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Kapitel 3: Himmel oder Hölle

Kapitel 3: Himmel oder Hölle

Edgar wird Teil der Glückseligkeit – aber nicht lange.

Da Edgar nun imstande war, die Lebenden von den Toten zu unterscheiden, fiel ihm auf, wie viele Tote oder in einem Zwischenzustand von Leben und Tod befindliche Seelen sich allein in seiner Sichtweite befanden. Etwas weiter gangaufwärts stand ein Krankenbett, in dem regungslos die Seele einer alten Frau lag. Dahinter schlurfte gebückt die Seele eines älteren Mannes heran, die bei jedem – egal ob lebend oder tot – stehenblieb und bettelnd die Hand aufhielt. Gangabwärts saßen zwei Seelen auf Besuchersesseln, die den Eindruck erweckten, sie würden miteinander Schach spielen, obgleich sich kein Brett zwischen ihnen befand. Vor ihnen, in der Mitte des Flurs, stand die Seele einer Frau mittleren Alters, die jeden Menschen an- und somit durch ihn hindurch sprang, der an ihr vorbeikam; anscheinend eine Art Zeitvertreib.
Edgar fragte sich, wie viele dieser Seelen sich ihrer Situation bewusst waren und nur darauf warteten, bis ihre Körper starben oder reanimiert wurden. Irgendwie fühlte er sich wie in der Wartehalle eines Bahnhofs, von dem Züge ins Leben oder in die Ewigkeit abfuhren.
Wenn aber schon auf diesen paar Metern so viele Seelen wandelten, so überlegte Edgar weiter, wie viele mussten es dann im ganzen Krankenhausareal sein? Wenn er daran dachte, wie oft er zu seinen Lebzeiten beruflich in Krankenhäusern unterwegs gewesen war: Wie viele solcher Seelen hatte er wohl angetroffen, ohne es geahnt zu haben? Wie viele von ihnen hatten ihn wohl um Hilfe gebeten, waren durch ihn hindurchgegangen oder hatten ihm aus Langeweile ein Bein gestellt?
Und wie viele waren es außerhalb des Krankenhauses? Die ganze Stadt musste nur so von Seelen wimmeln, die ihre Lage nicht begriffen oder die an ihre dahinsiechenden Körper gebunden waren. Sie irrten auf den Gehwegen und in den Einkaufszentren umher, kreuzten die Pfade der Lebenden, saßen unentschlossen und verständnislos in Parks und Wartezonen und wussten nicht, dass sie tot waren oder wann sie es sein würden.
„Wie schrecklich“, entfuhr es Edgar.
Der Silberne schien seine Gedanken zu lesen, denn er erklärte: „Solche Seelen sind die Ausnahme, nicht die Regel. Vergiss nicht: Ein Krankenhaus ist ein Ort, an dem die meisten Leben enden und durch die medizinische Behandlung gibt es hier auch die meisten Zwischenstufen zwischen Leben und Tod. Da häufen sich solche Schicksale.“
Edgar musterte seinen silbernen Sitznachbarn und fragte sich mit einem Mal, wer er wohl war, dass er so viel wusste. Er betrachtete seine sachte pulsierende Aura und stellte fest, wie wundervoll sich der schiere Anblick dieses fließenden Schimmerns anfühlte. Mit einem Mal wusste er die Antwort: „Du bist ein Engel, habe ich Recht?“
„Ich bin dein Begleiter. Ich bringe dich nach drüben.“
„Ein Engel, der mich in den Himmel bringt.“
„Ich habe viele Namen in den verschiedenen Kulturen.“
„Was muss ich tun?“
„Du musst innerlich dazu bereit sein, diese Welt zu verlassen.“
„Woran erkenne ich, dass ich so weit bin?“
„Daran, dass dich nichts mehr hier hält.“
Edgar seufzte tief und zitternd. Er dachte an seine Frau und seine Kinder; sie waren die Einzigen, die ihn im Diesseits gehalten hätten. Aber wenn er bisher etwas verstanden hatte, dann, dass er nicht mehr an ihren Leben teilhaben konnte. Und die Vorstellung, als unsichtbarer Außenstehender zuzusehen, wie sie trauerten, wie sich Heike schließlich einen neuen Mann suchen und Matthias und Anni heranwachsen würden, ohne ihn auch nur wahrzunehmen, war für Edgar unerträglich schmerzhaft. „Ich glaube, ich bin hier fertig“, sagte er darum.
„Möchtest du dich noch von jemandem verabschieden? Oder möchtest du dich bei jemandem entschuldigen?“
Edgar schüttelte bereits den Kopf, noch während er überlegte. Die wichtigsten Rechnungen waren beglichen und vor dem Abschiedsschmerz hatte er große Angst. Freilich hätte er gerne noch einmal seine Eltern gesehen, doch er getraute sich nicht. Mittlerweile hatte Heike sie längst über seinen Tod informiert und wahrscheinlich saßen gerade alle beisammen und trauerten in schierer Verzweiflung um ihn. Edgar würde es nicht ertragen können, sie das letzte Mal in diesem Schmerz zu sehen, einem Schmerz, den er verursacht hatte und den er nicht mindern konnte. Da würde er sie lieber so in Erinnerung behalten, wie sie für ihn waren: fröhlich, stark, zuversichtlich – und etwas eigensinnig.
Ansonsten waren ihm nur noch die Kollegen aus der Arbeit und die Freunde vom Fußballverein nahe, doch die einen hatte er gestern bei der Karnevalsparty getroffen und die anderen hatten vom Verein aus gefeiert. Die beiden Feste hatten sich jedes Jahr überschnitten, weshalb Edgar sie immer abwechselnd besucht hatte. Vermutlich bekämpften alle, die ihm lieb waren, gerade ihre Kater mit Bier oder Prosecco und machten niveaulose Witze. Das hätte Edgar zwar gefallen, doch wäre er auch hier nur ein Zaungast gewesen. Es war kein echter Abschied, wenn nur eine Seite Lebewohl sagte.
„Nein“, wisperte er, „ich glaube, ich bin hier fertig.“ Eine tiefe, alles einnehmende Traurigkeit umfing ihn. Er begriff, dass er jetzt gehen musste und dass alles, was er bisher gekannt und getan hatte, in wenigen Augenblicken nicht mehr sein würde, als Erinnerung.
„Es ist in Ordnung.“ Der Klang der Stimme des Silbernen beruhigte Edgar und er spürte, dass sein Begleiter ihn an der Schulter berührte. Es fühlte sich warm an, herzenswarm, schenkte Edgar ein Gefühl von Trost und Zuversicht. Er blickte noch einmal den Gang hinauf und sah, wie eine Pflegerin eine junge, anscheinend unversehrte Frau am Arm führte, die bitterlich weinte.
„Bitte nehmen sie hier Platz“, sagte die Pflegerin mitfühlend, „wir geben Ihnen Bescheid, sobald wir Näheres wissen.“
Edgar erkannte, dass das Schicksal gerade nach dem Nächsten griff und spürte tiefes Mitleid mit der jungen Frau. Er hoffte inständig, sie würde eine bessere Nachricht bekommen als Heike. Die Junge setzte sich langsam, nicht ahnend, dass sie dabei den Platz eines der Schachspieler einnahm, den das aber nicht zu kümmern schien.

