form von Nikoläusen, Engeln und Ähnlichem gehabt, doch ansonsten war es kleines Spielzeug gewesen, das tatsächlich nichts mit Weihnachten zu tun gehabt hatte.
Seine Begleiterin schien zu erkennen, dass er sie verstanden hatte, denn sie fuhr fort: „Es gibt keinen Brauch, der sich nicht immer wieder geändert hätte, Weihnachten schon gar nicht. Ich habe im siebzehnten Jahrhundert gelebt, glauben Sie mir, Sie würden nicht wissen wollen, was ich damals als weihnachtlich empfunden habe. Und dann die Ausbreitung des Christentums über die ganze Erde. Denken Sie nur, bei einer meiner Pilgerreisen habe ich mit einer Dame geplaudert, die in Neuseeland ihr Leben verbracht hatte. Bei denen war Weihnachten ein Sommerfest. Die hat mir erzählt, der Weihnachtsmann sei mit einem Surfbrett über die Wellen dahergeritten gekommen – und hätte trotzdem einen dicken Wintermantel samt Zipfelmütze getragen.“

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Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Neuerscheinung

Kapitel 35: Dei

Kapitel 35: Dei

Edgar verlagert seine Sinnsuche auf die Religion. Da er sich im christlichen Himmel befindet, erhofft er sich im Bereich der gläubigen Christen Antworten auf seine Fragen.

Edgar ließ den Federkiel ins Tagebuch sinken und den Blick über sein Meer schweifen. Er wusste, dass Spekulationen ihn nicht weiterbrachten, doch sie halfen ihm beim Denken. Was bedeutete es, wenn Fred die Wahrheit gesagt hatte? Dass die Bergseelen verschwanden, sobald sie die Berge erreichten? Wohin und warum? Wurden sie von jemandem abgeholt, von Gott zum Beispiel? Wohin wurden sie gebracht und warum? Oder wanderten sie weiter über die Unendlichkeit der Berggipfel hinweg? Und wieder: wohin und warum?
Edgar nahm einen Zug von seiner Zigarre und entließ den Rauch in den Wind.
Warum waren Bergseelen überhaupt so anders und was bedeutete es, dass sie sich aus normalen Seelen heraus entwickelten, wie Fred erzählt hatte? Zumindest, dass sie keine eigene Art von Seelen darstellten, sondern eine Variante der normalen Seelen. Was musste passieren, damit aus einer normalen Seele eine Bergseele wurde? Was musste passieren, damit aus ihm, Edgar, eine Bergseele wurde und was hätte das für Konsequenzen?  Wäre auch er von den normalen Seelen angewidert, würde auch er nicht mehr mit ihnen sprechen wollen und sich augenblicklich zu den Bergen aufmachen?“
Edgar musste feststellen, dass seine Phantasie nicht ausreichte, um sich Antworten auf diese Fragen auszudenken. Vielleicht war das Bergseelendasein ja nichts weiter als eine Krankheit oder eine Mutation, die sie in die Berge führte, wo sie getilgt wurden, damit sie nicht andere ansteckten?
Er führte seine Tagebuchaufzeichnung fort:

Aber selbst wenn ich Freds Erzählung für bare Münze nähme, wozu ich übrigens nicht bereit bin, kann ich es drehen und wenden, wie ich will, ich komme zu keinem schlüssigen Ergebnis. Um eine Erklärung dafür zu finden, wer oder was die Bergseelen sind und was es mit der Bergregion auf sich hat, müsste ich mich selbst auf den Weg zu den Bergen machen, doch dazu fehlt mir jede Motivation. Ich habe keine Lust, eine Zeitdauer im Ausmaß von vielen Erdenjahren allein auf diesem Wüstenplateau zu verbringen, nicht einmal dann, wenn ich Fred glauben würde, dass ich tatsächlich eines Tages bei den Bergen ankommen würde.
Wenn ich ein Resümee aus all meinen bisherigen Erlebnissen ziehe, muss ich feststellen, dass mir weder die Wissenschaft noch die Kunst noch die Erfüllung meiner Wünsche meine Fragen beantworten konnten. Vielleicht ist es an der Zeit, einen esoterischen, einen religiösen Weg einzuschlagen. Das hier ist doch der christliche Himmel, oder nicht? Da möchte ich doch einmal sehen, was die Christen über seine Gestalt und seine Gesetze zu sagen haben!