Als Edgar bemerkte, dass die Umgebung heller wurde, glaubte er zunächst, die Gangbeleuchtung würde hinaufgedimmt, doch dann erkannte er, dass seine Wahrnehmung von der körperlichen Welt schwächer wurde. Die Kontraste schienen sich langsam in einem Nebel aus weißem Licht aufzulösen. Dieses immer intensiver werdende Weiß hatte jedoch nichts Störendes an sich, im Gegenteil, es wirkte auf Edgar wie ein Licht gewordenes Glücksgefühl, das ihn immer mehr und mehr in sich aufnahm. Er sah sich zum Silbernen um, doch dieser war verschwunden, an seiner Stelle befand sich nun der hellste Punkt des Lichts.
War das der Tunnel, von dem die Menschen nach Nahtoderfahrungen berichtet hatten, sie seien durch ihn hindurch ins Jenseits gelangt? Edgar hätte dieses Licht zwar nicht als Tunnel beschrieben, konnte aber verstehen, dass es als ein solcher aufgefasst werden konnte. Es war auch nicht so, dass er durch das Licht hindurchging, viel mehr breitete sich die Lichtquelle mehr und mehr aus und nahm ihn dadurch mehr und mehr ein, bis er schließlich vollends von diesem Weiß umhüllt, aufgenommen und durchdrungen war, das sich wie die Essenz von Wärme und Glückseligkeit anfühlte.

Edgar hatte sich nie wirklich für Religion interessiert. Er hatte Ostern gefeiert und Weihnachten und er hatte sich gefreut, wenn ihm ein kirchlicher Feiertag einen arbeitsfreien Tag bescherte, doch hätte man ihn gefragt, wie der jeweilige Feiertag hieß oder gar, welche Bedeutung er hatte, hätte er mit nicht mehr als einem gleichgültigen Schulterzucken antworten können. Sowohl seine als auch Heikes Familie hatten durchaus traditionsverbunden gelebt, aber weder seine noch Heikes Eltern waren gläubig genug gewesen, um in die Kirche zu gehen und deshalb hatten Edgar und seine Frau es genauso gehalten.

Und jetzt war er hier, im Himmel. Seine Seele schwebte darin, mehr noch: Sie war ein Bestandteil davon, wie ein Wassertropfen Bestandteil des Ozeans war. Er nahm sich selbst nicht mehr als menschlichen Körper wahr, sondern als gestaltlosen Teil seiner Umgebung. Und diese Umgebung war reines Weiß, hell und warm, und mehr ein Zustand als ein Sinneseindruck. Der Himmel hatte keine Farbe, er war ein Gefühl; ein Gefühl von unendlicher Geborgenheit und Glück.

Zeit seines Lebens hatte Edgar all jene mitleidig belächelt, die an so etwas wie einen Himmel, den lieben Gott und die Engel geglaubt hatten, hatte auf sie herabgeblickt und sich dadurch aufgeklärter gefühlt, erwachsener, vernünftiger. Wann immer er gefragt worden war, was er nach seinem Tod zu erwarten glaubte, hatte er mit dem Brustton der Überzeugung geantwortet, dass nach dem Leben nichts mehr käme. Leben war für ihn immer körperlich gewesen, ein Bereich, den er wahrnehmen und verändern konnte. Die Vorstellung anderer Menschen, ein Teil ihres Seins könne die irdische Existenz überdauern, hatte er als Produkt der Angst vor dem ewigen Nichts abgetan. Wenn er jetzt daran dachte, kam er sich klein und arrogant vor. Er verstand jetzt, dass er unter den Deckmantel der Vernunft gekrochen war, um Glaubensvorstellungen als Kindermärchen wegargumentieren zu können, so wie er immer schon alles Mysteriöse, Wunderbare und Unerklärliche aus seinem Leben verbannt hatte, das sich seiner Kontrolle entzog. Dabei, und auch das erkannte er erst jetzt, war selbst die Vernunft nichts anderes als ein Glaube. Schließlich musste man auch an sie glauben und sie leben, damit sie wahr wurde und geglaubt hatte Edgar an sie. Er hatte geglaubt, durch sie sicher zu sein, weniger dem Schicksal ausgeliefert, mehr in der Lage, die Dinge zu verändern. Er hatte nicht wissen können, was er jetzt wusste, als seine Seele mit der Ewigkeit eins war, nämlich, dass es nichts zu verändern gab, weil alles perfekt war, so wie es war.

Als Edgar spürte, dass seine erste Euphorie abflaute, versuchte er sie künstlich aufrechtzuerhalten, so lange, bis er sich eingestehen musste, dass er sich selbst belog. Doch weder konnte noch wollte er akzeptieren, dass seine Situation, dieses Einssein mit der Unendlichkeit, der endgültige Zustand sein sollte. Spätestens als seine Irritation in Unmut umschwenke, war er sich sicher, dass dies nicht das Leben nach dem Tod sein konnte, nicht, wenn Gott ein gutartiges Wesen war. Wie sollte er so die Ewigkeit verbringen, wenn er sich schon nach kurzer Zeit so sehr an das endlose Glück gewöhnt hatte, dass es ihm fade erschien?
Ehe Edgar es sich versah, schlichen sich Zweifel ein. War er möglicherweise gar nicht im Himmel? Er erinnerte sich einer Theorie, die besagte, dass Nahtoderfahrungen Sinnestäuschungen waren. Ihr zufolge waren Übergangs- und Himmelsvisionen nichts weiter als Hirngespinste, ausgelöst durch Endorphine, die ein sterbender menschlicher Körper ausschüttete, um den Übergang vom Leben zum Tod erträglich zu gestalten. Ähnlich wie ein Traum dem Verstand in wenigen Sekunden tagelange Zeitperioden vorgaukeln konnte, dauerten solche Übergangsvisionen nur kurz an und flauten ab, bis das Lebenslicht erlosch. Wenn das stimmte, fiel Edgar hier auf einen Schwindel seines eigenen Gehirns herein. Dann lag sein Körper erst seit einem kurzen Augenblick zerschmettert im Straßengraben oder befand sich gar noch in der Situation des Aufpralls und sein Kopf flog gerade von der Nackenlehne auf die Windschutzscheibe zu. Alles, was er seither erlebt hatte, war Einbildung gewesen und ein Leben nach dem Tod gab es nicht.

Umso mehr Edgar über diese Theorie nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien sie ihm. Er hatte auf seinen toten Körper herabgeblickt und dann war ihm ein Engel erschienen, der ihm den Weg durch einen Tunnel ins Licht des Jenseits gewiesen hatte. All das kannte er aus den Erzählungen derer, die zurückgekehrt waren. Gut, viele von ihnen hatten auch erzählt, sie seien im Jenseits von verstorbenen Verwandten oder von einem Lichtwesen empfangen worden. Das war Edgar zwar nicht widerfahren, doch konnte er sich durchaus vorstellen, dass dieses Gefühl der Vertrautheit, das er in seinem Schwebezustand hier empfand, als Verwandtschaft interpretiert werden konnte. Waren all das Elemente einer Übergangsvision? Wenn ja, dann tat Edgar hier nichts anderes als darauf zu warten, dass sein Lebenslicht erlosch.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

Autor

Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

Kapitel 2: „Warten … worauf?“

Kapitel 2: „Warten … worauf?“

Wenn ein Mensch stirbt, löst sich seine Seele vom Körper. Nur … wie kommt sie ins Jenseits?

Die nun folgende Zeit erlebte Edgar wie in einem Alptraum. Er saß auf demselben Besuchersessel wie vorhin, in sich zusammengesunken, und registrierte nur am Rande die Menschen, die vor ihm den Gang hinauf oder hinunter eilten. Obgleich er keinen Körper mehr hatte, nahm er sich dennoch körperlich wahr und deshalb fühlte er die Trauer auch in seiner Kehle, in seinem Bauch und in seinem Herzen.
Irgendwann ging die Tür gegenüber auf und eine Pflegerin schob ein Rollbett heraus, auf der eine mit einem weißen Tuch bedeckte menschliche Gestalt lag; sein Leichnam. Edgar folgte seinen sterblichen Überresten, als wäre dies ein kleiner, ganz privater Trauerzug, welcher in der Kühlkammer endete. Er blieb vor der Tür stehen und blickte leer vor sich hin. Neunundzwanzig Jahre lang war er mit diesem Körper aufgewachsen und hatte in ihm gelebt. Neunundzwanzig Jahre lang hatte er mit ihm eine Einheit gebildet und nie zwischen Körper und Seele unterschieden. In seiner Jugend war er stolz auf seine Muskeln gewesen. Betrieb er Sport, fühlte sich sein Körper gut an, war er krank, miserabel. Manchmal bereitete sein Körper ihm große Schmerzen, aber die meiste Zeit über nahm er ihn überhaupt nicht wahr. Jetzt war es so, als wäre er aus einem Kokon geschlüpft, den er nie als Kokon wahrgenommen hatte. Edgar fühle sich kein bisschen anders als am Tag davor, als er noch gelebt hatte. Sein Körper war nun weg, das musste er hinnehmen, aber es war nicht so, als hätte er einen Teil von sich verloren – es war so, als hätte er gar nichts verloren. Bis auf sein Leben, aber das zu akzeptieren war eher ein Problem des Verstandes als eines des Gefühls.
Er sah auf seine Hände hinab und drehte diese hin und her. Weder fühlte sich das anders an, noch sah es anders aus als mit Körper. Doch Edgar war klar, dass das nichts zu bedeuten hatte. Er war noch nicht lange tot und konnte deshalb den Zustand des Totseins noch gar nicht richtig begreifen, geschweige beschreiben. Viel mächtiger als dieses neue Selbstverständnis war die Verwirrung, das Zurechtkommenmüssen mit der neuen Situation. Von einem Tag auf den anderen war er aus der Bahn geworfen worden, nichts, was gestern noch wichtig gewesen war, war es jetzt noch, absolut gar nichts. Allem voran hatte er Angst. Was würde nun mit ihm geschehen? War seine Seele noch an seinen Körper gebunden, so dass er nicht von hier weg konnte? Was war er jetzt? Eine Seele? War er überhaupt noch ein Mensch?