Im Wandel des farbigen Nebels nahm Edgar bereits Glockenläuten wahr, noch bevor sich die Umgebung formiert hatte. Es waren sehr viele Glocken mit unterschiedlichen Tonhöhen, Lautstärken und Klangqualitäten, deren Chor Edgar spontan an Ostern auf dem Land erinnerte und ein Hochgefühl in ihm auslöste. Unwillkürlich erwartete er in einem Frühlingsidyll zu erscheinen, mit hellgrünen Wiesen, blühenden Bäumen und Blumen auf einer hügeligen Landschaft zwischen verstreut liegenden Dörfern.
Doch das Gelände, das sich um ihn herum auftat, sah völlig anders aus. Zwar gab es hier Hügel, doch die Vegetation wirkte südländisch karg und ihre dominanten Farbtöne waren safrangelb und dunkelgrün. Edgar stand auf einer breiten Straße aus verwitterten Pflastersteinen, die von Seelen ohne Zahl bevölkert war. Sie alle waren zu Fuß unterwegs, die meisten von ihnen mit leichtem Gepäck, kleinen Rucksäcken, Tragetüchern und Wasserschläuchen, je nach dem Jahrhundert, in dessen Stil sie gekleidet waren. Sie alle wanderten in dieselbe Richtung.
Da er keine Ahnung hatte, wie „der Bereich der Christen“ aussah, in den er sich gewünscht hatte, schloss Edgar sich der Masse an und erreichte schon nach wenigen Schritten eine Hügelkuppe, von der sich ihm ein Ausblick eröffnete, der ihm den Atem nahm. In einer schier endlos weiten Senke vor ihm lag eine Stadt, deren Ausdehnung sich am Horizont verlor. Ihr Gesamteindruck mutete ihm wie eine Mischung aus Rom und Jerusalem an, die er beide von Bildern aus seinem irdischen Leben her kannte. Die Häuser waren eher klein, von anscheinend uralter Architektur und hatten ziegelrote Dächer, wohingegen ihre Mauern beigefarben waren. Doch sie wirkten nur wie Raumfüller, wie auch die Straßen nur Trennlinien zu sein schienen zwischen den unzähligen Türmen, Kuppeln und Schiffen all der Sakralbauten, die hier in jeder nur möglichen Größe, Stilausformung und Farbgebung erschaffen waren.
Doch das für Edgar Unglaubliche, Wunderbare, beinahe sogar Heilige dieser Metropole war eine Erscheinung, die er im Mittelfeld zwischen sich und dem Horizont sah. Dort hing, tief über der Stadt, eine Anhäufung von Schönwetterwolken, die insgesamt einen riesigen Wolkenturm etwa in Form einer flachen Pyramide bildeten. Ihr reines Weiß strahlte von innen her, bildete eine glänzende Aura um sie herum und warf mildes Licht auf die Stadt. Mehr noch, aus der flachen Unterseite der Wolke fiel ein goldener Strahl schräg nach unten und beleuchtete einen weißen Dom, welcher solche Ausmaße hatte, dass er den Anblick dieser anscheinend endlosen Stadt vollkommen beherrschte.

Edgar war unbewusst stehen geblieben um all die Eindrücke zu verarbeiten. Die Luft war erfüllt von einem so umfassenden und vielfältigen Läuten, als würden alle Glocken der Stadt gleichzeitig geschlagen. Mit einem Mal wirkte alles hier harmonisch und glückselig auf ihn, sogar der Wind schien warm seine Haut zu umschmeicheln und einen Rosenduft mit sich zu tragen.
Auch viele andere Wanderer hielten beim Anblick der Stadt in Ehrfurcht inne, bekreuzigten sich oder fielen auf die Knie, um zu beten. Erlösung stand in die meisten Gesichter geschrieben, Erlösung und Ergriffenheit. Als einer von vielen setzte schließlich auch Edgar sich wieder in Bewegung und folgte dem Verlauf der scheinbar antiken Pflasterstraße, die ihn direkt in die Stadt hinunter führte.
Eine der Seelen, die neben ihm gingen, starrte ihn an. Es war eine alte Frau, die in ihrer einfachen, zerschlissenen Kleidung mit Kopftuch wie eine ärmliche Bäuerin aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auf ihn wirkte. Sie humpelte, doch ihr strahlendes Lächeln und ihre leuchtenden Augen verrieten ihre tiefe Freude.
Als sich ihr Blick mit dem von Edgar kreuzte, sprach sie ihn an: „Sie sind zum ersten Mal auf Pilgerreise, nicht wahr?“
„Ich weiß gar nicht, ob es eine Pilgerreise ist, aber woran erkennen Sie, dass ich zum ersten Mal hier bin?“
„Kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß es einfach.“
„Ich dachte, wir alle sind zum ersten Mal hier, immerhin gehen wir ja erst auf die Stadt zu.“
Die Alte lachte großmütterlich. „Aber nein, das hier ist eine Pilgerreise. Wir pilgern alle in die heilige Stadt.“
„Wo beginnt der Pilgerpfad?“
„Darauf kommt es doch nicht an, es kommt nur darauf an, dass wir pilgern und dass wir mit unserer Reise unseren Herrn preisen.“
„Ich muss gestehen, ich bin nicht sehr gläubig – war ich nie. Deshalb kenne ich mich mit diesen Dingen auch nicht aus. Wo endet Ihre Pilgerfahrt?“
Die alte Bäuerin musterte Edgar mit einem langen und unergründlichen Blick aus ihren trübblauen Augen, als wollte sie seine ganze Seele erforschen. Als sie antwortete, klang ihre Stimme zurückhaltend und, wie Edgar fand, ein wenig geheimnisvoll: „Im Himmelreich, der Heimat unseres Herrn. Und wenn wir dort sind, werden Sie Ihren Glauben gefunden haben.“
Edgar fuhr ein Schauer über den Rücken. Konnte das sein? War Gott tatsächlich hier zuhause? Ein Teil von ihm, der wundergläubige, kindliche Teil, hoffte still und inbrünstig, dass es so war. Doch sein Verstand sagte ihm, dass dies wohl kaum der Fall sein konnte. Wenn Gott tatsächlich hier wohnte, wäre das im gesamten Himmel bekannt und all die Seelen, mit denen Edgar gesprochen hatte, hätten nicht behauptet, dass noch nie irgendjemand Gott gesehen hätte.