Edgar ging zu dem Besuchersessel zurück und setzte sich. Im Moment konnte er nichts anderes tun als zu warten, selbst wenn er nicht wusste, worauf. Irgendwann fiel sein Blick zu der Ausgangstür und da stellte er fest, dass es draußen mittlerweile dunkel geworden war. Einer langjährigen Gewohnheit folgend suchten seine Augen eine Uhr, bis ihm auffiel, wie lächerlich das war. Hatte er heute noch etwas vor? Er war tot, von jetzt an bis in alle Ewigkeit; was scherte ihn da die Zeit?
Mit der Nacht kehrte auch etwas Ruhe in dem Gang ein, in dem er saß, dennoch waren einige Menschen nach wie vor hier: Die Alte mit dem Arm in der Schlinge etwa, die noch immer jeden Vorbeikommenden um Hilfe anflehte, und der Jugendliche, der nach wie vor seine Beine präpotent in den Gang streckte. Doch nun, da Edgar sich diese Menschen näher ansah, stellte er fest, dass mit ihnen etwas nicht stimmte. Sie verhielten sich wie eine Videoaufnahme, die ständig wiederholt wurde, aber weder Anfang noch Ende hatte. Zunächst konnte er sich keinen Reim darauf machen, doch als ein Pfleger ein Krankenbett in den Gang schob und damit zunächst durch die alte Frau mit dem verletzten Arm und dann durch die Beine des Jugendlichen hindurchfuhr, wurde Edgar klar, dass er nicht das einzige körperlose Wesen hier war. Spontan wollte er eine dieser Seelen ansprechen, doch er verwarf die Absicht gleich wieder. Er hatte Angst vor ihren Antworten, Angst vor dem, was sie ihm erzählen könnten. Es schien Edgar, als wäre er – obwohl er ganz genau wusste, wie es um ihn stand – noch nicht gänzlich dazu bereit, sich einzugestehen, dass er nun zu ihnen gehörte.

„Es ist in Ordnung!“ Auf dem Besuchersessel rechts neben ihm saß jemand; jemand mit einer tiefen und sonoren Stimme, die enorm beruhigend auf Edgar wirkte.
„Was ist in Ordnung? Ich bin tot!“
„Das ist schon in Ordnung so. Du bist tot und du weißt es. Damit hast du den ersten Schritt getan.“
Edgar sah ihn an und erkannte, wie anders er war. Zwar verfügte er über eine menschliche Gestalt, doch war er ungewöhnlich groß und seine Konturen verflossen silbern schimmernd ineinander. Vielleicht war er aber auch nur von einer silbernen Aura umgeben, die körperliche Merkmale wie Gesichtszüge, Haare und Extremitäten kaschierte. Dennoch erkannte Edgar so genau, mit welchem Gefühl der Fremde ihm begegnete, als würde er dessen Mienenspiel sehen.
„Mach dir keine Sorgen, du bist auf einem guten Weg.“
Edgar lachte kläglich. „Auf einem guten Weg? Ich habe meine Frau zur Witwe und meine Kinder zu Halbwaisen gemacht. Ich bin völlig sinnlos gestorben und du sagst, ich bin auf einem guten Weg?“
„Sinnlos? Für menschliche Begriffe vielleicht, aber es liegt nicht an uns zu bewerten, was geschieht.“
„Wieso nicht?“
„Weil uns die Sinne fehlen, mit denen wir die Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit erkennen könnten.“
„Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit“, zischte Edgar verächtlich, „glaubst du, dass die meine Frau momentan interessieren?“
„Ich bin nicht hier, um zu rechtfertigen, warum die Dinge so geschehen wie sie geschehen.“ Nicht Vorwurf oder Zurückweisung trugen die Stimme des Silbernen, sondern Verständnis und Erklärung. „Ich bin hier, um dich zu leiten. Sieh dich einmal um.“
Edgar glaubte zu sehen, dass der Fremde eine ausladende Geste vollführte, obwohl er offenbar keine Arme hatte – und mit einem Mal sah er alles mit anderen Augen. Die Frau mit dem eingebundenen Arm und der Jugendliche auf dem Boden sahen nun anders aus als die Menschen, die hier durchgingen. Sie wirkten nun wie Geistwesen auf ihn, ihre menschlichen Silhouetten schimmerten grünlich oder bläulich und schienen an den Rändern immer wieder zu zerfließen. Als er auf seine Hände hinabblickte, nahm er auch sie in dieser Weise nebulös, fast durchsichtig wahr.
„Was … was ist passiert?“
„Ihr seid keine Lebewesen im biologischen Sinne mehr.“
„Sind wir noch Menschen?“
„Ihr seid die Essenzen dessen, was ihr Menschen nennt.“
„Warum sehen wir trotzdem so aus wie Menschen?“
„Weil du keinen Grund hast, euch anders zu sehen, als du euch immer schon gesehen hast.“
„Aber wir haben ja keinen Körper, wie …“
„Hast du dich und deine Mitmenschen denn immer nur als Körper gesehen?“ Edgar starrte den Silbernen verdutzt an. „Als du verliebt warst“, begann dieser, „hast du das betreffende Mädchen da nicht anders gesehen als davor? Und als es vorbei war, hast du es da nicht auch wieder anders gesehen, als während der Zeit der Verliebtheit?“
„Schon möglich …“
„So ist es dir mit jedem Menschen ergangen, immer. Das Sehen mit deinen Augen war nur ein kleiner Teil deiner Wahrnehmung. Jetzt, wo du keine Augen mehr hast, nimmst du das Wesen der Dinge wahr, nicht ihre Erscheinungen.“
„Das bedeutet, wir alle hier sind tot?“
„Nicht alle. Dieser junge Mann dort“, er wies auf den Jugendlichen am Boden, „liegt noch im Koma. Er ist hirntot und medizinisch nicht mehr zu retten, aber das wollen seine Verwandten nicht wahrhaben.“
„Meine Güte, das ist ja …“
„Schrecklich, ich weiß.“
„Was ist mit ihm passiert?“
„Er hatte einen Motorradunfall. Vor fünf Jahren.“
„Vor fünf Jahren? Und er war die ganze Zeit über in diesem Gang?“
„In diesem Krankenhaus, ja. Seine beiden Beine sind abgetrennt, Maschinen halten ihn am Leben, und solange sein Körper funktioniert, kann er hier nicht weg.“
„Wieso?“
„Weil die Seele an den Körper gebunden ist.“
„Aber er hat doch noch beide Beine.“
„Es ist sein Körper, dem die Beine fehlen, seine Seele ist vollständig.“
„Und die Frau da?“ Edgar zeigte auf die hilfesuchende Alte.
Der Silberne zögerte mit einer Antwort und Edgar spürte die Bitterkeit seiner Worte, als er fortfuhr: „Sie weiß noch nicht, dass sie tot ist.“
„Was soll das heißen?“
„Weißt du, viele Menschen sterben, ohne zu erkennen, was mit ihnen geschehen ist. Sie glauben, noch am Leben zu sein, verhalten sich wie Lebende und verstehen nicht, warum die wirklich Lebenden sie ignorieren.“
„Aber wie kann das sein? Ich meine, wenn niemand mehr auf mich reagiert und die anderen durch mich hindurchgehen können, da muss mir doch klar werden, dass da was nicht stimmt.“
„Es gibt viele, die ihren Tod nicht wahr haben wollen und ihn deshalb verleugnen. Diesen Menschen können wir nicht helfen.“
Der Gedanke, dass es menschliche Seelen gab, denen nicht geholfen werden konnte, verschaffte Edgar Unbehagen. „Was meinst du damit?“
„Wir können nur Seelen beim Übertritt begleiten, die verstanden haben, dass sie tot sind und das auch akzeptieren. So wie du, deshalb sagte ich auch, dass deine Situation in Ordnung ist.“
Edgars Blick haftete noch immer auf der Hilfesuchenden. „Wie lange ist sie schon hier?“
Der Silberne zögerte, dann sagte er: „Einundzwanzig Jahre.“
„Einundzwanzig Jahre?“, entfuhr es Edgar laut, „und sie weiß noch immer nicht, dass sie tot ist? Wie kann denn das sein?“
„Sie fiel damals über eine Treppe, brach sich einen Arm und das Genick. Sie war auf der Stelle tot, ihre Seele glaubte aber, sie hätte sich nur die Hand verstaucht. Der Rettungswagen brachte ihre sterbliche Hülle hierher und da ihre Seele glaubte, noch an ihren Körper gebunden zu sein, kam sie mit. Sie glaubte, sie sei hier, um ihren Arm untersuchen zu lassen, und versucht seither, das Personal auf sich aufmerksam zu machen.“
„Kommt ihr nach einundzwanzig Jahren nicht in den Sinn, dass, dass …“
„So wie auch du am Anfang, will sie nicht wahrhaben, dass sie gestorben war. Im Gegensatz zu dir konnte sie nie akzeptieren von ihrem Haus, ihrer Familie, ihren Freunden und allem anderen Vertrauten für immer getrennt zu sein. Aus Angst vor dieser Wahrheit klammert sie sich so an die Vorstellung, noch am Leben zu sein, dass sie das Offensichtliche ausblendet.“
Edgar sah die Alte erschüttert an. „Wie lange kann es dauern, bis sie die Wahrheit begreift?“
„Es gibt Seelen, die sich jahrhundertelang selbst anlügen“, erklärte der Silberne.
„Was ist mit ihm?“ Edgar deutete einmal mehr auf den Jungen am Boden. „Weiß er Bescheid?“
„Er weiß Bescheid, aber es sind Menschen, die ihn hier halten, da können wir nichts tun. Eine tragische Sache.“
„Meine Güte, es muss die Hölle sein, Tag für Tag und Jahr für Jahr hier herumzuhocken in dem Wissen, dass es vielleicht noch Jahrzehnte so weiter gehen kann.“
„Es ist nicht so schlimm, wie du denkst. Am Anfang, ja, da glauben alle, die Ewigkeit würde sie verrückt machen. Aber spätestens wenn sie erkennen, dass es nichts mehr gibt, das sie erledigen müssten, wird die Ewigkeit zu einem Zustand, den sie als das hinnehmen, was er nun einmal ist. Besonders dieser junge Mann hat sich ganz gut in seiner Situation eingerichtet.“
Wie auf ein Stichwort hin schlurfte die Seele eines weiteren jungen Mannes vorbei, der Edgar und dem Silbernen zunickte und sich dann zu dem am Boden Sitzenden stellte. Die beiden begrüßten einander mit einer komplizierten Abfolge von Handschlägen und begannen ein Gespräch, wobei sich der Neuankömmling lässig an die Wand lehnte. Als ein Arzt vorbeikam, tat der Stehende so, als wollte er ihm ein Bein stellen, aber natürlich fuhr das Bein des Arztes ohne Widerstand durch das der Seele hindurch. Trotzdem lachten die beiden jugendlichen Seelen über den Versuch.