Am Fuß des Hügels angekommen, führte die Straße noch einige hundert Meter schnurgerade durch eine Ebene, bis sie von den ersten Häusern flankiert wurde. Unmittelbar davor stand eine massive Marmortafel am Straßenrand, auf der in römischen Versalien der Name der Stadt eingemeißelt war: „Dei“.
Als er dem Pilgerzug durch die Straßen Deis folgte, war Edgar einmal mehr überwältigt. Hatten die Häuser von der Hügelkuppe aus wie steinerne Hütten gewirkt, erwiesen sie sich nun als mehrstöckige Prachtbauten eines klassizistischen Baustils. Edgar begriff, dass er einer optischen Täuschung unterlegen war, als er die ersten Gotteshäuser passierte: Viele Kapellen, Kirchen, Kathedralen und Dome Deis waren um ein so vieles größer und prächtiger als vergleichbare Gebäude auf der Erde, dass die Häuser der Stadt dagegen unbedeutend wirkten. Freilich gab es auch kleine Sakralbauten hier, doch diese verschwanden geradezu in den Häuserschluchten und waren vom Hügel aus daher wohl gar nicht sichtbar gewesen.
Die Kirchen wiesen die unterschiedlichsten Stile auf, neben wuchtigen romanischen Münstern erhoben sich Rokoko-Kapellen, die wiederum im Schatten von hoch aufragenden gotischen Türmen standen. Zwischendrin sah Edgar auch immer wieder Phantasiestile, die für seinen Geschmack zu kindlich oder zu kurios waren, um einem Gotteshaus die ihm zustehende Würde zu geben. Ähnlich vielfältig war auch die Auswahl der verwendeten Baumaterialien sowie deren Farbgebung. Grün-weißer Marmor, schwarzer Sandstein, goldgesprenkelter Granit, bunt bemaltes Holz, nackte Stahlträger und vieles andere verwandelten Dei in ein buntes Durcheinander, das alle Kombinationen zuließ.
Merkwürdigerweise fügte sich dieses Sammelsurium der Architektur zu einem harmonischen Ganzen zusammen, wie das wohl nur im Himmel möglich war. Edgar führte dies auf die große Gemeinsamkeit zurück, die jedes Gebäude der Stadt teilte, nämlich die der Verehrung Gottes.

In Dei wurde der irdische Tag-Nacht-Rhythmus eingehalten. Nur daran erkannte Edgar, dass sein Weg durch die Stadt viele Tage dauerte, denn es verging keine Sekunde, in der er sich langweilte. Tagsüber kamen ihm bunte, bombastische Umzüge mit fröhlichen Gesängen entgegen, nachts stille Prozessionen, deren Teilnehmer in Mönchskutten gekleidet waren und große Kerzen vor sich hertrugen. Er sah Feldmessen auf kleinen, grasbewachsenen Hügeln, die plötzlich zwischen zwei Straßenzügen auftauchten, sowie Straßenfeste mit modernen Bands, die einem ekstatischen Publikum Popsongs mit christlichen Texten vortrugen. Einzelne Prediger prophezeiten unterschiedliche bevorstehende Ereignisse und immer wieder saßen Gläubige in Betzirkeln am Boden und schoben die Kugeln von Rosenkränzen durch ihre Finger.

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Roland Zingerle

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Neuerscheinung

Kapitel 34: Andrea – und keine neue Wahrheit

Kapitel 34: Andrea – und keine neue Wahrheit

Edgars Sinnsuche erhält von Andrea einen Dämpfer. Zwar weiß auch sie nicht mehr über die Bergseelen, doch kennt sie Fred von früher und glaubt ihm kein Wort.