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
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Kapitel 1: Edgars Tod

Kapitel 1: Edgars Tod

Edgar muss erkennen, dass sein Tod nicht verhandelbar ist.

Was nach dem Tod passiert? Manche Menschen glauben, sie würden durch einen Tunnel gehen, an dessen Ende ihre verstorbenen Verwandten warten. Andere glauben, sie würden ihr vergangenes Leben vor sich ablaufen sehen und danach von Gott gesagt bekommen, welche ihrer Taten gut waren und welche nicht. Wieder andere glauben, sie würden wiedergeboren werden, wieder andere, nach dem Leben käme nichts mehr und wieder andere glauben nicht, dass es so etwas wie einen Gott überhaupt gibt.

Für Edgar Schmied begann das Leben nach dem Tod mit einem gewaltigen Rumms. Danach fand er sich in einem Krankenhaus wieder, sah an sich hinab und wunderte sich darüber, dass ihm nichts passiert war, wie gut er sich fühlte und wie er hierhergekommen war. Er saß auf einem Besuchersessel am Gang, neben ihm seine Frau Heike mit seinen beiden kleinen Kindern, die ihn aber alle ignorierten. Edgar führte das darauf zurück, dass Heike wütend auf ihn war, weil er seine am Vorabend gegebenen Versprechen nicht eingehalten hatte: nicht zu lange auszubleiben und nicht zu viel zu trinken. Nun weinte sie, wohl weil sie sich Sorgen um ihn gemacht hatte, wie Edgar glaubte, und er beschloss, sich erst dann bei ihr zu entschuldigen, wenn sie bereit dazu war.

Dann fragte er sich, worauf sie hier warteten und dann, was seit dem Verkehrsunfall passiert war und deshalb begann er, den vorangegangenen Abend noch einmal revuepassieren zu lassen. Tommi hatte ihn von zuhause abgeholt und sie waren gemeinsam zu der Karnevalsparty seiner Firma gefahren. Alle waren verkleidet und Edgar fiel auf, dass sich ausgerechnet jene Kollegen die phantasievollsten Verkleidungen angelegt hatten, denen er am wenigsten Phantasie zugetraut hatte. Die Party begann in kleinen Runden, wer sich kannte, stellte sich zusammen und die Stimmung war von Anfang an gut. Je mehr Gläser Sekt Edgar trank, je mehr schwamm sein Versprechen dahin, sich nicht zu betrinken und je mehr lachte er. Als die Musik lauter gedreht wurde, verließ er seine kleine Runde, um tanzend Kolleginnen kennenzulernen, die er entweder gar nicht oder nur vom Sehen her kannte und die ihre weiblichen Kurven in ein sexy Kostüm verpackt hatten.

Im Rückblick bekam Edgar ein schlechtes Gewissen deswegen, doch versuchte er dieses zu beruhigen, indem er sich sagte, er hätte nichts getan, was seine Ehe gefährden hätte können.

Um Mitternacht stellte sich die Frage nach dem Nicht-zu-lange-Ausbleiben nicht mehr und irgendwann, viel später, lichteten sich die Reihen zusehends, bis auch der harte Kern genug hatte.

„Komm, ich fahr dich nachhause“, lallte Tommi.

„Du bist besoffen“, entgegnete Edgar.

„Selber“, lallte Tommi und das schien als Argument auszureichen, um das Auto zu nehmen.

Auch während der Fahrt hielt die gute Stimmung an. Tommi drehte sein Surround-System auf und beide sangen mit, so laut sie konnten. Als Tommi immer mehr beschleunigte und dann auch noch begann, im Rhythmus Schlangenlinien zu fahren, ermahnte Edgar ihn zur Vorsicht, was Ersterer nicht unwidersprochen hinnahm: „Was hast du? Das ist Fahrbahnökonomie! Ich nutze die Straße voll aus.“

Der Nebel wurde dichter, die Straße war teilweise vereist und Edgar bekam es selbst durch das Hochgefühl seines Rausches hindurch mit der Angst zu tun, sagte aber nichts mehr, er wollte nicht als Feigling dastehen. Dann geriet der Wagen ins Rutschen. Tommi johlte und lenkte dagegen, und als die Räder wieder Griff bekamen, beschleunigte der Wagen über den Fahrbahnrand hinaus.