„Was war das da gerade?“ Edgar zeigte hinter sich, als befände sich dort der Schauplatz, den sie soeben verlassen hatten.
Andrea lächelte. „Ein Pseudo-Mittelalterbereich, gegründet von Mittelalter-Fans.“
„Wieso ‚pseudo‘?“
„Weil es nicht das echte Mittelalter darstellt, sondern die neuzeitliche Vorstellung davon. Obwohl auch ein paar echte Ritter unter den Beteiligten sind.“
„Echte Ritter? Du meinst Adlige aus der Zeit der Monarchie?“
„Nein, ich meine echte Ritter aus dem echten Mittelalter.“
„Mach Sachen! Und denen gefällt es, wie wir uns ihre Zeit vorstellen?“
„Zum Teil, ja. Es sind Leute, die mit der Zeit gegangen sind, so wie ich.“
„Das geht wirklich? Ich meine, dass man sich über all die Jahrhunderte hinweg mit ändert? Bleibt nichts übrig von der Zeit, aus der man stammt?“
„Doch schon. Gewisse Verhaltensmuster lassen sich offenbar nicht mehr ausbügeln. Das kommt wohl daher, dass man als Kind auf die Kultur geprägt wird, in der man aufwächst. Bei den Seelen aus dem Mittelalter kommt außerdem noch eine extreme Fixierung auf den Glauben hinzu.“
„Wie äußert sich das? Ich meine, wir befinden uns hier ja im christlichen Himmel.“
„Ach, Christentum ist nicht gleich Christentum, auch der Glaube verändert sich mit der Gesellschaft. Zum Beispiel kommen meine Freunde aus dem Mittelalter mit der Gleichstellung von Mann und Frau nicht zurecht. Entweder erheben sie die Frauen zu gottähnlichen Wesen, denen sie dann dienen wollen oder sie behandeln sie wie Dreck. Ein gleichberechtigtes Miteinander ist offenbar nicht drin. Ähnlich verkrampft ist auch ihr Zugang zum Humor: Gewisse Späße finden sie nicht lustig. Sie leben noch zu sehr in der Angst, das Lachen über christliche Werte würde ihnen als Blasphemie ausgelegt werden und sie ins Fegefeuer stürzen.“
„Von wem?“
„Na, von Gott, von wem sonst?“
„Entschuldigung.“
Andrea sah Edgar aus den Augenwinkeln heraus an und schmunzelte, während sie mit erotisch geschürzten Lippen den ersten Schluck Mojito durch den Trinkhalm sog. „Du hast mir gefehlt, weißt du das?“
Edgar grinste breit. Offensichtlich erwartet sie, dass er dieses Kompliment erwiderte, weshalb er gar nicht daran dachte, sondern sich nur dafür bedankte. Andrea stieg nicht darauf ein, sondern wechselt das Thema. „Du hast vorhin gesagt, du hättest mich gesucht.“
„Ja, ich möchte deine Meinung hören.“ Edgar erzähle nun auch Andrea in wenigen Sätzen, was mittlerweile geschehen war und dass er fest entschlossen sei, das Geheimnis des Himmels zu lüften. „Ein lohnenswerter Weg wäre, die Bergseelen zu befragen“, schloss er, „aber was ich so über die gehört habe, ist es nicht leicht, an sie heranzukommen. Ich habe mir gedacht, ich frage dich, ob dir dazu etwas einfällt.“
„Weil ich schon viel älter bin als du?“
„Ja.“ Edgar quittierte ihr verschmitztes Lächeln wieder mit einem Grinsen. „Vor allem aber deshalb, weil du dir ähnliche Gedanken machst und den Himmel schon lange Zeit mit diesen Gedanken betrachtest. Außerdem hast du hier schon viel mehr erlebt als ich, da wäre es doch möglich, dass du eine Bergseele kennst.“
„Nein, da muss ich dich enttäuschen. Niemand kennt eine Bergseele und wenn, dann war die Bekanntschaft von sehr kurzer Dauer. Irgendetwas ist anders mit denen, sie sind so fremd.“
„Du hast also auch schon einige von ihnen gesehen?“
Andrea räusperte sich peinlich berührt. „Nein, ich rede nur nach, was ich von anderen gehört habe. Ich war einmal in der Bergregion, zusammen mit ein paar Typen, die die Berge erkunden wollten. Allerdings war ich nicht lange mit dabei, es war mir zu fade. Einen von den Typen habe ich irgendwann später wieder getroffen und er hat mir dieselbe Geschichte erzählt, die alle erzählen, die in die Berge wollten.“
„Die ist mir bekannt“, unterbrach Edgar, damit Andrea sie nicht noch einmal wiederholte.
„Ich kenne viele, die in der Bergregion waren“, fuhr sie fort, „ich kenne einige, die das Erscheinen und Verschwinden von Bergseelen miterlebt haben, aber ich kenne niemanden, der je die Berge erreicht, geschweige mit einer Bergseele gesprochen hätte.“
„Auch keinen, der eine Bergseele vor ihrer Verwandlung gekannt hat?“
„Was meinst du?“
Edgar erzähle ihr, was er von Fred erfahren hatte, nämlich wie eine Seele sich vor seinen Augen in eine Bergseele verwandelte und dann in der Bergregion verschwunden sei.
Andrea schüttelte verwundert den Kopf. „Interessant, das höre ich zum ersten Mal.“
„Mein Problem ist, dass ich das Phänomen der Bergseelen gerne verstehen würde. Ich habe hier im Himmel noch nichts erlebt oder noch keine Geschichte gehört, die exotischer gewesen wäre, als die Erzählungen über die Bergseelen und die Bergregion, in der sie offenbar alle verschwinden.“
Andrea dachte nach, ehe sie langsam antwortete: „Du hast Recht, von allen Ausnahmen der Regel sind sie die außergewöhnlichste.“
„Welche gibt es denn noch?“
„Die Träumer zum Beispiel. Oder die Exilanten und die große Bestrafung.“
„Bleiben wir bei den Bergseelen. Hast du je eine Erklärung dafür gehört, was die in den Bergen tun?“
„Wie gesagt, es war noch niemand dort. Man nimmt an, dass sie gemeinsam dort leben, in den Bergen.“
„Dort ist aber niemand.“
Andreas Augen weiteten sich. „Woher willst du das wissen?“
„Ich kenne einen, der dort war. Er sagt, er hätte künstlich geschaffene Höhlen gefunden, aber sie seien alle leer gewesen. Er hätte niemanden angetroffen; keine Menschenseele, sozusagen.“
Andrea sprang von ihrem Hocker, rang auf den High Heels für einen Moment um ihr Gleichgewicht und hielt sich schließlich am Tresen fest. Sie fixierte Edgar. „Wer war dort?“
„Fred.“
Edgar hatte schon öfter erlebt, dass eine Seele eine andere aus einer Erzählung erkannte, obwohl diese nur beim Vornamen genannt wurde, wie das im Himmel üblich war. Er führte das auf die intuitive Art der Kommunikation zurück, denn auch wenn er glaubte, dass er sich mit Wörtern mitteilte, so waren diese nichts weiter als sein Sinneseindruck; er konnte genauso gut via Gedankenübertragung kommunizieren. Das wirkte sich auf die Nennung von Namen aus, denn erzählte er zum Beispiel von Fred, so wussten Zuhörer, die Fred kannten, dass Edgar genau diesen und nicht irgendeinen anderen Fred meinte, genauso wie sie bei Nennung eines anderen Freds wussten, dass nicht der gemeinsame Bekannte gemeint war. Die Identität einer genannten Seele war offenbar in deren Namen mitverpackt.
Edgar hatte nicht gewusst, dass Andrea und Fred einander kannten, doch sie war auf Anhieb darüber im Bilde, wen er meinte.
„Vergiss Fred“, rief sie, „Fred ist ein Wichtigtuer, ein Hochstapler, ein Herumtreiber, ein Besserwisser. Wenn der dir was erzählt, darfst du von vornherein nur die Hälfte glauben und vom Rest ist wahrscheinlich auch nur die Hälfte wahr, wenn überhaupt.“
„Was ist denn los?“
„Nichts ist los. Fred ist los. Vergiss Fred.“
„Was hast du für ein Problem mit ihm?“
„Das habe ich doch gerade gesagt, glaube ich.“
„Hör zu: Fred hat mich nach meiner Ankunft hier in den Himmel eingeführt. Ich verdanke ihm viel und mir hat er nie die Unwahrheit gesagt.“
„Das glaubst du nur, weil du es nicht nachprüfen kannst.“
Edgar spürte, wie er ungehalten wurde. „Jetzt mach aber einen Punkt.“
„Wer sollte schon nachprüfen, was er über die Bergregion erzählt? Niemand war dort. Er kann dir sonst was erzählen und du kannst es nicht kontrollieren.“
„Er hat keinen Grund, mich anzulügen.“
„Na, und ob er den hat. Er will sich wichtigmachen. Und wer ist wichtiger als einer, der ein ewiges Rätsel gelöst hat?“
„Ich habe ihn danach gefragt und er wollte zuerst gar nicht darüber sprechen. Jetzt weiß ich, warum.“
„Ja, damit er noch wichtiger erscheint.“
„Nein, weil er weiß, dass ihm niemand glaubt. Warum ist es für dich so unmöglich, dass er dort war?“
„Weißt du, wie viele Seelen ich kenne, die ernsthaft versucht haben, die Berge zu erreichen? Und er soll der Einzige sein, der es tatsächlich geschafft hat? Lächerlich!“
„Vielleicht hatte er einfach mehr Durchhaltevermögen, als alle anderen?“
Andrea presste die Lippen zusammen. Als sie weitersprach, klang ihre Stimme leise. „Ich kann dir dazu nur eines sagen, Edgar. Ich habe mit Fred so meine Erfahrungen gemacht. Keine guten Erfahrungen, verstehst du? Die Geschichte, die er dir erzählt hat, passt haargenau in das Bild, das ich von ihm habe. Ich weiß, ich kann dich nicht davon überzeugen, dass er lügt und ich habe keinen Gegenbeweis. Aber tu dir selbst bitte einen Gefallen und nimm das, was er sagt nicht als Grundlage für irgendeine Schlussfolgerung. Solange du selbst nicht dort warst, ist seine Erzählung nicht mehr wert als die Annahme, die Bergseelen würden miteinander in einer abgeschlossenen Exklave in den Bergen leben. Und jetzt muss ich zurück zum Turnier, ein Freund kämpft dort mit meinen Farben.“ Mit einem schlürfenden Geräusch trank Andrea ihren Mojito aus, dann löste sie sich in einem schwarz-hautfarbenen Nebel auf.
Edgar blickte entgeistert noch ein paar Sekunden auf die leere Stelle, die sie hinterlassen hatte, dann stieß er hervor: „Meine Güte, ist die sauer!“