Das waren Edgars letzte Erinnerungen: die raketenartige Beschleunigung, der im Scheinwerferlicht auftauchende Baum und dann dieser unglaubliche Rumms.

Wahrscheinlich, so dachte Edgar, hatte der Schock seine Erinnerung an die Zeit danach getilgt, wahrscheinlich hatte man ihn bereits untersucht und für in Ordnung befunden, wahrscheinlich warteten er, Heike und die Kinder nur noch auf den Befund. Ob Tommi auch so gut ausgestiegen war wie er?

Als er sich umsah, wuchs Edgars Erleichterung über seine vermeintliche Unversehrtheit immer mehr an, denn in diesem Krankenhaus wollte er nicht um alles in der Welt behandelt werden. Da stand eine ältere Frau mit einem Arm in der Schlinge mitten im Gang und versuchte vergeblich, vorbeigehendes Krankenhauspersonal auf sich aufmerksam zu machen. Ebenso ignoriert wurde ein Jugendlicher, der an der Wand am Boden saß und seine Beine in den Gang streckte; es grenzte an ein Wunder, dass noch niemand darüber gestolpert war.

Edgar seufzte, als sein Blick wieder auf seiner Frau fiel. Er verabscheute dieses Schweigen, wenngleich er wusste, dass er es momentan nicht ändern konnte. Wenn Heike wütend war, dann half nichts, dann musste er warten, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sein dreijähriger Sohn Matthias langweilte sich, er vollführte immer wieder dieselbe Bewegung: Er ging einen Schritt von seiner Mutter weg und ließ sich nach hinten gegen ihr Schienbein fallen. Anni, Edgars anderthalbjährige Tochter, schlief in Heikes Arm.

Es war nicht der Umstand, dass seine Frau den Kopf hob, als die Tür gegenüber aufging, die Edgar alarmierte, sondern die Art, wie sie es tat. Bange Aufmerksamkeit, Angst und Hoffnung, all das lag in dieser kleinen Bewegung. Der Arzt, der aus der Tür trat, mochte fünfzig Jahre alt sein, er hatte graumelierte Schläfen und war von Kopf bis Fuß weiß gekleidet. Sein Gesicht war unbeweglich, fast verschlossen, aber in seinen Augen lag etwas Endgültiges. Er sah Heike an, öffnete die Lippen, doch noch bevor er etwas sagen konnte, senkte sie das Gesicht in ihre freie Hand und begann hilflos zu weinen. Ihr Oberkörper zuckte in einem Schluchzen, das in so krampfhaften Stößen kam, dass sie beinahe daran zu ersticken schien. Zwischen den Krämpfen schnappte sie japsend nach Luft. Dadurch erwachte Anni und als sie ihre Mutter weinen sah, spiegelte sich Angst in ihren Augen und sie weinte ebenfalls los. Matthias lehnte an Heikes Schienbein und sah die beiden verständnislos und beunruhigt an.

Edgar war wie vor den Kopf gestoßen. Noch nie zuvor hatte er seine Frau so verzweifelt erlebt.

„Schatz“, sagte er bestürzt, doch sie schien ihn nicht wahrzunehmen. Instinktiv wollte er sie umarmen und trösten, doch Heike wirkte so tief in sich gekehrt, dass Edgar das Gefühl hatte, ausgesperrt zu sein, draußen bleiben zu müssen.

„Es tut mir sehr leid, Frau Schmied“, sagte der Arzt mit einer tiefen, mitfühlenden Stimme. Er hatte sich neben sie gesetzt und ihr tröstend die Hand auf die Schulter gelegt. In seinen Augen schimmerte Mitleid.

„Mama“, begann nun Matthias, „Mama, Mama!“ Er rüttelte an ihrem Schienbein und Heikes Hand folgte der Kontur seines Kopfes, fast ohne ihn zu berühren. Da begann auch er zu weinen, offensichtlich ohne zu verstehen warum.

„Ich will ihn noch einmal sehen“, wisperte Heike. Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche, mit dem sie ihre Tränen trocknete und sich die Nase putzte.

Tief in sich wusste Edgar, was geschehen war, doch er wollte es nicht wahr haben. Er grübelte, von wem hier die Rede sein konnte, als würde ein glaubhafter Name die Wirklichkeit verändern. Tommi wäre ein solcher Name gewesen, doch Heike kannte ihn kaum, es war nicht anzunehmen, dass sie seinetwegen hier war und weinte.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Arzt, Heike, Anni und Matthias zu folgen. In einem Operationssaal lag ein Mann auf dem OP-Tisch, der bis zum Hals mit einem weißen Tuch zugedeckt war; ein Mann, den Edgar kannte, auch wenn er ihn noch gar nicht richtig gesehen hatte.

„Geh da nicht hin“, keuchte er.

Seine Frau, die er aufhalten wollte, hatte beim Betreten des Operationssaals kurz gestockt, trat nun aber an den Tisch. Ihre Knie knickten ein, der Arzt packte geistesgegenwärtig ihre Schultern und hielt sie fest. Sie wankte für einen Augenblick, dann setzte sie zitternd Anni ab. Die Kleine wehrte sich dagegen und begann gellend zu schreien, doch zum ersten Mal in ihrem Leben war niemand da, der ihr Trost spenden konnte. Nicht einmal eine Mutter kann etwas geben, das sie selbst nicht besitzt. So klammerte sich Anni wie ihr Bruder an eines von Heikes Beinen und heulte, dass es im Operationssaal widerhallte. Heike tastete fahrig nach dem Rand des OP-Tisches, ergriff ihn, stützte sich darauf, um nicht zu fallen, atmete schwer, zitterte. Sie legte unbeholfen die Hände an das Gesicht des Toten, als wollte sie dieses streicheln. Dann schien sie ihn umarmen zu wollen und gleichzeitig zu verstehen, dass das nicht ging, nie wieder gehen würde. Da begann sie erneut zu schluchzen und am ganzen Körper zu beben.