* * *

Mit einer Zigarre auf meinem Felsen, vor mir der Ozean. Das Leben im Himmel gibt mir eine Menge zu denken und ich frage mich schön langsam, ob ich der Einzige bin, der sich solche Gedanken macht oder ob ich wenigstens zu einer Minderheit gehöre. Klar, auch Andrea macht sich Gedanken über den Sinn ihrer Existenz, über Gott und die Beschaffenheit des Himmels, auch Fred und Ebenezer und andere, die ich getroffen habe, doch habe ich nicht den Eindruck, dass sie sich von diesen Gedanken in ihrem Alltag stören lassen.
Bei mir ist das anders, denn mein Alltag wird von diesen Gedanken bestimmt.
Vor allem die Aussagen von Fred und Andrea haben mich schwer ins Grübeln gebracht, denn sie können nicht beide recht haben. Stimmt Andreas Aussage, lügt Fred, stimmt Freds Aussage, ist Andreas Anschuldigung falsch. Ich habe keine Ahnung, was zwischen den beiden vorgefallen ist, doch Andrea würde nicht so über Fred reden, wenn sie nicht schwerwiegende Gründe dafür hätte. Andererseits vertraue ich Fred, und auch wenn er einen gewissen Geltungsdrang hat – warum sonst führt er neu ankommende Seelen in den Himmel ein? –, habe ich nie erlebt, dass er mich oder jemand anderen gezielt angelogen hätte.
In einem zumindest stimme ich Andrea zu: Ich werde Freds Erzählung nicht als Basis für weitere Überlegungen nehmen.
Damit stehe ich allerdings wieder am Anfang meiner Überlegungen, denn ansonsten habe ich nichts Neues erfahren, das mich zu weiteren Schlussfolgerungen führen könnte. Das bedeutet, ich bin wieder auf Spekulationen angewiesen.

Roland Zingerle

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Kapitel 33: Das Geheimnis der Bergregion

Kapitel 33: Das Geheimnis der Bergregion

Edgars Intuition erweist sich als richtig: Fred weiß nicht nur über die Bergregion Bescheid, er war sogar selbst dort – in den Bergen.

„Wie geht es dir?“, fragte Fred und Edgar erwiderte:
„Danke, ich habe mich gut eingelebt.“
Fred lachte. „Gut eingelebt? So lange, wie du schon hier bist, könntest du den Himmel regieren! Hast du dich irgendwo niedergelassen?“
„Nein, ich habe mich herumgetrieben, so wie du.“ Nun lachten sie beide. „Mir ist da eine Frage untergekommen, die du mir vermutlich beantworten kannst. Oder anders: Wenn du sie mir nicht beantworten kannst, dann niemand.“
Fred musterte ihn gespielt geschmeichelt. „Oho, was magst du trinken?“
„Hast du einmal Zeit für mich?“
„Zeit?“ Freds Augen schnellten zu Heimo und zurück, dann schob er sich mit einem Finger die Brille den Nasenrücken entlang nach oben und musterte Edgar mit zuckendem Gesicht. „Ich habe gerade unserem Junior hier erklärt, dass Zeit keine Relevanz hat und jetzt diese Frage von dir?“
„Ich weiß nicht, ob du Heimo schon weit genug in unser Paradies hier eingeführt hast, ich will ihn mit meiner Frage nicht verunsichern.“
„Verunsichern? Wir sind im Himmel!“
Edgar schluckte seinen Ärger hinunter. Da Fred ihn offensichtlich nicht Ernst nahm, ließ er ihm keine andere Wahl, als mit der Tür ins Haus zu fallen. „Was weißt du über die Bergseelen?“
Fred starrte Edgar an, räusperte sich, richtete seine Brille. „Okay, ich verstehe. Vielleicht … Heimo, wir haben doch über diesen Ort gesprochen, an dem du im Kern deiner selbst bist. Wünsch dich jetzt dorthin.“
Heimo bekam einen verzweifelten Gesichtsausdruck, stammelte: „Ich weiß nicht … ich weiß nicht …“, doch Fred ließ es zu keiner Diskussion kommen:
„Du musst nichts wissen oder tun, du musst es nur in dir orten. Dann wünschst du dir dort zu sein und das war’s.“
Heimo blickte Fred verständnislos an, doch schon begannen seine Konturen zu verschwimmen. Während er sich in Nebeln auflöste, grinste Fred. „Siehst du? Wirkt schon“, und als er Edgar lächeln sah, fragte er: „Was ist?“
„Mit genau denselben Worten hast du auch mich damals in mein Refugium geschickt.“
„Gewisse Dinge werden Routine, wenn man sie oft genug macht. Du hast mich nach den Bergseelen gefragt, wie kommt‘s dazu?“
Edgar erzählte Fred in kurzen Worten von seiner Erforschung der Beschaffenheit des Himmels und von seiner Suche nach dem Sinn, den Himmel und Erde im Universum hatten. Während Fred zuhörte, schien all die Verspieltheit, die sein Wesen ausmachte, vorübergehend verschwunden zu sein.
„Mit wem auch immer ich geredet habe, jeder hat gesagt, nur Gott könne meine Fragen beantworten oder bestenfalls die Bergseelen“, endigte Edgar.
Fred erwiderte nichts, lange Zeit, blickte regungslos zu Boden. Er wusste etwas, das spürte Edgar genau, doch er überlegte wohl, ob oder wie viel er preisgeben sollte. Als er schließlich den Blick hob und zu sprechen begann, war es, als verstummte der restliche Himmel. „Was immer du für Gerüchte gehört hast: Vergiss sie. Ich war dort. Ich war in den Bergen.“
„Das gibt‘s nicht“, entfuhr es Edgar, „jeder der in der Bergregion unterwegs war hat mir erzählt, dass …“
„Ich war dort!“ In Freds Augen schimmerte ein Ernst, den Edgar gar nicht von ihm kannte. „Und dort ist nichts. Ich bin auf den höchsten Gipfel geklettert, den ich finden konnte, und habe mir einen Überblick verschafft. Außerhalb des Gebirgsringes gibt es nichts anderes als Berge bis zum Horizont.“
„Und die Bergseelen?“
„Ich habe keine dort angetroffen, nicht eine einzige. Am Fuß des Gebirges habe ich jede Menge Höhlen gefunden, die offenbar künstlich angelegt worden sind, aber sie waren alle leer.“ Fred sah ihn hart an, endgültig, als gäbe es nicht mehr dazu zu sagen.
Doch er war Edgars einzige Quelle, seine einzige Chance auf ein bisschen Licht in dem Dunkel, in dem er tappte. „Erzähl mir mehr, erzähl mir alles.“
Fred wand sich, wollte offensichtlich nichts weiter dazu sagen, spürte aber wohl, wie wichtig die Sache für Edgar war, zu wichtig, als dass dieser je wieder locker lassen würde. „Das alles ist verdammt lange her“, begann er schließlich. „Ich war Zeuge, wie sich eine Seele in eine Bergseele verwandelte, und bin ihr gefolgt.“
„Was meinst du damit, sie verwandelte sich?“
„Vor meinen Augen. Es war Monica, eine Frau, mit der ich für einige Zeit durch den Himmel zog. Sie war von Haus aus sehr ernst und vergeistigt und auch noch nicht lange tot, wenn ich mich recht erinnere. Und dann, von einem Augenblick auf den nächsten, veränderte sie sich komplett. Sie wurde größer, dünner und ihr Wesen war uns anderen Seelen mit einem Mal völlig fremd. Sie sah uns an, als würde sie unsere Gegenwart anwidern und im nächsten Augenblick verschwand sie mit einem Knall in einer sehr großen, sehr energiegeladenen Farbwolke.“
Edgar nickte, Ähnliches hatten auch Helmut, Andi und Franz von ihrer Begegnung mit der Bergseele erzählt.
„Und du bist ihr gefolgt?“
„Klar! Ich kannte Monica immerhin und wollte wissen, was mit ihr los war. Ich erschien in der Mitte der Ebene dieser – wie hast du es genannt, Bergregion? Monica war schon losmarschiert, reagierte nicht auf meine Rufe und so schnell ich ihr auch nachlief, ich schaffte es nicht, sie einzuholen. Ich wünschte mich zu ihr hin, doch es gelang nicht, also lief ich ihr nach, so schnell und so lange es ging.“
„Wie lange?“
„Was willst du hören, eine Uhrzeit? Ich weiß nicht wie lange; verdammt lange jedenfalls! Aber es war frustrierend, denn je länger die Verfolgung andauerte, umso weiter entfernte sich Monica von mir und ich konnte nichts tun, um diesen Abstand zu verringern. Irgendwann war sie in der Weite vor mir verschwunden. Ich hatte damals noch andere Vorstellungen vom Himmel und wollte mich nicht geschlagen geben. Deshalb lief ich weiter in die Richtung, in der sie vor mir gegangen war.“
„Wie hast du diese Richtung so exakt einhalten können?“
„Das war deshalb möglich, weil ich, so lange ich sie noch im Blickfeld gehabt hatte, direkt über ihr ein markanter Berggipfel am Horizont aufragen gesehen hatte und an diesem orientierte ich mich von da an. Ich habe diesen Gipfel so lange gesehen, dass ich seine Form nie mehr vergessen werde. Mein Weg war lange, einsam und entmutigend, denn diese verdammten Berge wollten einfach nicht und nicht näher rücken. Auch konnte ich zwischendurch nicht in eine andere Region und später wieder zurückwechseln, sonst wäre ich wieder am Ausgangspunkt gelandet. Bei einem meiner anfänglichen Versuche, die Distanz zu Monica zu überwinden, hatte ich mich aus der Bergregion hinaus- und dann erneut zu ihr hingewünscht und da war ich am selben Punkt erschienen, wie beim ersten Mal. Ich sah sogar meine eigenen Fußspuren im Sand, die von dort weg führten. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als stur zu bleiben, mir nichts zu wünschen und ständig weiterzulaufen, wenn ich die Berge erreichen wollte. Wobei, um die Berge ging es mir ja nicht, sondern um Monica.“
„Hattest du eine engere Beziehung zu ihr?“
„Keine außergewöhnliche, nein, es erschreckte mich nur, was mit ihr passiert war und ich verlangte eine Erklärung. Ich weiß nicht, wie lange ich unterwegs war, Ede, ich weiß es wirklich nicht! Zeit hat keine Relevanz im Himmel, aber der Zeitraum, den ich dort verbrachte, war trotzdem gewaltig. Die Zweifel in mir wurden immer lauter und bald stellte ich mir die Frage nach der Sinnhaftigkeit meines Weges – aber durch all das hindurch schimmerte stets eine andere, die wirklich große Frage: Warum darf ich die Berge nicht erreichen? Jedenfalls verbrachte ich buchstäblich eine halbe Ewigkeit in ununterbrochenem Sprintlauf, bis eines Morgens völlig unerwartet ein Vorgebirge in Sicht kam. Von da an schien die normale Entfernungswahrnehmung wieder zu funktionieren. Ich erklomm die Felsen und fand diese Höhlen, doch von Monica war weit und breit keine Spur. Also stieg ich auf die Berge, kletterte von einem Gipfel auf den nächsten, bis ich den höchsten erreicht hatte. Der Blick über die Bergkette hinaus, der mir nur immer weitere Berge bis zum Horizont zeigte, war so entmutigend, dass ich am liebsten verzweifelt wäre, das darfst du mir glauben! Auch der Blick zurück war nicht freundlicher, denn die scheinbar endlose Ebene, die ich durchlaufen war, sah von dort oben aus wie ein Zweitagesmarsch. Es war, als zeigte mir der Himmel den Stinkefinger, als wollte er mir sagen: Hier gibt es nichts für dich, du bist hier nicht erwünscht.“ Eine unangenehme Pause entstand, in der Fred direkt in seine Erinnerung zu starren schien. „Ich wollte Heimo nicht erschrecken“, sprach er schließlich weiter. „Die Bergseelen sind wahrscheinlich das größte Mysterium des Himmels, das möchte ich den Neuankömmlingen nicht aufbürden, wenn sie gerade erst dabei sind, sich hier einzufinden.“
„Was … was bedeutet das? Ich meine, diese seltsame Region und diese seltsamen Seelen, die dort einfach verschwinden?“
Fred sah Edgar direkt in die Augen. „Weißt du, wie oft ich mir diese Frage schon gestellt habe? Die Antwort ist: Ich weiß es nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ich habe nicht einmal einen Anhaltspunkt für eine Vermutung.“