Das war der Punkt, an dem es Edgar nicht mehr aushielt und an den Operationstisch trat. Als er seinen Leichnam sah, erfasste ihn eine Hilflosigkeit, wie er sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Dieser Anblick war so unumkehrbar, so endgültig.

„Das … das darf nicht wahr sein“, flüsterte er, „warum? Wegen einer Karnevalsparty? So etwas Sinnloses darf es doch gar nicht geben! Wer kümmert sich jetzt um Heike und die Kinder? Die brauchen mich doch.“

Das Gesicht seines toten Körpers war blass, an der Stirn und an einem Auge geschwollen. Die linke Gesichtshälfte war von einer grob verkrusteten Schnittwunde durchzogen und der Unterkiefer schien an einer Seite lose zu sein.

„Wer immer mich geschaffen hat“, flehte Edgar, „bitte lass das nicht zu. Mach eine Ausnahme, bitte, nur ein einziges Mal!“ Doch er wusste, es würde keine Ausnahme geben. Jede Reue und jedes Versprechen, es beim nächsten Mal besser machen zu wollen, waren vergebens. Es gab nichts, absolut nichts, was Edgar tun oder lassen konnte, um ungeschehen zu machen, was nun einmal geschehen war.

Er sah Heike an und bekam ein Gefühl, als würde sein Herz zerdrückt. „Ich habe dich immer geliebt“, flüsterte er, „deine Stärke und deine Natürlichkeit. Dass ich dich jetzt verlassen muss …“ Auch wenn er keinen Körper mehr hatte, versagte seine Stimme dennoch und er weinte bittere Tränen. „Matthias, mein tapferer Ritter“, fuhr er schließlich fort, „und Anni, mein kleiner Engel. Jede Sekunde mit euch war ein Geschenk. Jeder eurer Blicke, jedes Lächeln. Es … es zerreißt mir das Herz …“

Als er auch seine Familie weinen sah, wurde Edgar klar, dass diese Verzweiflung das Letzte sein würde, das sie je miteinander teilen würden. Zaghaft streckte er die Hand aus, wollte seine Frau, wollte seine Kinder ein allerletztes Mal berühren, doch es ging nicht.

Er wusste nicht, wie viel Zeit auf diese Weise verging, doch irgendwann ebbte Heikes Schluchzen ab. Sie richtete sich auf, nahm Anni auf den Arm, tröstete sie mit einem leisen „Schscht“, hockte sich zu Matthias und umarmte und streichelte ihn. „Ihr müsst jetzt stark sein, Kinder.“ Ihre Stimme klang zittrig, kehlig und nasal vom Weinen. „Ihr müsst euch von Papa verabschieden. Papa ist jetzt im Himmel.“

Sie hob Anni hoch, deren tränennasse Augen Edgars Leichnam apathisch ansahen. Sie winkte ihm mit ihrem Händchen zu und sagte traurig: „Baba.“

Dann hob Heike Matthias hoch, in dessen Blick Edgar las, wie genau er verstand, worum es hier ging. Er schniefte: „Mach’s gut, Papa“, dann verzerrte sich sein Gesicht zu einem neuen Weinkrampf.

Dann war Heike an der Reihe, sich zu verabschieden. „Mach’s gut, Edgar“, wispert auch sie, mit tränenerstickter Stimme und hauchte ihm einen letzten Kuss auf die Wange. „Danke für unsere gemeinsame Zeit. Ich liebe dich.“

Als sich seine Frau von seinem toten Körper abwandte und unsicheren Schrittes davon ging, Anni auf dem rechten Arm und Matthias an der linken Hand, da wusste Edgar, dass es vorbei war. Er sah seiner Familie nach, wie sie auf den Flur hinaus trat, langsam den Gang entlang zum Ausgang wankte und sich nicht mehr zu ihm umdrehte. Wozu auch? Sie wussten nicht, dass etwas Unsterbliches von ihm noch hier war, für sie war er für immer gegangen.

Aber Edgar konnte nicht fort. Irgendwie war er hier gebunden und dazu verdammt zuzusehen, wie seine Frau und seine Kinder ihn verließen. Er begann erneut zu weinen und zu flehen, sie sollten noch bei ihm bleiben, nur noch ein bisschen; nur noch einen Augenblick – doch die gläserne Schiebetür des Ausgangs öffnete sich vor und schloss sich hinter ihnen mit einer Endgültigkeit, die nur dem Tod zustand. Edgar wusste, er würde sie nie wieder sehen.

„Macht es gut“, schluchzte er ihnen hinterher. „Sei tapfer, kleiner Ritter, sei immer du selbst, kleiner Engel, sei stark, Heike. Und bitte, bitte vergesst mich nicht!“

Roland Zingerle

Roland Zingerle

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Hallo, ich bin Roland Zingerle
Auf dieser Blogseite dringst du Woche für Woche tiefer in eine Sphäre vor, die wir als „Jenseits“ kennen. Pünktlich jeden Freitag erscheint an dieser Stelle ein weiteres Kapitel. Abonniere den Blog und du bist live dabei, wenn Edgar erkennt, was es mit dem Himmel wirklich auf sich hat.

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