* * *

Als sich die bunten Nebel ordneten und klärten, staunte Edgar nicht schlecht, denn er fand sich an einem Holzgeländer stehend, das ihn von einem mittelalterlichen Turnierplatz trennte. Neben ihm und um die ovale Wettkampfarena herum standen hunderte mittelalterlich gekleidete Seelen und Figuren und jubelten, winkten und schrien. Auf dem Turnierplatz ritten soeben zwei Ritter gegeneinander an, das anschwellende Hufgetrappel wirkte aggressiv auf Edgar und ließ den Boden unter seinen Füßen vibrieren. Als die Kontrahenten aufeinandertrafen, zersplitterten ihre Lanzen mit einem Knall, als bestünden sie aus Zahnstochern, die mit Papier in die Form einer Lanze gerollt worden waren. Der nun auftosende Jubel war ohrenbetäubend.
Irritiert blickte sich Edgar nach Andrea um, denn zu ihr hatte er sich gewünscht, als er hier gelandet war. Er sah sie wenige Meter neben sich auf einer Tribüne, die offenbar für die Damen und Herren der höheren Stände reserviert war – zumindest ließ die Pracht von deren Bekleidung darauf schließen. Andrea stand auf dem untersten Rang, sie trug ein dickes grünes, mit Gold besticktes Kleid. Edgar fand, dass sie edel darin aussah, richtig aristokratisch; es passte zu ihr. Er drängte sich durch die Leute zu der Tribüne hin und rief ihren Namen.
Andrea blickte sich verwundert um, und als sie ihn sah, verwandelte sich ihre Miene in ein strahlendes Lächeln. Sie beugte sich zu Edgar herunter und gab ihm einen Kuss. „Was machst du denn hier?“
Obwohl sie die Worte rief, verstand Edgar sie durch den Lärm des Jubels kaum. „Dich suchen, was sonst? Was ist das hier? Lebendiges Mittelalter?“
„Iwo, nur ein Ritterspiel – allerdings mit Ausnahmen.“
„Ich verstehe nicht ganz.“
Andrea setzte ein unzufriedenes Gesicht auf und sah sich um, als fände sie die Antwort auf eine Frage irgendwo in ihrer Umgebung. Dann nahm sie Edgars Hand und schon im nächsten Augenblick löste sich das mittelalterliche Ambiente in Nebel auf, welche sich zu einer Jazzbar umformten. Die Bar war kaum besucht und anstelle einer Band spielte die Beschallungsanlage dezente Salonmusik. In Edgars Ohren sirrte es noch von dem Lärm auf dem Turnierplatz, doch der Wechsel war ihm sehr angenehm. Das lag auch daran, dass Andrea ihr Aussehen angepasst hatte: Sie trug jetzt ein hautenges Cocktail-Minikleid, Nylonstrümpfe und High Heels, alles in Schwarz. Ihr Gesicht war dezent geschminkt und ihr Haar einseitig hochgesteckt. Ihr gesamtes Aussehen raubte Edgar schier den Atem.
Als sie sich auf einen Barhocker setzte und einen Mojito bestellte, folgte er ihrem Beispiel.

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Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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